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David V Tulman Mit der Kraft zu lieben
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Die Oberschwester in ihrem großen, schwarzen Kleid der Nonnen eilte durch den Saal. Sie sprach mit jemandem, der nicht im Raum war. Ihre Stimme war fest und eindringlich: “Herr Professor, es geht um das Leben eines Kindes. Im Namen Jesu Christi und des einzigen jüdischen Gottes, sie müssen sofort kommen!” Mein Kopf wurde schwer. Vater betete. Die Oberschwester hob mich auf ihren Schoß, strich über meine Stirn und meine Haare. Ich schrak zusammen, denn mein Kopf fiel auf ihre Brust, wo das kalte Kreuz des Jesus hing.
Was wird jetzt geschehen? Etwas Fürchterliches. Wenn Vater mich so sieht, er wird ...
Da geschah es. Vater wandte sich um und sagte ruhig: “Sie ist von Gott gesandt, David, küsse ihr die Hände”.
Ob mein Kopf dann in ihre Hände fiel, ich weiß es nicht.
Erwachend fand ich mich in einem großen hellen Saal mit vielen aufgereihten weißen Betten. In jedem lag ein Mensch, so wie ich. Waren dies alles Bestrafte? Oder Gerettete? Vater, die Oberschwester und ein Unbekannter schauten mich freundlich an. Waren meine Sünden vergeben?
“Also, du heißt David, so wie der große König, der Sänger, der Harfenspieler und Dichter. Du kannst dem Herrn Professor danken, dass du mit deinen beiden Händen zu Gott beten darfst”, sagte die Oberschwester. Nur meine Augen konnten Dank sagen. Mir war als sei ich vom Jüngsten Gericht zurückgekommen.
Erst jetzt rief man Mutter herein. Mutter schwebte durch den Saal. Ihr glückliches Lächeln hat mich dann wieder gesund gemacht. Ein schwerer Bußweg an Vaters Hand lag hinter mir, aber nun wusste ich: Vater liebte mich wirklich!
Wenige Zeit später verließen wir Hejó-Czaba, um nach Bakony-Tamasi zu gehen.
Bakony-Tamasi
Wieder einmal auf Reisen, “geschaukelte Tage” auf einem Wagen und Zeit zu reiferen Überlegungen: Warum hatte gerade ich den fliehenden Feind spielen müssen und alle Kinder rannten hinter mir her? Hatten sie vielleicht geschrien: “Büdos Zsidó” – “verstunkener Jude”? Nein, ich entsann mich nicht. Aber die hübsche Krankenschwester – musste man mit den stillen Wünschen genauso aufpassen wie mit den lauten? Wenn Gott sie erfüllt? Aber eines war mir nun gewiss: Vater liebte mich!
Wir näherten uns dem großen Wald von Bakony, wo es Wölfe, Wildschweine, Hirsche und Füchse gab, man sagte auch Bären. Und bald kamen das Rauschen der Bäume und die Rufe der Vögel. Mir war, als sprächen hier nur die Tiere und nicht mehr die Menschen.
Bakony-Tamasi liegt in einem der Täler dieses riesigen Waldes. Vaters Gemeinde bestand aus etwa fünfundzwanzig jüdischen Familien in Bakony-Tamasi und den im Umkreis liegenden Dörfchen, wo jeweils noch zwei oder drei jüdische Familien lebten. Zweimal wöchentlich besuchte Vater diese Dörfchen seiner Gemeinde und ich durfte ihn begleiten. Ein solcher Rundweg war fast dreißig Kilometer lang. Wir zählten die Kilometersteine und Vater setzte sich von Zeit zu Zeit auf einen nieder und hörte meine auswendige Rezitation des Wochenabschnittes der Thora an. Beim Wandern sangen wir zusammen Psalmen und jiddische Volksweisen. Ich trug auf meiner Schulter einen festen Stock, an dem ein Tuch angeknüpft war, worin wir Kartoffeln, Gemüse, Mehl und auch mal Eier, Geschenke für Vater, nach Hause brachten.
Unser Heim war am Ende einer sehr langen Häuserflucht von lauter aneinander gebauten kleinen Wohnungen. Alle waren von einem einzigen langen Strohdach bedeckt. Gegenüber gab es die Ställe für Ochsen, Kühe, Gänse und Hühner. Auch Pferde gab es, man hörte sie in der Nacht in ihren Träumen grunzen und seufzen. Ein Dorf für Tiere dachte ich. Trotzdem gab es eine Schule für Kinder hier, mit sogar zwei Lehrern: dem katholischen und dem protestantischen Geistlichen. Wir kamen gerade vor der Prüfungszeit an, so musste ich in acht Tagen alles nacharbeiten. In der Prüfungskommission saßen einige Großbauern, und mit strengen Gesichtern wurde der Neuankömmling von ihnen geprüft.
Erste Frage: Wie heißt die Hauptstadt von Ungarn?
Ich antwortete und fügte noch hinzu: “Ich weiß auch die Hauptstadt von Russland.” Erstaunen, aber man musste doch den Geistlichen fragen, ob es stimmte.
Zweite Frage: Wieviel ist zehn mal vier?
Ich antwortete: “Zehn mal vierzig ist vierhundert”. Bewunderung. Ich wurde beglückwünscht und angenommen. Bekam vom katholischen Geistlichen ein Heiligenbild geschenkt, vom protestantischen etwas Obst zur Belohnung und ... vom Vater bekam ich zu Hause zwei tüchtige Ohrfeigen, als ich ihm den Hergang der Prüfung erzählte.
“Hast du vergessen, es steht geschrieben: ‘Man gebe Antwort auf das, was gefragt ist!’ Du hast hochmütig und eingebildet gehandelt.” War ich doch gerade erst sieben Jahre alt, musste aber Vater recht geben. Hochmütig und eingebildet ... ja, ja ...
Es kamen jetzt sehr heiße Sommertage und immer heißere. Es regnete seit langem nicht mehr und sogar im Wald schien die Luft zu tanzen. Aber Vater gab seine Besuche nicht auf. Wir waren froh, dass unser Weg durch den Schatten des Waldes führte. Dort beobachteten wir die Tiere und die Tiere beobachteten uns. Es war sehr friedlich, als wenn die Tiere die Menschen verstehen könnten. Wir wurden sehr still und lauschten. Es war, als ob man alles umher berühren könnte, berühren ohne Hände, eine wirkliche Verbundenheit. Dieses Gefühl kam mir oft in diesem großen Wald an Vaters Hand (sonst hätte ich wohl Angst gehabt). Vater fühlte auch diese Verbundenheit.
“Siehst du, David, alles dies wandert, ja, alles wandert. Alle Menschen, alle Tiere, auch die Bäume wandern und die Steine. Das ist unser aller Weg, der Weg der Seelen zu den Messianischen Zeiten. Die Seelen tragen so den Staub der Erde mit sich zum Licht.”
“Papa, ich habe Durst.”
“Warte bis wir zu Hause sind, David.”
Ich zählte noch zwölf Kilometersteine. Und der Stock auf meiner Schulter, mit dem Sack daran, wurde immer schwerer. Vater merkte es. “David, gib ihn mir auch zu tragen.”
Ich liebte es nicht, Vater mit dem Sack zu sehen, das passte nicht zu ihm. Und schnell erbat ich ihn mir zurück. Das war ein Spielchen, das wir öfter auf den langen Wegen spielten und Vater sagte einmal: “Der Allmächtige wird dich belohnen für die Ehre, die du deinem Vater erweist.”
“Papa, schau! Dort auf der Lichtung gibt es einen Brunnen.” Auch Vater dürstete und wir gingen hin. Es war einer dieser alten ungarischen Ziehbrunnen, man erkennt sie von weitem: Auf einem großen Pfosten liegt ein riesiger Balken, von dem eine Seite hoch in die Luft ragt und den Eimer trägt, auf der anderen Seite sind schwere Steine angebunden. Ich bat um die Erlaubnis, selbst das Wasser herauszuholen. Der große Eimer glitt erst einmal so tief hinunter, dass mir bange wurde, etwa zehn oder zwölf Meter schätzten wir, und der große Eimer war gefüllt fast so schwer wie ich selbst. Beinahe hätte ich es nicht geschafft, aber endlich kam er doch an den Brunnenrand. Ein herrlich kristallklares Wasser. Auf dem Boden des Eimers aber saß eine Riesenkröte. Alles drehte sich mir im Magen.
“David, sprich den Segen über das Wasser und trink”, befahl Vater. “Ich werde auch trinken.”
Die großen dunklen Augen der Kröte und die meinen haben sich angeschaut, ich glaube von Seele zu Seele. Ich hatte keinen Ekel mehr und keine Angst. Ihre Augen schauten voller Güte zu mir herauf, aber auch mit viel Traurigkeit, sie schienen mir zu sagen “trink, trink, David”. Und ich trank. Auch Vater trank. Wir gingen dann still zu unserer Straße zurück. Plötzlich sagte Vater: “David, geh zurück und schau, was die Kröte macht!” Sie war nicht aus dem Eimer gesprungen, nein, sie schwamm tot an der Oberfläche, den Bauch zum Himmel gewandt. “David, gieß das Wasser und die Kröte auf die Erde, alles kommt vom Staube der Erde und geht zur Erde zurück, nur die Seele wird frei und schwebt ins Licht.”
Und Vater erzählte von der Seelenbefreiung und Wanderung, von ihrem Aufstieg, langsam, langsam, Stufe für Stufe, zu Gottes immer hellerem Licht. So wandert der Staub, getragen von der Seele. So wandert alles Geschaffene, Stufe um Stufe in immer helleres Licht. Das ist der lange Weg zu den Messianischen Zeiten: den Zeiten der Erleuchtung.
“Es hat so sein sollen, dass wir hier vorbeikamen, dass uns dürstete, dass du, das unschuldige Kind, den Segen sprachst und trankst. Du hast die Seele der Kröte befreit, du hast dich nicht mehr vor ihrer Form geekelt. Lass uns hier unser Abendgebet verrichten. Stell dich zu mir David, wir werden mit unserer Seelenkraft ein Gehege um uns bilden, auf dass wir beim stillen Gebet geschützt sind.” Vater zeichnete mit seinem Stock einen großen Kreis um uns herum.
“David, erbitte dir Seelenkraft! Seelenkraft ist das Licht. Das Licht trägt mit sich den Staub und Gottes Liebe für sein Geschöpf.” Und wir beteten. Ich hatte mein stilles Gebet schon längst beendet, aber Vater noch nicht. Er stand, die Arme hoch empor zu Himmel gehoben. Wie stand Vater doch groß und prächtig da, als habe Gott ihm Schaffenskraft verliehen.
Da kam vom Brunnen her eine Riesenschlange gekrochen, sie züngelte und schlich auf uns zu. Es war die erste Schlange in meinem Leben. Ich kannte sie nur aus der Bibel, als sie zu Eva von bösen Sachen sprach. Und es steht geschrieben: “Der Mensch und die Schlange sind ewige Feinde.” Im stillen Gebet darf man niemand stören. Würde die Schlange in Vaters Schutzkreis kommen? Nein, sie blieb wirklich am Rande. Wir waren alle drei unbeweglich, nur Vater betete. Man hörte von weitem über die Straße einen Wagen kommen. Die Schlange machte plötzlich einen Bogen um uns herum und eilte über die Straße. Die vier Pferde des Wagens scheuten und rasten dann wie wild über die Schlange hinweg. Es war die Rettung! Der Kutscher hatte Mühe, die Pferde zu beruhigen, sie hatten weißen Schaum im Maul und auf den Flanken. Der Wagen drehte um und kam zu uns zurück. Es war der Bürgermeister von Bakony-Tamasi. Er drehte mich nach links, er drehte mich nach rechts und fragte, ob die Schlange uns nicht gebissen habe? Vater, der eben sein Gebet beendete, verstand sofort die Situation und sagte still: “Gottes Geist weilt in diesem Tale.”
Der Kutscher zerschlug mit seinem Peitschenkolben den Kopf der Schlange und sagte: “Solange die Sonne nicht untergeht, leben diese Biester noch. Sie ist eine giftige Schlange. Sie haben viel, viel Glück gehabt! Herr Rabbiner, steigen Sie mit ihrem Sohn zu mir in den Wagen. Sie sagten soeben ‘Gottes Geist weilt in diesem Tale’, ich möchte mit Ihnen darüber sprechen”, sagte der Bürgermeister. Vater weigerte sich erst, stieg dann aber doch vorne zum Kutscher auf den Bock. Wie war ich glücklich, nach so vielen Schrecken nicht mehr laufen zu müssen. Aber der Bürgermeister wechselte seinen Platz mit dem Kutscher, nahm selbst die Zügel in die Hand, um mit Vater zu sprechen.
“Herr Rabbiner, alles verdorrt auf den Feldern, eine Hungersnot wird kommen! Was können wir tun?”
“Die Menschen sind sündig!”
“Alle Menschen, Herr Rabbiner?”
“Alle, ohne Ausnahme.”
“Auch ihr Juden?”
“Auch wir Juden, ja, auch wir Juden!”
“Unsere Geistlichen haben um Regen gebetet, aber ihr? Die Juden kennen die Erde nicht, ihr lebt nicht vom Acker und vom Schweiß der Bauern. Was tut ihr?”
“Wir beten auch um Regen, wir Juden fühlen auch das Leid der Erde.”
“Sie sagten soeben, dass Gottes Geist im Tale sei. Wenn Sie ihn fühlen oder sehen können, warum bitten Sie Ihn nicht um Regen? Ihr Juden liebt uns nicht. Das ist der Grund!” Er schlug erregt auf die Pferde los.
Nach einer Stille sagte mein Vater: “Sonnabend wird es regnen. Aber vergessen Sie nicht, wir lästern damit Gott! Es wird ein Regen ohne Segen sein! Wenn Gott strafen will, müssen wir es verstehen lernen!”
“Ein Regen ohne Segen?”
“Ja, ein Regen ohne Segen! Der Mensch soll sich nicht Gottes Strafe entziehen. Der Mensch soll lernen.” Dann sprachen sie nicht mehr miteinander, man hörte nur das Traben der vier Pferde. Bald waren wir in Bakony-Tamasi. Das Dorf lief zusammen, sich die mächtige Schlange zu betrachten. Der Kutscher hatte sie hinten am Wagen angebunden. Ihr Leib bewegte sich noch immer. Ein Grausen überfiel alle. Es war der Abend des Donnerstag.
Der Regen des Unheils
In der Nacht hatte ich nicht geschlafen und sah am Morgen des Freitag die große Kerze auf Vaters Tisch, wie sie sein ernstes Lesen und Denken beleuchtete, glücklich, ihm Licht zu spenden, sich selbst verzehrend. War Mutter nicht auch solch ein Licht für uns alle? Sie war schon aufgestanden und putzte das Haus für den Sabbat.
Na, was war da schon zu putzen? Aber Mutter bereitete uns immer aus Nichts ein Fest: So es Eier und Mehl gab, backte sie die beiden Zopfbrote mit einem leisen Kuchengeschmack, auf den ich die ganze Woche hoffte. Vor Sonnenuntergang saßen wir dann in frischen Kleidern am Tisch, Mutter zündete die beiden Kerzen zum Empfang “der Braut”, des heiligen Sabbat an. Vater sprach den Segen über Brot und Wein und es war, als strahle Mutters Licht im ganzen Hause.
Der Kutscher des Bürgermeisters verbreitete inzwischen: “Der jüdische Gott wird es am Sabbat regnen lassen! Aber ein Regen ohne Segen!”
Die Bauern schauten uns von weitem misstrauisch an. Sonnabend vormittag sprach der Vater in der Synagoge von den Gesetzen in Gottes Schöpfung. Der Mensch solle versuchen, sie zu verstehen, um ihnen folgsam zu sein. Der Mensch solle sich nicht gegen Gottes Gesetze und Willen erheben. Darauf legte Vater seinen großen Gebetsschal über den Kopf und alle beteten.
Wenn Vater betete, war es, als ob er von einer fernen Musik, die nur er hörte, leise, leise gewiegt wurde. Das machte mir immer einen tiefen Eindruck. Niemand wiegte sich so wie Vater. Nach dem Gottesdienst kamen wir in eine unerträgliche Hitze hinaus. Ich dachte an die Bauern und die Tiere auf den Feldern. “Im Schweiße deines Angesichtes”, ich fügte hinzu “und aller deiner Glieder” – das hatte ich beim Wandern erlebt – “sollst du dein Brot verdienen”.
Als unsere kleine Familie am Mittagstisch saß, wurde es plötzlich finster. Schwarze Wolken rasten am Himmel auf Bakony-Tamasi zu, getrieben vom Sturm, der nun das Dorf erreichte. Draußen schrien Mensch und Tier vor Entsetzen. Das Vieh brach aus den Ställen aus. Mütter riefen nach ihren Kindern. Alles, was nicht fest am Boden stand, wirbelte zum schwarzen Himmel. Was dann geschah, werde ich nie vergessen: Es donnerte furchtbar und der Blitz schlug in unser Haus ein. Wie tausend Riesenschlangen zischte es und alles zitterte. Ein Bauer zertrümmerte mit der Faust unsere Fensterscheibe und schrie: “Heraus, heraus. Das ganze Dach steht in Flammen!”
“Nichts wird angerührt!” befahl Vater. “Wir dürfen am Sabbat nur das Leben und die Thora retten!”
Er wickelte die Thora in seinen Talit und befahl mir, das Gleiche zu tun, und wir eilten mit Mutter und den Schwestern hinaus. Inmitten des großen Hofes blieb Vater stehen, wandte sein Gesicht zu den Flammen und betete. Brennendes Stroh flog durch die Luft, es knisterte und zischte, es blitzte und donnerte. Es war wie in der Hölle! Der große Wachhund hatte seine Kette zerrissen und raste auf Vater los, dicht vor ihm aber legte er sich winselnd auf den Bauch. Er kroch heran und leckte Vaters Hände, dann legte er sich zu seinen Füßen nieder. Es war, als wolle er Vater und die Thora schützen.
Die Flammen sprangen von Haus zu Haus. Das große Strohdach verbrannte gänzlich. Eine Bäuerin legte ihren Säugling in Mutters Arm und eilte fort, zu retten, was zu retten war. Auch im Wald begann die Feuersbrunst zu wüten. Mit aufgerissenen Augen, voller Ruß und Schweiß, rannte der Bürgermeister zu Vater. Was würde geschehen? Er war ein kräftiger Mann, würde er Vater schlagen wollen? Vater stand “Gesicht zu Gesicht” vor dem Allmächtigen im Gebet.
“Herr Rabbiner, nie wieder werde ich Gott lästern! Euer Gott ist unerbittlich.”
Da schien es mir, als fielen Tränen aus Vaters geschlossenen Augen hinab. Waren es erste Regentropfen? Sie wurden zum Wolkenbruch! Sie wurden zur Sintflut! Und sie löschten allen Brand.
Hilfe
Mit dem Ende der Sintflut fiel auch langsam der Abend über Bakony-Tamasi. Unter freiem Himmel standen noch vier Wände unseres Hauses. Zwei Betten, Tisch und Stühle glitten wie Kähne durchs Zimmer, überall schwamm verbranntes Holz und Stroh. Erste Sterne überblinkten die Nässe. Der Sabbat war beendet. Vater holte seinen Stuhl, wischte ihn ab und setzte sich an den Tisch, wir taten das Gleiche.
“David, bei welchem Gebet brachen wir ab?”
Ich wusste es genau und stimmte an.
Aus dem Hof tönte bitteres Weinen und Schreien. Da brach auch aus Mutter ihr Leid. Ihre Tränen flossen gleich einer zweiten Sintflut. Sie hatte die Gesetze befolgt, nichts Weltliches zu retten. Wir Kinder küssten ihre Hände und unsere Liebe schaute zu ihr auf. Da leuchtete ihr Lächeln durch die Tränen.
Mutter flüsterte: “Gott hat euch geschützt, preisen wir Ihn. Der Allmächtige wird uns weiterhelfen.”
Und wir stimmten aufs Neue die Gebete des Sabbat an.
Die Füße im Wasser, in nassen Kleidern, fröstelnd und zitternd saßen wir da, aber wir waren gerettet. Da trat der Bürgermeister herein. Vater und ich hielten noch die Thora im Arm. Erschüttert betrachtete er dieses Bild, leise den Kopf wiegend, wie um besser zu verstehen. Als unser Gesang beendet war, sprach er: “Herr Rabbiner, jenseits auf dem Hügel, auf der anderen Seite des Dorfes, hat das Feuer nicht gewütet. Ich besitze dort ein Haus, in welchem niemand wohnt. Es hat drei Zimmer, Küche und Backofen und einen kleinen Garten darum herum. Ich stelle es Ihnen zur Verfügung. Tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie es an. Ihre Frau und Ihre Kinder werden sich dort besser fühlen. Hier können Sie nicht bleiben.”
Vater nickte dankend. Noch in der Nacht kam der Bürgermeister mit einem Wagen, bestand darauf, dass Vater nur die Thora betreute und fasste selbst mit an. Alles war schwarz und nass, aber seltsamerweise waren Vaters Bücher im Schrank trocken geblieben.
In unserem neuen Heim fanden wir trockenes, sauberes Stroh. Noch in dieser Nacht weihte Vater das erste Zimmer als Synagoge ein. Das zweite, mit dem Studiertisch und den Büchern, war für Vater und Mutter. Zum Backofen sagte er: “Dort werden wir Matze backen.” Das kleine dritte Zimmer bekamen die Schwestern mit der Bemerkung: “Sollte ein armer Mann ins Dorf kommen, so müsst ihr es zeitweilig abtreten.” Ich durfte in der Küche schlafen, die einen Ausgang zum Garten hatte. Gottes Zorn beruhigte sich.
Heute noch fröstelt es mich und ich zittere, wenn ich bedenke, dass eigentlich die Worte der Thora so tief in alle Seelen der Menschen eindringen müssten, auf dass sie es werden, die unsere Handlungen leiten, so wie bei Vater. Aber das ist noch ein sehr langer Weg.
Vater sagte: “Alles wandert.”
Lajos
Nach dieser Sintflut vertrank mancher Bauer das Geld der Versicherungsämter in der Schenke und die erhitzten Gemüter meinten, der Brand sei von den Juden heraufbeschworen worden. Anderen lief der Schweiß vom Gesicht, während sie Haus und Ställe neu deckten. Mutter wusch, stopfte und besserte Wäsche aus für die Bauern. Ich durfte dann am Abend frische Milch holen. Auf diesen Wegen umschwebten mich Versuchungen! Die Bauersfrauen schienen sich einen Spaß daraus zu machen, mir Speck und Schinken anzubieten. Doch ich blieb stoisch! Einer ihrer Verführungssprüche war: “Was zum Munde hineingeht, ist keine Sünde, nur was aus ihm herauskommt.” An die Vielzahl der ungarischen Flüche denkend, schien mir dieser Spruch wichtig zu sein. Nach guter Überlegung meinte ich aber, man müsse auf beide Richtungen aufpassen.
So ordnete sich langsam wieder das Leben, bis uns ein Brief von Lajos erreichte. Wer war Lajos? Wir hatten nie von Lajos gehört. Dieser Lajos schrieb: “Ich heirate, kommt bitte alle zu meiner Hochzeit!”
Wir Kinder setzten uns am Abend um Mutter herum. Sie erzählte: “Als wir aus Russland flohen und viele Nächte zu Fuß durch Wald und Feld eilten, um nicht in die Hände der Kosaken zu geraten, da fanden wir in einer Nacht am Ufer des großen Dnjepr einen kleinen Kahn. Wir mussten das Wasser herausschöpfen, damit er mich tragen konnte. ‘Du bist mein teuerstes Gut’, sagte Vater, setzte mich in den Kahn und schwamm selbst nebenher. Als wir ans andere Ufer kletterten, stand noch der Mond am Himmel. Er zeigte uns einen kleinen Weg zwischen großen, großen Kornfeldern. Dort, bei Sonnenaufgang, schickte uns der Allmächtige, mitten in den Feldern, euer erstes Brüderchen. Wir haben es in Vaters weißes Hemd eingewickelt und an unseren Herzen gewärmt. Er aber sagte uns: ‘Habt mich lieb! Vergesst mich nicht, ich werde wiederkommen, wenn ihr ein warmes Bett habt!’ Und so war es.
Nach vielen Wochen des Wanderns kamen wir nach Ungarn. Dort gründete Vater in einem kleinen Dorf eine neue jüdische Gemeinde. Wir fanden ein zerfallenes Haus, das wir aufbauten, und die Gemeinde schenkte uns zwei Federbetten zum Winter. Und da kam Lajos wieder zu uns auf die Welt. Lajos war ein sehr stiller, lieber Junge, der Vater niemals beim Studium störte. Denn damals begann Vater sein Kabbala-Studium. Er schob unsere Betten für neun lange Jahre auseinander. Lajos wuchs heran, er war ganz mein Junge und erst als er elf Jahre alt war, bekam er sein erstes Schwesterchen, das war Karoline. Dann kam bald unsere Frieda und zuletzt Davidel. Vater wurde bald von größeren Gemeinden gebeten, dort Rabbiner zu sein. Aber er wollte nur in Dörfern bleiben, um viel Freizeit für sein Studium zu behalten. David wurde in Nagisimonyi geboren; wir waren nun eine große Familie geworden und wir waren sehr arm. Für Lajos kam die Zeit seiner Bar-Mitzwa (Volljährigkeit) und Vater beschloss, ihn mit seinen dreizehn Jahren in eine Talmudschule zu schicken, um dort Rabbiner zu werden. Zuerst bekamen wir oft Briefe und dann immer seltener und seltener. Nun ist mein Lajos ein großer Mann geworden und heiratet. Vater hat beschlossen: wir gehen alle zu seiner Hochzeit!” Mutter strahlte.
Der stolze Wagen des Bürgermeisters brachte uns zur Bahn.
Es kam der unvergessliche Moment, als wir beiden Brüder uns betrachteten. Lajos war fast so groß wie Vater, trug einen kleinen Bart. Die Augen strahlten nicht wie die Vaters, sie waren traurig und sein Rücken leicht gebeugt. Seine Erscheinung erfüllte mich nicht mit Bewunderung, wohl aber seine Braut, die ich sehr schön fand. Ich sagte:
“Du hast aber gut ausgesucht, Lajos!” Worauf er still lächelte. Als ich aber fragte: “Hast du auch schon mit fünf Jahren die Mischna mit Vater studiert so wie ich?”, gab er keine Antwort und schaute in die Ferne. Vater befahl mir zu schweigen. Lajos war es nicht vergönnt gewesen, neben Vater zu studieren; es war damals die Zeit, als Vater sich gänzlich in die Kabbala vertieft hatte.
Die Vermählung war ganz orthodox. Wir Kinder spielten derweil im Hof, natürlich auch Hochzeit. Man bestimmte mich zum Bräutigam und die kleine Nichte der Braut war meine Auserwählte. Als die Großen dann zu uns hinüberkamen, belustigt zuschauend, da donnerte Vaters Stimme: “David, schämst du dich nicht, mit kleinen Mädchen solche Spiele zu spielen?”
Ich war gekränkt und antwortete couragiert: “Warum darf Lajos das und ich nicht?”
Hätte das laute Lachen der Anwesenden mich nicht gerettet, wäre dies der Anlass zu einer tüchtigen Tracht Prügel gewesen.
Der Altersunterschied zu Lajos hatte mich nicht beeindruckt. Seine Hochzeit blieb die einzige Begegnung zwischen uns Brüdern, bis zu Vaters Beerdigung. Aber seine traurigen Augen haben mich später manchmal angeschaut, und ich lernte meinen “stillen Bruder” auf den langen Wegen, Rabbiner zu werden, lieben und verstehen.
Die Hühnchen
War es zu Lajos’ Hochzeit die herrlich gebratene Hühnerkeule auf meinem Teller, die mir keine Ruhe gab? Warum sollten wir nicht, wie alle Menschen, auch das Recht haben, wenigstens einmal in der Woche, zu Ehren des Sabbat, Fleisch zu essen? Es kam mir eine Idee, um nicht länger diese Ungerechtigkeit zu dulden: Bei Sonnenuntergang, wenn die Mutterhennen ihre kleinen Küken zum Schlafengehen rufen und über den Weg mit ihren Kindern heim eilen, mir ein kleines einzufangen. Ich bin dann schnell damit nach Hause gelaufen. Mutter war entsetzt!
“Mamme, es ist ein verirrtes Hühnchen, ich habe es von der Straße gerettet. Darf ich es großziehen? Es wird uns Eier legen, Kinder auf die Welt bringen. Wir werden wie alle Menschen Hühner haben.” Mutter nickte.
Es sind langsam aus dem einen Hühnchen etwa siebzehn “Verirrte” und “Gerettete” geworden. War ich ein Lügner?