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David V Tulman Mit der Kraft zu lieben
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“Ja, da bin ich! Der Rabbiner! Der Jude! Und ich sage euch: Euer Jesus war auch ein Jude. Jesus würde sich euer schämen. Jesus, der Jude, hat von Liebe gesprochen! Sind eure Seelen so verführt, dass ihr an den Toten Ungerechtigkeiten begeht? Hier bin ich! Ein Lebendiger! Hat Jesus euch gelehrt, ohne Scham zu sein? Hat Jesus, der Jude, gelehrt, über Unreinheit und Schamlosigkeit zu lachen?”
Ein junger Mann warf einen Stein, der dicht neben mir auf ein Grab fiel. Da hob Vater seinen Stock, fürchterlich groß erschien er, und schritt auf den jungen Mann zu.
“Sieh, ich bin da! Der Rabbiner! Ich bin allein. Allein gegen euch alle. Aber Gott ist mit mir! Und auch der Jude Jesus!”
Und sie wichen zurück, zogen ihre Hosen hinauf und glitten verschüchtert vom Friedhof. Einige Bauern murmelten: “Es ist eine Schande, was geschah.” Eine Frau schrie: “Die Gendarme kommen. Die Gendarme, die schwarzen Raben!”
“Holt Schaufeln und Eimer aus dem Friedhofshaus, um eure Schande abzuwaschen!”, sagte Vater. “Helft mir, die Steine aufzurichten!”
Und die Bauern kamen. Die Gendarme, die das Volk ‘schwarze Raben’ nannte, erschienen, mit ihren stolzen Federn am Hut.
“Was geht hier vor?” fragte einer erstaunt.
Vater antwortete: “Es ist etwas vorgefallen, aber wir werden es reparieren. Sie können weitergehen, wir machen zusammen Ordnung.”
Vaters Worte erstaunten das Volk: Keine Klage, keine Beschuldigung?! Still beschämt wurde weiter Ordnung gemacht. Darauf gingen alle gedrückt nach Hause. Vater und ich blieben allein auf dem Friedhof zurück. Vater schaute zum Himmel als wenn er in weiter Ferne zu Gott sprechen würde, dann stimmte er das ‘El mole rah’amin’ an, das Gebet für die Toten.
Dann holte ich Vaters Stock und wir gingen hinunter zum Bach, uns gänzlich zu waschen und dreimal unterzutauchen.
An diesem Sonntag blieben die Schenken leer, trotz der lockenden Sonne. Daheim angekommen, küssten die jüdischen Frauen und Kinder Vater die Hände und wanderten dann auch zu ihren Häusern zurück. Vater trat still in die Synagoge, öffnete den Schrein der Thora, warf sich, das Gesicht zu Boden, auf die Erde und weinte bitterlich. Nicht wegen der Geschehnisse in Bakony-Tamasi, nein! Ihn schüttelte aus den Tiefen der Vergangenheit alles Leid des Volkes Israel, die kindische Verführbarkeit der Christenwelt. Mir war, als ob der Messias selbst in Vater schluchzte.
Es dauerte lange, bis er zur Ruhe kam.
Der Abschied
Es folgten stille Tage im Haus, wie auch im Dorf. Man sprach in Bakony-Tamasi nicht vom Friedhof, man flüsterte nur. Nach langer Abwesenheit erfuhr der Bürgermeister entsetzt die Geschehnisse. Er klopfte noch spät am Abend an unsere Tür, trat mit weit aufgerissenen Augen ein und eilte zu Vater: “Herr Rabbiner, Herr Rabbiner, ich war nicht da. Ich hörte erst jetzt von den Geschehnissen.” Darauf wandte er sich um und verschwand in der Nacht. Vater sagte: “Channe Fegele, in diese Gemeinde gehört ein kleiner, schüchterner Rabbiner, der in dem katholischen Geistlichen keine Eifersucht erregt. Der Bürgermeister wird die Juden schützen. Ich schrieb an mehrere Gemeinden um einen Austausch; wir werden Bakony-Tamasi verlassen.”
Ein kleiner, junger Rabbiner kam von Oroszwár, einem Dorf neben Pozsony, mit einem Brief: Vater könne sofort im Austausch den Posten eines Kantors antreten.
“David, geh zum Bürgermeister und mach mir einen Termin bei ihm.” Nicht Vater ging zum Bürgermeister, aber der Bürgermeister kam sofort mit mir zurück.
“Herr Rabbiner, ich habe mir erlaubt, sogleich mit ihrem Sohn zusammen eine gute Nachricht zu bringen. Ich erhielt soeben als Antwort auf mein Ersuchen bei seiner Heiligkeit, dem Bischof, dies Schreiben.”
Und er las: “Ich wünsche Religionsfrieden und enthebe den Geistlichen von Bakony-Tamasi seiner Funktion.”
Diesmal strahlten die Augen des Bürgermeisters froh. Vater war aufgestanden, reichte ihm die Hand. Ich erschrak. Die beiden großen Männer umarmten sich wie zwei Brüder. Es wurde mir warm im Herzen. Sie waren beide in einer anderen Welt, wo man sich nicht hasst und steinigt. Niemals mehr habe ich gesehen, dass Vater einen Mann umarmte. Dann sprach Vater traurig: “David, hole den neuen jungen Rabbiner herein.”
“Er ist in der Synagoge, Papa, und betet.”
“Herr Bürgermeister, Ihr Haus hat eine Synagoge beherbergt, möge Gottes Güte mit Ihnen und den Ihren sein.”
Dann gingen sie zusammen zur Synagoge.
“Hier ist schon Ihr neuer Rabbiner im Gebet. Wir wollen ihn nicht stören, er tauschte mit mir seinen Platz.”
Zwei seltsam verschiedene Freunde schauten einander an in einer stillen Traurigkeit und verabschiedeten sich.
Die Nachricht unserer Abreise hatte sich schnell verbreitet. Zu uns kam noch schnell manche Bäuerin gelaufen und steckte, wie heimlich, ein Geschenk für Mutter in den Wagen: ein Säckchen Bohnen, Mehl, Erbsen, einen Topf mit Butter. Sie alle hatten Mutter sehr geschätzt, ja geliebt, denn Mutter hatte nicht nur die Kleider, sondern auch die Seelen darin ausgebessert.
Als Vater zum Kutscher heraufstieg, bekreuzigte sich ein “ganz kleines Völkchen”, das herbeigelaufen war, und sie neigten die Köpfe, als würden sie einen Segen von Vater erwarten.
“Möge der Friede hier einziehen, Friede ist Gott gefällig”, sagte Vater und segnete sie. Die Pferde zogen schon an, da rannte im letzten Moment Peters Mutter herbei.
“Halt, halt! David, hier nimm sie! Sie ist meine Größte, sie ist meine Schönste! Sie ist die, die die meisten Eier legt. Du wirst wieder viele Hühnchen bekommen, die du so geliebt hast.”
Und der Wagen führte uns aus den Mysterien des großen Waldes Bakony in eine neue Welt.
Oroszwár
Reisen bedeutete aufregende Abwechslung, vor allem war Vater dann aufgeschlossen.
So gab ich meinen Schwestern die große Henne von Peters Mutter und rutschte hinter den Kutschbock.
“Papa, wohin fahren wir jetzt?”
“In ein geheiligtes Dorf, David, mit einer langen Geschichte, der Geschichte der spanischen ‘sephardischen’ Juden: Es wollte die Königin Isabella von Spanien vor etwa fünfhundert Jahren unsere Religion vernichten, damit die katholische Religion allein in der ganzen Welt die einzig gültige sein sollte. Die Juden Spaniens waren zu jener Zeit zu einem geistigen und weltlichen Wohlstand gelangt. Aber jetzt stellte man sie vor die Wahl, getötet zu werden oder sich katholisch taufen zu lassen. Manche ließen sich taufen, aber nicht in ihren Seelen. Andere starben in den Flammen ‘Adonai echad’ singend. Man verbrannte sie sogar zur Belustigung bei Festlichkeiten als lebendige Fackeln! Höllische Schrecken, ja, zu dergleichen waren die Christen fähig. Einigen von uns gelang es zu flüchten. Seitdem wandern die spanischen Juden durch die Welt, eine neue Heimat suchend.
David, wir sind von allen Völkern der Erde nur geduldet, seit man uns aus Israel vetrieb, und von Zeit zu Zeit werden wir aufs Neue wieder vertrieben. Wenn es in einem Lande schlecht geht, sagt man, die Juden sind Schuld daran! Aber in Ungarn hat die alte Krönungsstadt Poszony, nicht weit von Wien entfernt, zusammen mit sieben umliegenden Dörfern den spanischen Juden Asyl gewährt. Oroszwár ist eines dieser sieben für uns geheiligten Dörfer. Du wirst dort auch noch alte spanische Gebräuche kennenlernen.”
Mir war, als führe unser Wagen schon in das geheiligte Land. Dies Gefühl blieb auch beim Umsteigen in den Zug und den elf Kilometern (neben einem kleinen Wagen her) zu Fuß nach Oroszwár. Die Bewohner betrachteten unseren Einzug mit Verständnis, sie waren an Juden gewöhnt. Einige grüßten Vater:
“Schalom Rabbi.” Vater sagte dann: “Hier bin ich der Kantor, wir haben so den Austausch mit Bakony-Tamasi abgemacht.”
Der sehr alte Tempeldiener zeigte Mutter unser neues Heimchen und Vater und mir mit Andacht und Freude die alte Synagoge, deren Tor er mit einem großen Schlüssel öffnete.
“Papa, schau! Was ist hier geschehen, die Synagoge ist in die Erde versunken!”
“Ja, ja”, nickte der Tempeldiener, “das kommt vom Gewicht der Zeit. Der Großvater meines Urgroßvaters ist noch in diese Synagoge einige Stufen hinaufgegangen!”
“Aber Papa, zum Beten soll man doch hinauf zu Gott gehen und nicht hinunter!” Ich fühlte mich sehr weise.
“Du bist ein Narr, David, nicht deine Füße tragen die Gebete zu Gott. Das Licht der Seele kann aus allen Tiefen zu Ihm aufsteigen!” Und Vater betrachtete in stiller Andacht und Liebe diese alten, versinkenden Steine und versank selbst in ein tiefes Gebet. Als Vater endete, war in mir immer noch das “Ab” und “Auf” ein Problem.
“Aber Papa, warum ‘versenkt’ sich der Mensch in sein Gebet?”
“Weil der Mensch aus seinem Hochmut erst einmal zu seiner Seele herniedersteigen muss, damit dann das Licht der Seele emporsteigen kann. David, in dieser Synagoge sind die Gebete aus den Tiefen der Seelen zu dem Allmächtigen gestiegen.”
Der Tempeldiener, der Vaters Worten lauschte, sagte ganz begeistert: “Ja, Herr Rabbiner, so war es! Aber jetzt gibt es nur noch wenige Familien hier und nicht alle kommen zur Synagoge.” Traurig schaute er zu den großen Bäumen auf, in deren Schatten die versinkende Synagoge zu schlafen schien.
Unser Heimchen, nicht ohne Lieblichkeit, war schon von Mutter und den Schwestern eingerichtet. Es lag zwischen der Wohnung des Rabbiners und des Tempeldieners in einer langen Häuserflucht. Seltsam, hier stiegen wir einige Stufen herauf in unsere Wohnung. Ich habe später gelacht, Gott möge mir verzeihen, wenn Vater ‘verklärt’ aus der Synagoge kam und Ab und Auf, Auf und Ab der Eingänge verwechselte und stolperte.
Alles schlief schon, als wir uns endlich auf die Strohsäcke legten. Für Vater und Mutter gab es zwei mit Holzschnitzerei schön verzierte Alkoven zum Schlafen.
Schon beim ersten Sonnenstrahl machten wir mit dem täglichen Leben hier Bekanntschaft. Der noch junge Rabbiner hatte schon unzählige Kinderchen. Mal übertönte sein Beten ihr Geschrei, aber meist waren sie die Lautesten, bis auf die Momente, wo die Posaune der Räbbetzen erschallte, deren Hand wohl ebenso kräftig wie ihre Stimme war, was dann mit Tränen und Wehgeschrei endete. Vater flüchtete oft in die Synagoge und ich blieb allein bei meinen Büchern zurück. Wir aßen fast nichts, aber unsere Gesundheit war sehr gut.
Mutter sagte: “Ein heiliges Dorf, hier müssen wir von Licht und Liebe leben.”
Vater bekam Zahnschmerzen.
“Guter Gott, warum ich, der ich weder Kuchen noch Pralinen esse?” Er war süß in seinen Schmerzen, schaute Mutter wie ein Liebhaber an, und sie legte ihm vorsichtig Kamillenteekompressen auf die Wange. Endlich musste der Zahn doch mit einer großen Zange gezogen werden. Alle standen um Vater herum. Vater war heroisch und sagte kein Wort, bis das Blut in seinen schönen Bart floss. Es wurde beschlossen, zu Vaters Genesung die große Henne zu opfern, die wir heimlich im Haus versteckt hielten. Wie war ich froh, sie den Schwestern anvertraut zu haben!
Aber das Wichtigste, das ich hier in Oroszwár erlebte, war, wenn der Kantor, also Vater, die Seelen seiner Gemeinde mit hinauf zum Allmächtigen nahm. Die alte Synagoge erwachte bei Vaters Gesang. Und sie füllte sich wieder mit mehr und mehr Seelen. Der alte Tempeldiener strahlte vor Freude.
Vater sagte zu mir: “David, hier ist es, als ob viele Seelen aus der Vergangenheit mit mir zusammen aufwärts steigen.”
Und wie liebte ich Vater, wenn er sang! Damals wusste meine Seele noch nicht, dass sie mit der selben Kraft begabt war.
Aber nun kam ein geschichtliches Ereignis! Eines Morgens eilte sehr gewichtig und aufgeregt der junge Rabbiner zu Vater.
“Die ‘geschichtliche Delegation’ der jüdischen Gemeinde von Oroszwár wird diesen Sonntag unter meiner Leitung die vorgeschriebene Stopfgans als Dankgeschenk der Fürstin im Schloss darbringen!”
Vater bemerkte: “Hat man keine bessere Danksagung finden können?”
“Nein, Herr Tulman, so ist die Tradition! Ich habe die Begrüßungsrede zu halten und ich segne die Fürstin. Danach stimmen Sie die Nationalhymne an. Aber alles muss sehr eindrucksvoll werden!”
Es folgten aufregende Vorbereitungen in der Gemeinde. Vor allem wurde die prachtvollste Gans gewählt. Ich durfte sogar, meiner Sopranstimme wegen, als letzter den Aufmarsch beendigen. Mutter kaufte schwarze Schuhcreme, um alle Altersfalten unserer Schuhe zu verbergen und steckte kleine Kartonstücke in die Löcher. Der Erfolg war ‘glänzend’!
Der bewusste Sonntag kam heran. Die auserwählte Gans thronte reich geschmückt mit den Nationalfarben auf dem traditionellen riesigen Silbertablett. Sie sah sehr stolz aus, war aber so schwer, dass sie kaum auf ihren Beinen stehen konnte. Alles hatte sich in der Synagoge versammelt, um den Abmarsch zu bewundern. Dann ging es los. Der Tempeldiener trug die Nationalfahne voraus. Dann kamen die vier Gemeindevorsteher mit dem silbernen Tablett auf ihren Schultern. Dann der Rabbiner, gleich hinter der Gans, dann der Kantor und einige Notabilitäten der Gemeinde und ich am Schluss. Es war so vorgesehen, dass unser Aufmarsch durch ganz Oroszwár ging, aber erst nach Beendigung der Gottesdienste in den Kirchen, zur Freude der in ihren bunten Sonntagstrachten Spalier stehenden Christen. Wo wir auch vorbeikamen, entblößten die Männer ehrfürchtig ihr Haupt und die Frauen neigten die Köpfe. Was war denn da los? Endlich verstand ich. Die Ehrenbezeugungen galten der Nationalfahne, nicht der Gans!
Zwei prachtvolle Lakaien öffneten uns das große Parktor. Erstaunlich geschnittene Bäume und Hecken sah man dort, danach erschienen riesige Wiesen und Blumenbeete, dann Teiche mit aufsprudelnden Wassern, die auf unbekleidete Figuren herunterfielen. Durften wir solche Dinge anschauen?
In der Ferne erschien dann das Schloss. Mit so vielen Fenstern, ich hatte dergleichen noch nie gesehen. Eine breite, eine sehr breite Treppe führte hinauf und im Innern gab es noch viel mehr weiße Marmortreppen. Sie hatten soviele Teppiche, dass sie auch die Wände damit behängen mussten! Gewaltige Gemälde von goldgekleideten Personen schauten ernst und würdig auf alle ihre Reichtümer hernieder. Es glitzerte auf allen Möbeln und Wänden von Gold. Ob der Tempel des König Salomon in Jerusalem ebenso prächtig war?
Plötzlich erschütterte mich der Gedanke: “Ein Tempel ist aber für Gott!” Durfte man solch eine Pracht für Menschen machen? War dies alles nicht sündhaft wie ein Götzendienst?
Vier Lakaien öffneten den Thronsaal. Die Fürstin und ihr Gemahl, der Graf Lonay, sie saßen wirklich, wie Götzen geschmückt, auf ihren Thronsesseln. Man musste sogar zu ihnen einige Stufen hinaufgehen. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter. Aber die Fürstin erhob sich, ehe wir zu ihr hinaufgehen mussten, und kam recht freundlich zu uns herunter. Ich bemerkte, dass unser Rabbiner zitterte. Er vergaß den Beginn seiner Begrüßungsrede und stammelte mehr oder weniger unverständliche Worte.
“Möchten Sie vielleicht lieber deutsch sprechen?”, fragte die Fürstin sehr nett, aber das wurde noch unverständlicher.
Die Fürstin nickte und lächelte hoheitsvoll, als habe sie alles sehr gut verstanden und reichte ihm die Hand zum Kuss. Genau in diesem Moment sagte unsere große, stolze Gans mit einem großen Klecks auf ihr Silbertablett “Amen” dazu. Allgemeines Erschrecken und Stille. Aber die Fürstin lachte. Sie holte ihr Taschentuch, um es zu verbergen. Sie macht es genau wie die kleinen Mädchen in der Schule, dachte ich. Um sie aus dieser Situation zu retten, stimmte ich laut die Nationalhymne an. Es war wirklich die Rettung! Graf Lonay und alle Männer klappten ihre Hacken zusammen und standen stramm. Diesmal verstand ich sofort, dass die Ehrenbezeugung der Hymne und nicht der Gans galt.
Die Fürstin trat zu Vater: “Herr Oberrabbiner, darf ich um Ihren Segen bitten?”, und beugte ihr Haupt vor Vater.
“Gott behüte Ihr frommes Herz, Hoheit, zum Segen des Volkes.” Und sie küsste Vater die Hände. Zu mir gewandt sagte sie:
“Du hast eine sehr schöne Stimme mein Junge, wirst du einmal Kantor werden?”
Beglückt nickte ich, aber mein Mund sagte: “Nein, Frau Fürstin, Rabbiner.”
“So werde ich eine alte Dame sein, wenn du die Delegation leitest.” Dann steckte sie mir ein Goldstück in die Tasche.
Dass ich später Kantor, Rabbiner und Opernsänger werden würde, wusste ich damals noch nicht. Im Moment war ich glücklich, dass die Fürstin Vaters Ausstrahlung gefühlt hatte und “Herr Oberrabbiner” zu ihm sagte. Nur, all die Teppiche, das Gold, die Marmortreppen und Gemälde, war das nicht Götzendienst? Ich wusste damals auch noch nicht, wie ich mich später einmal gegen diesen Mammon erheben würde.
Der Milchweg
Vater brauchte eigentlich einen großen Raum für seine Ausstrahlung. Eine große Synagoge, eine große Gemeinde, wo er niemanden erdrückte, denn das wollte er nicht.
Aber seine Seele schien nach Ruhe zu suchen, nach einem allerkleinsten Posten, wo er zugleich Rabbiner und Kantor sein konnte, um in seiner Freizeit Gesicht zu Gesicht vor dem Allmächtigen zu stehen und vielleicht sogar mit Ihm über unsere Welt nachzudenken. Ich verstand schon, Vater versuchte diese Welt zu verstehen. Zudem ernährte der Posten eines Kantors in Oroszwár keine Familie und so verließ uns Vater eines Tages. Es vergingen Wochen ohne Nachricht.
Mutter sagte: “Vater wird uns schreiben, wenn er einen Posten gefunden hat und das Reisegeld für uns schicken.” Uns blieben nur noch drei Gulden und mein Goldstück.
“Gottes Hilfe wird kommen”, trösteten wir uns gegenseitig. Aber Gottes Hilfe ließ auf sich warten. Am Abend saßen wir im Finstern, um Kerzen zu sparen, damit für den Sabbat noch Licht im Hause sei. Und so leuchteten dann am Sabbat noch zwei letzte Kerzen in den silbernen Kandelabern ‘einstmaliger Zeiten.’
Ich war nun das männliche Haupt der Familie und leitete die Gebete und Gesänge. In Vaters Anwesenheit durfte ich keine Improvisationen singen, aber jetzt ließ ich meiner Lust freien Lauf. Die Schwestern zählten die Ohrfeigen, die ich von meinem Vater bekommen hätte. Es wurde sogar lustig bei uns, so dass die Nachbarn unter den Fenstern zuhörten, und ich versuchte mit gleicher Inbrunst wie Vater zu singen, es sollte ‘seine Atmosphäre’ im Haus bleiben! Am Sonntag sagte Mutter still: “Der Tempeldiener fragt, ob wir Nachricht von Vater haben? Bald kommt der neue Kantor und die Wohnung wird gebraucht.”
“Wir werden unsere großen Strohsäcke unter die großen Bäume bei der Synagoge legen”, versuchten wir die Mutter zu trösten. In der Nacht hörte ich Weinen, und wenn Mutter weinte, kam das Weinen auch zu mir. Sogar die Schwestern schliefen nicht. Mutter umschloss uns alle drei mit ihren Armen und wir blieben so eine lange Zeit zusammen auf ihrem Bett sitzen. Dann versuchten wir zu schlafen. Bei den Schwestern ging es schnell, aber meine Mutter atmete unruhig, stand auf, zündete ein Streichholz an und schaute nach Frieda und Karoline.
“Sie haben heute zum Abend Tränen getrunken”, sagte sie leise. Im Finstern suchte Mutter auch mein Gesicht und als ihre Hände über meine Augen glitten, küsste ich sie.
“Du schläfst nicht, David?”
“Nein, ich kann nicht.”
“David, was werden wir machen? Niemand wird uns hier etwas borgen. Der Rabbiner hat nicht verstanden, warum die Fürstin zu Vater ‘Herr Oberrabbiner’ sagte und dann von Vater den Segen erbat. Hier kamen die vertriebenen Juden aus Spanien her und sie bekamen Asylrecht. Wir sind in Russland, Polen oder Deutschland geborene Juden, da ist manchmal etwas Fremdes zwischen uns. Man kann es fühlen und das tut sehr weh. Sie nennen uns dann ‘die Aschkenasen’ und wir sagen zu ihnen ‘die Sepharden’. Dann ist es, als ob wir nicht mehr zusammengehören. Und niemand hilft. Soll ich vielleicht meine Schuhe verkaufen? Sie sind noch fast neu.”
“Aber Mamme, du darfst nicht so etwas denken!”
“Also, was wird werden?” Da brauchte ich Vaters Worte: “Gott wird helfen!” Mutter seufzte tief: “Ach Gott, ach Gott”, und es klang fast vorwurfsvoll.
Seit drei Tagen war kein Krümel Brot mehr im Hause. Wir machten Tee, aus der Kamille, die Mutter am Wege pflückte. Unsere letzten Sabbatkerzen waren verloschen. Lange Fastentage lagen vielleicht noch vor uns.
Am Sonntag, ganz in der Früh, kam eine Nachbarsbäuerin zu Mutter: “Frau Rabbiner, würden Sie so freundlich sein, auf unser Viehzeug aufzupassen? Das ganze Dorf geht zur Kirchweih nebenan. Die Tiere brauchen nur Aufsicht, das Futter für den ganzen Tag haben sie vor sich stehen.”
Zugleich kam eine zweite Bäuerin mit derselben Bitte. Und Mutter sagte “Ja”. Sie waren sehr froh darüber und versicherten Mutter, sie habe keine Arbeit, für genügend Futter sei gesorgt.
Nach einiger Überlegung fand ich es sogar gerecht, dass Menschen hungern und nicht die Tiere!
Aber erst spät am Abend kam das ganze Völkchen angeheitert von der Kirchweih heim. Man hatte sich in den Wirtshäusern getroffen, Onkel und Tanten besucht, mit Freunden geschwatzt und alles mit gutem ungarischem Wein begossen. Mutter war gerade dabei, die Schweine zu beruhigen, die jetzt neues Futter verlangten und sich beißen wollten. Traurig und müde kam Mutter zurück. Sie hatte es nicht erlaubt, dass wir sie begleiten. Aber jetzt saßen wir wieder zusammen auf ihrem Bett.
“Niemand braucht es wissen, dass wir nichts zu essen haben. Nicht der Rabbiner, nicht der Tempeldiener. Wir müssen auf Vaters Brief warten!”
So saßen wir in der Dunkelheit.
“Hast du fleißig gelernt, David?”
“Mamme, nicht viel, die Buchstaben laufen alle durcheinander und dann muss ich aufhören.”
“Ja! Beim Sticken ist es ebenso, wir können nicht mehr genau sehen, wohin die Nadel stechen muss”, sagten Frieda und Karoline. Mutter nickte.
“Ja, ja, so ist es, wenn man hungert.”
“Schlafen Sie schon, Frau Rabbiner? So früh ist alles schon dunkel bei Ihnen?” rief es von draußen. Es waren die Bäuerinnen. Sie brachten Mehl, Eier und einen Topf frisch gemolkener Milch. Mutter kam mit vollen Armen zurück. Gott hatte geholfen! Bis nun das Feuer brannte, Mehl und Eier zu kleinen Nudelklößchen wurden, diese Zeit war sehr anstrengend, der Magen machte lauter Knoten vor Freude.
In der Früh trug ich der Bäuerin den Topf zurück, da überfiel mich ihre Neugier, sie wollte alles wissen.
“Warum kommt dein Vater nicht zurück? Von was lebt ihr überhaupt?” Ich antwortete mit rotem Gesicht: “Wir hungern!” Sie schüttelte den Kopf.
“Wir sind nicht reich, aber es ist immer noch ein Stückchen Schwein im Haus. Aber das wollt ihr Juden ja nicht essen, habt ihr Angst, dass wir euch vergiften?”
Aber sie beruhigte sich dann.
“Also, wenn ich dir jetzt ein Stück Schinken für deine Mutter herunterschneide, nimmst du es mit?”
“Nein, Frau Nachbarin.”
“Ach, ich werde selbst zu deiner Mutter gehen und sie fragen.” Und wir gingen. Mutter putzte eben den alten Ofen. Freundlich schimpfte die Bäuerin: “Warum gibt es diese eigenartigen Verschiedenheiten der Religionen?” Sie würde gerne helfen, wisse aber nicht wie. “Jetzt, wo Ihr Ofen so schön sauber ist, was werden Sie nun kochen, Frau Rabbiner?”
Mutter schwieg. Die gute Frau fing wirklich an zu verstehen.
“Jesus, Maria! Aber Jesus, Maria! Sie haben ja einfach gar nichts im Hause! Kein Brot, keine Kartoffeln, kein ...”
Sie schüttelte den Kopf und eilte hinaus. Nicht lange darauf kamen mehrere Bäuerinnen angelaufen und trugen die Arme voll mit koscheren Sachen. Die guten Frauen zogen mich liebevoll an meinen Päis. Eine sagte: “Komm jeden Abend herüber, wenn ich gemolken habe, und du kannst einen großen Topf mitbringen.”
Gott hatte wirklich geholfen! Der christliche Gott? Der Jesus, fragte es in mir? Ich fühlte mich verwirrt, verbesserte aber: “Gott, der einzige Gott. Der Gott aller Menschen!”
Aber meine Gedanken rutschten doch zu dem Jesus. Gewiss verstand dieser etwas von Hunger. Er sah ja selbst so mager auf seinem Kreuz aus. Und Vater hatte auf dem Friedhof gesagt: “Jesus war ein Jude.”
Plötzlich hörte ich, als spräche es auf der Thora: “Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott. Der unsichtbare Gott ist der Gott aller Menschen.” Ich erschrak.
Auf alle Fälle durfte ich morgen Abend wieder Milch holen gehen. Aber auf diesen Milchwegen murmelte es immer in mir: “Jesus, Maria. Jesus, Maria!”