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David V Tulman Mit der Kraft zu lieben
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“Aber ist das Gott gefällig?”
“Das weiß Gott. Er hat viel Geduld mit seinen Kindern. Wir müssen alle noch viel von Ihm lernen. Die Christen sagen, Gott hätte ihnen seinen Sohn geschickt, damit Er ihnen alles besser erkläre, und so glauben sie, dass sie alles am besten wissen.”
“Aber Papa, wir sind doch alle die Kinder von Gott, Er hat uns doch alle geschaffen?”
“Du hast Recht, David, aber das haben die Christen noch nicht an Leib und Seele gefühlt. Sie sagen auch, Jesus hätte ihre Sünden auf sich genommen. Wollen sie sie nicht selber tragen, verantworten und verstehen lernen? So haben sie viele Frevel gegen uns Juden begangen. Wir stören sie. Sie wollen, dass wir an ihren Jesus glauben wie an einen Gott.”
Ich war ganz aufgeregt, als der Sederabend begann. Seder heißt “Ordnung”, denn unser Erinnern soll ordnungsgemäß erlebt werden. Aber trotz der schweren Erinnerungen ist unsere Befreiung ein sehr großes Fest. Wir saßen an weiß gedeckten Tischen mit dem Hausbesitzer und allen jüdischen Familien. Vater in seinem weißen Talar leitete die Zeremonie und war für mich Moses, der sein Volk vom Pharao befreit. Die Vergangenheit wurde lebendig. Ich fühlte, dass in Gottes Kraft das ganze Volk Israel ruht, um beschützt, bestraft und geliebt zu sein.
Endlich wurde das Festmahl gereicht: Wir aßen zuerst kleine Stückchen Matze mit lauter Erinnerungen darin und darauf. Man trank die vier vorgeschriebenen Gläschen gesegneten Weines und kaute viele bittere Kräuter, dann krachte die frische Matze in großen Stücken unter den Zähnen, eine lang von mir ersehnte Musik.
“Nun, David, guter Hunger zeugt von gutem Gewissen. Vergiss nicht, wenn die Christen dich einmal wegen der Bereitung der Matze beschuldigen ...”
“Wieso, Papa?”
“Es ist eine böswillige Geschichte verbreitet worden, dass die Juden für ihr Osterbrot das Blut eines Christenkindes benötigen, um es hineinzumischen.”
“Welche Lüge, Papa! Ich habe zugesehen; es ist nur Wasser und Mehl darin.”
“Du hast gut aufgepasst. Aber leider wurden derartige Geschichten oft verbreitet, um das Volk gegen uns aufzubringen, uns zu vertreiben und sogar zu töten. Deine Großeltern hätten fast ihr Leben so verloren.”
Vater schwieg und versank in Gedanken und sagte dann leise:
“Das geht nun schon zweitausend Jahre so.”
“Papa, wie können die Menschen aber solchen Worten glauben?”
“David, es scheint, als ginge die gesamte Menschheit in einem gewaltig langen Zug durch die Schöpfung Gottes hindurch. Alle Menschen sind Wandernde. Alle, denn ein jeder muss endlich selbst durch die Wüsten gehen, um am eigenen Leibe Gottes Güte und Gesetze zu fühlen, sein Geh-Wissen zu erhalten. Es scheint, dass einige Juden diesem langen Zuge vorausgehen sollen, sie dürfen aber keinen Stein vom Wege rollen. Denn der ganze Zug der Menschheit muss durch Sand und Steine wandern. Auf dass ihr Hochmut falle! Da werden die Menschen auf uns böse, denn sie möchten auf gefälligen, schönen Wegen wandern, und manch einer leitet sie auf dergleichen Umwege und spielt den Weisen und sogar den Götzen zum Anbeten. Es ist eine traurige Eigenschaft, dass mancher Mensch sich freut, wenn man ihn anbetet. Es gibt nur einen Weg, nur einen! Den schwersten Weg! Auf dass der Mensch dem Lichte Gottes den Durchgang durch seinen eigenen Leib gewähre. Also seine Seele sich erleuchte!”
Es war, als wenn Vaters Augen den gewaltig langen Zug der Menschheit wandern sähen. Er sagte ganz leise:
“Geduld. Geduld. Es wandern Millionen! Aber- und Abermillionen!”
An diesem Pessach-Abend erzählte man sich bis spät in die Nacht hinein Geschichten und alle baten um die Geschichte der Großeltern.
Also begann Vater: “Es war in Russland. Mein Großvater war das Haupt einer friedlichen Gemeinde. Seine Wohnung und die Synagoge lagen in einem großen Hof, von einer festen Schutzmauer umgeben. Es geschah, dass tote Tiere in den Hof geworfen wurden, manche wollten sich von dem bösen Geist ihrer Krankheit befreien und ihn dem Rabbiner schicken.
Als die Osterzeit kam, wurde im Haus der Großeltern alles zum Feste bereitet: An langen, schön gedeckten Tischen saßen schon viele Menschen. Es brannten die Kerzen und der Seder begann, als Großmutter aufsprang, hinauseilte und mit bleichem, entsetztem Gesicht zurückkam.
‘Ein großes Unglück bereitet sich vor! Man hat ein totes Kind in unseren Hof geworfen!’ Eine schreckliche Stille folgte.
‘Geh, hebe das Kind auf und hole es herein’, ordnete Großvater an. Stellt euch vor, Großmutter in ihrem weißen Festkleid, in den Armen den Leichnam eines kleinen Jungen von etwa neun Jahren. Sie betrachtete das ärmlich angezogene Kind und weinte, dass ihre Tränen auf sein bleiches Gesicht fielen, so bleich, als ob wirklich alles Blut aus seinem Körper geflossen sei.
Großvater legte seinen Gebetsschal über den Kopf und betete tief innerlich, darauf sagte er:
‘Dass die Angst unsere Gedanken nicht verdunkle! Wir sind in Gottes Hand. Kleidet das Kind wie zum Pessach-Fest, kämmt seine Haare, als hätte es Päis, bedeckt sein Haupt mit dem weißen Käppchen und darüber einen Gebetsschal. Dieser Talit wird es vor bösen Blicken schützen! Setzt es zu meiner Seite an den Tisch, vorgebeugt, wie ein betender Jude. Lasst unsere Erinnerungen weitergehen!’
Die Gebete und Gesänge begannen wieder. Bald hörte man Pferde galoppieren und eine Menschenmenge schrie draußen:
‘Die Kosaken, die Kosaken kommen!’
Diese schlugen fest ans Tor: ‘Aufmachen!’ Man kennt in Russland jene rauhen Männer zu Pferde im Dienste der herrschenden Klassen.
‘Aufmachen!’ Großvater selbst stand auf und öffnete das Tor.
‘Wo ist das Kind, das ihr getötet habt, um sein Blut in euer Brot zu backen?’ schrien sie.
‘Kommt herein und seht’, antwortete Großvater, setzte sich an seinen Platz, den Seder weiterleitend, als wäre nichts geschehen. Die Kosaken haben Schränke, Betten, Bücher und Geschirr zerstört, alles zerschlagen und zerrissen; gefunden haben sie aber nichts. Sie haben eine große Verwüstung hinterlassen.
In der Stille danach ertönten die Gebete weiter. Nochmals kamen sie zurück. Das Tor stand offen. Eine Menschenmenge mit Knüppeln und Beilen hatte unruhig draußen gewartet, um zum Plündern einzudringen. Sie wagten es aber nicht, denn die Gebete machten ihnen Angst. Das Suchen der Kosaken blieb abermals ohne Resultat. Sie schlugen das Tor verärgert zu und ritten davon. Großvater erhob sich, bat einige Frauen, ihn zu begleiten, um Matze unter dem Volk zu verteilen. Er öffnete wiederum das Tor und bat, wer wolle, möge hereinkommen. Verschämt kamen einige Knüppel- und Sensenträger herein und gingen durch die Verwüstung. Unsere Gebete begleiteten sie und sie wagten nichts zu berühren und fanden auch kein getötetes Kind. Es waren Momente, wo Tod und Leben sich begegneten. Die Feuer vor dem Tor wurden zu Asche, das Volk trat den Heimweg an. Es wurde still. Das Kind saß wie ein betender Jude am Tisch. Großvater bat es zu waschen, in ein weißes Leinentuch zu hüllen und aufzubahren, Kerzen anzuzünden und neben ihm zu wachen.
Hatte es so sein sollen? In diesem Jahr fiel das Datum des christlichen Osterfestes zusammen mit dem unsrigen.
Wie immer ging das Volk nach dem Sonntagsgottesdienst ins Wirtshaus, man trank, man trank viel, die Zungen lösten sich. Der Vater des Kindes hatte für viel Geld den Leichnam verkauft. Wer hatte ihn über die Mauer zum Rabbiner geworfen? Das kam nicht heraus.
Aber wie ein Feuer mit dem Wind läuft, kam die Nachricht zu der Mutter. Bitter weinend klopfte sie, begleitet von manchen Frauen, verzweifelt an das Tor der Großeltern.
‘Gebt mir mein Kind, mein Kind. Gebt mir mein Kind zurück!’ Vor dem in allen Ehren aufgebahrten Leichnam verbeugte und bekreuzigte sich die Menge. Sie hoben die Bahre mit dem Kind auf ihre Schultern und verließen scheu das Haus.”
“Dies ist eine schreckliche Geschichte, Herr Rabbiner”, wandte unser Hausherr ein, “die aber im heutigen Ungarn nicht mehr möglich wäre.” Wir fragten uns das aber alle.
Da klopfte es an der Tür.
“Geh, David, öffne dem Propheten Eliahu die Türe. Er kommt am Pessach als Gast zu allen Juden, um sie zu segnen. Geh, öffne ihm die Tür!”
Drei Bauern mit verstörten Gesichtern traten ehrfürchtig herein. Der Älteste wandte sich an Vater: “Herr Rabbiner, wir haben eine Frage an Sie zu richten.”
“Setzen Sie sich zu uns, so ich die Antwort kenne, werde ich sie Euch geben.”
Der Mann befreite sich von einer ihn quälenden Last: “Herr Rabbiner, ihr Juden, habt ihr wirklich das Blut eines Christenkindes nötig, um es in euer Osterbrot zu mengen?”
Vater schaute sie traurig an. “Ist es euch Christen verboten, das alte Testament zu lesen, unsere Thora, von der auch Jesus sprach? Darin steht geschrieben: ‘Du sollst nicht töten und du sollst kein Blut essen.’ Dies sind unsere strengsten Gesetze! Darum wird auch das Fleisch, welches wir essen, von seinem Blut befreit. Für uns lebt im Blut die Seele und die Seele soll zurück zum Schöpfer der Welt gehen! David, reich ihnen von unserer Matze. Wenn euer Geistlicher euch die Kommunion gibt, ist die Hostie in seiner Hand die Erinnerung an dieses Brot. Jesus war ein Jude, er feierte das Osterfest so, wie wir es heute noch feiern. Wir Juden feiern an Ostern unsere Befreiung aus Ägypten, und danach kam das vierzigjährige Wandern durch die Wüsten, wo wir Gottes Gebote empfangen durften.”
“Man sagte mir, dass euer Geistlicher ein wenig geizig sei; die Hostie, die er euch gibt, ist viel kleiner als unser Osterbrot”, sagte Vater lächelnd. Da lachten auch die Bauern verschämt in sich hinein.
“Aber jetzt habe ich eine Frage. Wir haben doch bisher in Freundschaft miteinander gelebt. Wer war es, der euch diese Geschichte erzählte?”
“Herr Rabbiner, es war der Geistliche selbst, der es in der Kirche gesagt hat. Im Katechismus hat er auch so zu den Kindern gesprochen. Er weiß ja vieles, was wir nicht wissen. Wir sind aber doch zu Ihnen gekommen, um die Wahrheit zu hören.”
“Ich danke euch.” Ehrfürchtig rückwärts schreitend, die Mütze in der Hand, verließen sie das Haus.
So endete unser Pessach-Fest in Sajó-Kesznyetem. Vater erhob sich: “Mein Sohn soll nicht mehr in die Lehre eines solchen Mannes gehen!”
Bald verließen wir auch das Dorf Sajó-Kesznyetem. Die Bäuerinnen eilten herbei, die Arme voller Geschenke für Mutter.
Vater sagte: “Das Volk ist unschuldig!” und segnete sie.
Wieder bellten die Hunde unserem Wagen nach. Am anderen Ende des Dorfes hörte ich die Glocke der Kirche läuten. Irgendwie fühlte ich mich selig, wieder eine Reise machen zu dürfen.
Vater schaute ernst aus. “David, ein Mann, der zu Gott betet, kann nicht gänzlich schlecht sein. Vielleicht wollte er nur allein über Sajó-Kesznyetem herrschen. Wir haben ihn gestört.”
Die schnaufende Kraft
Unser Wagen hielt bald an einem Bahnhof. Es kam für mich die erschütternde Begegnung mit einer Lokomotive. Mit wachen Sinnen fühlte ich das Wunder dieser Erfindung. Die große Macht dieser Maschine war für mich die erste Begegnung mit der Epoche, in welcher ich lebte.
Immer am Anfang und am Ende meiner späteren Reisen habe ich mit Bewunderung, fast mit Liebe die schnaufende Kraft der Lokomotive geehrt, oft auch mit Lokomotivführern geplaudert. Sie gehört zu den Träumen und Realitäten meines Lebens.
Nun verschwanden alle unsere Kisten und Kasten in dieser Erfindung, außer den Strohsäcken, die blieben zurück. Es erfasste mich ein großer Schreck, aber Mutter nahm schnell meine Hand, lächelte und zeigte auf ihr Mieder. Dort war jetzt das Versteck unseres Geheimnisses. Vater war gleich auf einen freien Platz zugegangen, setzte sich neben den Bauer auf die Holzbank, holte ein Buch aus der Tasche und las. Diese Umgebung schien sein Interesse nicht zu wecken, aber das meine. Ich stellte fest, dass die Leute, hatten sie einmal einen Platz gefunden, begannen, ihren Proviant hervorzuholen und lauter für uns verbotene Dinge zu essen. Sie legten sogar Speck und Blutwurst aufs Brot, tranken Wein dazu und aßen hinterher Käse. Fleisch und Milch zu mengen ist uns auch verboten. Mein schon aufgeregter Magen wollte sich fast umdrehen. Dann fingen sie an zu rauchen oder zu schnarchen, derweil Gottes Schöpfung an ihnen vorbei eilte, was sie nicht zu interessieren schien. Das Rütteln der rollenden Wagen, den Kopf in Mutters Schoß, bin ich, in dieser Musik, dann doch eingeschlafen.
“Wach auf, David! Wir sind angekommen”, rief Karoline.
Mir war, als wäre ich viel weiter als nach Petrozseny gereist.
Petrozseny
Petrozseny ist eine Stadt dicht an der rumänischen Grenze. Ihr Bahnhof war, nach meinem Ermessen, unserer Lokomotive würdig; seltsamerweise standen auf ihm eine solche Menge Juden, dass es meine Vorstellung übertraf. Alle trugen schöne Kaftane und große, hohe Hüte, und diese Menge strömte auf Vater los! Es war aufregend, aber es gefiel mir sehr. Auch würdig gekleidete Christen standen um eine prachtvoll gestickte Fahne und gingen in Richtung Vater. Einer dieser Herrschaften begrüßte mit einer langen Rede den neuen “Herrn Oberrabbiner von Petrozseny” und wir wurden mit der Fahne aus dem Bahnhof geleitet.
Auf dem großen Platz stand eine neugierige Menschenmenge, um sich den neuen Oberrabbiner zu beschauen, und Vater segnete das Volk. Seltsame Wagen, große und kleine, standen am Rande des Platzes, alle nur so gemacht, um nichts anderes als Menschen hineinzusetzen. Einer von ihnen war für unsere Familie. Seine beiden Pferde trabten dann durch lange Straßen, lauter Geschäfte rechts und links. Was wird hier mit meinen Päis geschehen? Bevor ich eine Antwort fand, hielt unser Wagen vor einer prächtigen Synagoge. Mir war wie im Traum. Neben ihr war unsere Wohnung. Unsere Wohnung! Ach, wie war hier alles überwältigend schön! Ich kann mich noch heute der Herrlichkeiten und Konfitürengläser erinnern, die auf dem Küchentisch für uns bereit standen. Es gab für jeden ein Zimmer! Für Vater gab es noch einen richtigen Hamidrasch, um seine Studenten zu unterrichten, und einen Salon, wenn andere Rabbiner oder Gäste ihn besuchten. Mein Staunen fand kein Ende. Dies war die Welt des reichen Herrn, der uns mit seinen Kindern in Kurtakeszy besucht hatte. Ich war sicher, es konnte nicht anders sein.
Mutters Augen wurden hier ein sanft leuchtender Himmel – und lustig wurde Mutter auch. Alle Tage gab es zu essen! Zu Ehren des Sabbat gab es Fleisch und Wein. Wir bekamen auch neue Kleider und fühlten uns so wohl darin. Vaters Zeit war sehr angefüllt mit Unterricht, Vorträgen, dem Gottesdienst und der Beantwortung von Fragen und Briefen. Man kam von weit her, um Vater zu sehen und zu hören.
Auch mein Leben wurde angefüllt. Am Tag die weltliche Schule, wo sich seltsamerweise niemand um meine Päis kümmerte, denn es gab manche, die sie trugen. Am Abend ging ich mit viel älteren Kameraden zum Talmudstudium zu Vater. Dieses Leben war herrlich. Ich wollte einmal wie Vater eine angesehene Persönlichkeit werden. Mein glänzendes Schulzeugnis verriet mein Ziel: alle Fächer ausgezeichnet. Nur im Singen ungenügend, weil ich keine Noten lesen konnte. Ich liebte es sehr zu singen und verlor sehr schnell diese Unwissenheit. Aber dies alles zusammen wurde etwas zu viel und eines Morgens hatte ich verschlafen. Karoline kam mit mir zu spät zur Schule, das Tor war verschlossen. Karoline fand eine großartige Lösung: Wir werden inzwischen an den Rand der Erde gehen, uns dort hinsetzen und mit den Beinen so lange baumeln, bis es Zeit wird, nach Hause zu kommen, so als ob alles in Ordnung wäre. Am Erdrand mit den Beinen baumeln – das reizte mich. Auf der ersten Landstraße sahen wir schon gleich in der Ferne hinter den Bäumen den Rand der Erde.
“Dort ist er”, rief Karoline begeistert. Aber der Rand kam nicht zu uns und wir nicht zu ihm. Aber wir sahen die Sonne am Rand heruntergleiten. Es wurde Nacht. Glücklicherweise war es Sommer und wir legten uns am Wegrand zum Schlafen nieder, aber so, dass wir morgens gleich wussten, wo die Sonne am Rand heruntergegangen war, dort musste ja der “richtige Rand” sein! In der Frühe hätten wir uns fast gezankt, denn Karoline behauptete, wir hätten uns im Schlaf gedreht, und ich sagte, die Sonne sei nicht am selben Rand zurückgekommen. Auf alle Fälle liefen wir mit neuen Kräften in Richtung Sonnenaufgang. Wir liefen und liefen und wussten immer weniger, wo der Rand zu finden sei. Es wurde Mittag, es wurde wieder Nacht. Ich hörte Vaters Stimme: “Wer nicht seinen Blick zum Firmament erhebt, der weiß nicht, wie klein er ist”, und ich setzte hinzu: “und seine Beine tun ihm weh!” Zwei Gendarme fanden uns schließlich gänzlich erschöpft im Straßengraben. Sie sprachen rumänisch. Die Sprache vom Ende der Welt?
Glücklicherweise war es Mutter, die uns die Tür öffnete.
“Mutter!”
Vater kam auch, mit schwarzen Augen, die uns durchbohrten. Ein Wunder geschah: Nicht ich bekam die Züchtigung von Vaters Hand, nein, diesmal war es Karoline. “Du bist die Ältere und du hast die Dummheiten deines kleinen Bruders zu verhüten!” Tief beschämt und erschöpft kroch der kleine dumme David ins Bett. Wie gerne hätte ich die Züchtigung bekommen. Aber es war etwas viel Schlimmeres geschehen: Ich hatte Mutter schluchzen, ja weinen gemacht; ich hatte Mutter ganz vergessen, um einer Dummheit halber! Mutter hatte uns angeschaut, als wenn wir vom Himmel zurück in ihre Arme gefallen wären, und hatte dabei bitterlich geweint.
Gott wollte es so
Wir genossen das Leben einer bürgerlichen Familie. Wir drei Kinder saßen in unsere Schularbeiten vertieft vor einer Tasse Tee und einem von Mutter selbst gebackenen Kuchen. Wir fühlten uns behütet und eingeordnet in das Leben, welches uns umgab, als eines Tages Vater unerwartet, mit einer furchterregenden Ausstrahlung hereinkam. Er blieb an der Tür stehen, unbeweglich. Seine Blicke glitten durch den Frieden unseres Heimes, unseres Lebens hier. Lange blieb Vater so stehen, bis auch der Friede zu ihm kam. Dann sagte er klar und ruhig: “Channe Fegele, wir wollen unsere Sachen packen.”
Nie werde ich Mutters Blick vergessen. Leise, als hätte sie keine Kraft mehr, fragte Mutter: “Elie, was ist geschehen?”
Wir Kinder zitterten vor Angst.
Vater antwortete nur: “Gott wollte es so.”
Und Mutter flüsterte: “Also gehen wir packen.”
Erst sehr viel später erfuhr ich, es war in der “Neologischen Gemeinde” bekannt geworden, dass der Oberrabbiner Elias Tulman kein ungarischer Staatsbürger war. Die orthodoxe Gemeinde hatte Vater trotzdem erwählt, weil er eine starke Persönlichkeit war, ein ausgezeichneter Redner und Gelehrter, man sagte auch Kabbalist. Dazu hatte war er noch eine imposant Erscheinung. Aber die Neologen hatten sich von ihm gestört gefühlt. Offizielle Posten waren nur für ungarische Staatsbürger. Gesetz ist Gesetz. Gott wollte es so. Vater wollte es im Tiefsten seiner Seele vielleicht auch. Er wurde nie ungarischer Staatsbürger. Er blieb der Russe, der Mensch “weiter Dimensionen”. Auch reizte ihn nicht, der “angesehene Mann” zu sein. Vater fühlte, was im Menschen das Unsterbliche ist.
Vater liebt mich!
Die Reise ging nach Hejó-Czaba, ein Vorort von Miskolc. Vater hatte hier in Eile den Posten des Kantors angenommen. Seine Baritonstimme war schön und seine Kenntnisse erlaubten es ihm. Doch bald fühlte sich der Rabbiner neben ihm erdrückt und das wollte Vater verhüten. So war unseres Bleibens hier nicht von langer Zeit, doch genug für ein unvergessliches Ereignis.
Wir lernten in der Schule Geschichte, in der die Bravour der ungarischen Husaren besungen wurde, was in uns Kindern die Kriegslust erweckte. Wir verteilten untereinander die verschiedenen Rollen. Es wurde eine sehr hübsche Krankenschwester gewählt, was in mir einen heimlichen Wunsch nach Verwundung weckte. Leider musste ich den zu vertreibenden Feind spielen (warum ich diese Rolle bekam, hat mich später grübeln lassen). Die Horde der schreienden Sieger rannte also hinter mir her. Auf der Flucht fiel ich über ein Brett, aus dem ein verrosteter Nagel herausstand, der in meiner Hand abbrach. Im Kriegsgeschrei der Verfolger war keine Zeit, das zu beachten; es blutete auch leider nicht genug, um in die erhoffte Krankenpflege zu kommen. Einige Tage später schwoll meine Hand an und Mutter legte mir als altbewährtes Mittel rohe Zwiebeln darauf. Es schien aber nicht wirksam. Die Nachbarsfrauen schauten auch mit besorgten Gesichtern auf mein Geschwür und legten zu Mutters Zwiebeln noch ihre Kräuter dazu. So trug ich einen ganzen Gemüsegarten um meine Hand gebunden. Aber das Geschwür schwoll und schwoll. Die Schulkinder wollten nun auch meine Kriegsverletzung bewundern und unsere Krankenschwester versuchte ihre Heilkunst an mir.
“Halt gut still, David, es wird weh tun, ich werde allen Eiter herausdrücken!” Heroisch hielt ich still. Aber nichts kam heraus! Im Gegenteil, die Schmerzen gingen hinein, ich fühlte sie überall, im Arm, im Kopf, es war als ob mein Herz im ganzen Körper klopfte. Es wurde unerträglich.
Vater bemerkte den riesigen Verband und meine schlechte Aufmerksamkeit. Ich musste erzählen. Als ich zur Heilungsmethode der Krankenschwester kam, erhielt ich einige sehr tüchtige Ohrfeigen.
“Du hast dich nicht mit Mädchen zum Spielen einzulassen und aus dem Krieg ein Spiel zu machen, ist eine Sünde! Gott hat dich gestraft.” Und Vater las weiter in seinem Buch.
Von Stunde zu Stunde wuchs jetzt die Geschwulst, sie bekam die Form eines großen Apfels in meiner Hand und der Arm rötete sich. Niemand kam auf die Idee, einen Arzt zu befragen. Aber ich brauchte nicht zur Schule zu gehen. Ich war vom Fieber geschüttelt, doch Vaters Antwort war: “Es ist Gottes Strafe für dich!” Ich las zitternd in den heiligen Schriften, meine Sünden büßend. So wurde es Sonntag Nachmittag. Es kamen Familien der Umgegend, um Vater über dieses und jenes zu befragen. Alle hatten sie ein gutes Wort für mich, der ich mit meinem großen Verband wohl recht jämmerlich aussah.
Es kam auch der alte, gütige Tempeldiener zu mir. Er bestand darauf, sich meine Hand anzusehen. Als die ganzen “Heilswissenschaften” heruntergenommen waren, rief er aufgeregt Vater: “Wollen Sie ihren Sohn töten? Er hat eine schwere Blutvergiftung. Vielleicht können Sie ihn noch retten, wenn Sie sofort, aber sofort die Straßenbahn zum Krankenhaus nehmen. Ja, am Sabbat die Bahn nehmen! Es geht darum, ein Leben zu retten!” Er war außer sich vor Aufregung.
Es war das erste Mal, dass Vater wirklich meine Hand betrachtete. Alle Leute schauten mich erregt an und Vater sprach: “Wir fahren!” Jetzt brach ich zusammen. Alles verschwamm um mich her. War ich schon ein Sterbender? Dass Vater gegen die Gesetze des heiligen Sabbat handeln wollte? Am Sabbat fahren! Mutter eilte, Vaters Hut zu holen, warf ein Tuch über ihre Schultern, holte Geld für die Bahn. Auch Mutter? Sie rührte am Sabbat Geld an? War ich wirklich sterbend?
Vaters feste Hand fasste die meine, die gesunde. Wie ein Wunder floss seine Kraft in mich hinein.
“Papa, ich sterbe noch nicht. Papa, ich will laufen. Sogar schnell laufen. Du sollst keine Sünde wegen mir begehen! Papa, ich hab dich lieb, lass uns bitte laufen!” So liefen wir die etwa sechs Kilometer zum Krankenhaus.
“Mein Bußweg”, aber an Vaters Hand. Und hätten seine gütigen Augen nicht zu mir hinuntergeschaut, ich wäre bis zum Allmächtigen gegangen. Wir kamen zu spät an. Das große Tor war geschlossen, die Konsultation beendet. Vater klingelte Sturm. Eine Nonne schaute durch ein Schiebefensterchen heraus. Was sie sprachen, weiß ich nicht. Das Tor öffnete sich. Ich erinnere mich an den Weg durch weiße Gänge und Zimmer. Wieder wurde meine Hand entblättert. Dann kamen eilende Schritte herbei, es kamen noch Ärzte. “Die Hand muss abgenommen werden, wahrscheinlich auch der Arm” hörte ich sie sagen. Es war mir sehr recht, dann würde es nicht mehr wehtun.
Da ertönte Vaters Stimme stark und klar, aber in der Tiefe zitterte sie: “Mein Sohn wird Rabbiner! Er braucht seine rechte Hand, um die Tephilin auf seine linke Hand zu binden. Die Tephilin enthalten heilige Schriften. So beten wir Juden zu Gott, mit unseren beiden Händen. Sie dürfen sie ihm nicht nehmen!”
“Aber guter Herr, sprechen wir jetzt nicht von Gebeten, es ist höchste Zeit, es geht um das Leben ihres Sohnes.”
“Betet ihr denn nicht zu Gott? Warum leben, wenn man nicht beten darf. Warum leben, wenn man Ihm nicht dienen darf!” Das Zittern in Vater wurde gewaltig, es schüttelte seinen Körper und Tränen brachen aus seinen Augen. Vater liebte mich!