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David V Tulman Mit der Kraft zu lieben
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Zutiefst in Vater lebte aber ein Traum. Es war die Sehnsucht seiner Seele, einstmals in Jerusalem zu ruhen. Dort war seine Heimat, dort träumte er, einstmals den Messias zu erwarten. Vater dachte viel über die Messianischen Zeiten nach und darüber, wie wir “den Weg zurück zu Gottes Paradies” finden.
Das Rauschen des Flusses Sajó kam zu uns auf den Wagen und ich stellte fest, wie schnell man aus dem Paradies auf die Erde gerufen wird. Vaters Gesicht war sehr ernst geworden. Es gab hier keine Brücke, der Kutscher musste den Fährmann wecken. Wir Kinder hatten noch nie ein so reißendes, schwarzes Wasser gesehen, was in der Nacht fürchterlich war. Als endlich unser Wagen auf die Fähre rollte, gab es einen Schock, alles wurde durchgerüttelt und ein Kochtopf flog ins schwarze Wasser. Welch ein Schreck, die Fähre hatte schon das Ufer verlassen. Vater sagte traurig: “Channe Fegele, verzeih, wäre es nicht so finster, holte ich dir deinen Topf schon wieder heraus.”
Gott verzeih mir, das glaubte ich nicht, ein Rabbiner mit einem langen Bart soll tauchen und schwimmen können, das war unglaublich! Dazu in einem so wilden Wasser? Aber Vater war ein ausgezeichneter Schwimmer. Er hatte, selbst schwimmend, auf der Flucht von Russland, Mutter, die ein Kind erwartete, in einem winzigen Boot über die Donau gezogen. Aber das wusste ich damals noch nicht.
Die Reise dauerte wohl mehrere Tage und Nächte. Der Kutscher bat Vater oft zu singen. “Die Pferde ziehen dann besser”, sagte er und versuchte sich auch darin, unter Vaters Anleitung. So schliefen und erwachten wir mehrmals unter dem Firmament und brachen am Tage das Brot am Wegrand.
Auf einem steinigen Stolperweg kam dann ein neues Ereignis: Wir verloren ein Rad und der Wagen kippte gefährlich. Der Kutscher fluchte verzweifelt: “Jesus Maria! Wo nimmt man hier Männer her, den Wagen zu heben?”
Vater betrachtete ruhig die Achse, sie war nicht gebrochen und das Rad war auch heil. Er sagte leise: “Gott sei’s gedankt. Komm, nimm das Rad, wir werden es wieder einsetzen!” Wir Kinder waren natürlich mit Mutter längst vom Wagen heruntergekrochen, und da hob Vater alleine den Wagen an. Mir war, als wäre Samson selbst am Werke. Wie war es möglich, dass Gott in diese Hände, die nur die Seiten der heiligen Schriften wendeten, so viel Kraft gelegt hatte?
Unser Wagen rollte wieder, von Gesang begleitet, und ich sang mit. Aber eine Frage plagte mich jetzt sehr, sie ließ mich nicht mehr los. Ich musste mir eine Antwort holen, glitt vorsichtig hinter den Kutschersitz und flüsterte in Vaters Ohr: “Papa, du bist so stark wie Samson. Hast du Misstrauen gegen Frauen?”
Langsam drehte Vater sich um und sah mich erstaunt an.
“Nein, David, ich habe kein Misstrauen gegenüber Frauen. Misstrauen soll ein Mann nur vor sich selbst hegen. Ein Mann soll lernen, seine Kräfte zu beherrschen, er soll sie nicht von einer Frau beherrschen lassen! Unsere Schaffenskraft ist die heiligste Gabe Gottes.”
Still glitt ich zurück auf meinen Strohsack und musste sehr lange darüber nachdenken. Manche Dummheiten und Gefahren blieben mir erspart.
Doch es ist nötig, auf einer Reise von Zeit zu Zeit anzuhalten. Mutter bat darum, vom Wagen steigen zu dürfen. Wir verteilten uns im Walde, und als es wieder ans Aufsteigen ging, da fassten “die starken Hände Samsons” Mutter bei der Taille, so wie die Tänzer in Ungarn es mit ihren Tänzerinnen tun, und hoben in einem einzigen Schwung Mutter hoch hinauf auf unser Hab und Gut. Es war das erste Mal, dass Vaters Hände in meiner Gegenwart Mutter berührten. Als sein Gesicht Mutters Gesicht nahe war, überwältigte mich das Gefühl, dass Vater und Mutter zueinander passten! Mir klopfte das Herz vor Freude, es sah so lustig aus!
Auf dieser Reise lernte ich einen Vater kennen, den ich nie gekannt hatte.
Sajó-Kesznyetem
Im Morgengrauen, auf den Strohsäcken schaukelnd, sahen unsere Augen von oben auf unser neues Dörfchen Sajó-Kesznyetem: wenige Häuser mit einer Kirche in der Mitte und nicht weit von ihr ein jüdisches Lebensmittelgeschäftchen mit einem langen Hof dahinter und dort im Hof sollte unsere Wohnung sein; wir bemerkten bald, dass sie nur ein einziges Zimmer und eine Küche hatte. Im großen Durcheinander der abgeladenen Dinge fragte ich erstaunt: “Papa, wo ist hier die Synagoge?”
“Hier gibt es keine Synagoge.”
“Aber Papa, warum sind wir denn hergekommen?”
Vater antwortete ernst: “Für drei Juden.”
“Papa, warum bist du von Kurtakeszi fortgegangen, dort war es doch viel schöner!?”
“Wenn du nicht fähig bist, dir ein Buch zum Lernen zu holen, so schweig!”
In der Unordnung vorsichtig einen Weg suchend, erreichte ich eine Ecke zum Hinhocken und Überlegen. Aber die Gedanken wurden doch wieder laut: “Papa, ist es richtig, dass ein großer Rabbiner wie du dreißig Juden für drei verlässt?”
“Komm her! Hast du vergessen, was im Buch des Exodus steht: ‘Dort, wo du auch weilest und meinen Namen nennest, werde ich kommen und dich segnen.’ Du willst, dass ich mich nicht um drei Familien bemühen soll? Das wäre den Dienst an Gott verweigern.”
Eine Ohrfeige setzte den Punkt auf Vaters Rede. Die Schwestern waren vor Angst aus dem Zimmer gelaufen.
“Zum Zeichen deiner Reue setze dich nieder und studiere!”
Es wurde still, alles geschah ohne Lärm und fand seinen Platz. Die Mittagszeit ging vorüber, Mutter hatte nichts auf dem Esstisch bereitet. Wahrscheinlich hatte sie nichts mehr, um es darauf zu legen. Am Abend war es ebenso. Wir gingen ohne ein Wort still schlafen. Am nächsten Tag wirbelten die hebräischen Buchstaben wie kleine Insekten vor meinen Augen, ich konnte sie kaum mehr unterscheiden. In Gedanken versunken schaute uns Mutter lange an.
So oft ich das Wort “Mutter” niederschreibe, ist es meinem Herzen zum Weinen zumute. Mutter war von einer niemals verzagenden Liebe. Wenn sie ihre Hände auf meinen Kopf legte oder was immer sie tat und sagte, da war eine Mischung von Traurigkeit, Lächeln und Güte. Ich fühlte, Mutter litt. Vorsichtig glitt ich zu Frieda und Karoline, wir sahen uns an mit heißen Köpfen, kalten Händen und Fieber vor Hunger. Es ging auch dieser Tag vorüber. Vater hatte seine Bücher eingeordnet und las. Wir konnten von ihm keine Hilfe erwarten; noch dazu fastete Vater sehr leicht. Am nächsten Morgen wagte ich zu fragen: “Mamme, in der Scheune im Hof gibt es viele Maiskolben, die sind zum Trocknen aufgehängt und viele davon sind auf die Erde heruntergefallen!” Mamme verstand mich.
“Geh, David, wenn Gott unser Leben gefällig ist, wird Er erlauben, uns einige Kolben ‘auszuleihen’. Geh, hol so viele du tragen kannst!” Ich rannte. Die Kerne waren wie Goldkugeln! Ich nahm ‘so viele ich tragen konnte’.
Mutter sammelte Holz zusammen und bald brannte ein Feuer. Nun war das Warten schwer, der Mais musste lange gekocht und später auch lange gekaut werden, aber es war ein Festmahl!
“David, hast du den Segen vor dem Essen gemacht?”, fragte Vater. Ich war so erschrocken, dass ich nicht weiter kauen konnte und sagte mit rotem Gesicht: “Ja.”
Karoline flüsterte: “Es ist nicht wahr! Ich werde es Vater sagen.” Mit vollem Mund holte ich schnell den Segen nach und Vater verzieh mir – wohl ebenso wie der Allmächtige.
Am nächsten Morgen kam der Hausbesitzer sich nach uns erkundigen. Wir hörten ihn im Zimmer mit Vater sprechen:
“Herr Rabbiner, Herr Rabbiner” sagte er immerzu, als wolle er sich selbst damit beehren.
“Mamme, willst du nicht mit ihm reden?”
“Was soll ich ihm sagen, David?”
“Es war ja kein geliehener Mais, ich habe ihn doch einfach genommen.”
“Gut, gut, du hast Recht, wir haben einen Vorschuss genommen; ich werde es bei ihm abarbeiten.”
Mit Mutter kam immer alles in Ordnung.
Als der Herr gegangen war, rief Vater Mutter zu sich in das Zimmer. Wir Kinder stellten uns erregt an die Tür und lauschten. Da war die Stimme von Vater so traurig und still, dass es mir bitter weh tat.
“Also, Channe Fegele, drei Gulden die Woche, etwas Mehl und Kartoffeln. Du kannst dir Hühner halten und von dem Mais in der Scheune darfst du sie füttern. Hühner legen Eier, aus Eiern kommen Küken, aus Küken werden Hühner, die erneut Eier legen ... Wenn das so weiter geht, werden wir reiche Leute werden. Bist du zufrieden?”
“Ja, es wird schon gut sein”, sagte Mutter still. Wir bekamen keine Hühner, aber aßen morgens und abends ihren Mais.
Fragen und Zweifel
In Sajó-Kesznyetem war der katholische Geistliche gleichzeitig auch der Schullehrer und die Schule lag dicht neben der Kirche. Vater nahm mich eines Morgens bei der Hand und wir gingen zu ihm; mit der Bedingung, alles nachzuholen, wurde ich endlich angenommen. Mein Eifer brachte mich schnell auf den ersten Platz. Ein Talmudist muss doch zeigen, dass er lernen kann. Aber dies schien dem Herren Lehrer nicht zu gefallen.
Es gab hier auch noch eine andere Schwierigkeit. Mutter hatte meine besten Kleider herausgesucht, damit ich mich nicht unter den Christenkindern schämen brauchte. So wurde ich eine Sensation mit meinem Kaftan, großen Hut und weißen Strümpfen und ich musste lange Zeit meine Päis verteidigen. Wir Kinder waren zwei Welten, die sich begegneten, doch wir wollten uns kennenlernen.
“Warum bist du am Sonnabend nicht in der Schule? Warum kommst du nicht zum Katechismus? Warum kommt deine Familie nicht in die Kirche?”
“Weil ich zu Hause alle Tage mit meinem Vater die heiligen Schriften studiere und am Sonntag auch.”
Eines Sonntags hatte der Geistliche in der Kirche gesagt:
“Die Juden haben unseren Herrn Jesus Christus an das Kreuz genagelt!”
Die Schulkameraden wiederholten es mir. Es erfasste mich eine Mischung aus Empörung, Schreck und Hilflosigkeit; ich war ganz allein der Beschuldigte. Seit diesem Tag gingen die Kinder nicht mehr mit mir spielen, sprachen auch nicht mehr mit mir. Ich wurde mehr und mehr mit bösen Blicken angeschaut.
“Papa, ich will nicht mehr zur Schule gehen.”
“Und warum, David?”
“Der Herr Lehrer hat in der Kirche gesagt, dass die Juden den Jesus Christus an das Kreuz genagelt haben und seitdem sprechen die Kinder nicht mehr mit mir.”
Vater schaute von seinem Buch auf, mir schien, als würde er plötzlich groß und stark, seine Augen schauten weit, weit hinaus, als wenn er einen Feind kommen sähe. “David, schaue ihm in die Augen, diesem Lehrer, du wirst erleben, er wird die seinen niederschlagen. Nicht du sollst dich schämen, sondern er!” Wie gerne wäre ich auch so groß und stark geworden wie Vater. Ich versuchte, von meinem ersten Platz in der Klasse Vaters Vorschrift auszuführen. Tatsächlich, nach einem Moment des “Kampfes der Blicke” wich der Herr Lehrer meinen Augen aus! Aber ich zitterte.
Im Geheimen beobachtete ich nun das Hineingehen und das Hinausgehen aus der Kirche. Wie kamen sie doch so feierlich mit ihren schönen, buntgestickten Kleidern und so ernst, fast als hätten sie ein schlechtes Gewissen. Beim Herauskommen gingen die Männer gleich ins Wirtshaus nebenan, kamen mit lustigem Lachen heraus zu den Frauen und Mädchen, fassten sie mit ihren Händen an. Die Mädchen kreischten und freuten sich. Vor Scham rannte ich heim. Durfte ich mir überhaupt so etwas anschauen?
Aber wenn sie alle in ihrem Heiligtum waren, kam eine selten wunderbare Musik dort heraus. Wie konnte ich Vater erzählen, dass diese Musik mich sehr tief ergriff, als spräche der Allmächtige auf diese Weise zu den Seelen. War es ein Harmonium? Eine Orgel? Ich hatte dergleichen Instrumente nie gehört. Mit durchwühlter Seele saß ich bis spät in die Nächte hinein neben Vater, in unseren heiligen Schriften nach Antwort suchend. Waren diese Christen nicht erstaunlich unrein? Aßen das Fleisch vom Schwein, was uns streng verboten ist, aßen sogar sein Blut, worin doch die Seele lebt! Auch kochten sie das Fleisch vom Kalb in der Milch seiner eigenen Mutter und dachten darüber gar nicht nach, es schien ihnen keine Sünde zu sein. Und war es nicht ein Götzendienst, den traurigen Mann am Kreuz um Hilfe anzubeten? Was konnte der schon helfen? Warum sollten wir ihn angenagelt haben? Außerdem musste er eine sehr reiche Mutter haben, sie wurde zu manchen Feiertagen mit ihrer Krone durch das Dorf getragen.
Wie war unsere Mutter doch dunkel und arm angezogen, und ich bemerkte, dass sie oft für Stunden das Haus verließ und dies ängstigte mich sehr. Eines Tages ließ ich mein offenes Buch auf dem Tisch liegen, um Mutter unbemerkt zu folgen. Unsere Barfüße liefen durch den sanften Staub der Erde, der sie zu streicheln schien. Wie war es gut draußen im warmen Sonnenlicht! Plötzlich verschwand Mutter in einem christlichen Hause. Mit dem Mut, sie zu beschützen, folgte ich und sah, dass Mutter mit ihren Händen die Wäsche der Unreinen wusch.
“David, was machst du da? Du sollst doch bei Vater bleiben.”
“Ich komme dich beschützen!”
“Du brauchst mich nicht beschützen. Die Bauersfrauen haben mich gern. Aber es soll für Vater ein Geheimnis bleiben, dass ich draußen arbeite.”
“Ist es erlaubt, Mamme, dass du die Kleider der Christen anrührst?”
“Hast du etwas darüber gelesen?”
“Nein, aber sie beten den Gekreuzigten an und seine Mutter. Es gibt auch einen Vater, eine ganze Familie! Und was werden sie machen, wenn noch mehr Kinder dazukommen? Es gibt doch nur einen Gott! Also sind sie Götzendiener.”
“Lass sie nur auf diese ihre Bilder schauen, David, bis eines Tages der Allmächtige selbst zu ihnen sprechen wird. Vielleicht fühlen sie Ihn schon hinter diesen Bildern, wie Er alles überwacht. Auf ihren Kleidern ist nur der Staub der Erde, und der Staub der Erde ist von Gott geschaffen. Weißt du, Davidel, Jude sein ist sehr schwer. Wir haben keine Bilder, ‘Vor-Bilder’ zwischen dem Allmächtigen und uns selbst. Wir beten gleich zu Ihm. Darum müssen wir Ihn wirklich fühlen. Er ist ja überall!”
Wie wurde alles so still und sanft neben Mamme. Wie konnte ich sie alleine lassen? Mutter erlaubte mir dann, im Brunnen das Wasser zum Spülen der Wäsche zu holen.
Als wir abends heimkamen, stand Vater mit seinem Wanderstock in der Türe. “David, du lässt dein Buch aufgeschlagen und schleichst wie ein Dieb aus dem Haus. Welche Schande! Was wird aus dir werden? Jetzt sind es deine neugierigen Füße, die sich beschmutzen, später wird es dein ganzer Körper sein!”
Vater hob den Stock. Im Gefühl meiner Unschuld und Mutters Geheimnis hütend, kam kein Laut aus meinem Munde.
“Elie, du wirst ihn töten! Hast du dafür Kinder gezeugt?”
Und da geschah es: Mit der Kraft ihrer sanften Güte nahm Mutter den Stock aus Vaters Hand. Da überfiel mich ein großer Zweifel, ob nicht Mutters sanfte Güte sogar noch schwerer zu erreichen sei als ein prachtvoller Bart der Weisheit? War Mutter nicht stärker gewesen als Vaters Zorn? Trotzdem fühlte ich, dass auch Vater mich liebte. Auf seine Art.
Die Tage vergingen mit dem Studium der Propheten. Ich habe mit Jesaja angefangen. Ach, das war so traurig, mir kamen immer die Tränen, vor allem wenn Vater das Hebräische auf Jiddisch übersetze. Ich musste diese Sprache auch lernen. Vater erklärte: “Sie ist für alle Tage die Sprache des Volkes und wenn du einmal in die Welt gehst, kannst du dich überall mit den Juden so verständigen.”
Mir taten aber die Juden sehr leid, die der Prophet für ihre Sünden sehr strafte, ihnen Schmerzen und Kummer weissagend. Ich fürchtete immer, was am nächsten Tag alles kommen würde ... Derweil wurde Mutter im Dörfchen bekannt. Sie befreundete sich mit den christlichen Frauen, die im Geheimen, so dass Vater es nicht merken sollte, gekommen waren, uns anzuschauen. Karoline und Frieda lernten bei Mutter Stricken, Häkeln und Sticken. Ich war für die Frauen eine Kuriosität mit meinem schwarzen Mäntelchen, Hut und weißen Strümpfen und natürlich meinen Seitenlocken! Sie haben mich aber alle lieb gewonnen. Lieb gewonnen? Das wäre vielleicht zu viel gesagt, denn ich ließ mich von niemandem anrühren, und überhaupt, wenn eine es gewagt hätte, meine Päis anzurühren, wären sie für mich entheiligt gewesen. Aber die freundlichen Frauen brachten immer ein paar Eier, Gemüse oder Milch mit und das schätzte ich sehr.
Ein Wägelchen
Ach, es war auch lustig in diesem Dörfchen. Es wurde mein Amt, “mit gutem Gewissen” den Mais aus der Scheune zu holen. Das war immer so eine kleine Pause vom Studium. Dort gab es viele große Mäuse. Sie waren ganz rund und vollgefressen und so träge, dass man sie einfach mit den Händen fangen konnte. Natürlich musste man ihnen zeigen, dass man nichts Böses vorhatte. Ich fand sie sehr lustig mit ihren großen runden Augen und kleinen Pfötchen.
Beim Maisholen sah ich eines Tages ein vergessenes Spielwägelchen im Hof. Es kam mir die Idee, Mäuse davor zu spannen. Von den aufgehängten Maisgirlanden gab es manche kleine Strippenstückchen, die ich zusammensuchte, und so spannte ich etwa acht oder zehn Mäuse vor den Wagen. Sie mussten Steinchen und Maiskolben ziehen. Wenn es auch nicht geradeaus ging, sie “zogen” und das Wägelchen rollte!
Ich war so verspielt, dass ich gar nicht merkte, wie unser Hausbesitzer zuguckte.
“Na, David, wohin geht die Reise?”
“Nach Kurtakeszi!”
Da tönte Vaters Stimme von der Haustüre. “Komm herein und wasch dir die Hände!”
Mit fürchterlicher Angst machte ich die Mäuse los, die es natürlich auch mit der Angst bekamen. “Jetzt kommt der Stock!” dachte ich. Irrtum! Hatte Vater vielleicht auch über mein Gespann gelächelt?
Es gab nur eine Moralpredigt: “Du weißt, dass es verboten ist, Tieren weh zu tun. Du weißt auch, dass du studieren sollst. Wenn du einmal groß bist, darfst du Kurtakeszi besuchen.” Vater nahm Platz am Studiertisch und schaute wieder in sein Buch. Ich ging meine Hände waschen. Diesen Mittag gab es keinen Mais am Tisch, aber ich träumte davon, Kurtakeszi einmal wiederzusehen.
Jakob und seine Söhne
Welch sonniger Freitagmorgen, als zwei Pferdegespanne, über und über vollgeladen mit lauter frommen Juden, vor unserem Haus hielten. Und was für Juden! Nur herrliche Hüte, Päis, kurze und lange Bärte, schöne Levitenröcke und strahlend frohe Gesichter!
Es klang wie eine Musik: “Chalom alechem! Chalom alechem!” Ich rannte zu Vater, um dieses Gotteswunder zu melden.
“Papa, Papa, Jakob mit seinen zwölf Söhnen ist gekommen!” Jakob war der Oberrabbiner von Szerencz, den ganz Ungarn als Wunderrabbi und Weisen verehrte. Sogar die Christen schätzten ihn. Er war mit seinen Talmudstudenten gekommen, um Vater kennenzulernen.
Kaum eingetreten, brachten die Studenten für Mutter alles, was man sich nur denken konnte, um einen herrlichen Sabbat zu feiern. Es gab großes Aufsehen im ganzen Dorf. Unser Hausbesitzer schwoll vor Stolz. Man brachte Tische, Stühle und Strohsäcke herbei, derweil der Oberrabbiner und Vater schon wie alte Freunde beisammen saßen, alle Studenten um sie herum, und auch ich durfte mit dabei sein.
Schon damals besaß ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis, ich konnte sogar Texte auswendig lernen, deren Sinn ich noch nicht verstand. Es hat sich so diese fröhliche und tiefe Unterhaltung zwischen dem Rabbi und Vater in mir tief eingeprägt. Sie sprachen über die “Kabbala” und verstanden einander sehr gut. Vater nannte die Kraft der Kabbala das ewige Licht, das unsichtbare Licht, das durch alles Sichtbare hindurchgleitet. “So spricht der Ewige”, sagte er. Dann erzählten der Rabbi und Vater von der Lebenskraft, dem Samen des Lebendigen im Mann und in der Frau. Sie fanden beide, dass viel Kraft in diesem Samen schläft, eine wundersam heilige Kraft.
“Eine Musik aus Licht”, sagte Vater, “diese Musik ist unser Geschenk an die Messianischen Zeiten!”
Der Rabbi nickte dazu ... lange Zeit. Ich glaube der Ribeuno-Schel-Eulam hat zu uns gelächelt.
Dann sprach Vater: “Dieses Licht ist Kraft! Dieses Licht bringt Wissen und Weisheit! Das Licht verlässt uns, wenn wir sterben. Es geht dann zurück zum Ewigen.”
Und Vater fügte hinzu: “Es bringt ihm unsere Musik.”
Da sah ich mich, den kleinen David, wieder vor Gott gerufen, um Ihm alles zu sagen, was ich im Leben getan habe, und ich schaute im Kreis umher, ob es den anderen Studenten auch so ging? Mir schien, sie waren auch von dieser Musik ergriffen und es war ganz still und schon tief in der Nacht. Es floss wie Balsam in mein Herz, Vater so verehrt zu sehen. Wie war dies Leben im Dienste des Allmächtigen doch glücklich! Auch Mutter strahlte vor inniger Freude.
Diesen Sabbat hatte es ein Festmahl gegeben, um Geist und Körper zu stärken. Es fehlte nichts! Meine Vorstellungen für ein späteres Leben als Talmudist und Kabbalist waren beflügelt.
Dann kam aber viel zu schnell der Sonntagmorgen heran. Wenn wir auch fast die beiden Nächte gänzlich durchwacht hatten, hätte es noch lange so weitergehen können. Aber “Jakob mit seinen Söhnen” verließ uns so, wie sie gekommen waren – mit einem frohen Abschied. Vater und ich begleiteten die Gäste bis zum Rande des Dorfes, dann begannen die Pferde zu traben und die Wagen wurden in der Ferne immer kleiner, bis sie am Horizont verschwanden. In mir war aber eine neue Kraft erwacht: die stolze Verehrung Vaters. Steht es nicht geschrieben: “Ehre deine Eltern, auf dass du lange lebest”? Der Sohn meines Vaters zu sein, war überwältigend. Wie hatte Gott das nur gemacht?
Der freie Mensch
Das Osterfest kam heran. Vater sagte zu mir: “David, du bist nun alt genug, um unsere schwere Aufgabe in der Welt zu verstehen. Eine schwere Aufgabe! Pessach ist ein geschichtliches Ereignis im Leben des Volkes Israel. Wir wurden damals für unsere Aufgabe vorbereitet: Pessach ist das Fest, welches die Befreiung feiert, nicht alleine die unsrige, nein, die Befreiung der Menschen, aller Menschen. ‘Auf dass der Mensch sich nicht knechten lasse vom Menschen. Auf dass der Mensch nicht den Menschen knechte‘. Dazu waren vierzig Jahre des Wanderns unseres Volkes durch Hunger und Durst, durch steinige Wüsten nötig, ja, nötig, David! Auf dass wir uns der Liebe und Kraft des Schöpfers bewusst wurden, seine Gesetze verstehen lernten und so auch befreit von Götzendienst leben konnten! Zur Freude des Schöpfers mit all unserer Liebe und Lebenskraft zu leben! Zu seiner Freude und der unsrigen sind wir geschaffen! Für dieses Zeugnis, ja, für dieses Zeugnis starben viele unserer Besten! Beschimpft, verleumdet, gemartert und als Fakkeln lebendig verbrannt! Für dieses Zeugnis, für diesen Gott: Ein gütiger Gott, ein Gott der Liebe. Vergiss es nie, David, die Schaffenskraft des Allmächtigen ist die Liebe! Auch die unsrige.”
Vater hatte mir dies alles gut erklärt, aber solch ein freier Mensch zu werden, und auch die anderen Menschen frei zu lassen, das ist eine schwere Sache, das hatte ich auch verstanden. Der freie Mensch, der steht vor Gott, Ihm Rechenschaft zu geben, ja, von unseren Dummheiten zu lernen und sie zu fühlen. So erzieht Gott den Menschen zu Verständnis und Gehorsam und Gewissen. So erhält der Mensch sein “Geh-wissen”, “um zu wissen, wie man geht”, hatte Vater gesagt.
Derweil ich meine Seele auf die Befreiung vorbereitete, um als Jude das Vorbild dieser Befreiung zu sein, derweil strahlte unsere Mutter schon beim Arbeiten. Alle jüdischen Frauen des Dorfes waren zu ihr gekommen, um unter ihrer Leitung das Pessach-Fest zu bereiten. Unser Hausbesitzer betrachtete dieses geschäftige Treiben mit viel Genugtuung. Mit Wasser, Seife und frischem Kalk wurde das ganze Haus wie neu. Die speziellen Ostergeschirre blitzten schon vor Sauberkeit. Der Backofen wurde peinlichst gesäubert und Vater sprach den Segen der Reinigung. Dann wurde das Brot der Wüste, die Matze, gebacken, so wie damals beim Auszug aus Ägypten, es wurde Mehl mit Wasser vermengt und der Teig auf die heißen Steine gestrichen. Dies alles, damit wir an Leib und Seele die Befreiung, die vierzig Jahre des Wanderns durch die Wüsten, wahrhaftig neu erleben sollen. Ein schweres Erinnern. Bis endlich Moses das verheißene Land dem Volke Israel zeigen durfte.
“Papa, die Christen feiern aber auch Ostern und sind doch Götzendiener. Sie haben Jesus, Maria und Joseph. Ich bin einmal heimlich in die Kirche gegangen, es gibt noch viele andere Bilder dort. Man soll doch keine Bilder anbeten!?”
“David, die Christen sind noch nicht mit uns vierzig Jahre durch die Wüsten gewandert, darum ist ihr Osterfest anders. Sie machen sich alles viel leichter.”