Книга Der energethische Imperativ читать онлайн бесплатно, автор Hermann Scheer – Fictionbook, cтраница 3
Hermann Scheer Der energethische Imperativ
Der energethische Imperativ
Der energethische Imperativ

3

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Hermann Scheer Der energethische Imperativ

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Die systematische Bestandsaufnahme, die ich in diesem Buch versuche, ist als Navigationshilfe für Durchbruchsstrategien gedacht. Ihr liegen meine Erfahrungen in der Entwicklung und im Durchsetzen der bisher national und international erfolgreichsten politischen Initiativen für erneuerbare Energien zugrunde – und ebenso meine Beobachtungen über Erfolge und Misserfolge von Konzepten in vielen Ländern. Um etwas durchzusetzen, muss man erkennen, mit welchen Hindernissen zu rechnen ist und wie sie überwunden werden können. Dazu muss man wissen, welche Interessen und Absichten hinter den Widerständen stehen und welche Kräfte dagegen gesetzt werden müssen. Dabei steht jeder einzelne Akteur vor der Frage, welches Grundverständnis von Realismus seinem eigenen Handeln zugrunde liegt: Zu viele verstehen darunter, nur das zu verfolgen, was im bestehenden Rahmen und in den gegebenen Kräfteverhältnissen realisierbar scheint. Wenn sich aus der Analyse eines Ist-Zustands aber nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten ergeben, die auf die reale Herausforderung keine angemessene Antwort erlauben, ist ein anderes Verständnis von Realismus gefordert, das auf die Veränderung des Parallelogramms der Kräfte zielt, um den Handlungsrahmen erweitern zu können. Angesichts der sich zuspitzenden Gefahren aus der überkommenen Energieversorgung geht es nicht mehr nur um eine Politik als »Kunst des Möglichen«, sondern um eine möglich zu machende Politik der »Kunst des Notwendigen«. Das ist der reale Realismus, der für den Energiewechsel notwendig ist. Analysen und Konzepte müssen kompromisslos durchdacht werden. Kompromisse, die in der Regel unvermeidlich sind, gehören in das Feld der praktischen Umsetzung. Deshalb zeige ich, welche Engpässe bewältigt werden müssen und warum eindimensionale Betrachtungen nicht weiterführen. Gedankliche Öffnungen sind die Voraussetzung für praktische Durchbrüche.

Der politische Schlüssel für den Energiewechsel besteht darin, den bestehenden energiewirtschaftlichen Handlungsrahmen aufzubrechen. Dieser ist zwangsläufig partikular und engt die umfassenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Chancen des Wechsels zu erneuerbaren Energien ein. Als gesamtwirtschaftliches und -gesellschaftliches Zukunftsprojekt kann der Energiewechsel nicht nur mit energiewirtschaftlichen Methoden und Kalkulationen realisiert werden. Die laufend vielfältiger werdenden technologischen Möglichkeiten machen ihn in einer Rasanz realisierbar, die Gegenwartspragmatiker für unmöglich halten. Ein schneller Energiewechsel bedarf zahlreicher autonomer Akteure, die mit ihren Initiativen nicht warten wollen und auch nicht abwarten müssen, was andere tun. Diese These, die ich in meinem Buch »Energieautonomie« (2005) vertreten und begründet habe, hat sich in der Praxis mittlerweile einschlägig bestätigt, entgegen den Unkenrufen der üblichen Sachzwangexperten. Um den Kleinmut zu überwinden, bedarf es weiterer politischer Schneisenschläge. Diese sind schon deshalb erforderlich, weil die konventionelle Energiewirtschaft ihre dominante Rolle nur durch vielfältige politische Protektion erringen konnte und aufrechterhalten kann. Diese Protektion, von der kaum gesprochen und die weit weniger kritisch betrachtet wird als politische Initiativen für erneuerbare Energien, muss politisch aufgekündigt werden.

Mein Ausgangspunkt sind nicht die erneuerbaren Energien, sondern ist die Gesellschaft – aus der Erkenntnis, welche elementare Bedeutung der Energiewechsel für deren Zukunftsfähigkeit hat. Ich bin nicht von den erneuerbaren Energien zur Politik für diese gekommen, sondern aus meiner Problemsicht und von meinem Verständnis politischer Verantwortung zu den erneuerbaren Energien. Der Wechsel zu erneuerbaren Energien hat eine zivilisationsgeschichtliche Bedeutung. Deshalb müssen wir wissen, wie wir ihn beschleunigen können. Knapp sind nicht die erneuerbaren Energien, knapp ist die Zeit.

TEIL I

1. KEINE ALTERNATIVE ZU ERNEUERBAREN ENERGIEN: Der lange verdrängte naturgesetzliche Imperativ

Wie konnte es zu der dramatischen Zuspitzung auf eine Entscheidungssituation kommen, in der der Wechsel zu erneuerbaren Energien unter einem existenziellen Zeitdruck steht? Warum wurden erneuerbare Energien so lange negiert oder gering geschätzt? Diese Fragen müssen gestellt werden, trotz des Satzes von Albert Einstein: »Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.« Um jedoch auf das richtige Zukunftsgleis zu kommen, ist das Diktum des Philosophen Sören Kierkegaard zu beachten: »Leben muss man das Leben vorwärts, verstehen kann man es nur rückwärts.« Der Rückblick hilft, die geistigen und strukturellen Widerstände, die der Zukunftsentwicklung im Wege stehen, klar genug zu erfassen. Jede Vergangenheit hinterlässt ihre gedanklichen, realen und psychologischen Spuren, ob sie uns bewusst sind oder nicht. Bemerkenswert ist nicht die in den letzten Jahren sprunghaft gewachsene Erkenntnis des grundlegenden Stellenwerts der erneuerbaren Energien, sondern vielmehr, wie lange dieser Erkenntnisprozess gedauert hat und dass es nicht längst viel mehr erprobte Technologien und konkrete Initiativen dafür gibt.

Naturgesetzlich war immer schon vorgegeben, dass die Nutzung fossiler Energien nur ein Übergangsstadium sein konnte. Kristallklar und unwiderlegbar hat Wilhelm Ostwald, der 1909 den Nobelpreis für Chemie erhielt, in seinem 1912 publizierten Buch »Der energetische Imperativ« darauf hingewiesen, dass die »unverhoffte Erbschaft der fossilen Brennmaterialien« dazu verführt, »die Grundsätze einer dauerhaften Wirtschaft vorläufig aus dem Auge zu verlieren und in den Tag hinein zu leben«. Da sich diese Brennmaterialien unweigerlich aufbrauchen würden, ergebe sich daraus zwingend die Erkenntnis, dass eine »dauerhafte Wirtschaft ausschließlich auf die regelmäßige Energiezufuhr der Sonnenstrahlung gegründet werden kann.« So kam er zu seinem Imperativ: »Vergeude keine Energie, verwerte sie.« Mit Vergeudung meinte er die Verbrennung der fossilen Energien, die ein zerstörender Vorgang ist, weil die verwendeten Ressourcen dadurch für den Energieeinsatz unwiederbringlich verloren sind. Dagegen setzt er die Verwertung der immer vorhandenen Energie, die wir heute erneuerbare Energie nennen und die in Dänemark treffender »bleibende Energie« genannt wird. Dem »energetischen Imperativ« räumt Ostwald einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert ein als dem »kategorischen Imperativ« des Philosophen Immanuel Kant: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.«[3]

Einfacher ausgedrückt, in einem alten Sprichwort: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem andern zu.« Jeder will in sauberer Luft leben, weshalb auch keiner die Luft anderer verschmutzen dürfte. Jeder Mensch braucht Energieressourcen, weshalb keiner so viel Energie beanspruchen darf, dass für andere nichts mehr übrig bleibt. Fest steht: Schon bisher reichte die fossile und die atomare Energie nicht aus, um die Energiebedürfnisse der gesamten Menschheit zu befriedigen. In naher Zukunft wird dies, angesichts der sich erschöpfenden Reserven bei gleichzeitig wachsendem Energiebedarf, immer weniger möglich sein. Ostwald sieht in Kants Imperativ ein Sittengesetz, während sein Imperativ naturgesetzlich ist. Ob ein Sittengesetz beachtet wird oder nicht, ist eine moralische Frage. Sie entscheidet über die Qualität des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ein Naturgesetz lässt uns dagegen keine Wahl. Seine Nichtbeachtung hat für die Gesellschaft so schwerwiegende Folgen, dass sie auch eine Verwirklichung der ethischen Grundsätze Kants letztlich unmöglich machen würde.

Ostwalds elementare Warnungen wurden überhört, obwohl er zu den weltweit anerkannten Wissenschaftlern seiner Zeit zählte. Dabei war der Energieverbrauch am Beginn des 20. Jahrhunderts noch vergleichsweise gering. Es gab nur 1,5 Milliarden Menschen auf der Erde statt 6,5 wie heute. Die Elektrifizierung steckte noch in den Anfängen, ebenso der Automobilverkehr. Es gab noch keinen Flugverkehr und ein deutlich geringeres Handels- und damit Transportvolumen, nur wenige energieverbrauchende Haushaltsgeräte und weder Radio noch Fernsehen. Die elementaren Warnungen Ostwalds kamen, je nach Blickwinkel, zu früh oder zu spät. Zu früh, weil das Problem noch nicht unter den Nägeln brannte. Und zu spät, weil die fossile Energiewirtschaft schon fest etabliert war und auf die Politik, die Industrieunternehmen und nicht zuletzt auf die technologische Entwicklung entscheidenden Einfluss ausübte.

Die fossile Energiewirtschaft hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine über hundert Jahre lange Geschichte, beginnend mit einer technologischen Revolution: der Dampfmaschine von James Watt. 1769 patentiert, wurde sie anfangs mit Holzkohle und dann mehr und mehr mit Steinkohle befeuert. Sie wurde zum Motor der industriellen Revolution, eingesetzt in der Industrieproduktion, dann in der Dampfschifffahrt und in Dampflokomotiven für die aufkommenden Eisenbahnen, und schließlich in Dampfkraftwerken, die noch heute die Technologie der meisten Großkraftwerke darstellen, von Kohle- bis zu Atomkraftwerken. Die Dampfmaschine begründete das Entstehen der modernen Energiewirtschaft, die zunächst eine Kohlewirtschaft war und sich dann zu einer Öl- und Gaswirtschaft ausweitete: zu einer Energieverbrennungswirtschaft. Nur eine zweite energietechnische Entwicklung hatte eine ebenso tief greifende Bedeutung: der Verbrennungsmotor, mit dem die Automobil-Revolution ausgelöst und der Flugverkehr möglich wurde. Aber auch diese Revolution richtete sich in ihrer technologischen Ausformung und Spezialisierung an den fossilen Energien aus, die bereits das Energieangebot stellten, was der fossilen Energiewirtschaft einen noch größeren Auftrieb gab. So gesehen hat eine Technologie für nunmehr zwei Jahrhunderte die Weichen gestellt, zufällig und in bester Absicht, jedoch mit unvorhergesehenen Kettenwirkungen.

Die Büchse der Pandora war geöffnet. Die Figur der Pandora symbolisiert in der griechischen Mythologie zusammen mit Prometheus das Energiedrama der Menschheit. Prometheus steht für einen neuen Energieentwurf oder die Suche danach, als derjenige, der das Feuer vom Himmel stahl und die Menschen lehrte, es zu gebrauchen. Der Göttervater Zeus betrachtete das als Frevel, weil den Menschen damit ein großes Unglück beschert wurde, ohne dass sie es in ihrer Begeisterung ahnten, und kettete Prometheus an einen Felsen. Da es aber nicht mehr möglich war, den Menschen das Feuer wieder wegzunehmen, wollte Zeus auch sie bestrafen. Er schuf die Figur der Pandora und schenkte ihr eine verschlossene Büchse, in der alle bösartigen Versuchungen enthalten waren. Diese verstreuten sich über die ganze Welt, als Pandora die Büchse neugierig öffnete. In der Büchse blieb nur die Hoffnung auf eine bessere Welt. Prometheus steht also für das vermessene Streben nach Möglichkeiten, die das menschliche Maß überschreiten, Pandora für die Verlockung, die sich daraus ergebenden Übel leichtsinnig freizusetzen.

Alle Sorgen, dass sich die Energieversorgung in umfassender und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringender Weise auf endliche fossile Energievorkommen eingelassen hatte, wurden in den 1950er Jahren durch die Atomenergie zerstreut. Diese wurde als saubere und tendenziell spottbillige Alternative zu den versiegenden fossilen Energien gepriesen. Sie erschien als ein neues, menschengemachtes prometheisches Geschenk. In der atomaren Euphorie überhörte man alle Warnungen, dass die Gesellschaft nun von der fossilen in eine atomare Sackgasse gelenkt werden könnte. Die hochkomplexe Atomenergie faszinierte. Den Atomphysikern wurde höchster Respekt gezollt. Es galt als unvorstellbar, dass die alle bisherigen physikalischen Errungenschaften weit überragende Kernspaltung, die für die Konstruktion von Atombomben entwickelt worden war, nicht auch einen überragenden zivilen Nutzwert haben könnte. Frühe Kritiker der Atomenergie wurden zu Randfiguren erklärt. Das musste z.B. Karl Bechert erleben, ein renommierter Professor der Naturwissenschaften, der zugleich Mitglied des Deutschen Bundestages war. Eindringlich warnte er vor den unlösbaren Gefahren der Atomenergie. Als 1957 das Atomgesetz beschlossen wurde, das ihr die Wege ebnete, stimmt er als einziger dagegen. Selbst in seiner eigenen Partei, der SPD, stieß er auf taube Ohren. Sein Widerspruch wurde als Ärgernis empfunden.

Die erste Nachkriegsgeneration stand unter dem Schock der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vom August 1945. Sie lebte im kurz danach beginnenden »Kalten Krieg« zwischen »West« und »Ost« in akuter Angst vor einem Atomkrieg. Auch das erklärt die Hoffnung auf eine »friedliche Nutzung der Atomenergie«: angesichts des atomaren Wettrüstens und der atomaren Abschreckungsstrategien sollte der destruktiven Technologie der Atomspaltung eine konstruktive Seite abgewonnen werden. So wurde aus der Bewegung gegen die Atombombe eine für Atomkraftwerke. Erst später, ab den 1970er Jahren, reifte und verbreitete sich das Bewusstsein, dass auch diese Hoffnung eine gefährliche Schimäre ist. Aber die sich spätestens jetzt aufdrängende Konsequenz wurde immer noch nicht gezogen, das volle Augenmerk auf die erneuerbaren Energien – also auf die nichtfossile Alternative zur Atomenergie – zu richten. Noch erschien es selbst der aufkeimenden Umweltbewegung unvorstellbar, dass erneuerbare Energien allein die Energiebedürfnisse der Menschen befriedigen könnten. Bis in die 1990er Jahre hinein scheuten sich die meisten Wissenschaftler und Politiker, sich offen für erneuerbare Energien als ebenbürtige und sogar überlegene und höherwertige Option für die Energieversorgung auszusprechen. Selbst Verfechter der erneuerbaren Energien beugten sich der herrschenden Meinung und warben für ihre Projekte oftmals in einem entschuldigenden Ton. Ihnen war bewusst, dass sie damit Häresie gegen das ausgerufene »Atomzeitalter« begingen.

A. Die Macht des Bestehenden: Das Weltbild der fossilen und atomaren Energieversorgung

Jahrzehntelang hat die Atomenergie davon abgelenkt, dass die erneuerbaren Energien die originäre Alternative zu fossilen Energien darstellen. Der Atomenergie wurde die tragende Rolle für das nachfossile Zeitalter zugedacht, sogar mit Ausschließlichkeitsanspruch. Wäre stattdessen vor einem halben Jahrhundert mit derselben Intensität auf erneuerbare Energien gesetzt worden, so hätten wir wahrscheinlich heute kein die Weltzivilisation bedrohendes Klimaproblem. Wir hätten dann keine Energiekriege erleben müssen wie den Golfkrieg oder den Irakkrieg. Es gäbe deutlich weniger Luftverschmutzung und weniger Krankheiten – und keinen Atommüll, von dem wir nicht wissen, wo, wann und wie wir ihn dauerhaft und sicher lagern sollen und welche Probleme und Kosten er für undenkbar lange Zeiträume hinterlässt. Wir hätten wahrscheinlich längst eine Industrie mit Cleantech-Produkten, kaum Umweltflüchtlinge und weniger Armut in den Entwicklungsländern. Wir würden heute in einer Welt ohne kollektive Zukunftsängste leben. Die Weltzivilisation könnte sicher sein, den folgenden Generationen gleiche Lebenschancen zu hinterlassen, statt ihnen untragbare Lasten aufzubürden.

Dieses Gedankenspiel ist mehr als ein wehmütiger Rückblick: Den erneuerbaren Energien standen tatsächlich schon in den 1950er Jahren mehr greifbare technologische Möglichkeiten offen als der Atomenergie. Noch bevor ein einziges Atomkraftwerk gebaut war, gab es auf diesem Feld vielerlei praktische Erfahrungen. Wie Strom aus Wind produziert wird, wusste man bereits, seit der dänische Schulmeister Paul la Cour 1891 die erste Anlage in Betrieb genommen hatte. In den USA gab es in den 1930er Jahren schon mehrere Millionen Windräder in den Farmregionen.[4] Wie man Strom in solarthermischen Kraftwerken produziert, hatte Frankreich bereits demonstriert, nachzulesen in dem Buch »Das goldene Öl« von Marcel Perrot.[5] Auch die Stromerzeugung durch Lichtumwandlung (Photovoltaik) machte ab Mitte der 1950er Jahre erste Fortschritte. Zunächst war sie für die Raumfahrt entwickelt worden, wie in dem wegweisenden Buch von Wolfgang Palz über die Geschichte dieser Technologie rekapituliert wird.[6] Dass Strom mit von Wasser angetriebenen Turbinen produziert werden kann, war ohnehin Allgemeingut, denn die Geschichte der Stromproduktion begann mit vielen kleinen Wasserkraftwerken, bevor der Trend zu Großwasserkraftwerken mit immer größeren Stauseen einsetzte. Dezentrale Anlagen in Fließgewässern stellten längst ein großes Potenzial dar, das jedoch zunehmend vernachlässigt wurde. Auch für die Nutzung von Biogas gab es schon viele Beispiele, ebenso wie für Kraftstoffe aus Biomasse. Die technologischen Erfordernisse, um aus solchen Optionen ein zuverlässiges System der Stromversorgung zu machen, waren stets weniger komplex und aufwendig als bei der Atomenergie. Heute sind – trotz immer noch anhaltender Benachteiligung der erneuerbaren Energien in der staatlichen Forschungspolitik im Verhältnis zur Atomenergie – die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Umorientierung auf erneuerbare Energien so weit entwickelt, dass die vollständige Transformation der Energieversorgung ohne weitere Verzögerung zügig vorangetrieben und damit die atomare und fossile Epoche beendet werden kann.

Die auf fossile und Atomenergie gestützte Energieversorgung wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Leitbild der Energieversorgung. Zu diesem gehört die Fixierung auf Großkraftwerke und dafür ausgelegte Stromnetze. Leitbilder, denen mehrere Generationen gefolgt sind, werden zu Axiomen – d. h. zu Grundannahmen, die keines weiteren Beweises mehr bedürfen und deren Infragestellung tabuisiert wird. In der Wissenschaft wurde daraus ein Paradigma, das die Denkrichtung bestimmte und Widerspruch ausschloss. Der Konsens der Wissenschaft übertrug sich auf die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt. Er bestimmt Entscheidungen, die physische Gestalt annehmen und für breite Bevölkerungskreise zur Selbstverständlichkeit werden. Menschen versuchen gewöhnlich, die Welt über das zu verstehen, was sie sehen und was ihr Verhalten geprägt hat. Das Paradigma wird zum Weltbild, das das Denken und Handeln selbst dann noch unbewusst bestimmt, wenn es Alternativen gibt. Es hält sich umso hartnäckiger, wenn starke Interessen mit meinungsbildendem Einfluss unbedingt daran festhalten wollen. Das Ergebnis ist dann eine hermetische Sicht der Dinge mit beschränkter Außenwahrnehmung.

Das bekannteste historische Beispiel einer hartnäckigen Weltbildverhaftung ist das der katholischen Kirche gegenüber der Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Diese Entdeckung des Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473–1543) widersprach dem geozentrischen Weltbild, das zum Glaubenssatz der Kirche geworden war, die die Erde als Zentrum des Universums und den Menschen als Zentralfigur der Schöpfung sah. Der Konflikt darüber entbrannte jedoch erst, als die neue heliozentrische Weltsicht von Galileo Galilei (1564 –1642), dem berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit, bestätigt und öffentlich verbreitet wurde. Deshalb wurde er der Häresie beschuldigt. Es dauerte dreihundertsechzig Jahre, bis Galilei im Jahr 1992 von Papst Johannes Paul II. – nach einer dreizehn Jahre dauernden Untersuchung! – öffentlich rehabilitiert wurde, zu einem Zeitpunkt also, als das heliozentrische Weltbild längst Allgemeingut geworden war. Das Eingeständnis, dass die erneuerbaren Energien die durchgängige Perspektive für die Energieversorgung der Menschen sind, bedeutet eine kopernikanisch-galiläische Wende im Denken über Energie und in der Praxis der Energiebereitstellung. Die Negierung der erneuerbaren Energien und die Verketzerung ihrer Protagonisten hat nicht so lange gedauert wie bei Galilei. Sie wurde aber für die jüngere Weltentwicklung entschieden folgenreicher.

Auch die Verfechter der überkommenen Energieversorgung haben ihre Kurie, ihre Theologen und ein gut etabliertes Organisationsgefüge: Energiekonzerne, internationale Energieinstitutionen (Internationale Atomenergie-Agentur, Internationale Energie-Agentur, Nuclear Energy Agency, EURATOM) sowie nationale Institutionen. Diese monopolisierten jahrzehntelang die Energiediskussion und repräsentieren bis heute das überkommene Energiedenken. Die Umstellung auf erneuerbare Energien erfordert – schon aus physikalischen Gründen – ein neues Denken. Kein System der Energiebereitstellung – gemeint ist damit der technologische, organisatorische, finanzwirtschaftliche und politische Gesamtaufwand, um Energie verfügbar zu machen – kann neutral gegenüber seinen Energiequellen sein. Es wäre eine krasse Fehlentwicklung, die auf die fossilen und atomaren Energien zugeschnittenen Strukturen beizubehalten und innerhalb dieser lediglich die Energiequellen auszutauschen. Die jeweiligen technologischen, organisatorischen, finanziellen und politischen Anforderungen an eine Energiebereitstellung können nicht unabhängig von den jeweiligen Energiequellen gesehen und verstanden werden. Ohne energie-, technik- und wirtschaftssoziologische Sichtweise werden wir blind gegenüber den weit über die Energieversorgung hinausgehenden Unterschieden zwischen den Energiequellen. Wir haben nur eine Entscheidung: die über die Energiequelle selbst, die das »Gen« eines Energiesystems ist. Nach der Wahl der Energiequelle bestimmt indirekt diese, was alles zu tun ist, um sie verfügbar zu machen und zu halten. Unweigerlich muss dann den unterschiedlichen physikalisch-technischen Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Energiequelle gefolgt werden, entlang des gesamten Energieflusses vom Ort der Aneignung bis zu den Energiekonsumenten.

Die Adressaten jedweder Energiebereitstellung sind die Energiekonsumenten. Konsumiert wird letztlich immer dezentral – ob in größeren Mengen, etwa in einer Fabrik, in räumlicher Verdichtung, etwa in einer Großstadt, oder in vielen kleineren Formen und Mengen, im Haushalt oder Automobil. Dezentraler Energiekonsum ist die einzige zwingende Gemeinsamkeit der konventionellen mit einer erneuerbaren Energieversorgung. Die Primärressourcen atomarer und fossiler Energien finden wir an nur wenigen Plätzen des Globus, wo Kohle-, Uran-, Erdöl- und Erdgasreserven konzentriert unter der Erde liegen. Von dort werden diese Energien über lange Transportstrecken zu Kraftwerken und Raffinerien und zu Milliarden Energiekonsumenten an nahezu jedem Ort der Erde transportiert, wo Menschen arbeiten und leben: Es findet also eine Entkoppelung der Räume der Energieförderung von den Räumen des Energiekonsums statt. Diesen Energiefluss von den wenigen Förderplätzen in wenigen Ländern zu Milliarden Energiekonsumenten in aller Welt können nur große, transnational tätige oder kooperierende Energiekonzerne leisten. Und da es an keiner Stelle der Kette eine Unterbrechung geben darf, sind diese auf eine enge Zusammenarbeit mit Regierungen angewiesen – und umgekehrt. Daher sind Regierungen zum integralen Bestandteil der atomaren/fossilen Energiewirtschaft geworden. So entstand, in begrifflicher Analogie zum »politisch-militärischen Komplex«, der »politisch-energiewirtschaftliche Komplex«. Die konventionelle Energiewirtschaft konnte sich unverzichtbar machen und bleibt unverzichtbar, solange fossile und atomare Energien nicht durch erneuerbare Energien ersetzt sind. Sie hat die Gesellschaften angekettet und das Selbstverständnis einer »Hüterin der Volkswirtschaft« annektiert, während Regierungen zu »Hütern der Energiewirtschaft« wurden. Sie errang nicht nur eine bereits von ihren Energiequellen vorbestimmte Monopol- bzw. Oligopolstellung, sondern auch ein geistiges Monopol. Sie hat das Weltbild der Energieversorgung geprägt, das nicht aus einer Verschwörung entstand, sondern aus den inhärenten Erfordernissen der gewählten Energiequellen.

Dies ist auch der Grund, warum den erneuerbaren Energien – soweit sie nicht in die von den konventionellen Förderplätzen vorgegebene zentralisierte Energieversorgung passen wie die Großwasserkraftwerke – überall mit dem gleichen Unverständnis und den gleichen Vorbehalten mangelnder Effizienz begegnet wurde und noch wird. Obwohl auch die konventionelle Energiewirtschaft auf eine breite dezentrale Verteilung ausgerichtet sein muss, ist für sie die mit den erneuerbaren Energien entstehende breit gestreute dezentrale Erzeugung praktisch unvorstellbar. Die Primärenergie ist kostenlos, was Franz Alt, der weltweit für erneuerbare Energien engagierteste Journalist, mit dem Satz »Die Sonne schickt uns keine Rechnung« auf den Punkt gebracht hat. Niemand kann also erneuerbare Energien monopolisieren. Als natürliche Energieangebote sind sie vorhanden, ob wir sie aktiv nutzen oder nicht. Ihr Weltpotenzial ist unvorstellbar groß. Der Astrophysiker Klaus Fuhrmann hat vorgerechnet: Jede Sekunde wandelt die Sonne vier Mio. Tonnen Materie in Energie um und strahlt diese ab: 386.000.000.000.000.000.000.000 (386 Trilliarden) Watt pro Sekunde; ein halbes Milliardstel davon trifft unseren Planeten.[7] Dies sind täglich immer noch 20.000 Mal mehr als der derzeitige tägliche Energiebedarf der Menschen. Zweifel daran, dass dieses Potenzial für die Energieversorgung der Menschheit ausreichen könnte, sind lächerlich.

ВходРегистрация
Забыли пароль