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Hermann Scheer Der energethische Imperativ
Der energethische Imperativ
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Hermann Scheer Der energethische Imperativ

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– In welchen Strukturen sollen die erneuerbaren Energien verfügbar gemacht werden: in dezentralen und/oder zentralen?

– Welche politischen Konzepte sind für die generelle Transformation zu erneuerbaren Energien ausschlaggebend? Muss der Schwerpunkt auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene liegen?

– Welche Akteure können den Energiewechsel vorantreiben, und welche Rolle spielt dabei die konventionelle Energiewirtschaft?

Welche Antworten gegeben werden, ist von höchster politischer und wirtschaftlicher Brisanz und hat entscheidenden Einfluss darauf, wie die wichtigste Frage beantwortet wird: die Zeitfrage. Kann der historisch fällige, vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien so rechtzeitig realisiert werden, dass wir den von der konventionellen Energieversorgung verursachten Tragödien noch entkommen können? Wer und was bremst, und wie kann die Entwicklung beschleunigt werden? Vor allem an dieser Frage müssen sich alle zuvor gestellten messen lassen.

Scheinkonsens

Der suggerierte Konsens über erneuerbare Energien lenkt davon ab, dass die eigentlichen Konflikte erst begonnen haben, allerdings in veränderter Gemengelage. Er verführt dazu, die mit dem Energiewechsel zwangsläufig verbundenen Konflikte zu unterschätzen – was bedeutet, sich ihnen nicht zu stellen. Diese Konflikte unterscheiden sich zwar von den früheren um erneuerbare Energien, sind jedoch auch tiefgreifender geworden. Wo der Wechsel zu erneuerbaren Energien praktisch eingeleitet ist, geht es jetzt ans »Eingemachte«: Die praktische Ablösung atomarer und fossiler Energien betrifft unmittelbar die Struktur des etablierten Energiesystems, die eng mit den herrschenden Produktions- und Konsumbedingungen, Wirtschaftsordnungen und politischen Institutionen verwoben ist. Sie rührt unmittelbar an die Existenzinteressen der etablierten Energiewirtschaft, die der größte und vor allem politisch einflussreichste Sektor der Weltwirtschaft ist. Dies lässt sich an den widersprüchlichen Entwicklungen der weltweiten Energieaktivitäten ablesen.

Neben den bereits skizzierten Aufbrüchen zu erneuerbaren Energien stehen politische Initiativen wie die von US-Präsident Obama, der chinesischen und der indischen Regierung, ja sogar von Öl- und Gasexportländern in der Golfregion. Die Europäische Union hat mittlerweile gesetzlich festgeschrieben, dass ab 2012 alle geplanten öffentlichen Gebäude einen Null-Emissionsstandard haben müssen, und ab 2020 alle neu zu errichtenden privaten Gebäude – was nur mit erneuerbaren Energien und energieeffizienten Bauweisen erreichbar ist. China bildet in Afrika zehntausend Techniker für Solarenergie aus. In Bangladesh werden mithilfe von Mikrokrediten und der Ausbildung von technischen Servicekräften jährlich mehr als hunderttausend kleine Solaranlagen installiert. In Deutschland, das im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz zum internationalen Vorreiter für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien geworden ist, wird inzwischen in allen Parteien davon gesprochen, bis Mitte des Jahrhunderts die gesamte Stromversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Zahlreiche deutsche Städte und Landkreise haben sich entschlossen, innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien zu realisieren; einige haben dies in der Strom- und Wärmeversorgung bereits erreicht, ebenso wie Kommunen in Österreich oder Dänemark.

Große Weltfirmen wie Bosch, General Electric und Siemens haben einen strategischen Schwerpunkt auf erneuerbare Energien gelegt. Auch Stromkonzerne wie die deutschen E.ON und RWE investieren größere Summen in erneuerbare Energien. Automobilkonzerne rüsten sich für die Produktion von Elektromobilen und votieren dafür, deren Strombedarf mit erneuerbaren Energien zu decken. Große Banken, von der New Yorker Wallstreet bis zu den Bankenplätzen in Frankfurt und London, haben ansehnliche Kreditportfolios für erneuerbare Energien bereitgestellt, und Investmentfonds für erneuerbare Energien sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die überwiegend kleineren und mittleren Unternehmen, die sich auf erneuerbare Energien spezialisiert haben und zu Pionieren wurden, sind nicht mehr unter sich. Einige wachsen zu großen Unternehmen, andere werden von großen Konzernen übernommen, die damit Versäumtes aufholen wollen.

Doch andererseits sind gegenläufige Entwicklungen nicht zu übersehen, die immer noch ganz andere Prioritäten verraten: Weltweit wird immer noch deutlich mehr in konventionelle Energien investiert; 2009 war es das Vierfache. Es sind Investitionen in konventionelle Großkraftwerke und Pipelines, teilweise in zweistelliger Milliardenhöhe und mit langen Amortisationszeiten, die die bestehenden Verhältnisse für mehrere Jahrzehnte festschreiben. Präsident Obama musste sich für seine Initiativen die weitere Förderung von Atomenergie, den Bau neuer Kohlekraftwerke und umstrittene Genehmigungen für neue Ölbohrungen und Pipelines vom US-Kongress abringen lassen. In China liegt der Schwerpunkt auf dem Bau neuer Kohlekraftwerke, ebenso in Indien. Eine milliardenschwere Subventionswelle für die Abscheidung von CO2 in Kohlekraftwerken läuft bereits – gefördert werden sogenannte CCS-Kraftwerke, um das CO2 anschließend in Erdlager zu pressen. Schon hat die EU-Kommission für diese Technologie mehr Investitionshilfen bereitgestellt als für die direkte Investitionsförderung in erneuerbare Energien. Der Energiekonzern Shell hat seine in den 1990er Jahren begonnene Solarinitiativen schon wieder weitgehend aufgegeben und verkündet stattdessen sein Engagement für CCS-Investitionen. In der kanadischen Provinz Alberta graben gigantische Bagger Teersände in einem dafür vorgesehenen Fördergebiet von 20.000 qkm aus, um daraus fossile Kraftstoffe zu produzieren; mit erschreckenden Eingriffen in den natürlichen Wasserhaushalt, weil für die Produktion von einem Liter Erdöl 20 l Wasser gebraucht werden. In West Virginia, der US-Kohleregion, werden ganze Berge weggesprengt, um mit immer größeren Baggern noch mehr Kohle zu fördern. Die katastrophalen Folgen von Tiefenbohrungen auf dem Meeresboden konnte die Weltöffentlichkeit im Golf von Mexiko vor der US-amerikanischen Küste verfolgen. Schon hoffen einige auf schmelzendes Nordpoleis, um die unter der Eisdecke liegenden fossilen Ressourcen fördern zu können.

Der französische Staatspräsident Sarkozy hat zwar mehr Initiativen für erneuerbare Energien eingeleitet als seine Vorgänger, betätigt sich aber vorwiegend als internationaler Handlungsreisender, um Aufträge für Atomkraftwerke nach Frankreich zu holen. Die britische Regierung hat zwar im April 2010 ein Einspeisegesetz für erneuerbare Energien nach deutschem Vorbild beschlossen, betreibt aber gleichzeitig den Bau neuer Atomkraftwerke. Die finnische Regierung hat im April 2010 die Baugenehmigung für zwei neue Atomreaktoren beschlossen, obwohl die Partei der Grünen an der Regierung beteiligt ist. Polen plant aktuell zwei Atomkraftwerke. Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Berlusconi hat den Bau von Atomreaktoren angekündigt, obwohl 1987 eine Volksabstimmung gegen Atomkraftwerke votierte. Russland und die Ukraine vereinbarten im Frühjahr 2010 einen gemeinsamen Plan, ihr atomtechnisches Know-how zu bündeln, innerhalb eines Jahrzehnts ihre Atomstromproduktion zu verdoppeln und diese international anzubieten. Abu Dhabi hat Anfang 2010 vier Atomreaktoren in Korea bestellt, und Vietnam will in die Atomproduktion einsteigen. Selbst Brasilien – das Land, das zusammen mit Russland, Kanada und Australien das üppigste natürliche Potenzial erneuerbarer Energien besitzt – plant neue Atomkraftwerke. Die Internationale Energieagentur (IEA) fordert bis 2050 den Bau von jährlich zweiunddreißig neuen Atomkraftwerken, was bedeuten würde, dass alle elf Tage ein neues hinzukäme. Ein aggressives Weitermachen, selbst wenn diese Energien nachweislich kostspieliger werden als erneuerbare Energien: Was gefunden wird, muss gefördert und verkauft werden. Die globale »Pyromanie«, wie ich diese Zwangsvorstellung in meinem Buch »Solare Weltwirtschaft« nannte, wird unverdrossen fortgesetzt: »drill, drill, drill« ist die von »big oil« intonierte Parole des Krieges gegen die Umwelt, die selbst während der Bohrkatastrophe im Golf von Mexiko nicht verstummte. Das Schicksalsspiel mit der Erde wird fortgesetzt, immer mit der Rechtfertigung, dass das Potenzial erneuerbarer Energien »derzeit« nicht ausreichend sei.

Obwohl also erneuerbare Energien salonfähig geworden sind, sollen sie keinesfalls den Bestand des fossilen und atomaren Energiesystems antasten, sondern nur für den zusätzlichen Energiebedarf zur Verfügung stehen: Es soll also möglichst keine Substitution atomarer und fossiler Energien stattfinden! Dieses Bestandsinteresse wird auch in Deutschland geltend gemacht. Es schlägt sich nieder im Versuch, den 2001 beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig zu machen, ebenso in zahlreichen Plänen für den Bau neuer Kohlekraftwerke – mit Kapazitäten, als wären die erneuerbaren Energien kaum noch weiter ausbaufähig. Gleichzeitig häufen sich orchestrierte Attacken auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das einen schnellen Ausbau begünstigt. Zum Chor der Abwiegler erneuerbarer Energien gehören auch wirtschaftswissenschaftliche Institute. Der neue Konsens über erneuerbare Energien ist ein Scheinkonsens. Die etablierten Kräfte der Energieversorgung zielen allenfalls auf eine Koexistenz von atomaren und fossilen mit erneuerbaren Energien – mit möglichst großem Anteil für erstere und der Forderung, dass erneuerbare Energien in die Strukturen der herkömmlichen Energieversorgung eingepasst und entsprechend kanalisiert und beschränkt werden müssten.

Das Grundmuster des eigentlichen Energiekonflikts hat sich also kaum geändert. Es ging dabei immer nur vordergründig um das Pro oder Contra zu erneuerbaren Energien, im Kern doch stets um die Strukturen der Energieversorgung und die Verfügungsmacht darüber. Die Ausrichtung auf die fossilen Energiequellen und später auf die Atomenergie ließ das heutige System der Energieversorgung entstehen. Die Umorientierung auf erneuerbare Energien gefährdet seine Struktur. Deshalb richten sich – nach der Phase der Ablehnung und des Belächelns ihrer Wegbereiter – nunmehr die Kräfte darauf, das Tempo des Energiewechsels zu drosseln. Deshalb mehren sich auch die Versuche der traditionellen Energiewirtschaft, Einfluss auf politische Entscheidungen, die Medien und die öffentliche Meinung zu nehmen. In den USA wurden unmittelbar mit dem Beginn der Präsidentschaft von Barack Obama mehr als zweitausend hochbezahlte Lobbyisten der amerikanischen Energiewirtschaft zusätzlich nach Washington geschickt, mit dem Auftrag, die angekündigte Energiewende durch gezielte Bearbeitung von Kongressabgeordneten und Medien zu durchkreuzen. Viel Geld wird für »greenwashing« ausgegeben, wie es Toralf Staud in seinem Buch »Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen« beschreibt.[2] Dass ehemalige Regierungsmitglieder unmittelbar nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt ins Management von Energiekonzernen überwechseln, nimmt ebenso auffällig zu wie die Zahl von Journalisten, die von Energiekonzernen als Medienberater angestellt werden, um öffentliche Landschaftspflege zu betreiben. Hinter dem Nebengeschäft für erneuerbare Energien wird das Hauptgeschäft mit konventionellen Energien weiter verfolgt.

Der »nervus rerum«

Der »neue« Energiekonflikt bricht vor allem dort aus, wo die Einführung erneuerbarer Energien schon so weit fortgeschritten ist, dass sie konventionelle Energien in größeren Anteilen ersetzen können. Das wahre Problem unter der Decke des Scheinkonsenses, der nervus rerum des Konflikts, besteht darin, dass die Systemerfordernisse –gemeint ist damit der technische, infrastrukturelle, organisatorische, finanzielle und nicht zuletzt politische Gesamtaufwand – der Bereitstellung von Atomenergie und fossilen Energien mit den Erfordernissen der erneuerbaren Energien nicht vereinbar sind. Das Ziel muss jedoch die vollständige Ablösung des bestehenden Energiesystems sein. Nur auf einen begrenzten Anteil erneuerbarer Energien zu setzen, wäre eine nicht zu rechtfertigende strategische Selbstbeschränkung mit der Konsequenz, das konventionelle System langfristig fortzuschreiben und es sogar politisch weiter stützen zu müssen. Und es bedeutet, über einen längeren Zeitraum zwei unterschiedliche Systeme der Energieversorgung unterhalten zu müssen, die sich ab einem bestimmten Punkt gegenseitig im Weg stehen.

Zweifellos muss auf dem Weg zu hundert Prozent erneuerbaren Energien eine Übergangsphase durchschritten werden, mit wachsenden Anteilen erneuerbarer Energien an der Energieversorgung bei sinkenden Anteilen der konventionellen Energien, bis diese schließlich insgesamt ersetzt sind. In dieser Phase ist jedoch entscheidend, welche Systemerfordernisse maßgeblich sind: die des eingespielten Energiesystems oder die für erneuerbare Energien angemessenen. Damit ist ein Konflikt vorprogrammiert, der in der Geschichte der modernen Energieversorgung einmalig ist. Auf der einen Seite steht das konventionelle Energiesystem, das die gesamte Energieversorgung nach seinen Funktionserfordernissen durchstrukturiert hat und auf das alle entsprechenden Gesetze zugeschnitten sind. Auf der anderen Seite steht die Perspektive eines vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Systems mit großenteils konträren Funktionserfordernissen, für das politische Systemregeln bisher nur in Ansätzen entwickelt wurden.

Zwischen dem jetzigen und dem anzustrebenden Zustand liegt eine Phase vieler Friktionen und Widersprüche. Nennen wir sie eine Hybridphase in Analogie zum Hybridauto, das mit zwei Motoren für zwei unterschiedliche Antriebsenergien ausgestattet ist. Das überkommene Energiesystem hält die Trumpfkarte eines eingespielten Konzepts und verlangt einen nur langsamen Energiewechsel, der nach seinen Regeln vollzogen werden soll. Die Trumpfkarte der erneuerbaren Energien ist nicht nur, dass es zu ihnen perspektivisch keine Alternative gibt, sondern dass sie tendenziell unabhängig vom konventionellen Energiesystem genutzt werden können und gesellschaftlich höher bewertet werden. Derzeit befinden wir uns jedoch noch in einer trial-and-error-Situation – mit einer Vielzahl konkurrierender Konzepte, die mehr oder weniger durchdacht sind und deshalb leicht gegeneinander ausgespielt werden können. Darin liegt das eigentliche Realisierungsproblem des Energiewechsels.

Die Frage, wie diese Klippen überwunden werden können, um erneuerbare Energien schnell zur Entfaltung zu bringen, hat schlüsselhafte Bedeutung. Entscheidend ist einerseits, die Schwächen wie auch die Stärken des überkommenen Energiesystems zu erkennen. Umgekehrt muss jede Durchsetzungsstrategie auf die eigentlichen Stärken der erneuerbaren Energien bauen und sie zur Geltung bringen. Die jeweiligen Stärken und Schwächen sind nicht nur technischer und wirtschaftlicher Art, sondern auch mentale und nicht zuletzt politische. Weil das systemische Spannungsverhältnis der nervus rerum des Energiewechsels ist, steht der Systemkonflikt im Zentrum dieses Buches.

Alte und neue Fronten

In der »Hybridphase« der Umstellung verändern sich die Konstellationen und auch die Akteure. Lange Zeit waren die Fronten zwischen den Protagonisten erneuerbarer und konventioneller Energien klar und überschaubar. Auf der einen Seite die anfangs noch geringe Zahl von Wegbereitern erneuerbarer Energien: Organisationen für erneuerbare Energien, Umweltverbände, Umweltinstitute, einzelne Akteure in der Politik, Pionierunternehmen und Sympathisanten in den Medien. Auf der anderen Seite eine fast einhellige Ablehnungsfront, bestehend aus der Energieindustrie, den mit ihr traditionell eng kooperierenden Regierungen, den etablierten Forschungsinstituten und Wirtschaftsverbänden sowie dem Gros der Industrieunternehmen und Wirtschaftsmedien. Diese Fronten sind inzwischen aufgeweicht, und dabei haben auch Akteure die Seiten gewechselt.

Industrieunternehmen, Kreditinstitute und Investmentgruppen haben erkannt, dass die Anlagenproduktion und die Finanzierung von Projekten für erneuerbare Energien für sie eine attraktive und wirtschaftliche Perspektive darstellt. In Wirtschafts- und Industrieverbänden, die lange Zeit fest an der Seite der etablierten Energiewirtschaft standen und mit dieser die Untauglichkeit der erneuerbaren Energien sowie die »Wirtschaftsfeindlichkeit« ihrer Verfechter anprangerten, werden inzwischen Loblieder auf die mit erneuerbaren Energien verbundenen Marktchancen laut. Kommunale Energieunternehmen, die zum Anhängsel der konventionellen Energieversorgung geworden waren, sehen neue Chancen, mit erneuerbaren Energien in Zukunft eine eigenständige Rolle zu spielen. Je populärer erneuerbare Energien werden, desto mehr stellen sich die politischen Parteien und Institutionen auf sie ein.

Auch in der etablierten Energiewirtschaft wächst eine neue Generation von Entscheidungsträgern heran, die erkennt, dass Atomenergie und fossile Energien in eine Sackgasse führen. Sie versuchen deshalb, den Einstieg in erneuerbare Energien in einer Weise zu gestalten, die in die Struktur der überkommenen Energieversorgung passt. Die alte Methode der Verweigerung hat sich verbraucht. Jetzt geht es ums Mitmachen, darum, in den anfahrenden Zug einzusteigen und zumindest noch dessen Fahrplan und Geschwindigkeit beeinflussen zu können. Außerdem versuchen Energiekonzerne ihr Festhalten an Atomenergie und fossilen Energien öffentlich damit zu rechtfertigen, dass sie selbst auch in erneuerbare Energien investieren.

Parallel zur Auflösung der bisherigen Verweigerungsfront hat sich auch das Spektrum der Protagonisten erneuerbarer Energien differenziert. Politische Ansätze, die die Entwicklung angestoßen haben, müssen modifiziert werden. Dazu gibt es vielerlei Vorschläge, denen es aber oft an Konsistenz und vorausschauender Konzeptklarheit mangelt. Konkurrierende Interessen, die sich im Zuge der Entfaltung erneuerbarer Energien herausgebildet haben, brechen auf, sobald es um die Anteile am sich vergrößernden Kuchen geht. Befürworter erneuerbarer Energien, die gleichwohl die überkommene Energiewirtschaft als Dreh- und Angelpunkt der Energieversorgung betrachten, sehen in deren verändertem Tonfall Kooperationsbereitschaft. Produzenten von Erneuerbare-Energien-Anlagen erhalten Bestellungen von Energiekonzernen und werden Geschäftspartner. Forschungsinstitute für erneuerbare Energien erhalten inzwischen auch Studienaufträge von etablierten Energieunternehmen. Regierungen laden zu Konsensgesprächen ein, in denen es um ein Nebeneinander und Miteinander von konventionellen und erneuerbaren Energien und um das wechselseitige Abstecken von Claims geht. Vielen Verfechtern erneuerbarer Energien, die sich lange in einer verachteten Außenseiterrolle befanden, erscheint das als großer Fortschritt. Und weil Konsens immer angenehmer ist als Konflikt, entsteht daraus auch praktische Kompromissbereitschaft, in der oft unversehens die meist unsichtbare Grenze überschritten wird, an der ein Kompromiss aufhört und die Kompromittierung beginnt.

Dies alles ist typisch für Übergangsphasen, in denen sich alle Beteiligten auf eine neue Situation einstellen und viele auf einen Konsens hoffen, der ihnen gewisse Sicherheiten gibt. Nicht jeder kann oder will dabei an die Gesamtentwicklung denken. So hilfreich und konstruktiv ein Konsens sein kann, so sehr kann er auch lähmen. Die Frage muss stets sein: Konsens für was und mit wem, und wer sitzt dabei am längeren Hebel? Ein Konsens unter allen, die von dem Wandel in sehr unterschiedlicher Weise tangiert sind, führt zwangsläufig zur Verlangsamung. Oder Konsens unter denjenigen Kräften, die ein gemeinsames Ziel anstreben und sich dafür verbünden? Ein Konsens aller Betroffenen für einen schnellen Energiewechsel wäre nur denkbar, wenn das damit verfolgte Ziel eine »win-win«-Perspektive für alle eröffnete. Dieses Versprechen wird gerne von denen geäußert, die notwendigen Konflikten ausweichen wollen. Bei der Umorientierung zu erneuerbaren Energien ist jedoch ein »win-win« objektiv unmöglich.

Der Wechsel zu hundert Prozent erneuerbaren Energien bedeutet den umfassendsten wirtschaftlichen Strukturwandel seit dem Beginn des Industriezeitalters. Ein Strukturwandel ohne Verlierer und Gewinner ist undenkbar. Verlierer werden unweigerlich die Anbieter der konventionellen Energien sein – in welchem Ausmaß das der Fall ist, hängt von ihrer Einsicht, Bereitschaft und Fähigkeit ab, sich an Haupt und Gliedern umzustrukturieren, sich mit drastisch sinkenden Marktanteilen abzufinden und neue Tätigkeitsfelder für sich zu finden, die keine energiewirtschaftlichen mehr sein werden. Versuche, der Verliererrolle in diesem Wandlungsprozess zu entkommen und ihre zentrale energiewirtschaftliche Rolle zu behalten, führen zu widersprüchlichen, untauglichen und teuren Verlangsamungsstrategien. Die Gewinner des Wechsels werden die Weltzivilisation insgesamt und ihre Gesellschaften und Volkswirtschaften sein, und in diesen die Technologieunternehmen sowie viele lokale und regionale Unternehmen. Es wird in jedem Fall entschieden mehr Gewinner des Energiewechsels als Verlierer geben. Einem großen Teil der potenziellen Gewinner sind die Chancen noch nicht bewusst, weshalb sie noch auf der Gegenseite stehen. Den größeren Einfluss auf das praktische Geschehen haben derzeit noch die etablierten potenziellen Verlierer, den geringeren die noch längst nicht etablierten Gewinner.

Realer Realismus

Zwar treibt jede wirtschaftliche wie auch politische Initiative für erneuerbare Energien, unabhängig von dem jeweiligen handlungsleitenden Motiv, die Entwicklung irgendwie voran. Dennoch sind nicht alle gleichwertig und für die Realisierung eines schnellen Energiewechsels gleich geeignet. Deshalb ist es entscheidend, die Spreu vom Weizen zu trennen und zu erkennen,

– welche Initiativen die uneingeschränkte Entfaltung erneuerbarer Energien ermöglichen und welche sie nur in einem beschränkten Ausmaß erlauben – und ob sie sich ergänzen oder wechselseitig im Wege stehen;

– welche Konzepte die Zahl der Akteure für erneuerbare Energien erweitern und ihnen die erforderlichen Handlungsspielräume geben, und welche demgegenüber das Spektrum auf wenige Akteure reduzieren, von denen dann der weitere Verlauf abhängig ist;

– welche Initiativen den vielfältigen Motiven für die Umorientierung auf erneuerbare Energien gerecht werden, statt sie auf einen Zweck – etwa ihre Bedeutung für den Klimaschutz – zu verengen, was automatisch zu beschränkten Konzepten führt.

Der Katalog strittiger Fragen ist groß: Was muss von internationalen Vertragsbemühungen abhängig gemacht werden? Sind die Weltklimaverhandlungen der Königsweg, von dem alles weitere abhängt, oder ein Trampelpfad, auf dem kaum etwas vorankommen kann? Fördert der Emissionshandel den Energiewechsel oder bremst er ihn? Sind umfassendere multilaterale Ansätze nötig oder mehr einzelne Schrittmacher? Welchen Stellenwert haben die verschiedenen Optionen für erneuerbare Energien? Sollen erneuerbare Energien vorwiegend dort gewonnen werden, wo mehr Sonne scheint oder mehr Wind weht, also in räumlicher Konzentration, oder überall? Was ist unter einer »kostengünstigen« und »wirtschaftlichen« Energieversorgung zu verstehen? In den Vordergrund der strittigen Fragen rückt dabei zunehmend die Diskussion über »dezentrale« oder »zentrale« Strukturen einer Energieversorgung mit erneuerbaren Energien: Sind Großkraftwerke dafür überhaupt notwendig, und wenn, unter welchen Bedingungen? Ist ein weiträumiger Netzausbau mit »Supergrids« auch für eine überwiegend dezentrale Bereitstellung erneuerbarer Energien unverzichtbar, oder muss der Schwerpunkt bei regionalen und lokalen »smart grids« liegen? Aus diesen Streitfragen ergeben sich nicht nur unterschiedliche Handlungskonzepte, sondern auch Zielkonflikte über die Einführung erneuerbarer Energien, die angesprochen und ausgetragen werden müssen. Davor scheuen nicht nur Parteien und Regierungen, sondern auch viele Verfechter erneuerbarer Energien zurück und erklären aus Gründen der Konfliktvermeidung alle divergierenden Konzepte für gleich wichtig und förderungswürdig.

Kontroversen über die Mittel und Wege zu erneuerbaren Energien werden nicht nur in politischen Institutionen ausgetragen, sondern auch in Umweltorganisationen und Organisationen für erneuerbare Energien. Sie verwirren viele und führen zu öffentlicher und politischer Verunsicherung darüber, welcher Weg zum Energiewechsel eingeschlagen werden soll. Deshalb ist eine kritische Bestandsaufnahme überfällig, die die verschiedenen Ansätze nach ihren praktischen Erfolgsaussichten und Konsequenzen bewertet. Über allem steht dabei die Frage, warum die unübersehbar und unaufschiebbar gewordene energetische Existenzfrage – die nicht zuletzt eine ethische ist – immer noch überwiegend halbherzig behandelt wird, obwohl die dafür angegebenen Gründe fadenscheinig sind und ein konsequent forcierter Energiewechsel unerlässlich geworden ist. Es gibt kürzere und längere Wege, die »nach Rom führen«. Sie sind mit vielerlei unterschiedlichen Widerständen und Umsetzungsproblemen gepflastert und haben verschiedenartige politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Auswirkungen. Umso wichtiger ist es, diejenigen Wege klar zu erkennen, auf denen das Ziel des Energiewechsels am schnellsten erreichbar ist. Ob diese Wege eingeschlagen werden, darf nicht nur betriebswirtschaftlich oder »energiepolitisch«, sondern muss volkswirtschaftlich, gesamtpolitisch und nicht zuletzt nach ethischen Grundsätzen entschieden werden.

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