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Clemens Ruthner Habsburgs 'Dark Continent'
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In der prächtigen Uniform des Offiziers, die „für die Tropen zu schwer“ ist (IDS 32, vgl. 33), kontrastiert mit der zu beschriftenden Nacktheit seines präsumtiven Opfers (IDS 41f.), wird so auch der Gegensatz von „savagery and civilization“ verhandelt.32 Dabei schreckt der Text ebenso wenig vor der verstörend teilnahmslosen Wiedergabe rassi(sti)scher Stereotypen33 zurück, wenn der „Verurteilte“ beschrieben wird:
[…] ein stumpfsinniger, breitmäuliger Mensch mit verwahrlostem Haar und Gesicht […]. Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus, dass es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit er käme. (IDS 31)
So treffen gleichermaßen die Raffinesse des Henkers und seiner Maschine auf die stumpfe Indolenz des Delinquenten, dem auch noch eine defiziente Physiognomie und potenziell sogar Kannibalismus34 (vgl. IDS 37) nachgesagt werden. Schon diese Beschreibung stellt eine koloniale Hierarchie der Kulturen her, die zwischen ‚Herr‘ und ‚Knecht‘ differenziert, aber auch zwischen ‚Sauberkeit‘ und ‚Schmutz‘35: ein Gefälle, das in weiterer Folge freilich kollabiert – oder doch nicht?
Was nämlich folgt, ist die zunehmende Entropie bzw. Dysfunktion des „Apparats“ – und nicht nur Alexander Honold hat bereits auf die Doppeldeutigkeit dieses Terms hingewiesen, der sich sowohl auf die Maschine als auch auf das dahinter stehende bürokratische Disziplinarsystem beziehen lässt:36 Von Beginn an kämpft der Offizier der alten Schule gegen das reformerische Regime des neuen Kommandanten an, das sich seinen Methoden gegenüber distanziert verhält (vgl. IDS 33, 35). Auf der anderen Seite verweigert auch der Verurteilte allem Anschein nach den heiligen Ernst, den sich die Figuren, aber auch die Leser/innen als Reaktion auf seine bevorstehende Hinrichtung erwarten würden. Mehr noch, der Todeskandidat „ahmt[.] den Reisenden nach“ (IDS 34), wofür Rolf Goebel den aus der postkolonialen Theorie stammenden Begriff der Mimikry37 bemüht, die einen „unsettling effect on the authority of the colonial scene“ habe.38 Der für das Handgelenk des Verurteilten bestimmte Riemen reißt und schafft damit potenziell bürokratische Probleme mit der Rechnungsstelle (vgl. IDS 42). Dann wieder erbricht sich der Deliquent, von den mildtätigen „Damen des Kommandanten“ überfüttert, in die Maschine und verzögert damit den korrekten Ablauf des Hinrichtungsrituals aufs Neue (IDS 43).
Dies hat einen Wutausbruch des Offiziers zur Folge, der ob all der Abweichungen vom ursprünglichen Zeremoniell verzweifelt und den Reisenden wortreich ersucht, sich für ihn und seine Methode beim neuen Kommandeur zu verwenden (vgl. IDS 43–51). Als sich der Besucher weigert, lässt der Offizier den Verurteilten kurzerhand frei und legt sich – in einer perversen Verkehrung der Mimikry39 – kurzerhand selbst in die Maschine, die – offenkundig defekt – ihn nicht ordnungsgemäß und deshalb scheinbar besonders grausig tötet (IDS 57). In Folge verlässt der Reisende die Insel; er lässt den Verurteilten und den anderen Soldaten zurück, nachdem deren Versuch, mit aufs Boot zu kommen, von ihm durch eine wohl kaum human zu nennende Drohgebärde mit einem „schwere[n] geknotete[n] Tau“ (IDS 59) verhindert worden ist.
Dieser Ausgang von und aus Kafkas Strafkolonie – den der unzufriedene Autor mehrfach überarbeitete40 – hat nicht nur John Zilcosky dazu gebracht, darin eine „Allegorie der Selbstzerstörung des Kolonialismus“ zu sehen:41 „[…] the story seems to focus on the practice of military justice in general and the dynamics of colonialism in particular,“ schreibt etwa Margret Kohn.42 Sie konzentriert sich dabei auf die Figur des Forschungsreisenden, zumal dessen Sicht die Erzählperspektive dominiert, gerade auch in Hinblick auf das Ende: „The figure of the Explorer seems to suggest the ineffectiveness and indecisiveness of the liberal critique of colonial practice.“43 In diesem möglichen Gegner der Todesstrafe (vgl. IDS 46) und Kritiker gewaltsamer Kolonialherrschaft alten Stils verkörpere sich ein liberaler Imperialismus; genauso zeige Kafkas Text aber in dessen überstürzter Abreise (und schlußendlicher Komplizität) lediglich die Ohnmacht und Heuchelei, und damit die Skepsis einer möglichen Revision von Herrschaft gegenüber.44 In der Strafkolonie sei „a cautionary tale for social reformers“, getragen vom Bewusstsein, dass letztlich jede Rechtsordnung auf Gewalt beruhe.45 Ergänzend dazu vermerkt Bernd Auerochs, eine „aufgeklärte Moderne“, für die der Reisende „– wie der neue Kommandant und seine Damen – steht“, sei eine Ära „der nur scheinbaren Humanität“,46 die – in einer fundamentalen Unterminierung des Fortschritt-Paradigmas – nichts anderes „als der Kollaps der Tradition“ sei.47
Durch diese und andere postkoloniale Lektüren von Kafkas Textes erschließt sich also eine zusätzliche Bedeutungsdimension dieser „‚schwarze[n]‘ Gesellschaftsgeschichte der Moderne“.48 Bestehende – bürokratie- und rechtskritische, zeitdiagnostische, genderbasierte, metaphysisch-religiöse, existenzialistische und biografisch-metaliterarische – Ansätze49 werden ergänzt, ohne ihnen wirklich zu opponieren, indem in der polyvalenten Unerschöpflichkeit der Kafka’schen Allegorese bisher unterbelichtete Interpretamente der (ver)waltenden Unmenschlichkeit zum Vorschein kommen. In der Strafkolonie werde der Autor, so Bernd Neumann, zum „Ethnologe[n] der eigenen [„zerfallenden“] Kultur“.50
In eben diesem Zusammenhang hat Karen Piper auch auf eine spezifisch ‚kakanische‘ Dimension des Textes aufmerksam gemacht, indem sie das Verständigungsproblem der Figuren auf das multiethnische setup des Habsburger Monarchie zurückprojiziert.51 Ähnlich funktioniert auch die Kontextualisierung von Elizabeth Boa, wonach Kafkas Erzählung einen der „breakdowns“ des „ancient mechanism of social subordination“ zeige:52 „the unwinding of a creaking state bureaucracy, like that of Austria-Hungary, served by a soldier-bureaucrat blind to its imminent collapse“.53 Es sind Interpretationsstränge wie diese, die im Rahmen unseres Buches noch eine wichtige Rolle spielen werden (und dass eine postkoloniale Sicht auf die tropische Strafkolonie nicht völlig überzogen ist, zeigen auch denkwürdige Motiv-Ähnlichkeiten zwischen Kafka und Joseph Conrad an – wiewohl man die Werke des polnisch-britischen Autors in der Bibliothek seines Prager Zeitgenossen vergeblich suchen wird.54)
3. Postkolonialismus & Orientalismus in der (Österreich)-Germanistik
Ähnlich postkolonial gestimmte Re-Lektüren wie die eben präsentierte haben jedenfalls auch andere Kafka-Texte in Anspruch genommen, beispielsweise Beim Bau der chinesischen Mauer (EA 1931), Das Schloß (1926), Bericht für eine Akademie (1917), Ein Hungerkünstler (1922) und Der Verschollene (entstanden 1911–1914);1 jüngst wurde etwa auch die kleine Erzählung Schakale und Araber (1917) überzeugend vor diesem Deutungshorizont interpretiert.2 Daneben sind auch ambitionierte Genre-Studien entstanden, so z.B. zum literarischen Orientalismus als k.u.k. Gesellschaftskritik (Robert Lemon, 2011) oder zur Verschränkung von kritischer Utopie und Quasi-Kolonialroman in den Werken von Leopold von Sacher-Masoch, Theodor Herzl, u.a. (Ulrich Bach, 2016). Nicht zu vergessen wären auch – neben dem bereits erwähnten Forschungsnetzwerk Kakanien revisited und den Teamresten des Grazer SFB Moderne3 – die wenig rezipierte Dissertation des kroatischen Komparatisten Nikola Petković (University of Texas, 1996) sowie die unentwegten Versuche der Wiener Germanistin Anna Babka, einen speziellen Mix aus Postkolonialismus, Dekonstruktion sowie Gender und Queer Studies in der österreichischen Wissenschaftslandschaft heimisch zu machen.
Ansonsten haben sich postkoloniale Zugangsweisen – im Anschluss an die Wiederentdeckung und Aufarbeitung der Geschichte4 der wilhelminischen „Schutzgebiete“ Togo, Kamerun, Tansania, Namibia und Papua Neu-Guinea (1884–1919) seit den 1980er Jahren – eher in einer deutschen Literaturwissenschaft im engeren Sinne durchgesetzt. Getragen wurde diese Entwicklung der letzten 25 Jahre nicht zuletzt von international agierenden Germanist/inn/en wie etwa Monika Albrecht (Limerick bzw. Vechta), Nina Berman (Columbus), Russell A. Berman (Stanford), Anil Bhatti (Neu-Delhi), Axel Dunker (Bremen), Gabriele Dürbeck (Vechta), Dirk Göttsche (Nottingham), Alexander Honold (Basel), Florian Krobb (Maynooth), Paul Michael Lützeler (St. Louis), John Noyes (Toronto), Klaus Scherpe (Berlin), Franziska Schößler und Herbert Uerlings (Trier), oder Sabine Wilke (Seattle).5
So hat sich rund um Uwe Timms Roman Morenga (1978) als zentralem Text6 ein veritabler postkolonialer Kernkanon in der Germanistik etablieren können.7 Er enthält Klassiker wie Georg Forsters Reise um die Welt (1780), Alexander von Humboldts Schriften, Kleists Verlobung in St. Domingo (1811), Goethes West-östlichen Divan (1819) und Wilhelm Raabes Stopfkuchen (1868), neben der Abenteuerliteratur von Karl May sowie Kinder- und Jugendbüchern; Kolonialromane im engeren – und problematischen – Sinn wie Peter Moors Fahrt nach Südwest (Gustav Frenssen, 1906) oder Hans Grimms Volk ohne Raum (1926); Reise- und postkoloniale Literatur im engeren Sinn aus der Zwischenkriegszeit wie Alfred Döblins Amazonas-Trilogie (1937/38) ebenso wie Nachkriegsautoren vom Schlage eines Hubert Fichte, Günter Grass (Zunge zeigen, 1988) und Bodo Kirchhoff, aber auch Migrantenliteratur von May Ayim, Emine Sevgi Özdamar, Rafik Schami oder Yoko Tawada.8
Gemäß dem bereits erwähnten Standardargument, dass Österreich(-Ungarn) über keine (Übersee-)Kolonien verfügt habe (das in der vorliegenden Arbeit kritisch hinterfragt werden soll), werden aber Autoren aus diesem post/imperialen Kontext nicht speziell thematisiert oder – wie im Falle Kafkas – stillschweigend eingemeindet, wie besonders anhand des Sammelbands Postkoloniale Germanistik deutlich (2014) wird:9 Ähnliches gilt für Schweizer Autoren wie Urs Widmer oder Christian Kracht, der mit seinem Roman Imperium von 2012 immerhin zu den Meistuntersuchten im Feld gehört; Lukas Bärfuss’ exzellenter Roman Hundert Tage (2008) über den Völkermord in Ruanda indes blieb von Dürbecks und Dunkers „Bestandsaufnahme“ überhaupt unerfasst.10
Ergiebiger ist Österreich bzw. Habsburg als Forschungsgegenstand thematisiert, wenn es in Anschluss an Edward Saids feldbegründendes Werk von 1978 um die Analyse des Orientalismus in deutschsprachigen Ländern11 bzw. in Zentraleuropa12 geht, die sich mit postkolonialen Ansätzen naturgemäß verschränkt und überlappt. Hier ist die austriakische Präsenz deutlicher, zumal ja Österreich durch die gemeinsame Sprache und durch herausragende Forscherpersönlichkeiten wie Josef Hammer-Purgstall (1774–1856) entscheidend am deutschen Orientalismus-Diskurs partizipiert hat und gerade Wien nicht nur bei Hugo von Hofmannsthal als „Porta Orientis“13 firmiert. Bemerkenswert ist auch der literarische Orientalismus in der Habsburger Monarchie um 1900, für den Hofmannsthals Märchen der 672. Nacht (1895), aber auch andere Texte exemplarisch stehen.14
Rüdiger Görner beispielsweise hat gezeigt, wie sich der literarisch gepflogene Jahrhundertwende-Orientalismus mit Positionen des Modernismus verschränkt, d.h. wie er dazu verwendet wird, eine ästhetische Gegenwelt zum herrschenden Positivismus, „Ökonomismus und Reduktionismus“ aufzubauen und damit einen Beitrag zur Krise des Ichs um 1900 sowie deren Repräsentation und Überwindung zu leisten:15 Bei Hofmannsthal stehe
das Orientalische nahezu konsistent für einen bestimmten Vorstellungshorizont, eine imaginatio perpetua, die sich im Zustand permanenter Selbstbefruchtung befindet. Hofmannsthal schätzte das Orientalische als eine ästhetische Ausdrucksform, die keiner Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt mehr bedarf; sie ist die Einheit von Innen und Außen: das orientalische Ornament, der arabische Schriftzug, die Arabeske, sie galten ihm als sichtbare Zeichen eines unaufhörlichen Traumes, man könnte sagen, als Seismographen träumerischer Bewegungen und Erregungen.
[…] Hofmannsthal ließ keinen Zweifel daran, daß er im ästhetischen Orientalismus nicht in erster Linie ein narratives Verfahren sah, sondern einen genuin poetischen Wert.16
Der Orient biete so den österreichischen Zerrissenen des Fin de siècle ein holistisches Modell einer zumindest imaginären idenitären – oder besser gesagt: identifikatorischen – Einheit. Dem gegenüber hat Robert Lemons Monografie Imperial Messages (2011) – ähnlich wie schon vorher Nina Berman – die „orientalist fiction“ nicht nur Hofmannsthals, sondern auch anderer Autoren der deutschsprachigen Literatur/en Österreich-Ungarns einer kontextualisierenden Lektüre unterzogen: Literarischer Orientalismus made in Austria sei „marked by self-reflection and self-critique“ der Doppelmonarchie in ihrer Spätphase;17 Kafkas Texte über das ‚Reich im Osten‘ beispielsweise evozierten „China in order to allude to the Habsburg Empire“.18 Parallel dazu hat Johannes Feichtinger gezeigt, wie in den populären Bilderwelten einer kollektiven kulturellen Imaginären um 1900 sich die Identitätskonstruktionen und wechselseitigen Abgrenzungen der verschiedenen k.u.k. Ethnien auch durch phantasmatische „Orientalisierungsprozesse“ entlang „asymmetrischer Machtverhältnisse“ vollziehen.19 Zusammen mit Johann Heiss hat Feichtinger weiters auf die Ko-Existenz mehrerer – gegenläufiger – Orientalismen in der k.u.k. Ära hingewiesen.20
Diesen spezifischen Charakter der politischen Symbolisierung bzw. Allegorese im Bereich orientalistischen bzw. post/kolonialen Schreibens in Österreich im 19. und 20. Jahrhundert gälte es stärker zu berücksichtigen – gerade in Hinblick auf Modelle der „inneren Kolonisierung“ Europas, die in Anschluss an Michael Hechters paradgimenbildendes Werk Internal Colonialism: The Celtic Fringe in British National Development, 1536–1966 von 1975 entwickelt und diskutiert worden sind.21 Deshalb ist es auch verwunderlich, dass die Habsburger Monarchie um 1900 als vom Deutschen Reich deutlich abweichender Bezugsrahmen in den tonangebenden Überblickswerken kaum wahrgenommen wird bzw. die vorliegenden Forschungsergebnisse des zentraleuropäischen Netzwerkes Habsburg postcolonial/ Kakanien revisited donauaufwärts kaum rezipiert worden sind.22 Dies hat Robert Lemon dazu gebracht, in seiner Arbeit die postkoloniale „assumption of a German perspective“ als ihrerseits latent kolonial zu kritisieren: „In this way, Dunker maintains the longstanding quasi-colonial claim of German Germanistik over Austrian and Austro-Hungarian literature and culture.“23 Erst jüngst sind gewisse Ansätze zu einer Verbesserung dieses Missverhältnisses bemerkbar.24
Das Bedürfnis nach einer differenzierteren und ausgewogeneren Sichtweise, das mit der Publikation des vorliegenden Buches angesprochen werden soll, entspringt aber keineswegs einem reaktiven Literatur-Nationalismus des kleineren Landes. Vielmehr steht dahinter die Überzeugung, dass die Berücksichtigung des – verdrängten, aber doch sehr spezifischen – Kolonialkomplexes der imperial-historischen Kultur/en der Habsburger Monarchie neue supranationale, komparative – und „kontrapunktische“ Lektüren im Sinne von Edward Said25 – ermöglicht und bisher übersehene Facetten der k.u.k. Kultur/en zutage fördert; ein Unternehmen, das, um den Untertitel des Sammelbands Schweiz postkolonial26 zu paraphrasieren, möglicherweise auch „Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien“ inkludiert.
4. Zur Anlage der vorliegenden Arbeit
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich folgendes Arbeitsprogramm: Zunächst sollen die Begrifflichkeiten ‚Kolonie‘ bzw. ‚Kolonialismus‘ kritisch auf ihre Übertragbarkeit auf das habsburgische Staatsgebilde im „langen 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm) operationalisiert werden – ein Zeitraum, der sinnvollerweise vom Wiener Kongress (als dem letzten Ende der Aufklärung, der französischen Revolution und napoleonischen Kriege) bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs anzusetzen wäre. Nicht intendiert wird eine Gesamtevaluation der Post/Colonial Studies, zumal diese Sinnfrage nach den Meriten und shortcomings dieser akademisch und verlagstechnisch äußerst erfolgreichen Disziplin in den letzten 20 Jahren wiederholt und umfänglich – und sehr kritisch – von Aijaz Ahmad, Graham Huggan, Anne McClintock, Benita Parry, u.v.a.1 gestellt wurde. Diese Diskussion soll nicht wieder aufgegriffen werden, sondern die Frage vielmehr ex positivo gestellt werden: Inwieweit sich eine interkulturell und kulturwissenschaftlich orientierte Österreich-Germanistik von Erkenntnissen und Zugangsweisen der Post/Colonial Studies als „travelling concepts“ (Mieke Bal) inspirieren lassen kann, ohne die besondere Eigenheit ihres habsburgischen Gegenstands aus dem Auge zu verlieren.
Dafür wird eine entsprechend kritisch redigierte literatur- und kulturwissenschaftliche Imagologie – die Erforschung von Selbst- und Fremdbildern, wie sie in der Komparatistik aufgekommen ist – als toolset für die folgenden Fallstudien präsentiert werden, die eine koloniale Diskursanalyse in der Nachfolge von Edward Said, David Spurr und anderen versuchen. Im Brennpunkt stehen drei paradigmatische Autoren und deren Texte aus dem germanistischen Forschungskanon Österreich-Ungarns (Franz Grillparzer, Peter Altenberg und Alfred Kubin), die als symbolische Ausdrucksformen eines „kolonialen Begehrens“ bzw. eines symbolischen Ersatz-Kolonialismus verstanden werden, in Ergänzung zu bereits intensiver erforschten Autoren wie Kafka, Hofmannsthal, Sacher-Masoch, Emil Franzos oder Joseph Roth.2 Der zweite Teil der Fallstudien schließlich widmet sich mit einem erweiterten Literaturbegriff kulturellen Texten3 aus dem Umfeld der habsburgischen Okkupation (1878) und Annexion (1908) Bosnien-Herzegowinas, die als koloniale Ersatzhandlung interpretiert wird; dabei kommt dem hegemonialen Schrifttum die Funktion einer kulturellen Kolonisierung des Territoriums zu, die durchaus mit Formen des britischen und französischen Imperialismus um 1900 vergleichbar ist – soweit die zentrale These.
Die vorliegende Arbeit versteht sich also primär als Analyse eines disparaten – phantasmatischen, aber auch pragmatischen – deutsch-österreichisch imperialen Kolonialdiskurses innerhalb der Habsburger Monarchie. Was indes nur ansatzweise geleistet werden kann, ist die Thematisierung einer literarischen Opposition nicht-deutschsprachiger Autoren und Autorinnen gegen diese kulturelle Hegemonie des Zentrums. Dies schuldet sich freilich nicht einer unreflektierten zweiten Entmündigung etwa der Südslawen, wie voreilige Kritiker moniert haben,4 sondern einfach der wissenschaftlichen Expertise des Verfassers, die freilich durch andere Ansätze innerhalb des Kakanien revisited-Netzwerks ergänzt worden ist.5 Ebenso können Bezüge zu zeitgenössischen k.u.k. Orientalismen lediglich kursorisch hergestellt werden, da auch sie wohl Gegenstand einer eigenständigen Studie sein müssten.
Eine abschließende Zusammenschau der Ergebnisse soll dementsprechend auch in einen Ausblick münden, der künftige Antworten auf die Frage nach dem Fortwirken der kolonialen Blicke und Bildkomplexe in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts – bis hin zu Peter Handkes Jugoslawienkrieg-Texten oder Christoph Ransmayrs postmoderner Abenteuerliteratur – vorbereiten soll. Ich hoffe jedenfalls, damit meine in den letzten eineinhalb Jahrzehnten gewachsenen Ansätze und Positionen in einer konklusiven Weise zusammenzuführen und einer künftigen Forschung weitere Anstöße zu geben.6 Generell gilt freilich, was schon Peter Hulme vor 30 Jahren über seine eigene Studie Colonial Encounters schrieb: „The venture, it should be said, is archeological: no smooth history emerges, but rather a series of fragments which, read speculatively, hint at a story that can never be fully recovered.“7
A.1. K.u.k. postcolonial:
Habsburgs ‚Kolonialismus‘ als Befund, Befindlichkeit und Betrachtungsweise
[…] die Worte Kolonie und Übersee hörte man an wie etwas noch gänzlich Unerprobtes und Fernes. (Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften)1
Die Geschichte des Imperialismus und Kolonialismus überschattet und überdauert in ihren Auswirkungen das angebliche Ende des Letzteren, und sie hat lange vor dem langen 19. Jahrhundert begonnen.2 Schon bei Platon findet sich der Gedanke, dass eine polis ihren Bevölkerungsüberschuss durch Gründung neuer „Pflanzstädte“ jenseits des Meeres planvoll und produktiv abführen müsse.3 Mehr als 2000 Jahre später kennt Bartholomew’s Century Atlas of the World (London 1902) lediglich 37 unabhängige „Principal States“; deren „Colonies and Protectorates“ werden nicht mitgezählt.4 Auf diese Weise sind 1914, als Kafka seine Strafkolonie schreibt, zirka 85 % der globalen Landmasse Kolonien.5
Wie jeder auch noch so kurze historische Abriss suggeriert, kann man Auswanderung und – als ihr Komplementärphänomen – Gebietserweiterung nachgerade als anthropologische Konstanten ansehen. In seiner 1995 erstmals formulierten Typologie unterscheidet Jürgen Osterhammel zwischen (1) der „Totalmigration ganzer Völker und Gesellschaften“ wie z.B. in der sog. Völkerwanderung, (2) „massenhafte[r] Individualmigration“ wie z.B. in die Neue Welt oder aus der sog. Dritten Welt nach Europa, (3) „Grenzkolonisation“ (das „Hinausschieben einer Kultivierungsgrenze“ wie z.B. im frontier-Gedanken der USA im 19. Jh.), (4) „überseeische[r] Siedlungskolonisation (in Nordamerika, Australien/Neuseeland, Südafrika, der Karibik etc.), (5) „reichsbildendende[n] Eroberungskriege[n]“ wie etwa bei Dschingis Khan und (6) der „Stützpunktvernetzung“ z.B. der Regionalmächte Genua und Venedig im Mittelmeer oder der Briten und Portugiesen in Singapur, Hongkong und Macau.6
Bevor er noch diese Kategorien entwickelt, moniert der deutsche Fachhistoriker auch, dass Kolonisation „ein Phänomen von kolossaler Uneindeutigkeit“ sei;7 ebenso sehen andere Forscher/innen den Begriff des Kolonialismus zumindest als „umstritten“.8 Und in der Tat stellt sich die Frage, ob die antik-griechische Kolonisierung der Mittelmeerküsten, die militärischen Eroberungen der Römer,9 die sich in Zentral- und Osteuropa festsetzenden deutschen Kolonisten des Mittelalters und der Frühneuzeit, die Entdeckung/Besiedlung Amerikas und die großen europäischen Kolonialreiche der Moderne kommensurable Phänomene sind. Was wäre also (mit Wittgenstein gesprochen) die „Familienähnlichkeit“10 zwischen jenen europäischen Expansionsbewegungen und beispielweise den historischen Großreichen Asiens? Zugespitzt formuliert: Wie eurozentrisch ist eine historiografische Theorie des Kolonialismus? Anderseits: Läuft ein wahrhaft globaler Begriff nicht wiederum Gefahr, sich – ähnlich wie Saids „Orientalismus“11 – dem Vorwurf künstlicher, ahistorischer Universalität auszusetzen?12
Die um die Jahrtausendwende aufgekommene historisch-kulturwissenschaftliche Debatte, inwieweit das Kolonialismus-Paradigma produktiv auf innereuropäische und speziell habsburgische Verhältnisse umgelegt werden könnte, zeitigt indes immer neue Ergebnisse.13 Dies hat auch den Verfasser der vorliegenden Studie – der am Zustandekommen eben jener Diskussion nicht ganz unschuldig war – dazu gebracht, auf seine eigenen Positionen, die erst eher programmatisch als mit dem Anspruch auf Vollständigkeit geäußert wurden, noch einmal zurückzukommen. In Ergänzung zu früheren Texten14 erscheint es angebracht, die verschiedenen Anwendungsfälle noch einmal zu differenzieren, in denen das Paradigma ‚Kolonialismus‘ in Hinblick auf „Kakanien“ operationalisiert wird. Im Wesentlichen dürfte es sich dabei um folgende Szenarien handeln:15
1 Österreich-Ungarn wird historisch-sozialwissenschaftlich als (Pseudo-)Kolonialmacht angesehen, die sich anderssprachiger Territorien imperialistisch bemächtigt hat, um sie zu beherrschen und ökonomisch auszubeuten; damit wird ein innerkontinentaler Kolonialismus als historischer Befund ausgesprochen.
2 Wie in Fall 1 wird dem späten Habsburger Reich unterstellt, so etwas wie eine Kolonialmacht gewesen zu sein; dies geschieht jedoch v.a. rhetorisch, d.h. häufig in polemischer Form im Rahmen eines zeitgenössischen bzw. zeitspezifischen Diskurses (als Befindlichkeit).