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Harald Mühlbeyer Grindhouse-Kino
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Da kann sie die Blonde zu sich rufen, sie auf den Knien rumrutschen lassen, mit dem Finger ihre Jungfräulichkeit prüfen – was man gynäkologisch genau sieht – und sich dann von ihr in Ekstase schlagen lassen. Weil’s ja auch nicht drauf ankommt, welche Perversion in welche Richtung ausschlägt. (Dass die Frau Direktorin keine Hose anhat, sondern nur ein minikurzes Minietwas, lässt ihre natürliche Autorität nur sehr geringfügig lächerlich erscheinen.)
Der Herr Gouverneur hat’s schwerer, der Potentat ist impotent und darauf angewiesen, zuzusehen, wenn sein Handlanger Nestor – nein: kein distinguierter Butler! – die Gefangenen vergewaltigt. Im Übrigen kann der Gouverneur leider nicht Klavier spielen, seine Finger hauen unbeholfen auf den Tasten rum, gottseidank haben Franco und Dietrich Mitleid und lassen wahllos eine Melodie über’n Soundtrack huschen.
Schwer hats auch der Herr Gefängnisarzt, der gar keiner ist, sondern, überraschende Offenbarung: eigentlich nur Krankenpfleger, der die Stelle des Arztes ohne Approbiation, ohne »Zertifikanz« (Helge Schneider) usurpiert hat. Deshalb ist er erpressbar von der Frau Direktorin und muss allerlei böse Folterexperimenten an den jungen Leibern unschuldiger Mädchen durchführen – was ihm freilich auch wieder gefällt, das bringt neue Gewissensbisse, und er schüttet sein Herz aus: Wenn die Lippen der Gefolterten vor Angst beben, das kann er nicht aushalten; also quält er noch mehr, denn wenn sie schreien, kann man noch lauter dagegen schreien… Jaja, die menschliche Psyche ist total komplex.

Feine Marterinstrumente gibt es. Ein Bett ohne Matratze, auf dessen Gitterrost sich die Auserwählte nackig legen und sich mit dem ganzen Körper schütteln muss. Das soll wahrscheinlich Stromstöße darstellen. Und dann kommt der Böse noch mit einem Stock dazu und fummelt der Armen untenrum rum…
Überhaupt das Untenrum: Das hat es Franco angetan, gerne zeigt er dieses Untenrum von unten, und es ist wohl kaum überinterpretiert, wenn man diese offenbarende Ansicht metaphorisch deutet als den Spalt, der durch die Gesellschaft geht, der zwischen Wärtern und Gefangenen, Opfern und Tätern liegt.
Irgendwann kommt Maria an, und irgendwann merkt man, dass es sich bei ihr um die Hauptfigur des Films handelt. Weil man von ihr eine back story bekommt. Und was für eine!!! Sie ist als Mörderin inhaftiert, weil sie ihren Vater erschlagen hat. Die Wahrheit bekommen wir zu sehen: Der Herr Papa hat ihr nachgestellt, nicht nur mit lüsternen Blicken, auch mit übergreifenden Händen. Und sie hat sich nur gewehrt, und er ist gegen den Kaminsims gestoßen, und da haben wir den Salat. Ein Salat übrigens, der sich gewaschen hat. Weil nämlich dies der dramatische, der emotionale Höhepunkt des Filmes ist. Und weil er deshalb filmisch betont wird. Und zwar durch Zeitlupe. Die nicht technisch produziert wurde, sondern physisch: Maria und ihr Papa bewegen sich einfach langsam, sie stößt ihn ganz langsam von sich, er taumelt ganz langsam nach hinten, haut sich ganz langsam den Kopf an, fällt ganz langsam zu Boden… Während die Lampe über ihren Köpfen in Echtzeit hin und her schwingt. Eine inszenatorische Glanztat, wie sie erst in H. Schneiders TEXAS wieder in der Filmgeschichte auftauchen wird.
Maria wird dargestellt von Lina Romay, der Herr Papa von Jess Franco himself – sie werden später heiraten und zusammenblieben, bis der Tod sie dann schied. Francos Auftritt: Ein klares Statement zum auteurism; denn die Bezüge zur Nouvelle Vague sind mehr als deutlich, als Weiterschreibung, Abkehr, als Umkehrung. Er lässt böse Frauen unschöne Dinge tun, und benutzt seine Kamera wie einen Stift, mit dem er krakelige Zoten an eine Toilettenwand kritzelt.
COMMUNION – MESSE DES GRAUENS
ALICE, SWEET ALICE / COMMUNION / HOLY TERROR / THE MASK MURDERS
USA 1976. Regie: Alfred Sole.

Paterson: Dort leben dichtende Busfahrer gleichen Namens, Frauen mit kreativer Schwarz-Weiß-Obsession, der Wirt sammelt lokalhistorische Zeitungsausschnitte, und überhaupt haben, wie man weiß, dort alle Bewohner ihre liebevollen kleinen Macken, die sie pflegen und die sie als Personen ausmachen, die man also wertschätzen muss. Zumindest im Jahr 2016. Im Jahr 1961 – das Jahr, in dem ALICE, SWEET ALICE spielt, ein Film aus dem Jahr 1976 – habe auch alle ihre Macken, nur dass die in Mord, Terror und Horror durchschlagen.
ALICE, SWEET ALICE spielt in Paterson, New Jersey, und der Wahnsinn, wenn man die Stadt wiedererkennt aus Jim Jarmuschs 2016er-Film, der den Namen der Stadt (und seines Protagonisten) im Titel trägt! Viel hat sich nicht verändert in den 30 Jahren zwischen den Filmdrehs, und auch der Charakter der Stadt ist in beiden Filmen persönlich, dörflich geprägt, jeder kennt jeden und guckt nach allen. Einmal als poetische Filmmeditation. Das andere Mal als beunruhigender Horrorthriller.
Alice ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Die kleine Schwester wird von Brooke Shields in ihrem Filmdebüt gespielt. Die Familie ist eng mit der katholischen Kirche verbunden, der Priester ist jung und menschlich zugewandt. Die Tante der Kinder ist fies und bösartig, aber nicht aus Absicht, sondern wohl eher aus Charakterschwäche. Der alte Monsignore ist gelähmt und anfangsdement. Der geschiedene Vater der Kinder würde gern seine Ex verführen und gleichzeitig mit seiner zweiten Frau ein unbeschwertes Leben führen. Der Nachbar im Erdgeschoss – und Vermieter für die Mutter und ihre Töchter – ist unglaublich fett, besitzt eine Menge Katzen, ist stets überall bekleckert und zumindest anfangsverdachtspädophil.
Alice aber ist vollkommen verdreht. Sie ist fies zur Schwester, klaut ihr die Puppe und erschreckt sie gerne auf den Tod, sehnt sich nach dem Vater auf kindlich-naive Art und ist zugleich bedrohlich wie eine ungeahnte Gefahr. Im Keller hat sie eine Kiste, das ist ihr Schrein, Puppe darin und schrecklich anzuschauende Masken. Eine große Rolle im Film spielen die knallgelben Regenmäntel, die wurden von der Kirche an die Kommunionskinder ausgegeben, und der Mörder/die Mörderin trägt so einen. Jawohl: Mord. Während der Erstkommunionsfeier, in der Sakristei. Und Alice hat kein Alibi. Die Tante hat einen Verdacht. Die Mutter ist völlig überfordert. Der Priester versucht, den Überblick zu behalten. Die Mutter übrigens ist ihm sehr zugetan, nicht nur geistlich. Überhaupt hat jeder so seine Absichten und Motive im mentalen Hinterzimmer, geradeheraus ist keiner. Man redet und handelt mit Hintergedanken, das ist nur angedeutet im Film, aber das macht seinen Reichtum aus: Dass die Charaktere dermaßen ausgestaltet sind…!

Brooke Shields jedenfalls ist tot. Und der Tante wird vom Treppenabsatz aus ins Bein gestochen, mit einem langen, bösen Messer, wie es Alice immer wieder in den Händen hat. Und dem Zuschauer ist jeder Boden unter den Füßen entzogen: Es könnte sein, dass der Film ein Whodunnit ist, der dem Zuschauer eine mutmaßliche kindliche Mörderin präsentiert, wobei es eigentlich dann aber eben alles doch ganz anders ist. Es könnte aber genauso gut sein, dass dem Zuschauer eine tatsächliche kindliche Mörderin präsentiert wird und dass alles so ist, wie es scheint, dass hier das Böse aus dem scheinbar so nächstenliebenden katholischen Milieu entspringt und in dieser Beinahejugendlichen explodiert. Die gelben Regenmäntel verweisen auf Nicolas Roegs DON’T LOOK Now / WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN, da sind die Traumata der Vergangenheit, die losbrechen im Schrecklichen, und einmal – bezeichnenderweise hinter einem Sarg – sehen wir ein Plakat, das den Kinostart von PSYCHO ankündigt.
DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE
SENTENZA DI MORTE
Italien/Spanien 1968. Regie: Mario Lanfranchi.

Zwei Männer in der Wüste, aufgeplatzte Lippen, verbranntes Wangenfleisch und zerfetzte Gesichtshaut, verschmachtend schleppen sie sich durch den Sand – der Verfolgte dem Verdursten nahe, der Verfolger verhöhnt ihn, lässt lachend Wasser über sein Gesicht platschen, die letzten Reste in seiner Flasche vermutlich… Was ein richtiger Verleih ist, der weiß, was ein starkes Bild ist und worauf er seinen deutschen Titel stützen muss; und natürlich weiß er, was beim Zuschauer zieht, weil’s en vogue ist, weil’s verlockend ist. Also heißt Cash in diesem Film Django, und also ist Django »unbarmherzig wie die Sonne«. Auch wenn nur dieser erste Teil des episodenhaften Films auf brennend heißem Wüstensand spielt – das »Todesurteil« des Originaltitels reißt halt das Publikum weniger vom Hocker, ne. Wobei man anerkennend konstatieren muss: Die deutsche Synchro ist nicht auf Witzischkeit aus, sondern nimmt den Film durchaus ernst.
Es geht, wie könnte es anders sein, um Rache; die Ursache wird, wie könnte es anders sein, per Rückblende erläutert: Djangos / Cashs Bruder wurde von vier Banditenlumpen getötet und ausgeraubt, von Diaz, Montero, Baldwin und O’Hara. In Pietà-Pose hielt Django den Sterbenden, um nun, viele Jahre später, zur Vergeltung zu schreiten. Das hatte ich doch längst vergessen, röchelt Diaz, der durch die Wüste verfolgt wird, und: Gestern war doch alles noch gut!
Ja, gestern – nächste Rückblende, es ist der Tag vor heute: Eine reiche Finca mit mehr als einem Hauch Mexiko, eine Fiesta, Reiterspiele und tanzende Frauen. Dahinein platzt Django und macht Diaz, dem reichen Rancher, die Hölle heiß. Schießerei und Tote, Deckung suchen, Abknallen; Django nimmt die schöne Frau von Diaz als Geisel, in der Scheune, wo der Farmer hat unterkriechen wollen; wieder Schießen, Diaz flieht zum Fenster raus, Django schnappt sich eine Wasserflasche, die passenderweise an der Wand hängt, und hat nun alle Zeit der Welt, einen auf Wallach/Eastwood zu machen.
In der Wüste gibt es kein Entkommen. Und auch wenn man selbst fast am Austrocknen ist – einen Fake-Brunnenrand kann man nächtlicherweise noch zusammenstellen, und Diaz, am nächsten Morgen, muss ganz entkräftet feststellen, dass in der Einfassung kein kühles Labsal, sondern nur weiterer trockener Wüstenboden zu finden ist…
Ja: Django ist ein Fuchs. Er kennt die Tricks. Listenreich vollführt er seine Rache, als nächstes am Profispieler Montero, dann ist der brutale Gottesmann Bruder Baldwin dran, dann der verrückte Goldsüchtige O’Hara, ein Albino mit schöner Sonnenbrille – hat nicht auch Tarantinos Django eine solche auf?
Vier Rachestories, aufgehängt an der einen großen bösen Tat vor Jahren. Natürlich hat unser Django im Westen einen Ruf, so wie die Halunken allüberall bekannt sind. Natürlich zieht Django schnell, trifft immer, weiß, auf welchem Dach welcher Ganove auf ihn anlegt, und das ohne hinzusehen. Blondes Haar, stechender Blick, das Äußerliche ungepflegt, innerlich topp drauf: ein Spaghettiwesternheld, ganz klar. Zudem hat er einen sympathischen Spleen: Er trinkt nur und ausschließlich Milch. Klar, als abstinenter Ex-Alki! Aber andererseits: Er muss auch schnaufen, wenn er in Deckung rennt. Er blickt gehetzt um sich, denn die allwissende Übersicht kommt nicht von nichts. Er muss sogar mal nachladen.
Insofern enthält Mario Lanfranchis Western auch realistische Momente, das macht ihn durchaus sympathisch, ja: bemerkenswert. Dass eben nicht nur die Dramaturgie im Grunde auf vier Rache-Kurzstories basiert, ohne dass eine wirkliche durchgehende Handlung den Film trägt – ein ziemliches Unikum in der Italowesterngeschichte. Sondern dass im Helden auch so was wie ein Mensch zu sehen ist. Zumal auch noch seine Gegenspieler starke Charaktere sind: In der ersten, starken Episode etwa Diaz, der sich eine richtige Existenz aufgebaut hat, der es zu etwas gebracht hat, der stolz ist auf sein Land und sein Getreide, als dieser dahergelaufene Typ aus längst vergangenen Tagen auftaucht und wegen einer geringfügigen Verfehlung von anno dunnemals ihn zur Rechenschaft ziehen will…
In der zweiten Story ist der Spieler Montero besessen davon, dem anderen im Pokerspiel das wichtigste im Leben zu nehmen. Klar, dass der unscheinbare Blonde, der da am Nebentisch sitzt, dem großen Montero dann aber so richtig die Hosen auszieht… Im Übrigen: Das Pokerspiel hat nichts mit Glück oder Betrug zu tun, sondern mit Können. Mit Talent, mit Leistung, mit der Fähigkeit des Spielers, das Spiel richtig zu spielen. Das ist dann doch ein bisschen albern, mit einer gehörigen Portion Chuzpe das Pokerspiel zu etwas ganz anderem zu machen, als es in unserer Wirklichkeit ist. Was halt dem Film einige Risse beifügt, die ihm dann doch die Meriten eines Meisterwerks zerrinnen lassen.
Zumal in dieser Episode auch noch eine Frau eine Rolle spielt. Die wurde sehr schön eingeführt, einer von Monteros Gegner hat sie gesetzt, als er kein Geld mehr hatte, zum Gegenwert von lässigen zehn Dollar. »Bisschen wenig, aber in Ordnung«, befindet Montero… Diese Dame findet Django sehr okay, der sie aber trotzdem nachts vor die Hotelzimmertür setzt. Nach einem Schnitt ist der nächste Morgen und sie liegt tot auf der Straße. Beispiel für den seltsam elliptischen Filmschnitt, der immer wieder Handlungselemente weglässt, die in anderen Filmen große Aufmacher gewesen wären. Wurde nicht genug gedreht? Oder liegt hier eine künstlerische Strategie vor, die ich nicht durchschaue?
Nuja, wie dem auch sei… Seltsam gehen in diesem Film sporadisch die Sinn- und Bedeutungshaftigkeiten des Films auseinander, wenn Tatsachen behauptet werden, die durch nichts in der Realität – weder der filmischen noch der außerfilmischen – gedeckt werden, wenn also der Anspruch, irgendwie als echt zu wirken, und die haltlosen Behauptungen, die der Film aufstellt, weit auseinanderdriften. Pokern ohne Glück, oder, wie in der nächsten Story, Djangos Vorgehen ohne Plan mit der eindringlichen Behauptung, dass sein Tun total planvoll und gewollt sei…
Hier geht es gegen den bigotten Bruder Baldwin, einen Prediger und Gottverkünder, der alles andere als Seelsorge verbreitet, eher dafür sorgt, dass im Himmel nie Personalmangel herrscht. Er ist im Namen des Herrn unterwegs, sein eigenes Reich, seine Macht und seiner Herrlichkeit zu verbreiten – wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn, und den eliminiert Baldwin mit großem Genuss. Er ist quasi der schlimmste der Halunken, ein großer Sadist vor dem Herrn. Und Django, der bisher immer den Eindruck gemacht hat, zu wissen, was er tut, rennt blind in die Höhle des Löwen. Wie sonst soll man verstehen, dass er sich auf ganz lächerliche Weise von Baldwin gefangen setzen, demütigen, auslachen, treten, in den Schenkel schießen lässt ohne jede Möglichkeit, zurückzuschlagen oder gar seine Rache auszuführen? Also, außer jetzt den Zufall eingreifen zu lassen. Und das Drehbuch hat Mitleid, Django schneidet sich die Revolverkugel aus dem Oberschenkel, die ungeplant auf ihn geschossen wurde, um sich macgyvermäßig eine Do-it-yourself-Patrone zu basteln, den Bösewicht niederzustrecken und auf die nächste Schnittellipse zu warten, die ihn vor seinen dutzenden Komplizen rettet; die offenbar nämlich nicht eingreifen.
Womit wir bei der vierten Episode angekommen sind. Hier wieder sehr gut: Tomas Milian als Albino-O’Hara ist total durchgeknallt, ein Gold-Verrückter, der auch noch von blonden Frauen besessen ist. Und überall gefürchtet: Wo er auftaucht, wird Gold gegen Blei gehandelt. Django mit super Plan: Wiedereröffnung einer Bank in einem abgehalfterten Örtchen, schon lässt er eine Wagenladung mit schweren Kisten ankarren, ganz klar: Darin muss Gold sein, das soll O’Hara anlocken. Die Gründung einer Bank gegen den Überfall auf eine Bank – O’Hara unterliegt natürlich, denn, o Wunder, o Überraschung, in den Kisten, wo Gold draufsteht, sind nur Steine drin. Eine unverzeihliche Naivität des Films, ist doch sogar der Räuber Hotzenplotz klüger als O’Hara, Django und Regisseur Lanfranchi zusammen (der Kasperl und Seppel die angebliche Goldkiste niemals abkaufen würde!) Jedenfalls folgt dann ein netter Showdown inkl. blonder Nutte, die als weiterer Köder für O’Hara herhalten muss. Finale in einem verfallenen Kloster, rund um das Grab von Djangos Bruder, in dem alle einen Goldschatz vermuten, weil sie ihren Leone kennen.
Wobei der Film in der Tat gewinnt durch seine Leone-Epigonie. Die Kameraarbeit ist ausgezeichnet, mit großen Kinobildern und exzellenten Fahrten, die Einstellungen exquisit passend – wo er nur die Idee mit den leinwandfüllenden Augenpaaren herhat, zwinkerzwinker. Und die Musik ist bestens kopiert von Morricone, Gianni Ferrio plagiiert weniger als dass er pastichiert: inklusive Bach-Anklängen, Einsatz von außermusikalischen Gegenständen und Silben-Herausstoß-Choreinsätzen.
SAVAGE STREET – STRAßE DER GEWALT
SAVAGE STREETS
USA 1984. Regie: Danny Steinman.

Rabiat geht’s hier zu, Linda Blair ist nicht von einem Dämonen, sondern von Rache besessen in STRAßE DER GEWALT, einem 80er-Jugendfilm mit Revenge-Thematik, irgendwo zwischen Highschool-Film und Selbstjustizthriller. Die erste Szene: Ein Junge, adrett angezogen, verabschiedet sich an der Haustür vom Herrn Vater, »aber um 11 Uhr bist du zurück« – und schon hier erhält man einen stupenden Eindruck vom Film, als völlig willkürlich, ganz unmotiviert mitten in den Satz eine ungewollt verstörende Großaufnahme auf den Vater einmontiert wird: Hier sind anscheinend rechte Dilettanten am Werk. Was auch im weiteren Verlauf immer wieder deutlich wird, was aber nicht unbedingt den Spaß verderben muss, dafür isses ja schließlich Grindhouse.
Der Junge jedenfalls entledigt sich hinter einem Busch seines Anzugs, zieht Lederklamotten an und mit seinen offenbar gewaltbereiten Kumpels los, Mädels anbaggern. Darunter an diesem Abend: Die Girlieclique um Brenda, in sexy Outfits und mit flotten Sprüchen unterwegs, und mit Brandas kleiner Schwester, Typ graue Maus hinterm Ofen, hochgeschlossene Bluse und verschüchterter Blick. Sie ist taubstumm. Muss man mehr sagen?
Sie wird das Opfer, in der Schulturnhalle, Gruppenvergewaltigung durch die Jungsgang. Die Mädels suchen sie: »Heather! Wo bist du?« Tja, was soll man sagen: »Was schreit ihr so rum, sie ist doch stumm!« Hier immerhin wird sich der Film seiner selbst bewusst. Weiter geht es mit Brendas Ermittlungen, wer die Bösewichter waren; und im übrigen, völlig an den Haaren herbeigezogen, ein blindes Motiv ohne jedes dramaturgische pay off: Die Jungs killen eine weitere Freundin von Brenda, was die freilich erst erfährt, als sie die ersten der Schurken umbringt.
Immerhin ist das eine entlarvende Szene: Wie der Gangleader das Mädchen von einer Brücke schmeißt und der jüngste Kumpel, der aus der Anfangsszene, der so gerne wichtigtuerisch dabei wäre und quasi als Lehrling mittut, voller Enttäuschung ausruft: »Ich hasse dich! Ich hasse dich!« Wie es eben Verliebte tun, wenn sie sitzengelassen wurden. Denn offenbar von Regisseur Danny Steinman unbemerkt sind die vier Typen alle total schwul und verdrängen die Neigung durch affirmativ maskulines Auftreten, mit Tittenpacken an unbeteiligten Damen und Vergewaltigung. Bei diesem Gewaltgangbang ein zweiter entlarvender Moment: Der »Verrückte« in der Truppe, mit pseudopunkig rotgefärbtem Haar, eine Mischung aus Clockwork-Droog, Mad Murdock und Lumpi von Schlotterstein, nimmt den Anführer im Überschwang der Gefühle mitten in der Taubstummenvergewaltigung in den Arm und küsst ihn offen auf den Mund. Hat Regisseur Steinman das mitbekommen?
Zynisch ist der Film obendrein, vielleicht ein Zynismus aus Dilettantismus, wer weiß das schon: Jedenfalls schneidet der Film unverfroren zwischen der brutalen Vergewaltigung und einem aufreizenden Catfight zweier nackiger Schülerinnen im Duschraum hin und her; offensichtlich ist es dem anvisierten Zielpublikum wurscht, woran es sich aufgeilen soll.
Andererseits gehören derartige Reize natürlich zu den Versprechen, die ein Film wie dieser gibt; und Steinman hält auch einige davon. Lässt volle Brüste unter engen Tops wippen, die Damen beim Schulturnen zotige Witze reißen, die Lehrerin schickt dann alle unter die Dusche – und gleich darauf gleitet die Kamera an einer Reihe nackter Mädchenleiber entlang, dass es eine wahre Freude ist. Wenn die prallen Möpse hüpfen, dauert’s nicht lang, bis den Mädels das Oberteil runtergerissen wird. Nur am Ende bricht Steinman das große Versprechen: Brenda (die wir zuvor nackt in der Badewanne gesehen haben) kleidet sich in engem Leder ein, ein schwarzer Racheengel, der sich mit diversen Waffen ausstattet, unter anderem eine Armbrust – die dann aber doch nur so nebenbei, wenn überhaupt, zum Einsatz kommen. Das ist dann doch enttäuschend, dramaturgisch sowieso, weil viel zu glatt in einem Rutsch die Bösewichter gekillt werden; aber halt auch, weil man die hier servierte Rache doch zu sehr Fast Food ist.
GAMERA GEGEN BARUGON – FRANKENSTEINS DRACHE AUS DEM DSCHUNGEL
DAIKAIJÛ KETTÔ: GAMERA TAI BARUGON / GAMERA VS. BARUGON / GODZILLA – DER DRACHE AUS DEM DSCHUNGEL / DRAGONWARS – KRIEG DER MONSTER
Japan 1966. Regie: Shigeo Tanaka.

Tja. Bei all diesen Grindhouse-Filmen handelt es sich um Trash, um genau die Schundware, die unsere Jugend verdirbt. Und zwar unsere Jugend seit den 1960ern! Kein Wunder, dass die Welt ist, wie sie ist!
Wobei auf verquere Weise natürlich auch und gerade Grindhouse-Filme den Finger auf die Wunden der Zeit legen; deutlich in GAMERA VS. BARUGON. Der zweite Teil der Gamera-Filmreihe, ein Konkurrenzprodukt zum erfolgreichen Godzilla, in dem dankenswerterweise die ersten Minuten ein »Was bisher geschah« destillieren: Kampfflugzeugabsturz in der Arktis, versehentlich geht eine Atombombe los, zack: Gamera wird freigeschmolzen und zerstört Japan. Gamera: Das ist eine feuerspuckende Riesenschildkröte; wenn sie die Füße einzieht, kann sie durch die Löcher in ihrem Panzer per Düsenantrieb fliegen, das ist sowas wie eine fliegende Untertasse. Nur in lebendig und echt. Im ersten Film war sie am Ende auf den Mars geschossen worden; durch eine wirklich unglückliche Asteroidenlaufbahn wird sie zurückgeschleudert und macht erstmal einen Staudamm kaputt. Die Arbeiter und Ingenieure rennen panisch umher, der Vorgesetzte gibt Anweisungen: «Am Tor fünf den Strom abschalten!« (das wird innerhalb weniger Minuten gleich zweimal angewiesen), nützt aber nichts, Katastrophe ist nicht aufzuhalten. »Wir haben getan, was wir können«, seufzen die Opfer, und man weiß nach dieser Szene, wie es im Nachgang zum März 2011 in der Tepco-Zentrale zuging: Die Unteren tun nichts, die Oberen befehlen nur Unsinn, und alles ist Schicksal. Jaja, die japanische Mentalität.
Gierig sind die Schlitzaugen übrigens auch. Zwielichtige Typen unternehmen eine Expedition nach Polynesien – und das hat jetzt erstmal gar nichts mehr mit Gamera zu, der wahre Fan wird sich jetzt zu langweilen anfangen; denn die Superschildkröte hat sich in einen Vulkan zurückgezogen und wird nur noch für zwei Szenen später im Film auftauchen (dann aber mit Macht…). Jedenfalls ist jetzt Abenteuerfilm angesagt, ein Opal in einer geheimnisvollen Höhle voller giftiger Skorpione im Tal der Regenbogen; ein Tabu-Ort für die Eingeborenen, zu denen glücklicherweise auch ein japanischer Arzt und seine hübsche Krankenschwester gehören. Jedenfalls: Merken muss man sich Onodera, das ist der böse Gierhals, der über Leichen geht; und Keisuke, der Gute unter den Zwielichtigen, der aber erstmal verletzt zurückbleibt. Während Onodera den Opal mit nach Japan nimmt, dummerweise das Infrarotlicht in seiner Kabine anlässt – und sich der Opal als Ei entpuppt. Ein Ei, aus dem Barugon schlüpft, seines Zeichens Monsterechse mit Riesenzunge, aus deren Spitze er einen Kältestrahl schießen kann. Rasch wird Kobe zerstört.
Dann geht es ins Landesinnere, währenddessen killt Onodera noch ein paar Leute auf der Suche nach dem vermeintlichen Opal, Keisuke tritt auf, im Gefolge hat er die Krankenschwester, er und Militär und Wissenschaft suchen nach Wegen, dem Monster beizukommen, die Gier Onoderas ist ein bisschen im Weg dabei und so weiter – das ist ja auch alles egal, wichtig ist: Bei Bedrohung aus der Ferne entsendet Barugons Rücken einen Regenbogen als Fernwaffe, der zum Beispiel japanische Kanonen zum Schmelzen bringt. Also: Für die Nähe Kältestrahl, für die Ferne Regenbogen. Im Übrigen ist er wasserscheu, wenn man Barugon mit Wasser bespritzt, bewegt er sich nicht mehr, das ist ganz OK, weil zu diesem Zeitpunkt der Film eh auf der Stelle tritt.