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Beth MacLean Homestory - Die Enthüllung
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»Moment!« Lynette hob eine Hand. »Wie darf ich das verstehen … Jake? Du nennst ihn beim Vornamen? Einfach so?«
»Ja.«
»Wow, wie kam das? Macht … Jake … das bei jedem? Wie ist er so?« Lynette hing gebannt an seinen Lippen.
»Nett.«
»Nett? Nur nett?«
»Na ja … er ist … toll. Umgänglich, überhaupt nicht abgehoben.« Und wahnsinnig sexy, fügte Tom in Gedanken hinzu.
Lynette tippte auf das Cover. »Du hast ihn innerhalb kürzester Zeit sogar zweimal getroffen … und dann diesen genialen Artikel geschrieben. Deine Chefin kann wirklich froh sein, dich zu haben.«
Ihm wurde ein wenig übel. »Das bezweifle ich.«
Toms Schwester sah ihn irritiert an. »Wie meinst du das?«
»Ich arbeite nicht mehr bei WM.«
»Oh, wurdest du abgeworben?«
»Nein. Genau genommen arbeite ich im Moment überhaupt nirgends.« Entschuldigend zuckte Tom die Schultern. »Deswegen kann ich euch leider beim Umbau nicht sofort in dem Maße finanziell unterstützen, wie ich es gern täte. Erst später … wenn ich das Honorar für den Artikel erhalten habe.«
»Geld? Von dir? Ich bitte dich. Das ist doch überhaupt nicht der springende Punkt. Sag mir lieber, warum du deinen Job los bis? Du hast doch gern dort gearbeitet, oder? Willst du dir was anderes suchen? Du müsstest doch jetzt überall grandiose Chancen haben. Hast du etwa vor, ins Ausland zu gehen?« Alarmiert zog sie die Stirn in Falten.
»Nein.« Tom holte seinen Rucksack aus der Diele und zog die Zeitschrift heraus, die er heute quasi druckfrisch an einem Bahnhofskiosk erstanden hatte. Offenbar hatte Lynette noch nichts von seinem Enthüllungsartikel mitbekommen. Er schob das Magazin über den Tisch. »Das ist der Grund. Der Artikel ist heute erschienen. Ich habe mir schon gedacht, dass du ihn noch nicht gesehen hast und … ich wollte persönlich mit dir reden«, fügte Tom hinzu, wobei er noch nicht sicher war, ob dieses Gespräch auch seine Verbindung zu Jake beinhalten würde.
Mit großen Augen überflog sie die Schlagzeilen auf dem Cover und begann dann, hektisch zu der entsprechenden Seite zu blättern. Tom wartete schweigend ab, bis sie alles gelesen hatte.
Lynettes Stimme klang zunächst schrill, dann warf sie einen kurzen Blick ins Wohnzimmer zu den Kindern und besann sich. »Du zeigst deine ehemalige Chefin an, weil sie dich dazu benutzt hat, Jake Crawford zu erpressen, um an die Homestory zu gelangen?«
»Gut zusammengefasst.«
»Du kannst das unmöglich alleine durchziehen.«
»Ich weiß … muss ich ja zum Glück nicht.« Tom stöhnte auf und fuhr sich durch die Haare. »Was bitteschön hätte ich denn tun sollen? Ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen und habe mich geweigert, dabei zuzusehen, wie sie mit Menschen umgeht, als wären sie Figuren auf einem Spielbrett. « Er hob beschwichtigend die Hände. »Hör zu, Lynnie. Ich stecke da ziemlich tief drin und es könnte noch ganz schön heikel werden. Was ich dir sagen kann, ist, dass ich mit Leland Harrison einen tollen Anwalt habe, der mich in dieser Sache unterstützt. Bitte mach dir keine Sorgen, okay? Es gibt stichhaltige Beweise und Zeugenaussagen. Ich stehe regelmäßig in Kontakt mit der Kanzlei und auch Nelly hat sich heute schon bei mir gemeldet. Sharon Prescott wird sich verantworten müssen. Anscheinend hat sie bereits ihren Schreibtisch geräumt.«
»So schnell? Dein Text ist doch heute erst erschienen, oder?«
»Ja. Aber … bereits vor der Veröffentlichung des Enthüllungsartikels hat sich Harrison mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung gesetzt. Die Sache läuft auf Hochtouren.«
»Und … was denkst du, wie Jake Crawford reagiert? Warte!«, rief sie aus, als sie die gesamte Tragweite überblickte. »Wenn die Homestory nur wegen Prescotts Erpressung zustande kam … dann wusste er bereits davon während eurer Zusammenarbeit!« Lynettes Augen wurden groß und sie starrte Tom mit offenem Mund an. »Wie hat er sich verhalten? Wie seid ihr miteinander ausgekommen? Konntest du den Sachverhalt klären? Hat er dir abgenommen, dass du nichts damit zu tun hast?«
»Ja. Zum Glück. Er war es auch, der den Kontakt zu seinem Anwalt hergestellt hat. Aber bitte, Lynette, zu keinem ein Wort, okay? Sonst kann die ganze Sache vielleicht noch kippen.«
Lynette wischte durch die Luft und zog die Augenbrauen zusammen. »Ja, ja, schon klar. Aber … was wirst du jetzt tun … ich meine … wie geht es jetzt weiter?«
»Tja, vorerst werde ich hier bei euch bleiben. Ich kann nicht zurück nach London. Der ganze Trubel in der Redaktion … und bestimmt auch vor meiner Wohnung.«
»Deiner Wohnung?«
»Na klar, oder denkst du, dass alle dichthalten und die Personalabteilung meine Adresse löscht? Ich bin keine Insel, Lynnie, so ein, zwei Menschen wissen schon, wo ich lebe«, erwiderte Tom sarkastisch »Der Versuchung, zum Tippgeber zu werden, können sicher nicht alle widerstehen. Ein paar Sensationslustige werden bestimmt versuchen, mich dort abzupassen.«
Lynette verschränkte die Arme vor der Brust. »Da können sie lange warten. Du bleibst erst mal hier.« Sie verstummte und starrte nachdenklich vor sich hin. Dann wurden ihre Gesichtszüge weicher. »Du tust das Richtige. Ich bin stolz auf dich. Das weißt du, oder?«
Tom drückte die Hand seiner Schwester. »Ich weiß.« Er fühlte sich erschöpft, wollte die Last des Schweigens nicht länger mit sich tragen. Nach einem tiefen Atemzug setzte er an, um die letzte Hürde zu nehmen. »Da ist noch etwas. In letzter Zeit … ist viel passiert. Jake und ich … wir haben nicht nur die Homestory –«
»Mami!« Mit einem spitzen Schrei und geröteten Wangen rannte Anny auf Lynette zu, kletterte auf den Schoß und suchte Schutz vor ihrer Schwester. Breitbeinig blieb Susan in gebührendem Abstand stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten.
»Gib mir die Pferde!«, verlangte sie, streckte die Hand aus und erwartete die Herausgabe.
»Nein!« Trotzig schüttelte Anny den Kopf.
»Hey, was ist denn los?«, versuchte Lynette, sich einen Überblick zu verschaffen.
»Ich will die Farm aufbauen, aber Anny hat beide Pferde genommen«, beklagte sich Susan.
Lynette schloss für einen Moment die Augen und seufzte. »Zum Glück sind es zwei Pferde. Schatz, such dir eins aus. Das andere gibst du Susan. Später könnt ihr tauschen. Dein Teddy kann sowieso nur auf einem reiten«, vermittelte sie zwischen den Geschwistern.
Im ersten Moment sah es so aus, als wollte sich die Kleine dem Vorschlag ihrer Mutter verweigern. Dann jedoch begutachtete sie nachdenklich die Plüschtiere in ihren Händen und entschied sich für das braune. Ohne weitere Zwischenfälle zogen die beiden ab.
Durch diese Unterbrechung war der Moment, in dem Tom seinen Mut zusammengekratzt hatte, leider vorüber. Aufgewühlt verschob er das Gespräch auf später – auf irgendwann, wenn er bereit dazu war.
Lynette stützte die Ellenbogen auf den Tisch und massierte sich die Schläfen. Sie wirkte müde und unter ihren Augen waren dunkle Ringe sichtbar.
»Entschuldige. Die beiden sind in den letzten Tagen oft wie Hund und Katz. Außerdem sollte ich Anny so langsam ins Bett stecken«, wandte sie sich mit einem dünnen Lächeln an Tom. »Was wolltest du sagen? Jake und du …«, griff sie Toms Satz wieder auf. »Ich kann mir vorstellen, dass ihr so einiges wegen Sharon Prescott durchgemacht habt. Du vor allem. Er wird den Kampf mit der Presse ja gewohnt sein.«
Tom winkte ab. »Ach, lassen wir das. Ich will einfach den Kopf freikriegen und wenigstens kurz mal alles hinter mir lassen.«
Lynette seufzte. »Was hältst du davon, dich oben einzuquartieren, während ich mich um die Gutenachtgeschichte für die Kleine kümmere?«
»Gute Idee.«
»Ab morgen darfst du das übernehmen.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich zeige Tom sein Zimmer. Bin sofort wieder da«, gab Lynette den Mädchen Bescheid. »Und dann ist Schlafenszeit«, fügte sie mit einem Blick auf Anny hinzu.
»Nein!«, kam prompt die Antwort. Lynette trat in die Diele, drehte sich zu Tom um und ging dann rückwärts weiter. »Momentan ist alles ein bisschen chaotisch.« Sie zeigte zur Tür am Ende des Ganges, auf der ein Schild mit der Aufschrift ›PRIVAT‹ angebracht worden war. »Marc und ich schlafen im hinteren Zimmer, die Mädchen vorübergehend oben. Wenn der Umbau abgeschlossen ist, wird es im ersten Stock vier Gästezimmer geben und wir fünf ziehen ins Dachgeschoss.« Sie zeigte nach oben und betrat die erste Stufe. Tom ließ seinen Blick über einen mit Aufstellern und Prospekten bestückten Tisch schweifen. Fahrpläne der Fähren, Visitenkarten ortsansässiger Pubs und Restaurants, Notizzettel und Stifte waren akkurat angeordnet, ließen aber noch genügend Platz für das große Gästebuch, in das sich jeder Besucher mit Lob oder Anregungen eintragen durfte. An der Wand hingen die Schlüssel für die Gästezimmer, nummeriert mit glänzenden Ziffern und jeder versehen mit einem individuellen Anhänger. Die Nische unter der Treppe war auf diese Weise platzsparend zu einer Art Empfang umfunktioniert worden.
Er warf den Rucksack über die Schulter und zog seinen Koffer zur Treppe, die seine Schwester bereits zur Hälfte emporgestiegen war. Ihre Schritte wurden durch den Teppich gedämpft, der auf den Trittflächen klebte. Deutliche Gebrauchsspuren wie Flecken, eingetrocknete Gipsklumpen und Abschürfungen an der Wand zeugten von der Notwendigkeit, auch diesen Teil des Hauses einer Erneuerung zu unterziehen, sobald oben die Renovierungsarbeiten beendet waren.
Lynette stützte sich auf das Geländer und wartete, bis Tom das erste Stockwerk erreicht hatte. Hier befanden sich die vier Zimmer, an die sich jeweils ein Bad anschloss und die seine Schwester sonst immer für Gäste bereithielt. Zwei der Türen standen offen und Tom konnte die kahlen Wände sehen. An manchen Stellen klebten noch Tapetenreste, Folien lagen auf dem Boden und unter einer Leiter stand ein Eimer mit diversen Pinseln und Farbrollen.
»Tja, nicht mehr wiederzuerkennen, was?«, hörte er Lynette hinter sich, als er sich mit einem kurzen Rundgang einen Überblick verschaffte. Tom knipste in beiden Zimmern die nackten Glühbirnen an der Decke an und warf einen Blick in die Räume. Es gab noch viel zu tun, aber er hegte keine Zweifel, dass am Ende der Renovierungsarbeiten liebevoll eingerichtete Zimmer zur Vermietung bereitstanden, in denen sich die Gäste rundum wohlfühlten.
»Die Mädchen schlafen hinten. Zum Glück kommt Anny inzwischen gut damit zurecht, dass wir unten keinen Platz für ihr Bett haben. Es hilft ihr, dass ihre großen Schwestern mit im Zimmer schlafen.« Lynette zeigte auf die Tür, die am weitesten vom Treppenaufgang entfernt lag. »Damit wir sie notfalls auch nachts hören können, steht unten bei uns ein Babyphone … und … jetzt bist du ja da.«
Tom erwiderte ihr Lächeln. »Na klar, ich passe auf die Mäuse auf. Hoffentlich muss ich nicht auf der Baustelle schlafen. In dem Fall würde ich einfach unten das Sofa in Beschlag nehmen.«
Lynette legte ihre Hand auf seinen Arm, öffnete die verbliebene Tür und schaltete das Licht an.
»Wo denkst du hin? Ein Gästezimmer ist noch möbliert. In diesem Fall ist es dein Glück, dass Marc nicht so schnell vorankommt.« Tom trat ein und stellte sein Gepäck neben den Sessel in der Ecke. Hier war alles noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Unempfindlicher Teppich in Dunkelgrau zog sich durch den ganzen Raum. Vorhänge, Tapeten und sogar die Bettwäsche hingegen waren Ton in Ton abgestimmt und füllten das Zimmer mit sattem Grün.
Aus reiner Gewohnheit trat er ans Fenster und zog die dicken Stoffbahnen zu, auch wenn keines der Nachbarhäuser so dicht bei ihnen stand, dass jemand sie in den beleuchteten Fenstern hätte sehen und beobachten können. Die Heizung unter dem Sims gluckerte und warme Luft stieg auf. Nur zwei Schritte entfernt stand eines der beiden Betten, die durch ein Nachtschränkchen voneinander getrennt wurden. Neben dem anderen führte eine Tür ins Bad und Tom freute sich auf eine warme Dusche. Er spürte die Erschöpfung nach diesem langen Tag.
»Pack erstmal in Ruhe aus. Ich bringe Anny ins Bett und mach’s mir dann bei den Großen im Wohnzimmer gemütlich. Wenn du etwas brauchst, meldest du dich, ja?«
»Ich komme nachher nochmal runter und sag Gute Nacht.« Tom küsste seine Schwester flüchtig auf die Stirn. »Danke für alles.«
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