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Beth MacLean Homestory - Die Enthüllung
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»Ich werde mich bemühen.« Er schnallte sich an und startete den Motor, um Janine zu zeigen, dass er losfahren wollte. Sie trat zurück, Jake betätigte den Fensterheber und winkte zum Abschied, während der Wagen langsam aus der Parklücke rollte. Er verspürte gleichzeitig Anspannung und Vorfreude. Endlich machte er sich auf den Weg zu Tom! Jake trat hart auf die Bremse, als ihn das plötzliche Klopfen aus seinen Gedanken riss. Janine stand wieder neben dem Wagen und signalisierte ihm wie ein Pantomime, dass er seine Kapuze überziehen und die Sonnenbrille aufsetzen solle.
»Ja, ja«, murmelte Jake und tat, was sie verlangte. Sofort verschwand ihr strenger Blick. Jake legte den Gang ein und fuhr los. Im Rückspiegel konnte er Janine erkennen. Sie stand mitten auf der Fahrspur, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihm nach.
»Was tue ich da eigentlich?«, flüsterte er, während er am Rolltor die Karte in den Automaten steckte und darauf wartete, dass er freie Fahrt hatte. Die Erinnerung an die Gespräche, die er zuvor mit Janine und Leland geführt hatte, drängte in sein Bewusstsein, doch Jake schob sie rigoros beiseite. Neben der Vorfreude auf Tom hatten die Zweifel keinen Platz mehr.
Er tastete in seiner Jackentasche nach dem Etui mit den beiden Ringen. Sein Herz schlug schneller und er gab Gas.
Kapitel 2
Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen und das unangenehme Quietschen der Bremsen verstummte. Tom öffnete schlaftrunken die Augen. Stundenlang hatte das gleichmäßige Geräusch der Fahrt ihn begleitet – lediglich unterbrochen vom Rattern, sobald sie eine Weiche passierten, oder vom Getöse beim Durchfahren von Tunneln. Nun herrschte Ruhe. Steif vom langen Sitzen richtete Tom sich vorsichtig auf, rieb seinen Nacken und sah sich blinzelnd im grell beleuchteten Abteil um. Er war der einzige Fahrgast. Draußen war es dunkel, also spiegelten die Fenster alles wider und Tom hatte das Gefühl auf dem Präsentierteller zu sitzen. Gut sichtbar für jeden, der von außen die Reisenden beobachten wollte.
Tom schluckte angestrengt und räusperte sich. Die trockene Luft, die in warmen Schwaden von der Heizung aufstieg, hatte seinen Hals ausgetrocknet. Er lehnte die Stirn an das kühle Glas, um ein paar Meter vom Bahnsteig überblicken zu können. In großen Buchstaben stand der Name seines Heimatortes auf einem Schild.
Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er planmäßig an seinem Zielbahnhof eingetroffen war. Endstation. Dies traf nicht nur für seine heutige Reise zu, sondern auch für das Gefühl, das ihn vor Jahren nach London hatte ziehen lassen. Hier an der Küste, weit weg von den Großstädten, gab es nicht viele Möglichkeiten. Entweder arbeitete man als Fischer, im Hafen oder bot, wie seine Schwester Lynette, Touristen Zimmer mit Frühstück an. Seinen Lebensunterhalt allein mit der Zucht von Schafen zu bestreiten, war unmöglich geworden.
Tom erhob sich schwerfällig von der Sitzbank. Er schlüpfte in seine Jacke, schulterte den Rucksack und zerrte den Koffer von der Ablage. Mit einem letzten Blick vergewisserte er sich, dass er nichts hatte liegen lassen, und ging zum nächsten Ausstieg. Kalter Wind pfiff über die Gleise und ließ Tom frösteln, als er auf den spärlich beleuchteten Bahnsteig trat. Tom folgte den wenigen Personen, die aus den vorderen Waggons ausgestiegen waren, zum Bahnhofsgebäude und zog seinen Koffer hinter sich her. Das Häuschen aus grauen Steinen, die durch weiße Fugen voneinander getrennt wurden, mochte vielleicht bei Sonnenschein in den Augen von Touristen einen gewissen Charme besitzen. Jetzt allerdings wirkte es durch die flackernde Notbeleuchtung, als wäre es ein ausrangiertes Stück einer Miniatureisenbahn.
Tom umrundete das Gebäude auf einem schmalen Fußweg, wich den metallenen Sperrpfosten aus und blieb einen Moment auf dem Gehweg stehen. Blind tastete er in der Jackentasche nach seinem Handy, um seine Schwester anzurufen, überlegte es sich jedoch anders. Lynette hatte um diese Zeit bestimmt genug damit zu tun, sich um das Abendessen zu kümmern oder die Mädchen fürs Bett fertigzumachen. Da musste nicht auch noch er darum bitten, abgeholt zu werden. Außerdem würde ihm nach der langen Zugfahrt der etwa halbstündige Fußmarsch durch die Nacht guttun. Noch ein wenig Zeit, die ihm blieb, um seinen Gedanken nachzuhängen. Genau genommen war es nur ein Gedanke, der Tom beschäftigte. Der Gedanke an den Mann, der ihn im Sturm erobert hatte – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes.
Er konnte nicht widerstehen, im Verzeichnis bis zum Namen ›Jake‹ zu scrollen, bereit, den Daumen auf das Feld zu drücken. Doch so weit durfte Tom nicht gehen. Sie hatten vereinbart, vorerst keinen Kontakt aufzunehmen. Einen Moment schwebte sein Finger über dem Display, ehe er das Menü ›Kontakte‹ schweren Herzens wieder schloss. Tom war hier bei seiner Schwester, hatte sich heute, am Tag, an dem sein Enthüllungsartikel erschienen war, klammheimlich nach Schottland abgesetzt, um dem Ansturm der Medien zu entgehen – und Jake war irgendwo in London, eine Tagesreise mit dem Zug von ihm entfernt. Nur Jakes Anwalt, Leland Harrison, der Tom im Prozess gegen dessen ehemalige Chefin Sharon Prescott vertrat, wusste, wo er sich aufhielt.
Entschlossen klappte Tom den Kragen hoch und marschierte los. Die Bahnhofstraße führte am Gebäude der Hafenaufsicht vorbei und umspannte das Becken, in dem sich der Fährverkehr abspielte, in einem großen Bogen. Landeinwärts lagen die Hallen des Fischmarktes sowie ein paar Pubs, ehe sich neben der Stadthalle das alte Rathaus, die Bank und dahinter die Wohngebiete anschlossen.
Tom folgte der Straße, die sich in einem langgezogenen ›S‹ den Hügel bei der Bucht hinaufschlängelte, und wurde hin und wieder von einem Auto überholt, das wohl ebenfalls die höher gelegenen Wohnhäuser zum Ziel hatte. In gleichbleibendem Rhythmus setzte er einen Fuß vor den anderen, atmete die kalte Luft tief ein und spürte den durch die Anstrengung kräftigen Puls. Inzwischen lief er neben der Fahrbahn im Gras. Lediglich der Koffer ratterte über den Asphalt. Der Gehweg und die Straßenbeleuchtung hatten schon vor einer Weile geendet und Tom war froh, dass wenigstens der Mondschein die Landschaft und die weit auseinanderliegenden Gebäude mit einem silbrigen Hauch überzog. Er blieb stehen, um den Rucksack zurechtzurücken und blickte kurz zurück. Unten in der Bucht und im übrigen Ortsgebiet leuchteten die weißen und orangefarbenen Lichter wie Sterne am Himmel – nur viel kräftiger. Die Wellen glitzerten, bildeten einen Kontrast zu den schwarzen Schatten am Ufer und über allem stand eine leuchtend helle Scheibe am Himmel. Sehnsucht überkam ihn. Gern hätte er die Ruhe und diese Aussicht mit Jake geteilt und Tom fragte sich, wann sie sich wohl wiedersehen würden und ob er Jake jemals seinen Heimatort zeigen konnte.
Nach einer kurzen Atempause setzte er seinen Weg fort, der ihn zum letzten Haus der kleinen Ortschaft führte, ehe die Straße hinter dem Hügel verschwand. Lynette und Marc hatten es nach ihrer Hochzeit von einem Witwer gekauft, dessen Sohn an der Ostküste in Edinburgh lebte und der seinen Vater hatte zu sich holen wollen. Recht war es dem alten Mann nicht gewesen, auf seine alten Tage noch einmal verpflanzt zu werden, aber er hatte sich gefügt und ein Haus voller Erinnerungen zurückgelassen.
Tom sah die erleuchteten Fenster im Erd- und Obergeschoss und vermutete, dass alle noch wach waren. Er bemerkte, wie sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl und die Vorfreude auf das Wiedersehen ihn antrieb. Mit seinem Koffer im Schlepptau bog Tom schließlich am Schild, das auf mietbare Zimmer mit Frühstück hinwies, in die geschotterte Einfahrt ab und nahm im Vorbeigehen wahr, dass daneben auf dem kleinen Rasenstück eingeschweißte Paletten standen. Während Tom auf die Haustür zuhielt, nahm er die kantigen Gebilde in Augenschein und glaubte, Säcke und Holzlattengebinde zu erkennen.
Seine Schwester hatte nichts von einem Umbau erwähnt, aber im Moment gab es Wichtigeres, als sich darüber Gedanken zu machen. Sein Herz hüpfte. In der Hoffnung, Lynette, seinen Schwager Marc oder eines der Mädchen zu entdecken, ließ Tom seinen Blick schweifen, suchte in den Fenstern nach ihnen und blieb kurz darauf vor der Eingangstür stehen. Eilig stellte er seinen Rucksack auf den Boden, öffnete den Reißverschluss und zog das Teddybärchen, das er für die jüngste seiner Nichten mitgebracht hatte, gerade so weit hoch, dass der Kopf herausragte. Tom betätigte beherzt den Türklopfer, dessen Ring aus zwei metallenen Disteln bestand. Lächelnd hielt er den Atem an und lauschte. Im Haus schien einiges in Bewegung zu kommen. Stimmen wurden lauter und das Getrappel kleiner Kinderfüße näherte sich.
»Ja?«
»Ich bin’s … Tom«, antwortete er. Das Lachen seiner Schwester erklang, als sie die Kinder nachsichtig ermahnte, wegzugehen, damit sie öffnen konnte. Ungeduldig trat Tom von einem Bein auf das andere. Endlich schwang die Tür auf und Lynette stand vor ihm. Sie strahlte bis über beide Ohren, breitete die Arme aus und zog Tom noch auf der Schwelle stürmisch an sich.
»Hey Großer!«, begrüßte sie ihren jüngeren Bruder freudig.
»Hallo Lynnie!«, flüsterte Tom in ihre braune Lockenmähne und atmete den vertrauten Geruch von Vanille ein, der mit ihr aus der Wohnung wehte. Es tat gut, sie nach langer Zeit wieder in den Armen zu halten. Sie strich über Toms Rücken, umrahmte schließlich sein Gesicht mit beiden Händen und sah zu ihm auf.
»Schön, dass du Urlaub bekommen hast und endlich da bist«, flüsterte Lynette. Tom bekam ein schlechtes Gewissen. Es war kein Urlaub, es war eher eine Flucht.
»Ja, wurde endlich mal wieder Zeit, nicht wahr?« Tom zwinkerte ihr zu. Er umarmte sie fest, hob sie hoch und ließ sie erst nach unten rutschen, als sie anfing zu kreischen und ihn kichernd in die Rippen puffte. Dann wandte er sich lachend seinen Nichten zu, die wie die Orgelpfeifen hinter ihrer Mutter standen und das Begrüßungsspektakel zwischen ihr und ihrem Onkel mit großen Augen verfolgt hatten.
»Na, ihr drei?« Sobald Tom in die Knie ging, steigerte sich das Leuchten auf ihren Gesichtern. Die zwei älteren Mädchen stürmten auf ihn zu und warfen sich derart heftig in seine Arme, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Sofort hüllte ihn der süßliche Duft von Kindershampoo ein. Die Mädchen waren wohl frisch gebadet und in kuschelige Jogginganzüge gesteckt worden.
»Tommy!« Die zehnjährige Cate schlang ihre Arme fest um seinen Hals und drückte ihn. Sie war die Mutigste und Vorwitzigste. Ihr blondes Haar kitzelte an seiner Nase, während sie vor Aufregung hüpfte. Jedes Mal, wenn er seine Nichte sah, fiel ihm auf, wie sehr sie sich durch ihren hellen Teint von den übrigen Mitgliedern ihrer Familie unterschied. Marc, ihr Vater, machte hin und wieder Scherze darüber, dass sie wohl nach der Geburt einfach vertauscht worden wäre. Wobei Tom sicher war, dass sein Schwager Cate nicht einmal dann hergeben würde, wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte. Marc liebte alle seine Kinder abgöttisch.
Susan war sieben Jahre alt und als mittleres der drei Mädchen vereinte sie gleichwohl Charaktereigenschaften von Cate und dem zurückhaltenden Nesthäkchen Anny in sich. Sie lächelte selig und ließ sich von ihrer großen Schwester nicht dabei stören, sich an ihren Onkel zu kuscheln.
»Ich habe euch so vermisst«, murmelte Tom und wiegte die Mädchen hin und her. Nach einer Weile lösten sie sich von ihm, stellten sich zu beiden Seiten neben ihn und machten den Weg frei für Anny, die mit ihren vier Jahren die Jüngste und auch die Schüchternste war. Die Kleine hielt Abstand, wie immer, wenn Tom eine Weile nicht bei ihnen gewesen war. Aufmerksam beobachtete sie die beiden anderen, schmiegte sich jedoch im Moment noch an das Bein ihrer Mutter, die ihr ermutigend über das rotbraune Haar strich.
Tom schenkte ihr sein gewinnendstes Lächeln und winkte ihr zu, ohne den Abstand zu verringern. »Hallo Anny.«
Cate streckte einladend eine Hand aus. »Komm schon, Anny. Begrüße Tom«, redete sie aufmunternd auf die Kleine ein, doch die schien etwas viel Interessanteres als ihren Onkel entdeckt zu haben. Der Blick aus ihren grünen Augen flog zwischen Tom und dem Rucksack, der am Türrahmen lehnte, hin und her.
»Ich sehe schon«, ging Tom darauf ein, als er es bemerkte. »Du hast den Teddy entdeckt. Weißt du, Anny, der Kleine wollte unbedingt mitkommen, um dich kennenzulernen und bei dir zu bleiben.« Ein Ruck ging durch Anny. Die Versuchung, vorzupreschen, das Bärchen an sich zu nehmen und in die Riege ihrer Kuscheltiere einzureihen, schien groß zu sein. Nicht groß genug allerdings, um jegliche Vorsicht über Bord zu werfen und sich an Tom vorbei zu drängen.
Tom setzte eine ernste Miene auf und nickte bekräftigend. »Ich denke, er würde sich über eine Umarmung freuen. Wie wäre das?« Ein zaghaftes Lächeln umspielte Anny Lippen. Die Hoffnung auf einen neuen Spielkameraden gab offenbar den Ausschlag. Tom griff sich seinen Rucksack, stellte ihn näher zu Anny und öffnete den Reißverschluss. Zögernd machte sie einen Schritt, nahm das Stofftier und drückte es in inniger Umarmung an sich. Ihr glückliches Lächeln war für Tom das größte Dankeschön. »Euch beide habe ich natürlich nicht vergessen.« Er ließ Susan und Cate in den Rucksack greifen und schmunzelte, als sie eifrig die Päckchen tauschten, weil sie das der jeweils anderen erwischt hatten.
»Danke!« Cate und Susan verschwanden mit ihrer Beute und ließen Anny bei ihrer Mutter zurück.
»Schön, dass du immer an sie denkst und eine Kleinigkeit mitbringst.« Lynnie setzte einen tadelnden Blick auf. »Ich glaube, inzwischen rechnen sie schon fest damit, wenn ich deinen Besuch ankündige.«
»Du meinst, sie freuen sich mehr auf die Geschenke als auf mich?«, fragte Tom mit weinerlicher Stimme. Er legte seine Hand an die Brust und ließ seine Lippen zittern, ehe er auflachte.
»Nein, natürlich nicht. Sie würden dich bestimmt genauso herzlich empfangen, wenn du nichts dabeihättest. Du bist ihr Onkel – sie lieben dich!«
»Ja, ein alter Onkel. Ah!«, stöhnte Tom theatralisch, als sein Knie beim Aufstehen knackte. Anny sah ehrfürchtig zu, wie Tom den Koffer über die Schwelle wuchtete und absichtlich gebrechlich tat.
»Na, komm endlich rein. Ein paar Tage Erholung hast du dir wirklich verdient.« Lynnie zog ihren Bruder in die Diele und schloss die Haustür.
»Ob das Erholung wird?«, fragte Tom scherzhaft und legte einen Arm um seine Schwester, während aus dem angrenzenden Wohnzimmer das Poltern und Lachen der beiden Mädchen zu hören war. Anny tapste davon und schien überaus wichtige Dinge ins Ohr ihres neuen Teddys zu flüstern.
Tom wartete, bis Lynette das Licht in der Diele ausgeknipst hatte, und betrat zusammen mit ihr das Esszimmer, an das sich eine offene Küche anschloss. Im Grunde war es ein einziger großer Raum und Tom mochte das Gefühl von familiärer Gemeinschaft, das aufkam, wenn Lynette in der Küche werkelte und ihren mit Vanille aromatisierten Tee aufgoss, er mit seinem Schwager am Esstisch saß und erzählte, während die Kids auf dem Sofa oder auf dem Teppich spielten.
»Hast du Hunger? Wir haben schon gegessen. Ich mache dir aber gern noch Speck und Eier … oder lieber ein Sandwich? Was magst du trinken? Tee? Bier?« Fragend sah sie ihn an und blieb, fürsorglich, wie sie war, mitten in der Küche stehen. Bereit, ihm alle seine Wünsche zu erfüllen.
»Nur Wasser«, antwortete Tom und warf seine Jacke über einen Stuhl. Während sie eine Flasche aus dem mit Bildern und Zeichnungen beklebten Kühlschrank nahm, sie mit einem Zischen öffnete und das Mineralwasser in ein Glas goss, sah er sich um. Hier war alles beim Alten. Blumenampel über der Anrichte, Pflanzen und gebastelte Kunstwerke der Kinder auf den Fenstersimsen. Kein benutztes Geschirr neben der Spüle, auf der Arbeitsplatte standen nur die Geräte, die täglich gebraucht wurden – Toast, Mikrowelle, Kaffeemaschine. Nicht einmal Krümel lagen nach dem beendeten Abendessen auf der Tischdecke oder dem Kinderstuhl. Lynette war sich treu geblieben. Sie hatte ihm einmal gesagt, dass die Küche und das Esszimmer ihre Bereiche waren. Wenigstens in diesem überschaubaren Teil des Hauses wollte Lynette Ordnung haben und alle halfen nach ihren Möglichkeiten mit – dann war es Lynette egal, ob der Rest im Chaos versank. Sie brauchte das als Anker in ihrem Alltag und ihre Familie respektierte das. Tom fand, dass sie zu streng urteilte. Sie hielt auch alles andere vorbildlich in Ordnung. Die privaten Räume sowie die Zimmer, die sie an Gäste vermietete.
Tom fielen die Paletten in der Zufahrt wieder ein. Zumindest in dem Teil des Erdgeschosses, der der Familie vorbehalten war, deutete nichts auf Handwerkertätigkeiten hin. Die hell eingerichtete Küche mit den Glasfronten war aus dem gleichen Holz gearbeitet wie der Essbereich. Eine optische Trennung zum Wohnzimmer wurde dadurch erzielt, dass die Bodenplatten dort dunkler waren und die Farben des Sofas und des Fernsehschranks gedeckter ausfielen.
Tom schmunzelte. Im Augenblick herrschte dort grandiose Unordnung. Die Mädchen hatten alle Sessel und Sofateile an den kniehohen Tisch geschoben, sodass zwischen den Möbelstücken schmale Gänge entstanden waren. Unzählige Decken und Tücher überspannten das Arrangement und hatten ein Gebilde ähnlich einem Ameisen- oder Maulwurfhügel entstehen lassen. Überall auf dem Boden lagen Puppen, Kissen und Teile irgendwelcher Spiele verstreut.
Cate und Susan betätigten sich als Baumeister. Sie zogen an den Enden einiger Tücher, spannten sie frisch und fixierten sie mit Wäscheklammern an angrenzenden Decken. Tom kniete sich auf den Boden und spähte in das höhlenähnliche Monstrum. Anny saß mit einer Taschenlampe unter dem Wohnzimmertisch, hatte ihre Lieblingsstofftiere um sich geschart und lächelte ihn schüchtern an.
»Da hast du dir aber einen schönen Platz ausgesucht« Tom fühlte sich für einen Moment in seine Kindheit zurückversetzt. Auch er hatte es geliebt, imaginäre Burgen zu bauen und Abenteuer zu bestehen. Seine Körpergröße machte ihm hier allerdings eindeutig einen Strich durch die Rechnung. Sollte er versuchen, sich in die engen Gänge zu quetschen, würde er wahrscheinlich das ganze Bauwerk einreißen.
»Oh, nein!«, rief Susan. Die Decke, die sich eben noch wie ein Baldachin gespannt hatte, sank herab.
»Nicht loslassen!«, wies Cate ihre Schwester an und wandte sich dann an ihren Onkel. »Hilf uns! Schnell!« Tom hatte sich im Nu einen Überblick verschafft und den Fehler in der Statik gefunden. Er rückte das Sofa zurecht, beschwerte eine Decke mit einem Stapel Bücher und betrachtete zufrieden sein Werk.
»Ja, so ist es besser«, befand Susan, verschwand mit Cate im Tunnelsystem und klappte an dem Eingang, der auf Seite der Küche lag, ein Geschirrtuch herunter, damit sie vor neugierigen Blicken geschützt waren.
Tom schlenderte zum Esstisch, wo Lynette Platz genommen hatte und das Wasserglas für ihn bereitstand. Sie hatte den Kopf aufgestützt, lächelte ihn an und rührte in ihrem Pott, aus dem die Kette eines Tee-Eis hing.
»Wo ist eigentlich Marc?«, erkundigte Tom sich nach seinem Schwager.
Lynette winkte ab und rollte mit den Augen. »Diese Woche musste er die Spätschicht übernehmen. Es gab einige Krankheitsfälle. Das einzig Gute ist, dass er sich dann tagsüber um die Schafe kümmern kann – wenn nötig. Vielleicht bist du noch wach, wenn er in ein paar Stunden heimkommt.«
Tom prustete und unterdrückte ein Gähnen. »Mal sehen. War ein langer Tag. Ich habe einen frühen Zug genommen, bin in Glasgow und Dalmuir umgestiegen und habe das Stück vom Bahnhof zu euch zu Fuß zurückgelegt.« Er ließ sich gegenüber seiner Schwester auf einen Stuhl fallen.
»Kein Taxi?«, foppte Lynette. »Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte dich doch abgeholt.«
»Nein, schon gut. Ich wollte dir keine Umstände machen, damit du dich in Ruhe um die Mädchen kümmern kannst … und Marc wäre eh nicht da gewesen. Ein bisschen Bewegung schadet nicht. Wie geht’s ihm eigentlich? Wollt ihr was Größeres auf die Beine stellen? Ich habe das Baumaterial in der Einfahrt gesehen.«
Lynettes Lächeln verschwand. »Wir haben uns einiges vorgenommen und wollen die oberen Zimmer renovieren. Es ist wirklich dringend nötig. Dadurch, dass Marc im Moment andere Arbeitszeiten hat, bekommt er zum Glück einen Zuschlag.« Sie lachte auf. »Und den haben wir auch bitter nötig. Zum einen geht der Umbau ganz schön ins Geld. Zum anderen müssen wir den finanziellen Ausfall auffangen. Es wird noch Wochen dauern, bis wir wieder zahlende Gäste haben werden.« Eine Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn, während sie das Tee-Ei abtropfen ließ und auf die Untertasse legte.
»Solange ich hier bin, helfe ich euch natürlich beim Renovieren … oder ich beaufsichtige die Rasselbande. Sag mir einfach Bescheid, wo’s fehlt, okay?«
»Das ist lieb.« Das Leuchten kehrte in Lynettes Augen zurück, als sie sich verschmitzt zu ihm beugte. »Aber du sollst deine Zeit hier bei uns genießen.« Lynette schlürfte vorsichtig an dem heißen Getränk. »Wollte Lauren denn nicht mitkommen?«
Tom spürte, wie sich Hitze auf seinen Wangen ausbreitete. Es war klar, dass das Gespräch irgendwann auf seine Ex-Freundin kommen würde. Bislang hatte er es vermieden, etwas von ihrer Trennung zu erwähnen. Aber im Vergleich mit den Dingen, die noch auf Tom zukamen, fiel die Sache mit Lauren überhaupt nicht ins Gewicht.
Tom räusperte sich und fuhr sich durch das Haar. »Wir sind nicht mehr zusammen«, gab er ohne Umschweife zu und wich Lynettes erstauntem Blick aus.
»Was? Warum? Was ist passiert? Seit wann?«
»Erst seit Kurzem. Es hat einfach nicht mehr gepasst, also ist sie gegangen«, erwiderte er lahm, zuckte mit den Schultern und versuchte sich an einem Lächeln. »Es ist okay, wirklich. Ich habe damit abgeschlossen.«
»Schade.« Tom war sicher, dass Lynette damit nicht Lauren meinte, die sie ohnehin nur einmal getroffen hatte, sondern es allgemein bedauerte, dass ihr Bruder wieder allein war. Was ja nicht stimmte. Er war heimlich mit Jake Crawford liiert. Der Gedanke beschleunigte seinen Puls und der Wunsch, Lynette von Jake zu erzählen, wurde schier übermächtig. Er konnte regelrecht spüren, wie sich die Worte in seinem Hals sammelten und dort einen unangenehmen Druck verursachten. Toms Herz schlug dumpf in seinem Brustkorb und trieb das Blut durch die Adern. War jetzt der richtige Augenblick? Sollte er es wagen und ihr von dieser unglaublichen Neuigkeit erzählen? Tom holte tief Luft – und sackte dann entmutigt wieder zusammen. Er brachte es nicht über sich, seine Schwester einzuweihen. Nicht, weil er Bedenken hegte, dass sie es herumerzählen würde, sondern weil er Angst davor hatte, nicht das erhoffte Verständnis in ihren Augen zu sehen.
»Ihr werdet schon eure Gründe gehabt haben.« Für Lynette schien das Thema damit erledigt zu sein, denn sie hob eine Augenbraue. »Lass uns über was anderes reden, ja? Die wirklich interessanten Dinge des Lebens!« Lynette lachte und als hätte sie erraten, dass Tom sich Gedanken über Jake machte, stand sie auf und holte eine der Zeitschriften aus dem Wohnzimmerregal. Stolz lächelnd schob Lynette sie über den Tisch zu Tom.
»Etwas spät, aber ich habe sie mir gekauft. Schon unglaublich, so einen berühmten Bruder zu haben.«
Sein Atem stockte. Es war genau jene Ausgabe seiner ehemaligen Redaktion, in der Jakes Homestory erschienen war. Ihm wurde heiß, als die Erinnerungen an die Nacht auf der Insel mit voller Wucht über Tom hereinbrachen.
»Jetzt haben wir endlich Zeit, ausgiebig über das Interview und dein Treffen mit einem absoluten Superstar zu reden. Es war bestimmt unglaublich, ihm gegenüberzustehen. Am Telefon warst du ja nicht sonderlich gesprächig. Ich will alles wissen! Und ganz nebenbei … die meisten aus dem Ort ebenfalls. Alle Nase lang werde ich auf das Interview und die anschließende Homestory angesprochen.«
Tom stöhnte innerlich auf. »Ich dachte, hier interessieren sich alle nur für Änderungen im Fahrplan der Fähre oder den nächsten Termin der Schafauktion … und nicht für irgendwelche Artikel in Klatschblättern.« Er sah sich schon, wie er die Tage im Haus verbrachte, weil er sich vor neugierigen Nachbarn nicht retten konnte.
»Tja, da liegst du falsch.« Sie zog eine Schnute. »Aber jetzt erzähl endlich! Ich wusste schon immer, dass du zu Höherem berufen bist«, scherzte Lynette.
»Das würde ich so nicht sagen und da gibt es auch nicht viel zu erzählen. Ich wurde dazu verdonnert, ein Interview mit Jake zu führen … anfangs war ich nicht gerade begeistert … und dann –«
