Книга Homestory - Die Enthüllung читать онлайн бесплатно, автор Beth MacLean – Fictionbook, cтраница 2
Beth MacLean Homestory - Die Enthüllung
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Beth MacLean Homestory - Die Enthüllung

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»Akteneinsicht? Die Berichte wurden noch nicht einmal geschrieben«, tönte es spöttisch von der anderen Seite des Tisches.

In Lelands Mimik zeichnete sich keine Regung ab. Kühl hielt er dem Blick des Ermittlers stand. »Dann wissen Sie ja, was zu erledigen ist«, ging er unverfroren zur nächsten verbalen Attacke über. Jake war nahe daran, in Deckung zu gehen, auch wenn er an dem Wortgefecht nicht unmittelbar beteiligt war. »Wann kann Mister Crawford den Tatort wieder betreten? Alle seine Sachen befinden sich dort«, wechselte Leland bereits zum nächsten Punkt.

»Das kann dauern. Die Ermittlungen sollen doch nicht gestört werden, oder?« Offenbar war der Polizist nicht bereit, zu schnell klein beizugeben.

»Stören? Das war nicht unsere Absicht«, säuselte Jakes juristischer Vertreter zuckersüß. »Im Gegenteil. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie schnellstmöglich Angaben darüber erwarten, ob etwas … und wenn ja … was entwendet wurde. Wie sollen wir Sie dahingehend unterstützen, wenn mein Mandant die Räume nicht betreten darf?«, gab der Rechtsanwalt herablassend zu bedenken.

Die Lippen des Polizisten wurden zu schmalen Linien. »Wir geben Bescheid«, maulte er unfreundlich und bei Jake entstand der Eindruck, als hätte er einen Hofhund vor sich, der nach Fremden schnappte.

Erleichtert atmete Jake auf, nachdem die beiden Männer von dannen gezogen waren. »Das ging ja einfacher, als ich dachte.«

Die Falte auf Lelands Stirn blieb bestehen. »Nun, zumindest ein wenig Zeit konnte ich dir verschaffen.« Er sah auf die Uhr und griff nach seiner Aktentasche. »Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern. Denkst du, dass du ab jetzt allein zurechtkommst? Mister Morris wird dir sicher jeden Wunsch von den Augen ablesen.«

Jake nickte, obwohl er Leland gern das Gegenteil gesagt hätte. »Nur noch eins.« Jake gab sich einen Ruck und hielt ihn zurück. »Das was ich vorhin gesagt habe … wegen Toms Wohnung …«, druckste er herum. Keinesfalls wollte er ihm noch mehr Arbeit aufhalsen, schaffte es jedoch auch nicht, die Bedenken zu ignorieren.

Der Anwalt schien sofort verstanden zu haben, worauf Jake hinauswollte. »Natürlich, Jake. Ich werde herauszufinden, ob bei Tom ebenfalls eingebrochen wurde, und gebe dir dann Bescheid.« Er war im Begriff, sich auf den Weg zu machen, als er sich nochmal an Jake wandte. »Ich bereite im Büro eine umfassende Niederschrift deiner Aussage vor. Die können wir bei Bedarf vorlegen. Das zeigt unseren guten Willen, dürfte dein persönliches Erscheinen in den Diensträumen aber vorerst überflüssig machen.«

Jake nahm die Tüte entgegen, die Janine ihm brachte. Sie hatte sich beeilt und war rasch wieder aufgetaucht. »Hier … das sind ein paar Dinge, die ich auf die Schnelle besorgt habe.« Er schaute hinein und sah auf den ersten Blick nur ein Kapuzenshirt. Jake vermutete jedoch, dass sie außerdem Jeans, Socken und Unterwäsche beschafft hatte. »Für den Moment wird es gehen. Sobald dein Zimmer und deine Sachen freigegeben sind –«

»Ich kann nicht im Hotel bleiben«, stieß Jake hervor und unterbrach Janines Redefluss.

»Du bekommst natürlich ein anderes Appartement. Mister Morris war wirklich sehr bemüht.«

»Darum geht es doch gar nicht, Jan. Wie stellst du dir das vor? Selbst wenn ich umziehe … ich fühle mich hier nicht sicher. Wenn einmal die Tür geknackt wurde, dann geht das auch ein zweites Mal. Und die wissen noch nicht einmal, wer mit drin- beziehungsweise dahintersteckt. Denkst du, ich will mich bei jedem, der mir auf dem Flur über den Weg läuft, fragen, ob er was damit zu tun hat?«

»Travis und Rodney könnten sich abwechseln –«

»Nein«, fiel Jake ihr gereizt ins Wort und stöhnte auf.

»Ich verstehe. Du möchtest weg. Ich werde sofort bei einem anderen Hotel anfragen.« Geschäftig wischte sie über das Display ihres Handys.

»Das ist nicht das, was ich will.« Die Erklärung dazu blieb ihm im Hals stecken. Jake brachte es nicht fertig, endgültig mit der Sprache rauszurücken. Er war sich nahezu sicher, dass sie ihn für nicht zurechnungsfähig hielt, wenn er seine Pläne offenlegte, die sich aus einem flüchtigen Gedanken entwickelt und manifestiert hatten.

Trotz regte sich in ihm. Im Grunde war er ihr keine Rechenschaft schuldig, selbst wenn sie ahnen sollte, dass er etwas verbarg und nicht mit der ganzen Wahrheit herauszückte. Sein Verhältnis zu Tom musste vorerst geheim bleiben.

Erstaunt sah sie auf. »Wie meinst du das? Willst du England verlassen? Kehren wir in die Staaten zurück? Soll ich uns einen Flug buchen?«

»Nein. Keinen Flug – ein Auto. Und auch nicht für uns – nur für mich.«

»Wie bitte?«

»Bitte besorge mir einen Mietwagen«, wiederholte Jake seinen Wunsch.

»Ähm, und dann?« Irritiert sah sie ihn an.

»Ich werde wegfahren. Für eine Weile untertauchen und … jemanden besuchen.«

»Und wen?« Janine lächelte angestrengt. Es schien ihre Nerven zu strapazieren, dass sie Jake alles aus der Nase ziehen musste.

»Tom.« Ihm wurde heiß. Genauso gut hätte er ›meinen Lover‹ sagen können.

Ihr Blick flog zu dem Magazin, das immer noch auf dem Tisch lag. »Diesen Tom?« Fassungslos keuchte sie. »Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder? Wann ist dir denn die Idee gekommen?«

Jake zuckte mit den Schultern. Er würde einen Teufel tun, ihr zu erzählen, dass er Tom in jeder Sekunde vermisste und dieser Zwischenfall nur den letzten Anstoß gegeben hatte, die Zelte hier abzubrechen, um bei ihm sein zu können. »Das geht nicht. Und überhaupt … was willst du bei ihm? Erklär mir das bitte!« Jake wusste, dass sein Plan, sich ihrem Zugriff zu entziehen, großes Unbehagen bei ihr auslöste. Wenn er von der Bildfläche verschwand, verlor sie ein Stück weit die Kontrolle – und Janine hasste das. Der Hauch eines wissenden Lächelns stahl sich auf ihre Lippen. »Ich soll also diesen Kurztrip für dich organisieren? Hast du bedacht, dass er nach dem Staub, den er aufgewirbelt hat, vielleicht untergetaucht ist? Ich weiß gar nicht, wo er sich momentan aufhält«, setzte sie nach und hoffte damit wohl, dass sein Vorhaben sich in Luft auflöste.

»Du nicht, Leland schon«, konterte er und ihm wurde im selben Atemzug bewusst, dass er sie damit herabsetzte und gleichzeitig seinen Anwalt aufwertete.

»Ach? Den kann er sich leisten?« Pikiert zuckte sie mit der Augenbraue. »Denkst du etwa, er bricht seine Schweigepflicht und verrät es dir?« Sie schloss für einen Moment die Augen und seufzte. Offenbar wollte sie Streit vermeiden und fuhr zunächst gemäßigter fort. »Aber … warum gerade Mister Finley? Das ist doch Blödsinn!«, brach es aus ihr heraus. »Es gab Zeiten, da hast du ihn auf den Mond gewünscht. Wenn du schon eine Auszeit brauchst … kannst du nicht jemanden aus dem Team besuchen? Er gehört doch gar nicht dazu.«

»Und genau das ist das Beste daran. Niemand wird auf die Idee kommen, mich gerade dort zu suchen. Ich lasse alles hinter mir und mache etwas total Unerwartetes«, log Jake.

»Woher weißt du, dass er nicht wieder umschwenkt, dich benutzt und danach noch ein Artikel erscheint? Jake Crawford – die Zeit nach den Enthüllungen … oder so ähnlich.« Jake schwieg. Für den Bruchteil einer Sekunde versetzte ihm die Vision, die sie mit ihren Worten erschaffen hatte, einen Stich. Wenn er kühl und sachlich darüber nachdachte, waren ihre Einwände durchaus berechtigt – aber das Herz folgte nun mal keiner Logik.

Janine atmete tief durch. »Dir ist schon klar, dass du mir damit schlaflose Nächte bescherst, oder? Wie stellst du dir das vor?« Sie versuchte, strukturiert an die Sache ranzugehen, sah sich aber offenbar auf verlorenem Posten.

»Ich fahre zu der Adresse, die Leland mir hoffentlich gibt … mit einem unauffälligen Mietwagen, den du mir noch besorgen wirst.« Jake sah sie treuherzig an.

»Darfst du das denn – London verlassen? Es laufen doch Ermittlungen.«

»Leland hat mir versichert, dass es keine Probleme geben wird. Der Polizei können wir alles vorlegen und im Notfall weiß er, wo ich mich aufhalte. Außerdem kann ich im Nu wieder hier sein, ich verlasse ja nicht das Land. Es ist doch kein Weltuntergang, dass ich mich für ein paar Tage ausklinken möchte. Wo ich mich dann in der Zeit aufhalte, dürfte niemanden etwas angehen.«

»Genau darum geht es, Jake. Niemanden geht es etwas an, aber trotzdem provozierst du durch diese Aktion, dass es alle erfahren«, begehrte sie auf. »Denn was ist, wenn du erkannt wirst? Dort – wo immer du dich dann rumtreibst – hast du wahrscheinlich denkbar schlechte Chancen, einer Belagerung durch die Presse zu entgehen. Travis und Rodney wirst du ja wohl kaum mitnehmen.« Hoffnung erhellte für einen Moment ihr Gesicht, ehe sie misstrauisch nachhakte. »Oder?«

»Nein. Ich werde alleine fahren.« Jake stellte die Tüte ab und ergriff Janines Hände. »Hey, mach dir keine Sorgen. Es wird schon alles gut gehen.« Ganz sicher war er allerdings nicht.

Jake schnupperte unauffällig am Ärmel des Kapuzenshirts, das Janine ihm gekauft hatte. Der Geruch erinnerte schwach an Holz und Farbe. Da alles, was er trug, nagelneu war, musste er wohl oder übel auf den frischen Duft von Waschmittel verzichten. Nach der Befragung durch die Polizei hatte er in dem zur Verfügung gestellten Zimmer geduscht, sich umgezogen und zumindest Ausweis und Checkkarte wieder an sich nehmen dürfen.

Jetzt durchstreifte er einen Bereich, der an die Hotellobby angrenzte. Hier hatten sich Ableger diverser Modelabels, Beautysalons und exquisite Läden angesiedelt, um den verwöhnten Gästen sämtliche luxuriösen Wünsche zu erfüllen. Ungeduldig wartete er darauf, den Mietwagen, um den Janine sich kümmern wollte, in Empfang zu nehmen. Ob sie beim hoteleigenen Limousinenverleih fündig werden würde, bezweifelte Jake. Was er brauchte, war ein unauffälliges Fahrzeug.

Es war bereits Nachmittag und sein Magen knurrte. Vielleicht wäre es eine gute Idee, vor der langen Fahrt noch etwas zu essen, überlegte Jake. Dann musste er zwischendurch nicht anhalten und die Chancen, unerkannt ans Ziel zu kommen, erhöhten sich.

Er ließ die Schaufenster des Coiffeurs und der Boutique hinter sich und schlenderte an einer beleuchteten Marmorwand entlang, auf der mit klaren Linien die übergroßen Lettern eines Juweliers prangten. In der Fassade eingelassen waren Schaukästchen mit äußerst wertvollen Uhren, Ketten und Armbändern hinter Panzerglas. Eine alte Dame in Kostüm und Hut begutachtete interessiert die Auslage und war offenbar nicht abgeneigt, die Schmucksammlung aus goldumrahmten roten Steinen, die sie trug, um ein wertvolles Stück zu erweitern. Jake ging weiter, um einen Blick in das letzte der Schaufenster zu werfen. Es enthielt nur eine Handvoll Ringmodelle, die paarweise auf runden Kissen angeordnet waren und sich langsam um sich selbst drehten. Trauringe. Als hätte der Anblick etwas in ihm ausgelöst, dachte Jake genau in diesem Moment an Tom – so intensiv, dass sich ein Kribbeln über seinen Nacken zog. Jake schluckte und wurde wie magisch von dem Anblick angezogen. Fasziniert trat er näher an die Scheibe und betrachtete die Schmuckstücke aus Edelmetall. Je nach Lichteinfall wirkten die geschliffenen Diamanten recht unscheinbar oder aber funkelten wie helle Sterne. Seine Aufmerksamkeit erregten jedoch nicht die ausgefallenen Stücke, die mit Steinen und aufwendigem Schnickschnack aufwarteten. Jake wusste, so etwas würde Tom nie tragen. Am Rand war ein unscheinbares Paar Ringe ausgestellt, schmal gearbeitet, mit matter Oberfläche. Wer keinen Protz mochte, aber trotzdem ein sichtbares Symbol der Verbundenheit tragen wollte, war mit diesen Schmuckstücken perfekt ausgestattet. Sein Herz setzte einen Moment aus und schlug danach umso schneller. Der Wunsch, einen Ring, diesen Ring, an Toms Finger zu sehen, beherrschte plötzlich Jakes Denken und Fühlen. Ohne Zögern steuerte er den Eingang an, um diese irrwitzige Eingebung in die Tat umzusetzen.

Ehe er jedoch seine Hand um den goldfarbenen Griff legen konnte, öffnete ein Portier von innen die Tür und begrüßte ihn mit einem dünnen Lächeln. Jake streifte ihn mit einem Blick und nickte ihm dabei zu. Er war sicher, dass seine Hauptaufgabe nicht darin bestand, täglich unzählige Male ,Sesam öffne dich‘ zu spielen und die Kunden zuvorkommend zu behandeln, sondern dafür zu sorgen, dass die edlen Schmuckstücke keine Sekunde unbeaufsichtigt blieben.

Kaum hatte Jake den Raum betreten, steuerte eine Dame mittleren Alters in einem exquisiten Kostüm auf ihn zu und strahlte ihn an. Ihr Auftreten ließ ihn einen Moment darüber nachdenken, ob er nicht sogar die Geschäftsführerin vor sich hatte.

»Herzlich willkommen chez Camille«, flötete sie und wechselte für die zweite Satzhälfte ins Französische. In gebührendem Abstand blieb sie stehen und sah Jake erwartungsvoll an. »Welchen Ihrer Wünsche darf ich erfüllen? Sind Sie auf der Suche nach einem Geschenk? Selbstverständlich dürfen Sie sich ungestört umsehen und mir dann –«

Jake verlor keine Zeit. Er platzte mit seinem Anliegen heraus und deutete über seine Schulter. »Ich möchte mir zwei Ringe näher ansehen, die ich dort hinten im Schaufenster entdeckt habe.«

»Sehr gern.« Sie nickte huldvoll. Falls sie sich daran störte, dass Jake ihr ins Wort gefallen war, ließ sie sich das nicht anmerken. Elegant umrundete sie eine beleuchtete Vitrine aus Panzerglas und hielt, gefolgt von Jake, auf die Auslage zu, die er angesprochen hatte. Wenig später hatte sie die elektronische Sicherung mit einem Code entsperrt und präsentierte die Schmuckstücke auf einem hüfthohen Tischchen. Jake hatte es abgelehnt, sich in eine der Sitzecken zurückzuziehen, wo die Kundschaft diskret und in gemütlichem Ambiente zum Ausgeben eines kleinen Vermögens animiert werden sollte. Außer ihm war ohnehin niemand im Verkaufsraum, vor dem es die beiden Ringe zu verbergen galt, damit nicht wieder irgendein Gerücht die Runde machte. Er schaltete seine Ohren auf Durchzug, als sie gekonnte begann, die Qualität des Materials, das handwerkliche Können des Goldschmieds und die optischen Vorzüge anzupreisen. Gebannt sah er auf die Ringe, die auf schwarzem Samt gebettet vor ihm lagen. Er war einem Impuls gefolgt, als er das Juweliergeschäft betreten hatte. Würde er nun auch den Mut aufbringen, sie zu kaufen?

Jake spürte, wie seine Hände unangenehm feucht wurden. Hoffentlich kam die Verkäuferin oder Geschäftsführerin oder wer auch immer sie war, jetzt nicht auf die Idee, seine Hand zu ergreifen, um ihm eines der Schmuckstücke probeweise überzustreifen.

Die Stille, die mit einem Mal herrschte, brachte ihn dazu, sich von seinen Gedanken loszureißen und sich wieder auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Die Dame hatte ihren Vortrag beendet und wartete offenbar auf Jakes Entscheidung, doch ihm wollte kein einziges Wort über die Lippen kommen. Sie waren da, aber er konnte sie nicht aussprechen. Was zum Teufel machte er hier? Nun, offensichtlich war er kurz davor, Trauringe für sich und einen Mann zu kaufen, den er erst wenige Tage kannte. Crazy!

»Wie viel kosten die?«, würgte Jake hervor, um Zeit zu gewinnen, denn der Preis war nun wirklich das Unwichtigste an der ganzen Geschichte.

Mit ihren perfekt manikürten Fingern griff sie wortlos nach dem Kissen, auf dem die Ringe ausgestellt worden waren, drehte es um und zeigte Jake die fünfstellige Zahl.

»Vielen Dank … ähm … ich überlege es mir.« Er verabschiedete sich knapp und eilte hinaus.

Nach ein paar Schritten blieb Jake stehen und unterdrückte ein Stöhnen. Sein Herzschlag hatte sich in ein unangenehmes Pochen verwandelt. Die Zweifel, die ihn in die Flucht geschlagen hatten, zerstreuten sich. Aber nicht nur das. Er fiel von einem Extrem ins andere. Jetzt hatte er das Gefühl einen fatalen Fehler begangen, eine einmalige Chance verpasst zu haben. Es war zum Verrücktwerden!

Jake sog die Luft tief in seine Lungen ein und kehrte um. Den Gedanken daran, wie seine Unentschlossenheit wohl auf den muskulösen Türsteher und die Dame, die ihn beraten hatte, wirken mochte, schob Jake beinahe trotzig beiseite. Selbst wenn er dutzendmal rein- und rausgehen würde, hatte es den beiden egal zu sein.

Innerhalb weniger Augenblicke wiederholte sich alles wie in einer Zeitschleife – das Betreten des Geschäfts und auch die zuckersüße Begrüßung durch die Verkäuferin. Sie stand in der Nähe des Schaufensters, hatte soeben die Ringe zurückgelegt und das Schließsystem aktiviert. Jake ging ihr ein paar Schritte entgegen und konnte nicht verhindern, dass er in ihrer Miene nach Anzeichen suchte, dass sie sich wegen seines Sinneswandels insgeheim köstlich über ihn amüsierte. Nichts. Kein verräterisches Zucken der Mundwinkel oder der Augenbrauen verriet ihre Gedanken.

Eifrig bemühte sie sich, ihn diesmal länger aufzuhalten und das Gespräch erfolgreich mit einem Verkauf abzuschließen. »Wie schön, Sie wieder in unseren Räumen willkommen heißen zu dürfen. Wie kann ich diesmal behilflich sein? Mit Vergnügen zeige ich Ihnen auch andere Stücke aus der Kollektion. Wir hätten da noch sehr schöne –«

»Nein, das ist nicht nötig«, unterbrach Jake sie und deutete wieder auf die Schaufensterauslage. »Ich habe mich bereits entschieden – für die zwei Ringe.« Na, das war doch gar nicht so schwer, redete Jake sich zu, hielt jedoch gleichzeitig den Atem an und wartete, ob sich wieder ein Gefühl von Panik einstellte.

Ohne ein weiteres Wort, nur mit einem smarten Lächeln auf den Lippen, drehte sie sich um und öffnete die Vitrine ein zweites Mal für Jake. »Eine sehr gute Wahl.« Mit diesen Worten hätte sie vermutlich jeden Kauf abgesegnet, schoss es Jake durch den Kopf, als er ihr folgte und schließlich in dem indirekt beleuchteten Empfangsbereich stehen blieb. Während die Verkäuferin die Ringe mit einem weißen Tuch polierte und verpackte, ließ Jake den Blick schweifen. Eine langstielige Blume steckte in einer schlichten Glasvase und unterstrich die schnörkellose Einrichtung. Wirken sollten hier wohl lediglich die edlen Schmuckstücke. »Wünschen Sie eine hübsche Geschenkverpackung?« Beinahe wäre Jake die Frage herausgerutscht, ob es denn auch hässliche gäbe. Das Lachen, das in seinem Hals kitzelte, konnte er gerade noch rechtzeitig unterdrücken.

»Nicht nötig. Das Etui genügt. Setzen Sie es bitte auf meine Hotelrechnung, ja?«

»Natürlich, Mister Crawford.«

Jake griff zufrieden nach dem kleinen Tütchen, das ihm die Dame überreichte, und verließ das Juweliergeschäft. Nach wenigen Schritten ließ ihn ein Gedanke innehalten. Das Geschenk für Tom war noch nicht perfekt. Auch wenn die Situation inzwischen etwas von dem Film hatte, für dessen Titel ein putziges Nagetier hatte herhalten müssen, wandte Jake sich entschlossen um, passierte erneut den Türsteher und blieb kurz darauf vor der Dame im Verkaufsraum stehen. Er stellte fest, dass er beinahe schon eine Routine entwickelte und es ihm immer leichter fiel, je öfter er das Prozedere wiederholte. Jake setzte ein gewinnendes Lächeln auf. »Eine Gravur würde das Ganze abrunden.«

»Bitte, Leland. Tom hat dir doch nicht ausdrücklich untersagt, mir die Adresse seiner Schwester zu nennen«, flehte Jake, während er den samtbezogenen Würfel betrachtete.

»Du hast recht. Verboten hat er es nicht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er es überhaupt nicht für möglich gehalten hat, dass du ihn besuchen willst. Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?«, fragte Leland skeptisch. »Außerdem könnte er meine Loyalität infrage stellen, falls er nicht damit einverstanden ist, dass ich seine Daten weitergebe – auch wenn du es bist, der sie bekommt … und er bestimmt überglücklich ist, wenn du vor ihm stehst.« Er räusperte sich. »Ich denke, ich sollte mich rückversichern.«

»Nein!«, rief Jake aus, ehe er leise fortfuhr. »Sag ihm bitte nichts. Es ist … ich muss zu ihm … unbedingt … und ich könnte nicht ertragen, wenn er mich nicht sehen will«, flüsterte Jake und bemerkte nicht einmal, dass er sein Handy vor Anspannung krampfhaft umklammerte. Er hatte Angst davor, dass Tom ablehnte und alles zum Scheitern verurteilt war, noch bevor Jake sich überhaupt zu ihm auf den Weg machen konnte. Zugegeben, er setzte sich über alle vernünftigen Argumente hinweg, aber gegen seine Gefühle war er einfach machtlos. Verdammt nochmal, er wollte zu Tom! Er wollte ihn in seine Arme schließen, mit ihm reden, einfach bei ihm sein.

Nervös sah er sich in der Lobby um. Von Janine war noch nichts zu sehen. Wenn er den Tatendrang seiner Assistentin allerdings richtig einschätzte, blieben ihm bestenfalls noch wenige Minuten. Bis dahin musste er seinen Anwalt überzeugt haben, Toms Aufenthaltsort preiszugeben. »Es ist wichtig. Bestimmt finde ich die Anschrift selbst heraus … aber ohne dich dauert’s länger. Leland, ich kann nicht hierbleiben. Ich fahre zu ihm und verschanze mich ein paar Tage. Niemand erfährt etwas. Und selbst wenn ich bei ihm bin und das ganze Haus belagert wird … das kann mir hier nach dem Einbruch auch passieren, sobald die Presse Wind bekommt.«

»Jake, ich verstehe dich. Ihr seid jung, verliebt und alles ist rosa … aber dort ziehst du Tom mit rein … ungefragt! Willst du ihm das antun? Wenn du dort auftauchst, wird jeder fragen, warum du ausgerechnet zu ihm geflüchtet bist.«

»Das kommt dir jetzt nur deshalb komisch vor, weil du weißt, dass mehr zwischen uns ist«, verteidigte Jake sein Vorhaben und schusterte eine Erklärung zusammen. »Für alle anderen wird es so aussehen, als würde ich zu irgendeinem Journalisten fahren, der ein paar Artikel über mich geschrieben hat … und der Grund … da gab es eben einfach noch ein paar Dinge zu klären. Niemand wird Verdacht schöpfen.« Kaum hatte Jake seine Gedanken ausgesprochen, wurde ihm klar, wie abwegig das Ganze klang, machte jedoch keinen Rückzieher. Jake hörte, wie Leland ins Telefon atmete und wartete gespannt auf eine Antwort, während die Sekunden verstrichen.

»Machst du dir da nicht etwas vor?«, begann er schließlich. »Ich denke, bewusst oder unbewusst willst du es darauf anlegen, dass ans Licht kommt, wie ihr zueinandersteht. Du wirst ungeduldig, setzt Tom unter Druck und stellst ihn vor vollendete Tatsachen, wenn du plötzlich bei ihm auftauchst. Ist das fair? Telefoniere doch einfach vorher mit ihm und hör dir an, was er dazu sagt.«

»Wie wäre es mit einem Kompromiss? Ich rufe von unterwegs an. Okay?« Leland seufzte ergeben und Jake ahnte, dass er gewonnen hatte.

Jake hüstelte. Der Geruch des Cockpitsprays reizte seinen Hals. Er ließ seinen Blick über das Armaturenbrett des Nissan Micra schweifen, schob den Sitz bis zum Anschlag zurück, damit seine langen Beine Platz fanden, und veränderte die Einstellungen an Lüftung und Heizung. Janine hatte neben dem Auto Aufstellung genommen und beugte sich ins Wageninnere, nachdem Jake das Fenster auf der Beifahrerseite heruntergelassen hatte. Zum Geruch des Pflegemittels kam jetzt noch eine dezente Mischung aus Abgasen und Janines Parfüm hinzu, die durch die Öffnung hereinwehte. Auf den anderen Stellplätzen standen die Luxuskarossen der Hotelgäste und am anderen Ende des Parkdecks schlug jemand eine Autotür zu.

»Unauffällig genug?«, säuselte Janine und lächelte Jake unschuldig an. Für einen Moment sah er auf und musste feststellen, dass es ihm nicht gelang, das Grinsen vollständig zu unterdrücken. Er durchschaute Janine. Wenn sie dachte, dass er einknickte, nur weil sie ihm irgendeinen Touristenmietwagen beschafft hatte, ob nun absichtlich, weil sie ihm eins auswischen wollte, oder unabsichtlich, weil wirklich kein anderes Auto zu bekommen gewesen war, dann hatte sie sich geschnitten. Notfalls würde er auch mit einem Roller zu Tom fahren.

»Passt perfekt. Du hast meine Kampagne verinnerlicht. Ich bin stolz auf dich.« Lässig entfernte er das Schild, das am Rückspiegel baumelte und Fahrer, die nicht an den Linksverkehr gewöhnt waren, daran erinnerte, die richtige Straßenseite zu benutzen.

»Alle notwendigen Papiere sind im Handschuhfach … der Tank ist voll … und mit der Schlüsselkarte für deine Suite kannst du das Rolltor der Tiefgarage bedienen«, zählte sie alles auf, was vor Antritt der Fahrt wichtig war. »Brauchst du sonst noch was?« Sie deutete auf die prall gefüllte Sporttasche auf dem Beifahrersitz.

»Nein. Das Warten hat sich gelohnt.« Jake klopfte mit einer Hand demonstrativ auf sein Reisegepäck. Die Ermittler hatten Jake schließlich doch seine privaten Dinge aus dem Appartement überlassen – zwar mit einiger Verspätung, aber immerhin.

»Dann bleibt mir nur noch, dir ein paar schöne Tage zu wünschen«, seufzte Janine und warf wie zufällig einen Blick auf das Navigationsgerät, in das Jake wohlweislich noch keine Daten eingegeben hatte. »Erhol dich und …« Mahnend hob sie den Zeigefinger. »… ich möchte nichts über dich hören … oder lesen. Verstanden?«

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