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Max R. Liebhart Venedig. Geschichte – Kunst – Legenden
Venedig. Geschichte – Kunst – Legenden
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Max R. Liebhart Venedig. Geschichte – Kunst – Legenden

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Bis 1866, mit Ausnahme der Jahre 1804–14, in denen die Stadt Napoleon unterstand, war Venedig österreichisch. Ein Aufstand unter Daniele Manin 1848 wurde nach langer Belagerung und massivem Artilleriebeschuss niedergeschlagen. Ab 1866 gehörte Venedig zum Königreich Italien. Der Verlust der terra ferma hatte schon vorher durch den damit verbundenen Wegfall der wirtschaftlichen Grundlagen zu einem dramatischen Niedergang geführt, aus dem Venedig als die morbide Stadt hervorging, als die sie in der Dichtung häufig geschildert wird. Einen gewissen Ausgleich stellt der zunehmende Tourismus dar, der allerdings die Entwicklung zur Museumsstadt mit anhaltendem Bevölkerungsrückgang vorantreibt.

Verfassungsentwicklung und Staatsorgane

Die Entwicklung der Verfassung verlief über mehrere Jahrhunderte, in denen zunächst die Loslösung von Byzanz betrieben wurde, während später, genauer gesagt seit der Mitte des 12. Jahrhunderts, sich der Adel gegen Dogen und Bürgertum durchsetzte und die Gremien der aristokratisch-oligarchischen Machtausübung entstanden. Höhepunkt dieser Entwicklung war das Wahlgesetz des Jahres 1297, das auch als die sogenannte serrata in die Geschichte eingegangen ist. Darunter ist die Schließung des Großen Rates zu verstehen, bei der festgelegt wurde, welche Familien in das „Goldene Buch“ der Stadt eingetragen wurden und somit dem Adel angehörten, dem Teil der Bevölkerung der Republik, der alleine bei Regierungsgeschäften mitbestimmungsberechtigt war. Die Verfassung, die sich bis dahin herausgebildet hatte, blieb dann bis zum Ende der Republik im Jahr 1797 im Wesentlichen unverändert, war also 500 Jahre stabil, was man als eine außerordentlich erstaunliche Tatsache würdigen muss. Hier können nur die Grundzüge dieser Verfassung nachgezeichnet werden.

Die verfassungsrechtliche Ordnung der Anfänge des venezianischen Staatsgebildes entsprach der einer byzantinischen Grenzprovinz, zu der außer Venetien und die Lagunen auch noch Istrien, die Emilia, die Küste von Ravenna bis tief nach Süditalien, zeitweise auch Neapel, Teile der Toskana und Ligurien gehörten. Eine Veränderung ergab sich erst mit dem Machtverfall von Byzanz, der gegen Mitte des 8. Jahrhunderts immer deutlicher wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die byzantinische Provinz durch den Exarchen von Ravenna regiert, der oberster Befehlshaber in allen Militär- und Zivilbelangen war. Ihm unterstanden die von ihm ernannten magistri militum, die für die einzelnen Grenzprovinzen (limites) zuständig waren und einzelne Aufgaben an duces delegieren konnten. Bestimmte Verteidigungsanlangen wie Festungen unterstanden tribunen. Waren die duces zunächst den magistri militum unterstellt, so verwischte sich dieser Rangunterschied nach und nach, bis schließlich der Titel magister militum nur mehr ein Ehrentitel war. Im Jahr 697 wurde Paoluccio (Paulutius) Anafestus vom Exarchen von Ravenna als dux eingesetzt. Die Chronik berichtet, dass der Patriarch von Grado eine Versammlung der Tribunen und Kirchenfürsten einberufen haben soll, die den neuen Herzog durch Akklamation bestätigte. An dieser Versammlung sollen zwölf Mitglieder der später sogenannten (etwa 90) case vecchie (Adelsgeschlechter) teilgenommen haben, nämlich die Badoer, Barozzi, Contarini, Dandolo, Falier, Gradenigo, Memmo, Michiel, Morosini, Polani, Sanudo und Tiepolo, die deshalb die „apostolischen Familien“ hießen.

747 entstand aus dem dux das Amt des Dogen, der folgerichtig der Mächtigste im Staate Venedig wurde, aber angewiesen blieb auf die Unterstützung durch den lokalen Adel, dem einzelne Staatsgeschäfte delegiert wurden. So entstanden schon früh die Voraussetzungen für eine Dualität und damit für ein Kräftemessen zwischen dem Herzog (Dogen) und dem Adel. Von Anfang an setzte letzterer alles daran, die Entstehung einer Erbmonarchie einer bestimmten Familie zu verhindern, wobei solche Intentionen natürlich im Interesse der jeweiligen Dogen gelegen haben. Mit solchen Bestrebungen sind recht viele Dogen gescheitert. Wie heftig die Auseinandersetzungen gewesen sein müssen, ergibt sich aus der Tatsache, dass von den ersten 50 Dogen 19 getötet, verbannt oder abgesetzt wurden. Sieger blieb letztlich der Adel. 1032 erging ein erstes Staatsgrundgesetz, das dem Dogen verbot, Nebenherrscher zu ernennen. Damit erhielt der Doge gewissermaßen erstmals einen gesetzlichen Rahmen, was gleichbedeutend war mit dem Ende der absoluten Dogenmacht. Außerdem wurde ihm im gleichen Jahr ein beratendes – und kontrollierendes – Kollegium beigeordnet. In der Folgezeit erfolgte Schritt für Schritt die Einengung der Macht der Dogen durch weitere gesetzliche Regelungen, gleichzeitig wurden Organe der Gerichtsbarkeit und Verwaltung zunehmend unabhängig vom Staatsoberhaupt. 1172 wurde die bis dahin noch politisch aktive Volksvertretung entmachtet, und zwar zu Gunsten der Adelsvertretung, die sich nunmehr in Großem und Kleinem Rat konstituierte. 1192 musste Enrico Dandolo, der spätere Eroberer von Konstantinopel, eine erste promissio ablegen, worunter ein Eid auf die Verfassung zu verstehen ist, durch den Rechte und Pflichten des Dogen festgelegt waren. In diese Wahlversprechen wurden später immer mehr Einschränkungen und Auflagen aufgenommen. Ein Verstoß gegen sie galt als schweres, ja sogar als todeswürdiges Verbrechen. Der Große Rat war seit Ende des 12. Jahrhunderts oberste Instanz des Staates und blieb dies auch bis zum Ende der Republik. 1297 wurde die Macht der Adelsfamilien durch die schon erwähnte serrata, die Schließung des Großen Rates, zementiert. Das Goldene Buch blieb künftig grundsätzlich geschlossen, eine Regelung, von der Ausnahmen nur gegen die Zahlung exorbitanter Summen gemacht wurden. 1310 erfuhr die Republik noch einmal eine gewaltige Erschütterung durch die Verschwörung des Bajamonte Tiepolo, der einen der letzten Versuche unternahm, eine Erbmonarchie zu errichten, wie sie in anderen Städten Italiens üblich war, z. B. in Florenz mit den Medici. Dieser Aufstand, der niedergeschlagen wurde, führte zum Einsetzen einer obersten Kontrollbehörde, des „Rates der Zehn“, als Ergänzung und Gegengewicht zu den bis dahin schon bestehenden Gremien. Der Vollständigkeit halber sei noch die Verschwörung des Dogen Marino Falier angeführt, der derentwegen 1355 hingerichtet wurde.

Im venezianischen Staatsgebilde herrschte das Prinzip des Misstrauens, das Kontrolle und Gegenkontrolle notwendig machte. Dabei überschnitten sich die Kompetenzbereiche der einzelnen Staatsorgane häufig und in retrospektiv ziemlich undurchsichtiger Weise. Um dem Einzelnen nicht zu viel Macht zuwachsen zu lassen, waren die Amtszeiten relativ kurz, und je wichtiger das Amt war, desto kürzer die Amtszeit. Für die capi des Rates der Zehn betrug sie beispielsweise nur einen Monat. Auf Lebenszeit gewählt wurden der Doge (der aber vom Großen Rat abgesetzt werden konnte), die Prokuratoren von San Marco, die politisch machtlos waren und im Wesentlichen nur zu repräsentieren hatten, und der Großkanzler, eine Art Bürochef des Dogen, der in keinem Gremium Stimmrecht besaß. Die einzelnen Gremien seien im Folgenden skizzenhaft dargestellt:

Der Große Rat als oberstes Organ des Staates besaß grundsätzlich unbeschränkte Macht, insbesondere hinsichtlich der Gesetzgebung, des Einsetzens von Behörden und Beamten sowie der Entscheidung über Krieg und Frieden. „Die wohl wichtigste Aufgabe des Großen Rates war die Wahl des Dogen und aller höheren Staatsfunktionäre aus seinen eigenen Reihen.“ (Lebe) Er war aber auf Grund seiner Größe mit mehr als 2.000 Personen viel zu schwerfällig, um alle Entscheidungen selbst treffen zu können, weshalb er Aufgaben an Unterinstanzen delegierte, die natürlich alle aus Mitgliedern des Großen Rates bestanden. In den Großen Rat wurde man seit der serrata nicht mehr gewählt, sondern hineingeboren. Jeder mindestens 25-jährige Angehörige einer adeligen Familie war berechtigt, in das Gremium einzutreten.

Der Doge war das Staatsoberhaupt und der oberste Repräsentant der Republik Venedig. Er wurde jedoch schon von Petrarca, also im 14. Jahrhundert, als Sklave der Republik bezeichnet und bildlich oft knieend vor dem Markuslöwen dargestellt. Er fungierte als primus inter pares, sein Einfluss war aber einfach dadurch größer als der anderer Staatsfunktionäre, dass er in allen Gremien den Vorsitz hatte. Die Dogenwahl erfolgte nach dem kompliziertesten System, das die Geschichte kennt, wodurch Bestechungen vermieden werden sollten. Wahlmänner waren alle Mitglieder des Großen Rates, von denen durch Los (das Losverfahren erfolgte durch ballotage, bei der ein Knabe, der ballotino del doge, aus einer Urne für jeden Wähler eine Kugel zog) zunächst 30 ausgewählt wurden. Erneut durch Los wurden von diesen dann 9 bestimmt, die wiederum 40 andere benannten. Von diesen wurden 12 durch Los gezogen, die dann 25 Personen bestimmten. Im nächsten Losverfahren blieben 9, die 45 Kandidaten ernannten. 34 davon wurden wieder durch Los eliminiert. Die verbliebenen 11 Personen schließlich ernannten die 41 eigentlichen Wahlmänner, die den Dogen aus den angetretenen Kandidaten auswählten, wofür eine Mehrheit von mindestens 25 Stimmen erforderlich war. Die ganze Wahlprozedur erfolgte unter den Bedingungen eines rigorosen Konklaves im Dogenpalast. Der Gewählte war verpflichtet, die Wahl anzunehmen. Er wurde der völlig entmachteten Volksvertretung, dem arrengo in San Marco zur Akklamation vorgeführt mit den Worten: „Dies ist euer Doge, wenn es euch beliebt“, ein Satz von lediglich rhetorischer Bedeutung, dem das Volk mit einem „Sia, sia!“ (es sei) zu antworten hatte. Ein leichtes Leben hatte der Gewählte dann nicht mehr, was sich einerseits an der Fülle seiner Aufgaben, andererseits angesichts der Einschränkungen, wie sie sich aus den Promissionen ergaben, gut nachvollziehen lässt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Doge schrittweise entmachtet, bis er schließlich praktisch nur mehr als Repräsentationsfigur fungierte.

Neben dem Großen Rat gab es den Kleinen Rat, der am Anfang aus sechs consiglieri, Räten aus den sechs Stadtbezirken Venedigs, bestand. Diese Männer umgaben – und überwachten – den Dogen bei allen seinen Amtshandlungen. Dieser ursprünglich Kleine Rat wurde im 13. Jahrhundert um die drei Vorstände der quarantia erweitert. Im 14. Jahrhundert kam noch die sechzehnköpfige Kommission der savi, der „Weisen“ hinzu, wodurch die Signoria, die „Herrschaft“, entstand. Der signoria kam eine besondere politische Bedeutung zu und sie besaß bis zur Gründung des Senats die Funktion der obersten Staatsführung. „Die Hauptaufgabe der Signoria bestand darin, die Aufgaben eines Staatsoberhauptes mit dem Dogen zu teilen. Die Dogenberater und die Capi der Quarantia waren somit nicht nur Berater des Dogen, vielmehr konnte der Doge seine Aufgaben nur in Zusammenarbeit mit der Signoria erfüllen. Der Doge war Primus in der Signoria, gleichzeitig aber das Objekt der Kontrolle durch diese.“ (Heller)

Der Senat entstand im 13. Jahrhundert auf Grund der Schwerfälligkeit des Großen Rates und setzte sich zunächst aus 60 Mitgliedern zusammen, die natürlich alle Adelige waren. Er wurde bis zum 16. Jahrhundert schrittweise auf 300 Mitglieder erweitert. Zu seinen Mitgliedern gehörten auch die der Signoria, also auch der Doge. Der Senat war bis zum 16. Jahrhundert wichtigstes politisches Organ des Staates, in dem nahezu alle Fragen der äußeren und inneren Politik diskutiert und entschieden wurden. Er besaß umfassende Kompetenzen. Als sich schließlich erwies, dass auch der Senat zu groß und damit zu unflexibel geworden war, sah sich dieser gezwungen, einzelne Aufgabe zu delegieren. Das geschah durch Gründung von Kommissionen, die meist nur aus drei oder fünf Mitgliedern bestanden. Diese Kommissionen wurden meist als collegio bezeichnet, ihre Mitglieder hießen provveditori oder auch savi, Bezeichnungen, denen jeweils eine Kurzbezeichnung der Aufgaben folgte (z. B. provveditori alle acque, sopra gli ospedali, sopra banchi).

Der Rat der Vierzig, die quarantia, war ursprünglich eine Kommission des Großen Rates, besaß im 13. Jahrhundert umfangreiche Kompetenzen und entwickelte sich im 14. Jahrhundert zum obersten Gerichtshof Venedigs und Berufungsgericht. Im 15. Jahrhundert wurde sie in vier mit verschiedenen Zuständigkeiten verbundene Abteilungen aufgegliedert, von denen die quarantia criminale die wichtigste war. Seit dieser Zeit büßte dieses Gremium langsam an Bedeutung ein. So verfügte der Kleine Rat seit dieser Zeit über das Recht, bestimmte Verfahren an sich zu ziehen. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang auch die signori di notte, die „Herren der Nacht“. Es handelte sich dabei um einen Strafgerichtshof, der für Sicherheit und Sittlichkeit zuständig war und Gassen und Kanäle der Stadt nachts überwachte.

Der Rat der Zehn, der consiglio dei dieci, wurde 1310 nach dem Umsturzversuch Bajamonte Tiepolos zunächst als eine vorübergehende Einrichtung gegründet. Er entwickelte sich jedoch rasch zu einer hochbedeutenden Regierungsbehörde, der fünften neben Großem und Kleinem Rat, Senat und dem Rat der Vierzig. Im Jahre 1335 wurde er zur ständigen Einrichtung erklärt. Er wurde zum wichtigsten Kontroll­organ, wobei letztlich alle anderen Staatsorgane seiner Kontrolle unterlagen. Man könnte auch vom obersten Verfassungsschutz sprechen, dessen Kompetenzen faktisch uneingeschränkt waren. Es handelt sich um das Gremium der Republik, um das sich die meisten, überwiegend gruseligen Geschichten ranken.

„Die undurchsichtige Tätigkeit des Rats der Zehn, die nächtlichen Verhöre und mitunter auch Folterungen, die er im Dogenpalast durchführen ließ, das von ihm entwickelte Informations- und Erkundungssystem sowie die von ihm verwendeten – nur zum Teil finsteren – Kerker im Dogenpalast haben dieses Verfassungstribunal natürlich bald zum Gegenstand phantasievoller und abenteuerlicher Spekulationen im Volk, im Ausland und später besonders in der Literatur gemacht. Um so mehr, als im 16. Jahrhundert dann aus den Dieci die venezianische Staatsinquisition hervorging, der man besonders schreckliche Dinge nachsagte. Indessen ist völlig einwandfrei bewiesen, dass der Rat der Zehn trotz aller hinterhältigen Maßnahmen aus den Grauzonen besonders der Sicherheits- und Außenpolitik, wie sie allgemein zum zeitgenössischen Repertoire gehörten, seine Prozesse und Verfolgungen vergleichsweise korrekt und ohne auffallende Willkür betrieben hat.“ (Lebe)

Aus dem Rat der Zehn gingen 1539 die Staatsinquisitoren hervor. Deren Geschichte reicht bis in das Jahr 1310 zurück, in dem der Rat der Zehn gegründet wurde. Schon damals wählte man aus dem Kollegium zwei Inquisitoren mit einer Amtszeit von nur einem Monat, mit der Funktion von Untersuchungsrichtern, die jedoch zunächst keine besondere Machtstellung hatten. Das änderte sich erst, als historische Ereignisse die Existenz des Staates zu bedrohen schienen, wie es um die Mitte des 16. Jahrhunderts aufgrund der Expansionspolitik der Türken unter Suleiman II. dem Prächtigen geschah. Im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen kam es im September 1538 zu einer Seeschlacht zwischen den Türken und einer überlegenen christlichen Flotte bei der Insel Lefkas, die die Christen überraschenderweise verloren. Es entstand der dringende Verdacht, die Niederlage sei durch Verrat bedingt gewesen. Diesen Verdacht aufzuklären erwies sich jedoch als schwierig bzw. unmöglich, weil zu viele Personen über die Vorgänge im Rat der Zehn Bescheid wussten. „Um die Bedrohnung Venedigs durch den Verrat von Staatsgeheimnissen in Zukunft zu verhindern, war es also notwendig, dass man die besonders geheimen Angelegenheiten nur mehr einem kleinen Gremium von bloß drei Personen anvertrauen sollte.“ (Heller) Die Befugnisse dieser Staatspolizei, welche die Venezianer i tre babài nannten, zu durchschauen, ist aus heutiger Sicht ausgesprochen schwierig. Auch ihr Aufgabenbereich lässt sich nur ungefähr beschreiben. Die Inquisitoren verfolgten alle gegen den Staat begangene Verbrechen wie Hochverrat, Spionage, Beleidigung der Regierung sowie verdächtigen Kontakt zu Ausländern. Sie besaßen das Recht, Spitzel einzusetzen und zu bezahlen. Auch konnten sie Verräter von Staatsgeheimnissen verurteilen, seit 1605 auch zum Tode. Nach und nach zogen sie wesentliche Teile der Macht der Zehn an sich und waren letztlich die Institution, deren Wirken heute noch in Form vieler – erfundener oder wahrer – Gruselgeschichten in den Vorstellungen der Menschen spukt. Zur Zeit der Staatsinquisition gab es in Venedig durchaus Tendenzen, die in Richtung eines Polizeistaates gingen. So „konnten die Inquisitoren jene verurteilen, die die Republik verächtlich machten, eine Maßnahme, die für moderne Diktaturen geradezu charakteristisch werden sollte.“ (Heller) Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung konnten die Inquisitoren ihre Machtbefugnisse immer weiter ausdehnen. Seit 1612 waren sie den Capi des Rates der Zehn gleichgestellt, seit 1673 beachteten sie das Einspruchsrecht der avogadori nicht mehr, gingen auch dazu über, ihnen missliebige Personen ohne Gerichtsverfahren heimlich umbringen zu lassen. In der Spätzeit der Republik kontrollierten die Staatsinquisitoren nicht mehr nur die Staatsgerichtsbarkeit, sondern auch noch den Verkehr mit Botschaftern, das Glücksspiel, die Glasproduktion (zum Schutz vor Industriespionage), den Tabak- und Salzhandel sowie die Rekrutierung von Soldaten. Es gab allerdings auch wirksame Sperren gegen Machtmissbrauch, zum einen in Form der kurzen Amtsdauer, zum anderen weil sie nur geschlossen vorgehen konnten – jeder der Inquisitoren hatte gewissermaßen ein Vetorecht. Auch gab es später immer stärkere Bemühungen, die Machtausweitung der Inquisitoren zu steuern. Ein Licht auf deren unheimliche Machtfülle wirft die Tatsache, dass der vorletzte Doge, Paolo Renier, einmal gegen die Macht der Inquisitoren wetterte, sich aber dadurch sehr unbeliebt machte und schließlich gefragt wurde, ob er sich denn seines Lebens noch sicher wähnte, wenn er die Inquisitoren angreife. Das Gefängnis der Staatsinquisition waren im Übrigen die piombi, die Bleikammern unter dem Dach des Dogenpalastes, die u. a. auch Casanova kennenlernte.


Piazza San Marco

Markusplatz – Markuskirche – Dogenpalast – Glockenturm – Bauten an der Piazza und der Piazzetta

Wenn die Führung durch Venedig mit diesem Stadtbezirk, genauer gesagt im Umfeld von Piazza, Markusdom und Dogenpalast begonnen wird, so entspricht das einer inneren Logik, stellten doch die Piazza und ihre Umgebung sowohl das politische als auch geistige Zentrum der Republik Venedig dar. Dagegen lag das geistliche Zentrum weit draußen im äußersten Osten der Stadt, nämlich in dem Komplex von Kirche und Kloster San Pietro di Castello, während die Markuskirche nicht Dom, nicht Sitz des Patriarchen, sondern vielmehr Privatkapelle der Dogen und somit Staatsheiligtum war.

Der Sestiere di San Marco (das Stadtviertel San Marco) erschließt sich vordergründig ohne weiteres in seinen Kirchen und Museen und in seinen vielen, teils sehr exklusiven Geschäften sowie seinen teuren Hotels und Restaurants. Es macht Spaß, hier spazieren zu gehen, zu schauen und einzukaufen. In der Umgebung des Markusplatzes ist Venedig am ehesten das geblieben, was es über Jahrhunderte war, nämlich ein Zentrum von Luxus und feinster Qualität. Doch stellt sich bei näherer Betrachtung leicht das Gefühl ein, an einer Fassade entlang zu gehen, einer Fassade, die nur scheinbar einladend und offen ist. Zwar öffnen sich dem Besucher die Gebäude des Platzes mit ihren endlosen Arkadenstellungen weit und lockend, doch ist diese Offenheit nur Schein. In Wirklichkeit ist alles in sich selbst geschlossen. Man steht vor einer gewaltigen Selbstdarstellung der Republik, die über Jahrhunderte die führende Weltmacht war. Die Wenigen, die das Recht hatten, zu regieren und mitzubestimmen, haben sich und ihrem Staat hier den ihnen gemäßen Rahmen gegeben. Dieser Sachverhalt wird angesichts des touristischen Treibens auf dem zentralen Platz der Stadt mit dem früher obligatorischen Füttern der Tauben heute nicht mehr ohne weiteres deutlich. Der Markusplatz ist nicht mehr ein Forum für eine Elite, sondern ein Tummelplatz für Massen von Besuchern, deren Verhalten oft genug den gebotenen Respekt vermissen lässt. Doch derjenige, der sich auch nur ganz wenig weiter abseits wagt, findet unvermutet völlige Ruhe und Stille, eine Stille, wie sie als Stadt nur Venedig schenken kann.

Der Markusplatz

„Venedig bietet am Markusplatz ein meisterliches Vorbild harmonischer Ausgewogenheit. Unbestreitbar hat hier die Poesie ihre bezauberndste Manifestation erfahren. Heiterer Ernst, fruchtbarer Wechsel, Reiz des Unerwarteten, Anmut und Majestät vereinigen sich auf der Lagune zu einer einzigartigen Symphonie. Die aufeinanderfolgenden Jahrhunderte haben die gegensätzlichsten Auffassungen mit sich gebracht, die Bildung von Oppositionen und regelrechte Umstürze.“

Mit diesen Worten besingt der Architekturtheoretiker und Stadtplaner Le Corbusier die Platzanlage, die den Markusdom umgibt. Sie besteht aus der eigentlichen Piazza, die sich vor der Hauptfassade der Kirche nach Westen hin erstreckt, und der Piazzetta, die von S. Marco nach Süden zwischen Palazzo Ducale und Libreria zum Wasser hin verläuft. Von geringerer Bedeutung ist die nördlich von S. Marco gelegene Piazzetta dei Leoncini, so genannt nach den beiden von Kindern viel berittenen Löwen aus rotem Veroneser Marmor, deren Rücken mittlerweile völlig blank poliert sind.

Die Venezianer selbst suchen bis heute die Piazza eher selten auf. Früher gehörte sie im Wesentlichen den ricchi, den Reichen also, und den nobili (was nicht gleichbedeutend war). Die anderen Bewohner der Stadt lebten und arbeiteten jeweils in eng umgrenzten Gebieten und verließen diese praktisch nie. Napoleon hat von der Piazza gesagt, sie sei „der schönste Salon Europas, dem als Decke zu dienen nur der Himmel würdig ist.“ Das scheint ein Wort des höchsten Lobes zu sein, doch offensichtlich war er der Meinung, diesen Platz dennoch verändern zu müssen mit dem Abriss einer kleinen Kirche und dem Bau der jetzigen Ala Napoleonica (siehe am Ende des Kapitels). – Napoleon war alles andere als ein Freund Venedigs, weder der Republik, die zu zerstören er sich zum Ziel gesetzt hatte („io sarò un Attila per lo Stato veneto“), noch der Stadt mit ihrer Architektur und ihren politischen, sozialen und kulturellen Strukturen. Für ihn war Venedig nicht mehr als eine politische Manövriermasse, mit der er nach Gutdünken schalten und schachern konnte. Er veranlasste mit grober Hand bauliche Maßnahmen und Veränderungen, er brauchte Wohnräume und einen eigenen Ballsaal, auch wenn er nur selten in der Stadt war. Wenn er die Piazza als „Salon“ bezeichnete, so beweist das recht deutlich, wie wenig er sich der herausragenden geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung dieses singulären Ensembles bewusst war. – Nietzsches Verse in einem seiner Gedichte klingen da weit sensibler:

Mein Glück

Du stilles Himmels-Dach, blau-licht, von Seide,

Wie schwebst du schirmend ob des bunten Bau’s,

Den ich – was sag ich? – liebe, fürchte, neide …

Die Seele wahrlich tränk’ ich gern ihm aus!

Gäb’ ich sie je zurück? –

Nein, still davon, du Augen-Wunderweide!

– mein Glück! Mein Glück!

Schon allein durch seine Weite und die Öffnung hinaus auf die Lagune ist der Markusplatz ein einmaliges Gebilde in dieser Stadt, die, abgesehen von wenigen großen campi, von Enge und Verwinkelung geprägt ist, zum entspannten Verweilen nur gelegentlich einlädt und den Blick nur selten freigibt. Wenn heute auf der Piazza meist größere Menschenmengen anzutreffen sind, so sollte sich der, der diese Tatsache als störend empfindet, klar machen, dass das immer so war. Die Gemäldegalerien der Stadt bergen zahlreiche Bilder, die dies bestätigen. Die Piazza war immer schon der Ort, wo man sich traf – das heißt der Adel, die Repräsentanten des Staates und der Regierung, die gehobene Schicht, wo man Feste feierte und Staatsakte beging, wo man sich, besonders in der Spätzeit der Republik, in den damals vierundzwanzig Cafés und im nahegelegenen Spielcasino, dem Ridotto, amüsierte, besonders natürlich im schier endlosen Karneval.

Mit den Tauben von San Marco verbinden sich im Übrigen einige Legenden. Eine von ihnen berichtet, dass den Flüchtlingen, die nach der Zerstörung der antiken Stadt Altino durch Attila in die Lagune geflohen waren, auch Schwärme von Tauben gefolgt und dass die Vögel, die heute die Piazza bevölkern, deren Nachkommen seien. – Dieser Bericht existiert auch in leicht modifizierter Form. Die Bewohner von Altino, bedroht von den Langobarden, flehten Gott um seinen Rat und Beistand an und sahen mit einem Male, wie die bei ihnen nistenden Tauben ihre Jungen mit dem Schnabel packten und mit ihnen weg von der Stadt auf die Lagune zu flogen. Die Einwohner der alten römischen Stadt sahen darin eine Warnung und folgten den Vögeln. – Eine weitere Legende weiß zu erzählen, dass einer erkrankten dogaressa ein Taubenpaar aus dem Orient mitgebracht wurde und dass sich diese Tiere dann enorm vermehrt hätten. –Schließlich gibt es noch eine Legende, der zufolge die Tauben seit 877 in der Stadt ansässig seien: „Es war ehemals der Brauch, dass die Küster von Sankt Markus am Palmsonntag nach den Gottesdiensten Tauben laufen ließen, die sie mit Papierstreifen gefesselt und auf diese Weise unfähig gemacht hatten, zu fliegen. Die Menschen auf der Piazza sollten versuchen, diese Tauben zu fangen. Die erbeuteten Tiere wurden dann gefüttert und zu Ostern verspeist. Aber einige Tauben sind immer wieder entkommen. Die flüchteten sich auf das Kirchendach, wo sie gewissermaßen als unverletzlich galten und nach und nach auf eine gewaltige Zahl anwuchsen.“ (Howells). – Alfred Polgar (1873–1955) berichtet: „An dem sonnigen Septembervormittag, an dem ich die Freude hatte, die Tauben von San Marco zu beobachten, waren dort ihrer dreißigtausendsechshundertvierzig versammelt, ein paar Sonderlinge, die auf der Piazzetta spazieren gingen, nicht mitgerechnet. Plötzlich flogen alle mitsammen auf und flatterten in großen, schiefen Ellipsen stürmisch rauschend über den Platz. Und als sie zu Boden gingen, ein gewaltiger, weicher Wirbel von Blau und Weiß und Grau, war es, als ob sie aus der Luft geschüttet würden, so dicht fielen und lagen sie zuhauf übereinander“. – Seit etwa 2010 ist das Füttern der Tauben verboten, und erstaunlicherweise wird das Verbot weitestgehend eingehalten.

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