
Полная версия:
Max R. Liebhart Venedig. Geschichte – Kunst – Legenden
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Die Herstellung einer Gondel ist außerordentlich aufwendig und erfordert 600 bis 1.000 Arbeitsstunden. Sie besteht aus etwa 280 Einzelteilen, von denen keiner dem anderen gleicht. Die einzelnen Teile werden nicht nur durch Sägen und Schneiden gewonnen, sondern auch noch unter Dampf oder im Feuer gebogen und geformt. Mehrere Holzsorten kommen zum Einsatz. So verwendet man Eiche für die Planken, Lärche für die Bodenspanten, während der Unterbau aus Tanne gefertigt wird. Die Verdeckteile werden aus Linde geschnitzt, die Bank des Gondoliere besteht aus Kirschbaum. Weiterhin werden Ulme und deren Wurzel, Mahagoni, wasserbeständiges Sperrholz und Zeder verwendet. Alle Teile, die aus diesen Hölzern gefertigt sind, werden schwarz lackiert. Die Farbe besteht aus einer Mischung aus Leinöl und Ruß, wobei die Zusammensetzung des Lacks strenges Geheimnis des squero, des Gondelbauers ist. Für die forcola, die Ruderdolle, die unlackiert bleibt, wird am häufigsten Nussholz, jedoch auch Kirsche verwendet. Das Ruder besteht aus Buchenholz. Beim Zusammenfügen der Einzelteile werden traditionell noch Holznägel verwendet. Eine fertig ausgerüstete Gondel kostete im Jahre 2000 mindestens 30.000 Euro. Inzwischen suchen die Gondelbauer nach neuen, kostengünstigeren Wegen bei der Herstellung.
Metallteile besitzt die Gondel nur wenige. Am markantesten sind der ferro, der eigenartig geformte Bugteil, sowie die Bekrönung der poppa, des steil nach oben ragenden Hecks. Traditionellerweise wird berichtet, der ferro beinhalte verschiedene Symbole. So bedeute die obere Krümmung des Gebildes die Dogenmütze. Sie übergreift sechs nach vorne gerichtete Zacken, von denen jede für einen der sechs Sestieri stehen soll, während die Zacke, die nach hinten weist, die Giudecca symbolisiere. Der kleine Bogen unterhalb der „Dogenmütze“ soll die Rialtobrücke bedeuten, und ein kleines Loch sei das „Auge der Republik“. Das Gewicht der Gondel beträgt etwa 500 kg, ihre Länge ohne ferro 10,85 m, mit dem ferro 11,03 m, ihre Breite zwischen 1,38 und 1,42 m. Die rechte Seite des Bootes ist kürzer als die linke, wodurch sich die gekrümmte Form ergibt. Die Gondel liegt ganz flach auf dem Wasser auf und besitzt nur ein paar Zentimeter Tiefgang, wodurch sie außerordentlich leicht manövrierbar und wendig wird. Gab es früher bis zu 15.000 Gondeln in der Stadt – selbstverständlich besaß jeder Wohlhabende mindestens ein privates Boot – so sind es heute nur mehr etwa 450 bis 500. Das Führen einer Gondel erfordert erhebliche Übung und Routine, und kaum jemand wird je Gelegenheit bekommen, mit dem etwa 4,20 m langen Ruder auf der poppa zu stehen. In jedem Fall aber macht es Sinn, den Gondolieri ausgiebig zuzusehen.
Insgesamt gesehen ist die Gondel ein Produkt, das letztlich nur in Venedig entstehen konnte, sie ist eines der Resultate des äußersten Luxus und der feinsten Kultur, wie sie die Stadt in großer Zahl hervorgebracht hat. Auch im juristischen Bereich nahm die Gondel eine Sonderstellung ein. So gab es zu Zeiten der Republik eine Verordnung, durch die gewährleistet werden sollte, dass man sich in seiner Gondel noch sicherer als im eigenen Haus fühlen konnte. Verbrechen, die im Boot begangen wurden, unterlagen der Rechtsprechung des Rates der Zehn und der Zensoren. Daneben war die Gondel auch mit etwas oberflächlicheren, sinnlichen Vorstellungen verbunden, so etwa mit der eines schwimmenden Brautgemaches, eines Tabernakels der romantischen oder auch weniger romantischen Liebe. Dazu gibt es Äußerungen in der Literatur, wie z. B. von Wilhelm Heinse, der 1783 recht lasziv beschrieb: „Alles stimmt bei ihnen (den Venezianerinnen) auf den Hauptzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemen Genuss bieten: einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit lässt, und zwei Bänke daneben, die Beine darauf auszubreiten. Jeder Stoß des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Stoß der Lust“ – tempi passati, muss man in einer Zeit sagen, in der die Gondeln alle offen sind im Gegensatz zu früheren Zeiten, als sie noch die felze, die kabinenartige Überdachung der Sitze trugen. Natürlich ist über die Gondeln viel gelästert worden, insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie heute nur noch touristischen Zwecken dienen. Doch ist die Gondel das entscheidende Detail, das dem Wunder Venedig den letzten Schliff gibt. Sie ist die Seele der Stadt.


Geschichte Venedigs
Die Gründungslegende – Erste Selbständigkeit der Siedlungen – Wirtschaftlicher und politischer Aufschwung – Niedergang der Republik – Verfassungsentwicklung und
Staatsorgane
Die Geschichte Venedigs kann hier nur mit den wichtigsten Ereignissen und in groben Zügen geschildert werden. Weitere Informationen bietet die Zeittafel am Ende dieses Buches. Es handelt sich dabei um ein Gebiet mit einer geradezu ungeheuren Fülle von Fakten, was zum einen daran liegt, dass ein Zeitraum von 1100 oder gar 1400 Jahren zu erfassen ist, zum anderen ganz wesentlich an der Tatsache, dass Venedig über lange Zeit das absolute Zentrum der damaligen Welt war. Es stieg zunächst langsam aus dem Schatten von Ostrom bzw. von Konstantinopel, der Erbin des römischen Weltreiches, empor, um diese Stadt nach und nach zu überflügeln, sie schließlich 1204 zu erobern und einen großen Teil des oströmischen Reiches zu annektieren. In der Folgezeit war Venedig die bei weitem größte Stadt der damaligen Welt, die allen Reichtum an sich zog, um schließlich in der Spätzeit der Republik politisch zwar immer bedeutungsloser, jedoch geradezu zur „Hauptstadt“ des Vergnügens und der Lebenslust zu werden, zur „feuchten Vulva Europas“, wie sie Zeitgenossen lasziv genannt hatten.
Die Gründungslegende
„Am Anfang steht natürlich eine Legende. Ein weißes Segel, wie sie auf dem Mittelmeer Brauch sind, zieht langsam über die mit gelben und roten Segeln bevölkerten Wasser der Adria; in dem Schiffchen reist Johannes, der Markus genannt wird und Jünger von Petrus und Paulus ist. Der kehrt just aus Aquileia zurück, wohin ihn Petrus selbst geschickt hat, auf dass er dort den Samen der neuen Botschaft ausstreue. Als das Boot die Höhe der Mündung des großen Medoaco erreicht hat, wird es plötzlich vom Sturm ergriffen und vom Wind zwischen die Sandbänke der Mündungslagune getrieben. Der Heilige legt an einem grünen Ufer an und streckt sich auf dem Boden aus, um sich auszuruhen. Und wie er so schläft, erscheint ihm ein Engel und spricht: ‚Friede sei mit Dir, Markus; und wisse, dass hier Dein Körper ruhen wird. Ein großer Weg liegt noch vor Dir, oh Evangelist Gottes, viele Mühen musst Du noch ertragen im Namen Christi; doch nach Deinem Tode werden die gläubigen Völker, welche diese Lande bewohnen, hier eine wunderbare Stadt erbauen und sich würdig zeigen, Deinen Leib zu besitzen, dem sie dann höchste Verehrung erweisen werden ...‘ – Das weiße Segel setzt später die Reise fort und bringt den Heiligen nach Alexandria, wo er die Erlösung verkündet, gemartert wird, den Tod erleidet und sein erstes Grab erhält.“ (Diego Valeri)
Diese Legende klingt überzeugend, sie hat allerdings den Nachteil, dass sie nach heutiger Erkenntnis frühestens im 7. Jahrhundert, vermutlich aber erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden ist, zu einer Zeit also, in der Venedig schon längst Weltmacht war und im Begriff stand, sich immer prächtiger zu entfalten und mit Bauten zu schmücken.
Es ist wichtig zu wissen, dass sich die Anfänge der Stadtgeschichte am Rande einer Region abspielten, die in den Stürmen der Völkerwanderung fortwährend von den verschiedensten Invasoren heimgesucht wurde. Aus diesem Grunde zogen die schwer zugänglichen Lagunen Menschen an, „die hier Sicherheit für ihr Leben und ihre Arbeit suchten. Die dramatischen Ereignisse, die sich im Hinterland abspielten, und der Mangel an fruchtbarem Boden haben diese Leute zum Meer hin gedrängt, zur einzigen Gegend, die noch eine Ausdehnung zuließ. Die Seefahrt, für die Kommunikation unentbehrlich, hat die Erfolgsaussichten noch erhöht und gesteigert. Daneben haben die schwierigen Umweltbedingungen den Lagunenbewohnern nicht nur den Unternehmungsgeist, sondern auch den Gemeinsinn geradezu aufgenötigt. Diese beiden, mit der Zeit noch gereiften Tugenden erklären im Grunde, warum Venedig als unabhängiger Staat so ungewöhnlich lange überleben konnte. Sie unterscheiden seine Zivilisation von dem Individualismus und Partikularismus, der die italienische Geschichte und das italienische Leben zutiefst kennzeichnet und der auch Geschichte und Leben des venetischen Festlandes prägte, mit Ausnahme der relativ kurzen Zeit, in der es Venedig unterworfen war.“ (Zorzi)
Der Legende nach wurde Venedig am 25. März 421 um 12 Uhr mittags gegründet. M. Antonio Sabellico hat dieses Datum im 15. Jahrhundert mit hymnischen Worten gefeiert, indem er einen der fiktiven Gründer den Himmel anrufen lässt: „Wenn wir einst Großes wagen, dann gib Gedeihen! Jetzt knien wir nur vor einem armen Altar, aber wenn unsere Gelübde nicht umsonst sind, so steigen dir, o Gott, hier einst hundert Tempel von Marmor und Gold empor.“ Das Datum selbst ist in ähnlicher Weise einzuschätzen, wie das Jahr 753 v. Chr., das legendäre Gründungsdatum Roms. Es lässt sich nämlich weder ein historischer Akt für dieses Jahr nachweisen, noch gibt es ein sonstiges Ereignis, das eine „Stadtgründung“ bewirkt haben könnte. Im Übrigen lagen die ersten Siedlungen im Gebiet der Lagune gar nicht dort, wo später Venedig entstand. Die flachen Inseln, auf denen sich die Stadt heute erhebt, waren bis ins 5. Jahrhundert Niemandsland ohne Geschichte und gewannen ihre spätere Bedeutung erst im Jahr 810, in dem der Regierungssitz von Malamocco nach Rialto verlegt wurde.
Die Welt der Antike – Venetien wurde 42 v. Chr. der Provinz Italien einverleibt und unter Augustus als die 10. regio venetia ein eigener Verwaltungsbezirk – veränderte sich in den Stürmen der Völkerwanderung dramatisch und nachhaltig. In das Jahr 482 datiert der Einfall der Hunnen unter Attila, wodurch eine erste Fluchtbewegung der Landbevölkerung in die Lagunenregion ausgelöst wurde, da die schwer zugänglichen Inselgruppen zwischen Land und Meer Schutz boten. Zunächst nur temporär, war die Besiedlung im 6. Jahrhundert offenbar schon dauerhaft. In einem Brief Cassiodors, des Kanzlers des in Ravenna residierenden Ostgotenkönigs Theoderich, wird 537 eine „landschaftliche und soziale Idylle“ (Lebe) geschildert. Cassiodor sprach von Fischerhütten „gleich Nestern von Wasservögeln“, lobte das weitausgreifende Transportgewerbe („ihr legt oft riesige Strecken zurück ... Eure Boote fürchten rauhe Winde nicht. Sicher erreichen sie das Land, und sie können im seichten Wasser nicht untergehen“), er pries den Fischreichtum der Lagune, von dem sich alle sättigen könnten, stellte fest, dass Arm und Reich mit gleichem Recht zusammenlebe („die gleiche Speise ernährt alle, alle Häuser gleichen sich, man kennt keinen Neid“), und berichtet schließlich, das ganze Bemühen der Bevölkerung gelte der Salzherstellung.
Zu einer dichteren und definitiven Besiedelung der Lagunengebiete führte der Einfall der Langobarden unter König Alboin im Jahr 568. Sie vernichteten mit besonderer Härte und Grausamkeit alles, was ihnen in den Weg kam, um dann selbst in den eroberten Gebieten zu siedeln, so dass den früheren Bewohnern eine Rückkehr aus den Lagunen kaum mehr möglich war. So löste dieser Volksstamm die Gründung Venetiens aus, nicht jedoch die Venedigs im heutigen Sinn. Das Lagunengebiet blieb noch für etwa zwei Jahrhunderte ohne eigentliches Zentrum, allenfalls das Ur-Malamocco am Lido könnte als solches betrachtet werden. Weitere Zerstörungen von Siedlungen auf dem Festland erfolgten 637, die Städte Aquileia, Concordia und Altino gingen unter. Auch ein Bischof Magnus von Oderzo ging vom Festland fort und suchte Schutz in der Lagunenstadt Cittanova.
Dieser Bischof Magnus war ein interessanter Mann. Denn um ihn rankt sich eine Reihe von Geschichten, von denen jede zur Gründungslegende einer Kirche auf den Inseln wurde, auf denen sich heute Venedig erhebt. So erschien dem Magnus zunächst einmal der hl. Petrus, der ihm befahl, eine Kirche dort zu bauen, wo er Rinder und Schafe würde weiden sehen. Magnus beobachtete das dann am östlichsten Ende der Inseln, nämlich auf der Insel Olivolo, wo er die Kirche S. Pietro (in Castello) erbauen ließ, die dann zwölf Jahrhunderte lang die Bischofskirche Venedigs war. Die zweite Erscheinung war die des Erzengels Raphael, der eine Kirche dort haben wollte, wo sich viele Vögel versammeln würden – es entstand daraufhin die Kirche San Raffaele Arcangelo auf dem Dorsoduro. Danach ordnete Christus selbst die Errichtung der Kirche San Salvador an und zwar an der Stelle, über der Magnus eine rosa Wolke am Himmel schweben sehen würde. Die Jungfrau Maria erschien dem Magnus als molto formosa, und die entsprechende Kirche wurde an der Stelle erbaut, über der er eine weiße Wolke hatte schweben sehen. Johannes der Täufer war noch anspruchsvoller, denn er forderte gleich zwei Kirchen, die eine für sich, die andere für seinen Vater – die entsprechenden Kirchen sind S. Giovanni in Bragora und S. Zaccaria. Auch die Zwölf Apostel erhoben Anspruch auf eine Kirche und erschienen dem Magnus in Form von zwölf Kranichen. Schließlich erbat sich eine Santa Giustina ein Gotteshaus, und zwar dort, wo man zu ungewöhnlicher Zeit reife Trauben finden würde (diese Kirche stand im östlichen Teil des Castello und existiert heute nicht mehr). Diese Fülle von außergewöhnlichen Geschichten lässt den Schluss zu, dass der Himmel damals der Erde und insbesondere Venedig eben noch viel näher war, als das heute der Fall ist. (Außerdem soll schon hier erwähnt werden, dass sich die Tradition solcher himmlischen Erscheinungen auch noch in späteren Jahrhunderten fortgesetzt hat. 700 Jahre später nämlich geschah das dem Dogen Andrea Dandolo, dem befohlen wurde, die Kirche SS. Giovanni e Paolo zu errichten.)
Erste Selbständigkeit der Siedlungen
Das Lagunengebiet stand politisch unter dem Schutz der Exarchen von Ravenna. Es war seit 539 Teil des oströmischen Reiches, das jedoch nur mit Mühe seine Besitzungen in Italien behaupten konnte. Der Exarch wiederum bestellte einen Militärtribun, der mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet war. Dieser Tribun wurde 697 durch einen selbstgewählten duca, seit 747 doge genannt, ersetzt, der zwar noch formell einer Bestätigung durch Ostrom bedurfte, faktisch aber bald selbständiger Volksführer und Kriegsherr war, wie es die Bezeichnung „Herzog“ auch ausdrückt. Vom ersten dieser Herzöge, dem ersten der insgesamt 120 Dogen Venedigs, ist heute nur noch der Name Paulutius Anafestus bekannt.
828 war das Jahr der sogenannten translatio marci, bei der zwei venezianische Kaufleute den mutmaßlichen Leichnam des hl. Markus in Alexandrien geraubt und ihn nach Venedig überführt hatten. Auf diese Weise habe sich die Prophezeiung des Engels an den hl. Markus erfüllt, von der dieser (siehe oben) erfuhr, als er laut der Legende im 1. Jahrhundert in der Lagune weilte. Das Datum 828 erscheint deshalb von herausragender Bedeutung, weil der werdende Staat nicht nur eine Reliquie von außerordentlichem Wert bekam – Reliquien waren in der damaligen Zeit so etwas wie „himmlische Aktien“ (Lebe), und der Besitz des Leichnams eines Apostels war in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, – sondern auch weil Venedig eine Integrationsfigur erhielt, um die Staat und Bürger bis 1797 und darüber hinaus geschart blieben.
Welche Bedeutung der hl. Markus für die Venezianer hatte, lässt sich aus der Tatsache ersehen, dass im Jahr 1442 ein Gesetz erlassen wurde, das jeden, der einen Fluch gegen Gottvater ausstieß, mit einer Strafe von drei Lire bedrohte, während ein Fluch gegen den hl. Markus mit fünf Lire geahndet werden konnte (das Gesetz wurde allerdings nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen).
Der translatio vorausgegangen war eine für Venetien außerordentlich gefährliche Situation durch die Auseinandersetzungen mit Ostrom einerseits, mit den Langobarden und etwas später mit den Franken unter Pippin dem Kleinen und dessen Sohn Karl dem Großen andererseits. Letzterer dehnte 788 sein Reich bis nach Istrien aus, was zu einer Umklammerung Venedigs führte. 809 schließlich griff Karls Sohn Karlmann (der sich später wie sein Großvater ebenfalls Pippin nannte) Venetien an und siegte dabei offensichtlich auf ganzer Linie, wenngleich eine Eroberung der Lagunenregion in der venezianischen Geschichtsschreibung später bestritten und die tatsächlichen Ereignisse dahingehend umretuschiert wurden, dass die Eroberung eigentlich doch gar nicht stattgefunden habe. De facto aber waren die Veneter vorübergehend Untertanen des Kaisers in Aachen. Allerdings erreichte Byzanz auf diplomatischem Wege – und zwar im Friedensvertrag von Aachen von 812 – unter anderem die Rückgabe Venetiens, indem es die Kaiserwürde Karls des Großen als gleichberechtigt mit der des oströmischen Kaisers anerkannte.
Seit dieser Zeit saß Venedig quasi zwischen zwei Stühlen – was sich in diesem Fall jedoch nicht als Nachteil erwies, sondern als Chance gesehen und genutzt wurde. Die Stadt konnte sich im Machtvakuum zwischen dem westlichen und dem immer schwächer werdenden östlichen Reich formen und stabilisieren und schließlich auch expandieren.
Wirtschaftlicher und politischer Aufschwung
Etwa ab dem Jahr 1000 begann dann ein märchenhafter Aufstieg, der in erster Linie durch die Brückenfunktion Venedigs zwischen Ost und West begründet war. Der Aufstieg betraf sowohl die wirtschaftliche als auch die kulturelle Seite. 1177 erlebte die Stadt den ersten Höhepunkt ihrer Geschichte, als der Doge Sebastiano Ziani in der Stadt die Versöhnung zwischen Kaiser Friedrich Barbarossa und Papst Alexander III. herbeiführte, ein Ereignis, das zur Selbstdarstellung genutzt und mit einer märchenhaften Prachtentfaltung verbunden wurde. Die weitere geschichtliche Entwicklung, von massiven Provokationen Venedigs durch Byzanz erheblich gefördert, gipfelte in der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1204 durch den 90-jährigen, angeblich blinden Dogen Enrico Dandolo, der trotz Blindheit und Alter an der Erstürmung der Mauern an der Spitze seines Heeres beteiligt war. Dem Dogen war es gelungen, das Heer des Vierten Kreuzzuges, das sich auf dem Lido versammelt hatte, um mit venezianischen Schiffen ins Heilige Land transportiert zu werden, umzulenken und für seine Ziele zu verwenden. Die Kreuzfahrer hatten mit der Republik einen Vertrag über den Transport des Heeres geschlossen. Für 85.000 Silbermark sollten 4.500 Ritter, 9.000 Knappen, 20.000 Mann Fußvolk sowie Tausende von Pferden ins Heilige Land gebracht und auf der Fahrt verpflegt werden. Doch als es so weit war, kamen weit weniger als ursprünglich angenommen, nämlich nur etwa ein Drittel. Weil dieses kleine Heer die vertraglich vereinbarte Summe nicht aufbringen konnte, erhielt Dandolo die Möglichkeit, dem Heer Bedingungen zu diktieren und die Zielrichtung des Kreuzzuges zu ändern. Nicht verschwiegen werden soll, dass sowohl die Kreuzfahrer als auch die Venezianer bei der Eroberung und der anschließenden mehrtägigen fürchterlichen Plünderung Konstantinopels vor keiner Freveltat zurückschreckten. Venedig übernahm von Byzanz außer unermesslichen Reichtümern das sogenannte „Venezianer-Drittel“ („ein Viertel und die Hälfte eines Viertels“), zu dem auch die Inseln der Ägäis einschließlich Kreta und die Peloponnes gehörten. Außerdem setzte nach 1204 ein Strom von Kunstgegenständen (z. B. die Pferde von San Marco) und antiken Spolien nach Venedig ein, mit denen die Stadt geschmückt wurde – so besteht die säulengeschmückte Fassade von San Marco fast durchweg aus Material, das aus Byzanz stammt. Auf längere Sicht gesehen war der militärische Erfolg Venedigs jedoch von zweifelhaftem Wert, da sich Konstantinopel von dieser Niederlage und der erlittenen Plünderung nie mehr erholte und schließlich 1453 von den Osmanen eingenommen wurde, welche schon seit langem begonnen hatten, Schritt für Schritt venezianische Besitzungen zu erobern.
Die drei Jahrhunderte von 1204 bis etwa 1508 waren die Epoche der größten Machtentfaltung in der Geschichte der Republik, die sich 1297 mit der sogenannten serrata, der endgültigen Festlegung der Namen der politisch entscheidungsberechtigten Adelsfamilien im Goldenen Buch der Stadt, eine bis 1797 nicht mehr wesentlich veränderte Verfassung gab, die allerdings niemals kodifiziert wurde. Natürlich gab es in diesem langen Zeitraum auch einige größere Probleme: 1310 einen Umsturzversuch durch Bajamonte Tiepolo (den Enkel eines Dogen) und 1355 eine Verschwörung des amtierenden Dogen Marino Falier, der eine Monarchie nach Vorbildern in Mailand, Padua oder Verona anstrebte und nach kurzem Prozess hingerichtet wurde. Daneben gab es mehrere kriegerische Auseinandersetzungen mit Genua, die im sogenannten Chioggia-Krieg von 1378–81 gipfelten, in dem Venedig bereits von allen Seiten umzingelt war und dem Untergang ins Auge blickte, sich aber in letzter Sekunde doch noch behaupten konnte. In diese Zeit fiel auch die Ausdehnung des Besitzes der Republik auf dem Festland, wofür besonders der Name des Dogen Francesco Foscari (1423–57) steht, dessen territoriale Forderungen einen Krieg von dreißig Jahren Dauer heraufbeschworen. Diese Hinwendung auf das Festland war ein zweischneidiges Schwert. Zwar wurde durch sie der Reichtum der Stadt erheblich vermehrt und auch die schmale Basis der Bevölkerungszahl verbreitert, aber zugleich gab Venedig seinen Charakter als Inselstaat auf und geriet als Territorialmacht in Konfrontation und Rivalität mit den italienischen Nachbarn; es wurde hineingezogen in die fast undurchdringlichen Verflechtungen der politischen Verhältnisse auf der italienischen Halbinsel, die ein Historiker mit einem „Schlangennest“ verglichen hat. Letztlich führte das zur „Liga von Cambrai“, die sich 1508 formierte und in der sich politisch die ganze damalige Welt, also Papst, Mailand, Spanien, Frankreich, Deutsches Reich und Ungarn gegen Venedig zusammenschloss – und die Osmanen nahmen die Gelegenheit gerne wahr, ihrerseits über Venedig herzufallen. Nach einer verheerenden Niederlage, die die Venezianer 1509 bei Agnadello erlitten, eroberten die Truppen der Liga praktisch das gesamte venezianische Hinterland und bedrohten Venedig unmittelbar. Doch war auch damals nichts so verlässlich, wie die Unzuverlässigkeit der Starken, wodurch die Liga rasch wieder auseinanderbrach. Auf diese Weise konnte sich Venedig noch einmal retten und die alten Besitzungen fast vollständig zurückgewinnen, ging aber aus dem Krieg letztlich als zweitrangige Macht hervor – das Zeitalter der Nationalstaaten mit ihren Volksheeren war angebrochen.
Kurz vor diesem Krieg gab es 1498 mit der Umrundung Afrikas durch Vasco da Gama und der damit verbundenen Entdeckung des Seeweges nach Indien ein Ereignis, das die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Venedig nachhaltig veränderte. Der Preis für den Pfeffer brach am Rialto zusammen und zog einige Banken mit in den Ruin. Das Mittelmeer verlor seine zentrale Bedeutung für Schifffahrt und Weltwirtschaft. Die wirtschaftlichen Folgen waren so tiefgreifend, dass die Republik damals ernsthaft erwog, einen ersten Suezkanal zwischen Ägypten und der Sinai-Halbinsel zu bauen.
Der politische Abstieg Venedigs zur Mittelmacht war jedoch nicht mit einem entsprechenden wirtschaftlichen Niedergang verbunden. Im Gegenteil war der Reichtum größer als zuvor. Ende des 16. Jahrhunderts befand sich Venedig in einem wirtschaftlichen Zustand, den Zorzi wie folgt beschrieb: „Venedig war damals so überreich und bis an die Grenze des Unbehagens überladen, dass es an eine prächtige, schon überreife Frucht erinnerte“. Eine solche Entwicklung konnte auf die Dauer nicht gut gehen, weil durch sie geradezu zwingend Begehrlichkeiten geweckt werden mussten. Als dann die Französische Revolution neue Ideen in die Welt setzte und das revolutionäre Frankreich einen General hervorbrachte, der keinerlei Skrupel kannte, war die Zeit reif für den Untergang der Republik.
Niedergang der Republik
Dieser erfolgte gewaltsam 1797, in dem Jahr, in dem Lodovico Manin, der 120. und letzte Doge, sein Amt niederlegte, der Große Rat das Ende der Republik erklärte und vor Napoleon kapitulierte. Der Weg bis zu diesem Ereignis war durch zunehmende politische Machtlosigkeit gekennzeichnet, wobei die Besitzungen auf der terra ferma noch relativ stabil blieben, das levantinische Besitztum jedoch unaufhaltsam Stück für Stück durch die Türken erobert wurde. Daran konnte auch ein Seesieg wie der von Lepanto 1571 durch die vereinten Flottillen Venedigs, Spaniens und des Papstes unter dem Oberkommando von Don Juan d’Austria, Sohn Kaiser Karls V., nichts ändern. 1718 setzte der Friede von Passarowitz, der bezeichnender Weise zwischen Österreich und den Türken, aber ohne venezianische Beteiligung geschlossen wurde, einen Schlusspunkt, durch den die Stadt sämtliche Besitzungen im östlichen Mittelmeer verlor. Venedig war keine Macht mehr, die man an Vertragsabschlüssen beteiligte, entschieden wurde in Wien, Istanbul, Madrid, Paris und London. Venedig war schließlich einfach zu klein, um sich gegen die sich bildenden Nationalstaaten zu behaupten. Außerdem waren wohl auch einige der früheren Tugenden, die den Aufstieg ermöglicht hatten, wie Entschlusskraft und unbedingter Einsatzwille, abgeschwächt oder ganz abhandengekommen. Vermutlich kam es so zu der fatalen Entscheidung, sich mit einer „unbewaffneten Neutralität“ gegen ein französisches Revolutionsheer unter Napoleon bzw. gegen die Expansionsgelüste von Frankreich und Österreich behaupten zu wollen.