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Betty Kay Das Herz des Zauberers
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Der Soldat mustert mich mit abschätzigem Blick und lässt sein Schwert nicht sinken. »Habt Ihr etwa Mitleid mit ihm? Wollt Ihr ihn vor dem Tod bewahren, obwohl er zu unseren Gegnern gehört? Er hat sich selbst für das Schwert entschieden. Soll er es bis zum Ende genießen.«
»Es ist mir herzlich egal, ob er leidet oder nicht«, lüge ich. »Dennoch werde ich ihn erst einmal heilen und dann versuchen, Informationen von ihm zu erhalten. Was nach meiner Befragung mit ihm passiert, werden wir später entscheiden.«
Als ich bei dem Soldaten anlange, lege ich eine Hand auf seinen Arm, damit ich seine Schwerthand zur Seite schieben kann. Der Mann wirkt nicht, als würde er sich gerne davon abhalten lassen, unseren Feind endgültig aus diesem Leben zu reißen. Er öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder, nachdem er einen Blick über meine Schulter geworfen hat.
Ich kann Manekas’ Aura fühlen. Ohne dass unser Fürst etwas sagen muss, weiß ich, er steht auf meiner Seite.
Widerwillig tritt der Soldat zur Seite und wendet sich dem nächsten Toten zu.
»Wenn Ihr weitere Verwundete findet, denen noch geholfen werden kann, um sie nach ihren Absichten zu befragen, haltet Euch bitte zurück«, mahne ich ihn. Jemand reicht mir ein Seil, mit dem ich den Gefangenen fessle. Ich bücke mich zu unserem Feind am Boden und strecke die Hände über seine Wunde. Mit geschlossenen Augen murmle ich erst einen Sicherheits- und anschließend einen Heilungsspruch.
Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Es schmerzt, dass ich diesen Mann möglicherweise retten kann, während ich an Elevander gescheitert bin. Ich verstärke meine Bemühungen, als der Spruch keine Wirkung zeigt. Der Zauber wird anscheinend nicht reichen, um die Verletzung unseres Feindes verschwinden zu lassen. Dennoch darf der Fremde nicht sterben, bevor ich ihm meine Fragen gestellt habe.
Der Körper des Kriegers erstarrt. Er regt sich zwei Sekunden nicht, bevor er unter seiner Maske hungrig nach Luft ringt und die Augen aufreißt.
»Willkommen zurück«, sage ich trocken. »Könnt Ihr verstehen, was ich sage?«
Mit wütend funkelnden Augen starrt der Mann zu mir hoch.
Um ihn besser beobachten zu können, nehme ich ihm die Maske ab. Ich kann die Frustration in seinem Blick erkennen, als ihm klar wird, gefesselt zu sein. Er hebt ruckartig den Kopf und spuckt mich an.
Zum Glück trifft er mich nicht im Gesicht, sondern verteilt seinen Geifer lediglich auf meiner Toga. Mein Zauber hindert ihn daran, mich verletzen zu können. Ich wünschte, dieser Zauber könnte auch dafür angewendet werden, jeden Soldaten unserer Armee zu beschützen. Doch die Magie will verhindern, dass ihr Botschafter getötet wird. Durch mich fließt die Energie. Nichtzauberer existieren in ihren Wertevorstellungen nicht.
»Haltet lieber ein wenig Abstand«, schlägt unser Fürst vor. »Sie sind um vieles stärker als wir. Er könnte Euch leicht überwältigen, und anschließend vernichtet er den Rest von uns.«
Denkt Manekas, ich hätte nicht vorgesorgt? Hält er die Fesseln für wirkungslos? Hat er nicht bemerkt, dass ich dem fremden Krieger der Möglichkeit beraubt habe, mich zu verletzen?
Der Soldat knurrt bösartig, doch seine Mundwinkel zucken. Triumph blitzt in seinen Augen auf.
»Jetzt wissen wir zumindest, dass er uns verstehen kann«, sagt Manekas.
»Ein kluger Schachzug von Euch«, gebe ich zu und schäme mich dafür, an unserem Fürsten gezweifelt zu haben. Ich packe unseren Feind am Kragen und ziehe ihn in eine aufrechte Position. Die Tatsache, dabei an den leblosen Körpern seiner Freunde zu lehnen, schiebe ich hastig zur Seite. »Wollt Ihr uns nicht ein wenig über Euch erzählen? Bestimmt liegen Euch unzählige Beschimpfungen auf der Zunge. Tobt Euch aus, und berichtet mir dann, was ich wissen will.«
Ekel huscht über das fremdartige Gesicht des Kriegers. Dann schüttelt er den Kopf.
Ob er unsere Sprache überhaupt sprechen kann? Ich wünschte, ich wäre dazu in der Lage. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sie schnell zu lernen. Dieses Mal lasse ich keinen Platz für Zweifel. Dieses Mal glaube ich an mich und daran, eine Chance zu haben. In Gedanken gehe ich die Zauberbücher meines Großvaters durch und bleibe dann an einer Seite hängen. Ein Spruch ist dort angeführt, um jede Sprache und jeden Dialekt zu erlernen. Möglicherweise erlaubt es mir, alle Sprachen unserer Welt zu verstehen.
Lautlos spreche ich den Zauber. Danach fühle ich mich wie zuvor. Nichts hat sich verändert. Anscheinend ist meine Magie gescheitert.
»Berichtet mir ein wenig aus Eurer Heimat«, locke ich trotzdem. »Wie wäre es, wenn Ihr mir den Namen Eures Zauberers nennt?«
Hinter mir keucht Manekas auf. Die Augen des Fremden weiten sich überrascht. Scheint, als würde der Zauber doch Wirkung zeigen.
»Ich habe ihn in seiner blauen Robe gesehen«, fahre ich fort. »Faszinierend, wie er förmlich über allem schwebt. Berühren seine Füße überhaupt den Boden?«
»Ihr könnt ihm unmöglich begegnet sein. Er hat uns nicht hierhin begleitet. Wie könnt Ihr wissen, wer er ist?«
»Habt Ihr noch nicht bemerkt, dass ich die gleichen Fähigkeiten wie Euer Zauberer besitze?«
Wut flackert in seinem Blick. »Lüge. Niemand ist so mächtig wie er.«
Grübelnd lege ich den Kopf schief. Mit welchem Spruch soll ich ihn von seinem Fehler überzeugen? Schließlich entscheide ich mich dafür, eine Energiewelle auszusenden, die ihm den Atem rauben soll. Üblicherweise fächere ich diese Kraft möglichst breit, um viele unserer Gegner von den Füßen zu fegen. Jetzt konzentriere ich sie auf seinen Hals, drücke zu, ohne ihn zu berühren.
Ungläubig reißt der Mann den Mund auf und ringt nach Luft.
Ich entlasse ihn aus meinem Griff. »Genügt diese Demonstration, damit Ihr mir glaubt?«
»Du bist nur ein kleiner Wicht, der Tricks anwendet, um mich zu täuschen. Darauf falle ich nicht herein.«
»Schön, dann muss mein Beweis wohl ein wenig größer ausfallen.« Ich murmle die Worte, mit denen ich unsere Soldaten unsichtbar gemacht haben. Untereinander können sie sich immer noch erkennen. Für den Krieger vor mir muss es allerdings wirken, als wären sie von einer Sekunde auf die andere verschwunden.
»Teufelswerk«, behauptet er.
»Wenn du denkst, ich würde mit dem Teufel zusammenarbeiten, dann will ich nicht widersprechen. Tatsächlich bin ich ihm nähergekommen, als ich erwartet habe.« Ich habe sogar mit ihm im Bett gelegen, habe ihm erlaubt, himmlische Dinge mit mir anzustellen. So detailliert muss ich das wohl nicht ausführen.
»Trotzdem sage ich dir kein Wort. Du wirst von mir nichts erfahren, was dir ermöglicht, einen Vorteil über uns zu erringen.«
Mein Versuch, ihm zu zeigen, genauso mächtig zu sein wie sein Zauberer, hat nichts genutzt. Er will an seinem Glauben festhalten, der Seite anzugehören, die am meisten Magie besitzt. Seinen Widerwillen, seinen Fehler einzusehen, kann ich nachvollziehen. Er wehrt sich dagegen, seinen Glauben aufzugeben. Das kann ich ihm nicht verübeln.
Dennoch brodelt die Wut in mir. Wie viel muss ich noch leisten, wie viele Opfer muss ich noch bringen, damit ich vom Rest der Welt endlich für gut genug gehalten werde? Wie viel Mut muss ich noch beweisen, wie viel Klugheit, wie viel Finesse, bis man nicht mehr an mir zweifelt?
Die Frustration dieses Morgen kehrt mit voller Wucht zurück und lässt mein Herz brennen. Nicht wieder jemand, der mich unterschätzt und denkt, er kann respektlos mit mir umspringen. Ich habe es statt, nett und höflich zu sein. Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt werde ich beweisen, wozu ich fähig bin! Alle Muskeln in meinem Gesicht spannen sich vor Wut an. Ich packe den Mann und schüttle ihn durch. »Du denkst, du hast eine Wahl? Du weißt nicht, mit wem du dich einlässt.«
Eine Hand legt sich auf meine Schulter. »Lesithder«, mahnt Manekas. »So haltet ein.«
»Er hat es nicht besser verdient«, sage ich über meine Schulter. »Ihr wisst doch, er würde keine Gnade zeigen, wenn er an meiner Stelle wäre.«
»Jetzt habt Ihr die Kontrolle über ihn. Ihr könntet mit ihm machen, was Ihr wollt. Ich bezweifle allerdings, Ihr könntet Eure Tat nicht bereuen. So gut habe ich Euch bereits kennengelernt.«
Gut, er kann meine Worte verstehen. Obwohl ich mich nicht bemüht habe, die Sprache zu wechseln, beherrsche ich beide Zungen gleichzeitig.
Aber schlecht, dass er mich durchschaut hat. Nach seinen Worten bin ich nicht mehr in der Lage, in meiner Wut zu verharren.
Ich stoße den Soldaten von mir. »Glaub nicht, das würde irgendetwas ändern. Es wird euch nicht gelingen, uns zu besiegen. Ihr seid vielleicht in unser Land gekommen, um uns zu unterwerfen. Daran müsst ihr jedoch scheitern. Wir lassen uns aus unserem Zuhause nicht vertreiben.«
Der Fremde lacht auf. »Wir werden euch weder unterwerfen noch vertreiben. Wir werden euch vernichten. Keiner von euch wird übrigbleiben. Uns wird gehören, was ihr jetzt besitzt. Und wenn unser Zauberer erst einmal den Rest der Energie eures Kontinents aufgesaugt hat …« Mit erschrockenem Gesichtsausdruck unterbricht er sich.
Mein Blick wandert zu der seltsamen Maschine. »Tut das Ding das? Sammelt sie unsere Magie ein? Schickt ihr sie zu eurem Zauberer?«
Die fest zusammengepressten Lippen des Kriegers machen klar, dass er nichts mehr sagen wird. Möglicherweise hat er bereits genug verraten, damit ich die Bedrohung für uns verringern kann. Unter Umständen ist der Plan unserer Feinde bereits gescheitert, wenn ich diese Maschine außer Gefecht setze.
»Danke dir für deine Hilfe«, sage ich spöttisch und richte mich auf. Dann wende ich mich an Manekas und berichte ihm, was der Soldat ungewollt preisgegeben hat. »Wir müssen uns um diese Gerätschaft kümmern. Ich werde die Hilfe von einigen Männern brauchen. Keine Sorge, ich werde vorsichtig sein. Sie werden von mir mit einem Schutzzauber belegt, damit sie keine Gefahr von dem Ding fürchten müssen. Zur Sicherheit sollten wir diesen Krieger dennoch am Leben lassen. Wenn es uns gelingt, noch weitere Verletzte zu befragen, erhalten wir möglicherweise ein deutlicheres Bild.«
»Wir werden das im Hinterkopf behalten, auch wenn ich bezweifle, dass meine Männer über die Anweisung sonderlich erfreut sein werden«, stimmt Manekas zu. »Ich werde fragen, ob es Freiwillige gibt, die Euch mit der Zerlegung der Maschine helfen werden.«
Mit einem Nicken verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg zu dem Ungetüm. Je näher ich komme, umso größer wirkt es. Bestimmt spielt mir meine Fantasie einen Streich, weil ich Angst vor dem Versagen habe. Zu viel steht auf dem Spiel. Wenn es mir nicht gelingt, das Gerät unserer Gegner auszuschalten, nutzt es uns auch nichts, die Eindringlinge zu überwältigen.
Der Zauberer unserer Feinde versucht, unsere Magie zu stehlen. Möglicherweise ist dem Fürsten gar nicht klar, welche Folgen das haben würde. Die Energie, die sich in der Luft befindet, speist uns mit göttlicher Magie. Wir Zauberer können darauf zugreifen und unsere Zauber wirken. Sollten wir dazu nicht mehr in der Lage sein, würde das keine großen Auswirkungen auf den Verlauf der Welt haben. Unser Volk würde nicht zugrunde gehen, nur weil die Zauberer an kleinen Tricks und größeren Schauspielen scheitern. Die Sonne würde weiterhin jeden Tag auf- und untergehen. Das Leben der Menschen würde keinen großen Änderungen unterworfen sein.
Doch wenn auch sie nicht mehr in der Lage sind, von der Energie zu profitieren, würde das die Fruchtbarkeit der Erde beeinflussen. Wir würden es am Ertrag der Ernte spüren, an der Qualität der Früchte. Langsam, aber sicher würden unsere Vorräte zu Ende gehen. Wir würden verhungern, wenn es uns nicht gelingt, neue Ressourcen zu erschließen. Selbst wenn unsere Generation überleben würde, hätten unsere Nachkommen an der fehlenden Energie zu leiden. Den Kindern, die auf die Welt kommen, würde es an Gesundheit fehlen. Sie würden nicht so lange leben, wie es jetzt der Fall ist. Unsere Welt wäre nicht mehr die Gleiche.
Für Manekas sind diese Dinge vermutlich abstrakt. Er hat als unser Fürst noch keinen einzigen Tag in seinem Leben hart arbeiten müssen. Mit Sicherheit hat er sich noch niemals die Finger beim Bestellen der Felder schmutzig gemacht. Wenn er krank wird, scharren sich unzählige Heiler um ihn und weichen nicht von seiner Seite, bis es ihm besser geht. Als unser Herrscher quälen ihn keine Sorgen um seine Zukunft. Er sitzt in seinem gläsernen Turm und weiß nichts von den Kümmernissen der einfachen Menschen. Ich kann ihn nicht dafür tadeln. Er hat nichts außer seinem privilegierten Leben kennengelernt.
In meinem Rücken diskutiert Manekas noch immer mit einigen Soldaten, die sich weigern, mir zu helfen. Das Ungetüm jagt ihnen wohl Angst ein.
Seufzend murmle ich einen Spruch, der mich beschützen soll, dann strecke ich den Arm aus und berühre mit den Fingerspitzen die Oberfläche des geheimnisvollen Geräts. Nichts passiert. Etwas ruhiger lege ich meine Handfläche auf das glattpolierte Holz.
Wellen von Energie springen auf mich über. Dunkle Kräfte, die in meinem Körper Chaos verursachen. Es handelt sich um nichts, was mich verletzen könnte. Die Magie ist zu schwach, um Auswirkungen auf mich zu haben. Hätte es einer unserer Soldaten berührt, würde die Sache möglicherweise anders aussehen. Ich hänge meine Finger an einem Vorsprung in Augenhöhe ein. Dann setze ich meinen Fuß auf das Gerät und ziehe mich hoch. Angespannt warte ich ab, ob die Angriffe der gegnerischen Magie jetzt schwerer werden. Doch wieder komme ich mit den Wirbeln, die sich in meinem Körper ausbreiten, gut zurecht.
»Seid vorsichtig«, bittet eine mir unbekannte Stimme.
Ich werfe einen Blick über meine Schulter und entdecke einen grauhaarigen Soldaten, der mit besorgtem Ausdruck in den Augen zu mir aufsieht. Er ist vermutlich älter als Oremazz. Wenn er nicht mit unserer Armee hierhergekommen wäre, hätte ich bezweifelt, dass er ein Schwert auch nur hochheben kann. »Seid Ihr meine Hilfe bei diesem Projekt?«
Er nickt. »Ich werde tun, was Ihr von mir verlangt.« Meine Miene verrät ihm anscheinend, dass ich seinen Kräften misstraue, denn er drückt den Rücken durch und strafft die Schultern. »Ich bin harte Arbeit gewohnt. Ihr könnt Euch auf mich verlassen.«
»Mit Sicherheit habt Ihr Euch in Eurem Leben vor keiner Aufgabe gedrückt. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob Ihr der Richtige für diese seid.«
»Die jungen Männer haben ihr Leben noch vor sich. Ich stelle mich gerne für diese gefährliche Mission zur Verfügung. Mein Glück habe ich an der Seite meiner wundervollen Frau bereits verbraucht.«
Stolz schwingt in seiner rauen Stimme mit. Ich möchte ihn nicht weiter vor den Kopf stoßen und nicke ihm einfach zu. »Bleibt in Sichtweite. Wenn es mir gelingt, das Ungetüm zu erklimmen und von oben zu untersuchen, finde ich hoffentlich heraus, wie es funktioniert. Ich werde Euch mitteilen, wenn ich Eure Hilfe benötige.«
Mein Blick wandert wieder das seltsame Bauwerk hinauf. Als ich die feindlichen Soldaten dabei beobachtet habe, wie sie das Ding bestiegen haben, hat es viel einfacher gewirkt. Bestimmt haben sie genau gewusst, welchen Weg sie wählen müssen. Diesen Luxus besitze ich leider nicht.
Angespannt strecke ich meinen Arm aus und taste nach einem weiteren Vorsprung, den ich benutzen kann, um mich hochzuziehen. Tatsächlich finden meine Finger eine Einkerbung, die groß genug ist, damit ich mich vorwärtsbewegen kann. Mein Fuß rutscht in eine Aussparung, sodass ich mich strecken kann, um einen weiteren Schritt zu wagen. Es geht nur langsam vorwärts, aber schließlich kann ich den oberen Teil der Maschine erkennen.
Die Fläche zwischen den vier Steinen ist gerade und bietet keinen Blick ins Innere. Enttäuscht klettere ich das letzte Stück, bis ich oben stehe. Ich habe gehofft, hier oben würde es einen Zugang zu den Gerätschaften geben, die sich im Innenteil der Maschine befinden. Habe ich den Aufstieg umsonst angetreten? Hätte es einen Zugang von unten gegeben?
Ich setze meinen Fuß auf das Dach und beuge mich dann nach unten, um die Holzbohlen zu untersuchen. Nicht aufgerichtet auf dieser Plattform zu stehen, stellt eine gewisse Erleichterung für mich dar. Hier oben fühle ich mich unwohl, bloßgestellt und wie eine leichte Beute. Bei jedem Windstoß, der an mir zieht, grummelt es in meinem Magen. Viel zu sehr verstört mich der Gedanke, von diesem Ding zu fallen. Leide ich etwa unter Höhenangst?
Um meine Gedanken davon abzulenken, ein Unglück heraufzubeschwören, widme ich mich ganz der Aufgabe, einen Zugang zu dem Gerät zu finden. Keine Nägel sind zu erkennen, keine Zähne, die ineinandergreifen. Auf den ersten Blick wirkt es, als wäre die Oberfläche aus einem einzigen Stück Holz geschaffen.
Das ist nicht möglich. Selbst wenn es in dieser Welt, die sich mir kahl und pflanzenlos gezeigt hat, doch Wälder geben sollte, würde kein Baum dick genug sein, um diese Form aus ihm herauszuschneiden. Mit der Handinnenfläche streiche ich über das Holz und teste, ob ich etwas erfühlen kann, was meinen Augen verborgen bleibt.
Die Energie, die die Maschine ausstrahlt, erhöht sich inzwischen. Von meiner Untersuchung ist sie anscheinend nicht sonderlich erfreut. Solange sie mir keinen Energiestoß versetzt und mich abwirft, werde ich meine Bemühungen nicht unterbrechen. Ich benutze meine Fingerspitzen und Nägel, um die Oberfläche zu erkunden, doch ich finde keinen Griff und keine Einkerbung, die eine Öffnung verbergen könnte.
Vielleicht handelt es sich um einen Zauber, der das Offensichtliche versteckt. Möglicherweise werden meine Sinne getäuscht, damit ich das Gerät nicht abschalten kann. Ich richte mich auf und gehe zu einer Ecke des seltsamen Würfels. Dann werde ich also dafür sorgen, dass die Energie dieser Maschine an Kraft verliert. Ich richte mich auf und gehe langsam auf die erste Säule zu.
Vorsichtig lege ich meine Hände um den ersten Leuchtstein, der jetzt durchscheinend und farblos ist. Die Oberfläche fühlt sich rau an. Mit Sicherheit wurde der Stein so belassen, wie er war, um seine Wirkungsweise nicht zu beeinträchtigen. Er scheint nur auf dem Sockel zu liegen, vor dem ich stehe. Allerdings gelingt es mir nicht, ihn zu entfernen. Ich beuge mich vor und untersuche die Stelle, wo der Stein das Holz berührt. Zuerst wirkt es, als fehlten Befestigungen. Als ich allerdings den Kopf bewege, bemerke ich eine Brechung des Lichts. Ich betaste die Stelle und fühle unter meinen Fingerspitzen durchsichtige Klammern, die den Stein festhalten. Vorsichtig fahre ich die Klammer nach unten und gelange an einen Hebel. Als ich den nach unten drücke, löst sich die erste Befestigung.
Mein Herz klopft sofort schneller. Ich bin so erleichtert, dass ich nicht sofort bemerke, wie die Klammer ohne meinen Finger wieder zurückschnappt. Noch einmal taste ich rund um den Stein. An vier Stellen ist er durch die unsichtbare Vorrichtung mit dem Sockel verbunden. Ich lege jeweils Daumen und Zeigefinger meiner linken und rechten Hand auf den Hebel und drücke ihn nach unten. Die Klammern lösen sich und geben den Stein frei.
Der beginnt zu kippen, weshalb ich ihn hastig festhalte. Überraschend schwer zieht er meine Hände nach unten. Während ich ihn noch betrachte, trübt er sich ein und wird schließlich stumpf und undurchsichtig. Ich sehe zu den anderen Steinen. An ihnen macht sich der seltsame Effekt nicht bemerkbar. Allerdings scheint es, als hätten sie einen Teil ihrer Klarheit verloren. Es wird mir also nichts anderes übrigbleiben, als auch sie zu entfernen. Und wie bekomme ich den Stein jetzt nach unten zu meinem Helfer?
Ich werfe einen Blick über den Rand. Mir wird bei dem Anblick der Höhe, in der ich mich befinde, ganz schummrig. Das Besteigen eines Berges macht mir nichts aus. Doch diese Erhebung ist gefährlicher. Der alte Mann steht immer noch direkt neben der Maschine und sieht mit besorgtem Gesichtsausdruck zu mir auf.
»Besorgt bitte ein festes Tuch«, rufe ich nach unten. »Und ersucht drei andere Soldaten um Hilfe. Ich werde Euch die Steine einzeln zuwerfen. Mit dem Tuch könnt ihr sie hoffentlich auffangen, ohne dass sie Schaden erleiden.«
»Sollten wir die einzelnen Teile der Maschine nicht ohnehin zerstören?«, fragt der Greis.
Eine berechtigte Frage, auf die ich keine Antwort habe. »Das entscheide ich zu einem späteren Zeitpunkt. Erst will ich überprüfen, ob sie Magie in ihrem Inneren festhalten. Wenn sie in tausend Stücke zerspringen, während wir alle danebenstehen, sind die Folgen nicht vorhersehbar.«
Der Mann nickt und verschwindet dann. Ich hoffe, er braucht nicht zu lange. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Erst wenn wir dieses Gerät vernichtet haben, können wir auch die anderen Truppen unserer Gegner überrumpeln. Wie lange es wohl dauern wird, bis sie bemerken, dass etwas nicht stimmt?
»Tuch und Helfer vor Ort, edler Zauberer«, tönt es von unten.
Ich unterdrücke ein grimmiges Lächeln und zögere ein letztes Mal. Ob ich den Stein mit einem Zauber schützen soll? Ich weiß nicht, ob er sich meine Magie einverleiben wird, wenn ich das tue. Der Stein soll nicht noch mehr Energie absorbieren als ohnehin schon. Ich muss das Risiko für uns alle so gering wie möglich halten. Zu viele Menschenleben könnten durch einen Fehler von meiner Seite gefährdet werden.
Vorsichtig schiebe ich mich weiter nach vorne, obwohl mein Magen dagegen rebelliert. Die Männer scheinen mir plötzlich noch weiter entfernt. Das Tuch wird winziger, je länger ich es betrachte. Ob es mir überhaupt gelingt, darauf zu zielen? Jetzt ist nicht die Zeit, um wegen der Höhe Bedenken zu haben. Ich halte den Stein in meinen ausgestreckten Armen, merke wieder, wie schwer das Ding wirklich ist. Wenn ich es nicht gleich loslasse, wird es mir ohnehin aus den Händen gleiten. Also los.
Im letzten Moment zögere ich doch. Hastig murmle ich einen Spruch, der verhindern wird, dass das Tuch durchreißt. Dann lasse ich den Stein los.
Angespannt beobachte ich, wie er auf die Erde zurast. Die Männer halten das Tuch gespannt. Ich hoffe, sie ziehen es nicht zu weit auseinander. Wenn der Stein nach dem Aufprall zu hoch hüpft, könnte er zur Seite springen, sodass sie ihn nicht erwischen. Zum Glück gehen die Männer einen Schritt nach vorne, als der Stein auf das Tuch auftrifft. So verhindern sie, dass der Stein wegrollen kann.
Gierig sauge ich die Luft in meine Lungen und nehme mir eine Sekunde, bis sich mein Puls wieder normalisiert hat. Dann trete ich zur nächsten Säule und setze dort meine Arbeit fort. Jetzt, da ich den Mechanismus verstanden habe, der den Stein festhält, kann ich die Klammern ganz schnell lösen. Wenige Augenblicke später stehe ich wieder am Rand der Maschine und blicke nach unten.
Die Soldaten haben den Stein inzwischen von der Decke gerollt. Er liegt ein paar Schritte entfernt am Boden und sieht so unscheinbar aus, man könnte fast denken, es würde sich um ein harmloses Gestein handeln.
Ich stoße einen Warnruf aus und schicke dann den zweiten Stein nach unten. Als der sicher unten angekommen ist, löse ich den dritten und vierten Stein. Kurz darauf sind die aus meiner Sicht wichtigsten Dinge vom Gerät entfernt. Ich warte, bis alles verstaut ist, und trete dann in die Mitte der Plattform. Es ist ein gewisses Risiko, Magie einzusetzen, um die Öffnung für den Abstieg in die Maschine zu suchen. Die Steine haben nicht reagiert, als sie mit dem Tuch in Berührung gekommen sind, das ich mit einem Zauber belegt hatte. Möglicherweise mache ich mir zu viele Sorgen. Dennoch werde ich zuerst die Oberfläche des Holzes noch einmal untersuchen.
Nachdem ich mich flach auf den Boden gelegt habe, taste ich das, was wie ein einziges Brett aussieht, mit den Augen ab. Die Klammern haben sich auch erst gezeigt, als ich meinen Blickwinkel gewechselt habe. Also bewege ich meinen Kopf hin und her und überprüfe, ob sich dabei irgendwelche Auffälligkeiten ergeben. Leider bleibt meine Suche erfolglos.
Obwohl mein Nacken kribbelt, gehe ich zu Plan B über. In Gedanken spreche ich einen Spruch, der Verborgenes sichtbar machen soll. Ich versuche, so wenig Magie wie möglich zu benutzen. Dann drehe ich mich auf dem Bauch liegend noch einmal im Kreis.
Ich habe erwartet, in der Mitte der Platte etwas beobachten zu können, doch da habe ich mich geirrt, stattdessen erscheint ein Metallring in meinem Blickfeld, als ich mich einer der Ecken zuwende. Während ich vorsichtig näherrobbe, verändert sich der Ring. Je nach Lichteinfall scheint er zu verschwinden und wieder zu erscheinen. Großartige Magie von jemandem, der jahrelange Übung hatte. Dass sein Zauber meinen Fähigkeiten nichts entgegenzusetzen hat, erfüllt mich mit Stolz.