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Betty Kay Das Herz des Zauberers
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So viele Fragezeichen, so viel Unsicherheit, so viel Verantwortung. Und das, während ich mich selbst noch nicht hundertprozentig davon überzeugt habe, auch ohne Hilfe ein guter Zauberer zu sein!
»Ich mache mich gleich auf den Weg«, sage ich. »Leider gibt es noch keine Information zu dem seltsamen Gerät. Sobald wir dort eingetroffen sind, muss es jemand außer Gefecht setzen, damit unsere Truppen davon nicht verwirrt werden. Möglicherweise sollte ich diese Aufgabe übernehmen, sobald ich die Portale erstellt habe und bevor Ihr eingetroffen seid.«
»Wir werden beratschlagen, ob wir das für eine gute Idee halten«, sagt Sikiwer. In seinen Augen ist deutlich zu lesen, dass er meinem Plan ablehnend gegenübersteht. Er traut mir noch immer nicht viel zu.
Oder beeinflusst meine eigene Unsicherheit meine Wahrnehmung?
Ich nicke ihnen zu und transportiere mich dann zu dem Lager unserer Feinde, das sich am weitesten entfernt von unserer Basis befindet. Obwohl ich mich mit einem Spruch unsichtbar gemacht habe, ducke ich mich hinter einen Busch. Jetzt wird sich zeigen, ob ich ohne Umocks Anwesenheit auf die gleiche Macht zurückgreifen kann.
Unsere Gegner hocken immer noch um die Feuer des Lagers herum. Inzwischen haben sie einige Bäume gefällt, um sie als Sitzmöglichkeit zu nutzen. Dennoch scheint es nicht, als hätten sie seit meinem letzten Besuch irgendetwas unternommen, um einen baldigen Aufbruch vorzubereiten. Ich wünschte, ich könnte herausfinden, was sie tatsächlich planen. Doch die fremden Soldaten sind nicht so nett, sich laut darüber zu unterhalten.
Tatsächlich fällt mir wieder auf, dass sie nicht mit Worten kommunizieren. Ich kann keine Laute hören, die ich aus unserer Sprache höre. Da wird nur gegrunzt und geschnaubt, schmutzig gelacht und gegrölt. Einzelne Worte meine ich allerdings nichts zu erkennen.
Wo diese Männer wohl herkommen? Das überlege ich, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Nein, eigentlich habe ich mir darüber bereits Gedanken gemacht, nachdem mein Großvater mir die Bilder seiner Vision geschickt hat. Schon damals hat mich interessiert, aus welchem Land diese unmenschlich wirkenden Gestalten stammen. Oremazz war der Meinung, das würde keine Rolle spielen, aber ich hätte diese Information gerne, um sie näher zu verstehen. In dem, was wir von unserer Welt wissen, kommen keine Erzählungen über ein fremdes Land außerhalb unseres Kontinentes vor. Wir sind kein Seefahrervolk, keine Eroberer, keine Entdecker. Das könnte uns jetzt zum Verhängnis werden.
Geduckt bewege ich mich um das Lager herum auf der Suche nach dem Soldaten unserer Armee, den Umock hier abgesetzt hat. Ich muss beinahe das gesamte Lager umrunden, bevor ich ihn hinter einem Busch entdecke. Obwohl ich nicht sonderlich gut im Anschleichen bin und immer wieder ein Ast unter meinen Füßen knackt, bemerkt der Soldat mich nicht. Ob ich ihn dafür tadeln sollte? Ich bin nur froh, überhaupt in der Lage zu sein, ihn zu sehen.
Im vollen Bewusstsein, ihn zu erschrecken, lege ich ihm eine Hand auf die Schulter und gebe mich sofort zu erkennen.
Der Arme zuckt dennoch zusammen, als würde er befürchten, von einem unserer Gegner erwischt worden zu sein. Da ich mich direkt hinter ihm befinde, kann ich hören, wie er nach Luft schnappt. Zum Glück ist er allerdings klug genug, nicht laut aufzuschreien.
»Tut mir leid, Euch in Aufruhr versetzt zu haben«, murmle ich. »Könnt Ihr mich sehen?«
»Ja, das kann ich.« Der Soldat nickt bekräftigend.
»Alles in Ordnung hier?«
»Keine auffälligen Bewegungen. Diese Männer sind mir unheimlich. Sie machen aber keine Anstalten, sich auf eine Schlacht vorzubereiten. In regelmäßigen Abständen treten sie gegeneinander in Zweikämpfen an, um ihre Fähigkeiten zu trainieren. Ansonsten könnten sie genauso gut planen, sich hier häuslich niederzulassen.«
Kein Gedanke, der mir gefällt. Auch wenn ich aus dem Verhalten der Truppen nicht schlau werde, erhalte ich damit die Sicherheit, dass es sich um keinen Trick handelt, um uns in eine Falle zu locken. Sie können nicht wissen, von uns beobachtet zu werden. Was sie tun, mag einen Grund haben, der sich mir nicht erschließt. Sollten sie allerdings versuchen, uns auf eine falsche Fährte zu locken, würden sie das wohl gänzlich anders anstellen.
»Ich werde Euch noch eine Zeit lang hier benötigen«, erkläre ich dem Kundschafter. »Damit Ihr mich über Änderungen informieren könnt, falls sich an der Situation hier etwas ändert, werde ich einen Zauber versuchen.«
»Ihr habt ihn noch niemals angewendet?« Er klingt besorgt.
»Kein Grund, beunruhigt zu sein. Es wird Euch nichts passieren.«
Offensichtlich ist der Mann nicht davon überzeugt. Er setzt sich allerdings auch nicht gegen mich zur Wehr. Was hat er schon für eine Wahl? Auch wenn er sich für diese Aufgabe nicht freiwillig gemeldet hat, ist er bereit, alles zu tun, um unserem Volk zu helfen.
Im Zauberbuch meines Großvaters habe ich keinen entsprechenden Spruch entdeckt. Ein Zauber, den ich darin gelesen habe, dient zur Kommunikation eines Zaubermeisters mit einem Nichtmagier. Eigentlich bin ich über den Status des Zauberlehrlings noch nicht hinausgewachsen. Ob das zu einem Problem werden wird, können wir womöglich gleich feststellen.
Ich bemühe mich um einen aufmunternden Gesichtsausdruck und murmle die Worte, die ich zum Glück aus meiner Erinnerung abrufen kann. Danach warte ich angespannt, was weiter passiert. Im ersten Moment scheint ihm nichts zu fehlen. Ob der Zauber funktioniert hat, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Mit gerunzelter Stirn beobachtet der Mann jede Regung in meiner Miene. Vermutlich bin ich ähnlich nervös wie er. »Wir starten einen Test«, bestimme ich. »Wenn ich verschwunden bin, zählt bis zehn. Dann versucht, mir eine Nachricht zu übermitteln. Konzentriert Euch ganz auf mich. Verdrängt alle anderen Gedanken. So sollte es möglich sein, mich zu erreichen, ohne gleichzeitig jede Eurer Überlegungen an mich zu schicken.«
»Ganz wie Ihr wünscht.«
Nach einem Nicken in seine Richtung transportiere ich mich ein paar Fuß weiter weg. Immer noch befindet er sich in Sichtweise, doch ich bin für ihn nicht sichtbar hinter einem Busch versteckt. Wie von mir gefordert, dauert es zehn Sekunden, bis die Worte des Soldaten in meinem Ohr erklingen.
»Könnt Ihr mich hören?«, fragt er mit angespannter Stimme.
»Ja, die Verbindung funktioniert ohne Schwierigkeiten«, antworte ich. »Haltet die Stellung, und sagt mir Bescheid, sobald es Neuigkeiten gibt.«
Ich warte die Bestätigung des Soldaten ab, bevor ich zum nächsten Lager unserer Gegner springe. Dort informiere ich den nächsten Soldaten, der sich verborgen hält und unsere Feinde beobachtet. Auch zu ihm stelle ich eine Verbindung her. Langsam arbeite ich mich durch alle Lager, bis mir nur noch eines übrig bleibt.
Die Truppe, in deren Besitz sich das seltsame Gerät befindet, habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Meine Beunruhigung hat jetzt eine neue Ebene erreicht. Ich sehe die Umgebung jetzt mit ganz anderen Augen.
Hier soll der Überfall auf unsere Gegner stattfinden. An diesem Ort wird sich entscheiden, ob wir unsere Übermacht und das Überraschungsmoment nutzen können, um unsere Feinde auszuschalten. Wenn es mir gelingt, die Maschine zu zerstören, wird das möglicherweise unserer Sache von Nutzen sein. Doch wenn ich mich irre, wenn ich dadurch alles nur noch schlimmer mache, weil die Magie sich ungestört ausbreiten kann, und von den Füßen fegen kann …
Eigentlich kann es nicht schlimmer werden, als es jetzt ist. Wir müssen unseren Vorteil nutzen, solange er noch besteht. Besonders, da nach Umocks Verschwinden die Gefahr besteht, dass unsere Feinde uns nun doch ausfindig machen können. Deshalb kehre ich in unsere Basis zurück, um mich bei Manekas’ Ratgebern über den Verlauf der Vorbereitungen zu erkundigen. Im Gegenzug berichte ich von der erfolgreichen Visite bei unseren Feinden.
»Wir brauchen noch etwas Zeit«, stellt Sikiwer fest. »Könnt Ihr unsere Verbündeten über unseren Plan informieren?«
Ein Danke für meine Mühe wäre nett. Nachdem ich seit Stunden meine Magie einsetze, breitet sich langsam Müdigkeit in mir aus. In der letzten Nacht habe ich dank Umock zwar meine Überwachungstätigkeit ruhen lassen können. Zum Schlafen bin ich durch seinen unerwarteten Besuch allerdings auch nicht gekommen. Wenn man bedenkt, wie erschöpft ich bereits gestern gewesen bin …
Ich nicke und transportiere mich zuerst in meine Hütte. Dort beuge ich den Oberkörper vor und stütze mich auf meine Oberschenkel. Alles in mir drängt mich, Umock zu rufen. Möglicherweise erscheint er, wenn ich ihn darum bitte. Mein Stolz verbietet mir dies allerdings. Solange ich das Gefühl habe, die Situation würde mir nicht gänzlich entgleiten, werde ich mich vor dem König der Nebelseelen nicht demütigen, indem ich ihn auf den Knien um seine Rückkehr und Unterstützung bitte.
»Ist alles in Ordnung?« Janifiks leise Stimme erklingt so unerwartet neben mir, dass ich zusammenzucke.
»Ja, natürlich.« Ich richte mich auf. »Die Transportationen sind anstrengend für meinen Körper. Ich brauche nur einen kurzen Moment für mich.«
»Ihr überanstrengt Euch. Habt Ihr heute schon etwas gegessen?«
Darüber muss ich nachdenken. Schließlich schüttle ich den Kopf.
Janifik legt eine Hand auf meine Schulter und dirigiert mich zum Stuhl neben dem Esstisch. »Ihr müsst auf Euch achten. Wir alle sind Euch für Eure Taten zu großem Dank verpflichtet. Wir brauchen Euch. Wenn Ihr vor Erschöpfung zusammenbrecht, sind wir verloren.«
Auch wenn er mit dieser Einschätzung falsch liegt, tut es gut, zu hören, dass man meine Arbeit anerkennt. Vielleicht sollte ich nicht so sehr danach gieren. Ich bin genug, erinnere ich mich. Die Bestätigung von außen darf mir nichts bedeuten. In Zukunft will ich von niemandem abhängig sein. Ich möchte niemanden mehr brauchen. Ab jetzt kämpfe ich mich allein durch diese Welt. Ich habe Elevander verloren. Umock hat mich verlassen. Mein Großvater steht schon lange nicht mehr an meiner Seite. Nun nehme ich mein Leben selbst in die Hand und gehe meinen Weg allein. Dann kann mich niemand mehr verletzen.
Trotzdem kann ich zulassen, dass man sich um mich sorgt. »Danke, Janifik. Vielleicht bist du in der Lage, mir eine Schüssel Eintopf und eine Scheibe Brot zu besorgen, bevor ich wieder aufbreche? Meine Magie wird es mir danken, wenn ich ein paar Minuten hier sitzen bleibe.«
Der Soldat nickt mir zu und eilt dann davon. Es scheinen nur wenige Augenblicke vergangen zu sein, als er auch schon mit einer Schüssel Brei und Brot zurückkehrt. »Es tut mir schrecklich leid. Der Eintopf ist bereits gegessen. Ich habe Euch aber etwas anderes gebracht, das Euch Kraft schenken wird.«
Noch einmal bedanke ich mich bei ihm. Ich schaufle die Nahrung in mich hinein und merke erst jetzt, wie hungrig ich wirklich gewesen bin. Selbst den letzten Rest des Bribri-Breis, um den ich normalerweise einen großen Bogen mache, schiebe ich mir mit dem Brot in den Mund. So sehr ich die Bitterkeit der Bribri sonst hasse, umso mehr gibt mir das nun die Energie, die mir gefehlt hat. Die Düsterkeit meiner Seele verabschiedet sich. Ich fühle mich wieder bereit zu kämpfen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen stehe ich auf und lege Janifik eine Hand auf die Schulter. »Ich danke dir. Deine Unterstützung hat mir sehr geholfen. Aber um eine Sache muss ich dich noch bitten.«
Nachdem er mir mit einem Nicken bestätigt hat, auf ihn zählen zu können, begleitet er mich nach draußen. Ich erschaffe ein Portal, in dessen Nähe ich Janifik warten lasse. Dass ich dazu mehr Energie verwendet habe, als ich es normalerweise getan habe, gestehe ich ihm nicht. Dann springe ich ein paar Fuß weiter und lasse ein Portal entstehen. Jetzt wird sich zeigen, ob mein Versuch gescheitert ist oder nicht.
Um keinen Unschuldigen zu gefährden, durchquere ich das Portal als Erster. Es hat sich nicht anders angefühlt als bei den anderen Portalen, die ich erschaffen habe. Ich nicke Janifik zu, um die Reise mit ihm gemeinsam anzutreten. Auch dieses Mal gibt es keine Schwierigkeiten. Zuletzt winke ich noch fünf weitere Soldaten herbei, die gerade an uns vorbeikommen. Nebeneinander gelingt es uns, uns auf die andere Stelle zu transportieren. Nun kann ich sicher sein, niemandem zu schaden, wenn ich Portale wie dieses hier direkt bei der Basis unserer Feinde enden lasse.
In der nächsten Sekunde reise ich zum ersten Lager unserer Verbündeten. Ich teile den Fürsten unseren Plan mit und erkläre, wie ich sie mithilfe des Portals informieren werde, wann sie es durchschreiten können. Ich muss alle neun Portale gleichzeitig öffnen. Da ich dazu nicht an neun Stellen gleichzeitig springen kann, muss ein Lichtsignal reichen. Zur Sicherheit teste ich es die ersten paar Male, doch dann bin ich selbstbewusst genug, um mich auf meine Fähigkeiten zu verlassen.
Zuletzt gilt es nur noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ich springe zu dem Waldstück, in dem unsere Feinde das geheimnisvolle Gerät aufgestellt haben. Ein paar Minuten verhalte ich mich still und beobachte sie nur. Unsere Armee sollte inzwischen zum Kampf bereit sein. Dennoch will ich erst sichergehen, dass uns hier keine Falle erwartet. Wieder kann ich nichts von den Gesprächen im Lager verstehen. Deshalb achte ich auf die Haltung der fremdländischen Männer. Ich überprüfe, wohin ihre Blicke wandern, ob sie sich auffällig bemühen, sich unauffällig zu verhalten. Von meiner Entscheidung hängt ab, ob wir katastrophal scheitern oder Rache für das nehmen können, was diese gnadenlosen Soldaten uns bei der letzten Schlacht angetan haben.
Ob es angebracht wäre, mehr Angst vor diesen Wesen zu haben? Sie kämpfen mit übermenschlicher Kraft. Ihr Zauberer hat unsere Armeen und die Flugechsen die Orientierung verlieren lassen. Zum Glück sind wir bereits durch Umocks Hilfe durch ein Portal an den Ort gelangt, an dem wir gebraucht wurden. Bis jetzt gibt es keinen Hinweis darauf, sie könnten diese Fähigkeit auch. Ist ihr Zauberer doch nicht so mächtig, wie ich befürchte? Oder hält er sich noch zurück? Sind wir jetzt im Nachteil, weil Umock nicht mehr auf unserer Seite kämpft?
Ich entscheide mich, genug gewartet zu haben, und drehe mich suchend um. Die Ratgeber unseres Fürsten haben genau bestimmt, wo die Portale zu entstehen haben. Das erste ist in einer Entfernung von ungefähr zehn Fuß vom Lager geplant. Ob das weit genug ist? Schaffen wir es auf diese Art, uns unauffällig anzuschleichen? Können wir lange genug ungesehen bleiben, um die Soldaten zu überrumpeln? Ich kann versuchen, die ersten Männer, die das Portal durchschreiten, unsichtbar zu machen. Das wird mich große Kraft kosten. Vielleicht erhöht das aber unsere Chance.
Da ich den Unsichtbarkeitszauber nicht gleichzeitig an neun Portalen anwenden kann, verflechte ich ihn mit dem Erschaffungszauber des Durchgangs. Er sollte die ersten Soldaten, die auf der anderen Seite eintreffen, vor den Blicken unserer Feinde verbergen. Bestimmt ist die Magie, die ich verwende, schnell aufgebraucht. Aber in unserem Fall wird jede Sekunde von Vorteil sein.
Mit geschlossenen Augen konzentriere ich mich auf die Sprüche, die notwendig sind. Durch meine eigene Unsichtbarkeit geht bereits ein Teil meiner Energie verloren. Ich brauche länger, als es bei meinen bisherigen Portalen der Fall gewesen ist. Einen Fehler kann ich mir nicht leisten. Also harre ich aus, ziehe alle Energie, die ich erhaschen kann, aus der Luft. Meine Magie vibriert schmerzhaft in mir. Doch ich gebe nicht nach, bis ich endlich zufrieden bin.
Schwer atmend und völlig erschöpft beuge ich meinen Oberkörper nach vorne. Ich bin mir bewusst, in diesem Moment von unseren Feinden gehört werden zu können. Allerdings bin ich nicht in der Lage, Haltung zu bewahren. Dieser Vorgang hat viel mehr Kraft gekostet, als ich befürchtet habe.
Sobald ich wieder zu Atem gekommen bin, konzentriere ich die Macht neuerlich in mir. Statt mich an meinen Bestimmungsort zu transportieren, schone ich meine Kräfte und schleiche mich zu Fuß zur nächsten Stelle, an der ein Portal entstehen soll. Es nimmt mehr Zeit in Anspruch, als wenn ich meine magischen Fähigkeiten einsetzen würde, aber ich kann kein Risiko eingehen. Es kommt noch zu viel Anstrengendes auf mich zu.
Das zweite Portal kostet mich ebenfalls viel Energie. Ich kann spüren, wie ich schwächer werde. Viel zu schnell. Viel zu sehr. Ich muss unterbrechen und verfluche meine Kraftlosigkeit. Eine wichtige Aufgabe wartet auf mich, aber ich muss mich erst einmal ausruhen. So sollte das nicht laufen. So ist das nicht richtig. Alles fühlt sich schief an. So schwierig sollte die Arbeit eines angeblichen Helden nicht sein.
Ich lege den Kopf in den Nacken, breite die Arme weit aus und stoße ein Gebet in den Himmel. »Götter, hört mich an. Wenn ihr ebenso der Meinung seid, meine Aufgabe sei wichtig, müsst ihr mich unterstützen. Wenn ihr auf unserer Seite seid, dann müsst ihr mir dabei helfen, unseren Kontinent zu retten. Ich brauche euch. Schenkt mir die Kraft, die ich benötige.«
Angespannt lausche ich ins Nichts. Natürlich bekomme ich keine Antwort. Ich warte, ob etwas passiert, auch wenn das völlig verrückt wäre. Die Götter nehmen sich nicht die Zeit, um mit uns Menschen zu kommunizieren. Möglicherweise ist unser Schicksal ihnen völlig gleich.
Trotzdem fühle ich Enttäuschung, als ich die Arme senke. Im nächsten Moment scheint die Luft zu vibrieren. Die Energie, die mich umfließt, wird intensiver. Sie hüllt mich spürbar wie nie zuvor ein. Handelt es sich um ein zufälliges Phänomen? Wird mir auf meine Bitte hin tatsächlich Hilfe zuteil? Ich werde es nicht ergründen können, doch ich habe vor, dieses mögliche Zeichen der Götter dankbar anzunehmen. Gierig sauge ich die Energie in mir auf, bis ich fürchte, der Platz in meinem Inneren könnte nicht mehr ausreichen.
Ich vollende das begonnene Portal. Meine Energiereserven sind so weit aufgestockt, dass ich keine Probleme habe, den Unsichtbarkeitszauber mit dem Portalerschaffungszauber zu verflechten. Selbst als ich meine Arbeit beendet habe, fühle ich mich nicht schwach. Das kann kein Zufall sein. Ich muss Hilfe aus unerwarteter Richtung erhalten haben.
Zufrieden mache ich mich dann auf den Weg zur richtigen Stelle für den dritten Durchgang. Dabei beobachte ich die Soldaten im Lager. Von meiner Anwesenheit scheinen sie bislang nichts bemerkt zu haben. Auch während ich das vierte, fünfte und sechste Portal errichte, wird die Magie in mir nicht knapp. Erst als ich den siebenten und achten Durchgang erschaffen habe, bemerke ich, nicht mehr unerschöpflich stark zu sein. Das neunte Portal bereitet mir dennoch keine Schwierigkeiten. Ein erleichtertes Lächeln hebt meine Mundwinkel, während ich der Vollendung entgegenstrebe.
Irgendetwas verändert sich. Einen Moment lang kann ich nicht genau sagen, was mich irritiert. Ich bemerke nur, etwas ist anders als gerade noch zuvor.
Dann höre ich sie. Die Stille, die unheimliche Ruhe.
Langsam wende ich mich um, während ich hastig den Unsichtbarkeitszauber wiederhole. Entsetzt wird mit klar, dass die Soldaten ihre Unterhaltungen unterbrochen haben. Kein Laut dringt an mein Ohr, doch von meinem aktuellen Standpunkt aus kann ich das Lager nicht erkennen. Vorsichtig mache ich ein paar Schritte nach vorne, bis ich zwischen zwei Büschen einen Blick auf unsere Gegner werfen kann.
Reglos sitzen die Krieger um die Feuer herum. Ohne mit einem Muskel zu zucken, stehen die Soldaten in Gruppen zusammen. Das wirklich Unheimliche ist nicht die Tatsache, sie so plötzlich verstummt zu sehen. Nein, sie regen sich nicht, schwanken nicht, wirken wie erstarrt. Was genau ist mit ihnen passiert?
Ich kann es nicht beweisen, aber ich befürchte, sie haben meine Anwesenheit wahrgenommen.
Hat diese Bewegungslosigkeit etwas zu bedeuten? Horchen sie in die Umgebung, um Schwingungen von meiner Seite zu empfangen? Versuchen sie, die Energie zu erfühlen, die ich ausstrahle? Habe ich mich durch die Nutzung der plötzlich viel stärker fließenden Magie verraten? Wollen sie mich in Angst versetzen? Zumindest das ist ihnen problemlos gelungen. Ich spüre, wie meine Knie ganz weich werden. Hoffentlich sind sie nicht in der Lage, mich trotz meiner Unsichtbarkeit zu entlarven.
Verunsichert lasse ich meinen Blick in die Runde wandern. Von den Portalen ist von meinem Standort aus nichts zu sehen. Selbst wenn unsere Feinde direkt davor stehen würden, können sie es nicht ausfindig machen. Da bin ich mir sicher. Dennoch scheint man mich bemerkt zu haben. Was habe ich falsch gemacht?
In meinem Kopf trudeln unerwartete Nachrichten ein. Die Soldaten, die die anderen Lager unserer Feinde überwachen sollen, melden sich alle gleichzeitig zu Wort.
»Sie haben mich gesehen!«
»Die Fremden verhalten sich seltsam!«
»Ich glaube, sie sind soeben vom Blitz getroffen worden!«
»Irgendetwas geht hier vor!«
Es fällt mir schwer, die unterschiedlichen Ausrufe zu verstehen. Dass dieses Phänomen überall gleichzeitig auftritt, verwundert mich. Ich sende eine Antwort an alle Spione gleichzeitig und versichere ihnen, dass sie nichts fürchten müssen. Anscheinend erhalten die Soldaten selbst gerade Anweisungen, verständigen sich untereinander oder werden von einem Zauber in diesen Zustand versetzt.
Jedenfalls habe ich keinen Fehler gemacht. Sie haben meine Zauber nicht bemerkt. Wir müssen sie nur alle im Auge behalten.
Die Energie in der Luft verändert sich neuerlich. Ich glaube, eine Vibration zu spüren, die zuvor noch nicht da war. Die Temperatur scheint anzusteigen. Schweißperlen treten auf meine Stirn. Alle meine Sinne konzentrieren sich auf das seltsame Gerät in der Mitte des Lagers.
Das Gestein, das Umock damals bei der Entdeckung der Maschine mit meinen Lichtsteinen verglichen hat, hat seine Farbe verändert. Statt durchsichtig zu sein und leicht bläulich zu schimmern, glüht es nun in einem unheimlichen Schwarz. Selbst aus der Entfernung meine ich Nebel in den Brocken zu erkennen, die die Größe meines Kopfes haben. Dunkle Magie. Sie benutzen die Kräfte der Dunkelheit. Das ist wenig überraschend. Dieses seltsame Phänomen zu beobachten, macht mir dennoch Angst. Herrscht plötzlich Stille, weil die Steine Energie in ihre Mitte inhalieren? Benutzen die Soldaten die Magie aus der Maschine, um ihre Kräfte aufzuladen?
Zeit für meinen Aufbruch. Ich werde nicht warten, bis sie sich auf den Weg machen, um unsere Armee zu vernichten. Ich muss unsere Männer warnen, dass unsere Gegner möglicherweise stärker sind als beim letzten Mal. Und dann müssen wir unsere Übermacht nutzen.
2. Kapitel
Neben mir schleicht Manekas in geduckter Haltung vorwärts. Vor uns befindet sich seine Leibwache. Ich habe vorgeschlagen, unseren Fürsten im Basislager zu lassen, um nicht in Gefahr zu geraten, doch er hat sich geweigert. Wir haben einen perfekt koordinierten Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat. Manekas will dennoch nicht in Sicherheit auf das Ergebnis dieser Schlacht warten. Ich wünschte, ich könnte ihn vom Gegenteil überzeugen.
Jetzt bei meiner Rückkehr herrscht unter unseren Feinden nicht mehr die seltsame Stille. Die Spione haben mir bereits vor einigen Minuten verraten, dass sich die Krieger wieder verhalten wie zuvor. Das Lachen und das ungewöhnliche Brummen sind zu hören, mit dem sie kommunizieren. Das sollte die leisen Geräusche dämpfen, die rund um uns die Ankunft unserer Bündnispartner verkünden. Zur Sicherheit murmle ich einen Spruch, der das Knacken der Äste und das Rascheln des Laubes dämpfen soll. Noch habe ich genug Energie, um solche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Der Rest liegt ohnehin in den Händen der Götter.
Unsere Armee weiß, was auf sie zukommt. Sie sind darauf eingestellt, den mächtigsten Gegnern gegenüberzustehen, auf die unsere Welt jemals gestoßen ist. Für die Truppen unserer Verbündeten gilt das jedoch nicht. Sie haben noch nicht erlebt, wozu diese gnadenlosen Kämpfer fähig sind. Ich hoffe, sie werden dieser Aufgabe gewachsen sein.
Ein Kommandant hebt seinen Arm mit einer geschlossenen Hand. Das Zeichen, anzuhalten. Er ist wohl in Sichtweite des Lagers gelangt. Jetzt folgt der schwierige Teil. Unsere Soldaten und die Truppen der anderen Länder sollten inzwischen die Lichtung umzingelt haben. Kein Gegner soll durch unser dichtes Netz entkommen können. Wir dürfen nicht zulassen, dass die anderen Lager unserer Feinde gewarnt werden. Wir müssen alle Männer gleichzeitig überwältigen.