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Betty Kay Das Herz des Zauberers
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Der Boden im Lager ist uneben. Durch die Sitzgelegenheiten und die Gegenstände, die überall verteilt sind, wird es schwierig für unsere Männer werden, sich problemlos fortzubewegen. Doch unsere Überzahl sollte dennoch von Vorteil sein. Daran klammere ich mich aus ganzem Herzen. Hinter uns kann ich die Ankunft weiterer Soldaten hören. Langsam wird der Platz zu eng. Wir müssen mit unserem Überfall beginnen, bevor wir uns gegenseitig zerquetschen.
Manekas nickt einem seiner Männer zu. Der stößt einen schrillen Pfiff aus. Das Zeichen zum Angriff.
Alle Soldaten in der ersten Reihe erheben sich und brechen durch das Dickicht, in dem sie sich versteckt gehalten haben. Immer noch sind sie unsichtbar. Ich kann es erkennen, weil sie für meine Augen nicht ganz scharf wirken. Jetzt müssen sie die letzten Fuß bis zu den ersten Feinden zurücklegen.
Unsere Gegner sind überrascht und wissen nicht, was der Lärm bedeutet. Dennoch springen alle auf und ziehen ihre Waffen, als ein Summton ertönt. Es handelt sich wohl um eine Warnung. Auf dem Schlachtfeld haben die Geräusche, die die Kommandanten ausgestoßen haben, ganz anders geklungen.
An mehreren Stellen erreichen unsere Soldaten die feindlichen Krieger. Ihre Schwerter bohren sich weit genug in die schwarzen Rüstungen, damit sie Schaden anrichten können. Leider gehen doch nur wenige Gegner zu Boden. Blut fließt, stoppt die Überrumpelten allerdings nicht an einem Gegenschlag. Obwohl unsere Soldaten noch unsichtbar sind, gibt das hell leuchtende Blut auf den ebenfalls nicht erkennbaren Schwertern ein gutes Ziel ab.
Ich schiebe mich ein Stück weiter durch das Unterholz und richte mich auf. Mit ein paar gemurmelten Worten wirke ich einen Zauber, der das Blut auf unseren Schwertern und unseren Kämpfern unsichtbar macht. Bis die Wirkung einsetzt, wurden bereits einige unserer Männer getroffen. Manch einer wurde tödlich verletzt. Neue Krieger nehmen ihre Plätze ein und drängen vorwärts. Aufgrund des Platzmangels wird es zu einem Kampf Mann gegen Mann. Die Hiebe unserer Gegner sind kraftvoll wie nie zuvor. Dagegen können wir nicht ankommen.
Noch einmal benutze ich meine Magie und schicke Wellen aus, die die feindlichen Soldaten von den Füßen werfen. Ich springe an eine andere Stelle und verursache auch dort eine Energiewelle, die einige Gegner ausschaltet. Unsere Soldaten können an dieser Stelle weiter vordringen.
Überall herrscht Chaos. Nach und nach werden unsere Männer sichtbar. Das Summen unserer Feinde vibriert in meinen Ohren. Das Geräusch schmerzt so sehr, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Von allen Seiten sind Schreie zu hören und verstärken dadurch mein Unwohlsein nur noch. Verletzte gehen zu Boden. Leider handelt es sich vermehrt um unsere Leute. Mein Entsetzen steigt weiter an, während ich dabei zusehe, wie unsere Männer nicht gegen die kräftigen und gut ausgerüsteten Eindringlinge in unserem Land ankommen.
Mit bangem Herzen murmle ich den Zauber, der unsere Männer wieder unsichtbar macht. Zumindest unsere Soldaten an erster Front sollen eine Chance haben, sich unseren Feinden unbemerkt zu nähern. Wieder springe ich an einen anderen Ort und löse eine Energiewelle aus, um meinen Beitrag zu leisten. Meine erste Schlacht war ein abschreckendes Beispiel für mich. Ich werde mich nicht selbst mit der Verwendung eines Schwertes in Gefahr bringen. Ich bin ungeübt, habe nicht genug Kraft, um die Klinge zu führen. Deshalb nutze ich ausschließlich meine magischen Fähigkeiten, um unserer Sache zu dienen. Ich hoffe, es reicht dieses Mal.
Immer mehr unserer Soldaten drängen auf die kleine Lichtung. Mit der Unterstützung unserer Verbündeten sollte es uns eigentlich gelingen, unsere Feinde zu überwältigen. Allerdings haben unsere Gegner nicht vor, sich freiwillig zu ergeben. Diejenigen, die von einem Schwert getroffen wurden, kämpfen weiter, bis sie ihre Verletzungen zum Aufhören zwingen. Mitten im Getümmel sehe ich einen Feind, der sich in seine eigene Klinge stürzt, als zwei unserer Männer vergeblich versuchen, ihn zur Seite zu ziehen. Wenige Fuß weiter entdecke ich eine ähnliche Szene.
Sterben diese Krieger lieber, als sich von uns gefangen nehmen zu lassen?
In meinem Kopf suche ich nach einem Spruch, mit dem ich sie davon abhalten kann. Ich gehe all die Zauber durch, die ich in meinem Leben bereits gelesen habe. Mein Großvater hat von meiner Gabe, die einzelnen Seiten eines Buches vor meinem inneren Auge abrufen zu können, nie etwas geahnt. Ich sehe manche Stellen verschwommen und die Übung in der Anwendung fehlt mir, weshalb meine Zauber nicht immer funktioniert haben. Doch jetzt bin ich mir sicher, dass kein geeigneter Spruch in Oremazz’ Büchern steht.
Unsere Soldaten ergießen sich in einer Flutwelle über die Lichtung. Viele von ihnen sind sichtbar, doch ich muss mir nicht mehr die Mühe machen, sie vor den Blicken unserer Feinde zu verstecken. Die Krieger haben wohl eingesehen, sich nicht gegen unsere Übermacht zur Wehr setzen zu können. Die Intensität und die Höhe des Summens, das die Anführer von sich geben, verändert sich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass sie auf diese Art kommunizieren. Ich würde nur gerne wissen, was sie miteinander besprechen. Einen Augenblick später erhalte ich eine unerwartete Antwort.
Alle unsere Gegner hören gleichzeitig damit auf, sich gegen uns zur Wehr zu setzen. Sie lassen von unseren Männern ab und richten ihre Waffen gegen sich selbst. Fassungslos muss ich mit ansehen, wie sie sich die Klinge in den Bauch rammen. Kein Schmerzenslaut ist zu hören, als sie einer nach dem anderen zu Boden sinken.
Mit einem Mal herrscht gespenstische Stille auf dem Schlachtfeld. Unsere Männer starren wie ich mit Entsetzen auf das Bild, das sich uns bietet. Tausend Tote liegen auf der Lichtung verteilt. Nur wenige davon gehören zu unserer Seite. Sie haben sich selbst geopfert, um nichts über ihre wahren Absichten zu verraten. Ich bin mir sicher, sie haben verhindern wollen, von uns zu ihren Plänen befragt zu werden. Sie haben etwas vor, von dem wir nicht erfahren dürfen. Um dieses Ansinnen vor uns zu bewahren, sind sie bereit gewesen, selbst in den Tod zu gehen.
Meine Neugier ist stärker als meine Abwehr. Vorsichtig nähere ich mich einem unserer reglos auf dem Boden liegenden Gegner und schiebe eine Hand unter seinen Helm. Mit den Fingerspitzen taste ich nach seinem Puls, um sicherzugehen, dass er tatsächlich tot ist.
Ich muss wissen, ob es sich bei ihnen überhaupt um Menschen handelt. Möglicherweise sind es nur von Magie erschaffene Wesen, die uns äußerlich ähneln, die bluten und sterben können wie wir, die aber keinen eigenen Willen besitzen. Nicht mehr als Kampfmaschinen, die sich dem Zauber unterwerfen müssen, der sie zum Leben erweckt hat. Wenn meine Untersuchungen meine Fragen vielleicht auch nicht beantworten, so können sie mir vielleicht eine Möglichkeit zeigen, um die anderen Truppen unserer Gegner kampfunfähig machen zu können, bevor sie sich selbst töten.
Mit klopfendem Herzen nestle ich an den Schnüren am Hinterkopf des Soldaten, um ihm dann die Maske vom Gesicht zu ziehen.
Auf den ersten Blick wirkt das Gesicht nicht unmenschlich. Es könnte sich um einen Fremden handeln, wie sie unser Dorf daheim in Maëlle hin und wieder besuchen. Wäre ich ihm vor dem Krieg begegnet, hätte ich mir bei seinem Anblick nichts gedacht und hätte ihn sofort wieder vergessen. Jetzt allerdings fällt mir der breitere Nasenrücken auf und der überraschend kleine Mund. Die ungewöhnliche Form der Augen, die mich an Reiskörner erinnern, ist davor durch den Schnitt der Sehschlitze nicht erkennbar gewesen. Ganz offensichtlich erinnern diese Gesichtszüge nicht an die Bewohner unseres Kontinents.
Schritte nähern sich mir. Als ich hochsehe, bemerke ich Manekas auf mich zukommen. »Was denkt Ihr?«, fragt er. Der Schock über das Geschehene schwingt in seiner Stimme mit.
»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, gebe ich zu. »Diese Soldaten scheinen Menschen zu sein. Trotzdem handeln sie nicht menschlich. Oder kennt ihr jemanden, der den Tod der Gefangenschaft vorzieht?«
»Fremde Länder. Fremde Sitten.« Der Fürst betrachtet ratlos das Gesicht, das sich zuvor unter der Maske verborgen hat. »Wer kann schon sagen, was anderswo üblich ist? Möglicherweise gilt es bei diesem Volk als Schande, von seinem Gegner überwältigt zu werden. Aufgeben kommt einem Frevel gleich. Möglicherweise werden wir diese Kämpfer nie verstehen.«
Langsam nicke ich. Zu gerne hätte ich ein paar Antworten. »Ich kann die Energie fühlen, die von ihnen ausgeht. Sie müssen von einem Zauber geleitet worden sein. Möglicherweise kennen diese Wesen keine Sprache und kommunizieren lediglich über den Austausch von Summgeräuschen. Auf jeden Fall spüre ich hier eine Dunkelheit, wie ich sie noch niemals erlebt habe. Die Seelen dieser Wesen lösen sich wohl bereits von ihren Körpern. Welchem Glauben sie wohl anhängen? Sind sie davon überzeugt, in den Himmel aufsteigen zu können? Gibt es für sie Götter, die sie für ihre Taten belohnen werden? Irgendwann erhalten wir vielleicht Hinweise darauf, was sie bewegt.« Ich richte mich auf. »Bevor wir aufbrechen, werden wir ihre persönlichen Sachen untersuchen. In den Taschen befinden sich hoffentlich Aufzeichnungen oder Beweise für das, was sie planen.«
»Es ist zu befürchten, dass ihre Schrift ähnlich wie ihre Sprache für uns nicht zu verstehen ist. Dennoch habt Ihr recht. Wir müssen so viel wie möglich über unsere Feinde erfahren. Nichts in diesem Lager wird unbeachtet bleiben. Alles wird begutachtet werden.«
Besonders die Maschine in der Mitte des Lagers wird meine Aufmerksamkeit lange in Beschlag nehmen. Ich werfe einen kurzen Blick zu dem Ungetüm, das nun, da ich näher an dem Gerät stehe, noch beeindruckender wirkt als zuvor. Die Steine an den Ecken des seltsamen Dings glühen nun nicht mehr. Trotzdem werde ich versuchen, sie von der Apparatur zu entfernen. Eine Stimme in meinem Inneren flüstert mir zu, dass das wichtig sein könnte. Wenn die Soldaten davon ihre Energie erhalten, werden die restlichen Truppen an Stärke einbüßen. Wenn diese Maschine die Verwirrung unserer Flugechsen und Soldaten verursacht hat, werden die Menschen nur ungestört weiterleben können, wenn wir die Störung beseitigt haben.
Erst möchte ich allerdings noch etwas ausprobieren. In den Zauberbüchern aus der Bibliothek meines Großvaters habe ich vor langer Zeit einen Spruch gelesen, der es ermöglicht, einen Gegenstand auf die Energie zu untersuchen, mit der er in Berührung gekommen ist. Sie verrät, wer ihn sein Eigen genannt und welche magischen Fähigkeiten er besessen hat. Ich hoffe, dadurch Informationen über die Soldaten zu erhalten. Sie mögen kein Gegenstand sein. Der Zauber könnte mir dennoch mehr erzählen.
Ich schließe meinen Augen, um mir die Seite in Erinnerung zu rufen.
»Ding, das du jetzt mir gehörst, verrate mir, woher du stammst.
Zeig mir deine Vergangenheit, und von wo du davor kamst.
Offenbare mir die Magie, die zuletzt über dich bestimmen konnte.
Erzähle mir die Geschichte deiner Zauber, denen man dich aussetzen wollte.«
Keine Reaktion. Irgendetwas scheint an meinem Spruch nicht zu stimmen. Also kneife ich die Augen ein wenig mehr zusammen und stelle mir den Moment vor, in dem ich die Worte damals gelesen habe. Mein Großvater hatte damals noch nicht begonnen, mich zum Zauberer auszubilden. Ich hatte mich heimlich in sein Studierzimmer geschlichen, eines der Bücher hervorgeholt und unter seinem Schreibtisch gelesen. Die ganze Zeit hatte ich Angst, von ihm erwischt zu werden. Möglicherweise habe ich dadurch keine genaue Abbildung der Seiten vor meinem inneren Auge. Mit jedem langsamen Atemzug wird das Bild deutlicher. Endlich kann ich einen neuen Versuch wagen.
»Ding, das du jetzt mir gehörst, verrate mir, woher du stammst.
Zeig mir deine Vergangenheit in Bildern, und von wo du davor kamst.
Offenbare mir die Magie, die zuletzt über dich bestimmen konnte.
Erzähle mir die Geschichte deiner Zauber, denen man dich aussetzen wollte.«
Mehr als eine kleine Anpassung ist nicht notwendig gewesen, damit der Spruch Wirkung zeigt. Obwohl auf dem Boden vor mir ein Mensch liegt oder zumindest eine menschliche Hülle, kann ich fühlen, wie die Magie in mir zu kribbeln beginnt.
Hinter meinen geschlossenen Augen sehe ich Schiffe. Tausende und Abertausende davon. Auf jedem befinden sich unzählige Krieger. Blicklos starren sie auf die Küste, der sie sich nähern und die mich zu meinem Entsetzen an die von Nialling erinnert. Am Bug jedes Schiffes stehen die Anführer der Truppen, doch auch sie regen sich nicht. Es scheint, als würden die Soldaten mit offenen Augen schlafen. Ob sie mit dem Zauber geladen werden, der sie zum Leben erwecken wird? Ein Schiff erregt meine Aufmerksamkeit. Es segelt in der Mitte dieser erschreckend großen Armee. Auf dem Deck steht die Maschine, die sich jetzt in diesem Lager befindet. Die riesigen Steine sind am gleichen Platz. Sie leuchten, ähnliche wie der Lichtstein, den ich verwendet habe. Allerdings fehlt die Dunkelheit in der Mitte, die ich beim letzten Mal beobachtet habe.
Das Bild verändert sich. Ganz plötzlich stehe ich in einem fremden Land, das so ganz anders aussieht als unser Kontinent. Während meiner Nachforschungen nach dem Verbleib unserer Verbündeten habe ich den ganzen Kontinent bereist. Auch wenn ich wenig Blick für die Schönheit der Landschaft hatte und nicht auf die Details der Natur geachtet habe, weiß ich sofort, mich an einem völlig anderen Ort zu befinden. Der Boden hier ist steinig und uneben. Soweit das Auge reicht, kann ich keine Pflanzen entdecken. Das hier ist viel kälter und unwirtlicher. Der Wind streicht über meinen kurz rasierten Schädel und lässt meine Ohren kribbeln. Ein paar Fuß entfernt ragen seltsame Formen aus dem Boden. Baumstämme scheinen an vier Stellen schräg in den Boden gerammt worden zu sein, während sie oben aufeinandertreffen und zusammengebunden sind. Miteinander vernähte Felle überziehen das Gerüst. Werden die Felle hier getrocknet?
Die ungewöhnliche Bespannung bewegt sich, ein Spalt klafft dazwischen auf, bevor das Fell an dieser Seite zur Seite geschoben wird. Ein Mann tritt heraus. Seine Augen sind groß und rund, seine Nase unnatürlich schmal, sein Mund klein. Als er einen Schritt zur Seite macht, kann ich einen Blick in das seltsame Gebilde werfen. Decken und Felle liegen auf dem Boden. Töpfe und Teller stehen in der Mitte des Raumes um einen Stein herum, von dem ein warmes Glühen ausgeht. Soll dieses seltsame Ding die Behausung des Mannes darstellen? Bevor ich mehr vom Inneren erkennen kann, klappt die Öffnung in den Fellen wieder zu.
Der Fremde geht weiter, direkt an mir vorbei, bleibt dann stehen, nestelt an seiner Kleidung und erleichtert sich dann in Sichtweite seines Zuhauses. Durch den starken Wind verteilt sich die Feuchtigkeit weit über den steinigen Boden.
Die Öffnung zwischen den Fellen klafft wieder auf. Ein kleiner Junge tritt heraus. Durch die für sein Gesicht riesig wirkenden Augen besitzt er eine Niedlichkeit, die ich gar nicht an ihm entdecken will. Er läuft auf den Mann zu und schmiegt sich an seine Beine. Die beiden unterhalten sich, während der Fremde über das Haar des Kindes streicht. Dann kehren sie wieder in das Zelt zurück.
Seltsam bewegt wende ich mich ab. Ich habe genug gesehen. Vielleicht gelingt es mir, ein wenig in das Land vorzudringen und mehr über die Menschen zu erfahren, die hier leben. Als ich versuche, meine Magie anzuwenden, um mich zu transportieren, scheitere ich. In dieser Vision habe ich keinen Körper, dessen Beine ich benutzen kann, um mich fortzubewegen. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als geduldig zu sein. Nach all den Tagen bin ich, ehrlich gesagt, am Ende meiner Geduld angelangt.
Zum Glück verschwimmt die Umgebung vor meinen Augen. Ich kann ein neues Bild sehen, das sich vor meine Augen schiebt und langsam klarer wird.
Ein Gebäude. Kahle Steinwände. Fenster ohne Scheiben.
Auch hier ist es kalt und unwirtlich. Es gelingt mir, den Blickwinkel etwas anzupassen, sodass ich aus einem der Fenster sehen kann. Anscheinend befinde ich mich irgendwo hochgelegen, denn das Land breitet sich weit unter mir aus. Unzählige dieser seltsamen Hütten, vor denen ich gerade noch gestanden bin, stehen dichtgedrängt auf der Ebene unter mir. Es handelt sich wohl um eine größere Siedlung. Gibt es in diesem Land viele Dörfer wie dieses? Oder leben die Menschen in anderen Teilen dieses Kontinents anders?
Schritte nähern sich in meinem Rücken. Ich habe keine Zeit, mich umzudrehen, was vermutlich ohnehin nicht geklappt hätte. Ein seltsames Gefühl bringt mein Innerstes zum Kribbeln. Und dann geht ein Bewohner dieses Ortes einfach durch mich hindurch.
Ich schüttle mich, um die Beklemmung loszuwerden. Etwas zieht mich weiter hinter dem Fremden her. Er öffnet eine riesige Holztür und tritt dann in den Raum dahinter. An der Schwelle werde ich angehalten und kann den Thronsaal in all seiner Pracht bewundern, der mich an Manekas’ große Halle erinnert. Allerdings herrscht hier drinnen viel weniger Prunk. Die Einrichtung ist kahl und einfach, der Stuhl an der gegenüberliegenden Wand besteht aus einem einfachen Holzgerüst, auf dem mit Lederbändern eine Sitzfläche gebildet wird. Dekoration ist in dem Raum nicht zu entdecken.
Auf dem Stuhl sitzt ein Riese, der mich vermutlich um zwei Köpfe überragt. Die Breite seiner Schultern wirkt auch aus der Ferne furchteinflößend. Die eindrucksvolle Gestalt des Hünen, der vermutlich der Herrscher des Landes ist, wird von prachtvollen Fellen und feinen Stoffen umhüllt. Der Fremde, mit dem ich gekommen bin, und der Riese beginnen sich in der Sprache zu unterhalten, die ich nicht verstehe. Zwischen Summen und den harten Lauten kann ich kein Muster erkennen. Doch auch so lese ich aus den Gesichtern der beiden, dass es wohl schlechte Neuigkeiten gibt.
Weinen ertönt. Eine Frau drängt in den Raum. Männer versuchen, sie aufzuhalten, doch sie eilt weiter, bis sie vor dem Herrscher anlangt. Sie lässt sich zu seinen Füßen nieder und streckt ihm ein Bündel entgegen. Dann legt sie es vor ihm ab. Ein Stück Stoff rutscht zur Seite, und plötzlich kann ich das leblose Gesicht eines Babys erkennen. Die Laute der Frau werden anklagend, bis zwei Männer sie an den Armen packen und nach draußen ziehen. Der Gesichtsausdruck des Herrschers zeigt seinen Schmerz.
Er verlässt mit seinen Ratgebern den Saal durch einen anderen Eingang. Sie treten an einen Abgrund und sehen in die Tiefe. Dort unten scheint Magie zu vibrieren. Truppen von Soldaten warten auf ihren Einsatz. In der Mitte einer freien Fläche steht eine Statue, so groß und breit wie einer der Soldaten, die uns heimgesucht haben. Rund um sie herum befinden sich Erdklumpen, deren Sinn ich nicht verstehe. Angst erfüllt mich, als sich die Statue verändert. In ihrem Inneren entsteht ein Glühen, das immer mehr zunimmt. Rauch steigt aus ihren Füßen auf, vermehrt sich, bis er zu einer riesigen Wolke auf der Fläche geworden ist. Der undurchdringliche Rauch verhüllt mir kurz die Sicht. Als der sich wieder lichtet, sind die Erdklumpen verschwunden. Soldaten samt Rüstung und Waffen stehen an ihrer Stelle. Eine Person formt wieder Erdklumpen, indem sie mehr Wasser auf den bereits feuchten Boden schüttet und dadurch Matsch entsteht. Die gerade erschienenen Soldaten marschieren währenddessen los, bis sie zu weiteren Kopien stoßen, die bereits in Reihen am Rand der Fläche stehen.
Eine weitere Person erscheint neben dem Herrscher. Sie bewegt sich so geschmeidig vorwärts, dass ich keine Schritte erkennen kann. Als würde der Neuankömmling schweben. Sein langes, fließendes Gewand reicht bis zum Boden. Eine Kapuze an der hellblauen Kleidung verdeckt sein Gesicht. Wellen von Energie gehen von ihm aus. Kraftvoll und intensiv, wie ich sie noch niemals in der Gegenwart eines anderen Menschen gespürt habe.
Er tritt zu den anderen beiden und beginnt, sich leise mit ihnen zu unterhalten. »Wir sind bald so weit«, sagt er laut genug, damit ich ihn verstehen kann.
Aber warum ergeben die Laute für mich plötzlich Sinn? Verbindet mich die erdumspannende Magie mit dem Zauberer, sodass ich die Sprache mit einem Mal enträtseln kann?
»Nur noch ein paar Tage, bis die Männer aufbrechen können. Unsere Armee wird unbesiegbar sein.«
»Und die Wesen, die du erschaffst und die unsere Truppen vergrößern werden, verhalten sich wie Menschen?«, fragt der Herrscher.
»Es handelt sich um Menschen. Sie sind Euch treu ergeben.« Ganz plötzlich hält er allerdings inne und wendet den Kopf. Der stechende Blick aus seinen länglichen Augen richtet sich direkt auf mich.
Erschrocken will ich einen Schritt zurück machen, doch da es sich bei diesen Bildern um reine Fantasie handelt, kann ich auch nicht verschwinden. Ich reiße die Augen auf.
Im nächsten Augenblick stehe ich wieder mit schnell klopfendem Herzen auf der Lichtung.
»Was ist mit Euch geschehen?«, fragt Manekas beunruhigt. »Ich habe Euch mehrmals angesprochen, aber Ihr habt nicht auf mich reagiert.«
»Ein Spruch hat mich in das Land reisen lassen, aus dem unsere unerwünschten Besucher stammen. Leider habe ich dadurch nicht viel mehr erfahren. Ich weiß nur, sie haben einen mächtigen Zauberer auf ihrer Seite. Er besitzt möglicherweise mehr Macht als alle Großen Zaubermeister unseres Kontinents zusammen.«
Die Stirn unseres Fürsten runzelt sich. »Wie kommt Ihr darauf?«
Für mich selbst ist es schwer zu verstehen, woher ich die Gewissheit habe. Wie soll ich Manekas erklären, wieso ich davon überzeugt bin? Von den Soldaten, die er mit Zauber erschaffen hat, will ich ihm nichts erzählen. Das würde ihn und alle anderen nur ängstigen. Die Größe ihrer Armee ist von Wichtigkeit, nicht woher die Männer stammen. Sie kämpfen. Sie bluten. Sie sterben. Wir müssen sie auch weiterhin bekämpfen. Unsere Truppen dürfen dabei nicht durch übertriebene Angst geschwächt werden. »Die Energie, die von ihm ausgeht«, sage ich. »Ich weiß, es handelt sich lediglich um einen Eindruck aus einer Vision. Die Magie, die ich in seiner Nähe gespürt habe, war nicht real. Dennoch konnte ich es fühlen.«
»Welche anderen Erkenntnisse aus Eurem Erlebnis können für uns von Vorteil sein?«
»Diese Menschen leben nicht in Häusern. Ihr Herrscher ist ein angsteinflößender Riese. Doch diese Informationen können wir nicht für uns nutzen. Interessanter ist da, dass die Maschine zusammen mit ihnen auf unseren Kontinenten gekommen ist. Die Leuchtsteine, die an den Ecken der Apparatur angebracht sind, hatten zu dem Zeitpunkt keinen Kern aus Dunkelheit. Sie sahen aus wie jetzt, nur dass sie gestrahlt haben.«
Manekas sieht zu dem Gerät und brummt leise.
Ich folge seinem Blick. Sehr viel länger kann ich den Moment nicht hinauszögern. Obwohl ich eine diffuse Unruhe empfinde, werde ich mich diesem Ding widmen müssen. Hoffentlich gelingt es mir, es unschädlich zu machen. Ob es reicht, die Steine zu entfernen? Zur Sicherheit werde ich sie mit einem Zauber belegen. Danach werde ich diese Maschine auseinandernehmen. Was wohl passiert, wenn wir es einfach in Brand stecken?
Unsere Männer haben in der Zwischenzeit begonnen, die persönlichen Gegenstände der Toten zu durchsuchen. Die leblosen Körper unserer Feinde rollen sie dabei einfach nur zur Seite. Ich erschaure. Der Anblick der Leichenberge verursacht bei mir Übelkeit. Dennoch kann ich meine Augen nicht abwenden. So viele Leben ausgelöscht, nur weil jemand unser Land überfallen wollte. Ja, vielleicht sind einige dieser Wesen aus Magie erschaffen worden. Dennoch haben sie geatmet und gelebt. Diese Soldaten waren menschlich.
Was haben sich unsere Feinde erhofft, als sie hierhergekommen sind? Diese Frage hat mich von Anfang an beschäftigt. Jetzt, da ich ihre Lebensumstände kenne, nehme ich an, sie wollen unseren Kontinent für sich beanspruchen. Ihre Heimat scheint kein angenehmer Lebensort zu sein. Vermutlich erhoffen sie sich von hier fruchtbaren Boden, milderes Wetter, bessere Umweltbedingungen. Wären sie tatsächlich bereit, uns alle dafür auszulöschen?
Einer unserer Soldaten hebt einen gegnerischen Krieger hoch, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Der Mann auf dem Boden gibt einen Schmerzenslaut von sich. Wut verzerrt das Gesicht meines Landsmannes. Er greift nach seinem Schwert, um dem Feind den Todesstoß zu versetzen.
»Stopp!«, schreie ich aufgeregt. »Haltet ein! Lasst ihn am Leben.« Ich laufe los, um das Schlimmste zu verhindern.