Книга Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater читать онлайн бесплатно, автор Florian Heyden – Fictionbook, cтраница 3
Florian Heyden Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater
Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater
Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater

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Florian Heyden Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater

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Immerhin kehrt Walter zur Arbeit zurück. Er arbeitet wieder als Tischler bei Gustav Heinrich, doch auch diese Stelle hält ihn nicht lange. Walter ist rastlos. Die Partei ist ihm wichtiger.

Jetzt zieht die Armee auch Liebknecht ein. Bis auf sein Auftreten im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus ist ihm damit als Militär jede politische Arbeit verboten. Trotzdem bleibt er die Leitfigur der Friedensbewegung. Im März verbreiten die Jugendlichen, die sich jetzt „Gruppe Liebknecht“ nennen, als Reaktion auf Liebknechts Aushebung ein Flugblatt mit dessen Rede im Preußischen Landtag in größerer Auflage.

Die Partei sieht Walter als Unruhestifter. Um ihn auszuschalten, denunziert die Bezirksleitung unter Lipinski ihn wie schon angedroht bei der Reichswehr als Kriegsgegner. Kurz darauf zieht das Heer ihn im Mai zum Kriegsdienst ein. Zum Abschied schenkt er seiner Freundin Martha den Band „Lebensfreude, Sprüche und Gedichte“ mit der Widmung „Vorwärts sehen, vorwärts streben, keinen Raum der Schwäche geben, Schönem und Edlem allzeit hold! Wahlspruch – Meiner Freundin – Frühjahr 1915 – Walter“75.

Nach einer kurzen Ausbildung in der Prinz Johann Georg Kaserne in Gohlis und auf dem Übungsgelände in Lindenthal kommt Walter als Handwerker beim Wagenbau zur Fuhrpark-Kolonne im Trainbataillon 19. Der Gefreite dient vier Jahre im Königlich Sächsischen 8. Infanterie-Regiment Prinz Johann Georg Nr. 107 in Galizien und Polen, dann in Serbien und Mazedonien. Beim Militär ist er als „Roter“ bekannt. Sein Dienst wirkt auf ihn wie ein Strafbataillon: Es ist ihm „zeitweilig beinahe unmöglich, mit den Kameraden ein auch nur einigermaßen vernünftiges Wort zu reden“76.

Zu Ostern 1916 versammeln sich die oppositionellen SPD-Jungfunktionäre im Vegetarischen Speisehaus „Academia“ in Jena. Die Konferenz findet wegen des Belagerungszustands unter schwierigen Bedingungen statt. Allen Teilnehmern droht für ihre Teilnahme an der Konferenz Haft, Gefängnis, Schutzhaft und Einberufung zum Heer. Zur Tarnung ist die Zusammenkunft als Treffen der Naturfreunde angemeldet. Die Leipziger Delegierten schicken Walter in Briefen Bruchstücke von den Ergebnissen der Konferenz an die Front. Walter deutet in seiner Antwort an, dass er „draußen“ weiterlernt. Auch der Kontakt zur Schweizer sozialistischen Jugend, die er noch von seiner Wanderschaft kennt, besteht weiter. Aus Basel bittet Jacob Herzog die Familie um Neuigkeiten von Walter, da er von ihm keine Nachricht mehr habe und ihm seine Adresse unbekannt sei. Er bittet, ihm nach Erhalt der Karte eine Nachricht zu senden und ihm „die Bücher“ per Post zu schicken.77 Die Regierung ist über die Opposition im Bilde. Im Sommer gibt das Kriegsministerium den Befehl, Aktivisten wie die Familie Ulbricht mundtot zu machen, einzuziehen oder zu verhaften. Auch der Parteivorstand und die Gewerkschaften sind Aktivisten wie Walter feindlich gesonnen.

Auf die Flugblätter reagieren sie unverhohlen: „In anonymen Flugblättern […] wird versucht, Hass und Misstrauen gegen die von den Arbeitern selbst gewählten Vertrauensleute zu säen. […] Es wird der Vorwurf erhoben, dass sie die sozialistischen Grundsätze preisgeben, die Beschlüsse deutscher Parteitage und internationaler Kongresse missachten.“78 Die Parteibürokratie versucht alles, um die Opposition mundtot zu machen. In einem geheimen Rundschreiben an die Leipziger Ortsvereine wird das Auftreten der Jungfunktionäre verurteilt. Genossen wie Willi Langrock, Wolff, Lungwitz und Alwin Herre werden verhaftet und zu Gefängnis verurteilt. Der Kriegsdienst schützt Walter vorerst vor der Haft.

Es gärt in Deutschland. Nach Reformversprechen des Kaisers streiken im April 1917 allein in Berlin 300 000 Menschen79. Auch in Leipzig kommt es zu Streiks, als die Regierung erneut die Brotrationen kürzt. Die Forderu­ngen werden zunehmend politisch. Die Demonstranten verlangen Reformen und Friedensverhandlungen. Als Reaktion greift das Militär hart durch, Betriebe werden besetzt und Streikende an die Front geschickt.

Familie Ulbricht gelingt es, trotz allem feinsinnig zu bleiben. Schwester Hildegard schreibt frei nach Heine zur Maifeier: „Die großen Birnbäume im Garten sind von weißen Blüten schon überschüttet, der die Luft angenehm mit seinem Duft erfüllt. Die kleinen Spatzen können sich gar nicht von den schönen Blüten trennen, sie scheinen […] sehr gut zu schmecken. […] Im Walde ist herrliches Vogelkonzert, dass ein Kuckuck durch seinen unaufhörlichen Ruf noch lebendiger und reizvoller gestaltet. – So wandelten wir […] in Freude – und erwartungsedler Stimmung auf weichen Pfaden unter dem schattigen Laubzelt des Waldes nach Markkleeberg […] auf [die] Frühlingsfeier. Am Abend wanderten wir […] mit fröhlichem Sang durch den dunklen Wald. Über uns funkelten am klarblauen Himmel die kleinen freudigen Sternenkinder wie Diamanten. Und zur Linken floss träge das lehmbraune Wasser der Pleiße. […] In der Woche nach Pfingsten wird endlich mein Bruder hier sein. Meine Freude ist ganz unbeschreiblich.“80

Walters Fronturlaub bleibt kurz, aber er nutzt ihn. Nach seiner Rückkehr an die Front bedankt sich Jacob Herzog aus Zürich bei ihm für dessen Karte, „welche jedoch von der Zensur stark verstümmelt worden sei“. Der Schweizer meint, dass auch seine Ferien bald zu Ende gingen und er selber für das „Vaterland“ wirken müsse.81

Im Juli findet die Reichskonferenz der revolutionären Jugend in Halle statt.82 Walter ist an der Front. Er scheint müde, aber nicht resigniert. Die Genossen um Herzog und Münzenberg versorgen ihn aus Zürich mit Flugblättern. In Mazedonien finden Soldaten in seiner Feldpost Flugblätter. Er hat Glück, das Feldgericht kann ihm nichts nachweisen und es bleibt beim Strafexerzieren. Nun bitten die Behörden um vorsichtige Ermittlungen über die Familie.83 Die Militärzensur fängt eine kriegsmüde Karte aus Mazedonien ab: „Der Geist des preußischen Militarismus verdirbt systematisch den Charakter. Unter diesem System in seiner extremsten Form hause ich jetzt. Was hier an Menschenschinderei geleistet wird, ist unglaublich. Alle Romantik in der Welt des Kismets geht dabei zum Teufel. Habe jetzt zu Homers Werken Zuflucht genommen, die Brust voll Hoffnung auf bessere Zeiten.“84

Per Schreibmaschine notiert der Zensor das gekrakelte Wort für die Akte: „Kismet – im Islam das dem Menschen vermeintlich zugeteilte unabwendbare Schicksal.“

Als die Zensur andere Flugblätter und Briefe abfängt, verhängt die Polizei eine Postkontrolle über die Familie.85 Sie sei dringend verdächtig, aus der Schweiz „revolutionäre Flugschriften nach Deutschland zu schmuggeln. [An die] Familie Ulbricht in Leipzig […] sind bereits mit Kenntnis der hiesigen Dienststelle Flugschriften abgegangen mit dem Titel: ‚Kameraden an der Front! Genossen in Uniform!‘ in denen zum Sturz des ‚Berliner Zaren‘ nach Petersburger Beispiel aufgefordert wird. Neuerdings ist auch mit hiesigem Einverständnis ein Brief an Erich Ulbricht […], in dem unsere innenpolitischen Umstände aufs Schärfste im revolutionären Sinne angegriffen werden, befördert worden“86.

Im Oktober 1917 erkrankt Walter in Mazedonien an Malaria und kommt in Skopje ins Lazarett. Zu Silvester ist er auf Heimaturlaub und feiert mit seiner Mutter bei Freunden in Leipzig Neujahr.87 Die Eltern sind in das Naundörfchen 26 umgezogen, er lernt die neue Wohnung der Familie kennen. Hinter der Hauptfeuerwache am Fleischerplatz stehen meist eingeschossige, dicht aneinandergereihte Häuser, viele mit Fachwerk. Es ist eine Arme-Leute-Gegend.

Die freie Zeit nutzt er, um sich mit der Leipziger Liebknechtgruppe, jetzt Spartakusgruppe genannt, zu treffen, und tritt der sozialistischen USPD bei, die sich als Folge des Streits über die Kriegsfrage von der SPD abgespalten hat. Die Entscheidung ist nicht opportunistisch. Allein seine Mitgliedschaft in USPD und Spartakusgruppe ist Hochverrat. Wer sich engagiert, hat anderes im Blick als ein bürgerliches Dasein. Der SPD-Parteivorstand weist seine Vorstände an, Verhafteten keinen Schutz oder Hilfe zu gewähren.

Verfolgt und von SPD und Gewerkschaften denunziert, muss Walter vorsichtig sein.88 Er weiß, dass er mit Ausgrenzung, Ächtung und Haft rechnen muss. Auch seine Ermordung gehört zu seinen Perspektiven.

In Russland kommt es am 7. November 1917 zum Sturz der provisorischen Regierung durch die kommunistischen Bolschewiki unter Lenin und Trotzki. Bereits drei Wochen später schlägt Trotzki einen Waffenstillstand vor, um die revolutionäre Macht im kriegsmüden Russland zu stabilisieren. Als sich die Unterhändler in Brest-Litowsk treffen, versuchen die Bolschewiken, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, Zeit zu gewinnen und Stimmung für ihre Revolution zu machen. Was die Aussichten für einen Umsturz durch die deutschen Sozialisten betrifft, ist Moskau aber realistisch. „Als revolutionäre Partei sind die Unabhängigen (USPD) völlig hoffnungslos und untauglich. […] Die Spartakusleute fürchten Verhaftungen, sind hauptsächlich jung, […] sie können nur unter Anleitung arbeiten […], und sie bilden sich ein, dass wenn sie alle Schaltjahre einmal einen Proklamationswisch herausbringen […], dass dies sogar schon ein Übermaß revolutionärer Umtriebe sei.“89

Zurück in Skopje wird Walter aus dem Feldlazarett entlassen und schreibt im Januar 1918 seiner Familie aus Mazedonien. Am 3. März 1918 unterzeichnet die Oberste Heeresleitung in Brest-Litowsk einen harten Friedensvertrag mit Sowjetrussland. Es scheint, als könne Deutschland den Krieg noch gewinnen, sollte die Reichswehr vor dem Eintreffen der Amerikaner einen Durchbruch im Westen erreichen. Um das Ruder noch herumzureißen, beginnt jetzt die deutsche Frühjahrsoffensive im Westen. Auch Walter kommt zur Infanterie an die Westfront. Die Stimmung unter den Soldaten im Zug ist schlecht. Die ersten unter ihnen desertieren schon in Ungarn. In Böhmen kommt es zur Meuterei. Auf einem Halt beschweren sich die Soldaten über schlechtes Essen und schütten ihre Rationen auf den Bahnsteig.

Die Soldaten weigern sich, wieder einzusteigen, bevor es nicht anständiges Essen gibt. Erst als sie Wurst bekommen, kann der Zug weiterfahren. Kurz vor Leipzig desertiert Walter und springt aus dem fahrenden Zug ab. Bis Köln verschwindet die Hälfte des Transports. In Leipzig angekommen, trifft sich Walter mit seinen Freunden von der Spartakusgruppe sowie dem Leipziger USPD-Vorsitzenden und Chefredakteur der Leip­­ziger Volkszeitung Friedrich Seger. Er hört auf dem SPD-Sekretariat von den Gefahren der Desertion und erhält den Rat, zur Truppe zurückzukehren. Nach zwei Wochen meldet er sich als „von der Truppe abgekommen“ bei den Behörden. Vom Militärgericht erhält er darauf drei Monate Gefängnis.

Ungeachtet aller Hoffnungen erlahmt die Offensive im Westen schnell. Die Initiative geht endgültig auf die Entente über, die Niederlage ist besiegelt. Die Moral sinkt auf den Nullpunkt, da das Unternehmen als letzte Anstrengung vor dem Sieg verkauft worden ist.

Die Armee ist jetzt kaum mehr zur Defensive fähig. Die Oberste Heeresleitung wirft die letzten Kräfte an die Front, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Auch Walter wird nach vier Wochen Haft nach Belgien eskortiert. Dort drillt ihn die Infanterie auf verschiedenen Übungsplätzen und schickt ihn direkt an die Front. Unterwegs desertiert er, aber die Militärpolizei greift ihn – mit Flugblättern im Gepäck – auf. Wegen Entfernung von der Truppe wandert er in Charleroi zurück in den Arrest. Zu einer Anklage kommt es aber nicht mehr.

Als die Nachricht vom Kieler Matrosenaufstand an der Front eintrifft, flieht er heimlich aus dem provisorischen Gefängnis. Seine Einheit wählt einen Soldatenrat und löst sich auf. Mit einem Transportzug fährt Walter durch die Ardennen bis nach Frankfurt und von dort auf dem Tender einer Lokomotive nach Leipzig.90

Revolutionär

Der Kaiser hat abgedankt, die Republik ist ausgerufen, doch für viele ändert sich wenig an Armut und Misere. Lebensmittel, Rohstoffe und Heizmaterial sind knapp, Deutschland ist ruiniert. Der Krieg hat Millionen Verwundete und Tote gefordert. Jetzt heißt es wählen – bürgerliche Republik oder Sowjetdeutschland.

Schon am 3. November 1918 bildet sich auch in Leipzig ein Arbeiterrat, drei Tage darauf ein Soldatenrat. Die Revolution breitet sich jetzt über ganz Sachsen aus, knapp 500 Soldaten ziehen mit einer aus einem Tischtuch improvisierten roten Fahne zum Volkshaus und ziehen sie auf. Der Bürgermeister befürchtet, die Revolutionäre wollten das neue Rathaus stürmen, und wendet sich ohne Erfolg an die Leipziger Militärkommandantur mit der Bitte um Hilfe. Der Kommandant meint per Telefon, er sei selber machtlos.

Als Walter in Leipzig ankommt, ist die Stadt längst komplett in der Hand der Revolutionäre. Mitglieder des Spartakusbunds besetzen die Propaganda- und Pressestelle des Generalkommandos. Mit dem Waffenstillstand treffen jetzt auch die Leipziger Truppen zurück in der Garnison ein. Zur Begrüßung der heimkehrenden Soldaten steht Leipzig im Flaggenschmuck. Höhepunkt ist der Empfang der Reste des Infanterie-Regiments 106 auf dem Marktplatz. Beim Einzug „überwiegen die sogenannten nationalen Farben, immerhin sind die roten Fahnen nicht selten“91. Nur ein kleiner Teil der Truppe demobilisiert in den Kasernen, die meisten in Schulen und Quartieren im Umland. Die Heeresleitung will um jeden Preis verhindern, dass Revolutionäre wie Walter mit den Soldaten in Kontakt kommen oder die Bildung der vorläufigen Reichswehr behindern.

Walter behält seine Uniform vorerst weiter an und bleibt faktisch Soldat. Nach seiner Ankunft arbeitet er als Tischler bei Heinrich Gündel.92 Fast täglich sitzt er mit anderen Jungrevolutionären zusammen und bespricht, was zu tun ist. Bereits eine Woche später beginnt er im Arbeiter- und Soldatenrat in der Propaganda unter Soldaten und in Lazaretten zu arbeiten. Als USPD-Referent spricht er in Zeitz, Borna und in der Leipziger Umgebung.93 Er agitiert in Kriegsgefangenenlagern im Umland, um die Insassen für die Bolschewiken zu gewinnen. Wegen seiner Sowjetpropaganda vermittelt die USPD ihn am Ende kaum noch. Schon am 14. Dezember 1918 veröffentlicht der Spartakusbund sein Programm, in dem er fordert, politische Gefangene freizulassen, Banken zu enteignen und die Einzelstaaten sowie Dynastien abzuschaffen.

Damit ist der Bruch mit SPD und USPD vollzogen. Walter liest Lenins gerade erst illegal auf Deutsch erschienenes Buch Staat und Revolution, das er über Genossen in die Hände bekommen hat.94 Eine gewalttätige Revolution müsse den bürgerlichen Staat zerschlagen, bevor das Proletariat die Macht erobern könne. Damit widerspricht Lenin den „revolutionären Spießbürgern“ der SPD und USPD, die „der Revolution […] mit dem Mundwerk bei einem Krug Bier frönen“95. Walter entscheidet sich für die sozialistische Republik.

Am 30. Dezember 1918 gründet der Spartakusbund die Kommunistische Partei Deutschlands. Noch ist die KPD bedeutungslos und organisatorisch hoffnungslos unterlegen. Auch in Leipzig, wo der sächsische Ableger der KPD am 4. Januar 1919 gegründet wird, bleibt die Partei klein und hat kaum Einfluss. Walter schließt sich mit seiner Freundin Martha der Partei an und wird kurzerhand in die Leitung gewählt. Er arbeitet mühselig bis zur totalen Erschöpfung.

Zur gleichen Zeit kommt es in Berlin zu Kämpfen zwischen Linken und Regierungstruppen, nachdem Friedrich Ebert den Berliner Polizeipräsidenten, der das Vertrauen der Linken besitzt, abgesetzt hat. Die Unruhen führen zum Generalstreik, Militär und Freikorps rücken brutal gegen die Aufständischen vor und besetzen Berlin. Auch wenn die KPD nicht für die Kämpfe verantwortlich ist, müssen alle Spartakisten jetzt um ihr Leben fürchten. Wenige Tage nach dem Ende der Kämpfe erschießen Freikorpssoldaten die Parteiführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ihr Begräbnis in Berlin-Friedrichsfelde wird zur Demonstration von USPD und KPD. Auch Walter reist für die Leipziger KPD zu dem Begräbnis nach Berlin.

Wieder in Leipzig mietet die neue Partei am Johannisplatz einen preiswerten, kleinen Raum. Kisten werden zu Tischen und Stühlen umfunktioniert. Die Gruppe stellt eine alte Schreibmaschine in Dienst. Allmählich nimmt die Partei Gestalt an.96 Bei der Wahl der Leipziger Stadtverordneten fehlt Walter nicht. Sein einfacher Status zeigt sich an seinem Listenplatz als Zwölfter. Ein Mandat erhält er nicht.

Noch will niemand in Leipzig für die Spartakisten Flugblätter drucken, es ist kein Geld dafür da. Aber Walter nutzt die Gunst der Stunde, als er mit Willi Langrock auf dem Weg vom Messplatz zum Volkshaus zufällig sieht, wie Demonstranten die Druckerei der Leipziger Neuesten Nachrichten besetzen, nachdem sie die Tür mit einem Kohlewagen eingerammt haben.97 Die beiden erklären, dass sie die Druckerei zum Herstellen eines Flugblatts brauchen. Drucker und Setzer finden sich, nach einer Stunde schon verteilt die Gruppe das Flugblatt. Matrosen, welche die Besetzer verhaften sollen, verbrüdern sich und lassen die Gruppe gewähren.

Am 2. Februar 1919 wird die Volkskammer der Republik Sachsen gewählt. Die SPD wird stärkste Partei, gemeinsam mit USPD und KPD erreichen die Arbeiterparteien 58 %. Es wird eine kurze Verschnaufpause bleiben. Walter nimmt auch an USPD-Versammlungen des Arbeiter- und Soldatenrats teil. Die Positionen der Parteien sind fließend, Walter propagiert die Räte-, die Sowjetmacht. Genauso ist er Teil der Leipziger Delegation auf der 2. Reichskonferenz der Freien Sozialistischen Jugend in der Kunstgewerbeschule in Berlin. Die Konferenz bekennt sich zur sozialistischen Republik, zur KPD und positioniert sich „gegen die bürgerliche Demokratie […], für die Diktatur des Proletariats“. Aber „die Selbstständigkeit der Jugendbewegung ist unbedingt notwendig […]. Einen organisatorischen Einfluss der Kommunistischen Partei und ihrer Organe auf die Jugendbewegung lehnt die Freie Sozialistische Jugend […] ab“98. Genauso lehnen die Delegierten es vorerst auch ab, sich „Kommunistische Jugend“ zu nennen.

Zum Abschluss hat die Berliner Delegation eine Feier für die Revolutionsopfer in der Singakademie vorbereitet. Nach einer „spartakistischen“ Rede kommt es zum Eklat, als die Pianisten sich weigern, für die Gruppe zu spielen. Anstelle von Tschaikowskis Klaviertrio gibt es aus dem Stegreif revolutionäre Gedichte und die Internationale.99

Kaum einen Tag nach Walters Rückkehr nach Leipzig überschlagen sich die Ereignisse. In der Stadt bricht der Generalstreik aus, in Bayern wird die Räterepublik ausgerufen. Knapp 40 000 Arbeiter stimmen in Leipzig für, 5320 gegen Streik, auch die Eisenbahner, Gas- und Elektrizitätswerke stimmen dafür100. Telegraf und Telefon sind gestört. Für den Vorsitzenden des Leipziger Arbeiterrats ist die Wahl ein Mandat zur Revolution. Laut der „Roten Fahne“ ist bereits „eine Deputation der A- und S-Räte […] bei der Regierung in Dresden vorstellig geworden und hat sie zum Rücktritt aufgefordert“101. Zwar verwirft die KPD den Plan insgeheim als inkompetent und umstürzlerisch, unterstützt ihn aber öffentlich.

Nachdem die Leipziger Bürgerschaft zum Gegenstreik übergeht und Einwohnerwehren bildet, versucht die Streikleitung, ihre Ziele noch einmal zu erzwingen. Streikende besetzen die Bahnhöfe der Stadt. Revolutionäre verhaften den Amtshauptmann, stellen den Direktor der Reichsbankfiliale unter Hausarrest und ertrotzen Gelder, um Löhne und Krankengeld weiterzuzahlen. „Die bürgerlichen Zeitungen dürfen in Leipzig nicht erscheinen, nur die Leipziger Volkszeitung kommt heraus.“102 Die Revolutionäre merken nicht, dass sie die Macht längst wieder verloren haben. Die Arbeitgeber stellen die Lohnfortzahlung ein, entlassen alle Streikenden und melden sie bei der Ortskrankenkasse ab. Freikorps entwaffnen die Arbeiter und werben Denunzianten. Als Demonstranten in Dresden den sächsischen Kriegsminister Neuring lynchen, verhängt die Regierung den Belagerungszustand.

Damit setzt sie die Versammlungs- und Pressefreiheit außer Kraft und verbietet die „Rote Fahne“. Das Militär besetzt die Stadt, um endgültig Ruhe schaffen: „Haussuchungen und Verhaftungen können […] zu jeder Zeit vorgenommen werden. […] Es ist verboten […] zu Streiks aufzufordern […]. Alle Versammlungen unter freiem Himmel sind verboten.“103 In Anbetracht der aussichtslosen Lage lenkt die Streikleitung ein und will verhandeln. Die Arbeiter fordern jetzt einzig, dass Großunternehmen Betriebsräte einsetzen. Doch die Arbeitgeber sind nicht zu den geringsten Konzessionen bereit. Damit ist der Streik am Ende.104 Anders als viele andere Streiks im Reich verläuft der Streik in Leipzig zwar friedlich, letztlich aber genauso erfolglos. Die Revolution ist in Leipzig zu Ende. Jetzt wird auch Walter demobilisiert und aus der Armee entlassen.105 Er hat damit weder Sold noch Krankenversicherung. Als lokaler KPD-Funktionär leitet er zwar unter jüngeren Arbeitern und Lehrlingen Versammlungen und betreibt Agitation,106 aber um zu überleben, muss er neben der ehrenamtlichen Parteiarbeit außerdem noch in einer kleinen Werkstatt in der Dresdner Straße als Tischler arbeiten. Als sein Meister ihm als gesuchtem Kommunisten bald wieder kündigt, folgt Walter dem Beispiel seiner Mutter und schlägt sich mit einem Tafelwagen mehr schlecht als recht als Markthelfer in der Jacobsgasse durch. In seinem Ausweis steht unter Beruf jetzt „Tischler und Markthelfer“.

Die Leipziger Polizei entfernt schließlich die revolutionären roten Armbinden von ihren Uniformen. Die Revolution ist vorbei. Drei Tage später treffen sich Leipzigs sozialistische Jugendorganisationen „aufgrund der bestehenden Verhältnisse“ im Volkshaus, um eine bessere Zusammenarbeit und Führung zu besprechen.107 Die Jugendlichen haben allen Grund zur Sorge. Aufgrund des Belagerungszustands marschiert die Reichswehr unter General Maercker mit 15 000 Soldaten auf Leipzig zu. Gegen Walter liegt ein Haftbefehl vor. Vorerst entgeht er der Festnahme durch Glück und Kaltblütigkeit. Noch am selben Tag druckt die Leipziger KPD ein Flugblatt, in dem es die Arbeiter auffordert, Maercker an der Grenze Sachsens „zu empfangen“ und den Weg nach Leipzig zu verstellen.

Walter arbeitet weiter unbezahlt in der Propaganda und spricht auf Versammlungen. Der KPD-Versandraum ist in einem Pferdestall in einem Hinterhof. Der Besitzer der Sattlerei im Vorderhaus sympathisiert und lässt die Gruppe durch sein Geschäft ein- und ausgehen.108 Walter erweist sich als Organisationstalent. Die Sittenpolizei verdächtigt ihn wegen seiner Kontakte mit Prostituierten, ein Zuhälter zu sein. Was sie nicht wissen, ist, dass er unter den Frauen ein Netzwerk aufbaut, um Maerckers Truppen auszuhorchen. So ist er über die Pläne der Reichswehr im Bilde.

Aber das Landjägerkorps lernt auch schnell und schreibt, dass Walter „in letzter Zeit auffallend viel mit der Telephonistin Käte Reif im Café Astoria [verkehrt]. Höchstwahrscheinlich, weil er von diesen abgehörten Militärgesprächen erfährt. [Er] geht jetzt stets in Zivil, während er vor dem Einrücken der Regierungstruppen nur Uniform trug. Überwachung der genannten Personen, auch durch Kriminalbeamte ist erforderlich. Bei besonderen Feststellungen sofort Meldung an Jägerstab“109. Tatsächlich tut die Armee alles, um ihn zu erwischen. Selbst vor der Wohnung der Familie Ulbricht fährt eine Reichswehrabteilung mit Maschinengewehr auf, um ihn zu verhaften. Weil Leipzig zu gefährlich wird, reist Walter für die Partei nach Flensburg. Hier hat die Revolution nur wenig Echo gefunden. Eine KPD-Gruppe gründet sich erst kurz vor Walters Ankunft. Es mangelt an Kadern, ein Organisationstalent wie Walter wird dringend gebraucht. Zwei Wochen später veröffentlicht das Standgericht I in Leipzig einen weiteren Haftbefehl gegen ihn. Obwohl die Polizei sogar Walters Vater verhaftet und verhört, kommen die Ermittlungen nicht voran.

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