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Florian Heyden Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater
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Sein Gesellenstück ist eine Kücheneinheit. Der Tisch hat sich wacklig und gerichtet in der Familie erhalten, der Rest in Leipzig. Walter will ein guter Tischler sein, er ist dankbar: „Nicht nur der Meister, sondern auch die älteren Lehrlinge haben uns Lehrlingen geholfen, etwas Tüchtiges zu werden.“41 Mit dem Ende seiner Lehre verabschiedet sich Walter ab dem 5. Mai zusammen mit Otto Heyden nach altem Brauch zur Wanderschaft. Nachmittags sind Otto und Walter noch bei Alfred für eine einfache und kleine Abschiedsfeier, „wie es sich für […] Proletarier geziemte“. „Dann Abendbrot gegessen, Rucksack gepackt, noch ein bisschen […] geschlafen und […] es geht hinaus in die fremde Ferne.“ Walter Vater bringt die Jungen bis zum Dresdner Bahnhof.42 Über Riesa geht es zu zweit zunächst nach Dresden. Von hier geht es am 9. Mai weiter „über Riesa mit der Bahn nach Dresden. In Riesa imponiert die ‚Pferdeelektrische‘ ganz gewaltig“.
In Dresden ist eine Herberge schnell gesucht, das Gepäck abgegeben, und hinaus ins Freie. Zunächst der Zwinger. Sehen tun die beiden nicht viel, außer dass „der Bau ein Rechteck ist mit [Blöcken] in Sandstein“. Die Stadt imponiert mit ihren Barockbauten, der Gemäldegalerie im Zwinger, dem Elbstrom und Wanzenballade im Gewerkschaftshaus. Am Ausstellungsplatz angekommen, wispert den beiden jemand in der Menge zu: „Der König kommt!“ Nach einer Weile „erschienen fremde Gesandte Japaner u. Chinesen, werden gebührend bestaunt“. Ein Nebenstehender meint „sehnse nich den da oben in dem grünen Überzieher?“ „Schon, was ist es denn für ein Tierchen?“ „August!“ meint der Mann neben den Jugendlichen stolz. Plötzlich kommen Gendarmen, treiben die Neugierigen zurück und halten den Verkehr an. Doch es ist nichts, August geruhte „die geduldigen Patrioten zu veralbern“. Er geht zurück, der abgesperrte Verkehr kann passieren. So geht es noch zwei Mal. Der Wachtmeister schwitzt bis unters Kinn und schimpft. Der König kommt schließlich herausgefahren, grüßt und ist verschwunden. Die Belohnung für zwei Stunden Warten. „Ein Lächeln zu erhaschen ist ja schon soviel.“ Im Großen Garten isst die Gruppe ihr Mittag und gibt sich dem Betrachten des Gartens hin: „Die Augusts, Johannen und wie sie sich […] schimpfen mögen, haben es verstanden das Volk bis aufs letzte auszubeuten, aber um ihre Maitressen zu befriedigen, haben sie alles getan, und mit entschiedenem Geschmack.“
„Anschließend wird ausgiebig […] das Elbsandsteingebirge durchwandert und von Herrnskreschen mit dem Schiff die Grenze nach Österreich ,überfahren‘. Die Jungen Grübeln. Neben „dem Kuhstall […] liegen wir und schauen in die Wolken […] Mein Herz schweige doch, schrei nicht so laut, befriedigt wirst du nicht werden ich bin ja nur ein Prolete, nur ein dreckiger Handwerksbursche und will ich doch die Welt besitzen! Nur Mühe und Arbeit hat sie für uns, […] solange müssen wir […] freudlos über den Boden der Erde gehen. Es ist eine traurige Zeit“.
Anschließend am Südrand des Erzgebirges entlang über Teplitz, Dux, Brüx nach Karlsbad. Karlsbad ist kein angenehmer Ort für Handwerksburschen. In Elnbogen, einem alten, malerischen Ort an der Egerschleife wartet noch heute der Herbergswirt auf 70 Heller […]. Über Eger ins Fichtelgebirge. Herunter nach Marktredwitz, Nürnberg. Der Leiter im Jugendbildungsverein Leipzig hat ihnen eingeschärft, auf jeden Fall das Germanische Museum zu besuchen. Zwei Mark Eintritt ist allerhand für die Kasse. Zum Direktor. Nach kurzem Verhör bekommen sie eine Freikarte und können die Kontrolle passieren. Über Ingolstadt nach München. Im Hofbräuhaus trinken sie tapfer eine Maß und schwanken hinaus zur Bavaria, um die südlich im Abendlicht grüßende Alpenkette zu bewundern. Gesprochen wird nicht viel. Die Jungen sitzen staunend mit lahmen Waden auf den Stufen und freuen sich über die fernen Schneehäupter. Die nächste Station ist Starnberg. In dem kleinen Ort Weilheim machen sie ausnahmsweise in einem Gasthaus Nachmittagsrast, weil es draußen heiß ist. Als sie zahlen wollen, hat ein älterer Herr im Voraus ihre Zeche beglichen. Hat er an seine jungen Jahre gedacht? Anderntags trennen sie sich. Walter fängt in Peißenberg als Bautischler an. Ganze zwölf Tage hat er es ausgehalten, bevor er in Garmisch aufkreuzt. Am Abend, Otto ist gerade zu Bett, hat an Walter gedacht, steht dieser bei ihm vor der Tür. Jetzt hat er in Garmisch Arbeit. Die beiden wollen hier arbeiten und gemeinsam ihre Tour fortzusetzen.
Gearbeitet wird, wo sich Stellen bieten. In Garmisch treten Walter und Otto eine Arbeit an und feiern Wiedersehen mit Alfred, der einen anderen Weg genommen hat. Die Feier wird lang, die drei gehen am Samstag spät zu Bett. Im Glauben, es sei Montagmorgen, tritt die Gruppe am Sonntagnachmittag unter dem Gelächter der Spaziergänger den Weg zur Arbeit an.43 Nach einer Woche wandern die drei weiter: Diese Zeit ist schön. Jeden Sonn- und Feiertag auf die Berge! Unvergesslich, unvergesslich ist ein Aufstieg auf den Krottenkopf zum Sonnenaufgang unter Führung Garmischer Naturfreunde.44 Pünktlich 5 vor 10 Uhr sind die beiden am Treffpunkt. Die Naturfreunde nicht. Warten bis halb elf. Es will sich niemand sehen lassen. Endlich um 11 Uhr haben die Jungen einen aufgegabelt. Es wird halb Mitternacht. Nach Partenkirchen. Um Mitternacht gehen sie auf St. Anton. Sie sind froh, überhaupt jemand erwischt zu haben, der mit ihnen geht. Sie gehen in die dunkle Nacht hinaus, einem unbekannten Ziele zu. Eine Laterne wird angezündet. Über ihnen funkelt der klare Nachthimmel. Im Tal leuchten die Lichter von Garmisch und in der Ferne liegt eine dunstig kohlschwarze Masse, die Berge. Nach der Wanderung legen sich die Jungen um 2 Uhr nachmittags schlafen, um halb sechs abends aufzuwachen. Sie meinen es sei 6 Uhr morgens. Um eine Erfahrung reicher, bleibt Otto misstrauisch und geht, um sich zu überzeugen. Auf der Straße trifft er Walter, der mit dem Leimtopf in furchtbarer Hast auf die Arbeit rennt – am Sonntag.
Die beiden gehen Klettern. Otto fasst einen Steinvorsprung, um sich hinaufzuschwingen, aber wie er ihn fasst, fällt er herunter, ein zweiter stürzt hinterher. Er ruft nach unten „Walter duck dich aber schnaks! Geh auf die Seite!“ Von unten ruft Walter: „Was hast denn Du?“ „Gottverdammich ich kann sie kaum halten!“ Kaum ist Walter außer Schussweite, stürzen die Steine an ihm vorbei: „Wie wäre es geworden, wenn ich nicht fest gewesen wäre? Gewiss nicht gut für alle beide“, meint Otto.45 Walter hat genügend zu tun, um den Gesteinen Steinen aus dem Wege zu gehen. Die beiden werden vorsichtiger.
„Höllentalklamm, Wachenstein, Kramer und Loisachtal, Eibsee und all die anderen Perlen einer herrlichen Landschaft, gesehen mit jungen, schönheitsdurstigen Augen, ein Erleben, nicht durchreist, sondern erarbeitet, erwandert. Ein achtzehnjähriger Mensch kennt noch nicht die ganze Härte des Lebens. Ihm steht noch viel Sonne im Augenwinkel, und genügend Muskelspannung ist da, um heranzuholen, was nur irgend möglich ist. Große Pläne werden geschmiedet. In Turin ist die Weltausstellung. Wenn wir nicht von Venedig aus nach Ägypten können, dann über die oberitalienischen Seen nach Mailand und Turin.“ „Venedig, Gardasee, Mailand. Wenn dann noch das Nötige vorhanden ist, geht’s von hier nach Turin, in die Ausstellung, und sollten wir dann noch nicht den Mut verlohren [sic] haben, an die Riviera.“46
Über Mittenwald zieht die Gruppe nach Innsbruck weiter. „In Scharnitz Passkontrolle, Handwerksburschen werden mit besonderer Liebe beaugscheinigt. Doch unsere Papiere sind klar, und der vorschriftsmäßige Reisegroschen ist auch da“47. Doch die drei müssen sich trennen, da Alfred als Ausgehobener zum Militär keine Ausreiseerlaubnis hat. Ziel ist der Brenner. Dann wird der Jaufenpass überstiegen. Gestern noch im Norden, heute im Lande des Weines und südlicher Flora. Ein fast zu schroffer Übergang. Meran. Durchs breite, weinfröhliche Etschtal nach Bozen, zum Denkmal Walthers von der Vogelweide, und nun durchs romantische Eggental auf den Karerpass mit den beiderseitig bizarren Dolomitenbergen. Über Cavalese zurück ins Etschtal und nach Trient. In Trient wird Reisegeld vom Österreichischen Metallarbeiterverband48 abgehoben und die Kasse saniert. Über Pergine ins Suganertal. Trotz der Gemeinsamkeiten gibt es Spannungen. Otto hat eine Aussprache mit Walter und meint, er wolle von Venedig aus nach Wien, „wenn [sich] nicht bis dahin die Schlaferei und das Fressen […] ändert. […] So schön auch die Walzerei hier sein mag […], sobald die Walzbrüder nicht richtig harmonieren, [ist] es besser, wenn jeder seiner Wege geht“49. An der italienischen Grenze werden die beiden herzhaft gefilzt und mit einem Fußtritt ins Heilige Römische Reich eingelassen. Dann Bassano und per Eisenbahn in die Poebene.
Der weite, unbegrenzte Blick über diesen gesegneten Landstrich tut gut nach dem ewig begrenzten Sehen in den Bergen. Bis Mestre war, als ob man durch einen wohlbestellten Garten fahren würde. Jetzt liegt jenseits der Lagunenbrücke Venedig vor ihnen. Ein Traum erfüllt sich. Als sie den Bahnhof verlassen, müssen sie sich auf die Bahnhofstreppe setzen, so ein verwirrendes Bild tut sich auf. Der Süden mit seinen glänzenden Farben, dem leichthin trällernden Leben, dem Stimmengewirr sich anbietender Führer, Fruchtverkäufer, randalierender Bengel, stöckelschuhbehackter tändelnder Damen und kein Wagen – wie traumhaft wirkt das alles auf den Fremdling.
„Vor dem Bahnhof der Gondelverkehr. Statt fester Straßen‚ Wasser. Nicht im kühnsten Spintisieren als Junge habe ich geglaubt, eines Tages auf der Bahnhofstreppe in Venedig zu sitzen. Jetzt sitze ich da, fest und sicher. Aber alles Staunen weicht kühler Überlegung, und wir suchen mit Hilfe der Polizisten unter Gebrauch lebhaftester Gebärdensprache das Asyl für unbemittelte Reisende. Dort angekommen, wirft man uns kurzerhand […] hinaus, mit dem Bescheid, am Abend wiederzukommen. Zwei Tage Venedig. Wie eine unvergleichliche Kulturschatzkammer, wie ein Museum ist diese schwebende, schwimmende Stadt. Nach einem fröhlichen Nachmittag im Volksbad auf dem Lido geht die Reise weiter nach Padua. Dann per pedes apostolorum nach Vicenza, Verona.“50 Aus Italien schickt Walter der Familie in Leipzig Briefe über die „herrlichen Kunstwerke“, die er mit Otto besichtigt hat.51 „Die schreckliche Hitze macht uns mürbe, und statt nach Mailand und Turin marschieren wir ins Etschtal, nach Torbole und Riva.
Der Gardasee mit seinen zwischen den Uferfelsen zerspritzenden Wellen zaubert die schönsten Farbenspiele. In Riva sollen wir, wie in fast allen besuchten Orten des größten Reiseverkehrs, ein ziemlich teures Nachtquartier beziehen. Nach mancherlei vergeblichem Suchen lassen wir uns … nach einigem Hin und Her von der Hochlöblichen Polizei auf dem Bürgermeisteramt in Schutzhaft nehmen. Doch wie elend wird uns, als man von außen die Zelle verriegelt und wir uns im Dustern auf der Holzpritsche, nur mit Hemd, Hose und Strümpfen bekleidet, zur Ruhe legen. Umso interessanter wird der Morgen. In ein wahrhaft internationales Gasthaus hat man uns gesteckt.
Erfahrene Hände haben mit philosophischen Sprüchen das Leid und die Freuden der Landstraße in bester Kundensprache an die Wände gezaubert. Die Polente kommt dabei nicht zu kurz. Es dauert lange genug, ehe geöffnet wird. Mit dem Segen, uns auf keinen Fall noch einmal sehen zu lassen, dürfen wir uns trollen. Selten hat die Sonne so schön geschienen wie an diesem Morgen“52. Sie ziehen weiter, sehen zum ersten Mal einen „breitströmigen“ Gletscher, und machen neben den spektakulären Naturerlebnissen erneut unschöne Erfahrungen. „Das Engadin ist handwerksburschen-feindlich, und wir trachten, auf dem schnellsten Wege über den Albulapass ins Tal des Oberrheins zu kommen.
Dann wieder auf den Gotthard hinauf nach Andermatt und über die vielgenannte Sankt-Gotthard-Straße mit der Teufelsbrücke hinunter zum Tell Denkmal in Altdorf. An und auf dem Vierwaldstätter See erleben wir recht lebendig die Geschichte Tells, die Tellkapelle, den Schillerstein und den Rütli.“53 Der Weg ist anstrengend und Otto meint hämisch: „Walter [tut] gar tüchtig auf die sakramentschen Berge schimpfen.“54 Über Stans nach Luzern. Hier wird fleißig Arbeit gesucht, jedoch bekommt nur Walter Beschäftigung in Sempach bei Luzern.
Metallarbeiter sind ausreichend vorhanden und Otto ist überflüssig. Die beiden schlafen im Asyl de nuit,55 bevor sie sich am 16. August trennen.56 Otto zieht es nach Rom. Walter arbeitet ab Januar ein halbes Jahr bei der Tischlerei Gebr. Helfenstein in Sempach und schließt sich der sozialistischen Jugendgruppe unter Willi Münzenberg und Jacob Herzog an. Kurz vor Weihnachten 1911 schreibt er aus Sempach, er studiere den Winter über drei Bände der „Geologie der Schweiz“57.
Ab Frühjahr 1912 wandert Walter alleine weiter. Im April arbeitet er bei der Schweizer Schreinerei Fuchs an der Werkbank. Nach sechs Wochen ertappt Fuchs ihn am 25. Mai dabei, wie er auf einem Kasten steht und politische Artikel vorliest. Er wird hinausgeworfen und zieht kurzerhand nach Vorarlberg weiter.58 Vom Vierwaldstädter See wandert er Anfang Juni über Interlaken und Genf nach Zürich. Bei strömendem Regen trifft er in Zürich ein. Er schreibt, es sei ihm auf der Walz so gut wie jetzt noch nie gegangen. Er plant, die Schweiz in Richtung Rhein zu verlassen. Die Arbeiterjugend bittet er um die Adressen jener, die in Kontakt bleiben wollen.59 Über Schaffhausen wandert er rheinaufwärts und findet einen Monat später in der Möbelfabrik Neckargemünd in der Mühlgasse Arbeit. Er wohnt für 3 Mark pro Woche in der Dachkammer der Witwe Kohl in der Hauptstraße. Abends trifft er sich mit den Gesellen in der Wirtschaft „Zum Pflug“ und der Stammkneipe „Ochsen“, diskutiert über Politik und erzählt von seiner Freundin Martha. Er erinnert sich wie er sie bei einer Landwanderung traf.60 Nach vier Wochen wandert er in einem großen Bogen über Köln, Antwerpen, Amsterdam, Bremen, Hamburg und Hannover weiter, bevor er zurück nach Leipzig geht.
Auf allen Stationen besucht er Museen, das Deutsche Museum in München, das Geologische Museum in Genf und die Gemäldesammlungen in Brüssel und Amsterdam.61 Aus Düsseldorf schreibt er am 18. August, dass er bald daheim sei. Auch sein Wandergeselle Otto zieht in Leipzig bei Familie Ulbricht ein. Als Parteifunktionär nimmt Walter ihn ins Volkshaus, zu Reden und Streiks mit.62






















Sozialdemokrat
Nach seiner Wanderschaft schließt Walter sich der SPD an und arbeitet als Tischler. Er ist Parteifunktionär, bis er zum Militär einberufen wird. Im Heer ist er als Sozialist aktiv und wird überwacht. Er desertiert, wird festgenommen und bleibt bis Ende des Kriegs in Haft.
Zurück in Leipzig arbeitet der 19-jährige Schreiner ab September wieder bei Hallitzschke & Volkmer, seinem Ausbildungsbetrieb. Er ist auch wieder in der Arbeiterjugend, verteilt in Zwenkau Flugblätter.63 Als Volljähriger tritt Walter von der Arbeiterjugend zur SPD über und besucht ab Dezember ein Dreivierteljahr lang mehrmals in der Woche nach der Arbeit und an Wochenenden die SPD-Parteischule.
Er diskutiert über Wirtschaft und Marxismus,64 liest den ersten Band des Kapitals, Engels, Kautsky und die „Neue Zeit“. Er versucht sich an schwerer geistiger Kost, schreibt „die Geschichte ist […] die Lehrmeisterin des Politikers […] wir können lernen, wie sich der Entwicklungsprozess zu unseren heutigen […] Verhältnissen vollzog“. „Die ökonomische Entwicklung zeigt die Tendenz einer rapiden Konzentration des Kapitals […] und der […] Zunahme der Klasse der Besitzlosen. […] Das Werkzeug zur Wahrung der Gesamtinteressen der herrschenden Klasse ist der Staat. Dies hat zur Folge, dass der Kampf, den das Proletariat […] führt, ein politischer sein muss.“65
Schon nach einem halben Jahr kündigt Walter bei Hallizschke und beginnt Ende April bei der Hofmöbelfabrik Carl Müller & Co. in der Kochstraße zu arbeiten. Aber auch hier bleibt er kaum sechs Wochen und verlässt die Arbeit schon Anfang Juni wieder. Bis November ist Walter ohne Arbeit und widmet sich ganz der Partei. Für sein Engagement wird er zum engsten SPD-Funktionärskreis, der „Korpora“, zugelassen.66 Otto Heyden bleibt vorerst in Leipzig bei Familie Ulbricht in der Alexanderstraße. In Leipzig findet er Arbeit, schließt sich wie Walter dem Jugendbildungsverein an und kommt über Ulbrichts in Kontakt zu den Naturfreunden. Zusammen besuchen Otto und Walter im Juli das Leipziger Gewerkschaftsfest. Otto gefällt es bei Ulbrichts so gut, dass er vergisst, nach Hause zu schreiben. Seine Mutter stichelt mit den Worten „bei Herrn Ulbricht“: „Wir möchten uns doch erlauben anzufragen, ob du noch lebst.“67
Ab November 1912 arbeitet Walter für vier Monate bei der Tischlerei Bruno Börner im Norden Leipzigs. Neben der Arbeit hat er ein großes Netzwerk aus Freunden und Gleichgesinnten. Das Umfeld tut den Jugendlichen gut. Bei der Hochzeit ihres Parteigenossen Alfred Arnholds Ende November treffen sich noch einmal alle Angehörigen und Freunde der Jugendgruppe.68
Im März 1914 verliert Walter seine Arbeit bei der Tischlerei Börner, kann aber schon kaum einen Monat später bei Max Kliem anfangen. Doch auch ohne Arbeit hat Walter genug zu tun. Er arbeitet durchgehend in der Jugendgruppe Alt Leipzig. Freunde erinnern sich an „sein stetes Lächeln, Kennzeichen aller Ulbrichts; er hatte langes blondes Haar, trug damals schon ein Bärtchen und den unvermeidlichen Schillerkragen“69.
Seit seiner Rückkehr liegt „Gewitter“ in der Luft, es riecht nach Krieg. In den schwül-warmen Sommertagen nach dem Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns am 28. Juni 1914 in Sarajewo jagen sich die Ereignisse. Noch im Juli veröffentlicht der SPD-Parteivorstand einen Aufruf gegen den Krieg, der für den jetzt 21-Jährigen von einschneidender Bedeutung ist: „Das klassenbewusste Proletariat […] fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe und falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung zu enthalten. […] Parteigenossen, wir fordern Euch auf, […] den unerschütterlichen Friedenswillen des klassenbewussten Proletariats zum Ausdruck zu bringen. […] Gefahr ist im Verzuge! Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter missbrauchen.“70
Walter nimmt das Engagement gegen den Krieg ernst. Am nächsten Tag geht er zum Gewerkschaftsfest in Leipzig, das mit 30 000 Teilnehmern zur eindrucksvollen Demonstration gegen den Krieg wird. Die Leipziger SPD jedoch bietet kein einheitliches Bild. Ihre Führung hat sich mit dem Krieg abgefunden. Der nationalliberal-dominierte Rat der Stadt verbietet eine Demonstration der SPD auf dem Messplatz. Kundgebungen sollen unauffällig „im Saale“ stattfinden. Als Kompromiss vereinigen sich 70 000 Demonstranten nach getrennten Kundgebungen in verschiedenen Sälen zum gemeinsamen Demonstrationszug. Am Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien demonstrieren noch einmal 200 000 Menschen in Leipzig. In der Stadt hallen die Sprechchöre gegen den Krieg.71 Von Versammlungsorten wie dem Volkshaus ziehen die Massen die Internationale singend durch die Innenstadt bis zum Augustusplatz. Nach der Demonstration denkt jeder, dass die Regierung es nicht wagen wird, einen Krieg anzufangen.
Die deutsche Kriegserklärung vier Tage später erschüttert Walter. Bestürzt liest er die Plakate zur Mobilmachung und hört die Menschen begeistert brüllen. Die SPD ist verstummt. Ihre Reichstagsfraktion stimmt nach einer flammenden Rede des Kaisers dem Burgfrieden zu und am 4. August 1914 geschlossen für Kriegsanleihen und das Ermächtigungsgesetz. Walter trifft sich am nächsten Tag mit Genossen, um zu besprechen, was zu tun ist. Die Gruppe besteht darauf, dass das Friedensmanifest des Internationalen Sozialistenkongresses nicht Schall und Rauch sein kann. Die Jugendlichen verstehen die Welt nicht mehr. Sie diskutieren über ihre Mitgliedschaft in der SPD und warum Liebknecht trotz seiner Stellungnahme in der Fraktion im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt hat. Nach fünf Monaten bei Kliem ist Walter ab September erneut arbeitslos. Eine andere Arbeit nimmt ihn stärker in Anspruch. Walter verfasst und verbreitet mit anderen Jungfunktionären Flugblätter gegen den Krieg, die die Gruppe in kleiner Auflage per Abziehapparat herstellt. Er schreibt eifrig Manuskripte, aber muss seine Arbeit oft wieder mitnehmen, weil die Gruppe die Flugblätter nicht drucken kann. Nur gelegentlich gelingt es, Setzer und Drucker zu überreden, eine größere Auflage herauszubringen.72 In der Not springen befreundete Stenotypistinnen ein um Flugblätter per Schreibmaschine herzustellen. Als Liebknecht im Dezember alleine offen gegen die Kriegskredite stimmt, geht auch Walter mit anderen Jungfunktionären in Opposition. Die Gruppe vervielfältigt und verbreitet im Volkshaus illegal Liebknechts Rede „Zur Begründung eines Minderheitenvotums gegen die Kriegskredite“73.
Mithilfe der Buchdruckerei Müller in Schkeuditz druckt die Gruppe die Reichstagsrede gegen den Krieg in Leipzig. Bei der nächsten Zusammenkunft beschließt die Gruppe, in der kommenden Funktionärskonferenz Leipzigs zu sprechen. Auf der nächsten Versammlung der Leipziger SPD fordert Walter wie besprochen, die SPD solle jetzt gegen weitere Kriegskredite stimmen. Als er versucht, eine Resolution gegen die Politik des Parteivorstands durchzubringen, greift ihn der Bezirksvorstand scharf an. Die Bezirksleitung verhindert die Abstimmung und lehnt Walters Antrag ab. Drohend fragt die Leitung ihn rhetorisch, warum das Militär ihn noch nicht eingezogen habe. Auf der nächsten Versammlung im Januar 1915 geht Walter weiter auf Konfrontation. Er hält eine leidenschaftliche Rede gegen die Kriegskredite und verlangt vom Vorstand, objektiv über Liebknechts Reichstagsrede zu informieren. Zwar verhindert die Leitung wieder einen Beschluss, aber Walter erhält den Beifall der Versammlung. Die Admiralität erklärt am 4. Februar 1915 die Nordsee zum Kriegsgebiet. Ab jetzt wird jedes in diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrtschiff zerstört werden. Die Gruppe um Walter greift den U-Boot-Krieg in Flugblättern scharf an74 und verbreitet Titel wie „Disziplinbrüche“, „Parteidisziplin“, „Die Welt speit Blut“, „Der Hauptfeind steht im eigenen Lande“, „Wohin geht die Reise“.