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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

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Die Dichtung aus 50 Zeilen nimmt ihren Ausgang vom Allerhöchsten: Gelobet seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen – cun tucte le tue creature. Aufschlussreich ist die Vokabel »tucte«. Der Aufstieg der Seele führt nicht über die Abwertung der materiellen Welt. Im Gegenteil. Die Seele öffnet sich zu allen Geschöpfen, zur ganzen Schöpfung. Von Anfang an bringen die Laudes creaturarum Fülle, Ganzheit, Einheit und immer wieder die Schönheit von scheinbar unbelebter Materie und lebendiger Natur ins Spiel. Tucte le tue creature – in der Sprache der Ökologie und Erdsystem-Forschung von heute: das Netz des Lebens.

Die Blickachse des Textes verläuft vertikal. Die Anordnung seiner Bilder führt von ganz oben nach ganz unten. Vom Allerhöchsten über die Sonne, den Mond und die Sterne durchquert sie die Lufthülle der Erde, die Atmosphäre, und erreicht die Biosphäre, die Gewässer und den Erdboden. 750 Jahre vor dem Foto von blue marble imaginiert dieser kosmische Lobgesang den Blick von oben auf den Planeten.

Doch Franziskus spricht nicht einfach von Sonne, Mond, Wind, Wasser, Feuer … Die Rede ist stets von frate sole, sora luna, frate vento, sora aqua, frate focu. Alles ist Bruder oder Schwester. Mensch und Naturphänomene haben gleichen Ursprung und gleichen Rang. Sie sind Geschöpfe eines gemeinsamen Vaters. Hier geschieht etwas Bedeutendes: Die franziskanische Perspektive hebt die Trennung zwischen Mensch und übriger Schöpfung auf. Sie vollzieht einen radikalen Bruch mit machtvollen Traditionen des antiken und christlichen Denkens – und fordert mindestens ebenso radikal die westliche Moderne heraus. Sich die Natur untertan zu machen, das war – und ist – im Mainstream der Tradition legitim, ja sogar ein Gebot. Für uns ist es Normalität. Der neue Mensch einer franziskanischen solaren Zivilisation dagegen akzeptiert und feiert seine eigene Naturzugehörigkeit. In dieser Versöhnung liegt die spirituelle Basis für die »Kommunion«, für eine universale geschwisterliche Gemeinschaft von Menschen und Mitwelt.

Herausgehoben ist die Sonne. Sie ist nicht nur frate. Als unendliche Quelle des Tageslichts, der Energie, des Lebens ist sie gleichzeitig messor – Herr oder (legt man das grammatikalische Geschlecht des deutschen Wortes zugrunde) Herrin. Die Sonne zieht besondere Attribute auf sich: schön, strahlend, glanzvoll. Sie ist Quelle von Freude und ästhetischem Genuss. Ja, sie ist sogar wie in so vielen Kulturen der Welt Dein Gleichnis, o Höchster, Symbol der Gottheit. Sonne und Mond sind komplementär. Wie Tag und Nacht, hell und dunkel, Klarheit und Geheimnis. Sora luna e le stelle, Mond und Sterne, gehören noch zum himmlischen Bereich. In der Schwärze des Kosmos wirkt das Funkeln der Gestirne kostbar und schön (pretiose et belle), erscheint der Mond, sein Zyklus, seine sanfte Energie als besonders geheimnisvoll und anziehend.

Mit der anschließenden Strophe tritt die Bildfolge des Textes in die Sphäre der vier irdischen Elemente Luft, Wasser, Feuer, Erde ein. Gelobet seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind. Ihm zugeordnet sind die Luft, die Wolken, heiteres und jedes Wetter. Die Rede ist also von der Lufthülle der Erde in ihren verschiedenen Erscheinungsformen – also vom Klima. Genau an dieser Stelle taucht im Sonnengesang zum ersten Mal das Ursprungswort von sustainability auf: sustentamento. Franziskus lobt Gott für die Phänomene der Atmosphäre, durch welche Du Deinen Geschöpfensustentamentogibst« (per lo quale a le tue creature dai sustentamento), also Halt, Unterhalt, Nachhalt. Wobei sustentamento (im modernen Italienisch: sostentamento) all das bezeichnet, was zur Erhaltung und zum Fortbestehen von Lebewesen und Dingen notwendig ist: Lebensunterhalt, Existenzgrundlagen. Ihre dauerhafte Sicherung ist eine Gabe Gottes. Er gewährt sie nicht allein durch Bruder Wind. Genauso haben Schwester Wasser (charakterisiert als sehr nützlich, demütig und kostbar) und Bruder Feuer (schön, angenehm, robust und stark) ihren Anteil.

Der Sonnengesang wird nun zum Gesang der Erde. Gelobet seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester Mutter Erde. Wie die Sonne ist auch die Erde – und damit ist hier vor allem das Erdreich, der Humus, der Mutterboden gemeint – doppelt hervorgehoben. Sora nostra mater terra. Sie ist nicht allein our fair sister wie in dem Doors-Song von 1967. Aber auch nicht nur magna mater, die große Mutter, wie in archaischen Kulten, oder Gaia, Erdgöttin. Die mütterliche Erde bekomme bei Franziskus zusätzlich das »Gesicht einer Schwester«, schreibt Eloi Leclerc, und damit eine neue – ewige – Jugendlichkeit. »Das Gefühl von Abhängigkeit und Verehrung, das der Mutter zukommt, wird hier durch das Gefühl geschwisterlicher Zuneigung nuanciert.« Die Erde ist eben auch Schwester und somit Tochter desselben Vaters, selbst ein Geschöpf.

In ihrer Eigenschaft als Mutter hat sie freilich eine besondere Macht. Mater terra, la quale ne sustenta et governa et produce diversi fructi con coloriti flori et herba. Sie ist die Erde, die uns trägt (sustenta = erhält, aufrechterhält) und regiert (governa = lenkt, leitet) und vielfältige Früchte mit bunten Blumen und Kräutern erzeugt. Ein zweites Mal greift Franziskus auf eine Form von sustentare zurück. Was gibt uns Halt und Nachhalt? Es ist der von Gott geschaffene Erdboden im Zusammenspiel mit der Lufthülle des Planeten. Wir nennen das heute: Biosphäre. Sie bringt unfehlbar Früchte, Fruchtbarkeit, Biodiversität und – damit verknüpft – Farbe und Schönheit hervor. Solange wir uns von ihr leiten (governa) lassen. Die Bilder von Fülle und Vielfalt verbinden sich untrennbar mit der Begrifflichkeit von sustentamento.

Von diesem Punkt aus verstehen wir erst den Kern des franziskanischen Weltbildes: sein Armutsideal. Die Freude an der Fülle des Lebendigen ringsum ist Antrieb, den »Verbrauch« von »Ressourcen« auf ein Minimum zu reduzieren. Besitz ist Ballast. Verzicht ist Befreiung. Nehmt nichts mit auf den Weg, heißt das Gebot im Neuen Testament (Lukas 9, 3). Imagine no possessions, sang John Lennon. Wer die Besitzlosigkeit zum Konzept macht, muss wissen, was ihn ohne die Sicherheit des Besitzes trägt. Was auf Dauer tragfähig bleibt, sagt uns der alte Text, ist eine geschwisterlich behandelte Natur. Im Vertrauen auf diesen sicheren Halt sind neue Bilder des guten Lebens zu entwerfen. Der franziskanische Minimalismus ist ein Weg, die Integrität der Mitgeschöpfe – aller Geschöpfe –, ihre Schönheit, ihre Robustheit, ihre bunte Vielfalt, zu erhalten und so auf Dauer erleben und behutsam genießen zu können. Der freiwillige Verzicht, nicht der erzwungene, öffnet einen Zugang zur glanzvollen Fülle des Lebens. Die franziskanische Pyramide der Bedürfnisse: einfach leben, egalitär, im Einklang mit der Schöpfung, offen für die Stimme des Allerhöchsten. Das Credo freilich ist: Nachhaltigkeit wird nicht vom Menschen gemacht, sondern ihm gewährt. Sie ist Gabe und Gnade Gottes. Das Fundament franziskanischer Theologie ist die Lehre von der göttlichen Vorsehung.

*

Das letzte Wort des Sonnengesangs lautet: humilitate – Demut. Nackt ausgestreckt auf nackter Erde sterben war Franziskus’ letzter Wille. So ist er der Legende nach Bruder Tod begegnet. Seinen Sterbeort, die schlichte Capella del Transito im Waldtal unterhalb von Assisi, hat man im 17. Jahrhundert mit einer monumentalen Barockbasilika überwölbt.

Zur selben Zeit suchte nördlich der Alpen der französische Aufklärer Descartes nach einer Philosophie, die »für das Leben nützlich« ist. Wie Franziskus beschäftigte er sich mit den Elementen. Er wollte »die Kraft und Wirkung des Feuers, des Wassers, der Luft, der Gestirne, der Himmel und aller übrigen Körper in unserer Umwelt« erforschen, um sie »zu allem möglichen Gebrauch zu verwerten«. Seine Idee: Die Menschen »zu Herrn und Eigentümern der Natur zu machen.«. Ein härterer Kontrast zum franziskanischen Ideal ist kaum denkbar.

Die Schöpfung bewahren

Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören. Das war Albert Schweitzers Befund. Er setzt voraus, dass der Mensch potenziell fähig ist, die Erde zu bewahren. Dem mittelalterlichen Denken war diese Vorstellung fremd. Die Bewahrung der Schöpfung galt als das Werk der »göttlichen Vorsehung«. Mehr als ein Jahrtausend lang – von Augustinus bis Luther – gehörte die Lehre von der »Providentia Dei« zum Fundament des christlichen Glaubens. Dieser theologische Fachbegriff vereinte ein ganzes Spektrum von Bedeutungen: Vorherbestimmung, Vorausschau, Vorsorge, Fürsorge. Dem Menschen war dabei eine untergeordnete Rolle zugewiesen. In der Epoche der Aufklärung kollabierte der Glaube an die Providentia. Aus seinen Trümmern aber, so meine These, stammen tragende Pfeiler des modernen Nachhaltigkeitsdenkens. Ein Blick auf das alte Gerüst ist deshalb höchst aufschlussreich.

Die Vorstellung existierte schon in der antiken Philosophie: Die große Zweckmäßigkeit und Schönheit sowohl in den allerkleinsten Dingen wie in den größten Zusammenhängen von Natur und Kosmos verweisen auf eine ordnende Kraft. In Anbetracht ihrer umfassenden Wirkung kann diese nur göttlichen Ursprungs sein. Bereits die griechischen Philosophen Anaxagoras, Platon und Epikur sprachen in diesem Zusammenhang von göttlicher »Vorsehung« und »Fürsorge« (tou theou pronoia). Die Philosophen der Stoa formten daraus ein Weltbild: »Alles ist wie ein heiliges Band miteinander verflochten … Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt (unus mundus) vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz«, schrieb der Philosoph auf dem römischen Kaiserthron, Marc Aurel. Eine Welt – unus mundus – schon damals! Der venunftbegabte Mensch ist in der Lage, die gegebene Ordnung als sinnvoll wahrzunehmen, ihre Schönheit zu genießen und sich in ihr einzurichten. Wohlgemerkt: sich in der Welt einrichten. Nicht: die Welt einrichten und sie nach dem Prinzip der Nützlichkeit »managen«.

In der frühen christlichen Theologie schließt die Providentia-Lehre unmittelbar an die Schöpfungsgeschichte an. Nach dem Entwurf von »unus mundus« und dem Schöpfungsakt (creatio) »aus dem Nichts heraus« (ex nihilo) hat Gott sein Werk keineswegs verlassen. Sein Wille bleibt in der Schöpfung präsent. Er wirkt mit seiner Allmacht und nach seinem Plan weiter in sie hinein. »Providentia« meint die conservatio – Erhaltung – der Welt und die Fortsetzung der Schöpfung. Gott sorgt für alle seine Geschöpfe, erhält sie auf Dauer in ihrer Existenz, führt sie ihrer Bestimmung, ihrem Telos, nämlich der Erlösung, entgegen. Schon ein Dokument aus der urchristlichen Gemeinde Roms, der sogenannte 1. Clemensbrief, geschrieben um das Jahr 100, handelt von der »Nachhaltigkeit« des göttlichen Willens:

Die Himmel, kreisend durch sein Walten, ordnen sich ihm in Frieden unter. Tag wie Nacht vollenden sie den von ihm angeordneten Lauf, ohne einander zu behindern. Sonne und Mond und die Chöre der Sterne durchlaufen entsprechend seiner Anordnung in Eintracht ohne jede Überschreitung die ihnen vorgeschriebenen Bahnen. Die fruchttragende Erde bringt nach seinem Willen und zu den entsprechenden Zeiten Nahrung hervor in Fülle für Menschen und Tiere und alle Lebewesen auf ihr, ohne dass sie jemals abweicht von dem, was durch ihn festgelegt ist.

Das Werk der Vorsehung übersteigt freilich alle menschliche Erfahrung. Folglich ist es nicht immer leicht zu durchschauen. Für diesen Sachverhalt bringt der Kirchenvater Augustinus die »unsichtbare Hand« ins Spiel. Gott, so schreibt er in seinem Buch »Über den Gottesstaat«, arbeite nicht wie ein Künstler, der seine Werke mit »körperlichen Händen« aus »irdischen Stoffen« gestalte, sondern »die Hand Gottes ist die Macht Gottes, die auch sichtbare Dinge auf unsichtbare Weise wirkt«. Auch hier ein Denkbild, das in säkularisierter Form weiterwirkte: Adam Smith hat sich aus dem Steinbruch der Providentia-Lehre bedient, als er 1776 die »unsichtbare Hand« des freien Markt für heilig erklärte.

Eins jedenfalls ist gewiss: Aus einem Kirschkern entsteht kein Apfelbaum, sondern immer nur ein Kirschbaum. Die Verlässlichkeit und Stetigkeit der Abläufe ist für den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin ein Beweis für die teleologische, also zielgerichtete Struktur der Natur. Der Scholastiker, geboren 1225, in dem Jahr, als der Sonnengesang gedichtet wurde, sieht darin das Wirken einer zweckvollen »Leitung«. »Also«, folgert er, »muß es notwendig ein Wesen geben, durch dessen Vorsehung (providentia) die Welt geleitet wird (mundus gubernetur)«. Auf das Wort governa stießen wir schon im Sonnengesang. Bei Thomas wird gubernatio (Lenkung, Leitung, Regierung) zu einem Schlüsselbegriff. Gott lenkt das Einzelne und das Ganze zur Verwirklichung aller Möglichkeiten, die darin angelegt sind. »Der Aufbau der Wirklichkeit«, kommentiert der Theologe Udo Krolzik, »ist also in dem Streben der Naturdinge begründet, das zu sein, was sie von Natur aus sind.« Conservatio ist kein Stillstand, kein statisches Bewahren. Werden und Entwicklung sind eingeschlossen. Die gubernatio verleiht diesem Prozess eine zielgerichtete Dynamik.

Im Luthertum erlebte die Providentia-Lehre eine letzte Blüte. Da »im Himmel und auff Erden«, predigte Martin Luther 1537, »alles so wunderbarlich, ordentlich und gewis« geregelt sei, müsse »ein einig, ewig Göttlich wesen sein, welches alle ding erschaffen, erhelt und regieret.« Luther glaubte an die Ubiquität, die Allgegenwart des Göttlichen. Allerdings habe sich die göttliche Präsenz in »alle Creaturen verkrochen und versteckt«. Diese Anschauung wurde zu einem starken Antrieb für die naturwissenschaftliche Forschung. Noch Linné, Spross einer Dynastie lutherischer Landpfarrer, suchte in der Natur den Fußabdruck Gottes. Luthers Gott ist nämlich »verborgen«. Seine Vorsehung ist ein Akt der Gnade. Sein Zorn ist deren unberechenbare Komponente.

Befiehl du deine wege / und was dein hertze kränkt / der allertreusten pflege / Deß, der den himmel lenckt: / Der wolken, lufft und winden / gibt wege, lauf und bahn, / Der wird auch wege finden / Da dein fuß gehen kann.

So erscheint Bruder Wind 1653 im Lied eines Berliner Predigers. Der berühmte Choral Paul Gerhardts, von Johann Sebastian Bach einige Jahrzehnte später in die Matthäus-Passion eingearbeitet, enthält in Kurzfassung die lutherische Lehre von der Vorsehung. »He’s got the whole world in his hand« – das Spiritual der protestantischen Schwarzen im amerikanischen Süden verkündet noch dieselbe Botschaft.

Conservatio est actio DEI externa, qua ex mera bonitate omnia, quae sunt, sustentat. Die Conservatio ist die nach außen gerichtete Tat Gottes, die aus reiner Güte alles, was da ist, erhält … Die Vokabeln conservatio und sustentare – Anklang an den Sonnengesang, Vorgriff auf den Nachhaltigkeitsdiskurs des 20. Jahrhunderts – finden sich in einem theologischen Traktat aus dem Jahre 1682. Sein Verfasser, Abraham Calov, galt als »Mathematiker der Religion« und Gralshüter der lutherischen Orthodoxie an der Universität zu Wittenberg. Seine Autorität reichte weit. Bis hinauf zu den Universitäten von Uppsala und Dorpat. Calov war »spiritus rector« des frommen Paul Gerhardt, Zeitgenosse der freien Geister Kepler und Descartes. Am Vorabend der Aufklärung erscheint die christliche Providentia-Lehre als hoch entwickeltes System. Ihr begriffliches Gerüst wird mit allen Stützpfeilern, Verstrebungen und Stellschrauben noch einmal in voller Größe sichtbar.

Der Oberbegriff »providentia« benennt die Handlung und die Fähigkeit, in die Zukunft hinein zu denken. Die Voraussicht führt zu einem Vorherwissen der Dinge. Das Vorausgesehene, das dem Gewollten entspricht, bedarf der Sorge, dass es auch eintritt, also der Vorsorge. Diese bedingt wiederum ein dem angestrebten Ziel angemessenes Handeln (actio) in jedem gegebenen Moment. Die Struktur des providentiellen Handelns ist hochkomplex. Sie hat drei tragende Elemente. Grundlegend ist die conservatio (synonym: sustentatio, das franziskanische sustentamento). Hier geht es um die Erhaltung, die Bewahrung aller Dinge in ihrem durch die Schöpfung festgelegten Existenzvollzug. Sie ist Fortsetzung der Schöpfung und verhindert den Rückfall ins Nichts – annihilatio –, die Vernichtung.

Die gubernatio meint die Leitung und Lenkung aller Abläufe, die Regierung über die Dinge. Ein Bestandteil ist die cura, die Sorge und Fürsorge, auch der pflegliche Umgang mit der Schöpfung. Zeichen der göttlichen gubernatio sind die gesetzmäßigen Erscheinungen in der Natur: Die Gleichmäßigkeit der kosmischen Bewegungen, die regelmäßige Abfolge der Jahreszeiten, der Wasserkreislauf, die Generationenfolge in den Naturreichen.

Drittes Element von Providentia ist der concursus, das Zusammenkommen oder Zusammenspiel der verschiedenen Wirkursachen. Hier geht es um die Beziehung zwischen göttlichem Wirken (actio externa), dem Wirken der Naturkräfte und dem freien menschlichen Handeln. Das göttliche Wirken ist prima causa, erste Ursache. Naturkräfte und menschliche Mitarbeit (cooperatio) sind secundae causae, zweitrangige Ursachen, aber durchaus mit Spielräumen, eigenen Wirkungen und Nebenwirkungen. Schließlich behandelt die Lehre vom concursus auch noch die kitzlige Frage, wie das Böse beim Gang der Dinge mitwirkt. Die göttliche gubernatio wechselt zwischen den Optionen: Zulassung (permissio), Hinderung (impeditio), Ausrichtung auf göttliche Ziele (directio) und Begrenzung (terminatio) des Bösen.

Mehr als 1500 Jahre hatte dieses kunstvolle Gedankengebäude Bestand. Dann geriet die Zeit aus den Fugen, und der Bau kollabierte. Eckdaten des Zusammenbruchs waren das Jahr 1666, als Newton im Obstgarten seines Elternhauses beobachtete, wie ein Apfel zu Boden fiel, und das Jahr 1755, als ein Erdbeben Lissabon zerstörte und Zehntausende in den Tod riss – Fromme und Ketzer, Säuglinge und Greise ohne jeden Unterschied. Die neue Physik mit ihrer Erkenntnis, dass die Schwerkraft den Gang und Fortgang im Universum lenkt und im Lot hält, war das eine. Das andere war die schlichte Frage: »Unde malum?« Woher kommt das Böse? Beides zusammen brachte den Glauben an die göttliche Vorsehung zum Einsturz. Selbst die Theologie verabschiedete sich davon.

Wer an die Providentia glaubt, braucht keinen Nachhaltigkeitsbegriff. Denn die Zukunft liegt in Gottes Hand. Wo aber dieser Glaube ins Wanken gerät, tut sich ein Abgrund auf. »Es rettet uns kein höh’res Wesen«. Was tritt an diese Stelle? Sind Gott und die Natur identisch? Ist die Evolution eine Art »Vorsehung der Natur«? Kann der Mensch die »gubernatio«, die Lenkung der Natur übernehmen? Findet die menschliche Ratio in den Naturgesetzen den Schlüssel zur Herrschaft über die Erde? Wenn die »prima causa« (Gott) ausfällt, wie agieren dann die »secundae causae«? Wie gestaltet sich die »cooperatio« zwischen Mensch und Natur? Im Einklang miteinander? Oder wird der Mensch zum Sachwalter von Voraussicht und Vorsorge? Aber wie? Als familiärer »Hausvater«, der seinen gesamten Haushalt zum Wohle aller, einschließlich der Knechte, der Tiere im Stall und Pflanzen auf dem Feld, treuhänderisch verwaltet und verbessert der nachfolgenden Generation übergibt? Soll ein starker, ein absolutistischer Staat diese Rolle übernehmen? »Etat Providence« sagen die Franzosen noch heute für »Wohlfahrtsstaat«. Oder regelt die »unsichtbare Hand« des Marktes alles? Im großen Schmelztiegel der Frühaufklärung befanden sich alle diese Ideen noch in Gemengelage dicht beisammen. Bis sich die Geister schieden.

Und heute? Das Vokabular der Providentia-Lehre ist urplötzlich zurück – im globalen Diskurs der Nachhaltigkeit. Greifen wir ein paar Stellschrauben des Gerüsts heraus: Der alte Zentralbegriff conservatio blieb im Englischen und Französischen fast bruchlos erhalten. Im Sinne von bewahrender Nutzung wurde er zum Gegenbegriff von Raubbau und Umweltzerstörung. Ein internationales Netzwerk von Naturschützern und Ökologen, die »International Union for Conservation of Nature« (IUCN), setzte 1980 conservation kurzerhand mit sustainable development gleich. Denkfabriken der internationalen Politik diskutieren vehement über global governance oder earth system governance, die alte Idee der gubernatio – Lenkung – in neuem Gewand. Kongresse in aller Welt befassen sich mit einem »Kapitalismus 3.0«, der eine neue Integration ökologischer und sozialer Wirkkräfte beinhaltet. Das hieß früher concursus. Und was sagt uns: terminatio – Begrenzung des Bösen? Heute streitet man über Grenzwerte für toxische Belastung, über die Begrenzung des CO2-Ausstoßes pro Kopf, und – wieder – über die Grenzen des Wachstums. Nicht zuletzt entwerfen Filme und Bücher immer neue Bilder der annihilatio, der Vernichtung des Planeten. Die existenzielle Angst vor der Apokalypse, die den Glauben an die Vorsehung unterschwellig begleitete, ist nicht gebannt.

Providentia – ein alter Hut? Kein Zweifel, die Säkularisierung der Idee ist unumkehrbar. Statt an »He’s got the whole world in his hands« glauben wir eher der Botschaft »The world in your hands« aus den Werbespots der globalen Kreditkartenunternehmen. Die Frage, ob die Bewahrung der Schöpfung gelingt, ist jedoch keineswegs entschieden. Der Philosoph Jürgen Habermas empfahl kurz nach den Terroranschlägen von 9/11 der säkularen Gesellschaft, sich ein »Gefühl für die Artikulationskraft religiöser Sprachen« zu bewahren. Denn dort ließen sich »Ressourcen der Sinnstiftung« entdecken. Mit dem Gebot, der Mensch solle die Erde bebauen und bewahren (Genesis 2, 15), ist in der Bibel ein Urtext von Nachhaltigkeit formuliert. In der hebräischen Fassung heißt es an dieser Stelle abad (bebauen, bedienen) und schamar (pflegen, behüten, bewahren). Hier sind wir ganz dicht an der Formel sustain und developnachhaltige Entwicklung.

Mord an Mutter Erde

Mit blassem Gesicht erschien sie im Zeugenstand. Sie trug ein grünes Gewand. Aus ihren Augen strömten Tränen. Ihr Haupt wies Verletzungen auf, das Kleid hing zerrissen herab, und man konnte sehen, wie ihr Leib vielfach durchbohrt war … voller Wunden und blutbespritzt … Keine Spur mehr von Anmut und Schönheit.

Wieder ist die Rede von mater terra. Diesmal geht es jedoch um Vergewaltigung und Mord, diesmal ist sie Opfer. Eine kleine Erzählung, im Latein der Humanisten geschrieben, versetzt den Leser in die Zeit der Renaissance – und in eine Boomzeit des europäischen Frühkapitalismus. Anno 1477, ein halbes Jahrhundert bevor der Konquistador Pizarro an der Küste Perus landete und sich mit 180 Mann auf die Suche nach dem Goldland der Inka machte, stampfte man im silberreichen sächsisch-böhmischen Erzgebirge ein mitteleuropäisches »Eldorado« aus dem Boden. Angeekelt von dem Silberrausch um ihn herum, verfasste ein Pädagoge namens Paulus Niavis (Paul Schneevogel) im nahen Chemnitz eine allegorische Erzählung. Sie berichtet von einer Gerichtsverhandlung. Die Anklage lautet auf Vergewaltigung der Erde. Das 1492 erschienene Büchlein trug den Titel »Iudicium Iovis – das Gericht Jupiters, gehalten im Tal der Schönheit …«

Im Dresdner Museum für Mineralogie und Geologie sind noch Wahrzeichen aus der Zeit, von der Paulus Niavis erzählt, zu sehen: zwei zerklüftete Brocken, die matt silbern glänzend in der Vitrine liegen. Der eine ist faustgroß. 600 Gramm gediegenes Silber. Der andere wiegt an die sieben Kilo und besteht hauptsächlich aus Silberglanz. Die beiden Erzstufen stammen aus der Zeit des großen »Berggeschreys«, des spektakulären Silberfunds des Jahres 1477 im westlichen Erzgebirge. Der Überlieferung nach sind sie Bruchstücke von dem sagenhaften Tisch aus massivem Silber, an dem Herzog Albrecht mit seiner Gefolgschaft »in der erden schoß«, in einem Stollen der Schneeberger Fundgrube St. Georg gespeist haben soll. Vielleicht sind es aber auch nur Geschenke der erzgebirgischen Montanunternehmer an den Landesherrn bei dessen Rückkehr von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. Der plötzliche Reichtum hatte seine Schattenseiten. Der Silberrausch lockte Tausende von Bergknappen »auf den Schneeberg«. Fieberhaft treiben sie Schächte und Stollen in die Flanken der Berge, roden Wälder, leiten Bachläufe um und vergiften sie mit den blei- und arsenhaltigen Abwässern der Bergwerke. Rauchschwaden aus zahllosen Holzkohlenmeilern und Schmelzhütten verpesten die Luft. Der kurze Silberrausch hinterlässt tiefe Narben im Antlitz der Landschaft.

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