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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

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Eine kleine Szene aus »Alice hinter den Spiegeln«, Lewis Carrolls Kinderbuch aus dem England des 19. Jahrhunderts, beschreibt den Mechanismus von semantischen Machtspielen aller Art: »›Wenn ich ein Wort gebrauche‹, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, ›dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.‹ ›Es fragt sich nur‹, sagte Alice, ›ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.‹ ›Es fragt sich nur‹, antwortete Goggelmoggel, ›wer der Stärkere ist, weiter nichts.‹ Alice war zu verwirrt, um darauf noch eine Antwort zu finden…«

Wortkörper

Sustainability, hållbar utveckling, desarrollo sostenible, chi xu fa zhan, Nachhaltigkeit – im globalen Dorf ist das Wort allgegenwärtig. Speist man es nur in ein paar Sprachen als Suchbegriff bei Google ein, bekommt man innerhalb von Sekunden etliche Millionen Treffer. Es gibt, nimmt man das Internet als Messlatte, nicht viele Themen, die am Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die Menschheit so stark beschäftigen.

Der moderne Begriff hat jedoch tiefe Wurzeln und eine lange Tradition. Alte Wörter sind in der Regel mit den vergangenen Bedeutungen aufgeladen. Diese archäologischen Schichten möchte ich freilegen, um an das Potenzial heranzukommen, das sich dagegen sperrt, mit unserer gegenwärtigen Normalität gleichgeschaltet zu werden. Dazu ist es notwendig, mehrsprachig zu verfahren. Werfen wir zunächst einen Blick auf den Wortkörper in der Gestalt, wie er 1987 im Brundtland-Bericht der UN definiert ist: Sustainable development.

Was genau bedeutet sustainable? Der eine Bestandteil der Wortbildung ist schnell erklärt. -able heißt können, fähig sein. Im Deutschen haben wir dafür das Suffix -bar. Holz kann brennen. Es ist brennbar. Komplexer ist das Verb sustain. Das Oxford English Dictionary aus den sechziger Jahren, also vor der neuen Begriffsbildung, behandelt es in mehreren Spalten und belegt es seit dem Mittelalter. Unter Punkt 4 erscheint die uns interessierende Bedeutungsebene. Sustain meint hier to keep in being. Übersetzt wäre das etwa im Dasein halten. Eine andere Umschreibung lautet: to cause to continue in a certain state, also: bewirken, dass etwas in einem bestimmten Zustand fortdauert. Dann: to keep or maintain at the proper level or standard etwa: auf dem angemessenen Stand erhalten. Und to preserve the state of, den Zustand von etwas bewahren. Demnach wäre sustainable wortgetreu zu übersetzen mit aufrechterhaltbar oder auf Dauer bewahrbar. Oder schlicht: tragfähig.

Die englische Sprache ist, salopp gesagt, eine Kreuzung aus Plattdeutsch und Vulgärlatein. Sustain ist ein Wort lateinischen Ursprungs. Im lateinischen Wörterbuch finden wir mit annähernd gleicher Bedeutung die Verben sustinere und sustentare. Die Grundwörter sind jeweils sub (unter) und tenere (halten, tragen). Für die deutsche Übersetzung bietet das Wörterbuch an: aushalten, aufrechterhalten, tragen, stützen, bewahren, etwas zurückhalten. Mit dem letzten Eintrag sind wir ganz dicht an nachhalten.

Wohl unterscheiden sich die Blickwinkel der beiden Wörter. Während sustentare mehr die Anordnung der Dinge im Raum, nämlich das Tragende, die Tragfähigkeit einer Struktur ins Visier nimmt, betont nachhalten die Zeitleiste, nämlich die Anlegung einer ausreichenden Reserve für die Zukunft. Semantisch aber – auf ihrer Bedeutungsebene – sind sich sustinere, sustainable und nachhalten, nachhaltig sehr nahe. Und das ist kein Zufall.

Das allgemeinsprachliche Wort nachhaltig ist im Deutschen schon sehr früh zu einem fachsprachlichen Terminus geworden. Vor fast 250 Jahren avancierte es zum Leitbegriff des deutschen Forstwesens. Es bezeichnet seitdem die Verpflichtung der Forstwirtschaft, Reserven für künftige Generationen nachzuhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts übersetzte man nachhaltige Forstwirtschaft ins Englische: sustained yield forestry. In dieser sprachlichen Form und mit klar umrissener Bedeutung gelangte es in die internationale forstliche Fachsprache und kurz nach Gründung der Weltorganisation auch in das Vokabular der Vereinten Nationen. Dort diente es wiederum drei Jahrzehnte später als Vorbild und Blaupause für die moderne Begriffsbildung sustainable development. Von den verschlungenen Wanderwegen des Wortes seit seiner Prägung in der Epoche der Frühaufklärung wird noch die Rede sein.

Formelsammlung

Eine verbindliche und alles umfassende Definition von Nachhaltigkeit gibt es nicht. Dafür ist der Begriff zu komplex und zu dynamisch. Stattdessen sind einige Formeln in Umlauf gekommen, also mehr oder weniger verkürzte, näherungsweise Bestimmungen. Vier solcher Formeln haben den Diskurs bis heute geprägt: Am bekanntesten ist eine Stelle aus dem Brundtland-Bericht der UN von 1987: Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist im Wortlaut die weltweit am häufigsten zitierte Formulierung der Grundidee. Nennen wir sie Formel eins.

Das Dreieck der Nachhaltigkeit ist eine Denkfigur, die nach dem Erdgipfel von Rio 1992 gebräuchlich wurde: Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit sind die drei Eckpunkte eines Dreiecks. Sie sind stets im Zusammenhang, also vernetzt zu denken.

Schlicht und anschaulich ist Formel drei: Nicht mehr Holz fällen als nachwächst. So erklären Forstleute seit 300 Jahren ihren, den klassischen Begriff von Nachhaltigkeit. Damit versucht man heute, auch das erweiterte und erneuerte Konzept anschaulich zu machen.

Formel vier: Die Schöpfung bewahren ist ein Rückgriff auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit ihrem Gebot, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Die Schöpfungsmythen anderer Kulturen haben ganz ähnliche Gebote.

Jede dieser Formeln erfasst Wesentliches. Aber wie bei allem Formelhaften besteht die Gefahr der Verkürzung und der Abnutzung. Tausend Mal gehört und gelesen, verlieren sie vollends ihre inspirierende Kraft.

Doch diese vier Leitsätze lassen sich hervorragend als Navigationssystem nutzen, um in die Geschichte des Begriffs und damit in seine Tiefenschichten einzudringen. Unsere Zeitreise führt in die scheinbar heile Welt der mittelalterlichen Klöster und die Zeit der Kathedralen (Formel vier). Von dort geht es in die geometrisch vermessenen Wälder der Aufklärung (Formel drei), dann in die Epoche unserer Kulturgeschichte, als man »zurück zur Natur« wollte und dabei den Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie entdeckte (Formel zwei). Sie kehrt zurück in unsere Gegenwart der umfassenden Krise, der Erdpolitik und der großen Transformation (Formel eins).

*

Unsere Reise beginnt in der so turbulenten und kreativen Zeit um 1968. Warum da? Das hat mit den geistigen und spirituellen Defiziten der Gegenwart zu tun. Wir haben keine große Erzählung mehr, keine Visionen, die uns beflügeln und antreiben. Dieses Vakuum ist nicht gut. Um die Klimakatastrophe noch im letzten Moment abzubremsen, sagen uns die Experten, bräuchten wir ein neues »Apollo-Projekt«: eine überwölbende Idee, die in kürzester Zeit große Potenziale aktiviert für etwas, das wir machen, koste es, was es wolle. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts war das die Vision, noch in diesem Jahrzehnt Menschen auf den Mond zu bringen – und zurück. Wir brachen auf, um den Mond zu erkunden, aber tatsächlich entdeckten wir die Erde. Der berühmte Satz des Astronauten Eugene Cernan brachte die unverhoffte, die eigentliche Wirkung des Apollo-Projekts zum Ausdruck. So wie in der harten, grauen Schale der Muschel eine zarte, leuchtende Perle entsteht, entsprang einer wachstumsbesessenen, technikgläubigen, expansionistischen Kultur aus der Umkehrung des Blicks ein neuer, erdverbundener zivilisatorischer Entwurf. Sein Leitmotiv wurde: Nachhaltigkeit. Sein Fundament war die Überzeugung: Die Erde ist der schönste Stern am Firmament. Daran lässt sich anknüpfen.

Arbeit am Begriff geht stets Hand in Hand mit der Lust am Bild. Die Bilder – und Ikonen – aus den kulturrevolutionären Bewegungen der sechziger Jahre sind noch präsent. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit abgespeichert, millionenfach reproduziert im Cyberspace des Internet. Mit ein paar Mausklicks lässt sich eine kleine, faszinierende Galerie abrufen. Earthrise – Erdaufgang ist ein erster Suchbegriff.

DREI

»… DER SCHÖNSTE STERN AM FIRMAMENT«

Ikone Erde

Ein paar kalifornische Hippies kamen zuerst auf die Idee. Zeigt uns whole earth, die ganze Erde! So wie sie aus dem Weltall zu sehen ist. Die Botschaft an die NASA, Mitte der sechziger Jahre von einigen Langhaarigen auf Buttons und Aufklebern an der amerikanischen Westküste verbreitet, war ausgesprochen zeitgeistig. Von einem Foto des blauen Planeten versprach man sich in den Hochburgen der Gegenkultur eine bewusstseinserweiternde Wirkung, wie von einer euphorisierenden Droge. Die NASA war zunächst an ganz anderen Bildern interessiert: an Aufnahmen von potenziellen Landeplätzen, letztlich an einem Foto der amerikanischen Flagge auf dem Mond. Doch sehr bald kam es auch dort zu einer Kursänderung.

1968 war es so weit. An Heiligabend sah die Menschheit sich selbst und ihren Planeten zum ersten Mal von außen. Über dem Horizont einer grauen, steinernen, öden Mondlandschaft hob sich die Erde aus der Schwärze des Weltalls. Auf der 400.000 Kilometer entfernten Erde läuft in diesem Moment die Tag-Nacht-Grenze in einem Halbkreis durch Afrika und berührt an ihrem linken Rand die Antarktis. Der Atlantik ist zu sehen. Amerika, der Nordpol und Europa liegen unter dichten Wolkenwirbeln verborgen. Das Raumschiff Apollo 8 befindet sich auf einer Umlaufbahn um den Mond, etwa 100 Kilometer über der Oberfläche. Die NASA sucht nach einem geeigneten Platz für die erste Mondlandung, die für 1969 geplant ist. Stunden später – immer noch Heiligabend – sendet Apollo 8 Fernsehbilder zur Erde. Anders und Lovell, die Astronauten, begleiten sie mit einer Lesung aus der Schöpfungsgeschichte. »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …« Sie schließen mit den Worten: »Und Gott sah, dass es gut war.« Sekunden später verschwindet ihr Raumschiff hinter der erdabgewandten Seite des Mondes.

Das Foto vom Erdaufgang hatte eine mobilisierende Wirkung. Ein neues Weltbild, Bild des Planeten, Bild der Menschheit von sich selbst, nahm Konturen an. Der amerikanische Dichter Archibald MacLeish, damals 77 Jahre alt, Veteran des Ersten Weltkriegs, Propagandist von Roosevelts New Deal, hat es in der New York Times verkündet:

Die Erde so zu sehen, wie sie wirklich ist, blau und schön, ein winziges Etwas, das in der lautlosen Ewigkeit schwebt, das bedeutet, dass wir uns selbst gemeinsam als Passagiere der Erde sehen, als Brüder auf diesem leuchtenden Planeten inmitten der ewigen Kälte des Alls, als Brüder, die nun endlich wissen, dass sie wahrhaftig Brüder sind.

Dantes mittelalterliche Vorstellung von Himmel und Hölle und dem Menschen als Gegenüber Gottes und Mittelpunkt des Universums sei überwunden. Aber auch die moderne nihilistische Vorstellung von der absurden Existenz des Menschen am Rande einer bedeutungslosen Milchstraße, preisgegeben einer sinnlosen Logik der Gewalt, sei hinfällig. Alle Menschen werden Brüder. An klänge an Schillers Ode »An die Freude« sind unüberhörbar. Der greise Poet artikulierte jedoch den Zeitgeist von 1968: Die euphorische Zuversicht, man erlebe den Anbruch eines new age, eines neuen Zeitalters, oder wie es damals in dem Hippie-Musical Hair hieß: the dawning of the age of Aquarius, die Morgenröte der Wassermann-Ära.

Mit dem Foto vom Earthrise gewann die globale Kultur ein machtvolles Gegenbild zur Ikone des Weltuntergangs, deren düstere, albtraumhafte Macht Denken und Fühlen einer ganzen Generation beherrscht hatte: »Mushroom Cloud«, das apokalyptische Bild des Atompilzes, der alles menschliche Leben auf der Erde auszulöschen droht. Diese nekrophile Bilderwelt entstand zwischen 1944, der ersten Zündung einer Atombombe in der Wüste von New Mexico, und 1963, als ein internationaler Vertrag überirdische Atomtests verbot. Die Fotos zeigen den Moment nach dem Atomblitz. Eine schlanke Säule aus Wasserdampf oder Wüstenstaub steigt von »Ground Zero«, der Stelle, wo die Bombe aufschlug, in den Himmel, dehnt sich wie der Schirm eines Pilzes in die Atmosphäre, bevor sie in Form von todbringenden nuklearen Niederschlägen zur Erde zurückkehrt. Die dunkle Majestät dieser Fotos aus dem Kalten Krieg wirkte lange nach, unterschwellig bis heute. Erst im Kontrast mit der Ikone der Zerstörung lässt sich die befreiende Kraft des Earthrise-Fotos erahnen. Verdoppelt wurde sie durch ein Foto, das vier Jahre später entstand.

Am 7. Dezember 1972, kurz nach Mitternacht Ortszeit, läuft im Kennedy Space Center der Countdown für Apollo 17, den bis heute letzten bemannten Flug zum Mond. Die Abschussrampe ist in gleißendes Flutlicht getaucht. Es beleuchtet die turmhohe, schneeweiße Saturn-V-Trägerrakete mit dem winzigen Raumschiff in der Spitze. Wernher von Brauns Wunderwerk der Technik, die Antwort der Moderne auf die Pyramiden Ägyptens. Ein Millionenpublikum hat sich an der Küste Floridas versammelt, um das grandiose Spektakel aus Licht, Lärm und menschlicher Kühnheit live zu erleben – das Woodstock der Raumfahrt-Freaks. »Liftoff«. Eine Schockwelle bringt die Umgebung zum Beben. In dem Inferno aus Donner, Rauch und Stichflammen hebt die Rakete vom Boden ab, durchstößt den selbst erzeugten Feuerball und entschwindet, einen riesenhaften Schweif aus brennendem Kerosin und Sauerstoff ausstoßend, in südöstlicher Richtung in den dunklen Himmel über der Karibik.

Der perfekte Moment für die Aufnahme kommt sehr bald, nachdem das Raumschiff die Erdumlaufbahn verlassen hat und auf seine elliptische Bahn in Richtung Mond eingeschwenkt ist. Eben noch unter dem enormen Druck, der Körper und Psyche beim Startvorgang belastet, legen die Männer an Bord ihre Raumanzüge ab und tauchen in den Zustand der Schwerelosigkeit ein. In diesem Moment der Loslösung von der Erde wenden sie den Blick zurück. »Ja, der Mond ist da«, berichtet Evans laut NASA-Protokoll 4 Stunden, 47 Minuten und 45 Sekunden nach dem Start an die Bodenstation. Und dann, ekstatisch: »Die Erde ist … das ist die Erde. Wow, was für eine Schönheit.« Minuten später meldet Kommandant Cernan, jetzt sehe er die Erde so voll, wie man sie noch nie gesehen habe. »Und weißt du, sie hängt an keinen Stricken. Sie ist da draußen ganz allein.« Harrison Schmitt gerät ins Schwärmen über dieses »zart aussehende Stück Bläue im Weltraum«. Was ihn und seine Kameraden in den Zustand der Entrückung versetzt, ist der Anblick der von der Sonne voll erleuchteten Tagseite der Erdkugel. Sie sind schon weit genug im All, um die ganze Erde mit einem Blick zu erfassen, aber noch nahe genug, um Wolkenwirbel und Landmassen und die zeitlupenhaft langsame Drehung der Erde erkennen zu können. Noch liegt Afrika in voller Größe im Blickfeld. Gleich wird die östliche Spitze Südamerikas auftauchen. In diesem Augenblick entsteht das klassisch gewordene Foto. Vermutlich ist es Harrison Schmitt, der auf den Auslöser der Hasselblad-Bordkamera drückt. Fünf Stunden nach dem Start, etwa 45.000 Kilometer von der Erde entfernt.

Auf dem Rückflug überfliegt das Raumschiff die Ödnis der erdabgewandten Seite des Mondes. Dann kommt der blaue Planet wieder ins Blickfeld. »Du siehst aus dem Fenster« – erzählte Cernan später –»und blickst, durch 400.000 Kilometer schwarzen Weltraum, zurück auf den schönsten Stern am Firmament. Du verfolgst, wie er sich dreht … und er bewegt sich in einer Schwärze, die nahezu unvorstellbar ist … Du kannst es das Universum nennen. Aber es ist die Unendlichkeit des Raumes und die Unendlichkeit der Zeit.«

Die Landung erfolgt 302 Stunden nach dem Start, 59 Sekunden nach dem vorausberechneten Zeitpunkt, punktgenau im Zielgebiet südwestlich der Samoa-Inseln im südlichen Pazifik. Eine Kapsel von drei Metern Durchmesser, zerbeult, zerschrammt, rußgeschwärzt. Das ist alles, was zwölf Tage nach dem Aufbruch ins All übrig ist. Die drei Astronauten sind laut ersten Untersuchungen bei bester Gesundheit und … extrem glücklich. Am 23. Dezember, pünktlich zu Weihnachten, gibt die NASA ein Foto frei, das Apollo 17 mitgebracht hat. Blue marble avancierte zum meistpublizierten Foto der Mediengeschichte. Was verlieh der Aufnahme seine einzigartige Aura?

Die Flugbahn des Raumschiffs kreuzt im Moment der Aufnahme gerade die imaginäre Verbindungslinie zwischen Sonne und Erde. Die Sonne steht so direkt hinter dem Raumschiff, dass sie die Tagseite der Erde voll erleuchtet. Ihr Licht erfasst die ganze Erde, die gesamte Gestalt, fast ohne beschattete Dämmerungszone. Der Planet schimmert blau. In dieser Farbe erscheint die Atmosphäre, deren Luftmoleküle die Blauanteile des Sonnenlichts zurück werfen. Ein zartblauer Schleier überzieht die Landmassen. In tiefer Bläue leuchten die Ozeane. Zu sehen sind weite Teile des Indischen Ozeans und des südlichen Atlantik. Weiße Wolkenbänder ziehen in riesenhaften Wirbeln durch die Westwindzonen. Die Dynamik der großen Windsysteme wird sichtbar und lässt die zugrunde liegenden Kräfte, die Wirkung der ozeanischen Strömungen und die Macht der Erddrehung ahnen. Der Südpol ist der Sonne zugeneigt. Gletscher und Eisschelf der Antarktis liegen, von Zyklonen umkreist, blendend weiß im Sonnenlicht. Zu sehen ist ganz Afrika, die Wiege der Menschheit, und – am oberen Rand der Erdkugel – Nildelta und Sinai, die Arabische Halbinsel und das östliche Mittelmeer, Zentren früher Hochkulturen. Am Äquator bauen sich Wolkentürme auf und verdecken die Erdoberfläche. Nur schwach dringt das Grün des tropischen Regenwaldgürtels hindurch. Tiefdruckgebiete wechseln mit Hochdruckzonen. Die Atmosphäre ist wolkenlos über der Sahara und dem Sahel im Norden und der Kalahari im Süden. Deutlich treten die warmen, erdigen, rot-gelb-braunen Farbtöne der Wüsten hervor. Die lebenserhaltende Lufthülle der Erde wirkt transparent und hauchdünn, das Pflanzenkleid wie ein zarter Flaum. Nirgendwo wird ein Artefakt als Anzeichen menschlicher Existenz erkennbar. Es ist vielmehr die Biosphäre der Erde, die sie vor allen anderen Gestirnen heraushebt, sie einzigartig macht. Der blaue Planet schwebt, sich um die eigene unsichtbare Achse drehend, in der Leere und Schwärze des unendlichen Alls. Sein Schwebezustand erhöht den Eindruck von traumhafter Schönheit, völliger Einsamkeit und Einzigartigkeit und – nicht zuletzt – großer Verletzlichkeit. Nirgendwo sonst im All eine Spur von Leben. Nur eine Erde. Wir sind allein.

Fragil – zerbrechlich, zart, verletzlich – ist ein Schlüsselbegriff bei der zeitgenössischen Deutung der grandiosen Bilder. An die zwischen 1968 und 1972 entstandenen overview-Fotos koppelten sich die Berichte der Augenzeugen, der amerikanischen Astronauten und russischen Kosmonauten. Sie verstanden sich als ausgestreckte Fühler der Menschheit und deuteten ihre starken Eindrücke mit weitgehend identischen Metaphern. Sehr schnell verdichteten sich diese zu einer großen Erzählung aus wenigen Worten. Darin ist die Rede von der grenzenlosen Majestät, die das funkelnde blauweiße Juwel ausstrahle. Als eine zarte himmelblaue Sphäre, umkränzt von langsam wirbelnden Schleiern, steige die Erdkugel wie eine Perle unergründlich und geheimnisvoll aus einem tiefen Meer empor – ein Saphir auf schwarzem Samt. Blau ist die Farbe, die entsteht, wenn das Sonnenlicht die Lufthülle des Planeten erreicht, wenn sich – bildhaft gesprochen – Himmel und Erde durchdringen. Es ist die Farbe der Mystik, der Transzendenz. Zutiefst beunruhigend erscheint dagegen die Schwärze des Weltraumes in seiner unendlichen Tiefe und völligen Lautlosigkeit. Der starke Kontrast zwischen der Leuchtkraft der Erde, der schwarzen Leere des Alls und der kalten Pracht der Sterne macht die absolute Einzigartigkeit der Erde bewusst. Aber unser gesamter Daseinsbereich ist mit einem einzigen Blick zu erfassen. So eng begrenzt und winzig ist er. Und auf einen Blick ist zu sehen, dass die Erde nicht dem Menschen untertan ist. Aus dem Weltraum ist zu erkennen, dass alle Systeme auf der Erde miteinander verbunden sind. Atmosphäre, Landmassen, Ozeane formen zusammen mit der Biosphäre den Raum des Lebens. Vom Menschen aber – keine Spur. Er ist zu klein, als dass sein Fußabdruck von außen wahrnehmbar wäre. Dieses »einsame, marmorierte, winzige Etwas« aus uralten Meeren und Kontinenten, heißt es in einem Bericht, ist unsere Heimat, während wir durch das Sonnensystem reisen. »Ich habe dabei den ganzen Planeten umarmt und alles Leben auf ihm«, erzählt der Astronaut Russell L. Schweickart, »… und es hat diese Liebkosung erwidert.« Sein russischer Kollege Boris Wolynow ergänzt: »Wenn du die Sonne, die Sterne und unseren Planeten ansiehst … bekommst du eine innigere Beziehung zu allem Lebendigen.«

Der Ton von Staunen und Ehrfurcht, diese Haltung der Demut bei Menschen, die auf ihren Entdeckungsreisen ins All extremen persönlichen Mut bewiesen hatten, verknüpfte sich unlösbar mit den Fotos. Die Herausforderung an uns alle, so Harrison Schmitt, der Fotograf von blue marble, ist es, diese Heimat zu behüten und zu schützen. Gemeinsam. Als Menschen dieser Erde. Das kühne Abenteuer, das technische Wunder, das ästhetische Faszinosum bekam in dieser modernen Saga eine ethische und spirituelle Dimension. Millionenfach reproduziert wurden die Bilder den Bewohnern des entstehenden globalen Dorfes zugänglich. Sie erforderten kein Wissen über Astronomie, Geografie oder Ökologie. Jeder und jede, auch jeder Analphabet konnte sie betrachten, bestaunen, unmittelbar verstehen. Die Umkehr des Blicks erzeugte ein Wir-Gefühl, das nun nicht mehr nur auf einen Nahraum begrenzt war, sondern die ganze Erde einschloss.

Als ozeanisches Gefühl hatte Sigmund Freud 1930 »die Empfindung der Ewigkeit« beschrieben: als ein Gefühl »wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam Ozeanischem«. Dieser Ausnahmezustand der Selbstentgrenzung, der Ausweitung des Ichs in die Welt hinein, sei, so Freud, jenseits aller Religionssysteme, jenseits jeden Glaubens und jeder Illusion als »religiös« zu bezeichnen. Man hat die beiden Fotos aus dem All als Ikonen unserer Epoche bezeichnet. Eine Ikone ist im Verständnis der russisch-orthodoxen Kirche, aus der die Ikonenverehrung kommt, mehr als ein Abbild. Auch mehr als ein Sinnbild. Ihre Bildmagie gebe vielmehr die Sicht auf das Geheimnis frei. Sie öffne ein Fenster zur Ewigkeit. Auf eine unerklärliche Weise sei in dem Bild das Heilige selbst anwesend. In der Ikone aus dem Kosmos sahen wir zum ersten Mal das Antlitz von Gaia – Mutter Erde.

15 Jahre nach dem letzten Mondflug erschien der Brundtland-Bericht der UN. Seine ersten Sätze zeigen, wie stark der Entwurf der Nachhaltigkeit von dem neuen Weltbild geprägt war:

In der Mitte des 20. Jahrhunderts sahen wir zum ersten Mal unseren Planeten aus dem Weltall… Was wir aus dem All sehen, ist eine kleine und zerbrechliche Kugel, die nicht von menschlichen Aktivitäten und Bauwerken dominiert ist, sondern von einem Muster aus Wolken, Ozeanen, grüner Vegetation und Böden… Die Unfähigkeit der Menschheit, ihr Verhalten diesem Muster anzupassen, verändert die planetarischen Systeme fundamental. Viele dieser Veränderungen sind begleitet von lebensbedrohlichen Gefahren. Diese neue Realität, der wir nicht entfliehen können, müssen wir erkennen und steuern.

Stummer Frühling

Silent spring – Stummer Frühling. Eine geniale Metapher, Titel eines Buches der amerikanischen Meeresbiologin Rachel Carson. Ihr Thema war der Krieg des Menschen gegen die Natur. 1962 ist das Buch erschienen und trug weltweit zum Erwachen des Umweltbewusstseins bei. Stummer Frühling – das bezog sich auf ein zartes Klanggebilde, die so innigen, melodischen, von sehr hoch bis tief auf- und absteigenden Tonketten des Rotkehlchens. Das Tirilieren und Flöten dieses kleinen Singvogels, schon sehr früh morgens und noch spät abends vom Männchen, aber auch vom Weibchen zu hören, empfindet unsere Psyche als ganz besonders aufmunternd. In dieser Metapher ist die einfache Frage aufgehoben: Was verlieren wir, wenn – beispielsweise – der Gesang des Rotkehlchens aus unserer Umwelt (environment) verschwindet? Man kann mit Fug und Recht sagen: Der Entzug von Naturschönheit hat die moderne Umweltbewegung in Gang gesetzt.

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