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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
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Ulrich Grober Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

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Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alles Leben in Harmonie mit seiner Umgebung zu leben schien. So setzt die Fabel für morgen im Anfangskapitel von Rachel Carsons Buch ein. Das Städtchen lag inmitten blühender Farmen mit Kornfeldern, deren Gevierte an Schachbretter erinnerten, und mit Obstgärten an den Hängen der Hügel, wo im Frühling Wolken weißer Blüten über die grünen Felder trieben… Das Bild einer heilen Welt, und dann der Schock: Eine seltsame Seuche tauchte in der Gegend auf und unter ihrem Pesthauch begann sich alles zu verwandeln. Der nächste Frühling kam. Es herrschte eine ungewöhnliche Stille… Die wenigen Vögel, die sich noch irgendwo blicken ließen, waren dem Tode nah; sie zitterten heftig und konnten nicht mehr fliegen. Es war ein Frühling ohne Stimmen… Schweigen lag über Feldern, Sumpf und Wald.

Die Idylle ist kontaminiert. Das Wort, das Rachel Carson hier benutzt, bedeutet im lateinischen Ursprung nicht nur verschmutzt oder vergiftet, sondern auch: befleckt, besudelt, entweiht. Silent Spring ist die erste frontale Attacke auf die »Todeselixiere« der chemischen Industrie, die ab Mitte der fünfziger Jahre von Flugzeugen aus an vielen Orten der USA flächendeckend versprüht wurden. Zur »Schädlingsbekämpfung«, zum »Schutz« von Pflanzen. Es waren vor allem Frauen, die sich Ende der fünfziger Jahre an die schon berühmte Naturschriftstellerin wandten. Eine Hausfrau aus dem Mittleren Westen schrieb ihr, dass nach einer DDT-Sprühaktion innerhalb eines Jahres sämtliche Rotkehlchen verschwunden seien. Eine Journalistin aus einer Kleinstadt an der Ostküste berichtete, wie nach einem solchen Gifteinsatz sieben Singvögel tot an ihrer Vogeltränke lagen. Eine New Yorker Waldorflehrerin, Besitzerin eines Gartens auf Long Island, in dem sie nach biologisch-dynamischen Verfahren Kräuter und Gemüse anbaute, schickte ihr die Prozessakten eines Gerichtsverfahrens. Sie hatte die Kontaminierung ihres Gartens bis vor den Obersten Gerichtshof gebracht.

Was war der Hintergrund? Um das Ulmensterben durch einen Pilzbefall, der in den fünfziger Jahren in den nordamerikanischen Parks und Alleen grassierte, in den Griff zu bekommen, hatten die Behörden um 1954 begonnen, massiv die Chemikalie DDT einzusetzen. Die Blätter der so behandelten Bäume aber dienten im Herbst den Regenwürmern zur Nahrung. Diese lagerten das Gift in ihrem Gewebe ab. Die Würmer wurden wiederum im Frühjahr von den heimkehrenden Singvögeln gefressen oder an ihre Brut verfüttert. Nahrungsketten wurden zu Todesfallen. Ein Frühling ohne den Morgen-Chorus der Singvögel in Wald, Feld und Garten. Wollen wir das? Wollen wir wirklich darauf verzichten? Ist dieses Naturphänomen nicht ein Element unseres emotionalen Wohlbefindens und damit unseres Wohlstands? Die Frage machte Rachel Carson zum Ausgangspunkt ihres Buches.

Fakten- und materialreich belegt sie die verheerende Wirkung von DDT und anderen Chemikalien auf das Leben im Boden, im Wasser und in der Luft. Mit demselben Zorn prangert die Autorin – beim Schreiben des Buches war sie bereits unheilbar krebskrank – das Strontium 90, die Strahlung aus dem Fall-out der Atombombenversuche, an. Ihre Botschaft: Die Natur schlägt zurück – wenn wir nicht sehr schnell umdenken, die Kontaminierung unserer Welt einstellen und zu den Prinzipien zurückkehren, nach denen die Natur selbst arbeitet. Rachel Carsons Buch befreite die junge, in einer Nische agierende wissenschaftliche Ökologie aus dem Elfenbeinturm und popularisierte deren wesentliche Botschaft: In der Natur ist alles mit allem verbunden.

Nach dem Erscheinen von Silent Spring wurde Rachel Carson in einer beispiellosen, von der chemischen Industrie gesteuerten Medienkampagne als hysterisch, als Lügnerin, Fälscherin und Kommunistin diffamiert. Sie musste sich die Frage gefallen lassen, warum sich eine kinderlose Frau über das Erbgut Sorgen mache. Rachel Carson starb im Frühling 1964. Acht Jahre später, 1972, kündigte der Vertreter der US-Regierung auf dem Stockholmer Umweltgipfel der UN ein Verbot des Einsatzes von DDT in der Landwirtschaft an. Ökologie war zum Anliegen einer weltweiten Bewegung geworden. Der faszinierende Blick auf den blauen Planeten verband sich mit der liebevollen und besorgten Wahrnehmung der Nahräume: Die exquisiten Tonketten des Rotkehlchens draußen im Garten sind im gesamten bisher bekannten Universum einzigartig.

Von der Ökologie her hat sich Rachel Carson dem Begriff der Nachhaltigkeit angenähert. Sie schreibt von der Erhaltung der Erde für zukünftige Generationen. Alles Leben müsse einen Zustand der Anpassung und Balance mit seinen Umgebungen suchen. Das war ihr lebenslanges Thema. Schon 1953 hatte sie in einem Leserbrief an die Washington Post den Raubbau an den Ölvorkommen im Meeresboden angeprangert: Der wahre Reichtum der Nation liegt in den Ressourcen der Erde: Boden, Wasser, Wälder, Mineralien und Wildleben. Sie für die gegenwärtigen Bedürfnisse zu nutzen und gleichzeitig ihre Erhaltung für zukünftige Generationen sicherzustellen, erfordert ein sorgfältig ausgewogenes und langfristig angelegtes Programm. Die Substanz der Brundtland-Formel, formuliert mehr als drei Jahrzehnte vorher von einer prominenten Ökologin und Journalistin.

Dem »Stummen Frühling« hat Rachel Carson eine Widmung vorangestellt: Für Albert Schweitzer, der sagte: Der Mensch hat die Fähigkeit verloren, vorauszublicken und vorzusorgen. Er wird am Ende die Erde zerstören. Gegen den Strich gelesen, enthält das Zitat eine wunderbare Bestimmung von Nachhaltigkeit. Es ist die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen.

*

Im August 1965, drei Jahre nach Erscheinen des »Stummen Frühlings«, fand in der Universitätsstadt Boulder in den Rocky Mountains eine kleine, wenig beachtete wissenschaftliche Tagung statt. Ihr Titel: »Ursachen des Klimawandels«. Das Klima des Planeten, so die anwesenden Experten, sei ein prekäres System mit einem gefährlichen Potenzial zu dramatischen Veränderungen, anfällig für menschliche Interventionen. Der Tagungsleiter Roger Revelle war wie Rachel Carson Meeresforscher. Seine ersten wissenschaftlichen Daten hatte er gewonnen, als er 1946 im Auftrag der US-Navy die Folgen der Atombombentests im Bikini-Atoll in der Südsee untersuchte. Ein Jahr nach der Konferenz von Boulder, 1966, hielt Revelle an der Harvard Universität eine Vorlesung. Im Hörsaal saß ein 18-jähriger Student aus Tennessee namens Al Gore.

Wiederum vier Jahre später, im Sommer 1970, mitten in der kurzen Ära der Mondflüge, feierte das junge Amerika in den Parks der Großstädte und in der wilden und freien Natur des Landes Earth Day. 20 Millionen Menschen protestierten gegen die Zerstörung ihrer Umwelt.

In Deutschland hatte DER SPIEGEL im November 1969 die öffentliche Aufmerksamkeit für das neue Thema entfacht. Titel der Story: Apokalypse 1979 – Der Mensch vergiftet seine Umwelt. Ein Stein war ins Rollen gekommen.

Schrei des Schmetterlings

Neue Inhalte nahm man in jener Zeit nicht allein über Bücher auf, sondern schneller und intensiver noch über eine politisch hellwache und unglaublich kreative Popkultur. Ohne viel Federlesens haben junge Musiker in ihrem Medium die Botschaften der Suchbewegungen poetisiert, radikalisiert und popularisiert. Well, take me back down where cool water flows … Walking along the river road at night, / barefoot girls dancing in the moonlight – green river … Im Sommer 1969, nur ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nach Woodstock, hörte ich den Song im Radio. 2:14 – ein paar sich wiederholende Gitarrenriffs, eine gleichmäßig pulsierende Basslinie, das antreibende Schlagzeug, die raue Stimme eines 24-Jährigen, der von den endlos scheinenden, seligen Sommern seiner Kindheit erzählt, von Tagen und Nächten am grünen Fluss, ersten Schwimmversuchen, nächtlichen Rufen der Ochsenfrösche, barfuß tanzenden Mädchen im Mondlicht. Green River war eine Hymne an die noch unzerstörte große Natur und den Zusammenhalt der Menschen, die in ihr und mit ihr lebten.

Ein Jahr später, im August 1970, war ich nach einer mehrwöchigen Reise per Anhalter quer durch die USA, an der Westküste angekommen. Mit den Leuten, die mich aufgenommen hatten, fuhr ich am nächsten Abend von Berkeley über die Golden Gate Bridge nach San Francisco hinüber. In der lauen Sommernacht hörten wir Green River live von einer weit entfernten Bühne. Creedence Clearwater Revival spielten, wenn ich mich recht erinnere, ein Benefiz-Konzert zugunsten einer frisch gegründeten freien Drogenklinik, und ich lauschte atemlos ihrem Song: … you’re gonna find the world is smouldring / and if you get lost, come on home to green river. Wenn du das Gefühl hast, die Welt gerät in Brand, und du nicht mehr weißt wohin, dann komm heim an den grünen Fluss …

Meine Sternstunde als Rockfan hatte ich zwei Jahre vorher erlebt: Ich war – auch per Anhalter – nach Frankfurt am Main gekommen, um mich für das Wintersemester 1968/69 zu immatrikulieren. Abends spielten The Doors. Das Konzert in der Kongresshalle war kurz und ging tumultartig zu Ende. Nach dem provozierenden Song über den »Unknown Soldier« – mit einer dramatisch inszenierten, von Trommelwirbeln begleiteten Performance einer standrechtlichen Erschießung – verlangten ein paar der vielen anwesenden amerikanischen GIs wütend nach »Light my fire«. Als das Orgel-Intro einsetzte, drängte ein kleiner Trupp Soldaten zur Bühne und schwenkte seine Regimentsfahne. Jim Morrison riss sie ihnen aus den Händen und schleuderte sie mit einer obszönen Geste zerknüllt ins Publikum. Das war’s. Sofort nach dem Song ging das Licht an. Die Doors verließen die Bühne, das Publikum räumte den Saal. Ich blieb. Da ich noch keine Bude hatte und früh am nächsten Morgen nach Hause musste, wollte ich möglichst lange im Warmen bleiben. In der fast leeren Halle machten sich Beleuchter und Putzfrauen an die Arbeit. Doch dann kamen The Doors zurück auf die Bühne, nahmen ihre Instrumente wieder auf und begannen zu jammen.

When the music’s over. Im Mittelteil des Stücks ein sanfter Gitarrenlauf, ruhige Basslinie, verhaltener Gesang: Before I sink into the big sleep / I want to hear the scream of the butterfly. Hier ist nicht mehr wie bei Rachel Carson vom Lied des Rotkehlchens die Rede, sondern surrealistisch vom Schrei des Schmetterlings. I hear a very gentle sound, very soft, very clear. Und dann laut und klar die gesprochene Passage des Stücks: What have they done to the earth? What have they done to our fair sister? Den Krieg gegen die Natur imaginiert Jim Morrison auf der fast dunklen Bühne mal leise, fast verstummend, dann aufschreiend als Vergewaltigung der Erde. Was haben sie der Erde, unserer schönen Schwester, angetan? Ihr die Kleider vom Leib gerissen, sie gefesselt, zu Boden gezerrt, gebissen, ihr Messer in die Seite gestoßen, ihren Körper verwüstet und geplündert. Dann wieder leise: Ich höre einen ganz zarten Ton. Und wie ein Urschrei: We want the world and we want it … now. Now? Now! Gänsehaut pur!

Die Pyramide der Bedürfnisse

1970 erschien in den USA eine Neuausgabe von Abraham Maslows psychologischem Standardwerk »Motivation und Persönlichkeit«. Das Buch, schon in den 1950er Jahren in kleinen Kreisen berühmt, traf nun den Zeitgeist. Maslows Theorie der Grundbedürfnisse hat man in Form einer Pyramide abgebildet. Sie besteht aus fünf Ebenen, die von unten nach oben Bedürfnisse in eine durchlässige Hierarchie bringen. Die Basis bilden die unabweisbaren, das Überleben sichernden körperlichen Bedürfnisse: Nahrung, Wasser und Luft, ein Dach über dem Kopf, die Befriedigung der sexuellen Triebe. Sind diese grundlegenden Bedürfnisse angemessen befriedigt, ist das Grundvertrauen gelegt, sie stets angemessen befriedigen zu können, treten sie im Bewusstsein des Individuums zurück. In den Vordergrund rückt ein neues Bedürfnisensemble: das Streben nach Sicherheit und Geborgenheit, körperlicher Unversehrtheit, Stabilität und Angstfreiheit. Dann folgt die Ebene, auf der die soziale Akzeptanz des Individuums durch seine Umwelt höchste Bedeutung erlangt. Hier geht es um ein Netz liebevoller zwischen menschlicher Beziehungen, um Zuneigung, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und um deren Zusammenhalt. Im Anschluss daran wird der Wunsch nach Herausbildung eines stabilen Selbstwertgefühls mächtig. Respekt und Wertschätzung durch andere rücken in den Vordergrund. Wobei der Respekt, den man sich tatsächlich verdient hat, das Gefühl der Selbstachtung am sichersten stabilisiert. Das Bedürfnis nach Schönheit und das Interesse an Wissen und Erkenntnis kommen ins Spiel.

An der Spitze der Pyramide steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (self-actualization). Es wird zu einer wesentlichen Trieb kraft von Fühlen, Denken und Handeln und kann sogar alle anderen Bedürfnisse zurücktreten lassen. Es bezieht sich auf das zutiefst humane Streben nach einem erfüllten Leben. Mit Nietzsches Lebenskunst-Motto »Werde, der du bist« umreißt Maslow die Bedeutung des neuen Begriffs. Ein Musiker müsse Musik machen, ein Künstler malen, ein Dichter schreiben, um im Einklang mit sich selbst zu leben. Selbstverwirklicher seien Menschen, die sich und ihre Umwelt mit allen Schwächen und Stärken präzise wahrnähmen und grundlegend akzeptierten. Sie verfügten über innere Autonomie und ein stabiles Gemeinschaftsgefühl, über eine große Offenheit und die Fähigkeit, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und zu genießen. Sie seien von überzogenen Scham- und Schuldgefühlen unbelastet und vom Urteil anderer unabhängig. Sie seien jedoch fähig, tiefe Bindungen zu anderen Menschen und zur Natur einzugehen. Der Widerspruch zwischen Selbstbezogenheit und Selbstlosigkeit verschwinde. Selbstverwirklicher widmeten ihr Leben der vollständigen Entwicklung und Ausschöpfung ihrer Anlagen, Möglichkeiten und Potenziale. Fremden und unbekannten Erscheinungen würden sie nicht mit dem Gefühl der Furcht und der Abwehr, sondern mit Neugier, Staunen und Ehrfurcht begegnen. Sie seien problemzentriert und an Lösungen interessiert. Das Geheimnisvolle, das Neue, das Fremde würde sie anlocken und begeistern. Sie folgten der inneren Stimme und einer Berufung, die in der Regel von außen, aus der Gesellschaft komme. Das Streben nach Exzellenz, nach Gipfelerfahrungen und dem Erlebnis der Einheit mit Natur und Kosmos seien wesentliche Elemente von Selbstverwirklichung.

Das Konzept war nicht neu. Maslow hatte es bei dem 1933 in die USA emigrierten deutschen Neurologen und Psychiater Kurt Goldstein gefunden. Der Grundgedanke aber war schon im Bildungsideal der deutschen Klassik angelegt. Wilhelm von Humboldt hatte ihn ausformuliert: Die Entwicklung aller Keime …, die in der individuellen Anlage eines Menschenlebens liegen, halte ich für den wahren Zweck des menschlichen Daseins.

In bewusster Abkehr von den klassischen Schulen der Psychotherapie richtete Maslow den Fokus auf die Faktoren, die seelische Gesundheit und ein gelungenes Leben ausmachen. Unter diesem Aspekt suchte er Versuchspersonen aus. Er ging in die Indianerreservate und interviewte Menschen, die noch nach dem traditionellen Wertekanon ihres Stammes lebten. Er untersuchte die Biografien starker Persönlichkeiten, unter anderem die von Albert Schweitzer, Spinoza und Goethe.

Alle fünf Ebenen seiner Pyramide erfassen Bedürfnisse, die jeder Mensch verspürt. Eine aufsteigende Linie führt zu den »Metabedürfnissen«. Die Stufe der Selbstverwirklichung sei zwar nicht allen möglich, für die Gestaltung einer »good society« sei jedoch entscheidend, dass jeder die gleiche Chance bekäme, einen Zugang zur jeweils höheren Stufe zu bekommen. Hier liegt das dynamische Prinzip in Maslows Hierarchie der Bedürfnisse. Im menschlichen Organismus und im menschlichen Geist existiere eine Tendenz zum inneren Wachstum, zur Verwirklichung aller seiner Fähigkeiten, zu Gipfelerfahrungen. Erst diese Art Wachstum »über sich hinaus« ermögliche Reichtum des inneren Lebens und tieferes Glück. Das gute Leben hängt nun nicht mehr von der Befriedigung der biologischen Grundbedürfnisse durch ein immer größeres Quantum an Waren ab. Entscheidend werden die sinnstiftenden immateriellen Güter, Aktivitäten und Ziele. Armutsbekämpfung ist nicht mehr nur die Beseitigung des Mangels an Gütern und Dienstleistungen. Es geht jetzt auch darum, die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und Identitäten zu erhalten und allen Menschen vielfältige Möglichkeiten zu eröffnen, ein erfülltes Leben zu führen.

Maslows Theorie der Bedürfnisse verband sich in den frühen siebziger Jahren mit dem aufkeimenden Umweltbewusstsein. Aus dieser Kombination ging ein neues politisches und kulturelles Konzept hervor, das seitdem zum festen Bestandteil des Nachhaltigkeitsdenkens gehört: Quality of life – Lebensqualität.

Der Brundtland-Bericht griff das neue Denken auf. Wenn die Bedürfnisse der jetzigen Generation gegen die der zukünftigen Generationen abgewogen werden, sind dort stets die basic needs im Sinne Maslows gemeint, nicht etwa der »Bedarf« einer Überflussgesellschaft. Nachhaltige Entwicklung erfordert es, die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen und die Möglichkeit, sich den Traum von einem besseren Leben zu erfüllen, auf alle auszuweiten.

Die Imagination an die Macht

John Lennons und Yoko Onos Song Imagine entstand im Sommer 1971 im Landhaus des Paares, Tittenhurst Park in Ascot, an der westlichen Peripherie von London. In diesem aristokratischen Ambiente hat das Künstlerehepaar den Song geschrieben und in einem dreiminütigen Videoclip inszeniert und zelebriert. Ein Mausklick, und er ist verfügbar.

Wenn das Piano mit den Anfangstakten beginnt, sieht man die beiden unter dem alten Baumbestand eines Parks im Nebel. Die Kamera zeigt sie von hinten. Ein junges Paar, schwarz gekleidet, Schulter an Schulter, Hand in Hand. Imagine there’s no heaven / It’s easy if you try… Wenn die Stimme einsetzt, kommen sie ins Offene, gehen auf die schneeweiße Hauptfassade eines georgianisch-klassizistischen Herrenhauses zu. No hell below us / Above us only sky… Lennon legt den Arm um die Schulter seiner Frau. Das Paar erreicht das von zwei Säulen verzierte Portal, hält einen Moment inne. Ein Schild kommt ins Bild: This is not here. Wir betreten, so verstehe ich diese Botschaft, nicht ein aristokratisches Herrenhaus, sondern einen Bezirk unseres Bewusstseins: den Sitz der Vorstellungskraft, den inneren Palast, wo die Träume von einer besseren Welt ihren Ursprung haben. Imagine all the people / Living for today… singt die Stimme, während die beiden im Eingang verschwinden. Ein abgedunkelter, halbrunder Raum. Allein durch die Schlitze der Vorhänge fällt etwas Licht. Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do … Yoko Ono, nun in weißem knöchellangem Kleid, öffnet den ersten Vorhang, lässt Tageslicht herein. Nothing to kill or die for / And no religion too … Der Blick fällt auf den an einem weißen Steinway-Flügel sitzenden John Lennon. Imagine all the people / Living life in peace… Von links nach rechts die Fensterfront abschreitend öffnet Yoko Ono Vorhang um Vorhang, flutet den Raum mit Sonnenlicht. Imagine no possessions / I wonder if you can … Lennons feierlicher Gesichtsausdruck kommt groß ins Bild. Sein Blick wechselt zwischen Klaviertasten und Kameraauge. No need for greed or hunger / A brotherhood of man. Das frische Grün des Gartens dringt mit dem Licht in den Raum, während Yoko den nun hellen Raum durchschreitet und neben ihrem Gatten Platz nimmt. Imagine all the people / Sharing all the world… Das Paar ist hinter dem Flügel in der Totalen zu sehen. Ein weißes Stirnband bändigt ihr langes pechschwarzes Haar. Ihr Blick richtet sich nach innen, während er die letzte Strophe beginnt: You may say I’am a dreamer / But I’m not the only one … Sie blicken sich in die Augen. I hope someday you’ll join us / And the world will live as one. Ende des Liedes. Draußen zwitschert ein Vogel. Die Augen leuchten. Ein langer Kuss. Ende des Videos bei 3:14.

*

Imagine wirkte als Hymne einer Generation. Warum? Zum einen war es die Melodie, vom Piano sostenuto gespielt und durch ein raffiniert-schlichtes Streicherarrangement untermalt, von Lennons kraftvoller Stimme gesungen. Der Komponist sprach selbstironisch vom »sugar-coat«, vom Zuckerguss des Songs. Die eingängige und eindringliche Musik verband sich organisch mit der revolutionären Botschaft des Textes. »Ein antireligiöser, antinationalistischer, antikonformistischer, antikapitalistischer Song«, sagte Lennon in einem Interview, »praktisch das Kommunistische Manifest.« Vor allem aber nahm der Song den Zeitgeist auf. Er formuliert die kulturrevolutionäre Gewissheit, dass eine andere Welt möglich ist.

Die Zukunft ist nie die bruchlose Fortsetzung der Gegenwart. Sie wird immer neu gemacht, freilich mit den geistigen und spirituellen Ressourcen der Vergangenheit. Jede schimmernde Perle wächst in einer harten, grauen Muschelschale heran. Das Neue kann nur im Schoß des Alten entstehen. Was jedoch immer wieder erstaunt: In jeder Renaissance, in jeder Epoche des Aufbruchs, erscheinen in verwandelter Gestalt die Bilder, die Grundideen und das Vokabular der Nachhaltigkeit.

VIER

URTEXTE

Sonnengesang

Laudato si, mi signore, cun tucte le tue creature, / spetialmente messor lo frate sole, / lo qual’è iorno, et allumini noi per loi … Gelobet seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen, vor allem dem Herrn Bruder Sonne, der den Tag heraufführt und uns durch sich erhellt.

Der fromme Lobpreis versetzt uns in die Welt der mittelalterlichen Klöster und in die Zeit der Kathedralen. Genauer gesagt, in die Parallelwelt der Einsiedeleien auf durchsonnten Berghöhen, der endlosen staubigen Landstraßen Mittelitaliens, der Dorfarmut und ihrer barfüßigen Propheten. Canticum Solis, der Sonnengesang des Franziskus von Assisi, die mittelalterliche Ode an die Schöpfung, ist wie kein anderer Text aus dieser Epoche in unserem kulturellen Gedächtnis präsent. Sein »ökologischer« Gehalt ist schon häufig bemerkt worden. Der Sonnengesang enthält aber auch das begriffliche Grundgerüst der Nachhaltigkeit. Um in dem alten Erbe den modernen Diskurs wiederzuerkennen, muss man freilich zu den Quellen gehen.

Assisi liegt auf einem Hügel. Nähert man sich zu Fuß, baut sich die Stadt dramatisch vor einem auf: die wuchtige Klosteranlage auf dem westlichen Bergsporn, die rosig schimmernden Häuserfronten der Altstadt, die Ruine der Stauferburg auf der Hügelkrone, das steil ansteigende, bewaldete Massiv des Monte Subasio im Osten. Die Stadt in Umbrien, dem grünen Herzen Italiens, ist ein spirituelles Zentrum des alten Europa.

Dem »genius loci« ist man an zwei Plätzen außerhalb der Stadtmauern besonders nahe. Durch die Porta dei Cappucini, das höchstgelegene Stadttor, gelangt man auf ein zypressengesäumtes Sträßchen, dann auf einen Waldpfad, der den Rücken des Monte Subasio emporsteigt. Zwischen zwei felsigen Hängen liegt dort oben die Einsiedelei Santuario delle Carceri. Sie diente Franziskus als Rückzugsort. Ein Steinbett mit hölzerner Kopfstütze, auf dem er geschlafen haben soll, ist in dem Raum erhalten. In dem Steineichenwald oberhalb stößt man auf Grotten, in denen er gefastet und meditiert hat. Die alte Eiche an der steinernen Brücke nahebei ist der Baum, wo er der Legende nach den Vögeln gepredigt hat.

Der andere magische Ort: die schlichte, von Olivenhainen und Zypressen umgebene Klosteranlage von San Damiano am südlichen Abhang des Hügels, auf dem Assisi thront. Das damals baufällige Gebäude diente dem jungen Franziskus und seiner noch kleinen Schar als erste Unterkunft. Mit eigenen Händen hat er es instand gesetzt und dann seiner Anhängerin und Gefährtin Klara überlassen. Im Gärtchen ihres Klosters baute ihm Klara »aus Gesträuch und Rosenzweigen« ein Zelt, als er im Herbst 1225, schon auf die fünfzig zugehend, am Ende seiner Kräfte, von Augenschmerzen gepeinigt, zur Ruhe kommen wollte. Ein Jahr vor seinem Tod erlebt Franziskus in San Damiano einen »strahlenden Sonnenaufgang in der Seele«, wie der französische Franziskaner Eloi Leclerc schreibt. Im Zustand der Entrückung dichtet Franziskus seine Laudes creaturarum, den Sonnengesang. Codex 338 der Stadtbibliothek von Assisi, datiert mit 1279, ist die älteste erhaltene Handschrift. Ihre Sprache ist das »Volgare«, die frühitalienische Volkssprache, die sich schon deutlich vom lateinischen Ursprung entfernt hat.

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