
Полная версия:
Nicolas Dickner Tarmac
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Während der StyleWriter unsere Aufsätze ausspuckte, bat Hope mich um eine objektive Einschätzung. Reflexartig korrigierte ich zwei, drei Rechtschreibfehler und erklärte, dass es sich um einen sehr guten Text handele, für den sie mit großer Wahrscheinlichkeit eine sehr schlechte Note bekäme. Ich lachte schon bei dem bloßen Gedanken an Madame Michauds entsetztes Gesicht bei der Lektüre.
Wir schauten noch die letzten Nachrichten, dann war nach und nach auf den meisten Kanälen Sendeschluss. Kurz vor Mitternacht beschränkte sich die Auswahl auf David Lettermans Late Night und die achthundertste Wiederholung von Planet der Affen.
Wir entschieden uns selbstverständlich für Planet der Affen.
16. Der Beginn einer neuen Ära
Auf dem Schulhof herrschte der übliche Montagmorgen-Tumult. Nichts ließ darauf schließen, dass nur wenige Tage zuvor in Berlin die Mauer gefallen war.
Diese Schule war von geschichtlichen Ereignissen bestens abgeschirmt.
Auf der Treppe nach oben trafen wir Monsieur Chénard, der eine Papiertüte Zitronen mit sich herumtrug. Seit Jahrzehnten unterrichtete Chénard das Fach Chemie. Er war zur Zeit der großen Wirtschaftskrise geboren worden – also knapp nach der letzten Eiszeit –, galt als ältester Lehrer der Schule und war als Anekdotenonkel verschrien, was ihn zur Zielscheibe für manchen billigen Scherz machte.
Hope konnte ihn gut leiden, wie einen Großvater, den der Zweite Weltkrieg verschont hatte. Oft verbrachte sie ihre Mittagspausen bei ihm im Büro. Chénard stopfte seine Pfeife mit einigen Prisen dubiosen Tabaks, Hope legte ihre Füße auf den Rand des Schreibtischs, und sie diskutierten über Darwinismus, Geologie und Quantenphysik. Auf einem Bücherbrett spielte leise das Radio. Es war nicht einfach irgendein Apparat, sondern das Alter Ego seines Besitzers: ein ehrwürdiges Röhrenradio, durch das einst Eisenhower und Orson Welles zu hören gewesen waren, das mittlerweile aber nur noch den Lokalfunk auf Langwelle empfing.
Kurzum, Chénard mit seinem fleckigen Kittel, der Tüte Zitronen unterm Arm und der Pfeife hinterm Ohr stieg die Treppe in Gegenrichtung hinunter. Er grüßte uns und wechselte mit Hope ein paar Worte über das Geschehen in Berlin.
»Monsieur Chénard, wie alt waren Sie 1945?«, fragte sie plötzlich.
Überrascht zuckte er mit den Schultern:
»Ungefähr vierzehn.«
»Also erinnern Sie sich an Hiroshima?«
»An die Bombe? Ja, daran erinnere ich mich …«
Mit nachdenklichem Blick rückte er die Tüte zurecht: »Ja, an die Bombe erinnere ich mich«, wiederholte er.
Eine Welle Schüler drückte sich maulend an Backbord und Steuerbord vorbei, protestierte gegen das Hindernis, das wir bildeten, und unser alter Chemielehrer wirkte mit einem Mal wie eine dieser Filmfiguren, die unbeweglich in der Mitte eines großen Platzes stehen, während Tausende Statisten im Zeitraffer an ihr vorbeiziehen. Aber Chénard war nur nach außen hin unbeweglich: Unter der Oberfläche wanderte sein Geist mit Lichtgeschwindigkeit zurück in die Vergangenheit:
»Ich erinnere mich vor allem an die Zeitungsberichte. Es war ein Triumph.«
»Ein Triumph?«, rief ich überrascht.
»Aber ja. Kanada hatte beim Manhattan-Projekt mitgemacht. Man verkündete den Beginn einer neuen Ära. Häuser, die mit Kernenergie beheizt würden. Autos, die mit Plutonium führen. Eine unerschöpfliche Energiequelle. Grund genug für mich, in die Wissenschaft zu gehen.«
Leicht verstört, als erwachte er gerade in der Mitte eines Wildbachs, blickte er rechts und links auf die Schüler, die vorbeimarschierten. Er zwinkerte und schien nach einer Entschuldigung zu suchen:
»Mehrere Wissenschaftler fanden durch Hiroshima ihre Berufung, wisst ihr …«
Es schellte zur letzten Stunde, und als hätte sie auf dieses Signal gewartet, gab die Papiertüte nach. Dutzende Zitronen kullerten die Treppe hinunter, sprangen zwischen den Füßen der Schüler über den Boden.
Wir flitzten in unsere Klasse und ließen ihn mit seinen Zitrusfrüchten allein. Hope war allerdings beunruhigt.
»Was glaubst du, hat er mit den Zitronen vor?«
17. Megazitronen
Wenn sich Hope eine Idee in den Kopf gesetzt hatte, gab sie diese, als echte Randall, niemals auf. Sie drehte und wendete sie in alle Richtungen wie einen Zauberwürfel – und dieser Prozess lief im Hintergrund stunden-, manchmal auch tagelang weiter. Den ganzen Tag über sah ich sie Zitronen in unterschiedlichen Größen malen: auf ihr Pult, den Rand ihres Englischhefts und auf ihre Handflächen.
Wir lüfteten das Geheimnis am späteren Nachmittag im Chemielabor: Chénard wollte uns zeigen, wie man aus einer Zitrone eine Batterie bauen konnte!
Der Versuch schien superleicht. Man steckte einfach zwei Elektroden in die arme Frucht und konnte mit Hilfe eines Voltmessers feststellen, dass der Spannungsunterschied einen sehr schwachen Stromfluss entstehen ließ. Der Stromfluss war fast nicht wahrnehmbar – er lag etwa bei 1,5 Volt –, und man hätte mehrere Hundert Zitronen in Reihe schalten müssen, um eine einfache 40-Watt-Birne zum Leuchten zu bringen. Es ging bei dem Versuch natürlich nicht darum, möglichst viel Strom zu erzeugen. Er sollte erklären, welche Rolle Zitronensäure, Zink und Aluminium bei diesem sonderbaren Vorgang spielten.
Hope und ich waren ein gefürchtetes Team – in erster Linie lag das an Hope, muss ich zugeben –, und wir waren mit dem Experiment im Handumdrehen fertig. Während ich unser Versuchsprotokoll gegenlas und die letzten Fehler korrigierte, haderten unsere Nachbarn noch mit der ihnen zugewiesenen Frucht und versuchten erfolglos, ihr den Kupferdraht durch die Schale zu rammen.
Mit einem Skalpell macht Hope sich daran, unsere Zitrone zu sezieren.
»Weißt du, woher das Wort ›Elektrizität‹ kommt?«
»Keine Ahnung.«
»Die Griechen entdeckten die statische Elektrizität durch das Reiben von Bernsteinstücken auf Fell. Auf Griechisch heißt ›Elektron‹ nämlich ›Bernstein‹.«
Hope biss in ein Viertel Zitrone und verzog das Gesicht.
»Kannst du dir vorstellen, was wäre, wenn sie damals mehr mit Zitronen rumprobiert hätten? Dann würde jetzt alles anders heißen. Wir hätten Unterricht in Zitrizität, und die Zitrone wäre eine offizielle elektrische Maßeinheit!«
»Ziemlich absurd.«
»Ja, aber alle Maßeinheiten sind absurd. Egal, ob man Zeit mit einem herunterfallenden Wassertropfen misst oder mit der Schwingdauer eines Cäsiumatoms: All das sind mehr oder weniger genaue Absurditäten. Der Rest ist kulturell.«
Ich bemerkte ein aufgeregtes Funkeln in ihren Augen. Sie schlug in ihrem Chemiebuch die Umrechnungstabellen auf und begann, Rechnungen auf den Seitenrand zu kritzeln und Zahlen in ihren Taschenrechner zu hacken.
»Was machst du da?«
»Ich rechne die Atombombe von Hiroshima in Zitronen um.«
Natürlich, ich hätte nichts anderes vor ihr erwartet.
Hope erklärte, dass ein bisschen Logik und eine Handvoll Angaben genügten, um zu einer vielleicht nicht hundertprozentigen, aber doch aussagekräftigen Voraussage des Ergebnisses zu gelangen – die berühmte Fermi-Methode.
Im vorliegenden Fall konnte man von der Tatsache ausgehen, dass eine Zitrone zwischen 15 und 20 Kalorien enthielt, das entspricht (sie ließ die Finger über ihren Taschenrechner schnellen) einem Durchschnittswert von 73,2 Kilojoule (x). Die Hiroshimabombe wiederum verfügte über eine geschätzte Sprengkraft von 15 Kilotonnen, was ungefähr 6,3 × 1013 Kilojoule (y) ergibt.
Um die Energie der Bombe umzurechnen, reicht es, y durch x zu teilen, was alles in allem 8,6 × 1011 Zitronen oder, etwas handlicher, 860 655 Megazitronen ergibt – oder einfacher gesagt: die Sauerfruchtproduktion Floridas über einen Zeitraum von 6000 Jahren.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.