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Nicolas Dickner Tarmac
Tarmac
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Nicolas Dickner Tarmac

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So landete Mary Hope Juliet in ihrem Kuckucksnest.

5. Eine beunruhigende Logik

Das kleine Mädchen Hope mit ihrem aufmerksamen Blick und dem eigenständigen Wesen weinte selten und verweigerte sehr früh die Brust. Sie besaß nicht die zerbrechliche Schönheit ihrer Mutter, aber es ging von ihrer Erscheinung und ihren Gesten eine nicht zu leugnende Anmut aus. Sie hatte glattes, unfrisierbares Haar, und die Sommersprossen, die im Jahrhundertsommer des Jahres 1977 in ihrem Gesicht auftauchten, vollendeten das Bild eines Findelkindes aus dem hintersten Winkel des amazonischen Regenwalds.

Die Jahre vergingen. Ann sortierte Bücher und hielt sich an die vorgeschriebene Dosierung. Hope besuchte die Grundschule auf der anderen Straßenseite. Sie hatten wenig Freunde, besuchten selten die Familie. Die Randalls trafen sich alle paar Monate auf dem Friedhof, wenn wieder einmal eine Tante oder ein Cousin der persönlichen Apokalypse anheimgefallen war. Und aus diesen Familienzusammenkünften am Grab bestand zu einem wesentlichen Teil ihr gesellschaftliches Leben. Sie führten im Großen und Ganzen ein Leben ohne Überraschungen.

An dem Tag allerdings, als Ann in der Bibliothek kündigte – nicht ohne die Bibelsammlung mitzunehmen, deren Abwesenheit im Übrigen niemand bemerkte –, geriet dieses Leben ins Wanken. Sie verdingte sich daraufhin als Kassiererin bei Sobeys und begann, beachtliche Mengen an Lebensmitteln zu horten – genug, um damit über mehrere Monate eine von der Außenwelt abgeschnittene Großfamilie zu versorgen.

Diese ernährungsphysiologische Auffälligkeit beruhte auf einer beunruhigenden Logik: Ann weigerte sich, Gemüse und frisches Obst zu kaufen – also Essware, die zu raschem Verfall verurteilt war. Ihre Nahrungsauswahl fand in Kubikmetern statt und richtete sich nach Proteingehalt und Nährwert. Aber vor allem nichts Verderbliches. Sie brachte von Sobeys unmäßige Ladungen mit nach Hause: fünf Pfund Reis, zehn Pfund Kartoffeln, vier Dosen rote Bohnen, vier Dosen geschmorte Tomaten, zwanzig Dosen Thunfisch in Olivenöl, zwanzig Dosen Birnen, zwanzig Dosen Pfirsiche, zwanzig Dosen Erbsen – und Ramen, Hunderte von Nudelpäckchen, die sie in jedem freien Winkel verstaute.

Wenn ihre Tochter sie über den Zweck dieser Vorräte befragte, antwortete Ann Randall mit geheimnisvoller Miene:

»Tauschware, wenn die Chinesen kommen.«

Die gerade achteinhalbjährige Hope fand den Humor ihrer Mutter bereits damals suspekt.

6. Russisch zu Hause lernen

Nachdem es einige Jahre stillgehalten hatte, nahm sich das Sozialamt die Akte Ann Randall wieder vor. Ein Routinebesuch hatte in der Tat Anlass zu der Annahme gegeben, dass in dieser Familie tatsächlich nicht alles rund lief. Nicht nur, dass die Erziehungsberechtigte eine psychiatrische Vorgeschichte hatte, sie sammelte auch noch Tausende Päckchen Ramen-Nudeln und stapelweise Sardinendosen. Das war verdächtig.

Glücklicherweise war Hope immer auf der Hut. Jedes Mal, wenn sich ein Sozialarbeiter ankündigte, wischte sie den Boden, goss einen Liter Chlorreiniger in die Toilette, füllte einen hübschen Weidenkorb mit Äpfeln und Orangen. Wenn man sie in sorgfältig hergerichteter Umgebung antraf, konnte Ann Randall fast normal wirken.

Dieser Zirkus wiederholte sich alle sechs Monate, und Hope lernte mit der Zeit immer besser, nach außen die Illusion von Normalität zu erzeugen. Sie hatte schnell verstanden, dass bestimmte Details Verdacht erregten – vor allem eine Wohnung ohne Fernseher. Ein Fernseher war weitaus mehr als ein einfaches Haushaltsgerät, er bewies ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hope durchstöberte also die Abfälle und stieß auf einen alten Schwarzweißfernseher der Marke Zenith. Der untere Teil des Bildschirms wollte zwar kein Bild mehr zeigen, aber solange man ihn nicht anstellte, erfüllte er seinen Zweck aufs Beste.

Sobald der Fernseher seinen Platz im Esszimmer eingenommen hatte, änderte sich die Haltung der Sozialarbeiter. Sie nahmen diese positive Entwicklung zur Kenntnis, und ihre Besuche erfolgten in immer größeren Abständen. Zwischen den Inspektionen musste der Fernseher allerdings verschwinden: Ann Randall verabscheute diesen Apparat, der Netzhautkrebs auslöste und einem das Gehirn zumüllte.

Das Fernsehgerät markierte einen Wendepunkt in Hopes Leben. Bisher war die Bibelsammlung ihrer Mutter ihre einzige Informationsquelle gewesen. Hope hatte einmal die King-James-Bibel gelesen – von der ersten bis zur letzten Seite –, und das hatte ihr wahrlich gereicht!

Von nun an schloss sie sich jeden Abend in ihrem Schrank ein, um die internationalen Nachrichten der CBC News zu sehen, alte Filme aus dem Spätprogramm und vor allem, unverzichtbar, The Nature of Things mit David Suzuki. Astronomie, Genetik, Chemie – sie interessierte sich für alles. Jeden Freitagabend durchquerte die frohe Botschaft, von Vancouver in Britisch-Kolumbien kommend, den Kontinent von Transponder zu Transponder, bis sie schließlich einen jämmerlichen Fernseher in der hintersten Ecke eines Kleiderschranks im neuschottischen Yarmouth erreichte und das Gehirn eines kleinen, wissensdurstigen Mädchens zum Glühen brachte.

Der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Der Amtsantritt von Michael Gorbatschow war ein gutes Vorzeichen. Die Perestroika war ein sehr gutes Vorzeichen und die Glasnost ein sehr, sehr gutes Vorzeichen. Fortan war keine Rede mehr vom nuklearen Holocaust: Man fragte sich, wann es wohl den ersten McDonald’s auf dem Roten Platz geben würde.

Mit ihrem besonderen Gespür für künftige Entwicklungen hatte Hope auf der Suche nach einem Lehrbuch für Russisch per R-Gespräch alle Buchhandlungen in Halifax angerufen. Bei Book Room wurde sie schließlich fündig. Eine Woche später brachte der (fluchende) Postbote drei riesige, in braunes Packpapier eingeschlagene und gut verschnürte Pakete mit 17 Bänden Russisch zu Hause lernen.

Während sich ihre Mutter in der Küche die Nägel abkaute, verbarrikadierte sich Hope im Kleiderschrank, schaltete den Fernseher im Undercovermodus ein und lernte im stroboskopartigen Schein des Bildschirms alles über Personalpronomen, Konjunktionen und Konjugationen.

Sie war gerade bei den ersten unregelmäßigen Verben angelangt, als sich der Zwischenfall in Tschernobyl ereignete.

Ein einfacher Wartungsfehler, dreißig winzige Sekunden Unachtsamkeit, und ein Atomkraftwerk in der weit entfernten Ukraine zerschmolz so leicht wie ein Karamellbonbon auf einer heißen Herdplatte. Hope saß drei Tage lang wie angewachsen vor dem Fernseher. Zum ersten Mal konnte die Welt Stunde um Stunde eine Katastrophe mitverfolgen, die auf sowjetischem Gebiet stattfand – eine Situation, die zwei oder drei Jahre früher an Science-Fiction gegrenzt hätte.

Für Ann Randall hingegen war Tschernobyl eines der Vorzeichen – bis zum Sommer 1989 waren es immerhin nur noch drei Jahre –, und sie litt erneut unter Angstzuständen, begleitet von Schlaflosigkeit und Phasen plötzlicher und unerklärlicher Fiebrigkeit. Etwas Neues kam allerdings hinzu: Seit kurzem sprach sie im Schlaf auf Assyrisch.

Hope tippte darauf, dass es Assyrisch, Hebräisch oder Sumerisch war, auch wenn sie ehrlich gesagt nur wenige Anhaltspunkte hatte. Ihre Mutter schlief jeden Abend beim Lesen einer dicken mehrsprachigen Bibel ein. Vielleicht vollzog sich hier eine Art Kontaminierung? Immerhin stand es fest, dass es bestimmt kein Russisch war.

Für Hope, die Hüterin des häuslichen Gleichgewichts, waren diese apokalyptischen Psychosen nicht einfach ein archaisches Familienerbe, sondern ein echtes Problem. Sie schleppte ihre Erzeugerin also zum Psychiater, der bestätigte, dass die Dosierung des Clozapins, mit der sie über viele Jahre gut gefahren waren, nunmehr erhöht werden musste. Neue Dosierung, neuer Trott.

Woher kam dieser plötzliche Wirkungsabfall? Der Arzt konnte keine genaue Erklärung dafür geben. Er nannte mehrere mögliche Gründe: Fortschreiten der Krankheit, Veränderungen im Metabolismus, Gewöhnungseffekt. Hope dachte bei sich, dass vielleicht eine von der Wissenschaft noch nicht erkannte Unverträglichkeit zwischen Clozapin und den internationalen Nachrichten bestünde.

Doch ganz egal, woran es lag, sie würde von nun an ihre Anstrengungen vervielfachen müssen, um den Kern der Familie stabil zu halten. Ihre Einsamkeit wie auch die Anzahl der wöchentlich im Schrank verbrachten Stunden würde also zunehmen.

Sie fühlte sich von der Situation überfordert, aber wen hätte sie schon um Hilfe bitten können? Gewiss nicht die anderen Randalls, die sie eher tolerierten, als sie wirklich zu akzeptieren. Der Grund dafür lag auf der Hand: Hope hatte ihre kleine Höllentour noch nicht gehabt – und was galt schon eine Randall, die ihr Weltuntergangsdatum nicht kannte? Eine Unter-Randall, ein Wurm, ein Fremdkörper im Orbit des Familienstammbaums.

Hope bewegte sich im Niemandsland zwischen zwei Welten, die ihr jedoch beide verschlossen blieben. Glücklicherweise gab es David Suzuki.

7. Vom Schicksal getroffen

Der Sommer 1989 rückte unaufhaltsam näher.

Hopes Mutter litt unter unbeschreiblicher Angst, verschlimmert durch die Ungewissheit, nicht genau zu wissen, was auf sie zukam. Schon seit einiger Zeit hatte sie damit aufgehört, auch nur die kleinste Pille zu schlucken, und die unangebrochenen Clozapin-Fläschchen stapelten sich in der Hausapotheke. Ergebnis: Sie verbrachte ihre Abende Solitaire spielend am Küchentisch und zuckte beim leisesten Fliegengesumm zusammen, das in ihrer Phantasie sofort zu einer herannahenden Katastrophe wurde.

Durch die Wand war unablässig der Fernseher des Nachbarn zu hören, eine Mischung aus The Price Is Right, Three’s Company und Wok With Yan, untermalt von gelegentlichen Wutausbrüchen, die einem übermäßigen Bierkonsum zugerechnet werden konnten. Das Theater begann täglich um sechs Uhr morgens und dauerte bis Mitternacht – was jeden in den Wahnsinn getrieben hätte –, und Ann Randall baumelte nur noch an einem Finger über dem Abgrund, wie eine Zeichentrickfigur, die am Felsvorsprung hängt.

Ihre Angst schwoll unablässig an, bis eines Nachts im Juli das Fass überlief.

Hope befand sich gerade zwischen zwei Schlafphasen, als ein Porzellanklappern sie weckte. Jemand durchwühlte die Schränke. Sie schlich zur Küche, die aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Mit fiebrigem Blick war ihre Mutter dabei, den Kühlschrank leerzuräumen.

»Was machst du da, Mama?«

Ann Randall fuhr erschreckt herum, wie eine auf frischer Tat ertappte Einbrecherin. Sie musterte ihre Tochter einige Zeit, ohne sie zu erkennen, und räumte dann weiter den Kühlschrank aus.

»Ich packe.«

»Wo willst du hin?«

»Nach Westen.«

Ann Randall glaubte tatsächlich, mit ihrer Flucht nach Westen Zeit zu gewinnen, vielleicht, weil sie die abnehmenden Zeitzonen einkalkulierte. Aber mit größerer Wahrscheinlichkeit beruhte ihre Entscheidung auf einer obskuren biblischen Auslegung der vier Himmelsrichtungen oder einem Song von Led Zeppelin, den sie an diesem Abend im Radio gehört hatte. Wer weiß.

Hope resignierte, stieg aus ihrem Schlafanzug und warf sich die erstbesten Kleider über, die sie greifen konnte. Eine uralte, löchrige Jeans, ein T-Shirt und eine Baseballmütze der New York Mets. Seufzend packte sie ihre Tasche und stopfte auch ein halbes Dutzend ihrer Russischlehrbücher mit hinein. Sie warf einen letzten Blick in den Kleiderschrank – in ihren Kokon mit den Büchern, ihrem Fernseher, ihren Kissen und den David-Suzuki-Postern. Hope wusste bereits, dass sie nicht zurückkehren würden. Sie seufzte erneut. Warum war sie nicht in eine Familie hineingeboren worden, die auf Hirschjagd, Super Bowl oder Lokalpolitik versessen war?

In der Küche räumte ihre Mutter die letzten Vorräte aus dem Kühlschrank. Sie drückte Hope eine Tüte mit Proviant in die Arme.

»Hier, bring das ins Auto.«

Hope gehorchte widerwillig. Vor dem Haus wartete der alte Lada mit weit geöffneten Türen – eine klapprige Kiste, die im Vorjahr als Gebrauchtwagen von den mageren Familienersparnissen angeschafft worden war. Der Kofferraum quoll über vor Taschen, Krimskrams, Kleidern. Sogar den Ersatzreifen hatte Ann Randall herausgenommen, um Platz für ihre Bibelsammlung zu schaffen. Außer dem Fahrersitz waren alle Sitze mit Kisten vollgestellt, und auf dem Boden stapelten sich Mehlsäcke, Kisten mit Ramen-Nudeln, Flaschen mit Relish, Ketchup und Essig, Sojasoße sowie ein paar Senfgläser.

Hope besah sich den armen Lada, der schwer auf seine Stoßdämpfer drückte. Konnte er so überhaupt auf mehr als dreißig Stundenkilometer kommen?

Sie kehrte ins Haus zurück, griff sich im Vorbeigehen ihre Tasche und verschwand rasch im Badezimmer. Ein Stapel mit etwa zwanzig Gläschen Clozapin-Pillen wartete dort in der Hausapotheke. Plötzlich hörte man eine Wagentür zuschlagen: Ann Randall hatte sich ans Steuer gesetzt. Hope warf die Gläschen in ihren Rucksack, zog ein kleingefaltetes Rezept unter der Vaseline hervor und rannte schnell zu ihrer Mutter, bevor diese auf die Idee kam, alleine durchzubrennen.

Die Uhr der Scotiabank zeigte 4:00 Uhr und 12 °C, als die beiden Frauen Yarmouth mit fünfundfünfzig Stundenkilometern verließen – ausgerüstet mit einer Thermosflasche rötlichen Tees und einer zwischen Maine und Témiscouata eingerissenen Straßenkarte.

Hope kauerte sich auf einem freien Stückchen Rückbank zusammen und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Sie legte den Kopf auf ihren Rucksack, in dem die Clozapin-Pillen rasselten wie Rumbakugeln.

Sie erwachte am Vormittag mitten in Neubraunschweig. Ihre Mutter fuhr auf einem Schotterweg, der die Provinz pfostengerade in zwei Teile hieb: eine endlose Trasse gesäumt von Tausenden Hektar Fichten, die allesamt der Sägewerkdynastie Irving gehörten. Über zwei Stunden begegneten ihnen nur Kolonnen von Holztransportern und staubbedeckte Geländefahrzeuge. Irgendwo im Nordwesten der Provinz tauchten sie wieder auf und überquerten die Grenze nach Témiscouata, wo der Himmel die bei Waldbränden typische gelbliche Färbung hatte. Über der Straße flogen wieder und wieder die wasserbeladenen CL-215 hin und her.

Hope war in ihr Russischlehrbuch vertieft und sprach kein Wort. Sie wusste, dass sie auf ihre Fragen bestenfalls ein paar theologische Ungereimtheiten zu hören bekommen würde. Es war ohnehin nur eine einzige Frage von Bedeutung: Wie weit würden sie noch kommen? Ann Randall ließe sich wohl nur vom Pazifik höchstpersönlich aufhalten – und selbst dann wäre es durchaus möglich, dass sie sich kopfüber hineinstürzte. Auf jeden Fall musste etwas unternommen werden. Was würde Hope tun? Ihr blieben noch fünftausend Kilometer, um einen Plan zu schmieden.

Indessen jedoch passierte Folgendes: Das Zentralorgan ihres Kameraden Lada erlitt mitten im Torfmoor ein paar Kilometer südlich von Rivière-du-Loup plötzlich einen Kollaps, das Schicksal hatte ihn (gewissermaßen) dahingerafft. So groß war die Tragweite dieses Ereignisses, dass Mechanik nebensächlich war und es nur noch um Karmafragen ging: fünf überhitzte Ventile auf einen Streich, ein verbrutzelter Vergaser, eine ausgerenkte Kupplung und unzählige lockere Schrauben.

Der zu Hilfe gerufene Mechaniker prüfte Zahnstocher kauend das Fahrzeug auf Herz und Nieren und kam zu dem unwiderruflichen Urteil: kaputt! Es sei sinnvoller, das Wrack zum Kilopreis zu verkaufen, als hier auch nur eine Minute Arbeit zu investieren.

Ann Randall, die sich nach zwölf Stunden am Steuer wieder in einem einigermaßen vernünftigen Zustand befand, zog kurz Bilanz. Zurück konnten sie nicht mehr. Sie löcherte den Mechaniker mit Fragen über Rivière-du-Loup und befand dann, dass diese Stadt bestens geeignet war, um dort auf den Weltuntergang zu warten.

Die beiden Frauen mieteten das alte Zoogeschäft direkt neben den Abluftrohren der Restaurantküche des Chinesischen Gartens. Chinesische und kanadische Spezialitäten. Ein beachtlicher Teil ihrer Ersparnisse ging für die erste Monatsmiete drauf, so dass Ann als Lagerarbeiterin im Industrieviertel anheuern musste, wo eine ganze Horde armer Hunde damit beschäftigt war, in der Volksrepublik China gefertigte Rucksäcke mit Papier auszustopfen. Die Arbeit war erbärmlich, aber reichte zum Auskommen. Und man würde ja bald die endgültige Vernichtung der gesamten zivilisierten Welt, einschließlich der Volksrepublik China, erleben.

Ann Randall stand wankend am Rande des Abgrunds, immer kurz vor einem Rückfall, der allein durch ein winziges Detail verhindert wurde: Hope tat ihr jeden Morgen, ohne dass sie davon wusste, zwei Pillen Clozapin in den Tee.

8. Albert Einsteins vierundzwanzig Anzüge

Als die Schule wieder anfing, klopfte ich morgens beim Zoogeschäft an die Tür. Hopes Mutter war gerade gegangen, und alles, was von ihr geblieben war, war ein Haufen lauwarmer Decken auf der Ausziehcouch. Das war mir nur recht: Ich hatte es nicht eilig, dieses psychiatrische Phänomen kennenzulernen.

Auf dem Weg zur Schule klaute Hope eine Zeitung, die aus einem Briefkasten herausragte. Auf der ersten Seite prangte ein Bild des Planeten Neptun, aufgenommen von der Raumsonde Voyager 2. Da Hope bei mir nicht die nötige Begeisterung dafür entdecken konnte, erklärte sie mir, dass die Sonde 1977 ins All geschossen worden war und dass die zwölf Jahre, die sie bis zu Neptun gebraucht hatte, uns auf ganz wunderbare Weise die unendliche Weite des Universums und die Winzigkeit unserer Erde vor Augen führen würden.

So betrachtet schien die Tatsache, dass die Schule wieder begann, eher unbedeutend. Astronomie ist schon eine tolle Sache.

Auf dem Schulhof wimmelte es von Menschen. Der Unterricht begann in zehn Minuten, und zweitausend Schüler drängten sich vor den Treppenaufgängen. Hope und ich hatten uns in eine ruhige Ecke verzogen und beobachteten von dort das Gewühl. Dann und wann zeigte ich ihr einen Lehrer, der unseres Interesses würdig erschien oder vor dem man sich in Acht nehmen musste. Hope fragte mich, ob es Schüler gab, die ich sehen wollte.

»Nein, nicht wirklich.«

Was natürlich nichts anderes hieß, als dass es im Moment niemanden gab, den ich lieber sehen wollte als Hope.

Mit verschränkten Armen beäugten wir das Kommen und Gehen der Schüler in ihren neuen Klamotten und ausgetüftelten Frisuren und ihrem gepflegt-coolen Wortschatz. Erst da fiel mir auf, dass Hope seit einer Woche dieselben Kleider trug: eine uralte, löchrige Jeans, eine abgewetzte Baseballmütze und ein graues T-Shirt. Aber waren es tatsächlich dieselben? Vielleicht folgte sie dem Beispiel Albert Einsteins, der angeblich vierundzwanzig gleiche Anzüge besaß, um sich nicht lange mit der morgendlichen Kleiderfrage aufzuhalten.

Die Anekdote brachte Hope zum Schmunzeln. Auch sie kannte zwei, drei Dinge über das Leben des großen Physikers. Zum Beispiel hatte Einstein tatsächlich einen Brief an Präsident Roosevelt geschickt, mit der Bitte, die Atombombe zu entwickeln, bevor die Deutschen es täten. Er war wirklich Anhänger des sozialistischen Zionismus gewesen und hatte um 1950 das Amt des israelischen Staatspräsidenten abgelehnt. Und er hatte ehrlich gesagt: »Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Teppichmessern aus dem örtlichen Baumarkt kämpfen.«

Von der Geschichte mit den vierundzwanzig gleichen Anzügen hatte Hope allerdings noch nie gehört.

In Wahrheit trug sie immer dieselben Kleider, weil es die einzigen waren, die sie beim Aufbruch aus Yarmouth hatte mitnehmen können. Jeden Abend wusch sie ihr Oberteil und ihre Unterwäsche im Spülbecken in der Küche, doch nach drei Wochen räumte sie ein, dass es an der Zeit war, bald eine andere Lösung zu finden.

Vielleicht musste man über das System Einsteins noch einmal nachdenken?

9. Die letzte große Phobie

Zur Tagundnachtgleiche des Herbstes hatte Hope sich bereits prächtig an ihr neues Ökosystem angepasst. Man hätte schwören können, sie habe ihr ganzes Leben hier verbracht – sogar ihr sonderbarer Akzent hatte sich ein wenig verloren. Ihr Schlafplatz blieb allerdings nach wie vor die Badewanne, was ich im Hinblick auf die Stabilität ihres geistigen Zustandes als eher beunruhigend empfand. Immer wenn ich in der Randall’schen Zoohandlung aufkreuzte, hatte ich die Befürchtung, den Ort nach einem erneuten nächtlichen psychotischen Anfall verlassen vorzufinden.

Glaubte man Hope, dann machte ich mir unnötige Sorgen: Auf das Clozapin sei Verlass. Dank dieses Wundermoleküls beschränkten sich Madame Randalls große Angstanfälle nur noch auf ein paar kleine, durchaus erträgliche Manien.

Inzwischen sah es in der Zoohandlung immer mehr wie in einer Räuberhöhle oder Junkie-Bude aus – eine Art Wegwerfwohnung. An einem Samstagmorgen nutzten Hope und ich Madame Randalls Abwesenheit und nahmen uns beherzt des Durcheinanders an.

Während ich mir den Besen schnappte, hatte Hope das schmutzige Geschirr mit Spülwasser geflutet. Ein paar Seifenblasen flogen durch die Zoohandlung und spiegelten alles wider, was sie umgab – kleine Sicherheitskopien unseres Universums.

Hope hatte mir ausdrücklich untersagt, etwas auf dem Esstisch auch nur anzurühren. Der Tisch bog sich unter einem riesigen Berg von Papier: Rechnungen, Mondphasen, kabbalistische Diagramme und Ramen-Packungen der Marke Captain Mofuku. Dieses Durcheinander war die letzte »große Phobie«, die ihr das Clozapin noch nicht hatte nehmen können: Madame Randall suchte versessen weiter nach dem Datum ihres Weltuntergangs.

Aus ihrer Sicht war die Situation ganz klar: Wenn die Apokalypse nicht, wie vorgesehen, im Sommer 1989 gekommen war, dann musste der Kalender fehlerhaft gewesen sein. Jeden Abend brütete sie über diesem Problem. Sie berechnete zwischen julianischem und jüdischem Kalender hin und her und behauptete, man habe hier und dort ein paar Schaltjahre nicht beachtet, wetterte gegen Gregor XIII. und verfluchte den inkompetenten Astronomen, der 1847 ein Komma an die falsche Stelle gesetzt hatte.

Madame Randall hatte tatsächlich einen Sprung in der Schüssel. Nachsichtig zuckte Hope die Schultern:

»Das kannst du nicht verstehen. Für einen Randall ist es beruhigend, das Datum des Weltuntergangs zu kennen. Das gibt Halt und Orientierung. Man glaubt, alles unter Kontrolle zu haben.«

Diese Erklärung verwirrte mich. Musste man daraus schließen, dass Hope, die ihre kleine Höllentour noch nicht hinter sich hatte, daran litt, nicht zu wissen, wann das Weltende kam?

Sie brach in Gelächter aus. Wie zum Teufel sollte Mary Hope Juliet Randall, eingefleischte David-Suzuki-Verehrerin vor dem Herrn, Meisterin in Algebra und Molekularchemie, zu solch mittelalterlichen Ansichten kommen!? Das wäre doch lachhaft.

Ich beendete das Thema und schob weiter meinen Haufen Krümel durch den Raum, aber Hope schien dennoch einige Stunden lang nervös zu sein. Wahrscheinlich hatte ich die falsche Schublade aufgemacht.

10. Kalte Fusion

Anfang Oktober setzte Hope sich in den Kopf, Geld auf die hohe Kante zu legen. Nachdem sie den Bereichsleiter des Austragedienstes drei Wochen lang bearbeitet hatte, ließ dieser sie ein Verkaufsgebiet übernehmen – ein Wunder, da diese Gebiete stark geschützte Gefilde waren, die im Prinzip nur vom Vater zum Sohn oder von Bruder zu Bruder weitergereicht wurden.

Jeden Morgen lief Hope mit einer schweren Tasche an der Hüfte von Bungalow zu Bungalow, hielt geschickt eine Zeitung aufgeschlagen und las die Rubrik Internationales. Schwarz wie eine Schornsteinfegerin kehrte sie in die Zoohandlung zurück, duschte, frühstückte, reicherte den Tee ihrer Mutter an – und klopfte dann, pünktlich um halb acht, bei uns an die Tür.

Eines Morgens erschien sie bereits eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, die Nase von Druckerschwärze verschmiert, ihre Tasche über der Schulter und ein Handtuch um den Hals.

»Wusstest du, dass Druckerschwärze zum größten Teil aus Sojaöl besteht?«

»Ach ja?«

»Und daher ist es auch fast unmöglich, sie ohne Seife und warmes Wasser abzubekommen.«

»Aha, verstehe. Schwierigkeiten im Sanitärbereich?«

»Unsere Dusche spuckt nur noch dicke Brocken Rost. Normalerweise reicht ein fester Schlag gegen die Wand, um die Leitung wieder frei zu kriegen, aber heute Morgen war nichts zu machen. Könnte ich kurz duschen?«

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