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Nicolas Dickner Tarmac
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Nicolas Dickner Tarmac

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Natürlich konnte sie das. Ich führte sie hinunter in das Badezimmer im Kellergeschoss. Stimmte die Sache mit dem Sojaöl wirklich? Hope nickte. Nach dem Öl-Embargo der OPEC hatte man die Mineralöle in den Siebzigern durch Sojaöl ersetzt. Manchmal fragte ich mich, was Gutenberg von unserer Zivilisation gehalten hätte.

Hope schloss sich im Badezimmer ein, und ich versuchte, meine Mathehausaufgaben fertig zu bekommen. Die letzte Aufgabe wollte sich einfach nicht lösen lassen – eine Gleichung mit drei besonders fiesen Unbekannten –, doch ich konnte mich unmöglich konzentrieren: Meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Wasserplätschern in der Dusche. Ich zwang mich, die Augen auf das Blatt zu heften, vergeblich. Ich wünschte mir den Röntgenblick. Ich stierte auf die Wand, durchbohrte die Atome, durchdrang das dünne PVC, das Holz, den Dampf und kartographierte Hopes zierliche Figur beim Einseifen.

Als Hope zehn Minuten später barfuß wieder aus dem Bad kam, hatte ich mich auf meinem Lösungsweg verrannt wie nie zuvor. Sie trug Jeans und ein Goldorak-T-Shirt, das ihr ein wenig zu klein war, wodurch sich mein Zustand noch verschlimmerte. (Sie hatte tatsächlich bei Saint-Vincent de Paul einen ganzen Sack Kinderkleider an Land gezogen.)

Mit dem Handtuch um den Hals inspizierte sie die Kellerräume, hielt kurz vor dem Fernseher inne und blieb dann vor dem großen Foto meiner Tante Ida stehen, die stolz vor der familieneigenen Flotte Betonmischer posierte. Neugierig beugte sie sich hinunter zum Messingschild mit der Aufschrift: »Bauermann Beton Inc. – bester Beton seit 1953«.

Hope wickelte das Handtuch wie ein Kalif um den Kopf und trat zu mir:

»Rechenprobleme?«

Ich grunzte. Sie schnappte sich einen Stift, und während sie mit der einen Hand die Haare trockenrubbelte, brachte sie mit der anderen Ordnung in meine Gleichung. Nur wenige Sekunden, und schon wichen die Unbekannten einer eleganten Lösung.

Mit dem Kinn deutete Hope zum Foto meiner Tante Ida.

»Deine Familie handelt mit harten Sachen?«

Ich musste lächeln. In meiner Familie ging es tatsächlich um harte Sachen. Hope wollte unbedingt noch mehr hören, doch gerade da fragte meine Mutter oben von der Treppe herunter, ob wir Waffeln wollten. Eine rein rhetorische Frage. Ich versprach also Hope, ihr bei einer anderen Gelegenheit alles über den Bauermann-Clan zu erzählen, und wir stiegen hinauf ins Erdgeschoss.

Ein süßer Duft durchzog die Küche. Auf dem Tisch standen ein Korb mit Waffeln frisch aus der Mikrowelle, eine Schale Orangen und ein Krug Maissirup. Mein Vater las den Wirtschaftsteil, meine Mutter studierte die Todesanzeigen. Die Kaffeemaschine tat ihre Pflicht. Im Hintergrund dudelte das Radio leise vor sich hin.

Gut gelaunt rief mein Vater Hope zu:

»Na, Fräulein Randall, was gibt’s Neues?«

Hope schenkte ihm ein breites Lächeln und angelte sich drei Waffeln.

»Das Übliche. Großdemonstration gegen das kommunistische Regime in Leipzig. Und die kalte Fusion hat sich doch als ziemlicher Unsinn rausgestellt.«

Während sie sich ein Kilo Nutella auf die Waffeln schmierte, betrachtete ich die Gesichter meiner Eltern. Vergnügen väterlicherseits, Befremden mütterlicherseits. Meine Mutter legte die Zeitung zusammen und fegte mit dem Handrücken ein paar Krümel fort.

»Wie geht’s denn deiner Mutter?«

»Gut, glaube ich. Sie arbeitet viel. Ernährt sich schlecht. Aber wenn Sie wirklich meine Meinung hören wollen, ist kalte Fusion ein interessanteres Thema.«

11. Ein über längere Zeit problemlos bewohnbarer Raum

Hope verbrachte immer mehr Zeit bei uns im Keller. In Anbetracht der, höflich ausgedrückt, ungewöhnlichen Stimmung im Randall’schen Zoogeschäft hielt ich das auch für das Klügste. Sie musste auf andere Gedanken kommen, und während wir unsere Abende vor dem Fernseher verbrachten und uns mit einem Schälchen Knabberbrezeln in unserer Reichweite auf dem großen weichen Sofa fläzten, setzten ihre Russischlehrbücher langsam Staub an.

The Nature of Things war gerade zu Ende, und wir durchschritten die wöchentliche Talsohle: Nach Sensei Suzuki konnte in Hopes Augen nichts wirklich Bestand haben.

Beim Durchzappen der Kanäle stieß ich auf eine Reportage der BBC über die Ausgrabungsarbeiten in Pompeji. Hope gab vor, sich ausschließlich für die Werbung zu interessieren – sicher nur, um mich damit auf die Palme zu bringen. Bei jeder Unterbrechung mimte sie eine Ekstase, fiel in Trance oder suchte nach geheimen Botschaften in den Spots für Tampons (größte Freiheit, ultimatives Gefühl).

Warum interessierten sich die Leute nicht mehr für Archäologie?

Unter der sengenden Sonne wühlten unterbezahlte Praktikanten mit Pinsel und Kelle im Boden herum. Eine italienische Archäologin erklärte eine der großen Besonderheiten dieser Ausgrabungsstelle: Bei den Grabungsarbeiten stieß man hier und dort auf Hohlräume, die durch die Körper der Vulkanopfer entstanden waren. Es genügte, diese mit Gips auszugießen und die Hohlform mit Steinscheren freizulegen, und schon erhielt man das dreidimensionale Abbild eines Pompejaners genau im Augenblick seines Todes. (Dieses Detail konnte Hopes Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick fesseln.)

Die Kamera wanderte durch ein Lager mit Dutzenden solcher Abgüsse. Regalweise lagen dort erstickte römische Bürger, zusammengekrümmt, aneinandergedrückt – eine ganze Bevölkerung wie aus Beton.

Ich fragte mich, ob der Ausbruch des Vesuvs einige Pompejaner möglicherweise bei ihrer letzten Kopulation überrascht hatte, und wenn ja, ob die Archäologen in diesem Fall aussagekräftige Abgüsse davon gemacht hatten.

Hope gähnte, kratzte sich den Bauchnabel. Sie streckte den Arm zur Schüssel, fand darin aber nur noch ein paar Körnchen grobes Salz.

»Gibt’s noch Brezeln?«

Ich reichte ihr die Tüte. Auf dem Bildschirm tauchten Mauerreste mit antiken Graffiti auf. Die Römer hatten nicht bis zur Erfindung der Sprühfarbe gewartet, um öffentliche Wände zu verunstalten. Hope war aufgestanden, tigerte durch das Kellergeschoss und suchte dabei etwas in ihrer Tasche. Sie warf einen längeren Blick auf das Bild meiner Tante Ida mit ihrer Flotte Betonmischer und blieb dann vor meinen Science-Fiction-Romanen stehen.

»Hast du die alle gelesen?«

Ich nickte. Sie wischte sich die Finger an ihrer Jeans ab, zog Isaac Asimov aus dem Regal und blätterte darin.

»Und wo kaufst du die?«

»Bei Youri. Ein Secondhand-Buchladen in der Rue Lafontaine.«

Sie ließ den Blick von oben bis unten über das Regal schweifen und kniete sich schließlich vor die Archäologiebücher auf dem untersten Bücherbrett. Und natürlich entlockte ihr dieses Nebeneinander ein Lächeln: Wie die meisten meiner Zeitgenossen konnte auch Hope nur schwerlich die naturbedingte Komplementarität zwischen Science-Fiction und Archäologie nachvollziehen.

Die Reportage ging zu Ende, und Hope verlangte umgehend nach aktuellen Nachrichten. Ich drückte auf die Fernbedienung, gerade noch rechtzeitig, um mitzubekommen, wie der Nachrichtensprecher die großen Schlagzeilen verkündete: verheerend, Taifun, Thailand.

Gay war der heftigste Taifun, der die Malaiische Halbinsel seit Jahrzehnten heimgesucht hatte. Dabei erreichte er Windgeschwindigkeiten bis fast zweihundert Stundenkilometer, man sah ein kleines Haus wie eine leere Pappschachtel davonfliegen – ein Bild des Grauens. Hätte unser Bungalow besser standgehalten?

»Interessante Frage«, murmelte Hope.

Sie besah sich unser Kellergeschoss genau, bevor sie erklärte, dass der nordamerikanische Bungalow bei eingehender Betrachtung gewisse Eigenschaften eines Bunkers aufweise. Er sei eine der wenigen modernen Behausungen, die zu fünfzig Prozent unter der Erdoberfläche lagen.

»Früher hatten die Häuser einfache Keller, Krypten, Vorratsräume, Hohlräume zur Verlegung von Rohrleitungen oder Verstecke für Kalaschnikows. Das Kellergeschoss des nordamerikanischen Bungalows ist jedoch etwas anderes. Es ist isoliert, beheizbar, wohnlich eingerichtet, mit Betten ausgestattet, mit Kühlschränken, Kühlkammern, Fernsehern, mit Telefonen und Gesellschaftsspielen.«

»Nicht zu vergessen den Angorateppich!«

»Ganz genau … anders gesagt, ein über längere Zeit problemlos bewohnbarer Raum.«

Während sie sprach, hatte sie eine verlorengegangene Brezel zwischen zwei Sofakissen geborgen.

»Das moderne Kellergeschoss entstand zu Zeiten des Kalten Krieges und ist das Produkt einer zukunftsbesessenen Zivilisation. Aber wenn man genau darüber nachdenkt, haben zuletzt die Steinzeitmenschen so zahlreich unter der Erde gewohnt.«

Sie warf die Brezel hoch in die Luft. Diese beschrieb eine perfekte Parabel, bevor sie zwischen ihren Zähnen landete. Knack.

»Merke: Modernität ist etwas sehr Relatives.«

Ausgefuchste Hope.

Beim Wetterbericht schlief sie ein, den Kopf im Nacken, und murmelte unverständliche Kommentare. Ich stellte den Fernseher leiser, legte Hope eine Decke über die Beine und sah ihr einen Moment lang beim Schlafen zu.

Das menschliche Gehirn verfeuert angeblich ein Fünftel der vom Körper hergestellten Energie, bei Hope war es aber ganz offensichtlich mehr – und während sie mit geschlossenen Augen ruhig vor sich hin atmete, stellte ich mir vor, wie ihr Großhirn in aller Ruhe ein paar Kügelchen Uranium 235 spaltete.

12. Termiten

Wir saßen auf einer Bank des Stadions und streckten uns schlotternd den letzten Strahlen Herbstsonne entgegen. Eisiger Wind kam vom Fluss herauf, und man musste schon Mantel und Mütze tragen. Solche Kälte mitten im November ließ den Beginn einer neuen Eiszeit befürchten. Aus den Schränken meiner Eltern hatte ich für Hope einen alten Mantel organisieren können, der ihr nur ein wenig zu groß war. Sie sah darin aus wie ein Kind, das in einer dicken roten Decke steckte, aber das scherte sie nicht.

Seit einigen Wochen schon verlangte sie nach einer UMFASSENDEN GESCHICHTE DER FAMILIE BAUERMANN – mit allem, was diese an Wahrheiten und Legenden zu bieten hatte –, und zähneklappernd machte ich mich nun daran, ihr alles zu erzählen.

Meine Vorfahren waren Mitte des 19. Jahrhunderts aus Holland nach New Jersey ausgewandert, wo sie zunächst im Maurerhandwerk mitmischten, bevor sie sich langsam auf Zement und Beton spezialisierten. Ihrer Umtriebigkeit war es zu verdanken, dass sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eine der größten Zementfabriken der Region besaßen: Die Bauermann Portland Cement Works.

Die Fabrik befand sich direkt am Ufer des Flusses Fresh Kills, nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an dem später die größte Müllkippe der Welt entstehen sollte. Die größten Fabriken, die gigantischsten Müllkippen – Amerika war ein geheiligtes Land.

Das Goldene Zeitalter der Bauermanns fand zu Beginn des Kalten Krieges sein Ende, als die Mafia die Familie vom regionalen Markt drängte. Natürlich hatten sie versucht standzuhalten, aber nach Dutzenden Handgreiflichkeiten auf den Baustellen, Todesdrohungen, überraschenden Boykotts und einer beträchtlichen Anzahl durch Baseballkeulen zertrümmerter Betonmischerscheiben entschied mein ehrwürdiger Großvater, Wilhelm Bauermann, die Errichtung New Yorks anderen Phantasten zu überlassen.

Der Exodus der Bauermanns erfolgte an einem Morgen im Dezember 1953. Der Familienkonvoi erstreckte sich über mehrere Kilometer der Interstate 87: Betonmischer, Steinbrecher, Kieswaschanlagen und vor allem ein riesiger DRO auf zwei Tiefladern.

»Ein was?«

»Ein DRO. Das ist ein Drehrohrofen. Sieht aus wie ein dickes, leicht geneigtes Rohr. Auf der einen Seite kommen die Rohstoffe hinein, auf der anderen der fertige Klinker heraus, und der Ofen kann Tag und Nacht arbeiten, ohne Unterbrechung.«

»Spannend.«

»Kann ich weitermachen?«

»Bitte doch.«

Die Bauermanns zogen also hoch nach Neuengland, überquerten die kanadische Grenze und machten in Rivière-du-Loup schließlich Halt, im damals noch im Entstehen begriffenen Industriegebiet, nur wenige Kilometer von der Trasse der zukünftigen A 20 entfernt. Aussicht auf vielfältige Betonkonstruktionen.

Die kanadischen Müllhalden waren nicht so gigantisch, die Fabriken kleiner, und so drosselte Familie Bauermann ihren Ehrgeiz. Mein Onkel Kurt sprach manchmal noch von seiner Jugend in New Jersey, der riesigen Fabrik, die niemals ruhte, dem ständigen Hin und Her der Betonmischer, dem Dröhnen der DROs – und vor allem den Kohlebergen, von deren Gipfeln aus man die Skyline von Manhattan im fernen Dunst schimmern sah wie Bagdad aus Tausendundeiner Nacht.

Unsere Familie blieb dem Beton treu. Die Bestimmung der Bauermanns schien festgelegt wie bei einer Kolonie Termiten: Mein Vater leitete die Zementfabrik, mein Onkel Kurt führte das Betonwerk, und meine legendäre Tante Ida herrschte über die Armada der Betonmischer. Sie war die Frau auf dem illustren Foto bei uns im Kellergeschoss: Breitbeinig, mit verschränkten Armen und unerbittlichem Blick posierte sie vor einem Halbkreis chromblitzender Macks. Als ich mir einmal ein geistiges Bild von Hernán Cortés machen wollte, dachte ich an Idas Pose. Die Neue Welt konnte sich warm anziehen.

Hope musste lachen. Übertrieb ich nicht ein bisschen? Nein, ich übertrieb nicht. Für die Bauermanns bedeutete Beton weit mehr als nur Broterwerb: Wir hatten eine zivilisatorische Aufgabe, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde. Wir waren die Erbauer neuer Welten.

»Du übernimmst also einmal alles?«

Damit schnitt sie ein heikles Thema an: Um die Familientradition stand es derzeit nicht zum Besten. Weder Kurt noch Ida hatten Nachkommen, und mein Bruder war mit Antritt seines Psychologiestudiums gerade zum Hochverräter geworden – ein übler Schlag, den mein Vater nur schwer verwinden konnte. Als jüngster Spross der Familie war es nun mein Schicksal, ihm den Todesstoß zu versetzen, und ich fürchtete schon den Tag, an dem ich ihm verkünden musste, Vergleichende Literaturwissenschaft studieren zu wollen, statt den Stab zu übernehmen.

Hopes Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich. Besorgt oder gereizt blickte sie hinüber zu den Bungalows. Ich wollte gerade fragen, was los sei, da fielen neben uns die ersten Hagelkörner. Drei Sekunden später prasselte der Hagelschauer los.

Schnell flüchteten wir in den Spielerunterstand.

Dieses Unwetter war ebenso heftig wie unvorhergesehen: keine Chance, unter dem dröhnenden Dach des Unterstands auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Auf dem Spielfeld sammelten sich Tausende von Hagelkörnern, weiß und makellos wie Styroporkügelchen.

Hope schaute gedankenverloren zu. Das Ende meiner Erzählung hatte sie sichtlich verstimmt, und man musste nicht lange überlegen, um zu verstehen, worin mein Fauxpas bestand: Ich hatte es gewagt, mich über etwas zu beklagen, um das Hope mich beneidete. Ich hatte einen Vater, der sich um mich kümmerte, Erwartungen in mich setzte, sich für meine Zukunft interessierte – auch wenn diese Zukunft, zu meinem Leidwesen, aus einer veralteten Zementfabrik in einem verlorenen Winkel des Landes bestand.

Frau Randall hingegen setzte keinerlei Hoffnung in ihre Tochter. Hope konnte ebenso gut Stripteasetänzerin wie Priesterin einer Pfingstkirche oder Kassiererin bei McDonald’s werden, es machte nicht den geringsten Unterschied.

13. Bitte unter Vermeidung der Verben sein und haben

Nach Schulschluss an einem Freitag wie vielen anderen: Sobald wir im Bunker angekommen waren – so nannte Hope das Kellergeschoss liebevoll –, fuhr ich unseren wahnsinnig leistungsstarken Macintosh SE hoch und warf meine Schultasche in die Ecke. Sie öffnete sich bei der Landung und spie ein paar Blätter aus, unter anderem die Aufgabenstellung für einen Aufsatz, den wir zu schreiben hatten. Ein Thema, in dem alles zusammenkam: »Wie sieht die Welt in der Zukunft aus?« Umfang circa 250 Wörter, bitte unter Vermeidung der Verben sein und haben.

Ich sehe noch deutlich vor mir, mit welcher Begeisterung Madame Michaud uns das Aufsatzthema diktierte, wie sie sich in der Gewissheit sonnte, es handele sich hierbei um ein harmloses, kreatives Thema. Wahrscheinlich erwartete sie die üblichen Klischees: Weltraumtourismus, Roboter als Haushaltshilfe und ein paar neue Pillen gegen Krebs.

Ich starrte eine Zeitlang auf den Bildschirm, seufzte und zog mich zurück auf die Couch, wo ein zerlesener Comic herumlag: Godzilla – König der Monster, im Kampf gegen Captain Amerika. Wahllos blätterte ich darin herum und stieß auf eine Werbung für die Wunderbrille »Amazing X-Ray Vision«, mit der man durch feste Materie (inklusive Frauenbekleidung) hindurchschauen konnte und die für lächerliche zwei US-Dollar feilgeboten wurde. Postanweisung und Bestellcoupon sind zu adressieren an: Postfach 245, Navajo Creek, Nevada.

Der beste Witz seit dem Perpetuum mobile.

Ein Luftstrom durchzog den Raum. Hope betrat den Bunker durch die Hintertür, sie kam mittlerweile herein, ohne zu klopfen. Wahrscheinlich wollte sie den Rechner benutzen, um ihren Aufsatz zu schreiben. Überraschung: Sie trug unter ihrem Arm einen alten roten Schlafsack. Offenbar hatte sie die Absicht, hier die Nacht zu verbringen. Ich erwog sofort das Schlimmste. Sie schleuderte ihre Sachen beiläufig in eine Ecke.

»Hast du die Nachrichten gehört?«

Kopfschütteln. Ich war weder im Bilde über die letzten Erschütterungen in der nicaraguanischen Innenpolitik und an der Tokioter Börse noch über den Grundwasserspiegel im Libanon. Ohne sich von mir beeindrucken zu lassen, machte sie den Fernseher an und ließ sich neben mich fallen. Auf dem Bildschirm sah man ein sonderbares Schauspiel: Auf etwas, das für mich aussah wie ein altes Betonlager, tanzten Hunderte Menschen und lagen sich in den Armen.

Hope schaute mich mit funkelnd blauen Augen an.

»Die Berliner Mauer ist gerade gefallen!«

14. Grenzmauer

Aufgrund eines Versehens eines hohen Funktionärs gestattete die DDR die Ausreise ihrer Staatsbürger von Ost nach West und öffnete etwa zehn Grenzübergänge. Wir erlebten live einen einmaligen Wendepunkt in der Geschichte. Horden feiernder Berliner passierten die Kontrollposten und rückten mit allen verfügbaren Werkzeugen der Mauer zu Leibe: mit Hammer und Meißel und anderen Rammböcken. Bei so viel Optimismus wurde einem ganz warm ums Herz.

Vor dem Brandenburger Tor drückte ein Abrissbagger gegen ein erstes Bauelement der Berliner Mauer, das laut aufs Pflaster knallte. Die Mauer fiel nicht: Sie kippte – mit verunsichernder Leichtigkeit. Ein kleiner Stupser mit dem Bulldozer sollte ausreichen, um das verruchte Bauwerk in die Knie zu zwingen? Mit wachsender Faszination sah ich das Mauerteil wieder und wieder zu Boden krachen. Der Eiserne Vorhang bestand aus Rigipsplatten. Hope zufolge war die Mauer in Wirklichkeit aus Legosteinen.

»Aus Legosteinen?«

»Legosteine aus Stahlbeton, einen Meter breit und vier Meter hoch, mit Fuß in T-Form. Das ist die vierte Generation der Berliner Mauer: das Modell Grenzmauer 75. Modulbauweise, grau und effizient.«

Jeder Tag brachte seine Dosis nutzloses Wissen mit sich.

Auf dem Bildschirm fielen die Mauerteile in immer rasanterem Tempo, und ich fragte mich, was die Deutschen nun mit all diesen Legosteinen vorhatten, die in Berlin im Weg herumlagen. Hope erklärte, dass der Wert eines original Berliner Mauerstücks auf dem lokalen Markt ein kurzzeitiges Hoch erreichen würde, bevor er dann in allen Teilen der freien Welt wieder niedersausen würde.

»Sie werden sicher versuchen, die ganzen Mauerteile in die USA zu verkaufen. Als Trophäen.«

Sie wollte sogar fünf Dollar darauf verwetten, dass in Kürze ein reicher Geschäftsmann versuchen werde, die gesamte Mauer zu erwerben, um sich so das Monopol zu sichern (die Regierung wäre sicher froh, noch etwas Profit aus dieser Sache zu schlagen, die sonst als recht kostspielige Angelegenheit in die Geschichte eingehen würde). Dann werde besagter Geschäftsmann ein Containerschiff chartern und die Mauer, Stück für Stück, sorgfältig nummeriert, bis in die Vorstadt von Orlando transportieren, um in einen fröhlichen Konkurrenzkampf mit Disney World zu treten.

Ich versuchte mir auszumalen, wie dieses Mauer-Land aussehen würde. Trist.

Vor dem Brandenburger Tor brachte derselbe Bagger dasselbe Stück Mauer zu Fall. So jung, wie sie war, wiederholte sich die Geschichte bereits. Hope schien das Gewicht eines Stücks Grenzmauer und die Transportkosten auf dem Seeweg zu überschlagen. Da bemerkte sie auf dem Couchtisch den Comic und die aufgeschlagene Amazing-X-Ray-Brillen-Werbung. Mit hochgezogener Braue überflog sie die Anzeige. Ich bereitete mich auf eine sarkastische Bemerkung vor.

»Ja doch. Du wirst sagen, das verstößt gegen alle Gesetze der modernen Physik …«

»Ich frage mich nur, warum die Jungs nicht einfach versuchen, die Frauen zu überreden, sich auszuziehen, statt solche schwachsinnigen Dinger zu bestellen. Aber, wenn ich ehrlich bin, für zwei Dollar würde ich auch nicht viel ausziehen.«

Sie wackelte mit ihren Zehen in den Wollstrümpfen und sah aus, als schätzte sie gerade den Kaufwert ihrer Füße.

Der Journalist sprach eben von den hundertvierzig Opfern, die die Mauer über die Jahre gefordert hatte, als meine Mutter mit einem Korb schmutziger Wäsche auftauchte. Sie begrüßte Hope – und hatte sofort den mitgebrachten alten Schlafsack auf dem Radar. Alarmstufe rot.

Den Wäschekorb an der Hüfte, positionierte sie sich hinter uns und schaute vermeintlich interessiert zum Bildschirm, wo das Stück Mauer wieder und wieder kippte. Sie hüstelte ein wenig, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen.

»Hope. Sehe ich das richtig, dass du hier übernachten wirst?«

»Wenn es nicht stört.«

»Ich fürchte eher, dass sich deine Mutter daran stört, glaubst du nicht?«

Hope erwiderte, fast heiter, dass man sich darum wirklich keine Sorgen machen müsste – eine Antwort, die meine Mutter keineswegs beruhigen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meine Mutter den Telefonhörer abnahm, um die Zoohandlung anzurufen, die vor kurzem ans Telefonnetz angeschlossen worden war.

Durch einen sonderbaren Zufall war Madame Randall zu Hause.

Nach der üblichen Begrüßung begann meine Mutter, den Grund ihres Anrufs darzulegen. Doch sobald sie mehr als drei Silben gesprochen hatte, übernahm Madame Randall das Gespräch – ohne dass meine Mutter mehr als »ja, ja« oder »nein, nein« einwerfen konnte.

Ich sah, wie ihr Gesichtsausdruck von Höflichkeit zu Unverständnis wechselte, dann zu völliger Bestürzung, nicht ohne zuvor die ganze Bandbreite der Verblüffung gezeigt zu haben. Sie legte auf und verschwand mit ihrem Korb schmutziger Wäsche, ohne noch ein Wort zu sagen – zur Abendbrotzeit aber brachte sie uns chinesisches Essen und eine Familienflasche Star Cola, und wir aßen mit Blick auf das frohlockende Berlin.

Ich weiß nicht, was Madame Randall meiner Mutter erzählt haben mochte, aber von nun an würde sie nie wieder murren, wenn Hope egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit in den Bunker kam, um zu essen, schlafen, arbeiten, lesen, duschen oder einfach die Zeit totzuschlagen. Meine Lieblingsasylantin hatte soeben ihr Dauervisum bekommen.

15. Bumm!

Den Rest des Abends verbrachten wir mit zahlreichen Sondersendungen. In den Werbepausen tippten wir abwechselnd unsere Aufsätze. Aus Ideenmangel bemühte ich ein nicht ganz unbekanntes Thema: Beton. Ich sagte revolutionäre Bauweisen voraus, die bald durch eine Vielzahl neuer Additive möglich werden würden. (Im Sprachregister des Futurismus fand ich das Wort »Additive« recht überzeugend.)

Hope, die wie immer ganz in der Gegenwart lebte, verkündete ihrerseits den Fall des sowjetischen Regimes und das Ende des Kalten Krieges innerhalb der nächsten zwei Jahre und fügte hinzu, dass wir bald keine Angst mehr vor der Atombombe haben müssten. Stattdessen hätten wir von nun an Grund, die veralteten Industrieanlagen der UdSSR zu fürchten – wie es bereits der Störfall in Tschernobyl gezeigt habe. Diese Entwicklung sei um einiges gefährlicher als die Wasserstoffbombe: Die Anlagen stellten eine Art Zeitbombe dar, die niemand kontrollierte, ein Selbstzerstörungsmechanismus im Herzen des Imperium Sovieticum.

Diese Doktorarbeit im Miniaturformat (exakt 250 Worte) überschrieb sie mit dem lakonischen Titel: »Bumm!«

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