Книга Windbruch читать онлайн бесплатно, автор Wolfgang Breuer – Fictionbook, cтраница 3
Wolfgang Breuer Windbruch
Windbruch
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Wolfgang Breuer Windbruch

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Mina schaute ihre Freundin mit großen Augen an. „Ja was, Du wirst eingewiesen?“

„Wird sie“, erklärte Bremer. „In ihrem Zustand setze ich mir da keine Laus in den Pelz. Da gehe ich kein Risiko ein.“

Minas Augen wurden noch größer. „Zustand? Ist der denn so kritisch?“

„Also das können Sie doch am besten beurteilen. Verdacht auf Commotio und schwanger im dritten Monat. Damit macht man keine Späße.“

„Da haben Sie recht“, antwortete Mina, etwas abwesend. Um dann allerdings herumzufahren. „Schwanger? Wer ist hier schwanger. Du?“

Die Freundin nickte fast verschämt.

„Hey, das ist ja Wahnsinn. Glückwunsch, meine Süße.“ Sie neigte sich runter zu Ronja und umarmte sie vorsichtig. „Seit wann weißt Du's denn?“

„Seit gestern Nachmittag.“

„Und, was sagt Leon? Freut er sich?“ Doch sofort zuckte sie zusammen. ‚Das hätte ich jetzt wohl besser nicht gefragt.’

„Du weißt es also schon?“, fragte die Freundin, die bemerkt hatte, wie Minas Körper sich schlagartig straffte.

„Was weiß ich?“, fragte die scheinheilig.

„Na, dass ich einfach keinen Kontakt zu ihm bekomme.“

„Zu Leon? … Ja. Herr Saßmannshausen hat es mir gesagt. Aber mach´ Dir da mal keine so großen Gedanken. Das ist doch kein Wunder, bei dem Hundewetter sind alle Mobilfunknetze total überlastet. Aber wenn was passiert wäre, hättest Du's längst erfahren. Und zwar von offizieller Seite – über Festnetz.“

„Habe ich Frau Körner auch schon gesagt“, unterstützte sie der Arzt. „Ich hoffe, die Aufregung wird sich bald legen und die Freude über das werdende Leben in ihr überwiegen.“

Ronja lächelte tapfer. „Ich hoffe es. Ich hoffe es. Aber wer kümmert sich denn jetzt um unser Haus, wenn ich ins Krankenhaus komme?“

„Keine Sorge“, meldete sich das Energiebündel Mina sofort wieder zu Wort, „ich kann mich kümmern, solange Ihr nicht da seid. Muss nur heute Nachmittag und in der Nacht Dienst machen. Dann hab´ ich sowieso frei. Außerdem hab´ ich den Eindruck, dass Eure Nachbarn hier nicht aufhören werden, bevor das Haus wieder wetterfest ist.“

„Glaube ich auch“, meldete Doktor Bremer vom Fenster. „Unten ist übrigens eben ein Kastenwagen vorgefahren. Kommt von einer Schreinerei. Die Leute tragen gerade einen weißen Türflügel ins Haus. Die haben ganz schön zu kämpfen bei dem Sturm.“

„Das gibt´s doch nicht“, fuhr Ronja hoch. „Wer hat die denn beauftragt?“ Sie wollte gar nicht glauben, was sie da hörte.

Aber der Arzt drückte sie wieder sanft aufs Bett und sagte lachend: „Mit Sicherheit Holger Saßmannshausen.“

„Wie, Sie kennen Holger?“

„Oh ja. Wer kennt den nicht? Das ist'n Macher. Nicht schlecht, wenn man einen solchen Nachbarn hat.“ Dann schaute er wieder aus dem Fenster auf die vom Sturm zerzauste Landschaft. „Mann, wo bleibt denn bloß der Krankenwagen?“

Bei ‚Rommert und Sohn‘ mühte man sich heftig, Kontakt zu Leon zu bekommen. Allerdings nicht nur wegen der mehrmaligen Nachfragen seiner Frau. Man brauchte ihn schlicht als Mann mit Visionen. Einer der Bauherren war mit Änderungswünschen aufgetaucht, die deutlich gegen die Gestaltungssatzung der Kommune verstießen, in der er einen ganzen Wohnpark errichten wollte.

Zwar hatte Pius, die Pfeife, vor Monaten bereits versucht, den Kunden mit eigenen Vorschlägen zu konfrontieren, war aber bei dem Baufinanzier sowas von abgeblitzt, dass er beleidigt den Schwanz einkniff. Allerdings nicht, ohne dem entsetzten Mann mitzuteilen, dass er bald niemanden mehr finden werde, der seine stinkkonservativen Vorstellungen überhaupt noch in eine brauchbare Bauplanung umsetzen werde.

Erst wenige Tage zuvor hatte der Vater dem Junior per familiärem Gnadenerlass wieder den Zutritt zum Planungsbüro gestattet. Aber der unverbesserliche Arroganzling hatte ganz offensichtlich nichts gelernt und gleich wieder den Larry raushängen lassen.

Sein Vater war verzweifelt. „Was denkt sich dieser Leon eigentlich, verdammt noch mal. Einfach telefonisch nicht erreichbar zu sein. Das geht nicht. Das geht einfach nicht!“ Dass sich draußen wettertechnisch richtiggehende Horrorszenarien abspielten, die quer durch die Republik das öffentliche Leben mehr und mehr lahmlegten, das interessierte den Alten nicht.

Erst als ihm seine Frau beim Mittagessen nicht das gewünschte Steak vorsetzen konnte, weil ihrer Erzählung nach der Weg zum Metzger lebensgefährlich gewesen wäre, schaltete Franz Rommert das Radio im Esszimmer ein. Schon die Kurznachrichten ließen ihn gnadenlos zusammenfahren.

„Wenn der Orkan in Luckenwalde das offene Dach der Industrieanlage runterreißt, möchte ich nicht in Körners Haut stecken. Das hat der nämlich verbockt. Dort könnten längst die Wände hochgezogen sein. Wo steckt dieser Kerl bloß?“

„Sag mal“, fragte seine Frau nach, „Du denkst wirklich nur an Deine Geschäfte, die im übrigen ohne Herrn Körner gar nicht denkbar wären. Dass ihm aber vielleicht etwas passiert sein könnte, oder dass er sich vor dem Orkan in Sicherheit gebracht hat, das spielt in Deinen Überlegungen offenbar gar keine Rolle.

Und überhaupt: Hast Du mal darüber nachgedacht, was er alles hat liegen lassen müssen, um den Mist auszubaden, den unser missratener Sprössling verzapft hat? Bei Dir ist logisches Denken mittlerweile offenbar wirklich Glücksache! Und das Wort Empathie bleibt für Dich ewig ein Fremdwort ohne Übersetzung.“

Franz Rommert lief rot an. Augenblicklich wollte er eine Schimpfkanonade loslassen. Aber der Blick seiner Frau ließ jedes Wort in seinem Hals ersterben. ‚Versuch's gar nicht erst‘, sagte der. Und er wusste, was geboten war, wenn er trotzdem aufbegehren würde.

Mina war im Haus Körner nach unten gelaufen, um sich ein Bild von den Aufräumarbeiten machen zu können. Immerhin wollte sie ja das Haus hüten, während Ronja und ihr Mann nicht da waren. Da machte es Sinn zu wissen, was so läuft.

Was sie sah, verblüffte sie. Zwei Schreiner waren dabei, den vom Sturm zerlegten Türflügel durch einen neuen zu ersetzen. Der andere hing schon wieder in seinen erneuerten Angeln.

„Sagen Sie“, fragte sie den ersten der beiden Handwerker, „es kann doch wohl kaum sein, dass Sie den perfekt passenden Türflügel auf Zuruf liefern können. Als unser Haus renoviert wurde, haben wir allein zwei Monate auf Fenster und Türen warten müssen. Und die wurden, jedes für sich, vorher millimetergenau ausgemessen.“

„Das will ich Ihnen gerne sagen, antwortete der zweite Mann, offenbar der Chef. „Als die Körners ihr Haus geplant hatten, sollten ursprünglich sowohl das Wohnzimmer als auch die Küche gleich große Türen zum Balkon hin bekommen. Und die haben wir auch so beim Hersteller in Auftrag gegeben. Dann stellte sich aber heraus, dass die Küche umgeplant werden musste.

Also haben die Bauherren die Tür in der Küche durch ein Fenster ersetzt. Verstehen Sie?“, grinste er Mina an.

„Oh ja, das verstehe ich gut“, grinste sie zurück. „Also hatten Sie eine komplette Tür auf Lager. Falls mal eine kaputt geht. Oder wie?“

„Naja, so ähnlich. Auf jeden Fall gehört sie den Körners. Wir haben sie schließlich nach Maß für sie bestellt. Wenn allerdings jemand gekommen wäre, der die komplette Tür hätte kaufen wollen, dann hätten Leon und Ronja das Geld dafür zurückbekommen. Aber so hatten wir wenigstens gleich passenden Ersatz, als Holger anrief und fragte, ob wir helfen können.“ Dann dreht der Schreiner ab. „Sorry, muss weitermachen, entschuldigen Sie.“

„Aaaaachtung!“, rief es hinter ihr. Als sie sich herumdrehte, fuhren gleich drei Nachbarn nebeneinander mit Besen auf sie zu. Sie schoben eine Menge Schmutz und Scherben vor sich her. „Habt Ihr noch'n Handfeger?“, fragte sie.

„Klar. Komm. Hier ist noch einer.“

Draußen begann der Sturm erneut sein ungutes Pfeifen und Orgeln. Die Jalousie an der ‚Türbaustelle’ wummerte in bedrohlichem Rhythmus hin und her. Doch die Schreiner ließen sich davon nicht beirren und arbeiteten wie im Akkord. Das hier würde für sie sicher nicht ihr einziger Reparaturauftrag heute bleiben. Der Chef wunderte sich ohnehin, dass bis jetzt nicht schon weitere Hilferufe per Handy reingekommen waren.

Am Pult des ‚Leitenden’ summte es. Während des Orkans hatte die Leitstelle in Siegen die 110-Anrufe aus dem Wittgensteiner Land auf die Wache in Berleburg durchgeschaltet. „Polizeinotruf Bad Berleburg“, meldete sich Weinrebe. Auf der anderen Seite war nur ein Knarzen zu hören.

„Hier ist der Notruf, wer ist da bitte?“, wiederholte Sam.

Wieder nur dieses Knarzen – und dann ein tiefer Atmer und ein rollendes, schnell abebbendes Dröhnen.

„Hallo, können Sie mich hören? Wer sind Sie.“

„Tut nichts zur Sache.“

„Befinden Sie sich in einer Notlage?“

„Nein, ich nicht“, kam es sehr dumpf, wie durch Watte gesprochen. Dann wieder Pause und Knarzen.

„Wer ist denn dann in Not?“, hakte Weinrebe beharrlich nach.

„Ein Mann im Kofferraum.“

„Wer?“

„Ein Mann im Kofferraum.“

„Habe ich Sie richtig verstanden? Da ist jemand in einem Kofferraum?“

„Ja“, kam es dumpf zurück.

„Wer ist das?“

„Spielt keine Rolle.“

„Sagen Sie wenigstens, wo das ist?“

„In einem Wald bei Grünewald.“

„Wo genau? Können Sie das sagen?“

‚Klack’. Die Leitung war tot. Sam versuchte zwar noch durch Nachfrage, das Gespräch wiederzubeleben. Doch das war sinnlos. Der Anrufer hatte aufgelegt.

„Scheiße!“, brüllte Weinrebe. „Verfluchte Scheiße! Wie sollen wir den denn finden? Und dann noch bei dem Wetter. ‚In einem Wald bei Grünewald’. Super! Wir haben hier tausend Wälder ‚bei Grünewald’.“

Er brüllte so laut, dass Bernd Dickel, der sich oben seinem Aktenstudium hingegeben hatte, wieder herunterkam und sich nach der Ursache für den Gefühlsausbruch erkundigte.

Weinrebe beschrieb mit hochrotem Kopf die Situation und heischte um Verständnis für seine Wut: „Entschuldige, aber wie sollen wir denn helfen, wenn wir nicht wissen, wo, verdammt noch mal.“

„Is´ ja gut. Aber jetzt hilft eher ein kühler Kopf als jede Aufgeregtheit. Hast Du ´ne Nummer von dem Anrufer?“

„Natürlich nicht. Das wär´ ja auch zu einfach, Chef“, grinste Weinrebe verkniffen. „Die war unterdrückt.“

„Fangschaltung aktiviert?“

„Dafür war der Anruf zu kurz.“

„Mist!“

„Siehste. Ich sag´ ja, das ist ´ne verdammte … Kacke.“

„Okay, lass´ mal den Anruf hören. Vielleicht kann man da was draus erkennen.“

Sam gab zwei Befehle auf dem Display im Funktisch ein und ließ das Gespräch über Lautsprecher laufen.

„Ach du lieber Gott, das kann ja jeder sein, so gedämpft und mumpfig wie das ist. Für eine Identifizierung der Stimme wahrscheinlich überhaupt nicht zu gebrauchen. So eine verd…“ Dickel bremste sich noch rechtzeitig.

„Ich glaub´, wir sollten die Kollegen von der Kripo um Hilfe bitten“, meinte Weinrebe. „Vielleicht kann Sven Lukas da noch was rausfiltern.“ Der Kollege Lukas, wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten im elektronischen und digitalen Bereich auch ‚der Freak’ genannt, hatte schon öfter mal unglaubliche Erfolge gefeiert, wo andere Spezialisten längst baden gegangen waren.

„Gute Idee, mach´ das“, antwortete Bernd Dickel. „Ich alarmiere schon mal, was wir alarmieren können. Vorsichtshalber auch schon mal ´ne Hundertschaft. Wir können ja hier nicht die Hände in den Schoß legen. Aber bei dem Sturm … Mann, wie soll denn das gehen?“ Der Revierleiter raufte sich die Lockenpracht.

Der ‚Freak’ war sofort angefixt von seinem neuen Auftrag, den er mit Freuden übernahm. „Wär´ doch gelacht, wenn wir dem Menschen nicht auf die Spur kämen“, quittierte er Weinrebes Bitte um möglichst schnelle Ergebnisse. Doch beim Anhören des Gesprächs verfinsterte sich seine Miene zusehends. „Ach du dickes Ei“, murmelte er vor sich hin, „wie beschissen abgefahren ist das denn?“

Sein Hirnschmalz schien in Nullkommanix dem Siedepunkt entgegen zu kochen, während er sich die Stimme und das Geknarze wieder und wieder anhörte. Dann geriet er in Hektik. „Action!“, brüllte er und raste mit beiden Händen über das Mischpult, um hier einen Regler hochzufahren und dort einen Knopf zu drücken. Oben drüber flammte ein Display auf, das die einzelnen Funktionen des Pultes elektronisch abbildete.

Zehn Minuten später öffnete Sven die Tür seines ‚Labors’ und rief in den Flur: „Hat mal jemand Zeit? Kann mal jemand kommen?“

„Momääähääänt!“, rief's aus Borns Büro. Claudia Siegemund bat ebenfalls um etwas Geduld. Aber kurz darauf waren sie zu dritt und lauschten den Tönen, die aus den großen Boxen kamen. Sie hörten eine merklich zurückgenommene Stimme, die einem Mann um die dreißig gehören konnte. „Schon mal gehört?“, fragte der Freak die Kollegen.

„Nein.“ Beide schüttelten den Kopf. „Wieso, was is´n mit dem?“, wollte Claudia wissen. Denn Sven hatte lediglich ein Gesprächsfragment in mehreren Varianten vorgespielt. Aus dem hatte er die Stimme am besten herausextrahieren können.

„Hallo, können Sie mich hören? Wer sind Sie?“ „Tut nichts zur Sache.“ „Befinden Sie sich in einer Notlage?“ „Nein, ich nicht.“

„Der weiß angeblich von einem Menschen in einem Kofferraum, der in Not ist. Erklärt aber nicht genau, wo das ist. ‚In einem Wald bei Grünewald’ hat er gesagt. So ein Vollidiot, dieser Typ!“

„Wie denn jetzt? Ein Entführer, den sein Gewissen plagt? Oder wie muss man das verstehen?“ Pattrick Born guckte ein wenig schräg, während er mit den Fingernägeln der rechten Hand fortwährend über die textile Hülle seines rechten Oberschenkels schabte. Den beiden anderen stellte sich eine Gänsehaut auf.

„Mensch, kannste das mal lassen?“, bat Claudia.

„Was denn?“, fragte Born zurück, während er eifrig weiter schabte.

„Hör bitte mal auf zu kratzen. Ich frier´ gottserbärmlich, wenn ich das höre.“

„Och Mensch, das juckt halt so.“

„Da gibt´s ´ne Lösung“, schaltete sich der ‚Freak’ lachend ein, „manchmal hilft waschen.“

„Werd´s mal probieren. Also los jetzt, was will dieser Vogel?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber wahrscheinlich hast Du recht. Da hat einer einen anderen in einen Kofferraum gesteckt – aus welchem Grund auch immer. Und jetzt geht ihm die Muffe“, dozierte Sven Lukas.

„Ja, aber warum lässt er ihn nicht einfach wieder raus?“, wollte die Kollegin wissen.

Born überlegte. „Vielleicht, weil das ein fremdes Auto war, das jetzt weg ist und an das er deshalb nicht mehr rankommt. Ach nee, geht ja nicht. Dann wüsste er ja nicht, wo´s steht.“

Claudia nickte. „Ich glaub´ eher, der Anrufer kann nicht mehr an den Wagen ran, weil er weiter weg ist. Oder weil ihm irgendwas den Weg versperrt.“

„Ja, natürlich“, sprang Pattrick auf, „vielleicht ein Baum, oder ein ganzer Wald. Draußen liegen zurzeit jede Menge Wälder rum. Wo sollen wir zuerst suchen?“

Der Sarkasmus in seiner Stimme war unüberhörbar. Es glich einer Art vorzeitiger Kapitulation. Und im Grunde genommen hatte er recht. ‚In einem Wald bei Grünewald’. Wer hätte denn mit dem Finger auf den Gemarkungsplan zeigen und sagen können: „Hier ist es!?“ Wo denn da? Dort gab´s nur Wald.

Ratlos schauten sich die drei nacheinander an. Dann wollte Born wissen: „Den Mann im Kofferraum suchen oder den Anrufer? Was ist leichter?“

„Vielleicht den Anrufer“, rief der Freak, „hört mal her. Kann uns unter Umständen weiterhelfen. Aber ihr müsst genau aufpassen.“ Dann startete er eine weitere Toneinspielung. Das Knarzen war nun deutlicher zu hören und undefinierbare Geräusche im Hintergrund.

„Noch mal von vorne bitte. Und lauter“, bat Claudia. Wieder hörten die drei gebannt zu. Und noch mal und noch mal. Dann sagte die Kollegin: „Also, der Anrufer hat auf jeden Fall ein unrasiertes Kinn, vielleicht sogar einen Dreitagebart. Der scheuerte nämlich am Telefon.“

„Wow, ich glaub´, da liegst Du gar nicht so falsch.“ Born nickte anerkennend.

„Und er hat hier aus der Stadt angerufen. Denn wenn man genau aufpasst, hört man im Hintergrund ganz dünne die Uhr vom Schlossturm schlagen. Das Dröhnen ist …“

„Das ist der Sturm, der da gerade so tobt“, legte sich Pattrick fest.

„Glaub´ ich nicht“, war sich Sven ziemlich sicher.

„Ich auch nicht“, meinte auch Claudia. „Ich glaube vielmehr, dass es eine einlaufende Bahn war. Das hört sich hinter verschlossenen Fenstern echt seltsam an.“

„Bingo! Das könnte hinhauen. Du bist ja gut!“ Sven Lukas rief den Berleburger Stadtplan im Internet auf und fuhr mit dem Cursor die Straßen entlang. „Die Position des Anrufers muss auf alle Fälle grob östlich vom Schloss gelegen haben. Und das entweder direkt an der Bahn oder zumindest in Schlagdistanz des Bahnhofs. Sonst hätte man bei dem Sturm, der von Westen kam, weder das Turmglöckchen hören können, noch das Geräusch der Bahn. Das muss mehr über den Boden übertragen worden sein, als durch die Luft.“

„Ihr macht mich fertig“, grinste Pattrick Born. „Dann zeig mal, Sven. Von wo kann der Anruf denn gekommen sein?“

Der ‚Freak‘ fuhr mit dem Mauszeiger auf der Karte ein wenig hin und her. Dann gab er seinen Tipp ab: „Also entweder von oben aus dem Bahnhof. Da gibt es doch Büros, soweit ich weiß. Oder aber von gegenüber aus der Moltkestraße. Und zwar ziemlich in Höhe des Bahnhofs. Das würde nämlich das abrupte Enden dieses Dröhnens erklären.“

Klang logisch. Das mussten die beiden anderen Kollegen zugeben. Mal sehen, was Klaus Klaiser dazu sagen würde. Der hatte eigentlich kurzfristig freigenommen. Weil er seine kleine Familie bei dem Sturm nicht allein lassen wollte. Aber jetzt müssten sie ihn wenigstens telefonisch mit ihren Erkenntnissen konfrontieren.

Bernd Dickel hatte alles mobil gemacht was möglich war. Auch eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei Dortmund. Doch sowohl die, als auch alle anderen Beamten aus dem Stadt- und Kreisgebiet waren zunächst einmal zum Nichtstun verdammt. ‚Friederike‘ rasierte die Landschaft nach wie vor mit einer Gnadenlosigkeit, die kaum zu beschreiben war.

Als sich die Dortmunder gegen Nachmittag schließlich Richtung Wittgenstein in Bewegung gesetzt hatten, mussten sie bereits an der Anschlussstelle Lüdenscheid-Nord die Sauerlandlinie wieder verlassen. Auf der Talbrücke Schlittenbach war ein Lastzug umgekippt und hatte die Autobahn blockiert.

An ein Weiterkommen war nicht zu denken. Erst recht nicht ‚über Land‘. Denn auch dort herrschte Chaos pur. So entschied der Hundertschaftsführer den geordneten ‚Rückmarsch‘ der zwölf Mannschaftstransporter in die einstige Bierhauptstadt Europas.

Um 20.33 Uhr hatten sie die Unterkünfte in Eving erreicht. Sechseinhalb Stunden für nicht mal 80 Kilometer Fahrt hin und zurück waren draufgegangen bei dem Versuch, Bad Berleburg zu erreichen.

Man werde es tags darauf wieder versuchen, ließ die Einsatzzentrale Berleburgs Revierleiter wissen. Und der hatte ein Einsehen. Es war den ganzen Tag über einfach viel zu gefährlich für einen Sucheinsatz wer weiß wo. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit geht auch für die Beamten vor.

Leon Körner hatte bereits lange vorher sein Gefühl in den Händen verloren. Und auch die Füße fühlten sich eher wie Schwämme am unteren Ende der Beine an. Je mehr deren Besitzer sich mühte, aus der Fesselung herauszukommen, umso mehr schwollen die Extremitäten an. Weil der Blutfluss nicht ausreichend garantiert war.

Wer weiß, wofür das gut war. Womöglich hätte der Ingenieur ansonsten die fast unerträgliche Kälte unter Finger- und Fußnägeln zu spüren bekommen. Und er hätte nichts dagegen unternehmen können.

Hunger bohrte in seinem Magen. Und Durst. Aber noch viel schlimmer war der Pegelstand seiner Blase. Leon hatte das Gefühl, kurz vor´m Platzen zu stehen.

Wieder donnerte und tobte es draußen. Und das Schaben auf dem Kofferraumdeckel nahm bedrohliche Formen an.

Plötzlich mischte sich in dieses Horrorkonzert auch noch ein Ächzen und Stöhnen, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es hörte sich an, als öffne sich ein Burgtor, dass schon seit Jahrzehnten keinen Millimeter mehr bewegt worden war. Und dann knallte etwas mit ohrenbetäubendem Lärm auf den Kofferraum, der augenblicklich gut die Hälfte seines Volumens verlor.

Ein aberwitziger Schmerz schoss durch Körners Becken. Auch Brustkorb und Schulter hatte es ganz offensichtlich erwischt, als ein umgeknickter Baum auf das Auto geknallt war. Das Atmen war ihm nahezu unmöglich geworden. Leon japste nur noch. ‚So sieht also jetzt das Ende aus‘, dachte er noch und fühlte sich eigenartig leicht. Dann hüllte ihn eine tiefe Bewusstlosigkeit gnädig ein.

Im Krankenhaus schoss Ronja erschreckt von ihrem Bett hoch. Ihr Kopf dröhnte. Aber sie sah und hörte nichts im Krankenzimmer. Draußen war es bereits dunkel. Nach den ersten Untersuchungen hatte sie in einen leichten Dämmerschlaf gefunden und war durch einen Schrei ihres Mannes geweckt worden. „Leon“, schrie sie auf. „Wo bist Du?“

„Um Himmels Willen, Ronja“, rief Schwester Rebekka, als sie zur Tür hereingestürzt kam. „Was ist denn los?“

„Ich habe Leon schreien hören. Er hat Schmerzen. Das fühle ich.“

Rebekka fühlte nach der Stirn der Kollegin. „Fieber hast Du nicht. Hast Du schlecht geträumt?“

„Nein“, Ronja Körner hielt sich den Kopf. „Ich habe gar nichts geträumt. Nur Leons Schrei habe ich gehört. Mensch, tut doch was! Leon ist in großer Gefahr. Und ich kann ihm nicht helfen.“

„Das ist nur Deine Phantasie, Liebes.“ Rebekka hatte sich auf die Bettkante gesetzt und Ronja sanft ins Kissen zurückgedrückt. „Versuch´, ein bisschen zu schlafen. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen, das weißt Du. Und schon gar nicht in Deinem Zustand. Glückwunsch übrigens“, fügte sie lächelnd an.

„Ich danke Dir, das ist ganz arg lieb von Dir.“ Auch Ronja versuchte zu lächeln. „Trotzdem: Leon ist in großer Gefahr. Das spüre ich überdeutlich. Da stimmt irgendetwas nicht. Wo kann er nur sein?“

„Ich weiß es doch nicht. Wie gerne würde ich Dir helfen und ihn ausfindig machen. Damit Du endlich zur Ruhe kommst.“ Rebekka Meister und ihr Mann Sebastian gehörten zum Bekanntenkreis der Körners. Sie mochten sich, funkten sozusagen auf derselben Wellenlänge. Umso mehr schmerzte es die gleichaltrige Frau, Ronja so leiden zu sehen. Der Summer an der Tür schnarrte. „Sorry“, beendete Schwester Rebekka das Gespräch. „Ich muss. Du weißt …“

Irgendwie war es ihr lieb, dass da ein anderer Patient auf der Station ihrer Hilfe bedurfte. Schnell stand sie auf, warf der Bettlägerigen einen Handkuss zu und verschwand aus dem Zimmer, nachdem sie den Summer abgeschaltet hatte. Ronja blieb im Schein der indirekten Beleuchtung zurück. Sie starrte an die Zimmerdecke und hörte wie in einem Nachklang immer und immer wieder den Schrei ihres geliebten Mannes. Irgendwann schlief sie ein.

Nach einem verdammt langen Tag war Mina gegen Mitternacht vor dem Haus der Körners angekommen. Erst am späten Abend hatte sich der Sturm so weit gelegt, dass man viele Straßen wieder gefahrlos benutzen konnte. Manche allerdings waren nach wie vor gesperrt.

Große Mengen provisorisch geschnittener Baumstämme an den Straßenrändern, Astfetzen auf den Fahrbahnen und jede Menge Unrat an den Häuser- und Mauerecken zeugten noch von dem Unwetter, das Wittgenstein heimgesucht hatte. Die Schäden waren beträchtlich.

Vor allem in den Wäldern hatte ‚Friedrike‘ übel gehaust und reiche Nahrung unter den 70, 80 Jahre alten Fichten gefunden, die noch zehn Jahre zuvor den Orkan Kyrill überstanden hatten.

Natürlich war Mina vor ihrem Trip nach Berghausen noch daheim in Diedenshausen gewesen. Die vielen Radiomeldungen von Gebäudeschäden und Zerstörungen hatten ihr keine Ruhe gelassen. Doch daheim war alles heil geblieben. Bis auf einen alten Apfelbaum im Garten, der ohnehin früher oder später hätte gefällt werden müssen.

Trotzdem tat ihr der jähe Tod des knorrigen alten Freundes leid. Schon als Kind war sie darin herumgeklettert. Und der gekelterte Saft seiner Früchte war für sie, so lange sie denken konnte, etwas Besonderes gewesen.

Etwas traurig packte sie ein paar Sachen ein, die sie für die Übernachtung brauchte und machte sich dann auf den Weg zum Haus der Freundin. Versprochen war schließlich versprochen.

Das Garagentor der Körners zierte eine dicke Kunststofffolie. Das Loch war wetterfest verschlossen. ‚Haben offenbar die Nachbarn noch draufgeklebt‘, dachte sich Ronjas Freundin. ‚Das sind echt patente Leute. Was die allein in der Zeit geschuftet haben, während ich da war, das geht auf keine Kuhhaut.’

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