
Полная версия:
Wolfgang Breuer Windbruch
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Sicher, die Männer taten ihr leid. Aber Mina musste dringend nach Berghausen. Und daher war für sie im Moment jeder, der auch nur geringfügig die Straße versperrte, ein potenzieller Störenfried. Ohne die Feuerwehrleute wären die Menschen an der Elsoff allerdings aufgeschmissen gewesen.
Mina drehte ihren Wagen um und jagte ihn, immer wieder seitlich vom Orkan angegangen, zurück talaufwärts. ‚Telefonieren kannste in der Pfeife rauchen‘, hatte sie festgestellt. Das ‚Tal der Ahnungslosen‘ war von den Mobilfunkanbietern ohnehin nur marginal bedient. Und jetzt, bei diesem irren Sturm, war der Wunsch, auf deren Äther mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, pure Fantasterei.
Problemlos kam sie zurück durch ihr Heimatdorf bis nach Wunderthausen. Dort allerdings kegelte alles Mögliche, vor allem Bretter von irgendwoher, auf der Hauptstraße herum. ‚Augen zu und durch‘ dachte sie sich und fuhr, wo es gerade ging, einfach drüber weg. Ein Kracher unter dem Unterboden ließ sie kurzfristig zusammenzucken. ‚Aber‘, dachte sie sich, ‚wer in Wittgenstein auch mal über schlecht ausgebaute Wirtschaftswege fährt, der kennt solche Geräusche und flippt nicht gleich aus.‘
Rauf nach Kraftsholz kam sie erstaunlich zügig voran. Nur der eine oder andere Baumfetzen am Straßenrand und Sägemehl auf der nassen Fahrbahn zeugten von früheren Einsätzen der Männer mit den Kettensägen. Doch das Getöse um ihren Wagen herum beunruhigte sie. Trotzdem gab Mina immer wieder ordentlich Gas und war glücklich, als sie in Wemlighausen aus der Gefahrenzone der bedrohlich wogenden Wälder heraus war.
Dafür kam ihr dort im Oberdorf eine Mülltonne entgegengeflogen, deren Inhalt sich längst in den öffentlichen Verkehrsraum ergossen hatte. Das graue Behältnis aus dem Hause OTTO jagte knapp an ihr vorbei. Doch weiter hinten schossen gut 20 Windelpakete an der Fahrbahn entlang. Die Hebamme musste unweigerlich lächeln. ‚Sollte mich nicht wundern, wenn ich dem Baby, das noch kürzlich in diesen „Pampies“ steckte, auch auf die Welt geholfen habe‘, dachte sie und versuchte, die äußerlich noch weißen Bündel möglichst nicht mit den Rädern ihres Wagens auszuquetschen.
Kurz vor der Einmündung in die B 480 musste sie dann jedoch anhalten. Zu heftig bollerte der Orkan gegen ihr Auto. Der Wagen tanzte und taumelte dermaßen, dass es ihr himmelangst und bange wurde. Wäre ihr auf den letzten Metern hierher ein Fahrzeug entgegengekommen, hätte es unweigerlich gekracht. Aber es kam keines. Weit und breit war kein anderer Wagen zu sehen.
Erst jetzt, als sie zur Sicherheit die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, fiel ihr auf, dass sie schon seit Wunderthausen mutterseelenallein auf der Straße und keinem anderen Fahrzeug begegnet war.
‚Wumm‘! Eine Böe packte ihren Kompaktwagen und schob ihn ein Stück weit zum Straßenrand. Mina haute es mit Kopf und Schulter gegen die Fahrertür. „Ja, gibt's denn sowas?“, entrüstete sie sich lauthals, sah aber keine Chance, diesem Desaster zu entgehen. „Es sei denn, du haust hier sofort ab und siehst zu, dass du dem Sturm nicht mehr die Breitseite zeigst“, peitschte sie sich selbst ein und startete den Mercedes.
Während sie ihr Gefährt taumelnd und schlingernd in Richtung Kurstadt steuerte, versuchte sie abermals, Ronja telefonisch zu erreichen. Wieder nichts. Das Mobilfunk-Netz war entweder überlastet oder schlicht und ergreifend nicht mehr vorhanden. Maulend quittierte die Anruferin diesen neuerlichen Fehlversuch. Dann kamen ihr gleich drei Feuerwehrfahrzeuge und ein Rettungswagen entgegen, die blinkend und tutend ins Homrighäuser Tal abbogen.
Leon fror erbärmlich, als er wach wurde. Krämpfe peinigten seine Oberschenkel, als er versuchte, seine Beine zu strecken. Aber das gelang ihm nicht. Irgendetwas hinderte ihn daran. Da unten bei den Füßen war kein Platz. Und oben stieß sein Kopf gegen einen Kasten. Dann merkte er, dass seine Hände auf dem Rücken zusammengebunden sein mussten. Er bekam sie einfach nicht auseinander.
„Hallo, hört mich jemand?“, brüllte er und merkte dabei sofort, dass seine Umgebung irgendwie jeglichen Schall schluckte. Er schrie lauter. Doch es kam keine Antwort. Bis auf ein immer wiederkehrendes Rauschen und Schaben direkt über ihm.
Vor Stunden war er schon einmal wach geworden. Allerdings nur für wenige Sekunden. Ein ungeheurer Krach hatte ihn geweckt, begleitet von einem wahnsinnigen Heulen und Rauschen. Dann aber hatte sich seiner wieder eine tiefe Ohnmacht bemächtigt.
Jetzt rauschte es nur noch. Und jedes Mal, wenn das Geräusch stärker wurde, verstärkte sich das Schaben über ihm.
Leon konnte sich zunächst keinen Reim auf das machen, was dort geschah und ihn umgab. Doch je wacher er wurde und je mehr er sich in seine stockdunkle Umgebung hineinfühlte, desto mehr konnte er Gerüche wahrnehmen, die er ziemlich gut kannte. Es roch nach Gummi. Genauer gesagt nach Reifengummi. Und nach Benzin. Und der Kasten, gegen den sein Kopf stieß, war teilelastisch. Er schien aus Kunststoff zu sein.
„Eeeeyyyyy!“, brüllte er erneut. „Hört mich denn keiner?“ Aber da war nichts. Da kam keine Antwort. Nur dieses mysteriöse Schaben. Immer dann, wenn das Brausen wieder stärker wurde.
„Junge, verlier jetzt nicht den Kopf“, sagte er sich laut vor. „Wenn nicht alles täuscht, steckst du hier in einem Kofferraum. Kann eigentlich gar nicht anders sein. Aber was, verdammt noch mal, scheuert und schabt denn da so auf dem Deckel? Und vor allem, wie bist du hier überhaupt reingekommen?“
Eine Beule an seiner linken Schläfe machte sich bemerkbar und ließ Leon ahnen, dass ihn irgendwer mit einem Schlag seitlich gegen den Kopf außer Gefecht gesetzt haben musste. Und im Mund schmeckte er den metallischen Geschmack von Blut. ‚Da hast du ja derbe was auf die Glocke gekriegt‘, übte er sich noch in Sarkasmus. Doch die Frage nach dem Wie, Wo und Warum malträtierte schon sein langsam wieder funktionierenden Hirn.
Vom Sturm hin und her geschubst traf Mina nach gut einstündiger Odyssee vor dem Haus der Körners ein. „Um Gottes Willen“, rief sie unweigerlich, als sie das Fahrzeug des Notarztes dort stehen sah, „ist es wirklich so schlimm?“
Die Vertäfelung des großen Garagentors hatte ein Mordsloch. Teile der weißen Holzpaneel waren herausgebrochen. Noch vorgestern hatte hier alles so unheimlich neu und elegant ausgesehen.
Hastig erklomm sie die fünf Stufen der Außentreppe, wäre dabei aber fast von einer Sturmbö erfasst und heruntergeworfen worden. Zum Glück hatte die Haustür einen stabilen Griff.
„Mein Gott, was ist denn mit …“ rief Mina und stockte, als nach mehrmaligem Klingeln endlich die Tür geöffnet wurde. Aber eben nicht von Ronja, sondern von Holger. „Wo ist sie?“, rief sie ihm zu. Sie kannte den kompakten freundlichen Mann von zig Bildern und Berichten aus der Zeitung. Er war nicht nur Banker, er war auch der überaus ideenreiche ‚Oberhirte’ des Stadtjugendrings und anderer Organisationen. Einer, der überall jemanden kannte, der jemanden kannte, der etwas bewegen, besorgen oder organisieren konnte.
„Wo ist wer?“, fragte der die ihm unbekannte Frau auf der Türschwelle.
„Na, Ronja. Ronja Körner. Was ist mit ihr?“
„Wer sind Sie denn?“, wollte Holger wissen.
„Mein Name ist Mina Nölke, Ronjas beste Freundin. Ich bin diejenige, die heute Morgen die Feuerwehr hergeschickt hat. Weil ich bei einem Telefonat mit ihr so einen unglaublichen Knall und dann gar nichts mehr gehört habe.“
„Ach so, t´schuldigung. Konnte ich ja nicht wissen. Kommen Sie rein. Ronja hat sich oben einen Moment hingelegt. Der Arzt ist gerade bei ihr.“
„Ist es schlimm?“
„Nein, ich glaube nicht. Sie hat nur eine Mordsbeule am Kopf und war für einen Moment weggetreten. Vielleicht ´ne Gehirnerschütterung. Maximal.“
„Aha. Und was machen Sie hier?“
„Och, wir versuchen, das Haus wieder in einen halbwegs bewohnbaren Zustand zu bringen, nachdem sich Friederike hier drin ausgetobt hat. Der Orkan hat Ronja vom Balkon zurück ins Haus geworfen und anschließend hier drin so richtig die Sau rausgelassen.“
Mina schob Holger Saßmannshausen zur Seite und steuerte auf den Wohnbereich zu. Aber sehr weit kam sie nicht. Weil dort gerade alle Stühle des Esszimmers ‚geparkt‘ und tausend zerbrochene große und kleine Dinge auf dem Boden herumlagen. Trotzdem bekam sie auch von dort einen ausreichenden Blick auf die Unordnung und die Zerstörung. Und auf die Nachbarn, die sich redlich um Ordnung und Reparatur bemühten.
„Ach Du lieber Herrgott!“, entfuhr es ihr. Unweigerlich führte sie eine Hand vor den Mund. Als wolle sie sich selbst am Sprechen hindern. „Das ist ja Wahnsinn.“ Dann drehte sie sich zu Holger um und fragte: „Wo ist denn eigentlich Leon?“
„Wir wissen es nicht. Ronja konnte ihn telefonisch nicht erreichen. Und er hat sich noch nicht gemeldet. Er wollte wohl nach Potsdam, ist dort aber nicht angekommen.“
„Und in der Firma?“
„Dort weiß man auch nichts. Nur, dass er gestern schon überraschend früh losgefahren ist. Ronja macht sich unheimliche Sorgen.“
„Mit Recht. Ich gehe jetzt mal rauf zu ihr.“
„Ich weiß nicht, ob das dem Arzt so recht ist“, versuchte der wuchtige Nachbar, die Besucherin zurückzuhalten. Aber die meinte nur: „Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ich bin auch von der Gilde“ und flutschte an Holger vorbei die Treppe hinauf.
Auf Zehenspitzen ging sie oben über den kleinen Flur, in dem vor der Badezimmertür ein Haufen Handtücher und Toilettenartikel wild auf dem Boden verstreut waren. Mina schaute kurz ins Bad und bekam sofort einen heftigen Luftzug ab. ‚Kein Wunder’, dachte sie. Drinnen stand das große Badezimmerfenster sperrangelweit offen. Draußen spielte der Orkan Mikado mit der in Fetzen gerissenen Jalousie. Und der offene Fensterflügel hatte sich an einem Rattan-Regal verkeilt, das windschief in der Raumecke hing. Auf dem Kachelboden hätte man bequem Wasserburg spielen können. Doch der zentrale Bodenabfluss tat sein Bestes.
‚Hat die Süße nach dem Duschen mal wieder gelüftet und alle Türen offengelassen.’ Mina war diese Marotte von Ronja schon im Schwesternwohnheim auf den Senkel gegangen. ‚Durchzug, um die Feuchtigkeit herauszubekommen’, hatte die Freundin doziert und sich in diesen Akt nie reinreden lassen.
Schnell schloss sie das Fenster. Wobei ihr der Luftzug von hinten fast den Flügel aus der Hand gerissen hätte. ‚Kamel’, schalt sie sich selbst‚ ‚hättest ja selbst auch mal die Tür zu machen können.’ Unablässig orgelte der Sturm und fügte der Natur tödliche Wunden zu.
Die Krämpfe in Leons Beinen meldeten sich wieder. ‚Keine Chance dagegen anzugehen‘, sagte er sich. ‚Wenn die schlimmer werden, drehst du hier völlig durch.‘ Deshalb verhielt er sich still. Versuchte nicht einmal mehr, den Oberkörper weiter zu krümmen, um den Beinen mehr Platz zu geben. Er lag nur ruhig auf der Seite, als sei er zusammengepackt. Wie eine umgekippte Mumie in einem Hockergrab.
Sein Glück waren seine sportliche Fitness und seine Fähigkeit zur progressiven Muskelentspannung. So lösten sich die Knoten in den Oberschenkeln nach wenigen Minuten wieder. Aber als er seine Beine wenigstens ein wenig ausschütteln wollte, merkte er, dass auch seine Füße zusammengebunden waren. „So eine Scheiße!“, brüllte er laut, aber mit bibbernder Stimme.
Es war wirklich lausig kalt in dem Kofferraum. Und, das war Leons ganz große Sorge, die Ressourcen an Sauerstoff müssten bald erschöpft sein. ‚Obwohl‘, überlegte er, ‚du hast ja nicht die geringste Ahnung, wie lange du hier schon eingesperrt bist. Vermutlich seit Stunden. Und trotzdem lebst und atmest du noch halbwegs saubere Luft. Das muss doch einen Grund haben.‘
Hatte es auch. Aber den konnte der Ingenieur weder erahnen noch sehen. Denn er lag mit dem Rücken zur Rücksitzlehne, die unablässig sauberste Luft durchließ, weil sie um einen minimalen Spalt nach vorn geklappt war. Licht sickerte allerdings nicht durch. ‚Du hast hier nur eine Chance, wenn dich einer findet. Oder wenn dieser Drecksack von Entführer endlich auftaucht.‘
Aber, und diese Frage wurde mit wiederkehrendem Bewusstsein immer deutlicher, was wollte der eigentlich von ihm? Erpressung? Womit? Oder war es pure Mordlust eines Irren, der sich daran aufgeilt, wie jemand in seiner Gewalt ganz langsam vor die Hunde geht? Hatte der etwa auch Ronja in seiner Gewalt?
Panik stieg in ihm auf. ‚Mein Gott, Ronja, mein Schatz. Hat man dir weh getan?‘ Er hätte verrückt werden können, in seinem Unwissen um den Zustand seiner geliebten Frau. Sie hatte so viel ertragen müssen, vor und während ihres Hausbaus. Immer wieder hatte sie in vorderster Front mit den Handwerkern diskutieren und verhandeln müssen. Während er meist im Ausland weilte, um seine Bauprojekte zu beaufsichtigen.
Sein Chef kannte da keine Gnade. „Kümmern Sie sich ruhig um Ihren Hausbau“, hatte er hämisch getönt. „Aber dann brauchen Sie hier nicht mehr aufzutauchen.“ Dabei wusste Leon ganz genau, dass sich der alte Rommert einen solchen Rausschmiss gar nicht leisten konnte.
Denn Körner war es, der die einträglichsten Projekte an Land zog, der absolute Spitze war in der Akquise. Millionenaufträge hatte er ins Planungsbüro ‚Franz Rommert und Sohn‘ nach Berleburg geholt. Und er hatte sie als Chefplaner auch betreut bis zur Fertigstellung. „Er schleppt wieder gebündeltes Bares an“, sagten dann die Kollegen anerkennend.
‚Vielleicht hätte ich es einfach mal drauf ankommen lassen sollen‘, hatte er schon öfter überlegt. ‚Einfach mal wegbleiben und schauen, was der Laden so ohne dich produziert.‘
Sicher, seine drei jungen Kollegen machten sich gut, waren aber allesamt während ihres dualen Studiums von ihm geführt und in allen Kniffen des Berufs unterrichtet worden. Diesen Job hatte ihm der ‚Alte‘ angetragen. Gegen ein Sonderhonorar. Weil der Junior des Unternehmens, Pius Rommert, eine absolute Pfeife war. Von Beruf Sohn. Für andere Aufgaben nicht zu gebrauchen.
Mit Hängen und Würgen hatte der sein Architekturstudium auf die Reihe gebracht und war anschließend im heimischen Büro aufgetreten wie Rotz am Ärmel.
Doch innerhalb recht kurzer Zeit hatte sich dieser Lackaffe selbst derart ins Abseits gekarrt, dass selbst sein Vater laut darüber nachdachte, den Junior nicht nur aus dem Firmennamen, sondern auch ganz aus dem Planungsbüro zu verbannen.
„Murks in Millionenhöhe können wir uns nur einmal leisten“, hatte der Senior gebrüllt, „dann sind wir im Arsch. Und Du kannst Dein süßes Leben vergessen.“
Pius war mit hochrotem Kopf und seinem Laptop unter dem Arm aus dem Büro geflüchtet und ward für lange Zeit nicht mehr gesehen. Erst Tage später war Leon das bestens gehütete Geheimnis über besagten Murks offenbart worden. Und er erschrak fürchterlich.
Der Juniorchef hatte eine komplette Wohnanlage mit vier Stadtvillen in bester Lage der Millionärsstadt Baden-Baden derart an den Vorstellungen des russischen Bauherrn vorbei umgeplant und dabei so eklatant gegen Bauvorschriften der Stadt verstoßen, dass es einem nur schlecht werden konnte.
Der Russe, ein Oligarch mit Unmengen Geld auf allen möglichen Konten zwischen den Cayman Islands, Singapur und der Schweiz, kam nur selten in die Weltkurstadt. Daher hatte er Pius Rommert in großem Vertrauen auf den guten Namen der Firma alle Rechte und Pflichten der Bauleitung übertragen.
Sein großes Glück war letztlich, dass Papa und Mama Rommert einen Kurzurlaub in Baden-Baden eingelegt hatten. Mit Thermenbesuch und Zocken in der Spielbank. Ganz nebenbei wollten sie sich natürlich auch über den Fortgang des Projektes und die Leistung ihres Sprösslings informieren.
Doch diese Exkursion hätte der Seniorchef um ein Haar mit einem Herzinfarkt bezahlt.
Allein das nackte Abschreiten der Hauslängen trieb den alten Baufuchs fast zum Wahnsinn. Er hatte schon mit bloßem Auge gesehen, dass da etwas nicht stimmt. Die Baukörper waren größer als genehmigt. Dafür standen sie dichter aufeinander. Die Zahl und Größen der Fenster und Balkone zu den Nachbargrundstücken hin stimmten nicht und die Einfahrt in die Tiefgarage war deutlich enger gewählt als vom Gas-Multi gewünscht.
„Man muss halt ein wenig kreativer sein als Ihr mit Eurer Old Fassion-Manie“, hatte Pius dem leichenblassen Vater als Begründung für seine unverantwortliche ‚Umplanung‘ rotzig entgegengehalten. „Der Russe kommt ja sowieso nur alle Schaltjahre. Bis zu seinem nächsten Besuch ist eh alles fertig. Es wird ihm gefallen. Da bin ich sicher.“
Doch der Vater spielte da nicht mit. Mit Schimpf und Schande jagte er den Sohn von der Baustelle und erstattete umgehend Selbstanzeige bei der Stadt und bei der Architektenkammer. Um möglichen Angriffen von außen zuvorzukommen.
Die Folge waren zwei satte Konventionalstrafen und zähe Verhandlungen mit dem Baden-Badener Bauausschuss, mit Vertretern des Gemeinderates, mit dem Baubürgermeister und dem Regierungspräsidium Karlsruhe. Um ein Haar hätte der gesamte Bebauungsplan für das Wohngebiet erneuert werden müssen.
Dass das nicht geschah, war Leons Geschick zu verdanken. Er opferte vier ganze Wochen dafür. Zeit, die er eigentlich in ein eigenes Projekt stecken wollte. Aber er war nun mal derjenige, der vom Senior beauftragt worden war, ‚da unten im Schwarzwald die Kartoffeln aus dem Feuer‘ zu holen.
Wieder erfasste ihn Panik. Die Angst, hier nie wieder rauszukommen, drohte ihn zu übermannen. Doch Leon versuchte, bei klarem Verstand zu bleiben. ‚Ruhig, Junge, ruhig‘, sagte er sich. ‚Bleib ruhig, sonst überstehst du das nicht.‘
Der Ingenieur zwang sich richtiggehend, zu rekapitulieren, was eigentlich passiert war. Und er erinnerte sich prompt, dass er bereits gegen Mittag seine Siebensachen im Planungsbüro zusammengepackt hatte, um sich auf den Weg nach Potsdam zu machen. Die Entscheidung hatte er getroffen, nachdem er durch die Wettervorhersagen nachdrücklich auf den drohenden Sturm hingewiesen worden war. Unter keinen Umständen wollte er unterwegs in eine Unwetterkatastrophe geraten.
Weil Ronja aber nichts von seinen frühen Reiseplänen wusste, er sie aber auch telefonisch nicht erreichen konnte, wollte er vor seiner Abreise noch schnell in Berghausen vorbeifahren und ihr ein paar frische Blumen auf den Wohnzimmertisch stellen. Das machte er gerne – als Liebesbeweis.
Er wusste auch noch, dass er nach einem kurzen Imbiss bei ‚BlumenCreativ‘ in der Poststraße angehalten hatte, um bei Frau Schmidt einen Strauß wunderschöner Tulpen in drei Farben zu erstehen. Die hatte er in den Fond des Wagens gelegt und war losgefahren. Doch was dann geschah …, da schwächelte seine Erinnerung. War er jemals ‚am Winterscheid‘ angekommen?
So sehr er sich auch mühte. Leon konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Auch nicht, wie er in diese lebensfeindliche Situation geraten war. Da war einfach nur ein großes schwarzes Loch. Und war heute Mittwoch oder Donnerstag?
‚Friederike‘ baute sich mit neuer Kraft auf und tobte durch die Wälder. Das Ächzen und Stöhnen der Bäume konnte Leon bis in den Kofferraum hinein hören. Und das, obwohl nun auch das Schaben auf dessen Deckel immer heftiger wurde. Erst jetzt wurde ihm klar, was es mit dem Orgeln und Pfeifen auf sich hatte, das er bisher immer nur im Unterbewusstsein mitbekommen hatte. Draußen tobte das angekündigte Unwetter. Und das mit aller Kraft.
‚Aber‘, schoss es ihm durch den Kopf, ‚aber das bedeutet ja, dass tatsächlich schon Donnerstag ist. ‚Ich muss also schon seit gestern hier drinliegen. Du lieber Gott, was ist denn das für ein Wahnsinn?‘
Bei der Polizei in Bad Berleburg brach Jubel aus. Gerade eben war per Funk die Meldung gekommen: „Alle Personen unverletzt gefunden und geborgen.“
„Gott sei Dank“, flüsterte Bernd Dickel, der Chef des Reviers. Noch vor 20 Minuten hatte er gemeinsam mit Kollegen, Feuerwehrleuten und Freiwilligen das Homrighäuser Tal durchstreift und eine fünfköpfige Wandergruppe gesucht.
Die Leute waren vom dortigen Forstamt aus gesichtet worden, als sie bergauf nach links in ein Seitentälchen abgebogen waren. Doch die Frau des Försters hatte das Haus nicht verlassen und die Menschen warnen können. Sie war schwer erkältet, hatte Fieber und ihr Mann war unterwegs zur Apotheke nach Berleburg. Also hatte sie Feuerwehr und Rettungsdienst alarmiert.
„Wieland 14/08 für Wieland 14/01 kommen.“ Dickel hatte sich selbst ans Funkpult gesetzt.
„14/08 hört.“
„Wie geht es den Leuten denn? Und was wollten die bei dem Sturm da oben im Wald?“
„Die drei Kinder sind ein wenig unterkühlt. Aber alle machen einen stabilen Eindruck. Holländer aus Arnheim, die angeblich keine Ahnung hatten, dass es eine Orkanwarnung gab. Sie waren seit halb sieben heute Morgen von Berleburg aus unterwegs, um Wisente in freier Wildbahn zu beobachten. Nur sind sie dort oben nicht mehr sehr weit gekommen. Weil überall auf den Wegen umgestürzte Bäume herumlagen.
Als sie begriffen, in welcher Gefahr sie sind, haben sie sich entschlossen, ins offene Tal zu gehen, wo sie kein Baum erwischen kann. Und dort haben sie eine Futterhütte gefunden, in der sie sich ins Heu gelegt und gewartet haben.“
„Toll. Trotz allem“, antwortete der Polizei-Chef. „Wo sind sie jetzt?“
„Werden vom Förster und zwei Sanitätern betreut. Sie bekommen gerade im Forsthaus einen heißen Tee und was zu essen.“
„Prima. Bitte belehrt die Leute noch einmal nachdrücklich, dass sie sich äußerst fahrlässig verhalten und vor allem ihre Kinder in Gefahr gebracht haben. Und dann bringt sie bitte zurück in die Stadt. Und … Und Euch vielen Dank für Euren Einsatz. Tolle Arbeit! Ende mit 14/08.“
„Mann, haben die Glück gehabt. Die hätten genauso gut mausetot sein können“, regte sich Pattrick Born auf, der zu den Leuten gehörte, die sich um den ‚Leitenden’, den Polizeiführer vom Dienst, geschart und die Funksprüche mitgehört hatten. In der Hoffnung, dass da keine Horrormeldungen aus dem Homrighäuser Tal kommen. „Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“
„Pah“, antwortete Sam Weinrebe, der am Tisch Dienst tat, „haste noch nie was von Erlebnisurlaub gehört, oder von Erlebnistracking? Die Leute sind wild auf solche Angebote.“
„Die Leute werden immer verrückter, immer leichtsinniger“, schüttelte Bernd den Kopf und verließ den Raum des ‚Leitenden‘, während er fortwährend versuchte, alle möglichen Dreckflecken aus seiner warmen Dienstjacke zu rubbeln. ‚Dreck auf blau sieht mies aus’, fand er. Zu Recht.
„Hey, was machst Du denn hier?“, empfing die Frau im Bett ihre Freundin Mina mit dem Anflug eines Lächelns. Die hatte nach zaghaftem Klopfen sachte die Tür geöffnet und hineingelugt. Doktor Bremer war gerade dabei, Ronja einen zentralen Zugang in die linke Hand zu legen, um einen Tropf anzuschließen. „Kommen Sie“, bot sich Mina an, „ich halte den Beutel für Sie.“
Dann setzte sie sich zu Ronja auf die Bettkante „Woher ich komme? Aus dem Sturm. Ich hatte panische Angst um Dich. Nachdem es in unserem Telefonat nur noch geknallt hat und von Dir kein ‚Papp’ mehr zu hören war. Dann hab' ich sofort die Feuerwehr angerufen.“
„Oh, danke. Lieb von Dir.“
„Waren die denn nicht da?“
„Doch, doch. Die haben mich ja unten im Wohnzimmer gefunden und wach gemacht. Kurz danach kam dann ein Rettungssanitäter. Und der hat den Doc hier alarmiert.“ Der saß grinsend auf einem Stuhl und füllte weiter Papiere aus. ‚Doc hört sich richtig freundlich’ an, dachte er.
„Das ist übrigens meine Freundin Mina, Herr Doktor. Auch vom Fach. Erst Krankenschwester, jetzt Hebamme.“
„Freut mich.“ Der Arzt nickte ihr lächelnd zu.
„Mensch, Mensch“, flüsterte Mina mit Tränen in den Augen, „kannst froh sein, dass irgendwo ganz schnell eine Tür zugeflogen sein muss, als Du die Balkontür aufgemacht hast. Sonst hätte es Dich womöglich noch wo ganz anders hin katapultiert im Haus.“ Und dann erzählte sie ihr von ihrer Theorie und davon, was sie eben im Bad vorgefunden hatte.
„Sch….eibenkleister“, entfuhr es Ronja. „Du hast recht … Verdammt noch mal. Ich bin beim Telefonieren runter gegangen und hab' im Bad alles offengelassen. Nur die Jalousie war halb runtergelassen. Wegen dem Regen. Oh Gott, oh Gott, wenn Leon das erfährt.“
„Von mir erfährt er das nicht.“
„Von mir auch nicht“, mischte sich Doktor Bremer ein. „Außerdem muss er froh sein, dass das alles so glimpflich für Sie abgegangen ist.“ Dann stand er auf und straffte das Band für die Jalousie ein wenig, um durch die Schlitze nach draußen schauen zu können. „So langsam müsste eigentlich der Krankenwagen da sein, den ich vorhin bestellt habe“, sinnierte er. „Aber weiß der Himmel, was da heute alles geboten ist. Bei dem Mistwetter. Da kippen ja immer noch Bäume. Hoffentlich kommen die überhaupt durch bis zu uns.“


