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Korobeishchikov Andrej Metanoia – Der Weg der Seher
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Ich nahm einen Schluck Kaffee, blinzelte und schaute meine Gesprächspartnerin an.
“Elvira, ich will Ihnen nichts vormachen. Ich habe keine derartigen Kontakte und um solche Probleme zu lösen, bin ich nicht qualifiziert genug. Außerdem kommt hinzu, dass Ihr Mann offensichtlich nicht vorhat, diese Situation selbst in Angriff zu nehmen, wenn ich es richtig verstehe.”
Elvira nickte traurig.
“Ja, Witalij teilt meine Besorgnis nicht. Er steht dieser Art von Wissen überhaupt sehr skeptisch gegenüber. Er schiebt seine Probleme auf rein materielle Gründe, vor allem auf den angestauten Stress. Ich weiß aber, dass es nicht wirklich am Stress liegt. Dort in Afrika ist irgendetwas mit ihm passiert, etwas sehr Schreckliches, weshalb er als ein völlig anderer Mensch zurückgekehrt ist.”
Heimlich warf ich einen Blick auf meine Uhr.
“Sie sagten, Mischa habe mich als einen Spezialisten für das Lösen von Knoten empfohlen. Tatsächlich habe ich mich früher einmal mit diesen Dingen beschäftigt. Es ist wirklich so, dass jedes Problem im Leben einem Knoten gleicht, den man im Prinzip ‘entwirren’ kann. Doch eines kann ich Ihnen sicher sagen: Um einen Knoten zu lösen, muss man es zumindest wollen. Darüber hinaus ist die direkte Teilnahme des Menschen, dessen Lebensknoten gelöst werden soll, unabdingbar. Ich selbst löse keine Probleme, man könnte sagen, dass ich ein Berater bin. Den Knoten entwirren muss jeder selbst, ich kann nur helfen.”
“Na dann helfen Sie!”, sagte Elvira mit Nachdruck, während sie sich etwas nach vorne lehnte.
“Ich kann nur dann helfen, wenn die betroffene Person mich selbst um Hilfe bittet.”
Mein Gegenüber lehnte sich auf die Stuhllehne zurück.
“Das ist aber nicht möglich! Witalij versteht den Ernst der Lage nicht. Früher oder später wird er es einsehen, aber ich befürchte, dass es dann zu spät sein wird. Andrej, Sie wissen doch, dass die Zeit in solchen Fällen manchmal eine wesentliche Rolle spielt.”
Ich hob bedauernd die Hände.
“Eine andere Möglichkeit gibt es aber nun einmal nicht. Ich kann den Knoten lockern, aber gelöst werden kann er nur von dem Menschen, der ihn gebunden hat. Man könnte ihn natürlich zerschneiden, aber ich bin nicht Alexander der Große und kann Probleme nicht auf solch eine direkte Weise lösen.”
Eine Minute lang herrschte Stille. Die Frau dachte konzentriert über etwas nach.
“Na gut, aber was wäre, wenn ich, sagen wir, ein Treffen zwischen Ihnen beiden organisiere? Unauffällig, unter irgendeinem Vorwand. Könnten Sie dann helfen? So könnten Sie ihn beobachten, vielleicht wird Ihnen manches klarer werden?”
Ich schüttelte den Kopf.
“Ich führe schon lange keine Einzelberatungen mehr durch. Und Geld spielt hier keine Rolle”, sagte ich und verhinderte somit ein großzügiges Angebot. “Es geht mir dabei ums Prinzip.”
“Nun, Sie haben ja auch die Zeit gefunden, sich mit mir zu treffen”, sagte Elvira mit einem leichten Stirnrunzeln.
“Das ist etwas anderes. Wenn Ihr Mann diesen Knoten wirklich lösen will, dann lade ich ihn ein, mein Seminar zu besuchen. Es wird in vier Tagen stattfinden.”
Elvira lächelte spöttisch.
“Von einem Seminar kann ich ihn sicher nicht überzeugen.”
“Das bedeutet, dass es noch nicht dringend genug ist, den Knoten zu lösen.”
“Ich glaube außerdem, dass ein Seminar in dieser Situation nicht gerade das passende Format ist. Ich habe schließlich selbst Erfahrung in der Trainingspraxis. Hier ist vielmehr eine individuelle Tiefenarbeit vonnöten. Vor allem wenn man bedenkt, wie skeptisch Witalij allem gegenübersteht, das man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Andrej, können wir nicht doch ein Treffen zwischen Ihnen und ihm organisieren und es wie eine psychologische Beratung aussehen lassen? Dazu könnte ich ihn noch überreden.”
“Ich fürchte, das wäre der falsche Weg. So ist es hoffnungslos. Sie wollen tief tauchen und halten sich gleichzeitig mit einem Rettungsring an der Oberfläche. Das sind zwei Wünsche, die sich gegenseitig ausschließen.”
“Aber für einen Meister von Ihrer Größe ist es doch ein Leichtes, einen Menschen von außen zu beobachten und vieles zu erkennen.”
“Sie schlagen also vor, dass ich anstelle Ihres Mannes tauchen gehe? Damit er ruhig an der Oberfläche schwimmen und warten kann, bis ich die ganze Arbeit getan habe?”
“Nun ja … Es gibt bestimmt irgendetwas, das man tun kann, um einem Menschen zu helfen, ohne dass er selbst aktiv wird?”
Ich lehnte mich ein wenig nach vorne.
“Es ist möglich, den Knoten zu lockern, aber nicht, ihn zu lösen. Es wirkt verlockend, die Verantwortung für das eigene Leben an einen Schamanen abzugeben, aber ich betone noch einmal, dass jeder Mensch seinen Knoten selbst lösen muss.”
“Und was, wenn der Mensch dazu noch nicht bereit ist? Soll man etwa einfach zusehen, wie er stirbt?”
“Warum sind Sie der Meinung, dass er noch nicht bereit ist?”
Elvira dachte einige Sekunden lang nach.
“Ich sehe es einfach.”
“Haben Sie noch nie daran gedacht, dass dies vielleicht nur Ihre persönliche Einschätzung der Situation sein könnte? In Wahrheit könnte es ganz anders sein. Nicht selten wollen wir überstürzt einen Menschen retten, ohne daran zu denken, dass unsere ‘Rettung’ für ihn eigentlich sogar von Nachteil sein könnte.”
“Aber es gibt ja schließlich auch objektive Kriterien. Zum Beispiel wenn ich sehe, dass sich ein Mensch einfach vor meinen Augen auflöst.”
“Ich spreche gerade von ‘Rettungsmethoden’. Es kann sein, dass man jemandem nur einen kleinen Schubs zu geben braucht, damit er selbstständig mit der Situation fertig werden kann. Man sollte nicht versuchen, es für ihn zu tun. Aus diesem Grund schlage ich Ihnen Folgendes vor: Laden Sie Ihren Mann zum Training ein. Er muss verstehen, worauf er sich einlässt und welchen Nutzen es für ihn hat. So sieht meine Vorgehensweise aus. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich in dem Seminar sehr wichtige Informationen darlege, die ihm dabei helfen können, viele fundamentale Dinge zu begreifen. Das ist der erste Schritt, den ein Mensch machen muss, um auf seinen Knoten zuzugehen. In gewisser Weise muss er zeigen, wie ernst seine Absichten sind.”
Elvira zögerte.
“Ich verstehe. Es ist nur so, dass Witalij ein hochrangiger Geschäftsmann ist, der, wie soll ich sagen, daran gewöhnt ist, seine Probleme allein, in einem nur sehr engen Kreis von Spezialisten zu lösen.”
Ich lächelte.
“Es ist für ihn also inakzeptabel, zehn Stunden lang von anderen Menschen umgeben zu sein?”
Elvira lächelte zur Antwort.
“Na ja, Sie verstehen doch, wie ich es meine.”
Ich nickte.
“Natürlich verstehe ich es. Deshalb wiederhole ich es noch einmal. Ein gemeinsames Training ist der erste Schritt hin zur Überwindung innerer Überzeugungen, die es einem Menschen unmöglich machen, sich für neues Wissen zu öffnen. Wenn jemand der Meinung ist, dass dieses Wissen für ihn lebensnotwendig ist, ist er für alles bereit, überhaupt für so eine Kleinigkeit wie Gruppengespräche. Ganz nebenbei bemerkt, in den Seminaren sind immer viele interessante Leute, auch Geschäftsmänner von hohem Rang. Wenn ein Mensch nicht bereit ist, an solch einem Seminar teilzunehmen, heißt das, dass es für ihn nicht lebensnotwendig ist, den Knoten zu lösen. Das bedeutet auch, dass man dafür keine Zeit vergeuden muss.”
“Haben Sie vielleicht irgendwelche Handbücher? Damit er sich zumindest im Voraus mit dem Thema vertraut machen kann.”
Ich schüttelte den Kopf.
“Der Wert des Trainings liegt nicht in der Vermittlung methodischen Materials. Das Training ist ein Mysterium, eine Jagd, die gerade Möglichkeiten eröffnet, um die Knoten zu lösen, die die Menschen ersticken. Außerdem mache ich nie Werbung für meine Seminare. Ich informiere nur über sie, damit nur diejenigen Leute ihren Weg zum Training finden, die diese unleugbare Macht spüren, die sie zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort führt. Das Training ist ein Eintrittspunkt, ein Tor in eine andere Welt. Doch auch den Teilnehmern ist es nicht immer möglich einzutreten. Es ist eine Frage der inneren Bereitschaft.”
Ich verstummte und schaute meine Gesprächspartnerin an. Sie war offensichtlich verzweifelt und ratlos.
“Anstelle eines Handbuchs möchte ich Ihrem Mann einen meiner Romane geben, er soll ihn ruhig lesen. Vielleicht wird er etwas darin entdecken, das uns momentan überhaupt nicht in den Sinn kommt. Auf diese Weise kann sich alles ändern, das passiert ziemlich oft.”
Ich nahm zwei in Karton verpackte Bücher aus meiner Tasche und gab sie Elvira.
“Manchmal dient ein Buch als Visitenkarte.”
Die Frau nahm die Bücher, drehte sie interessiert in ihren Händen und betrachtete den Einband. Ich lächelte.
“Sollten sie ihm nicht gefallen, können Sie sie selbst lesen. Vielleicht finden Sie darin auch einige interessante Informationen.”
Elvira winkte ab.
“Danke, Andrej. Ich werde ihm die Bücher geben, denke aber kaum, dass er so etwas lesen wird. Worum geht es darin denn?”
Ich blickte nachdenklich auf die Bücher in ihren Händen.
“Es ist eine Geschichte, die mir widerfahren ist, als ich dabei war, einen meiner Knoten zu lösen. Übrigens war damals auch schwarze Magie mit im Spiel. Als ich mich auf den Weg zu unserem Treffen machte, habe ich dieses Buch wohl nicht zufällig in meine Tasche gepackt. Vielleicht reicht diese Geschichte aus, um Witalij aufzuzeigen, dass er bereits einen Knoten um sich herum gespannt hat, und er muss gar nicht zum Training kommen. Manchmal kann ein Buch schon ein ganzes Seminar ersetzen.”
Elvira lächelte zaghaft.
“Kann sein. Schicken Sie mir für alle Fälle bitte Ort und Zeit des Seminars. Sie haben recht, in diesem Leben kann tatsächlich alles Mögliche passieren.”
Drei Tage später, am Vorabend des Trainings, rief Elvira mich an. In ihrer Stimme schwang unverhohlenes Erstaunen mit:
“Andrej, es ist völlig überraschend für mich, aber Witalij hat gesagt, dass er Sie kennenlernen möchte, und er ist sogar bereit, an Ihrer Veranstaltung teilzunehmen.”
“Hat er das Buch gelesen?”
“Ja. Zuerst hat er eines der Bücher nur flüchtig durchgeblättert, dann aber hat irgendein Absatz sein Interesse geweckt. Er hat beide Bücher in einer Nacht komplett gelesen. Heute Morgen hat er gesagt, dass er Sie treffen möchte. Ich habe ihm erklärt, dass ein Treffen nur im Rahmen des Seminars möglich ist, woraufhin er sofort zugestimmt hat. Es ist mir ein Rätsel …”
4) Eigene Übersetzung, Anm. d. Übers.
5) Anm. d. Übers.: Mischa ist im Russischen die Kurzform für “Michail”
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