Книга Metanoia – Der Weg der Seher читать онлайн бесплатно, автор Korobeishchikov Andrej – Fictionbook, cтраница 2
Korobeishchikov Andrej Metanoia – Der Weg der Seher
Metanoia – Der Weg der Seher
Metanoia – Der Weg der Seher

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Korobeishchikov Andrej Metanoia – Der Weg der Seher

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Ich öffnete meine Augen, als ich Jutschi weinen hörte. Ich sah mich um und erinnerte mich sofort an die Ereignisse der schrecklichen Nacht. Anscheinend hatten Ioschiru und ich das Bewusstsein verloren oder aber wir waren schließlich doch trotz der Rufe der Dämonen und dem Dröhnen des Sturmes draußen auf den Straßen eingeschlafen. Der Sturm war jetzt nicht mehr zu hören, aber es konnte auch nur eine Pause zwischen den Böen sein. Ioschiru öffnete ebenfalls die Augen, sah sich um und drückte den weinenden Bruder fest an sich. Doch in diesem Moment verspürten wir plötzlich eine noch größere Angst als die, die uns in der dunklen Nacht die Luft abgeschnürt hatte. Irgendjemand hatte unsere Strohbedeckung von uns genommen! Wir hörten die Laute von demjenigen, der uns gefunden hatte, und begriffen, dass es sich nicht um Asemi handelte. Wir rückten näher aneinander, umarmten uns fest. Das restliche Stroh fiel zu Boden und wir sahen Hiro vor uns. Sein Anblick war schrecklich: rote Augen und ein verzerrtes Gesicht ließen ihn wirklich wie ein Wesen aussehen, das nicht von dieser Welt stammte. Er zitterte und brummte freudig. Wir schrien auf vor Entsetzen. Hiro breitete seine Arme aus. Der Dämon hatte uns doch gefunden!

“A-a-arr”, Speichel und Laute, die dem Heulen eines Hundes glichen, kamen aus seinem verzogenen Mund. Er streckte die zittrigen Hände nach uns aus … Doch statt nach uns zu greifen, presste er seinen Körper an uns und begann zu schluchzen.

Die Nacht der Dämonen hatte doch ein Ende gefunden, war aber an unseren Eltern nicht ohne Folgen vorübergezogen. Unser Vater war in einer Nacht um viele Jahre gealtert. Seine Wangen waren eingefallen, die Lippen verzerrt und seine Augen trübe geworden, hatten ihre frühere Klarheit verloren. Kumikos Haare waren weiß wie Schnee geworden. Sie umarmten uns und blieben lange so sitzen, als hätten sie Angst davor, uns auch nur für einen Moment loszulassen. Auch ich umklammerte sie, atmete tief ihren vertrauten Duft ein und genoss ihre Nähe. Als ich die Augen öffnete und den Blick hob, sah ich Asemi unbeweglich in der Tür stehen. Sie stand ruhig da und beobachtete schweigend diejenigen, die heute die dämonischen Prüfungen durchlaufen hatten.

In jener Nacht, in der der Hurrikan Kanimuri am Ufer gewütet hatte, waren in unserer Provinz alle Kinder unter sieben Jahren spurlos verschwunden. Alle außer uns. Niemand wusste, was in dieser Nacht geschehen war. Die Eltern hatten nichts Ungewöhnliches bemerkt. Als sie am Morgen aufwachten, konnten sie einfach nirgendwo ihre Kinder finden. Es gab keine Anzeichen dafür, dass Räuber sie mitgenommen hätten. Nur das Baby der Familie Kimura war noch da. Den Vater des Kleinen hatte man blutdurchtränkt im Hof gefunden. Neben ihm lag eine Klinge, mit der er sich selbst das Herz durchbohrt hatte.

Erst heute, eine sehr lange Zeit später, verstand ich, wie hoch der Preis war, den die Leute in meinem Dorf für ihren Unglauben und ihre Blindheit bezahlt hatten. Erst jetzt, als Erwachsene, habe ich verstanden, was damals vor einigen Jahrzehnten in der dunklen, von den kalten Winden des Kanimuri durchzogenen Nacht tatsächlich passiert ist. Damals, als kleines Mädchen, glaubte ich, dass wir es waren, die den echten Horror erlebten. Als wir uns vor unseren Eltern verstecken mussten, die sich für eine Nacht lang in Fremde verwandelt hatten. Heute verstehe ich, dass es eigentlich unsere Eltern waren, die wirklich durch die Hölle gegangen sind, als in ihnen Eltern und Dämonen aufeinandertrafen. Es war eine schwere Schlacht, die Hiro und Kumiko gewonnen haben. Sie haben trotz der bösen Zauber, die ihnen von den hungrigen Geistern der Nacht auferlegt worden waren, gewonnen. Wie sich später herausstellte, hatten unsere Eltern damals gedacht, dass wir die Dämonen waren. Irgendwelche Stimmen flüsterten ihnen ins Ohr, dass man uns fangen und aus dem Haus jagen müsste, da wir böse Geister wären, die das Haus verfluchten. So hatten ihr Verstand und Herz in dieser verdammten Nacht um uns gekämpft.

Ich habe dieses Wissen an meine Kinder weitergegeben, habe ihnen die Legende über die Dämonen erzählt, die es vermochten, sich in die Köpfe der Menschen einzunisten. Ich hoffe, dass sie nicht das durchleben müssen, was ich, meine beiden Brüder und meine armen Eltern erleben mussten. Ich habe ihnen aufgetragen, die Legende weiterzugeben. Denn ich weiß, was passieren kann, wenn man die Dämonen der Hurrikanwinde stärker werden lässt als die Liebe zu seiner Familie. Es werden wieder hundert Jahre vergehen, bis die nächste Nacht der Dämonen kommt. Aber es ist wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, damit die Menschen, wenn der erste Vorbote des Hurrikans vom Meer her weht, bereit sind.

Schindshu Miura, Mutter von drei Kindern.

2) Quelle: deutsche Synchronisation des Films

Erster Teil

REUE

DIE BESTIALISCHE FRATZE

DER “MENSCHHEIT”

ERKENNTNIS

“Früher dachte ich, dass ein Mensch nicht mehr weint, wenn er erwachsen ist, aber es stellte sich heraus, dass er dann anfängt zu weinen, wenn er begreift, was in der Welt vor sich geht.”3

William Saroyan, “Menschliche Komödie”

3) Eigene Übersetzung, Anm. d. Übers.

Wir saßen neben dem prasselnden Ofen und hielten Tassen mit heißem Tee in den Händen. Danilytsch und ich. Der Jäger und der Schüler.

Der Seher malte einen Punkt in sein Notizbuch und zeigte darauf.

“Das ist der Zugang zu einer neuen Weltanschauung. Das ist der Zugang zu den Lichtschatten.”

Ich schaute mir den Punkt aufmerksam an und wartete darauf, dass der Seher weitersprach.

“Das ist der ANFANG DER JAGD. Wir nennen diese Philosophie die ‘fünf Ringe der Kraft’. In sie eintauchen kannst du nur unter einer bestimmten Voraussetzung – wenn du deine jetzige Natur aufgibst.”


Prolog

DIE DUNKLE WELLE

(Taiga, Altai, Februar 2014)

“… Von dort, von hinter diesen wunderschönen grünen Hügeln wird der dunkle Wind zu uns kommen. Früher oder später wird er ganz plötzlich über jeden von uns hereinbrechen und alle Härte in uns auflösen. Und in diesem unheimlichen Gewitter werden wir uns bewegen, vollkommen ungehemmt: Weder unser menschlicher Körper, noch der Wille und die Aufmerksamkeit von anderen, nicht unsere eigenen Gefühle, Erwartungen oder Ängste können uns einschränken. Das Letzte, was wir in der uns vertrauten Welt tun können, ist zu tanzen und zu lachen, denn von nun an wird uns nichts mehr im Wege stehen, nichts mehr wird von Bedeutung sein. Als Ganzes, mit Haut und Haar, werden wir uns dem Tod und der Magie hingeben, die Ekstase des Abschieds und der Einheit erleben, entsetzt und voller Ehrfurcht vor der bevorstehenden Freiheit. Wir werden uns an alles erinnern, was uns in diesem Leben begleitet hat, und wir werden der Welt und denen, die geblieben sind, eine gute Nacht und einen hellen Tag wünschen. Dann wird uns der Wind mit seinem schimmernden Vorhang bedecken und uns auf den dunklen, aber von Augenblick zu Augenblick heller werdenden Flügeln vorwärts und nach oben tragen, durch die Dunkelheit und hin zum Licht, ins Unbekannte …”

A. Korobeishchikov. “ITU-TAI”.

Ein Blitz … Das Gefühl des Fliegens … Krämpfe …

Ich beugte mich nach vorne, öffnete die Augen und saugte tief die stickige Luft ein. Mein erster Gedanke war: “Wo bin ich?” Ich schaute mich um und blickte aufmerksam in die mich umgebende Dunkelheit. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich verstand, dass ich nach wie vor in meiner Jagdhütte auf der harten Liege lag, unter meiner nassgeschwitzten Decke. Alles andere war ein Traum gewesen. Aber was für ein klarer Traum! Selbst jetzt, da ich wusste, dass ich aufgewacht war, konnte ich nur schwer sagen, was realer wirkte – die nächtliche Hütte in den Bergen im Altai oder die gigantische dunkle Welle, die wie ein schwarzer Tsunami vom Horizont gekommen war und die wie eine himmelhohe Feuerwand durch mich hindurch gerollt war. Ich konnte geradezu physisch die Folgen ihrer Berührung mit meinem Körper spüren! Das Gefühl glich einem elektrischen Schlag, keinem heftigen, eher einem sanften, so als hätte die Welle mich in sich aufgelöst und mein innerstes Wesen mit einer fremdartigen Energie durchdrungen. Es war höchst unangenehm. Es fühlte sich an, als wäre ein Teil von mir gestorben, als die Dunkelheit mich durchdrungen hatte.

Ich saß auf der Liege und versuchte, mich an die Einzelheiten dieses seltsamen Traumes zu erinnern. Ich hatte die Traumbilder noch immer klar und deutlich vor Augen, wie ein Videofilm in guter Qualität: Ich stand an einem hohen steilen Ufer und blickte in die Ferne zum Horizont, wo die bunten Felder der Aue auf die blauen Flussarme trafen. Was für ein majestätischer, faszinierender Anblick, einfach atemberaubend. Ich horchte in mich hinein und verstand, dass ich nicht einfach nur die Weiten bewunderte, sondern auf etwas wartete. Aber worauf? Ich atmete tief ein, konnte aber meine Lungen kaum mit der schweren Sommerluft füllen, die nach den ringsum wachsenden Gräsern duftet. Das Atmen fiel mir sehr schwer. Als würden unsichtbare Schlingen meine Brust zuschnüren. Was war das? Aufmerksam beobachtete ich meine Empfindungen. Mein Körper wurde von einem leichten Zittern erfasst. Als ob mich eine Vorahnung überwältigt hätte. Eine Vorahnung wovon? Intuitiv wusste ich, dass meine Erwartungen irgendwie mit der Horizontlinie zu tun hatten. Ich schaute aufmerksam in die Ferne, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.

VORAHNUNG. Obwohl in dieser Welt noch nichts geschehen war, spürte etwas in mir bereits die Veränderung. Plötzlich erschien vor dem türkisfarbenen Himmel, der den Verlauf des Horizonts abzeichnete, etwas Formloses und Dunkles. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte zu verstehen, was ich da sah. Nach wenigen Minuten wusste ich es. Es waren Vögel. Hunderte, Tausende von Vögeln. Sie flogen in einer dichten Wolke genau auf mich zu. Ich konnte ihr Flügelschlagen und ihre durchdringenden Schreie hören. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es waren so viele Vögel, dass es von Weitem wie eine Gewitterwolke aussah, anstelle von Donnergrollen waren aber die verzweifelten Laute verängstigter Wesen zu hören. Der Geschwindigkeit und dem Getöse der gefiederten Himmelsbewohner nach zu urteilen, mussten sie Todesangst haben. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Lebewesen in freier Wildbahn so reagieren, wenn geologische Veränderungen auftreten, wie es normalerweise bei einer Naturkatastrophe der Fall ist. Mir wurde ganz unbehaglich zumute. Nein, ehrlich gesagt verängstigte mich der Anblick der Vögel, die den ganzen Himmel über mir ausfüllten. Ich konnte ihr Entsetzen spüren, es ging auf mich und die gesamte Umgebung über. Ich verstand, weshalb mein Körper zitterte. Er konnte etwas spüren. Mein Verstand konnte den Ursprung der Bedrohung noch nicht ausmachen, aber etwas in mir reagierte zweifellos bereits auf die unbekannte Gefahr. Die Vögel füllten den ganzen Himmel über mir und flogen wie ein riesiger dunkler Wirbelsturm davon. Ein Hagel aus Vogelkot regnete auf das grüne Gras herab. Die Luft war stickig, sie roch nach Exkrementen und Angst, dieser Geruch legte sich über den Duft der Feldblumen. Der Himmel raschelte mit den Flügeln und heulte herzzerreißend. Ich nahm meinen Mantel von den Schultern und warf ihn mir über den Kopf, weniger um mich vor den beißenden Tropfen zu schützen, sondern vor allem um diese schrecklichen Geräusche etwas auszublenden. In diesem Augenblick zogen die unten liegenden Wiesen meine Aufmerksamkeit auf sich. Auch sie bewegten sich. Tiere rannten dort unten. Hasen, Biber, Füchse, Hirsche und Wölfe. Eine riesige lebendige Wolke, die jetzt nicht nur den Himmel, sondern auch noch die Erde bedeckte. Diejenigen, die vor einigen Minuten noch unerbittliche Feinde waren, rannten jetzt Seite an Seite, um der unbekannten Gefahr zu entfliehen. Entsetzt sank ich auf meine zitternden Beine, die Knie berührten den Boden. Einer der großen Flussarme trennte mich von den Wiesen voller verängstigter, wilder Tiere. Ohne den Fluss zwischen uns, gäbe es für mich keine Möglichkeit, mich irgendwo vor der näher rückenden Herde zu verstecken. Doch auch die Wasserbarriere stellte nicht wirklich eine Grenze dar. Eine Menge verschiedener Tiere landete kreischend im Fluss. Beunruhigt sog ich erneut Luft ein. Was passierte hier nur gerade? Von dem Zittern waren meine Beine wie aus Watte und ich musste mich auf die Erde setzen und sie mit den Armen umschlingen. Ich schaute wieder nach unten. Inmitten der Hirsche und großen Raubtiere waren Hunderte kleinere Tiere, sie rammten sich gegenseitig, stürmten heulend und kreischend den Fluss. Was konnte sie nur derart erschrecken? Ich bekam die Antwort wenige Augenblicke später. Die Erde unter mir sank etwas ab und hob sich gleich darauf wieder. Es war, als hätte der Planet unter meinen Füßen schwer ausgeatmet. Ein Erdbeben! Das war also der Grund …

Erschreckt fuhr ich auf, stand auf den zitternden Beinen und wartete auf das nächste Beben, welches aber ausblieb. Die Welt um mich herum war plötzlich eingefroren. Die Vögel hingen förmlich in der Luft. Sie hingen dort wie auf dem Bild eines Videoprojektors, der auf Pause gestellt war. Dasselbe passierte mit den Tieren am Boden. Die Zeit war stehen geblieben. Mit Mühe hob ich den Kopf, blickte zum Horizont und sah SIE. Das Erdbeben war nicht der Grund für all das Chaos und Entsetzen. Es war nur die Folge. Mein Körper wusste es genau und sandte verspätete Signale an das verängstigte Gehirn. Ein schmaler, blendender Lichtstreifen, der in einer langen Linie am Horizont aufstieg, war der Auslöser für die tierische Panik. Ich schaute genauer hin. Es war wie die Druckwelle eines Atomfeuers, die die Linie zwischen Himmel und Erde bildete. Sie kam auf mich zu und wurde immer größer. Das Feuer war so intensiv, dass die WELLE erschreckend schwarz aussah. Ich sank erneut kraftlos zu Boden. So sah es also aus … So entsteht also die Wand eines Atomfeuers am Horizont und breitet sich in alle Richtungen aus, fegt alles weg, was ihr in den Weg kommt. Mein Körper war vollkommen apathisch, so als hätte das Adrenalin in den Venen alle motorischen Funktionen abgeschaltet und die Todesangst unterdrückt. Ich saß einfach nur da und sah gedankenlos auf diese unheimliche WELLE in der Ferne. Die wilden Tiere rannten mittlerweile auch nicht mehr. Es schien, als hätten sie die Sinnlosigkeit darin erkannt und all ihre Überlebensinstinkte abgestellt. Sie drehten sich um in Richtung Horizont und schauten wie eine Einheit verzaubert auf die sich nähernde WELLE. Ich blinzelte. Diese simple Bewegung schien mein vom betörenden Spektakel gelähmtes Gehirn wieder zu aktivieren.

“Halt. Bei einer atomaren Explosion müsste es einen Atompilz geben. Aber es gibt keinen Pilz …” Die WELLE bewegte sich unaufhaltsam, schnell und absolut lautlos über den Planeten. Im Geiste berechnete ich ihre ungefähre Höhe. Sie hatte keine klaren Konturen, aber ihr oberer Rand, der in der Dunkelheit schimmerte, befand sich einige hundert Meter, vielleicht einen Kilometer, über der Erde. Wenn es nicht so still wäre, hätte man sie für einen gigantischen Tsunami halten können. Aber die WELLE erinnerte einfach an einen schwarzen Stoffstreifen, der in der Ferne auf die Erdkugel geklebt worden ist. Ein Streifen, der mit jeder Sekunde größer wurde. Sie kam näher und mir wurde klar, dass sie in wenigen Minuten hier sein würde. Sogar aus der Ferne strahlte sie ein Gefühl des Todes, der Zerstörung und noch etwas anderes aus, etwas Tieferes, das sich der gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmung entzog. Was tut man in solch einem Moment? Sich an das Beste, das einem im Leben passiert ist, erinnern? Sich in Gedanken von Verwandten und geliebten Menschen verabschieden? In meinem Kopf herrschte Chaos und ich fühlte mich ratlos, angesichts des Unvermeidlichen. Die WELLE kam unaufhaltsam näher. Plötzlich erklangen in meinem Kopf seltsame Worte aus einer fernen Vergangenheit, es war, als würde ein Unsichtbarer hinter mir stehen und sie mir direkt ins Ohr flüstern.

“… Von dort, von hinter diesen wunderschönen grünen Hügeln wird der dunkle Wind zu uns kommen …”

Die WELLE war zu einer riesigen dunklen Wand geworden, die jetzt ganz nah war. Ich stand auf und breitete die Arme wie zwei Flügel zu den Seiten aus. Die blendende Schwärze kam näher, verdeckte die Sonne und den Himmel über mir. Eine Vorahnung ließ mich zusammenzucken, ich nahm Anlauf und sprang vom Abhang, direkt in die glänzende Schwärze hinein, lauthals schreiend, ohne zu verstehen ob aus Angst oder aus Begeisterung …

Ein Blitz … Das Gefühl des Fliegens … Krämpfe …

Langsam drehte ich mich auf die Seite und erhob mich von der Liege. Mein Körper war noch immer schwach und leicht zittrig. Ich warf mir den Pelz über die Schultern und öffnete die Tür. Eisige, frische Luft strömte in den Raum, eine kalte Brise breitete sich angenehm am Boden und im ganzen Körper aus. Genussvoll füllte ich meine Lungen mit dieser Frische und trat ins Freie. Um mich herum ruhte still die ewig schlafende Taiga unter ihrer Schneedecke. Es war vollkommen ruhig. Plötzlich war mir völlig klar, dass meine Zeit in der Taiga vorüber war. Ich musste in die Stadt zurückkehren. Das war nicht einfach nur ein Traum gewesen. Die Schamanen bezeichnen solche Träume als große Träume. Normalerweise sind sie Vorboten von Veränderungen in der materiellen Welt. Diese Welle war ein Zeichen, das ich nicht ignorieren durfte. Irgendetwas war heute Nacht in der Welt geschehen. Ich musste in die Stadt zurück, um diese Veränderungen, für die die bedrohliche dunkle Welle in meinem Traum stand, aufzuspüren.

Sollte das etwa …? Daran wollte ich nicht denken. Aber diesen Tag erwartete ich schon seit Langem. Seit fast eineinhalb Jahren. Seit damals, als ich auf dem internationalen Anthropologiekongress in Mexiko gewesen war. In seiner Eröffnungsrede hatte der Leiter des Kongresses, der peruanische Schamane Lauro, über ein globales Ereignis gesprochen, das auf die Menschheit zukommen würde. Er sprach darüber, dass viele Schamanen das Gefühl hätten, dass etwas Neues komme, um den ausklingenden Zyklus abzulösen. Doch worum es sich dabei genau handelte, konnte niemand von ihnen sagen. Als ob sich dieses Neue in der Dunkelheit versteckt halten würde. Und hier war nun die Welle aus dem großen Traum. Wenn ich morgen in der Stadt herausfinden würde, dass etwas Großes und Fundamentales in der Welt geschehen war, dann war die Welle nicht nur ein Produkt meines schlafenden Verstandes.

Morgen. Ich blickte zum Himmel, der mit Tausenden von Sternen bedeckt war, dann schaute ich in die Hütte. In diesem Moment überkam mich ein seltsames Gefühl, irgendwie als würde etwas in mir dieses Bild kommentieren. Die winzige Jagdhütte und der riesige Sternenhimmel über meinem Kopf. Und da stand ich, versteinert auf der Türschwelle, während ich zu verstehen versuchte, was dieser Moment bedeutete. Das Alte, Bequeme, aber Enge und Begrenzte würde zu einem Ende kommen, das Neue, Große und Grenzenlose stand bereit. Diese Erkenntnis stimmte mich wehmütig und freudig zugleich. Ein Teil in mir war unheimlich traurig darüber, dass etwas zu Ende ging. Ein anderer Teil freute sich auf die bevorstehende Freiheit. Ich fröstelte, beugte mich nach unten und griff eine Handvoll kalten Schnee, mit dem ich mir das Gesicht wusch. Dann war es eben so. Das wird morgen sein. Heute verweile ich noch ein bisschen in meiner Vergangenheit. Ich werde jetzt zurück in die Hütte gehen, Brennholz in den Ofen legen und den Rest der Nacht über heißen Kräutertee trinken und die letzten Stunden in der Taiga genießen. Wenn der Morgen anbricht, werde ich die Hütte abschließen und mich auf den Weg in die Stadt machen. Dorthin, wohin in meinem Traum die dunkle, himmelhohe Wand verschwunden ist. Dorthin, wo ich herausfinden muss, ob all das meiner Fantasie entsprungen ist oder ob es tatsächlich den Beginn einer neuen Ära einläutet. Morgen früh mache ich mich auf den Weg und folge der Welle

“EIN ZUFÄLLIGES TREFFEN …”

(Moskau, 2015, Frühling)

“Das Schicksal ist nicht dumm, es führt die Menschen nicht umsonst zusammen!”4

Max Frei

Eines Tages erhielt ich einen Anruf.

“Andrej Witaljewitsch?”

“Ja.”

“Guten Tag. Mein Name ist Elvira. Ich habe Ihre Nummer von einem gemeinsamen Bekannten bekommen, Karew Michail, er hat mir geraten, Sie um Hilfe zu bitten. Darf ich seinem Rat folgen?”

“Das dürfen Sie, aber ich weiß nicht, inwieweit ich Ihnen helfen kann.”

“Könnten wir uns persönlich treffen? Ich weiß, dass Sie nur ungern auf solche Bitten eingehen, aber glauben Sie mir, die Sache ist äußerst wichtig für mich. Mischa5 meinte, dass nur Sie mir helfen könnten.”

“Erklären Sie mir bitte kurz, worum es geht. Vielleicht macht ein Treffen gar keinen Sinn. Es kann sein, dass Michail meine Fähigkeiten falsch einschätzt.”

“Genau deshalb bitte ich Sie ja um ein Treffen. Am Telefon kann ich nur schwer erklären, was passiert ist. Ich brauche zumindest Ihre Einschätzung, das wäre schon eine große Hilfe für mich. Mischa bezeichnete Sie als Spezialisten im Problemlösen.”

Ich schnaubte in den Hörer. Elvira wurde verlegen.

“So habe ich es nicht gemeint. Er hat Sie empfohlen, da er meint, Sie seien jemand, der schwierige Knoten lösen könne. Außerdem hat er gesagt, dass Sie mit den schamanischen Praktiken vertraut seien. Glauben Sie mir, ich würde mich eigentlich nicht an Sie wenden, aber die Situation ist äußerst verworren. Ich brauche zumindest einen Rat. Falls Sie mir nichts sagen können, werde ich Sie für die verlorene Zeit entschädigen und gehen. Aber hören Sie mich wenigstens an! Bitte!”

“Na gut, wir können uns treffen, aber ich verspreche Ihnen nichts.”

“Hervorragend! Vielen Dank! Sagen Sie mir, wo Sie sich aufhalten, ich werde den nächsten Flug zu Ihnen buchen.”

“Ich bin in Moskau.”

“Na bitte! Das ist ja ein Glück! Ich muss noch nicht einmal zu Ihnen fliegen, ich bin auch in Moskau. Wann und wo kann ich Sie treffen?”

Ein paar Stunden später trafen wir uns in einem gemütlichen kleinen Café. Elvira erwies sich als eine schöne, attraktive Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Ihre Umgangsformen ließen auf viel Gesprächserfahrung und Selbstvertrauen schließen.

“Guten Tag, Andrej”, sie lächelte umwerfend und streckte mir eine zierliche Hand entgegen. “Elvira.”

“Sehr angenehm.”

“Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mich zu treffen. Vielleicht hat Mischa es falsch eingeschätzt, wie sehr Sie in meiner Situation behilflich sein können, aber ich muss diese Chance unbedingt ergreifen.”

Die Kellnerin brachte zwei Tassen heißen, duftenden Kaffee.

“Karew sagte mir, Sie hätten bei den Altai-Schamanen gelernt, stimmt das?”

Ich schaute meinem Gegenüber aufmerksam in die Augen und versuchte zu verstehen, aus welchem Grund sie dieses Treffen vereinbart hatte.

“Ich habe bei den Jägern gelernt. Von manchen werden sie als Schamanen bezeichnet.”

Elvira nickte.

“Ich habe im Internet über Sie gelesen. Ich denke, dass Sie genau die Person sind, die ich brauche. Meine Situation ist etwas ungewöhnlich und erfordert, na ja sagen wir, eine nicht ganz alltägliche Herangehensweise. Ein gewöhnlicher Mensch wird mich nicht verstehen, aber ein Schamane …”

Ich lächelte.

“Ich habe mit Schamanen gesprochen, aber ich bin kein Schamane. Ich bin ein Jäger.”

Elvira fuhr mit der Hand über den Tassenrand.

“Ja, ich verstehe. Aber auf jeden Fall kennen Sie ihre Weltanschauung. Es ist nämlich so, dass ich mit schwarzer Magie in Berührung gekommen bin.”

Sie sah zu mir auf. Ihre Wimpern zitterten. Es war offensichtlich, dass sie tatsächlich vor irgendetwas Angst hatte. Ich hob die Schultern.

“Ich bin aber kein Spezialist für Magie.”

Die Frau verschränkte ihre Hände.

“Ich habe mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich erzähle am besten der Reihe nach. Die Sache ist die, dass mein Mann, ein recht bekannter Geschäftsmann, mit etwas konfrontiert worden ist, das unbegreiflich und sehr beängstigend ist. Das war vor einem halben Jahr. Die letzten Jahre waren eine echte Tortur für ihn, er stand nur unter Stress: Probleme bei der Arbeit, mit der Gesundheit, in der Familie. So hat er vor einem halben Jahr beschlossen, wie man so sagt, ‘mit einem Federstrich’ alles in Ordnung zu bringen. Er gab dem Geschäftsführer die entsprechenden Anweisungen, verließ seine alte Familie und ging nach Afrika für eine Jeep-Tour. Von dort kehrte er in einem schrecklichen Zustand zurück, er musste auf der Intensivstation versorgt werden! Irgendetwas muss dort geschehen sein, entweder war er von Banditen überfallen worden oder in einen Unfall geraten, etwas Genaues weiß ich nicht, aber auf jeden Fall war er mehrere Tage bewusstlos. Die Lage war sehr ernst. Er hatte zwar keine gefährlichen Verletzungen, nur Hämatome und Prellungen, aber er hat mehrere Tage im Koma gelegen! Die Ärzte waren ratlos. Und als er zu sich gekommen ist, war er ungefähr einen Monat lang vollkommen apathisch. Mir kam es so vor, als hätte man all seine Energie ausgesaugt. Seine Augen sind leer. Er schläft überhaupt nicht. Und wenn er aufwacht, schreit er hysterisch: ‘Hexe! Hexe!’ Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich habe oft versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Ich bin schließlich ausgebildete Psychologin. Aber er lässt sich auf kein Gespräch über dieses Thema ein. Er sagt, alles sei in Ordnung, aber ich spüre, dass die Dinge sehr schlecht stehen. Es ist, als hätte er seine Seele in Afrika zurückgelassen. Auch an einen Spezialisten will er sich partout nicht wenden. Und so bin ich auf die Idee gekommen, dass ein Spezialist für Schamanismus mir sicherlich irgendwie helfen könnte. In Ihren Büchern schreiben Sie schließlich über solche Dinge. Aus diesem Grund bin ich zu Ihnen gekommen, um mir Hilfe zu holen – oder zumindest einen Ratschlag. Gibt es etwas, das Sie mir in dieser Situation raten können? Oder können Sie mir vielleicht irgendeinen Meister empfehlen? Vielleicht einen Ihrer Lehrer oder einfach einen bekannten Schamanen?”

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