Книга Boys don't cry читать онлайн бесплатно, автор Jack Urwin – Fictionbook, cтраница 4
Jack Urwin Boys don't cry
Boys don't cry
Boys don't cry

4

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Jack Urwin Boys don't cry

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Die Assoziation von Männlichkeit und Militär mag schon Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg zementiert worden sein, doch die Wehrpflicht veränderte den Blick der Gesellschaft auf Männer grundlegend, indem sie ihnen ihren freien Willen raubte und sie zwang, sich zu fügen. Mit anderen Worten, sie machte ihre Männlichkeit obligatorisch.

In dem Moment, als man die Männer der Möglichkeit beraubte zu wählen, ob sie in den Krieg zogen oder nicht, gab es einen neuen, staatlich sanktionierten Bedarf an Männlichkeit. Wehrdienstverweigerer und Pazifisten, die sich zu kämpfen weigerten, riskierten, ins Gefängnis zu gehen, aber bedeutsamer ist vielleicht, dass sie großer gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt waren und in den Augen mancher selbst heute noch als Feiglinge gelten. In einer Folge von Question Time im Jahr 2009 reagierte Nick Griffin (der damalige Anführer der ultrarechten British National Party) auf Anschuldigungen von Jack Straw (zu dem Zeitpunkt Justizminister), er sei ein Nazi-Unterstützer, mit dem Hinweis, sein eigener Vater habe im Zweiten Weltkrieg in der Royal Air Force gedient, während Straws Vater im Gefängnis gesessen habe, weil er »sich geweigert hatte, gegen Adolf Hitler zu kämpfen«12. Das war unleugbar eine billige Nummer, aber der Vorfall macht anschaulich, dass Wehrdienstverweigerer immer noch stigmatisiert werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass viele derer, die im Krieg kämpften, dies widerstrebend taten, doch es herrschte allgemein Einigkeit darüber, dass es schlicht die Pflicht eines Mannes war, seinem Vaterland zu dienen, und dieser Pflicht unterwarf man sich fraglos. 1960 wurde die Wehrpflicht wieder aufgehoben, doch bis dahin war sie für zwei Generationen britischer Männer Realität gewesen, und auch wenn sich die rechtliche Situation geändert hat, sind die Einstellungen, die daraus erwuchsen, so fest in der Gesellschaft verankert, dass sie noch an zukünftige Generationen weitergegeben werden.

Ich fasse mich hier kurz, denn über den emotionalen Tribut des Krieges habe ich bereits gesprochen, und auf das Militär komme ich später noch ausführlicher zurück, doch es ist wichtig: Nicht nur der Kriegsdienst war Pflicht – auch alles, was danach kam, war obligatorisch. Von den Männern wurde erwartet, mit dem Leben ganz normal weiterzumachen, und wenn es Probleme gab – insbesondere psychische –, hatten sie diese, wie alle anderen auch, klaglos durchzustehen. Weil es eine allgemeine Pflicht war, weil man nur einer von vielen war, die alle denselben Mist durchgemacht hatten, und weil man weder etwas Besonderes war noch einzigartig, war der Druck groß, es abzuschütteln, wie alle anderen es auch abzuschütteln schienen, und sich so zu verhalten wie alle anderen Männer auch. Infolgedessen betrachtete die Gesellschaft das, was unter Männern zur Norm wurde, zunehmend als männlichen Wesenszug. Männlichkeit ist im Kern schlicht ein Spiegel dessen, wie die Mehrheit der Männer agiert, und wenn ein Ereignis einen großen Prozentsatz der männlichen Bevölkerung verändert, verändert sich damit auch das, was wir als männlich erachten.

… aber es ist nicht alles schlecht für alle

Nicht nur Männer mussten in dieser Zeit feststellen, dass sich ihre Genderrollen veränderten. Der Zweite Weltkrieg bereitete den Boden für den wohl größten Durchbruch für die Frauenrechte, nämlich für ihre Eroberung der Arbeitswelt.13 Da die meisten Männer im arbeitsfähigen Alter ihren Kriegsdienst ableisteten, wandte sich das Vereinigte Königreich an seine weibliche Bevölkerung, um die Lücken zu füllen, und wies den Frauen Rollen zu, in denen sie entscheidenden Anteil an den Kriegsbemühungen und dem Funktionieren des Landes hatten.

Der Krieg brachte große Veränderungen mit sich, und als er 1945 zu Ende ging, hungerten die Briten nach einer neuen, gerechteren Gesellschaft. Winston Churchill wurde groß gefeiert, weil er das Land zum Sieg geführt hatte, doch seine Konservative Partei verlor bei den allgemeinen Wahlen keine zwei Monate nach dem V-Day erdrutschartig gegen die Labour-Partei von Clement Attlee. Nach dem Ersten Weltkrieg war großer Unmut aufgekommen, weil Versprechungen der Regierung – wie etwa »homes fit for heroes« (Häuser für unsere Helden) – sich nicht erfüllt hatten. Soldaten aus der Unterschicht waren unglücklich, in eine Gesellschaft mit unverrückbaren Klassenschranken zurückkehren zu müssen, nachdem sie genauso tapfer gedient hatten wie alle anderen. Das hatten viele 1945 noch frisch in Erinnerung, und es war klar, dass die Dinge diesmal anders laufen mussten. Das führte zur Gründung des Wohlfahrtsstaats und des NHS (des staatlichen Gesundheitswesens), die auch heute noch eine Quelle großen Nationalstolzes sind. An der Heimatfront schien es, dass man von Frauen, nachdem sie sich in der Arbeitswelt mehr als bewiesen hatten, nicht erwarten konnte, wieder in ihre alten Rollen als Hausfrauen zu schlüpfen. In allen Arbeitsfeldern wurde ihr Anblick mit der Zeit immer vertrauter, und auch wenn sie von wahrer Gleichheit noch weit entfernt waren (und heute noch sind), war der Weg doch geebnet.

Da es Frauen jetzt erlaubt war, bezahlter Arbeit nachzugehen, hatte sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte im Land im Grunde verdoppelt, und auch wenn sie nicht als so nützlich galten wie Männer, so führt doch jede Marktsättigung unvermeidlich zu Wertverlust. Um eine Familie über die Runden zu bringen, braucht man im Allgemeinen heute das Einkommen von zwei Erwachsenen; vor einem halben Jahrhundert reichte dafür gewöhnlich eines – das veränderte die Art, wie wir arbeiteten, und es veränderte die Art, wie wir Gender sahen. Für Frauen war es eine Befreiung: Sie waren nicht mehr darauf angewiesen, einen Mann zu haben, der dafür sorgte, dass sie ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hatten. Für Männer war die Sache ein wenig komplexer. Traditionelle Genderrollen hielten für Männer und Frauen einen recht beständigen Regelkanon bereit, an den sie sich halten sollten, und Männer zogen oft beträchtlichen Stolz daraus, wenn sie taten, was von ihnen erwartet wurde. Zur Arbeit zu gehen und allein für ihre Familie zu sorgen gab ihnen ein Gefühl der Erfüllung, und indem sie taten, was angeblich nur Männer konnten, fühlten sie sich in ihrer Männlichkeit bestätigt. Als die Zahl arbeitender Frauen stieg und Männer mitansehen mussten, wie ihre Frauen und Freundinnen Jobs bekamen, verloren sie dieses Gefühl der Erfüllung allmählich, und ihre Männlichkeit geriet unter Beschuss.

Viele toxische Aspekte moderner Männlichkeit können wir bis dahin zurückverfolgen. Bei allem Negativen, das wir mit den alten Traditionen verbinden, verhalfen diese Männern doch zu einer gewissen gesunden Bekräftigung ihrer Männlichkeit. Auch ohne sie brauchten Männer aber das Gefühl, sich als Männer fühlen zu können, und leider musste das jetzt aus ihrem Verhalten und ihrer Haltung kommen. Toxische Männlichkeit in ihrer grundlegendsten Ausprägung ist nichts anderes als aus Unsicherheit geborene Überkompensation: eine übertriebene Zurschaustellung von Verhaltensweisen und Handlungen, die man als männlich erachtet. Zur Arbeit zu gehen war nicht mehr männlich genug, und Männer hatten das Gefühl, ihre Männlichkeit auf jede andere erdenkliche Art und Weise beweisen zu müssen. Doch bevor ihr jetzt den Frauen die Schuld gebt, will ich euch daran erinnern, dass Milchersatznahrung zu diesem Zeitpunkt leicht zu erhalten war. Wenn ein Kind in den frühen Lebensjahren von einem Elternteil aufgezogen wird, kann das für beide eine wunderbare Erfahrung sein, und es gibt keinen Grund, warum dieser Elternteil nicht der Vater sein sollte. In der Nachkriegszeit hatten Männer alles, was sie brauchten, um ihre Kinder aufzuziehen, und als Gesellschaft hätten wir leicht entscheiden können, dass jetzt, wo Frauen arbeiten gingen, Männer zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern könnten. Wir hätten ein Land aufbauen können, in dem Männer wie Frauen zur Arbeit gingen und Männer wie Frauen zu Hause blieben und jedes Paar für sich entschied, was ihm lieber war, und dann wäre das Kind von einem Elternteil aufgezogen worden und es hätte keine Rolle gespielt, von welchem, solange das Kind geliebt worden wäre. Doch das haben wir nicht getan. Frauen sind zur Arbeit gegangen – dass sie das konnten, wussten sie schon lange – und haben bewiesen, dass sie das konnten, was Männer konnten, und das gab ihnen zunehmend das Gefühl, fähig, stark und unabhängig zu sein. Männer dagegen zeigten nicht, dass sie konnten, was in der Geschichte bis dato Frauen getan hatten, und so, könnte man argumentieren, waren die Probleme, die aus diesem Wandel erwuchsen, ganz allein von Männern gemacht.

Der rasche Niedergang der britischen Arbeiterklasse

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts musste die Arbeiterklasse auf beiden Seiten des Atlantiks schwere Schläge einstecken (das beste Bild davon bekommt man, wenn man sich die zweite Staffel von The Wire ansieht, falls ihr das nicht längst getan habt. Und wieso habt ihr euch The Wire noch nicht angesehen?). Die Globalisierung veränderte weiter die Art und Weise, wie wir Geschäfte machten, und Margaret Thatcher, Ronald Reagan und ihresgleichen führten eine besonders aggressive Form des Kapitalismus ein. Profit um jeden Preis wurde zum höchsten Ziel – und wenn das hieß, dass es billiger war, Waren aus dem Ausland zu importieren, statt sie im eigenen Land herzustellen, dann war das eben so. Die britische Industrie, einst eine der stärksten der Welt, erlebte den Niedergang zugunsten einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft. Das augenfälligste Opfer dieser Entwicklung war die Bergbauindustrie, die durch Schließungen geschwächt wurde. Tausende von Männern verloren ihre Jobs. Manche Städte waren so eng mit dem Bergbau verwoben, dass die Mehrzahl ihrer Bewohner arbeitslos wurde, und da es vor Ort kaum andere Beschäftigungsmöglichkeiten gab, breitete sich schnell Armut aus. Viele Familien lebten seit Generationen quasi nur vom Bergbau, und geringe Schulbildung und fehlende Ausbildungsmöglichkeiten bedeuteten, dass viele Männer unvermeidlich in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschten. Die Narben durch diese gesellschaftlichen Veränderungen sind noch heute zu sehen, und in den am härtesten betroffenen Regionen ist inzwischen eine ganze Generation herangewachsen, die noch nie einer Arbeit nachgegangen ist. Armut und Massenarbeitslosigkeit bringen eine ganze Reihe weiterer sozialer Probleme mit sich: wachsende Kriminalität, steigender Alkohol- und Drogenmissbrauch, mehr Gewalt. Wenn sich Hoffnungslosigkeit mit Langeweile paart, hat das destruktive Folgen, doch da spielt auch angeschlagene Männlichkeit hinein. Straftaten, Drogenmissbrauch und Gewalt betreffen alle, doch bei all diesen Delikten sind die Täter in der Mehrzahl Männer.

Körperliche Arbeit war besonders männerdominiert, aber an keinem anderen Arbeitsplatz war so viel rohe Männlichkeit im Spiel wie im Bergbau. Im Endeffekt entmannte (in Ermangelung eines besseren Wortes) der Untergang dieser Industrie Millionen von britischen Männern der Arbeiterklasse, und ich wage zu behaupten, dass ein großer Teil der nachfolgenden sozialen Probleme dem verzweifelten Versuch von Männern zuzuschreiben ist, ein Gefühl für ihre Männlichkeit zurückzugewinnen. Gewalt ist von Natur aus männlich: Gegen andere Männer zu kämpfen ist eine öffentliche Demonstration von Männlichkeit, während häusliche Gewalt eher eine Zurschaustellung von Dominanz gegen eine Partnerin ist; unter Alkoholeinwirkung steigt das Risiko gewalttätigen Verhaltens, und da das Trinken ein besonders männlicher Bewältigungsmechanismus ist, geht beides schnell Hand in Hand. Der Reiz bei Kleinkriminalität wie zum Beispiel Vandalismus liegt hauptsächlich in dem damit verbundenen Risiko, und wie ich in einem anderen Kapitel weiter untersuchen werde, ist übertriebene Risikobereitschaft ebenfalls ein Merkmal toxischer Männlichkeit.

Im 20. Jahrhundert haben wir toxische Männlichkeit in diesen benachteiligten Gemeinden in einem bis dato (zumindest in diesem Extrem) nicht gekannten Ausmaß miterlebt, und das liegt daran, dass es keine gesunden Möglichkeiten der Selbstbestätigung mehr gab, mit denen Männer bis dahin zufrieden gewesen waren. Männer müssen sich in ihrer Männlichkeit sicher fühlen können, sie müssen das Gefühl haben, dass ihr Gender irgendwie wertgeschätzt wird. Wenn es dafür keinen gesellschaftlichen Rahmen mehr gibt, suchen sie die Wertschätzung in unsozialen Aktivitäten wie Gewalt und Kleinkriminalität.

Die 80er

Als jemand, der in den Bush-Blair-Jahren aufwuchs, hat deren »besondere Freundschaft« für mich nicht gerade einen positiven Klang, aber sie wäre mir jederzeit lieber als Reagan und Thatcher. Die 1980er Jahre waren eine turbulente Zeit, bestimmt von steil anwachsender finanzieller Ungleichheit, übermäßigem Konsum und so gut wie allen Aspekten des Kapitalismus, die jeden an sich moderaten Liberalen lauthals nach Marxismus schreien ließen. Die Zahl der Fabrikarbeitsplätze war geringer denn je, während sich die Dienstleistungswirtschaft etablierte – wohl die größte Umwälzung in der Beschäftigungsstruktur im Vereinigten Königreich seit dem Krieg. Männer konnten ihre Männlichkeit nicht mehr durch harte körperliche Arbeit bekräftigen, denn die wurde kaum noch gebraucht, abgelöst von Schreibtischarbeit – für die historisch nützliche biologische Merkmale wie Körpergröße und -kraft Männern keinen Vorteil gegenüber Frauen boten. Parallel dazu wuchs das Konsumdenken, das die Dekade insgesamt kennzeichnete: Luxusmarken und große Modelabel schossen sich intensiver und lauter als je zuvor auf alle Männer ein, die auch nur das kleinste bisschen Einkommen zur Verfügung hatten. Über Jahrtausende hatten Männer aus der Arbeit ein Ziel und einen Stolz auf ihr Gender gezogen, doch das veränderte sich zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die Arbeit selbst konnte uns kein Gefühl von Männlichkeit mehr vermitteln, und so richteten wir den Blick jetzt aufs Geld. Darauf komme ich später im Kapitel Der ideale Mann noch einmal zu sprechen, aber um dieses Kapitel relativ knapp zu halten, machen wir jetzt erst einmal weiter.

Die 90er

Die 1990er Jahre brachten einen neuen Typ Mann mit sich, den »Lad«. Wie Tom Adams es im Observer formulierte:

»Man könnte die Lads als sehr britische Antwort auf den von Amerika angeführten Backlash gegen den Feminismus bezeichnen, wie ihn Robert Bly und andere verfochten. Nach dem Erfolg von Blys Eisenhans. Ein Buch über Männer im Jahr 1992 tauchte in den Staaten eine Reihe von Büchern auf den Bestsellerlisten auf, die Titel trugen wie Feuer im Bauch: Über das Mann-Sein und König, Krieger, Magier, Liebhaber: Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen. Bly wollte mit seiner Bewegung aufzeigen, wie Männer, die seiner Ansicht nach von der Frauenbewegung herabgesetzt wurden, einen Weg finden konnten, ihr Selbstwertgefühl wiederherzustellen. In den Augen der Briten sah dies anscheinend aus wie eine Ausrede für einen langen Junggesellenabend, eine nicht endende Diskonacht und einen Berg von Zeitschriften über den ruppigen Glamour, ein Kerl zu sein.«14

Man tut das Konzept des Lads leicht mit einem Lachen ab oder betrachtet es als relativ unbedeutende Marotte, doch zur damaligen Zeit dominierte es die britische Kultur und tut es in gewissem Maße heute noch. Der Brit-Pop war die größte heimische Musikbewegung, die das Land seit den glorreichen Tagen der Beatles und der Rolling Stones erlebt hatte, und während Pulp, Suede und ihresgleichen, angeführt von ihren androgynen Frontmännern, Riesenerfolge feierten, lieferten sich die beiden Bands, die synonym für das Genre standen, Blur und Oasis, im August 1995 einen legendären Kampf um den ersten Platz der Single-Charts. Die Mätzchen der Rockstars beider Gruppen waren über Jahre beliebtes Futter für die Boulevardpresse, und auch wenn die Rivalen eigentlich natürlich recht verschieden waren, verhielten sie sich doch beide wie Lads – echte Kerle.

Der Lad erwuchs einem Backlash auf den metrosexuellen »neuen Mann« der 80er Jahre, er war der Gegenpol zu einem stark von der Mittelschicht geprägten Trend – doch die Beziehung zwischen der Kultur der Lads und dieser Schicht ist eher lose und in sich widersprüchlich. Lads vertraten Werte, die sie für Werte der Arbeiterklasse hielten, während sie selbst eher der Mittelschicht entstammten. Diese Bewegung eignete sich also eine Kultur an, der sie nicht angehörte, und romantisierte sie. Wie vermutlich jeder, der im letzten Jahrzehnt auf einer britischen Universität war, bestätigen kann, sind einige der lautesten Lads wohlhabende Rugbyspieler, die auf Privatschulen waren und oft hochfliegende Abschlüsse in der Medizin oder im Finanzsektor anstreben. Doch Lad-Kultur ist nicht exklusiv auf diese Gruppe beschränkt, sie herrscht auch unter weniger wohlhabenden Männern vor, die nicht auf der Uni waren, und unter denen, deren Familien einst der Arbeiterklasse zugerechnet worden wären. Ja, der letzte Halbsatz des vorangegangenen Satzes ist ziemlich aufschlussreich: einst der Arbeiterklasse zugerechnet worden wären. Denn das ist nicht mehr der Fall. Die Arbeiterklasse gibt es nicht mehr. Heute gehören diese Menschen einer breiteren Mittelschicht an, und der einzige Unterschied besteht darin, dass einige viel reicher sind als andere. Wegen deren Assoziation mit Männlichkeit versucht die Lad-Kultur, der verlorenen Arbeiterklasse nachzueifern, doch sie tut dies in dem irrigen Glauben, die Männer hätten ihre Bestätigung aus ihrem sozialen Rang gezogen, wo es in Wirklichkeit doch die harte, körperliche Arbeit war. Die Kleider, die Saufkultur, die deutliche Abwendung von ›kultivierteren‹ Werten, über die Lads sich definieren – all das stützt die Lad-Kultur, wenn auch auf leicht abstoßende Art.

Was ich als »toxische Männlichkeit« bezeichne, ist ein Verhalten, das ein Ideal von Männlichkeit darstellen soll, doch ausgeführt von jemandem, der eine vollkommen verdrehte Vorstellung davon hat. Es ist oberflächlich und beruht gewöhnlich auf einem historischen Konzept von Männlichkeit, doch losgelöst von dem ursprünglichen Kontext, der es zu etwas Positivem, Nacheifernswertem machte. In ihrem Versuch, aus dem Nacheifern der Arbeiterklasse ein Gefühl von Mannhaftigkeit abzuleiten, während sie doch das entscheidende Detail (nämlich die Arbeit, die diese Männer verrichten) auslässt, ist die Lad-Kultur die Personifizierung toxischer Männlichkeit. Es spielt keine Rolle, ob Lads als Individuen progressiv sind, ob sie Feministen sind oder sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen (wie es immer öfter der Fall ist), der Lad gründet als Subkultur auf einem Konzept, das toxische Männlichkeit definiert, und solange es Lads gibt, haben wir ein Problem mit Männern.

Liebe den Sünder, hasse die Sünde

Wenn ihr mir nicht glaubt oder wenn es wie eine gigantische Übertreibung klingt, dann fragt euch, welches einige der wichtigsten Charakteristika der Lad-Kultur sind. Eure Antworten mögen sich von meinen unterscheiden, doch aus dem Bauch heraus kommen mir, wenn ich an Lads denke, auf der Basis meiner persönlichen Erfahrung, Begriffe in den Sinn wie: laut, grobe Scherze, Alkohol, Sex, Sexismus, Kasabian, Wettstreit, Risiken, Sport, Jux, Angebereien, Kasabian, Fitnessstudio, Kasabian. Was zum Teufel ist so toll an Kasabian? Ich hasse Kasabian.

Das ist natürlich eine vollkommen subjektive Liste, und wenn ich vorausgeplant und eine Befragung durchgeführt hätte, wäre das Ganze ein wenig wissenschaftlicher, aber ich glaube, die meisten Begriffe davon würden einer genaueren Überprüfung standhalten – wenn ihr Einwände dagegen habt, könnt ihr mich gern per Tweet um schlüssige Argumente bitten. Lad-Kultur ist so ein wichtiges Untersuchungsgebiet, weil fast alle Aspekte dieser Kultur eine moderne Vorstellung von Männlichkeit reflektieren, die häufig in ihrer toxischsten Form ausgeübt wird.

Man hört selbsternannte Lads oft sagen, sie würden alles, was sie tun, »nur zum Spaß« tun. Sie machen Sachen allein um des billigen Nervenkitzels willen, einfach weil sie sie tun können. Wenn es auf Kosten anderer geht, tun sie es mit einem Achselzucken als »harmlosen Scherz« ab, und wer das anzweifelt, gilt als humorlos und prüde. Doch es steckt mehr dahinter. Eine Gruppe von Männern – laut, anmaßend und dreist – weiß, dass sie mit vielem durchkommt, wenn sie jemanden »im Spaß« verarscht, denn wegen ihrer Körpergröße und weil sie zu mehreren sind, wird kaum jemand sie körperlich angehen. Wenn Männer Frauen verhöhnen, nennen sie es einen »harmlosen Scherz«. Doch es wurden schon Frauen von Männern angegriffen und sogar umgebracht, die sich über so eine Kleinigkeit aufregten, wie die, dass ihre Avancen abgewiesen wurden. So etwas wie »harmlose Scherze« gibt es für Frauen nicht. Lad-Kultur ist die Personifikation männlicher Privilegien. Die Liste der Dinge, die nur Männer können, schrumpft mit jedem Tag, die Lücke zwischen den Genders schließt sich, bald ist von dem, was uns traditionell den Frauen überlegen machte, nichts mehr übrig. Die Lad-Kultur ist ein letztes Aufkeuchen, der verzweifelte Versuch, am letzten Rest von Macht und Dominanz festzuhalten, in dem falschen Glauben, unsere Männlichkeit würde sich aus so einem Verhalten speisen.

Die Zukunft

Ist Männlichkeit in der Krise? Ich weiß nicht. Vielleicht. Manche behaupten es. Manche leugnen es. Andere sagen, sie ist in der Krise, aber nicht so, wie die einen sagen. Das ist verwirrend, ich weiß. Ich persönlich halte die Formulierung »Männlichkeit in der Krise« für zu vage und zu schwammig, um euch oder mir oder irgendjemandem, der sich auch nur einen feuchten Kehricht um Männer schert, irgendwie weiterzuhelfen. Schadet uns das Bedürfnis, unsere Männlichkeit in der modernen Welt durchzusetzen? Absolut. Sind ungebildete, überholte Vorstellungen von Männlichkeit ein Problem? Allerdings. Aber vor allem: Können wir uns mit diesen Themen auf eine Art und Weise befassen, von der wir alle etwas haben, ungeachtet des Genders? Ja, durchaus.

Leicht wird das nicht. Wir haben es mit Menschen zu tun, die keinen Fortschritt wollen. Wir treten in Opposition zu Gruppen, die behaupten, einen Großteil von dem zu unterstützen, was wir tun, aber nur, wenn es ihrer abscheulichen, entzweienden Agenda dient. So geben Männerrechtsaktivisten (MRAs) zum Beispiel vor, ein Interesse daran zu haben, die Selbstmordrate von Männern zu senken und misshandelten Männern leichter Zugang zu sicheren Orten und Beratung zu ermöglichen, doch den größten Teil ihrer Zeit und ihrer Energie verwenden sie darauf, Onlineangriffe auf bekannte Feministinnen zu organisieren, die in ihren Augen schuld an dem Ungemach der Männer sind, statt Aktionen gegen die Diskriminierung auf die Beine zu stellen und das Problem wirklich anzugehen. Diese Leute sagen, die Lösung zur derzeitigen »Krise der Männlichkeit« läge in der Regression, denn sie glauben, nur die Rückkehr zu traditionellen Genderrollen könnte die Männer retten. Leider sind wir zu weit gekommen, als dass das je passieren wird. Unsere Erlösung liegt woanders.

Und so schließe ich diese kurze Geschichte dessen, wie sich der Mann im Verlauf von 50.000 Jahren entwickelte, mit einem Nicken in Richtung Zukunft ab. Denn auch wenn ich mir sicher bin, dass ich das eine oder andere Detail vergessen habe – die eine oder andere Sache, die das Verhalten von Männern bestimmte in der Zeit zwischen jetzt, da ich dieses Kapitel schreibe, und dem Beginn der Menschheit, wie wir sie kennen –, ist unsere Geschichte nur bedingt von Nutzen. Wir müssen uns jetzt auf das konzentrieren, was vor uns liegt.

Wenn Männlichkeit wirklich in der Krise ist, kann diese nur dadurch gelöst werden, dass wir Fortschritte machen – und in den nächsten Kapiteln lernen wir hoffentlich, wie.

Конец ознакомительного фрагмента.

Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.

ВходРегистрация
Забыли пароль