David V Tulman Mit der Kraft zu lieben
Mit der Kraft zu lieben
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David V Tulman Mit der Kraft zu lieben

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“David, pass auf! Deine Gedanken sind nicht bei der Sache!”

Einige Zeit darauf kam der Postbote mit einem eingeschriebenen Paket: “Wohnt hier ein David Tulman?”

Mutter eilte zu Vater.

“Nein, nein, nicht Sie, Herr Rabbiner, ein David Tulman”. Ich musste selbst unter Vaters Aufsicht unterschreiben, natürlich auf hebräisch.

Der Postbote murmelte: “Wer kann denn das lesen?”, und ich sagte ihm: “Ich!”

Das erste Paket meines Lebens. Es war mir erlaubt, es selbst zu öffnen, was gar nicht leicht war. Meine Schwestern standen dabei, und auch Mutter lächelte froh dazu. Es kam endlich ein superber, dunkelblauer Matrosenanzug mit langer Hose und großem Kragen heraus, ganz so, wie es damals Mode war. Und dann kam sehr viel Papier und immer noch und noch weißes Seidenpapier, aber endlich, ganz tief in der Mitte, sehr beschützt lag etwas ... es war eine kleine Thora! Eine wirkliche Thora-Rolle auf Pergament geschrieben, eine wahrhaftige heilige, handgeschriebene Thora für mich.

Zitternd rief ich Vater: “Papa, Papa, schau – eine wirkliche Thora!”

Seine Augen wurden ernst, dann sah ich aber, wie er lächelte und sagte: “David, küsse sie!”

Nie wieder habe ich um Essen gefragt, aber um die Erlaubnis, die Thora in meinen Armen tragen zu dürfen, sie dicht gegen mein Herz zu drücken, das dann vor Freude tanzte. Es war wie ein Traum.

Für Vater wie für mich war Kurtakeszi das Dörfchen der Hoffnungen! Vater hoffte, in mir einen reinen, frommen Rabbiner für Gott zu erziehen. Ich habe es ihm mit meinem Wandel nicht leicht gemacht! Doch Vater hat mich sehr geliebt und mein späteres Suchen zutiefst verstanden.

Doch jetzt geschah es, dass meine Schwestern, nachdem ich aus “meiner eigenen Thora” vorgelesen hatte, mich in freudiger Bewunderung und Liebe umarmten und küssten.

Da ertönte Vaters laute Stimme: “Was soll das, diese Kindereien! David hat jetzt seine eigene Thora, es ist ihm nicht mehr erlaubt, sich mit Mädchen herumzuküssen!”

Da fiel die ganze Verantwortung, eine Thora zu behüten, auf meine jungen Schultern und bis in meine Seele hinein. Ich fühlte den festen Druck, als die Hand des reichen Herrn sich auf meine Schulter gelegt hatte.

“Du sollst deine Thora in Ehren als das Heiligste bewahren”, schien diese Hand gesagt zu haben. Aber diese Hand hatte auch Vertrauen zu mir gehabt.

Bis zu Mutters Todestag haben wir Geschwister uns nicht mehr umarmt und geküsst. Die unschuldige Wärme der Kindheit und dann auch der Kontakt auf unseren Lebenswegen gingen so früh verloren.

Ein großer Ernst war in meine Seele eingezogen: Die Verantwortung für die Thora.

Die Herbstmanöver

Ein Sommer voller Honigduft war vorbei, als die Herbstmanöver der österreichisch-ungarischen Armee das Leben unseres Dörfchens völlig durcheinander brachten.

Am Morgen wurde ich wach vom Lärm der Pferdehufe, dann klirrten unsere Fensterscheiben, das kam vom Vorbeifahren der schweren Artillerie, damals schon moderne Waffengattungen.

War es Angst oder Neugier? Ich fühlte mich zur Türschwelle hingerissen. Aber dann sah ich, wie Groß und Klein, Alt und Jung dem Militär nachliefen, die Kinder mit roten Gesichtern, die Frauen ließen ihre Röcke gefährlich hoch um die Taille tanzen, die Männer wollten glauben machen, dass sie etwas verstünden und brüsteten sich damit, ... und ich, ich schaute sie lange an und dachte mir: “Ein Gottesmensch rennt niemandem nach!” und meine Würde wuchs, wenn auch meine Füße eine ganz andere Meinung hatten.

Vater saß ruhig an seinem Studiertisch, wie immer in die großen Bücher vertieft. Da kam glücklicherweise seine Stimme zu mir: “David, das ist für Gassenjungen, die laufen dem Militär nach. Bleib brav zu Hause, komm setz dich zu mir! Wir werden den Auszug der Söhne Israels aus Ägypten zusammen lesen. Unser jüdisches Leben ist in den heiligen Schriften! Unser Gott will es so.”

Und wir lasen: Als das Volk Israel von seinem Sklavenlos durch Moses befreit, in die Wüste wanderte und endlich das Rote Meer erreichte, da stand es plötzlich verzweifelt am Ufer, denn es gab keinen Weg durch das Wasser und das Heer des Pharao kam herangeritten, um alle zu vernichten. Da schrie das Volk zu Moses und zu Gott: “Was hast du uns angetan? Warum hast du uns aus Ägypten geführt? Ist es nicht besser, zu dienen als in der Wüste zu sterben?”

Vater erklärte mir: “Die Israeliten hatten damals ihr Sklavenlos noch nicht abgeschüttelt, und darum mussten sie dann vierzig Jahre durch die Wüste wandern, damit ihre Gedanken wirklich die Gedanken freier Menschen wurden.”

Moses aber sprach: “Der Allmächtige wird für euch streiten!” Und so war es! Er spaltete das Rote Meer, um dem Volk Israel Durchlass zu gewähren! In Seinem Zorn aber ertränkte Gott in den sich schließenden Fluten die stolze Armee des Pharao.

“David, durch den Willen und die Taten des Allmächtigen bekamen wir unsere Freiheit und bekommen wir unsere Kraft und wir geben Ihm unsere Liebe. Glaubst du, dass dieses Militär hier für uns streiten würde? Ihre Trompeten schallen nicht zur Befreiung unseres Landes! Nein, nein ... bleib bei mir und vertiefe dich in Gottes Wort, so wirst du stark werden, David, um einstmals für unser Volk zu kämpfen, um dich gegen die Ungerechtigkeiten der Menschen zu erheben.”

Mit meinen sechs Jahren sah ich noch einen langen Weg der “Kräftigung” vor mir liegen und ich fühlte, neben Vater war mein Platz!

Am Abend kam Rachel gelaufen, ganz aufgeregt und verzweifelt. “Frau Tulman, Frau Rabbiner, die Offiziere sind alle in unserer Herberge! Es ist kein Platz mehr frei. Wir müssen sie gut bedienen, verstehen Sie? Die Arbeit wächst mir über den Kopf. Bitte, bitte Frau Rabbiner, helfen Sie mir beim Bedienen. Die Offiziere werden sich anständig benehmen. Frau Tulman, Sie riskieren nichts. Wir werden Sie auch gut bezahlen!

In den Bewegungen von Mutters Händen fühlte ich all ihre Bedenken. Mutter antwortete ruhig: “Glauben Sie, es wäre mein Platz?”

“Frau Rabbiner, Ihre Kinder gehen mit abgetragenen Kleidern und laufen barfuß. Sie sind eine respektvolle Frau, niemand wird Ihnen nahe kommen! Ist es eine Sünde, seinem Nächsten zu helfen? Wir sind doch Nachbarn.” Meine Barfüße betrachtend, fand ich sie wirklich nicht sehr würdevoll.

“Ich werde meinen Mann fragen.”

“Schau Elie, unsere Kinder haben keine Schuhe mehr, David hat kein warmes Höschen, der Winter wird kommen! Karoline und Frieda sind die einzigen Mädchen im Dorf, die keine Ohrringe haben, und sie sind die Kinder des Rabbiners. Nicht einmal zu Ehren des Sabbats haben wir ein Stückchen Fleisch, geschweige denn ein Glas Wein auf dem Tisch. Wenn ich einer jüdischen Frau helfe, was kann es dich stören?”

Wie ein Ungewitter grollte die Stimme Vaters: “Du willst, dass ich meine Frau in der Schenke diese Krieger bedienen lasse? Diese Männer, die nichts anderes wissen, als ihre Säbel zu meistern? Meine Frau? Ich, der Rabbiner, der Sohn, der Enkel und der Urenkel ...” Vater schien seinen Stammbaum bis zu Moses aufzuzählen.

Ich war durchwühlt von Angst und Ehrfurcht. Es schien, als hielte Moses selbst Gericht.

Mamme aber antwortete darauf mit fester Gelassenheit: “Wenn Gott dich mit so vielen würdigen Ahnen beschenkt hat, sei es bedankt, doch können sie eine Weise finden, um uns aus dieser Armseligkeit zu führen? Lass mir die Sorge, unsere Kinder zu kleiden.”

Mit ruhigen Schritten verließ sie das Haus. Mutters Mut bewundernd dachte ich, sie brauche jetzt den Schutz ihres Sohnes zwischen all diesen Männern mit großen Säbeln! Ich eilte ihr nach.

“David, geh heim! Dein Platz ist neben deinem Vater.”

“Nein, Mamme! Ich bleibe bei dir, ich werde dich vor all diesen bösen Männern beschützen!”

Wie kann ich nur beschreiben, was ich sah, als die Tür des Wirtshauses sich öffnete: Viele, viele Kerzen flackerten. An langen, weiß gedeckten Tischen, gehüllt in Tabakrauch, saßen lauter Könige. Sie hatten goldene Kordeln auf ihrer Brust, goldene Knöpfe, Epauletten und Hosennähte. Für mich sahen sie alle wie Kaiser Franz-Josef aus, von dem ein Bild an der Wand hing. Viele trugen wie er stolze Schnurrbärte, bei denen man die Spitzen sogar zwischen Daumen und Zeigefinger rollen konnte. Sie waren beängstigend schön! Es roch um sie herum nach Leder, nach Pferden und nach Wein.

Meine Courage schmolz. Ich rutschte hinter Mutters Rockfalten, um unbemerkt mit ihr in die Küche zu gelangen. Mein Versteck war nicht gut; zwei große Arme eines Riesen streckten sich aus und erwischten mich bei meinem Päis.

“Kuckt mal, was ich da erwischt habe, ein kleiner Jud!” Er hob mich hoch in die Luft, dass alle mich sahen und lachte dazu.

“In deinen langen Locken wird es aber vor Läusen wimmeln!”

Ich war entsetzt und hilflos, das Weinen wollte mir kommen, aber ich schrie empört mit meiner kräftigen Stimme von der Höhe herunter: “Meine Päis sind ein Gottesgesetz! In Gottes Gesetzen gibt es keine Läuse! Aber ihr, die ihr alle ausseht wie Könige, ihr werdet sicher welche unter euren Käppis haben!” So, ich hatte meine Meinung gesagt. Sie fingen alle laut an zu lachen, es schallte wie eine Flut durch den Saal. Der König dieser Könige hob seine Hand und es wurde still.

“Komm mal her, kleiner Jud!”

– Und ich wurde vor ihm auf den Tisch gestellt.

“Du hast aber Courage! Bravo! Hier hast du meinen Kopf, für jede Laus, die du findest, bekommst du eine Silberkrone!”

Amüsiert trugen einige Offiziere noch mehr Kerzen herbei, um diese Szene genau zu beleuchten, und der König dieser Könige beugte sein Haupt vor mir. Den Schrecken und die Angst, die ich da bekam, kann ich gar nicht beschreiben.

“Ich kann nichts finden, ich habe nie eine Laus gesehen!”

Die Augen des Königs schauten mich listig an. Sie schienen zu sagen: “Meinst du, dass ein verlauster Jude sie nicht kennt?”

Aber seine Worte klangen anders: “Wenn du mal Soldat bist, wirst du sie kennenlernen. Los, such’ gut!”

Meine Hände gingen wirklich auf seinem Kopf suchen und am Rande seiner beginnenden Glatze fand ich eine Schuppe.

“Na, da hast du schon etwas gefunden.”

“Es gibt noch mehr davon.” Wieder hallte das Lachen laut. Aber jetzt wuchs mein Eifer.

Da sagte der König wörtlich: “Wenn man dir den Kopf Kaiser Franz-Josephs geben würde, könntest du Baron Rothschild werden. Der Kleine wird mich ruinieren, die Reihe ist an euch meine Herren!” Ich wurde von Kopf zu Kopf gereicht, man aß und trank derweil, und ein jeder amüsierte sich mit seiner “Entlausung”. Sie haben mich vieles gefragt und ich habe mit Courage geantwortet. Ich glaube, es hat mir schon damals nicht an Humor gefehlt. Nur zu essen habe ich nichts angenommen. So erhielt ich jedesmal eine Silberkrone. Wie war es leicht, unter Königen reich zu werden! So bin ich trotz meiner “Barfüße” über die langen Tische der Könige hingeschritten.

Das Mahl wurde dann beendet. Meine Augen suchten Mutter. Sie stand jetzt an der Küchenschwelle und hatte natürlich alles beobachtet.

Ich schrie begeistert zu ihr hinüber: “Mamme, jetzt haben wir genügend Geld, um Fleisch zu kaufen. Ich werde nie wieder eine Katze zum Sabbat schlachten wollen!”

Mutter behielt ihr seltsam trauriges Lächeln und verschwand in der Küche. Alle meine Freude stürzte plötzlich in sich zusammen, ich wusste nicht warum. Vielleicht hatte dieses Spiel etwas Erniedrigendes, weil wir Juden waren? Meine Taschen waren gefüllt mit Silbermünzen und ich überlegte ernsthaft, ob ich sie nicht alle zurückgeben sollte? Aber niemand kümmerte sich mehr um mich. Was sich dann begab, weiß ich nicht, aber ich denke, dass in einer Anwandlung von Sentimentalität für den kleinen Jungen, der kein Katzenfleisch mehr am Sabbat essen wollte, Geld gesammelt wurde.

Der General ließ Mutter rufen.

“Kommen Sie ruhig, Sie brauchen sich nicht zu fürchten!”

Vor Mutters Augen legte er einen kleinen Berg von “Goldstücken” auf den Tisch. Mutters Lippen zitterten. Sie rührte das Geld nicht an.

“Nehmen Sie! Nehmen Sie ruhig, gute Frau, wir geben es von Herzen. Ihr Sohn hat uns alle großartig amüsiert. Wenn er weiter mit so viel Eifer Läuse auf den Köpfen sucht, wird er einmal ein großer Philosoph oder Bankier werden.”

Sein Lachen schallte wieder durch den Saal.

Im Offizierskorps waren die Söhne der ungarischen Aristokraten und Großgrundbesitzer, sie kannten keinen Hass gegen Juden; wir waren ihnen nur eine seltsame, fremde Erscheinung. Ihr Benehmen uns gegenüber war freundlich und altruistisch.

Mutter nahm dann ihr Tüchlein aus der Tasche und legte die Geldstücke hinein. Doch schon hatte sich die Stimmung geändert, man klatschte in die Hände und rief nach Wein und Zigeunermusik. Mamme kam zu mir, nahm fest meine Hand in die ihre, verbeugte sich leicht und wir traten hinaus in die Stille der Nacht.

Eine Versuchung

Draußen im Hof, unter dem freien Himmel, entfaltete Mutter ihr Tüchlein und wir schauten fast erschrocken die noch im Dunkel leuchtenden Goldstücke an. Wir zählten zusammen bis zwanzig.

Dann flüsterte Mutter: “Was wird Vater sagen? Was wird Vater dazu sagen?” Und sie wiederholte es wieder und wieder.

“Mamme, meine Tasche ist auch voll mit Silberstücken!”

Mutter drückte mir liebevoll die Hand. Wir dachten an Vater und wagten kaum, unsere Haustüre aufzumachen. Daheim, welch ein Kontrast: Stille im Zimmer. Frieda und Karoline schliefen schon. Nur eine Kerze brannte auf Vaters Tisch; vertieft in seine Bücher wandte er nicht einmal den Kopf nach uns. Mutter holte einen Stuhl und setzte sich neben Vater. Sie zählte die zwanzig Goldstücke auf den Tisch und sagte dann ganz leise: “David, komm, leg auch dein Geld dazu.”

Da erfasste mich eine Versuchung, nämlich der Gedanke, in der Tiefe meiner Tasche eine Münze zu vergessen. Ich wurde rot vor Scham, aber opferte dann auch diese letzte auf dem Tisch des Hauses. Als ich sie aus der Tasche holte, wurde es mir merklich leichter.

Dann kam eine Stille. Ich kannte das schon, so wie vor einem Gewitter, bevor Blitz und Donner kommen. Vater, ohne ein Wort zu sagen, strich alles Geld von seinem Tisch. Unwürdig fielen die Münzen auf die Erde. Dann erhob er sich und ging auf und ab. Sein riesiger Schatten begleitete ihn an der Wand und beide waren überwältigend, fürchterlich. Ich erschrak vor Vaters Größe und meiner Kleinheit. Mir war, als schritte Vater über alles Geld hinweg.

Da donnerte plötzlich seine Stimme gegen mich:

“Was stehst du da?! Geh schlafen!”

Ganz klein und gebeugt bin ich ins Bett geschlichen, welches ich damals noch mit Mutter teilen durfte. Es zitterte in mir und weinend kam das Abendgebet heraus.

“Lauter!” schrie Vater. “Ich höre nichts! Du stiehlst die Worte! Gott hat das Recht auf ganze Gebete!”

Meine Freude, mein Eifer, meine Erwartungen und Hoffnungen, alles stürzte zusammen. Ich erinnerte mich der Versuchung. Sie kam für ein einziges Stückchen Geld und Vater verachtete sie alle. Mein Weinen wurde sehr bitterlich. Wäre ich doch fast ein Sünder geworden! Nach so viel Courage, Aufregungen und Arbeit war nichts geblieben und Vaters Schatten an der Wand schien auch meine letzten Hoffnungen zu vertreiben.

Aber Mutter sammelte unsere Reichtümer vom Boden. Sie formte auf dem Esstisch kleine Türmchen von Silber und Gold und sie sprach mit fester Stimme: “Ein Paar Schuhe für David, Schuhe für Frieda und Karoline, für David ein Höschen, zwei warme Röcke für die Mädchen und ...! Elie, was willst du von dem Kinde? Er war so mutig und lieb!” Und Mutter erzählte mit ihrem Humor die “Offiziersentlausung”. Da beruhigten sich Vaters Schritte. Nach einer Weile hörte ich ihn sogar lachen. Welche Seligkeit! Ich fühlte meine kleine Seele wieder von Vater geliebt. Als es aber zur Goldgeldzählung kam, donnerte Vaters Stimme fürchterlich: “Dies Geld werde ich niemals anrühren! Wir sind keine Bettler! Wenn wir auch arm vor den Augen der Menschen sind. Unser Vermögen ist nicht das Geld! Unser Reichtum ist nicht sichtbar! Unser ist die Liebe zu Ihm.”

Mutter wickelte die Goldstücke wieder in ihr Tüchlein.

“So wird es den Mädchen gehören, wenn sie einmal heiraten”, sagte Mutter mit zitternder Stimme.

“Wer heiratet heute ein armes jüdisches Mädchen?”

Dieser Schatz wurde dann unter unserem Strohsack versteckt, um auf jene Zeit zu warten.

Vater setzte sich wieder an seinen Studiertisch und begann mit leisen, psalmodistischen Melodien weiter zu lesen und die Wogen unserer Seelen beruhigten sich. Aber eine Ahnung kam von weitem zu mir: “Der kleine David von Kurtakeszi wird einstmals vor das Gericht Gottes gerufen werden, um mit bitteren Tränen Ihm das Nachtgebet laut zu sagen und alle seine Versuchungen einzugestehen. Wird Gott mir dann verzeihen?

Ja, Gott wird mir verzeihen!”

Und so bin ich eingeschlafen.

In Seinem großen Licht

Beim Sonnenaufgang verließ das Militär mit Trommeln und Trompeten unser Dörfchen. Es wurde hernach ganz still. Ich aber hatte am besten alle diese Könige gesehen und ich war ihnen nicht nachgerannt! Ich war stolz auf mich selbst. Aber die Angst und der Schrecken, den ihr Anblick mir machten, das war auch nicht vergessen.

Warum machten diese prachtvollen Männer Krieg? Sagt man beim Begegnen nicht immer “Schalom”, das heißt “Frieden”? Ich erschrak. Die Christen sagen das nicht. Nein, sie sagen das nicht! Warum? Da bin ich schnell zu Vater gelaufen.

“Papa, warum machen die Menschen Krieg? Warum machen sie Sünden mit so viel Pracht?”

Vater hatte geantwortet: “David, darum lernen wir ja aus den heiligen Schriften, um klug zu werden.”

Und dann sagte Vater: “Pass auf, David, dass du niemals glaubst, du seiest schon klug! Klug ist nur der Allmächtige! Du musst dein ganzes Leben lang lernen!”

“Aber Papa, du bist doch klug!?” Da bekam ich eine fürchterliche Ohrfeige. Die erste meines Lebens! Sie brennt mir noch heute im Gesicht. Diese Ohrfeige habe ich nie vergessen! Sie hat mir geholfen, die Menschen zu verstehen: solche, die glauben sie seien klug, und solche, die lernen. Es gibt aber auch solche, die nicht einmal nachdenken.

Aus diesen Erkenntnissen holte mich Mutters Stimme:

“Davidel, komm, wir werden Schuhe kaufen.”

Auch meine Schwestern bekamen die ihren. Wir zeigten sie einander in der Küche und jeder fand die seinen am schönsten. Vor allem waren “wachsende Füße” vorgesehen und wir fühlten uns von ihnen in ferne Zeiten getragen. Rachel, die auch im Dorfbazar arbeitete, gelang es, Mutter zu überreden, dass die Frau des Rabbiners auch mit richtigen Schuhen zur Synagoge kommen müsse. Es waren die letzten, die Mutter sich kaufte. Sie lagen wochentags mit Papier ausgestopft in einer Schachtel und durften nur am Sabbat zur Synagoge gehen.

Von Geld wurde in Kurtakeszi nicht mehr gesprochen. Aber ich ahnte, wie gut es sei, immer in Gottes Licht zu stehen: dann könnte sich keine Versuchung heranschleichen, man würde alles sehen. Alles! Auch, warum die Menschen Krieg machen!

“Pass auf, David, dass du niemals glaubst, du seiest schon klug! Klug ist nur der Allmächtige! Du musst dein ganzes Leben lang lernen!”

Der Auszug aus Kurtakeszi

Langsam fingen wir an, in unsere Schuhe hineinzuwachsen, als eines Tages Vaters und Mutters Geheimnis offenbar wurde: Wir ziehen um! Ein großer Wagen mit zwei Pferden kam vorgefahren, um all unsere Habe zu transportieren. Ich verglich unser Unternehmen mit dem Auszug aus Ägypten. Später habe ich wohl an die zwanzig Auszüge miterlebt. Wenn ich sie auch nicht alle niederschreiben werde.

Das Wichtigste und Schwerste waren natürlich Vaters 300 Bücher, die zuunterst geladen wurden, darauf unsere beiden Thora-Rollen, gut geschützt und verpackt. Erst dann halfen wir Mutter mit den schon sehr gebrechlichen Möbeln: Ein zerbrochenes Bett und noch ein zerbrochenes Bett, die Kinderbettchen, eine große Schüssel, ein Stuhl, da wackelte das eine Bein, ein kleines Säckchen Mehl, ein kleines Säckchen Bohnen. Wie schwierig war es, das Geschirr gut getrennt zu halten, damit das für Fleischgerichte und das für Milchgerichte sich nicht berührten und vor allem, dass die weißen Teller und die Töpfe für Pessach sich nicht mit den anderen vermengten.

Wie schön war es, wenn Mutter für unser “Osterfest der Befreiung aus Ägypten” den Tisch ganz weiß deckte. Dann erzählte Vater, wie wir damals in der Wüste nur Mehl mit Wasser auf heißen Steinen backten und kein Brot mit Hefe mehr aßen. Jede Ostern, wenn wir unsere “Matze” aßen, kamen alle diese Erinnerungen und Vater konnte das so wunderbar erzählen; wir erlebten es wirklich mit.

Aber jetzt hätte ich fast vergessen, mit Mutter und den Schwestern hoch oben auf unsere Strohsäcke zu klettern. Mutter machte mir Zeichen auf ihren Busen, dass dort unser Schatz jetzt ruhte und ich sollte nichts den Schwestern davon sagen, es sollte eine Überraschung werden, wenn sie heirateten. Als alles verstaut war, ging Vater zur Türschwelle zurück, küsste die Mezusa mit ihrem “heiligen Spruch” im Inneren und plötzlich verstand ich: es war der Abschied und Vater segnete das Haus für die kommenden Bewohner. Er ließ für sie die Mezusa am Türpfosten. Auf dem Pergament in ihrem Innern steht: “Höre, Israel, dein Gott ist der einzige Gott ... Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft!”

Dann stieg Vater neben den Kutscher auf unseren Wagen. Der junge Bauer mit seiner stolzen Hahnenfeder am Hut war schon ungeduldig geworden, derweil seine Pferde sicherlich fühlten, wie schwer der Wagen nun war. Er nahm gewichtig seine große Peitsche, knallte damit laut in der Luft und schlug dann auf die Pferde. Die bewegten sich aber nicht. Sie trotzten seiner Aufregung. Da wurde er wütend, fluchte einen Strom ungarischer Flüche und schlug fest zu. Da nahm Vater ihm die Peitsche aus der Hand und legte sie in den Wagen.

“Schlage nicht deine Pferde! Sie sind Gottes Geschöpfe! Sie verdienen dir dein Brot!” Drauf sprach Vater sanft und eindringlich zu den Pferden. Da spitzten sich ihre Ohren und sie hoben ihre Köpfe. Sie setzten ihre Hufe fest auf die Erde und zogen an. Der Kutscher schaute erstaunt zu Vater und schwieg. Am Wegrand standen einige jüdische Familien und die hübsche kleine Myriam, meine erste Liebe, mit ihrem Vater, unserem Schullehrer. Sie winkten uns nach. Mutter weinte und ich weinte auch.

“Wenn du groß bist, kannst du zurück kommen und dir Myriam zur Hochzeit holen”, sagte Mutter.

Aber es öffnete sich nun eine so große Welt, dass ich Myriam ganz vergaß. Erst sehr viel später trafen wir uns einmal und lachten sehr fröhlich miteinander.

Am Dorfrand kam die Heiligennische, wo der Kutscher sich bekreuzigte. Ein letzter Hund bellte uns nach. Ja, es war wirklich der Auszug aus Kurtakeszi, meinem “lichtigen Dörfchen”.

Die Landstraße

Auf unseren Strohsäcken, in der Musik des rollenden Wagens geschaukelt, überkam mich der Schlaf. In dieser besonderen Nacht, nach so vielen Aufregungen, hörte ich die Stimme des Ewigen zu mir sprechen, sie glich erstaunlich der von Vater. “David, mein Sohn, du schläfst? Schämst du dich nicht, in Schlaf zu versinken, derweil der Sternenhimmel über dir schwebt! Der Mensch, welcher nicht seinen Blick zum Firmament erhebt, der weiß nicht, wie klein er ist und er vergisst den Schöpfer.”

Aus tiefem Traum erwachend sah ich Vater auf dem Kutschersitz, die Zügel in der Hand. Mit klarer Stimme sang er die Psalmen und die Pferde trabten freudig zu diesen Melodien. Mein Blick richtete sich zum Firmament und es war, als ginge unsere Reise bis zu den Sternen hinauf. Früh habe ich den “wandernden Juden” erlebt, in der Welt ein Heim und eine Heimat suchend.

Im Königreich Österreich-Ungarn waren Staat und Religion verbunden und alle größeren Rabbinerposten wurden von Staatsangehörigen besetzt. Den Flüchtlingen aus Russland und Polen blieben nur kleine Dörfchen übrig, welche sich auf ihre eigenen Kosten einen Rabbiner engagierten und nur eine mehr oder weniger improvisierte Synagoge besaßen.

Vater, als russischer Flüchtling, durfte nur auf diese Posten rechnen. Außerdem suchte er unter ihnen noch die kleinsten Gemeinden, in der Hoffnung, viel Freizeit für sein Studium zu finden. Er ist auch nie ungarischer Staatsbürger geworden, ich glaube, weil er Russland geliebt hatte.

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