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Birgit Schmid In jeder Beziehung
In jeder Beziehung
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Birgit Schmid In jeder Beziehung

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Warum musste sich mein Vater immer rasieren? Sie begründete ihre Verordnung damit, dass ein Mann sein Gesicht nicht verstecken sollte. Und dass sie kein kratzendes Gesicht küssen möge. Also rasierte sich mein Vater, denn es gefiel ihm auch am besten so. Meine Mutter strich ihm über die Wangen.

Auch das habe ich von ihnen gelernt.

MEINE FREIE

ARZTWAHL


Als Kind kam nur einer infrage: ein Arzt. Ich wollte einen Arzt heiraten. Und wo lernte ich einen solchen am ehesten kennen? Im Spital. Also wollte ich Krankenschwester werden. Da ich diese Pläne lesend vornahm und darob nicht mehr ansprechbar war, hielt mich schon das davon ab, tatsächlich eine medizinische Fachangestellte zu werden, wie die korrekte Bezeichnung heute lautet. Die Traumverbindung wurde mir in den Jugendbüchern »Susanne Barden« vorgeführt, drei dicke Romanbände, in denen die Titelheldin sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, Dr. Barry kennenlernt und heiratet.

Wie sehr die Träumerei von kulturellen Vorstellungen geprägt war, was einen Mann ausmacht (entscheidungsfreudig, zupackend) und wie eine Frau zu sein hat (fürsorglich, kümmernd), weiß ich nicht. Ich las das einfach gern. Und muss jedes Mal daran denken, wenn Umfragen gemacht werden über die Berufe, die beim andern Geschlecht gut ankommen, wie gerade eben wieder.

Die Partnervermittlung Elitepartner hat ermittelt und herausgefunden: 42 Prozent der Frauen finden Ärzte attraktiv. Die Männer wählten an zweiter Stelle mit 37 Prozent Krankenschwestern. Noch besser gefallen 45 Prozent von ihnen aber Ärztinnen. Das ist eine gute Nachricht, da eine Folge der Emanzipation: Neben Medizinern stehen nun auch Medizinerinnen auf dem nach Berufen sortierten Begehren an erster Stelle. Bei männlichen Vorlieben folgen Wissenschaftlerin, Künstlerin, Lehrerin, Architektin. Frauen zählen weiter Handwerker, Architekt, Polizist, Geschäftsführer zu den anziehendsten Berufen. Eher ungern lassen sich Frauen wie Männer mit einem Steuerberater und einer Politikerin ein.

Es ist ja eine der ersten Fragen, wenn man jemanden kennenlernt: Was arbeitest du? Meist trägt das bei zum Bild, das man sich von jemandem macht, steigert dessen Attraktivität oder dämpft das Interesse. Man assoziiert mit Berufen gewisse Charaktereigenschaften und bewertet so die Begehrlichkeit des Inhabers. Ein Ingenieur schaut dafür, dass die Wände gerade stehen, das Dach trägt und die Brücken halten. So einer ist gewissenhaft und vertrauenswürdig. Eine Lehrerin kann einem die Welt erklären, sie gilt als geduldig und verständnisvoll. Ein Arzt, der Retter. Eine Ärztin, mitfühlend.

Seien wir ehrlich: Wir definieren uns auch über das berufliche Ansehen des andern. Die Beruf-Liebeswahl ist ein Bekenntnis zum Elitären. Man wünscht sich jemanden an der Seite, der etwas darstellt, dessen Tage mit Sinn gefüllt sind. Will mit Stolz ihren Beruf nennen in einer Runde. Schlimm zu merken, da schämt sich eine für die Arbeit des Partners. Auch will man verstehen, was der andere macht, was bei heutigen Berufsbezeichnungen nicht immer einfach ist. Er ist Telematiker – und jetzt?

Damit soll nicht gesagt sein, dass sich unterschiedliche Berufe nicht ergänzen können. Und doch kann ein intellektuelles Gefälle beide einsam machen. Sich abends nicht von der Arbeit erzählen, weil die Neugier fehlt oder das Verständnis. Das Problem stellt sich bei den vielen Paaren nicht, die sich nach wie vor über die Arbeit kennenlernen. Da ist es dann eher wichtig, nicht ständig das Büro durchzunehmen.

Was folgern wir daraus? Wir wähnen uns romantisch, aber machen die Liebe sogar abhängig vom Beruf einer Person. Auch dann, wenn die Wahl zufällig scheint.

Jahre später bin ich dem Mann begegnet, er trug da gerade keinen weißen Kittel. Der Moment war wohl trotzdem entscheidend, als er mir ein leeres Terminkärtchen mit seiner Nummer gab. Und der Roman begann.

DER UMARMER WILL

JA NUR LIEB SEIN


Dauernd wird man umarmt, ob man will oder nicht. Die Umarmung drängt sich als Begrüßungsritual auf, sogar unter Fremden kommt sie vor. Sie wird heute auch sonst bei jeder Gelegenheit durchgeführt, um nicht vorhandene Nähe zu erzeugen. Zwischen Jugendlichen und zwischen Vater und Sohn, zwischen Geschäftspartnern, Therapeut und Patient, Coiffeur und Kundin. Mal liegt Brustkorb hart an Brustkorb, mal berühren sich nur die Schultern, während man sich auf den Rücken klopft, gelegentlich kommt es schon zum Ganzkörperkontakt, als sei der Eingangsflur eine Tanzfläche.

Die Umarmung als Grußformel: Sie hatte einst den Zweck, den andern nach Waffen abzutasten. Heute macht die Geste wehrlos. Weit öffnen sich die Arme, der andere tritt zu nahe, greift um den Körper. Widerstand zu leisten oder die Geste zurückzuweisen wäre eine Demütigung und darum gesellschaftlich undenkbar. Doch ein Satz wie »Lass dich umarmen!« klingt schnell drohend, vergleichbar mit den Worten des Hundehalters, dessen Tier an einem hochspringt: »Er will ja nur spielen.« Der Umarmer will ja nur lieb sein.

Es mag sein, dass wir Überempfindlichen vieles übergriffig finden. Jemand tritt einem zu nahe, und das nicht einmal körperlich: Schon fühlt man sich belästigt. Bei der ungewollten Umarmung handelt es sich aber tatsächlich um einen Übergriff. Für Schüchterne wird diese aufgedrängte Zuneigung zur Qual. »Bear hug« nennen das die Amerikaner, bärenhafte Umarmung, tapsig, unsensibel, erdrückend.

Woher nun aber diese plötzliche Körperlichkeit, die so tut, als hätte man sie bei den Italienern und Franzosen abgeschaut? Der aber gerade das Leichte der lateinischen Kultur fehlt? Vor vierzig Jahren hat der Soziologe Richard Sennett den Begriff der »Tyrannei der Intimität« geprägt. Inzwischen hat sich diese Intimität zu einer Demokratie verbreitet, sie meint jetzt das Gegenteil von steif und förmlich. Man will sich ungezwungen geben, locker, gefühlvoll, möglichst aufrichtig und echt – gerade auch im öffentlichen Leben. Mit der Folge, dass sich durch diese »extended communication« auch die beruflichen Kontakte erwärmen, bei denen in E-Mails zum Abschied nicht nur »alles Liebe« gewünscht, sondern auch geküsst und geherzt wird, egal, wie gut man sich kennt: »xoxoxo«, »kisses & hugs«. Das Beste an dieser virtuellen Umarmerei ist, dass man sich die Leute vom Leib halten kann.

Dabei ist es eigentlich schön, umarmt zu werden. Im richtigen Moment mit den richtigen Armen von den richtigen Menschen. Dann umfängt die Umarmung wie ein Mantel. Einsame Menschen vermissen diese zärtliche Geste am meisten, noch vor dem Kuss. Denn wenn sie einvernehmlich ist, vermittelt eine Umarmung Geborgenheit, gibt Trost, nimmt den andern freundlich auf. Auch dann bleiben zwei Menschen einzigartig, sie gehen nicht ineinander auf: Um zu wissen, wie ich mich fühle, müsstest du mich sein. Aber wie David Grossman in seiner Parabel »Die Umarmung« schreibt: Eine Umarmung kann den Abstand zum andern verkleinern. Man spürt zumindest für den Moment, dass man nicht alleine ist.

Was übrigens noch schlimmer ist als die unfreiwillige körperliche Umarmung ist die geistige. Auch hier gehen die Amerikaner wieder voran und reden von »embrace«. Embrace change! Embrace your flaws! Embrace yourself! Umarme den Wandel, deine Fehler, umarme dich selbst – und dränge alle Widersprüche und Zweifel weg, die es in deinem Leben gibt. Die Umarmung als metaphorische Selbstvergewisserung, im Befehlston verordnet: Was soll daran gut sein?

Keine Umarmung ohne Nähe.

Lass mich bitte los.

DAS KOMMANDIERTE

VERGNÜGEN


Es war ein leicht gefühltes Vorhaben, ein Wochenende in den Bergen. Die Sonne schien, die Bienen summten, die Felsen ragten in den blauen Himmel. Wir wollten da hinauf und dann wieder hinunter, zwischendurch gut zu Abend essen, anderntags beizeiten wieder heim. Im Hotel angekommen, in dem es nach Aromaölen roch, wurden wir mit den Worten empfangen, sie lagen auf dem Kopfkissen auf: »Genießen Sie die Tage bei uns. Sie haben es sich verdient.« Im Bad kommandierte es zwischen Heublumenseife und Massagestein: »Lassen Sie die Seele baumeln.«

Etwas renkte aus.

Ich weiß nicht, wo meine Seele sitzt und ob sie baumeln kann. Genießen tue ich nicht auf Geheiß, überhaupt, zu fordernd kommt mir inzwischen das Wort Genuss daher, im Widerspruch zu seinem Versprechen. Woher wissen die, was ich verdient habe? Vielleicht lag ich schon die ganze Woche faul herum. Der Satz wird dahingesagt, um jemanden bestätigend zu belohnen, aber der Befehlston verrät ihn. Denn oft verdienen ja die, die ihn sagen, am meisten daran. Sie profitieren davon, dass man intensiv geleistet hat und dann wieder verwöhnt und aufgebaut werden muss. Dabei meinen sie es nur gut. So gut wie Eltern es mit ihrem Kind meinen, ohne dass sich das Kind dagegen wehren kann. Genauso empfindet man es als Erwachsene und hat nun ein Wort dafür, wenn auch ein ebenfalls zu häufig gebrauchtes: Die Gutmeinenden sind übergriffig.

Und so gibt man sich der Verwöhnung hin, entspannt sich hinein in den Zustand, in dem man nichts mehr will als das totale Erschlaffen und sogar zu denken aufhört. In einem letzten hellen Moment vernimmt man vielleicht noch den Gedanken, dass die Ausweitung der Komfortzone mit dem Bekämpfen von Stress und Leistung einhergeht. Stress wird zum Feind erklärt, der das wachsende Angebot an Mitteln und Techniken, ihn zu vermeiden oder die Gestressten zu belohnen, rechtfertigt. Wer es nicht merkt, dem wird es sanft einmassiert.

Jetzt im Frühling drängt sich einem die gute Laune wieder überall auf. Theodor W. Adorno meinte die Unterhaltungsmusik, als er den Begriff vom »kommandierten Vergnügen« prägte. Man nimmt das Kommando am Morgen aus dem Radio entgegen, vorgespielt von zu fröhlichen Moderatoren. Es rieselt abends aus den Liftlautsprechern herab. Wattierte Befehle zum Glücklichsein, ohne dass ich mich entscheiden kann, ob ich das will. Normierte gute Laune für die Masse, ununterscheidbar.

Man erkläre jemandem, dass man an einem sonnigen Tag lieber bei geschlossenen Läden vor dem Computer sitzt oder hinter einem Buch. Das tun doch nur Einsame oder sonst Unglückliche. Aber sie tun es mit einem Grund: weil die wabernde Euphorie, wenn die Temperaturen steigen, sie hinunterzieht. Sie spüren den Druck, glücklich zu sein, und werden nur noch trauriger.

Aber auch an sich heitere Menschen sehen nicht ein, weshalb sie mit befohlenem Wohlgefühl den Herausforderungen der Zeit begegnen sollen. Weshalb sie auf Befehl loslassen sollen, obwohl sie gerne festhalten an Ansprüchen, die sie sich selber stellen. Ich gehe nicht ins Hotel, um glücklich zu werden. Sondern ich reise glücklich und übernachte in einem Hotel. Vielleicht verträgt es sogar einen Streit. Störfall in der diktierten Harmonie.

Denn was wäre die Alternative? Das Denken schlägt nicht mehr aus. Es bohrt sich nicht ein, hinterlässt keine Wunden. Es baumelt jetzt.

LIEBE IST AUCH NUR

EIN WORT


Sie schlagen einen heute fast in die Flucht, die berühmten drei Worte, mit denen Schlagersänger ihre Lippen formen und die auf Valentinskarten stehen: Ich liebe dich. Der Liebesschwur ist inzwischen so abgegriffen und formelhaft, dass man sich nicht mehr gemeint fühlt. Umgekehrt möchte man die Sprache neu erfinden, wenn es einen in einem ebensolchen Moment der Überwältigung zu einer Gefühlsäußerung drängt.

Nur weil man um die richtigen Worte ringt, soll man aber nicht einfach schweigen. »Die Liebe liegt in der Sprache, oder sie existiert nicht«, hat die Schriftstellerin Undine Gruenter geschrieben. Deshalb ist es keine Alternative, einfach nichts zu sagen und darauf zu vertrauen, dass der andere schon spürt, wie viel er einem bedeutet. Es gibt aber Sätze, die es viel schöner sagen. Ich schlage hier zur freien Verwendung ein paar Liebeserklärungen vor.

Da sie kurz, das heißt prägnant sein sollen, hören wir uns zuerst bei anderen Sprachen um – zumal ein exotischer Klang das Liebesgeflüster immer aufwertet. Auf Kreolisch zum Beispiel sagt man »Mi aime jou«. Das erinnert vom Lautmalerischen her an eine Aussage von Roland Barthes. »Ich liebe dich«, schreibt er in »Fragmente einer Sprache der Liebe«, bedeute eigentlich »Liebe mich«. Die Aufforderung, geliebt werden zu wollen von genau jemandem, ist als Gefühlsbekundung durchaus originell.

Und weiter: Dass es manchmal reichen würde, den andern anzuschauen und nur »Wow« zu sagen, das suggeriert »Ich liebe dich« auf Hawaiianisch: »Aloha wau ia ’oe.«

Bei der Liebeserklärung in zwei weiteren Sprachen wird man mit etwas Fantasie daran erinnert, wie berauscht einen das Verliebt-Sein macht. »Techihhila«, sagen die Sioux zueinander. Man denkt dabei an die Trunkenheit nach einem Tequila, dem Schnaps.

Auch »Mi amas vin« auf Esperanto klingt so, als würde man den Treibstoff meinen. »Wein« lässt sich hier aber auch im übertragenen, das heißt christlichen Sinn mit »Blut« gleichsetzen. Also könnten die esperantischen Worte »Du bist mein Leben« heißen.

Man muss nicht von Liebe reden, um Liebe zu meinen. Auf Deutsch gibt es weitere kurze Sätze, die Hitze fluten lassen. »Ich brauche dich« hat etwas Inniges, vorausgesetzt, man meint damit nicht: Ich brauche dich als Köchin, als Informatiker bei Computerproblemen oder wegen deinem Geld.

Heute darf man zwar niemanden mehr brauchen, will man sich nicht abhängig zeigen. Bertolt Brecht wusste das noch nicht, als er dichtete: »Der, den ich liebe / Hat mir gesagt / Dass er mich braucht. // Darum / Gebe ich auf mich acht / Sehe auf meinen Weg und / Fürchte von jedem Regentropfen / Dass er mich erschlagen könnte.« Das Gedicht sei »Morgens und abends zu lesen«, empfahl er im Titel. Meistens lässt Routine ein Liebesgeständnis schnell einmal abgedroschen klingen. Indem man diese hier zweimal am Tag in sich hineinsagt wie ein Gebet, vergegenwärtigt man die Gefühle füreinander.

Es gibt die Steigerung: »Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.« Oder: »Ich liebe dich mehr, als ich auszudrücken vermag.« Wenigstens ist der Sprachlose ehrlich. Schnell dahingesagt, aber verantwortungslos ist der Satz: »Ich liebe dich mehr als mein Leben.« Siehe Brecht.

Es gibt den Vergleich: »Ich liebe dich, wie Adam Eva geliebt hat.« Auf keinen Fall sollte man es wie Franz Kafka machen, der in einem Brief an Milena gesteht, er liebe sie »so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genau so überschwemmt Dich mein Liebhaben«.

Und so spült er die Geliebte fort. Deutlicher kann man jemanden mit einem Liebesschwur nicht von sich fernhalten.

ANLEITUNG FÜR

LIEBESKRANKE


Liebeskummer klingt nach einem alten Gefühl, doch bemerkbar macht er sich so wuchtig wie je. Zwar tut man heute so, als stände es in unserer Macht, kraft des Denkens das Fühlen zu verändern. Aber wenn die Wellen angerollt kommen, jede Erinnerung zum Messer wird, reicht die eingeübte Selbstkontrolle höchstens noch dazu, sich nicht ins Wasser und in die Klinge zu stürzen. Die Drastik hier soll deutlich machen: Nicht jeder Schmerz lässt sich durch Arbeit am Ich temperieren.

Um an Liebeskummer zu leiden, muss man sich eingelassen haben. Und zwar ohne Sicherheitsnetz. Sodass der erste Gedanke nicht mehr einem selbst gilt, sondern dem anderen. Dann kommt es zum Bruch. Doch auch jetzt spricht der Liebeskranke noch vom Geliebten, wenn er über sich redet. Er sagt: Es stirbt ein Teil von mir.

Wie kann man teilweise sterben und trotzdem noch am Leben sein?

Um Verliebte am Anfang einer Beziehung in ihrem Überschwang zu bremsen, sagt man oft: »Schau, dass du eigene Freunde hast, auch einmal alleine verreist, ihr eure Güter trennt.« Man redet, als wäre Nüchternheit der Zustand, den ein Berauschter kennt. Stattdessen sind die Grenzen aufgehoben. Man öffnet jede Tür, um den andern in sein Leben einzulassen. Lieben heißt, sich selbst zu erweitern. Zwei Ichs greifen ineinander, Wesenszüge verflechten sich, Erfahrung kommt zusammen. Je größer der gemeinsame Bereich, desto größer die Nähe. Man übernimmt neue Perspektiven und fühlt sich aufgewertet. Umso mehr droht der Selbstverlust, wenn eine Liebe endet. Es ist, als sterbe ein Teil von mir. Du.

Wie wird man wieder vollständig?

In der wunden Phase des Liebeskummers geht es darum, die zwei Leben zu entflechten. So beschreibt es Elena Stancanelli in ihrem Roman »Die nackte Frau«, der Geschichte einer Verlassenen. Wenn man sich trenne, werde man nicht wieder zu der, die man vorher war, sondern zu einem neuen Menschen: zu dem, »der übrig bleibt, nachdem man mit viel Zeit und Geduld das Geflecht einer zu Ende gegangenen Liebe aufgelöst hat. Einiges bleibt natürlich trotzdem hängen. Und jedes Mal, wenn du das merkst, jedes Mal, wenn du eine Geste machst oder eine Wendung benutzt, die von ihm, von euch beiden stammt, erschauerst du.«

Nie sei man so verletzlich, als wenn man liebe, hat Sigmund Freud gesagt. Und man ist nie so einsam, als wenn es zu Ende ist. Der Trost von Freunden erreicht einen nicht, denn was können sie sagen? Sätze wie »Du wirst sie vergessen« oder »Das Leben geht weiter« sind das Letzte, was man in dieser Situation hören möchte. Wer Liebeskummer hat, will eine Liebe gerade nicht aufgeben. Man halte die Bindung für den einzigen Rettungsanker, heißt es in »Die nackte Frau« weiter, dem Erfolgsbuch aus Italien: »Wenn ich loslasse, denkt man, treibe ich davon, in irgendeinem Meer, unter irgendeinem Himmel.« Dabei treffe das Gegenteil zu: »Gerade wenn man sich festklammert, wird man fortgetrieben.«

Diese Erkenntnis kommt jedoch erst später. Bis dahin helfen Tabletten, Alkohol, Sport, ein Haustier, traurige Musik oder Alain de Bottons »Trost der Philosophie«, daraus besonders Schopenhauer für gebrochene Herzen. Solche Mittel nützen mehr, als das Mitgefühl von Freunden hilft, welche nur erahnen können, wie es um einen steht.

Doch irgendwann ist es so weit: Man hält sich nun das Gute der Trennung vor Augen und deutet sie zum Vorteil um.

So wie Nicole Kidman, als sie sich 2001 von Tom Cruise trennte und auf die Frage des Talkmasters David Letterman sagte: »Well, I can wear heels now.«

Man hat es geschafft.

DAS VERSCHRAUBTE

GLÜCK


Eine Psychologin nannte Ikea einmal »Landkarte der Beziehungsalbträume«, und die meisten dürften wissen warum. Da geht man immer schön den Pfeilen nach, setzt sich auf fünf Sofas zur Probe, biegt dort zu den Betten ab, rümpft die Nase, zerrt ein Leintuch aus dem Stapel, Moment! – schau mal diese Lampen. Der eine geht vor, der andere trottet hinterher, Nein, vergiss das! Und weiter. Im Kinderzimmer kommt es zum Streit, das Tischset wird zurückgelegt. Am Schluss sind beide müde und gereizt, jetzt nichts wie auf die Zielgerade und dem Ausgang zu.

Doch da beginnt es ja erst. Während zu Hause der eine die Gebrauchsanweisung für den Schrank vorliest, schraubt der andere die Bretter zusammen. Zumindest versucht er es. Lass mich mal machen! Sagst du damit, ich hätte zwei linke Hände?

Auch an solche Momente ist zu erinnern, wenn man dem verstorbenen Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gedenkt. Der Einkauf im Möbelhaus stellt Beziehungen auf die Probe, deckt verborgene Seiten am andern auf, lässt Frischvermählte aneinander zweifeln. Und macht Psychologen reicher: Immer wieder würden Paare in ihrer Praxis von Konflikten beim Ikea-Besuch erzählen oder von der Krise danach, sagt Ramani Durvasula, die erwähnte Therapeutin. Sie fragte sich, warum der Besuch des Möbelhauses so belastend ist, und betrieb in den Läden etwas Feldforschung. Dort traf sie auf Paare, die sogar thematisch streiten. Im Schlafzimmerbereich geht es um Sex, bei den Küchen wirft man sich Fehler in der Haushaltführung vor.

Wie kommt es, dass etwas, das eigentlich verbindend wäre und im wahrsten Sinn beziehungsaufbauend so zum Stresstest wird? Das Magazin »The Atlantic« fragte weitere Fachleute nach den Gründen.

Im Showroom trifft ein Geschmack auf den andern. Da heute schon ein Sideboard Ausdruck der Persönlichkeit ist, fühlt man sich schneller angegriffen, wenn etwas nicht gefällt. Ist er für das Malsjö und sie für das Bestå, stellen sich grundsätzliche Fragen: Wollen wir dasselbe Zuhause? Das gleiche Leben? Wer bist du überhaupt? Zudem hat jeder sein eigenes Tempo, dem es sich beim Spaziergang durch die Möbelwelt anzupassen gilt.

Zu Hause geht es weiter. Macht man sich am selben Tag ans Zusammensetzen, sind die Nerven bereits aufgebraucht. Gelingt einem bei der Montage nicht auf Anhieb, was in der Anleitung so einfach klingt, wird ein Schuldiger gesucht. Oft verflucht man die Anleitung, manchmal ist es aber auch praktisch, dass der assistierende Schuldige neben einem steht. Es geht um Macht, und wer die Führung übernimmt. Besser, ihn dann nicht auszulachen, wenn man von den Stühlen rutscht, weil er die Sitzfläche falsch herum montiert hat.

Das leuchtet alles ein. Doch etwas haben die Verhaltensforscher nicht herausgefunden, und ich rede hier aus eigener Erfahrung. Nämlich, wie eng einem werden kann beim Gang durch das saubere aufgeräumte Ikea-Dasein. Das schlägt am stärksten auf die Stimmung. Die drapierten Kissen auf den Polstergruppen, die Vasen in der Glasvitrine: Läuft ein Paar nicht in die Falle, wenn es so ein Ziel anstrebt? Sich einzurichten heißt, angekommen zu sein. Der Liebe aber genügt eine Matratze. Es konnte kein Zufall sein, dass der klassische Ikea-Rollwagen mit den vielen Schubladen Helmer heißt. So heißt auch das Ehepaar in »Nora oder Ein Puppenheim« von Henrik Ibsen, einem Norweger zwar. In diesem Drama wird ein »gemütlich und geschmackvolles, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer« zum Ehegefängnis.

Das Romantischste am Einkauf bei Ikea ist, dass die Möbel so erschwinglich sind und es keine Gütertrennung braucht. Für den Fall einer späteren Scheidung.

DU STEIGST MIR

IN DIE NASE


Bei manchen Liebesgeschichten wird einem schlecht. Da lernt man jemanden kennen, findet ihn interessant, klug und schön, unterhält sich bestens. Doch nach der ersten gemeinsamen Nacht ist es gelaufen. Man kann den anderen nicht riechen.

Die Nase ist ein unterschätztes Organ. Müsste man sich entscheiden, ob man lieber das Augenlicht oder den Geruchsinn verlöre, würde man eher auf das Riechen verzichten, als blind zu sein. Man zöge auch das Hören dem Riechen vor. Das ist, nun ja, kurzsichtig: Denn die Nase entscheidet mit, ob jemand zu einem passt. Wenn man den Partner und seinen Eigengeruch nicht am liebsten inhalieren möchte und davon high wird – ja, was soll dann werden? Man beschnuppert die Haut des andern, atmet seinen Atem ein, wühlt die Nase in sein Haar, liegt in seinem Schweiß. So muss es sein.

Weil zumindest die Wissenschaft weiß, wie uns unsere Nase durchs Leben führt, betreibt sie rege Forschung auf dem Gebiet. So hat vor Kurzem ein Team an der Universität Bern herausgefunden, dass der Geruch von Frauen an ihren fruchtbaren Tagen Männer besonders betört. Man ließ die männlichen Probanden an den Baumwolltüchern riechen, die Frauen während ihres Eisprungs nachts in ihre Achselhöhlen legten. Fast ausnahmslos rochen die Männer die Frauen am liebsten, die einen hohen Östrogenspiegel aufwiesen. Vom weiblichen Sexualhormon wird in der fruchtbaren Phase am meisten produziert. Das zog die Männer an.

Was mich an solchen Befunden immer erstaunt – wie dankbar sie wiedergegeben werden. Als böten sie nun eine Erklärung für alles. So lesen Männer ja angeblich auch an erweiterten Pupillen ab, wann eine Frau empfängnisbereit ist. Doch Studien, die Begehren allein mit Biologie erklären, verleiten zu einer reduktionistischen Sicht. Warum sich ein Mann am liebsten in der Achselhöhle einer Frau verstecken möchte, das ist nicht auf die Essenz »Reproduktionsfähigkeit« zu reduzieren, sondern hat viele Nebennoten.

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