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Birgit Schmid In jeder Beziehung
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Sein schlenkernder Gang kommt zu seinem Lachen kommt zu seiner Kenntnis der Astronautik: Er ist es! Ihre Rede kommt zu ihrer Wildheit kommt zu ihrem Blick: Sie ist es! Und jede Abweichung von dem, was man als attraktiv einstuft, verliert an Kraft.
Das hat etwas Weiteres zur Folge: Weil man die ganze Schönheit von jemandem erst im Lauf einer Bekanntschaft sieht, finden sich immer wieder ungleich attraktive Paare. Eine 8, auf einer Skala von 10, tut sich mit einer 5 zusammen. Eine 6 wählt eine 2.
Was Nicht-Eingeweihte denken, wenn sie solche Paare sehen, ähnelt sich hingegen immer. Sie denken aus Neid oder Ignoranz:
Ich bin doch eine 8, und immer noch Single – was fischt die 5 in meinem Teich? Oder: Was sieht die 6 in dieser 2? Die 2 ist sicher gut im Bett. Oder sie verfügt über Geld, Jugend oder andere Eigenschaften, bei denen es nicht um wahre Liebe gehen kann.
Dabei wirkt hier oftmals nur die Zeit. Die Zeit kehrt die Gesetze der Anziehung um. So erging es Jane Austens Mr. Darcy in »Pride and Prejudice«, der zu Beginn für Elizabeth Bennets Erscheinung wenig übrighat. Sie sei »tolerable, but not handsome enough to tempt me«. Sie sehe zwar leidlich aus, aber zu wenig gut, um ihn zu reizen, sagt er und bemängelt: »more than one failure of perfect symmetry in her form«.
Psychologen an der University of Texas haben in einer Studie aufgezeigt, warum es schon Anfang 19. Jahrhundert anders kam: Warum sich Mr. Darcy dann doch in Elizabeths Charme verliebte, in ihren unabhängigen Geist. Studierende mussten den »romantischen Appeal« ihrer Mitstudierenden einschätzen. Frauen von Männern und umgekehrt. Fanden die meisten zu Semesteranfang dieselben Personen begehrenswert, gingen die Meinungen nach drei Monaten weit auseinander darüber, wer begehrenswert ist. Je mehr Zeit man also miteinander verbringt, desto unterschiedlicher wird Schönheit eingeschätzt.
Nicht untersucht wurde der Cyrano-de-Bergerac-Effekt. Ob nämlich weniger schöne Menschen auf einem Gebiet ein besonderes Talent entwickeln; sie verführen durch Sprache, die richtigen Lieder und ihren erotischen Stil. Mit ihrer Fertigkeit lassen sie jede 9 oder 10, die sich oft allein auf ihr gutes Aussehen verlassen, hinter sich zurück. Und das reicht auf Zeit nicht aus.
Dass Liebe auf den ersten Blick überschätzt wird und innere Schönheit ebenso zählt, belegt auch eine Forschung an der Northwestern University in Illinois, USA. Gingen Paare eine Liebesbeziehung ein, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, waren sie ähnlich attraktiv. Kannten sich die Paare schon lange und waren vielleicht Freunde, bevor sie zu Liebenden wurden, dann sah einer der beiden oft viel besser aus als der andere. Schönheit liegt im liebenden Blick.
Was heißt das nun? Um genau den oder die zu finden, die in derselben Hübschheits-Liga spielen, gibt es natürlich das Online-Dating. Hier ist das Äußere entscheidend. Das schließt dann wohl den Menschen aus, den man viel eher an der Uni, im Büro oder Sportclub kennenlernt. Wo man jemanden von sich einnehmen kann und plötzlich sieht: sein Wissen, seine Wachheit. Er ist es! Ihre Klugheit, ihr Witz. Sie ist es!
LIEBES BRAUTPAAR,
HÖR MAL ZU

Als müsste man dem dunklen Jahresbeginn etwas Schönes entgegensetzen, liegen den Zeitungen bereits die ersten Hochzeitsspecials bei. Zwei Menschen sagen Ja zueinander, sie wollen das Bett teilen und den Tisch – und den Tisch um zwei Plätze erweitern oder drei, sich zugetan sein in guten wie in schlechten Zeiten, sich Geliebter, Freundin, Kumpel, Schwester sein. Wie alle glauben sie, bei ihnen halte es für immer.
An der Feier haben meist auch die befreundeten Paare eine Rolle, die bereits seit fünf oder fünfzehn Jahren verheiratet sind. Sie heben das Glas, lassen es klingen und setzen zum Lob auf die Ehe an. Sie sagen:
Das Schicksal hat euch zusammengebracht, es ist, als gehörtet ihr schon immer zusammen. Verheiratet sein bedeutet, sich noch verbundener zu fühlen.
Sie schließen mit dem Gedicht »Was es ist« von Erich Fried.
Die Worte kommen von Herzen, aber sie lassen vieles aus. Wenn Freunde an der Hochzeit von Freunden einen Toast aussprechen, unterschlagen sie, was auch zu sagen wäre. Hat man sich denn nicht zu Offenheit bekannt, damals an der Uni, als man zu Freunden wurde? War das Vertrauen nicht immer groß genug, selbst die Liebschaften der Freundin zu bewerten, wodurch manch eine Liebschaft endete?
Deshalb müsste die Rede anders klingen. Man müsste den Mut haben zu sagen:
Irgendwann in naher oder ferner Zukunft werdet ihr euch heftig streiten, eine verspätete Heimkehr, ein fremdes Lächeln, sodass euch zum ersten Mal der Gedanke kommt, es könnte nicht für immer sein. Du wirst den Mann anschauen, den du verehrtest, und denken, wie selbstgerecht er geworden ist. Du schaust ihn an und kochst vor Wut und sehnst dich zurück in die Zeit, als du allein und ungebunden warst.
Du schaust sie an, deine heutige Braut, vielleicht bald Mutter deiner Kinder, möchtest ins Auto steigen und losfahren ohne Blick zurück. Du erträgst ihr Unwissen nicht, und was einst reizvoll war an ihr und eigen, ärgert dich jetzt bloß.
Kann sein, dass du manchmal denkst, die Frau deines Lebens spricht mit der Katze zärtlicher als mit dir.
Kann sein, dass du dich fragst, warum dein Mann noch einmal mit dem Hund hinausgeht abends um halb elf. Er geht hinaus, weil er allein sein möchte, deine Fragen jetzt nicht hören und nicht reden mag.
Nach ein paar Jahren geht ihr öfters zu verschiedenen Zeiten zu Bett, was ihr euch heute noch nicht vorstellen könnt. Manchmal wird einer von euch so tun, als schlafe er bereits. Der andere merkt es und schweigt.
Ihr denkt: Was ist aus uns geworden.
Wo sind wir hingekommen, denkt ihr.
Wir sagen euch: Das ist noch nicht das Ende. Solche Tage gehören dazu, wenn man verheiratet ist. Seid unbesorgt, aber vorbereitet. Ihr werdet leiden, sogar hassen.
Ihr seid euch zu nah, um euch nicht immer wieder fremd zu werden. Erwartet viel heute, aber seid später großzügig und denkt an den Weg, den ihr bereits gegangen seid.
Es gibt auch die anderen Tage, so setzt man zum Schlusswort an: Ein Blick über den Tisch hinweg in einer Runde, und du weißt, du würdest dich wieder in sie verlieben. Seine Worte im richtigen Moment, die nur einer sagen kann, der dich kennt. Man hat Ja gesagt und wirft das nicht einfach fort. Wenn ihr die Ehe eines Tages mit all diesen Gesichtern erlebt und noch immer zusammen seid, dann habt ihr vieles gut gemacht.
Damit endet die ehrliche Hochzeitsrede. Es sei denn, man wurde vorher aus dem Bankettsaal geworfen.
DUMME FRAGEN AN
KINDERLOSE

Menschen ohne Kinder bekommen ja immer wieder seltsame Dinge zu hören, und dies allein des Umstands wegen, dass sie keine Eltern sind. Entsprechende Bemerkungen häufen sich, seit wir wieder in kinderseligeren Zeiten leben. Die Geburten nehmen zu, abzuzählen auch an den Kinderwagen, die sich in Trams und Bussen drängen. Es ist nichts dabei zu fragen, ob man Kinder habe. Man dürfte ja sonst bald nichts mehr fragen. Wird die Familie mit Kindern aber zur Norm für eine Lebensgemeinschaft erhoben, wie sie auch immer mehr Homosexuelle ersehnen; wird dereinst ein unerfüllter Kinderwunsch nicht mehr verstanden, weil ihn die moderne Medizin eigentlich nicht zulässt: Dann bekommt die Kinderfrage etwas Wertendes. Man gerät unter Druck, muss sich rechtfertigen.
Es wird einem zum Beispiel gesagt:
Du wärst eine wunderbare Mutter.
Das kannst du nur verstehen, wenn du Kinder hast.
Sei froh, dass du keine Kinder hast, sonst könntest du nie so leben.
Hast du dir schon einmal überlegt, wer unsere Renten dereinst finanziert?
Schau nur mal Pamela und Yves, für sie stand immer die Karriere zuvorderst. Jetzt ist es für Kinder zu spät, und es bleibt ihnen wenig.
Zur Selbstverwirklichung haben wir als Eltern keine Zeit.
Du verdrängst das doch, irgendwann holt der Kinderwunsch jede Frau ein, das ist in einer Frau angelegt.
Hast du manchmal nicht Angst, dass im Alter niemand nach dir schaut?
Und ein Bekannter sagte mir einmal:
Ich saß mit meiner Frau im Garten bei einem Glas Wein, wir besprachen die Schulnoten unseres Sohnes, dass die Kleine so wenig schläft und die Große neuerdings die Tür zum Badezimmer abschließt, und dachten an euch, ob ihr wohl auch gerade bei einem Glas auf dem Balkon sitzt und worüber man redet, wenn man keine Kinder hat. Weil Kinder doch den Gesprächsstoff vorgeben. Was hat sich ein Paar ohne Kinder zu sagen?
Ich antworte ihm gerne:
Kinderlose Leute reden darüber, wohin sie das nächste lange Wochenende fahren.
Sie reden über das neue Buch von Jonathan Franzen.
Sie reden über die Aussage von Kim Cattrall, der Schauspielerin, die in einer Frauensendung auf BBC gesagt hat: »Ich bin keine biologische Mutter, und doch bin ich eine Mutter.« Dass sie junge Kolleginnen habe und Neffen und Nichten, denen sie nahestehe, die sie umsorge und berate und denen sie Vorbild und Mentorin sei, und dass der eigene Name nicht auf einem Geburtsschein stehen müsse, um sich als Mutter zu fühlen.
Sie beraten über das Restaurant, in dem sie am nächsten Abend essen.
Sie erzählen sich von ihrem Arbeitstag.
Sie reden darüber, ob man seinem Leben mehr Bedeutung gibt, wenn man sich in Kindern verewigt.
Sie reden über den Freund, der den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat.
Sie schenken sich noch ein Glas Champagner ein.
Sie küssen sich.
Sie überlegen sich, ob sie in die Nachtvorstellung gehen sollen.
Sie schauen zu, wie der Mond aufzieht.
Der eine von ihnen sagt: Das Kind wäre jetzt sechs Jahre alt. Wie es wohl aussehen würde?
Der andere sagt: Und was wohl mit uns passiert wäre?
WAS IN DIESEM ZIMMER
ALLES PASSIERT IST

Wenn zwei ein Hotelzimmer betreten, betreten sie einen Raum ohne Geschichte. Der Raum wirkt unberührt, es riecht nach nichts, obwohl hier immer andere Leute wohnen. Einsame Geschäftsmänner standen am Fenster und starrten in die Nacht, früher wählten sie den »Adult«-Channel, zu dem sie in Hotels berechtigter schienen, da es nicht unter Aufsicht geschah: des Ehepartners, des Über-Ichs, des Haustiers. Es muss hier Liebesnächte gegeben haben, heimliche und altvertraute. Es wurde Treue geschworen, ein Name geflüstert und das Ende beschlossen, es wurden Schwüre gebrochen und Pillen geschluckt, um es bis zum andern Morgen auszuhalten.
Zum Glück wissen die Neuankömmlinge nichts davon. Sie sind unbelastet. Fühlen sich selber fremd und ohne Bezüge, und ob man nicht auf der Stelle von Heimweh befallen wird, hängt davon ab, wer neben einem den Koffer zieht.
Verstörend ist ja bereits die Ankunft im Hotel, umso mehr in großen, gutklassigen Hotels. Als eine Passage von einem Ort an einen Nicht-Ort hat der amerikanische Autor Geoff Dyer in seinem Essay »Sex and Hotels« diesen Moment beschrieben. Die dienende Zurückhaltung des Portiers, der einem das Gepäck abnimmt. Der höfliche Gleichmut des Desk Managers, der um den Ausweis bittet. Dann das Durchschreiten der Lobby, als hätte man diplomatische Immunität erhalten. Man lässt seine Herkunft zurück, die niemanden interessiert. Alles wird bedeutungslos, ob man zusammengehört oder Namen hat, die nicht zusammengehören.
Nur eine Zimmernummer ist jetzt mit dem eigenen Namen verbunden. Man ruft den Lift, fährt hinauf. In der Spiegelkabine wird man spätabends nach dem letzten Drink die Anwesenheit als Paar mit einem Foto bezeugen, das man anderntags wieder löscht. Den langen Gang entlang, vorbei an Türen mit der Bitte, nicht zu stören, vorbei an halb leeren Tellern und silbernen Hauben. Man entsperrt das Schloss, stemmt sich gegen die Tür. Sie fällt mit Zugkraft hinter beiden zu. Man ist drin.
Je teurer ein Hotel ist, desto erregender, schreibt Dyer. Luxushotels haftet etwas Unmoralisches an, nicht bloß der käuflichen Frauen wegen unten in der Bar. In der Verwöhnung ist die Welt ausgeschlossen. Man bewohnt einen Planeten als die zwei einzigen Wesen, Raum und Zeit sind aufgehoben, ob man sich gerade in Tokio, New York oder Basel befindet. Möbel, Kunst, Aussicht auf Türme – der Luxus gleicht sich überall. Nur die Suite eignet sich nicht für Verliebte, denn die wollen sich nicht aus den Augen verlieren.
Für diejenigen aber, die sich nichts mehr zu sagen haben, ist auch im Luxushotel alles zu klein und zu eng. Sie sind Gefangene, die sich nicht ausweichen können. Eine Liebe, die endet, ist traurig, aber sie ist trostlos, wenn sie vor einer verschwenderischen Kulisse zur Erinnerung wird.
Noch aber ist alles Gegenwart. Man tritt ein, stellt die Tasche hin, schaut sich um. Die Schalldämpfung nimmt den Worten den Klang, die Füße sinken im Teppich ein. Das weiße Bett, das gespannte Tuch, die gestapelten Kissen. Es wird einem vorgetäuscht, man dürfe die ersten Spuren hinterlassen. Als hätten sie auf die erste Nutzung gewartet: die weichen Bademäntel, die Hausschuhe mit Emblem. Nie ist das Frottee von der Wäsche rau oder grau, nie zeigt das Tuch Flecken. Man entfernt im Bad den Deckel vom Glas, die Schleife von der Schüssel, bricht das Siegel der Seife auf. Klack.
Ein Hotelzimmer wird genommen.
DIE REISE
VOR DER ABREISE

Wohin geht die Reise dieses Jahr?
Das Kontingent mit den Ferientagen ist noch voll in diesen ersten Wochen, die Reiselust wächst schon im Februar wieder an. Als Planungsgrundlage schickt man dem andern die Berichte mit den »20 places to be in 2019«, die so zuverlässig kommen wie der Frühling, der Sommer, der Herbst – die Zeit also, wenn man die Koffer packt.
Da es zwei Arbeitsleben aufeinander abzustimmen gilt, setzt man sich an einem Abend hin. Wo war man noch nie, wie weit darf es sein, was lohnt sich erneut? Danach ist man zwar manchmal so erschöpft wie nach einem Bergaufstieg. Aber würde man das Ritual nicht mehr einhalten, zusammen vorauszuschauen auf das Schöne – dann fehlte etwas. Es heißt immer, erst wer es gut habe beim Reisen, passe zusammen. Aber eigentlich ist der Testfall die Planung.
Diese widersetzt sich der Unverbindlichkeit, mit der man heute in den Tag hinein lebt. Wenn ich morgen nicht mehr ins Restaurant will, lasse ich die Reservation halt verfallen. Es gibt eine Unlust, sich festzulegen, ganz schnell ist man nicht mehr »in Stimmung«. Bei der frühen Ferienplanung hingegen rechnet man miteinander. Der Saver-Flug in acht Monaten lässt sich nicht umbuchen. Er ist wie eine gegenseitige Versicherung.
Also bricht man auf. Die Teller vom Nachtessen sind abgeräumt, die Gläser nachgefüllt, ein paar herausgerissene Reiseberichte ausgelegt, die dann doch keiner liest. Sobald ein Land fällt oder eine Stadt, wischen die Finger über das Tablet. Er zoomt die Weltkarte heran, rechnet bei nahen Zielen die Fahrzeit aus. Sie besucht Hotels und verwirft alle Zimmer, in denen man in den Spalt zwischen den Matratzen rutscht.
Noch vorher wählt man aber die freien Wochen in den Kalendern aus. Der eine möchte alle fünf Ferienwochen auf einmal nehmen, der andere sie haushälterisch übers Jahr verteilen. Dann muss auch das Bedürfnis nach Erholung synchronisiert werden. Eispickel oder Hängematte? Weiter berät man über das Budget. Meist fällt irgendwann der Satz: Steh nicht so auf der Bremse, sonst können wir gleich zu Hause bleiben. Und bevor man sich auf die Osterinsel einigt, sollte man vielleicht noch Folgendes entscheiden: Flugzeug, Auto, Velo oder Zug?
Damit zum zweitwichtigsten Punkt. Wenn man jetzt Ferien plant, dann sitzt Greta immer mit auf dem Sofa, das 16-jährige Mädchen mit den Zöpfen aus Schweden, das auf unsere Klimaverbrechen hinweist. Wer weiß, was für ein Sommer uns erwartet. Jetzt mag man sich an der Vorstellung wärmen, aber im Juli lässt sich eine Reise nach Hawaii nicht mehr vertreten. Palmen und Korallenriffe muss man langsam aus dem romantischen Programm streichen. Liebe ist, darüber nicht in Streit zu geraten.
Nur etwas könnte noch entzweiender sein. Nämlich die Frage, ob man an Orte reisen soll, an denen der eine schon einmal mit einem früheren Geliebten war. Entweder man sagt sich als Paar: Wir nehmen die Allerweltsstädte Paris, London, New York neu ein und überschreiben die Spuren dort mit unserer Geschichte.
Oder man hat Angst vor dem Vergleich und fürchtet an jeder Ecke den Geist der Ex-Liebhaber des andern anzutreffen, mit denen es gewiss schöner war. So wie der retrospektiv eifersüchtige Ehemann in Julian Barnes’ Roman »Before She Met Me«, der an keine Orte reisen will, wo seine Frau mit anderen Männern vorbeikam. Kreuz und quer hätten die ihre Fußspuren auf dem Globus hinterlassen, »wie Kamelfährten in einer Wüste, wo niemals der Wind weht«.
Gerade wenn man diese Orte nicht wählt: Die abwesenden Anwesenden wählen mit.
DER KUSS

Viermal am Tag ist das Minimum. Darunter sollten zwei Menschen nicht gehen, die schon lange zusammen sind und deren Zusammensein es einst besiegelt hat: das Küssen. Da wäre der erste Kuss, um sich einen guten Morgen zu wünschen nach der Trennung durch den Schlaf. Der zweite Kuss zum Abschied, wenn beide zur Arbeit gehen oder der eine zu Hause zurückbleibt. Der dritte Kuss abends beim Wiedersehen. Der vierte Kuss vor dem Lichterlöschen.
Alles weitere Küssen dazwischen ist natürlich erwünscht. Umso besser, wenn es nicht mehr in einzelnen Küssen messbar ist, sondern in ein andauerndes Verschmelzen der Münder übergeht. Zumal man weiß, dass nicht die Kusshäufigkeit etwas über die Beziehungsqualität aussagt – ein spröde hingetupfter Kuss aus einem Spitzmund verflüchtigt sich wirkungslos. Sondern erst, wenn man das Küssen leidenschaftlich und mit Hingabe betreibt, wirkt sich das Gute aus, das in dieser Tätigkeit liegt: Küssen erzeugt eine Nähe zwischen zwei Menschen, Vertrauen wird gebildet. Man teilt einen intimen Moment, Bindung entsteht.
Obwohl das alles wissenschaftlich belegt ist, könnte das Küssen und die Beschäftigung damit auch als unerwachsen angesehen werden. Gerade weil es so zweckfrei ist, Teil des erotischen Spiels, wird es unterschätzt. Küssen ist kindlich, wenn man in ihm bloß einen Rückfall in die orale Phase sieht, als man an der Brust der Mutter lag. Dann diese Selbstvergessenheit eines küssenden Paars, das sich so offensichtlich nicht kümmert um die Welt und sich gegenseitig den Mund verschließt für Worte, mit denen man sonst den eigenen Verstand bezeugt.
Dass Küssen alles andere als banal ist, beweist einer, der im Kleinen schon immer das Große gesucht hat, und dies mit achtzig Jahren: In seinem Buch »Sieben Küsse« nennt Peter von Matt das Küssen zwar »ein Allerweltsgeschäft« – und zeigt dann anhand von Kussszenen in der Literatur, wie Küsse über Glück und Unglück bestimmten.
Im wirklichen Leben kann das erste Küssen immerhin darüber entscheiden, ob die Küssenden zum Paar werden. Wenn die Münder sich nicht ineinander einpassen, ist alles hoffnungslos. Es gibt die gekniffenen Lippen oder die schlaffen, die tote Zunge oder die Walze. Auch hier werden manche denken: Augen zu und Luft anhalten, das Küssen ist ja bloß ein Vorspiel und das Bedürfnis danach nimmt später sowieso ab. Wer jedoch wählerischer ist bei der Partnerwahl, auch das haben Untersuchungen gezeigt, legt von Anfang an mehr Wert aufs Küssen. Es ist, als erführe er oder sie dadurch schon einmal Wesentliches über einen Menschen. Gefällt einem die Information, die die Küsse übermitteln, wächst die Anziehung.
Und so verzehrt man sich, um es mit einem altmodischen Wort zu sagen, vielleicht am meisten nach dem Mund eines Geliebten, wenn man ihn vermisst. Vieles kann man mit sich selber machen, sogar Sex. Küssen geht nicht. In einer erotischen Beziehung hält Küssen zudem das unerfüllte Begehren aufrecht: Küssen nährt nur den Hunger, satt wird man davon nicht.
Hat man sich dann einmal an jemandem sattgeküsst, wird Küssen leider oft vernachlässigt und vergessen. Die Münder schlafen ein, Ende der Oral History. Dabei sind Paare, die schon lange zusammen sind und sich häufig küssen, zufriedener mit ihrer Beziehung. Küssen ist für die Zufriedenheit sogar wichtiger als häufiger Sex. Es macht einander zugeneigter als vieles sonst. Und Küssen kann sogar ein Unfallschutz sein: Männer, die ihre Frau zum Abschied küssen, bevor sie das Haus verlassen, geraten auf dem Weg zur Arbeit weniger oft in Unfälle und leben länger.
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VATER UND
MUTTER

Ein Sonntagmorgen am Küchentisch der Eltern. Die Mutter schneidet das selbst gebackene Brot, mein Vater liest die Zeitung. Sie trägt ihre geblümte Bluse und sagt zu ihm, er sollte sich wieder einmal rasieren. Mein Vater murmelt und blättert. Meine Mutter hält nichts von der heutigen Bartmode. Sie hat sich schon früher meistens durchgesetzt. Und so wird es auch diesmal sein.
Meine Mutter und mein Vater, eine Frau und ein Mann. Mit ihnen habe ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht, bis heute bin ich ihr Kind. Oft denke ich darüber nach, wie meine Eltern mich geprägt haben und mein Verhalten mitbestimmten; wie ich zu der wurde, die ich bin, weil sie es waren, die sie sind. So sehr verschieden und so sehr zusammen, eine tiefe Stimme und eine hohe, er trug Anzug, sie ein Kleid.
Es gibt immer mehr Varianten der Elternschaft, gleichgeschlechtliche Paare haben Kinder, neuerdings werden auch platonisch Kinder gezeugt, unter Freunden, um die romantische Beziehung nicht durch Nachwuchs zu belasten. Ich kann nichts gegen all das vorbringen. Ich weiß nicht, wie es ist, mit zwei Vätern oder zwei Müttern groß zu werden, ich habe es nicht erlebt. Aber ich bin froh, mit einer Mutter und einem Vater herangewachsen zu sein.
An den weichen Körper der Mutter gedrängt einzuschlafen, die Handcreme zu riechen, mit der sie nach einem strengen Tag abends im Bett ihre Hände einrieb. Sie streckte sie dabei in die Dunkelheit, als ob sie betete. Zwischen meinen Eltern zu liegen, aber immer näher bei ihr, der Matratzengraben wie die symbolische Grenze zum anderen, meinem Vater.
Sie als Liebespaar wahrzunehmen, auch wenn das selten geschah. Aber so unnötig mir schien, dass sie als solches auftraten, so selbstverständlich war es auch, denn darum gab es mich. Wegen dem Mann mit Zylinder auf jenem Bild aus den Siebzigerjahren, der Frau in weißen Schlaghosen. Als Kind denkt man lieber nicht daran: Aber sobald ich zur Romantikerin wurde – auch daran werden sie ihren Anteil haben –, war es okay, mir ihre Vereinigung vorzustellen.
Mein Vater war der erste Mann, dem ich gefallen wollte. Wer heute kritisiert, wenn ein Mädchen beim Vater den Augenaufschlag übt und ausprobiert, wie viel mit Verführung zu erreichen ist, der hat Sigmund Freud nicht verstehen wollen. So merkte ich irgendwann, dass mein Vater schon an meine Mutter vergeben war. Und wollte ihn erst recht gewinnen, so wie meine Schwestern dasselbe wollten; ein frühes Üben, schmerzhaft auch, weil man nicht immer die Erste war. Trug er uns zu dritt die Treppe hoch, so saß nur eine auf seinen Schultern.
Nicht immer waren beide gleich anwesend, aber war der eine überfordert, übernahm der andere. Ging zum Elternabend, kochte Tee bei Fieber, tröstete, wenn eine Katze starb. Es war meine Mutter, die vieles zusammenhielt; mein Vater würde es nicht bestreiten. Mein Vater: ein Meister des Schweigens. Das habe ich von ihm. Und wie das Glück und die Geborgenheit, so blieben auch die Risse, die durch ihre Beziehung gingen. Später hörten wir meine Mutter sagen, was es durchaus an den Männern auszusetzen gab, sie könne das Heiraten nicht nur empfehlen. Meine Mutter: die das Leben liebt.