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Jürgen Roth Nur noch Fußball!
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Nach zwei Telephonaten war klar, daß die Zigarrenraucher zwar gut Luft zum Saufen, aber keine Lust zu laufen hatten. Ich erreichte wenigstens den Gießener Kollegen Jörg S., der mir steckte, irgendwas »mit den Knien« zu haben. Ich kündigte ihm die Freundschaft, da sagte er zu, und auch Katja hatte plötzlich die zwei Brecher Mirko und Christoph engagiert.
Apollo, der Berlusconi des Gallus, verfügte laut Spielerplan über zwanzig Luschen, lauter korrupte Einkäufe. »Es geht morgen um brutalstmögliche Härte«, schwor ich uns drei lautstark ein, »der Trojanische Krieg wird nichts dagegen gewesen sein.« Apollo winkte ab und griente sardonisch, und ich erteilte unserem Torwart Vögelverbot. »Logisch, dumm kickt gut«, sagte er, und Katja meinte: »Zur Not renn’ ich mit der Uzi auf den Platz.«
Sport1 meldete am nächsten Morgen die falsche Anstoßzeit – beziehungsweise gar nichts. Ich klingelte noch Jürgen L. aus dem Bierfaß. Er brachte Dinu mit, hatte selber aber keine Hose und keine Schuhe, und der Amerikaner Peter B. stieß zu uns. »Das geht eher Richtung Paralympics«, stöhnte Jörg S. und fragte mich sachlich: »Wie, du spielst nicht mit, du Schwein?« – »Das gibt einen Eintrag ins Klassenbuch«, sagte Katja.
»Wir haben vier Defensivkräfte und einen Verteidiger«, lotete Jöricke unsere Chancen aus. »Du Arsch machst die Buden – und fertig!« munterte ich ihn auf, als die dritte Mannschaft auftauchte, ein äußerst undurchsichtiger Verein namens »Orange Beach« unter der Leitung des Pressemoguls Martin O.
Von Apollos »Cracks« waren Stücker drei erschienen. »Ist das schön, diese Ratlosigkeit!« sangen wir. Jürgen L. lief, um sich warmzumachen, in Straßenkleidung auf den Platz und fiel in ein Schlammloch. »Ich hab’ keine Luft mehr«, sagte er. Martin S. ergänzte: »Mental sind wir alle verletzt«, und Jöricke schmiß eine Flasche Pfungstädter in die Büsche: »Und die erste Plemp schon wieder weg.«
Ich gab die Losung »Ich will bedingungslose Unfairneß sehen!« aus, und nach zwei Minuten hatte Jöricke zwei Kisten gemacht. Jürgen L. und ich näherten uns der ersten Hälfte der ersten Kiste. Christoph netzte zum Dreinull ein, und am Ende war »Orange Beach«, der Geheimfavorit, wie gemunkelt worden war, trotz einheitlicher Trikots und Binding-Dopings mit 5:2 den Bach runtergegangen, insbesondere wegen der Fabelpässe des Königs der Lupfer, Jörg S., und Jürgen L.s pirouettenartigen Umfalleinlagen.
»Wir sind hier, um den Titel zu verteidigen«, stellte Jöricke, der Platinbomber aus Trier, klar. »Wir dürfen den Hochmut nicht sinken lassen«, hetzte Martin S. »das Team« (Katja) vorbildlich auf. »Diskret auftrumpfen«, so nun wieder Jöricke. Denn, das sah Apollos Auslosung vor, wir mußten schon wieder ran, gegen Erzfeind »Apollo 11«.
Es gibt Vorfälle in der Geschichte des Fußballs, die niemand begreift. Wir waren schneller, beweglicher, technisch besser, wir waren Brasilianer mit der Moral von Dänen, wir hatten Jürgen L., und mein Coaching (»Ball kontrollieren!« – »Ihr steht gut!«) war brillant. Wir spielten Apollos Schummeltruppe, die aus Stammkräftemangel kurzerhand mit vier »Orange Beach«-Apostaten und -Arbeiterverrätern unter der Regie des Martin O. verstärkt worden war, an die Pfosten – und lagen in der 14. Minute, weiß der Dompfaff, warum, 0:1, nach zwanzig Minuten, tja, 0:6 hinten. Waren wir zu gut zum Siegen?
Fünf Minuten vor dem Abpfiff schob Jürgen L. nach einem beidfüßigen Ballbillardballettänzchen zum 1:6 ein, doch ich fragte mich und uns, den Jammer jämmerlich übertünchend: »Hattet ihr Scheiße am Stiefel?« Martin S.: »Das dürfen wir in hundert Jahren nicht verlieren, das gibt es nicht!«
Martin O., Judas Ischariot in persona, grinste: »Die dritte Halbzeit ist gerettet.« Meine Mannschaft beriet darüber, ob ich noch zu halten sei. »Apollo 11« gewann, nicht zuletzt, weil Uli der Blocker, der Spieler des Turniers, das einzige Foul des Nachmittags beging, auch die Abschlußpartie und holte den Titel. Martin O. reichte mir die Hand: »Ich hab’ ja ungern gegen mich gewonnen.« So sehen Schurken aus.
Später feierten die Apoakropolisstalinisten im Kyklamino den größten Betrug der Fußballgeschichte. Meine Leute schrieen »Roth raus! Roth raus!«, und einzig Freund Jöricke wandte sich mir zu und sagte: »Mach mal die Kamera klar, ich schmeiß’ gleich einen Barhocker quer in die Flaschenbatterie.«
Was danach passierte, erzählen wir ein andermal.
Es gibt keinen Sand in der Sahara
»2010 stellte ein besonderes Sportjahr dar«, hieß es kürzlich formvollendet in der Thüringer Allgemeinen, und auch der ORF blickte zufrieden zurück: »Die Kegelweltmeisterschaften mit Teilnehmern aus neunzehn Nationen fanden in Ritzing statt, die U-20-B-Basketball-EM ging in Oberwart und Güssing über die Bühne.« Tu felix Austria, aber hallihallo!
Vermutlich mit einem kraftvollen »Horrido!« auf den Lippen holte Viktoria Rebensburg in Vancouver Gold im Riesenslalom, zeigte den Österreichern die lange Nase und erklärte: »Bei Olympia muß man riskieren oder probieren, sonst gewinnt man nur Himbeeren oder Bananen.« Beziehungsweise ein Glas Ananassaft mit Wermut.
Noch in der Retrospektive bekam sich der Spiegel angesichts der angeblich durch und durch grandiosen Winterspiele nicht mehr ein. Weil die Wettbewerbe in den jüngsten Toptorheitsdisziplinen Snowboard, Freestyle, Skicross, Shorttrack und Hampeldipampel so gut besucht waren, flötete das Blatt zum Jahresausklang: »Die olympische Bewegung wurde entstaubt. Die Spiele in Kanada waren ein Fest der jungen Disziplinen.« Ich jedoch sage euch: Wenn der erste Shorttracker freestylish die vereiste Crossroad vor meiner Haustür quert und dabei einen Snowboarder grüßt, der über den Bürgersteig gleitet, wandere ich nach Katar aus und eröffne da eine Schlittenhundeschule.
Nein, nicht, mit Thomas Müller zu reden, der bei der WM in Südafrika ein Tor erzielte, das eine exakte Kopie des 2:1 von Gerd Müller im Finale 1974 war, – nicht Mexitinien erhielt den Zuschlag für das Championat 2022, sondern Liechtenstein, Unfug: Malta, Quatsch, Katar natürlich, welches Land denn sonst. Wäre ja gelacht gewesen, hätten sich die Gaudiburschen und Wonneproppen im FIFA-Exekutivkomitee ausnahmsweise mal nicht äußerst erkenntlich für die kleinen Gaben aus allerlei staatlichen und anderweitigen Schwarzgoldtöpfen gezeigt, aus arabischen und russischen Säckeln, die wohl hinsichtlich der Vergabe der WM 2018 an das ehemalige Reich des Bösen von Platinpremier Putin persönlich bis zum Platzen befüllt worden waren.
Das ganze Schmierentheater in der Gauneroase Zürich respektive Schweiz, in der korrupte Weltsportfunktionäre strafrechtlich nicht belangt werden dürfen, ward flankiert nicht nur, wie der Spiegel berichtete, von einem holden »Heer von Regierungschefs, Abgesandten europäischer Königshäuser und arabischer Emirate, Fußballidolen und Verbandsfürsten«, sondern auch von Enthüllungen der BBC und des Schweizer Tagesanzeigers über einen neuen wunderschönen Bestechungs- und Versaubeutelungsvorgang innerhalb des Fußballweltverbandes, über den, wenn’s kein anderer anpackt, ich demnächst wirklich ein Theaterstück in Shakespeareschem oder Schillerschem Zuschnitt zusammenkloppen werde, mit der Hauptfigur Joseph Seppl Blatter als Variante von Richard III. oder Philipp II.
Nun, diesmal mußten sich diverse Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees, unter ihnen der sattsam bekannte brasilianische Schmiergeldentgegennehmer Ricardo Teixeira, vorhalten lassen, etliche Millionen eingesteckt zu haben, die BBC belegte insgesamt hundertfünfundsiebzig Geheimtransaktionen der appetitlichsten Art. Und die Reaktion des Gutsherrn Blatter? Pah!
Mehr noch: Blatter, über den die Schweizer Gammelgazette Blick kürzlich zusammenschmierte, der Patron sei auf Grund seiner – Obacht! – »Bescheidenheit und Demut« so »charismatisch«, tat, ohne daß er grün, rot und blau zugleich anlief, kund: »Es gibt keine systematische Korruption in der FIFA. Das ist Unsinn.« Stimmt. Es gibt keinen Sand in der Sahara. Das ist Unsinn.
»Ob der Sepp«, fragte der Journalist Jens Weinreich, »schon an Pseudologie leidet?« Also an der Lügenkrankheit? Antwort Weinreich: »Die Wahrheitsbeugungen, die Blatter begeht, müssen erst noch gezählt werden.« Und damit werden wir im neuen Sportjahr genausolange zu tun haben wie mit der Ermittlung des Tour-de-France-Siegers Anno 2010. Heureka und halleluja!
Soweit war das Sportjahr 2010 mithin eines wie immer, auf unseren lieben Sport ist halt Verlaß, national wie international. Im italienischen Fußball wurde abermals ein gigantischer Betrugsskandal aufgedeckt, der bis in die zweite Bundesliga ausstrahlt, in Spanien hob die Guardia Civil einen Dopingring rund um den notorischen Arzt Eufemiano Fuentes aus, und hierzulande nagelte insbesondere die Sport Bild, zu der Ioannis Amanatidis von der Frankfurter Eintracht mal fallengelassen hat: »Schmuddelblatt«, »schreibt im großen und ganzen nur Dreck«, den üblichen Stiefel voller Ahnungslosigkeit, Nichtigkeit und Hetze zusammen, indem sie zum Beispiel wochenlang den ziemlich untadeligen Michael Ballack derart degoutant demontierte, daß man den Springer-Säcken ein ungarisches Mediengesetz an den Hals wünschte – während der Veranstalter der alpinen Ski-WM im Februar in Garmisch-Partenkirchen ankündigte, Journalisten vor ihrer Akkreditierung geheimdienstlich durchleuchten zu lassen.
Neu war allerdings, daß Sebastian Vettel Formel-1-Weltmeister wurde – wegen seiner »Renngeilheit«, unterstrich Michael Schumacher; daß die Nationalmannschaft außer im hasenfüßig vergeigten Halbfinale gegen Spanien mirakulös elegant auftrat – und, meinte die vollkommen narrische B. Z., »mit Selbstvertrauen so groß wie Mozart«; daß der widerliche Boxpromoter Ahmet Öner nach einer Niederlage des Schwergewichtlers Steffen Kretschmann zum besten gab: »Hiermit ist er frei. Ich übergebe ihn der Masse. Sie kann ihn haben und zu Hause ausstopfen«; daß im Landtag von Sachsen-Anhalt tatsächlich über den Einsatz von Gummigeschossen und Drohnen bei Sportveranstaltungen debattiert wurde; und daß Handballer und Basketballer gegen das Anti-Doping-Meldesystem protestierten, derweil der Wiener Dopingfahnder Andreas Holzer erzählte: »Wir stießen während unserer Ermittlungen auf Hobbysportler, die für die Vorbereitung auf einen Marathon rund siebentausend Euro in Dopingpräparate investierten, nur um von Platz 1.042 auf Platz 912 nach vorn zu kommen.« O gesegnete Welt des ubiquitären Sports!
Was steht in den kommenden zwölf Monaten an? Worauf dürfen wir uns freuen? Auf das Sequel von Louis van Gaals Autobiographie, diesmal so dick wie James Joyce’ Ulysses? Auf Tennismatches in Wimbledon, die drei Tage und zwei Nächte dauern? Auf die Vergabe der idiotischen Olympischen Winterspiele 2018 an München, da, teilte uns DOSB-Präsident Thomas Bach im Zusammenhang des obstinaten Auftretens der Olympiagegner mit, »das olympische Dorf als Erbe der Spiele die Wohnungsnot in der Stadt lindern« würde? Auf eine Leichtathletik-WM ohne Fernsehbilder, weil ARD und ZDF nur sechs statt der geforderten fünfzehn Millionen Euro für die Rechte rausrücken wollen? Auf eine Frauenfußball-WM, über die sogar die OK-Präsidentin Steffi Jones sagt, sie habe »Angst, daß wir in unseren Erwartungen nicht realistisch bleiben«?
Na ja, Dr. Theo Zwanziger schreibt auf der Website seines Ladens: »Ich bin mir jedenfalls sicher, daß die WM gut für unser Land sein wird«, und Dr. Theo Zwanziger ist ein weiser, ja weitblickender Mann. Nur gut, daß Günter Netzer bekannte: »Ich würde mir nicht zutrauen, ein Frauenfußballspiel zu analysieren«, weshalb wir frohgemut nach vorne schauen und dem Sportjahr 2011 schon heute ein herzliches »Hurra!« entbieten. Aber holla!
Der Krampf geht weiter
In unserer phänomenalen Medienwelt erfährt man nahezu unentwegt Dinge, die ob ihrer schieren Unbegreiflichkeit derart betörend, ja enervierend sind, daß man sie am liebsten, mit Karl Valentin zu reden, noch nicht mal ignorieren würde. Andererseits möchten wir schon zitieren, was jüngst der Mediziner Stefan Eber in der allzu beknackten Causa Claudia Pechstein dargelegt hat, nämlich – aufgepaßt! –: »Der bislang für die bekannten Permeabilitätsdefekte [der Xerozytose] untypische, verkleinerte Erythrozytendurchmesser von Claudia und ihrem Vater weist auf eine Mischform mit der hereditären Sphärozytose hin.«
Capisce?
Nun, von einer solch mirakulösen »Mischform« war bis dato zwar nichts bekannt, aber das heißt selbstverständlich nicht, daß man nicht weiter ausführen könnte: »Ein definitiver Beweis für die hier beschriebenen Anomalien ließe sich durch die Messung der erythrozytären transmembranösen Kationenpermeabilität […] erbringen. Diese Untersuchungen sind sehr aufwendig und werden derzeit unseres Wissens in keinem Labor routinemäßig angeboten.«
Hm. Na ja. Schön. Oder auch nicht. Im übrigen wissen wir nicht, wie viele Säcke Reis in den vergangenen vierundzwanzig Monaten umgefallen sind, in denen uns die vom Internationalen Sportgerichtshof CAS wegen mutmaßlichen Blutdopings für zwei Jahre gesperrte Eisschnelläufern Pechstein mit ihren unermüdlich anberaumten Großereignispressekonferenzen die Langeweile vertrieben hat.
Und zwar bis gestern. Denn seit gestern ist sie wieder richtig da. Helau, halleluja. Es ist das alles wahrhaft wunderbar.
In Erfurt trat Claudia Pechstein bei einem gänzlich unbedeutenden Vereinssportfest über 3.000 und 1.500 Meter an und blieb unter der Norm des Weltverbandes ISU, so daß sie nun am kommenden Wochenende beim Weltcup in Salt Lake City starten wird. Sie hat nichts Besseres zu tun, auch als demnächst 39jährige, vom Alter her durchaus reif zu nennende Frau nicht. Kufen im Kopf, sonst offenbar nichts. Es ist ein Kreuz.
Das Kreuz jedoch, das hat Claudia Pechstein jetzt abgelegt, glauben wir ihr und der um sie herumkurvenden Hochleistungssportpresse, in der diese unfaßbare Frau Pechstein mit den Worten zitiert wird: »Ich bin wieder da. Das ist der größte Sieg meiner Karriere.« Und: »Unter diesem Druck zu laufen ist alles andere als leicht. Dieser Medienrummel war der Wahnsinn.«
Es ist längst nicht mehr auszumachen, wann genau der Wahnsinn begann, wann die Berliner Polizeihauptmeisterin zum erstenmal und in der Folge dann unerbittlich das Wort »Wahnsinn« in den Mund nahm. »Das Ganze ist der nackte Wahnsinn«, hatte die aufs ärgste geschmähte Olympiasiegerin nach dem CAS-Urteil geäußert, und fortan verging kaum eine Woche, in der sie nicht die Welt mit ihren Beteuerungen und Selbstinszenierungen belästigte, jeden Schamgefühls abhold und umrankt von allerlei Highendexperten.
Jetzt ist beinahe alles wieder im Lot, der Schwachsinn darf halt kein Ende nehmen. »Es wurde ein kleiner Triumphzug für die Berlinerin«, meldet die Welt und fügt hechelnd hinzu: »Mit den eigenen Augen sehen mußte man Claudia Pechstein gar nicht, um zu wissen, wo sie gerade ist. Als sie ihre Runden dreht, springen die Zuschauer auf, wenn die Athletin vorbeirauscht, kreischen sie laut auf.«
Von einem »medialen Großereignis« ist vielerorts die Rede, und die FAZ berichtet: »Um ihnen [den Fans] Beine zu machen, hatte der Veranstalter trotz der prominenten Starterin bei seinem Nachwuchswettbewerb darauf verzichtet, Eintrittsgeld zu verlangen. Claudia Pechstein hatte der Lokalzeitung ihr einziges Interview dieser Tage gewährt und um breite Unterstützung geworben.«
Die ist ihr zuteil geworden, etwa durch den Berliner Kurier, der die Schleimschleuder anwarf und unter der Überschrift »Pechis größter Sieg« von einer »Unrechts-Sperre« faselte und »diesen am Ende so wunderbaren Tag« mit dem Krönungssatz bejubelte: »Eine Kämpferin war Claudia Pechstein schon immer.«
Wohl wahr. Pechstein gab hernach selber kund: »Der Kampf ist dann vorbei, wenn ich vollständig rehabilitiert bin.«
Mehr Kampf war nie, und wir dürfen sicher sein: Der Krampf geht weiter, Muskel- und Hirnkrämpfe eingeschlossen.
Zu lahm für Ochs?
Der Linienrichter hat versucht, uns das Genick zu brechen. […] Vielleicht stellen wir ja einen Antrag, künftig ohne Linienrichter zu spielen.
Fredi Bobic, Sportdirektor des VfB Stuttgart
Gibt es ein rätselhafteres Wesen, einen merkwürdigeren Sozialcharakter als den Linienrichter im Fußball, jenen ausgebildeten Schiedsrichter, der an die Seitenlinie beordert wurde und dort seinem Herrn und Meister, dem Spielleiter, mehr oder weniger zu dienen hat?
Ist der Linienrichter, wie es auf www.schiedsrichtergespann.de heißt, »von höherer Instanz dazu berufen«, Mist zu bauen? Ist sein Tun eitel und unheilbringend – und zwar prinzipiell? Braucht es ihn, den Linienrichter, dieses Fossil, diesen Anachronismus, der seit etwa zwanzig Jahren unter dem noblen Titel des »Schiedsrichterassistenten« firmiert, überhaupt? Wozu und zu welchem Ende Linienrichter im Fußball, wo doch ausgereifte Techniken wie der Videobeweis und der Chip im Ball zur Verfügung stünden, sträubten sich die störrischen Verbände nicht?
Seit 1891 verrichten Myriaden von Linienrichtern zwischen Reykjavik und Kapstadt ihre dubiose, ja numinose oder doch eher ominöse Arbeit, seither ist der Schiedsrichter »der alleinige Leiter des Spiels, und die Linienrichter [sind] ihm unterstellt« (Wikipedia). 78.251 Schieds-, das heißt mehrheitlich Linienrichter begeben sich laut DFB-Statistik aus dem Jahr 2009 allein in Deutschland Woche für Woche an die Fußballfront, unbegreiflicherweise.
Sie staksen, traben und rennen neben einer gekalkten Linie auf und ab – zwischen vier und sieben Kilometer pro Partie, schätzen manche –, den Blick auf den Ball und die Hauptakteure gerichtet, und ab und an reißen sie eine gelbe Fahne in die Höhe, woraufhin der Boß des Ganzen, der Referee, in ein kleines Stück Metall hineinbläst, um anschließend eine Entscheidung anzuzeigen oder zu verkünden. Ist das nicht eine der inferiorsten, beschämendsten Betätigungen, die denkbar sind? Ist der Fußballinienrichter, noch weit vor dem Tennis-, dem Volleyball- und dem Hundesport-, das heißt dem Flyballinienrichter, nicht die reinste Inkarnation der Subalternität?
»Als normaler Mensch fragt man sich ja immer, wie zum Geier man eigentlich Linienrichter werden kann«, lesen wir auf www.captain-trikot.de. »Schiedsrichter – das ist ja schon kraß, aber Linienrichter?«
Jürgen Röber, ehemals Trainer von Hertha BSC und vom VfL Wolfsburg, bekannte Ende 2000 in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung, es sei für ihn »schwer vorstellbar«, wie jemand mit halbwegs intaktem Gefühlsleben Schieds- und Linienrichter werden wolle, »sich auf Amateurplätzen durchbeißen« wolle, »von allen Leuten angemacht«.
Was sind das für Typen, die über keine Karten verfügen, keinen Stift, keine elaborierte, von Individualität zeugende Geste? Deren Kommunikationssystem aus einem einzigen, geringfügig variierten Signal besteht – der Fahne, die gehoben wird und die, schreibt die FIFA vor, »eine natürliche Verlängerung des Arms« sein soll? Wer läßt sich freiwillig zu einer Art Maschinenmensch degradieren? Sind’s frühkindlich Traumatisierte? Zwangscharaktere? Schwer Vermittelbare? Schlicht und einfach Feiglinge? »Kleine Männlein an der Seitenlinie« (Klaus Schlappner)?
»Wir sind ganz normale Menschen«, behauptet der Bundesligalinienrichter Olaf Blumenstein. Der stern zählte die Fahnenschwenker im Juli 2009 zu den »Randfiguren« unserer Welt und titulierte sie als »menschgewordene Regelwerke, Zombies mit geheimem Winkbefehl, Grenzsoldaten des Sports«. Kurzum: »Linienrichter, so scheint es, ist ein zutiefst deprimierender Job« – so daß diese Spezies aus Frust und zwecks Kompensation dann auch schon mal Schmiergelder entgegennehmen soll (wie Cetin Sevinc Ende 2009) und vom DFB mit einer »Schutzsperre« belegt wird.
Fragen, Fragen, Fragen. »Ist Ochs zu schnell für den Linienrichter?« (Bild, 31. August 2010) Antwort Heribert Bruchhagen (Eintracht Frankfurt): »Er ist einfach zu schnell für die Linienrichter«, weshalb er, Ochs, ständig wegen angeblicher Abseitsstellung zurückgepfiffen werde.
Der DFB attestiert seinen Schieds- und Linienrichtern, diesen »regelfesten Leistungssportlern« (www.dfb.de), daß sie nach einer »zwanzig bis fünfzig Unterrichtsstunden« dauernden Ausbildung inklusive »Einführung in die Grundzüge der Fußballregeln« und ein wenig Praxis in unteren Ligen über »Augenmaß, Autorität, Kompetenz und Erfahrung, aber auch optimale Fitneß« verfügen, die in regelmäßigen Leistungstests überprüft wird. Warum dann der permanente Ärger? Das rituelle Gebrüll der Trainer in Richtung Schirihiwis? Die Ausraster der Spieler? Wieso der »Ruf nach dem Kamerabeweis« (Internet) und der Abschaffung all dieser streßgeplagten, mittlerweile profund verhaltensgeschulten Unglücksraben? Beziehungsweise – vice versa – nach zwei Linienrichtern auf jeder Seite des Spielfeldes? Oder – besser noch – zehn, alle zehn Meter einer?
Jürgen Röber gestand: »Als Linienrichter bei der Abseitsentscheidung gleichzeitig das Abspiel und die Position des Spielers sehen? Geht nicht. Bei mir nicht. Dieses periphere Sehen, das ist selbst am Bildschirm so schwer.« Rechtfertigt das, daß, wie am 23. April 1994 geschehen, ein Linienrichter einen Ball im Tor sieht, den der Bayern-Mann Thomas Helmer aus fünfzig Zentimetern glasklar neben die Kiste gestolpert hat?
Der Linienrichter Jörg Jablonski erhielt, nachdem er das wohl berühmteste Phantomtor der Fußballgeschichte gegeben hatte, Morddrohungen. Ein Jahr später beendete er seine Karriere, verängstigt, zermürbt. Dieses herzergreifende Beispiel menschlicher Schwäche hinderte jüngst, im Oktober 2010, freilich die Anhänger des VfB Stuttgart nicht daran, eine Photomontage ins Internet zu stellen, auf der der Stürmer Cacau flehentlich ein Schild gen Himmel richtet, auf dem steht: »Eine Bitte an die Linienrichter: Klaut uns diesmal keine Punkte!!!«
Boom, bumm, batsch
Daß Menschen beiderlei Geschlechts Sport treiben, ganz gleich, welchen – bon, soll ja das Übelste nicht sein. Daß manche mit dem Sport ihren Lebensunterhalt bestreiten oder zu bestreiten versuchen, auch das ist weder beklagens- noch tadelnswert, sondern schlicht eine Option in der zur Gänze kapitalisierten Welt. Allein, was halten wir davon, daß beispielsweise der DFB auf seiner Website prophezeit, während der Frauenfußball-WM werde »eine ganze Nation« hinter den deutschen Damen stehen, wie ein Mann am Ende gar? Ist da nicht der durch die Gier nach noch mehr Geld genährte Wunsch der Vater des platten Gedankens, das Publikum in solch heißgeliebte Stadien wie jene in Augsburg, Dresden, Sinsheim und Leverkusen zu locken? Oder ist’s, im Gegenteil, lediglich Ausdruck eines Gratisgesinnungsträgertums, das die eher mühsam und verkrampft erzeugte mediale Aufmerksamkeit gegenüber dem Frauenfußball mit gesellschaftlicher Anerkennung oder Emanzipation verwechselt?
Kann sich noch jemand daran erinnern, daß anläßlich der Bekanntgabe der WM-Spielorte am 30. September 2008 in Berlin die sogenannte Top-Elf für 2011 präsentiert wurde, um die Promotion irgendwie anzuleiern? Eine symbolische Mannschaft u. a. mit Maria Furtwängler, Franziska van Almsick und Nena? Sowie ausgerechnet mit der Sportskanone Angela Merkel als »Teamchefin«? Hat diese Quatschtruppe irgend etwas bewirkt oder angeschoben oder angestoßen?
Vermögen wir ernst zu nehmen, was die deutsche Nationaltrainerin Silvia Neid vor kurzem gegenüber den Ruhr Nachrichten geäußert hat? Glaubt sie selber, »daß die Entwicklung so bombastisch ist«? »Vieles wird jetzt hochgepusht«, fuhr Neid fort, »und ich bin überzeugt, es wird einiges hängenbleiben. Der Frauenfußball ist gewachsen, die Nationalmannschaft ist voll anerkannt, die Stadien sind bei Länderspielen voll.« Das kann man, anders als im Fall der Männer, auch anders sehen, und gerne verraten wir an dieser Stelle, daß wir ein paar ehemalige Nationalspielerinnen kennen, die im kleinen Kreis offen zugeben, sich niemals ein Frauenfußballspiel anzuschauen und ausschließlich der Herrenvariante zu frönen.
»Aus dem Schatten der Männer zu treten wird schwer, wenn nicht unmöglich«, heißt es in der Zeit – und weiter: »Die WM-Botschafterin Renate Lingor warnt vor dem Turnier in Deutschland: ›Bloß kein Schnellschuß.‹ Bloß nicht überlaufen lassen von produzierten Barbie-Puppen, Werbeangeboten und Fernsehübertragungen. Im Laufe von fünf bis zehn Jahren sollen die Zuschauerzahlen der Frauenbundesliga Schritt für Schritt gesteigert werden. Die Vereine sollen professionellere Strukturen erhalten.«

