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Jürgen Roth Nur noch Fußball!
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»Da muß ’ne Menge gutgeh’n, damit das mal klappt«, plapperte anschließend Tom Bartels vor sich hin, münzte diesen fabelhaften Gurkensatz aber keineswegs auf den glänzend katastrophal aufgelegten, intonationswütigen, gottlob nicht mal durch Gerd Gottlobs »Fuck!«-Einwurf zu bremsenden Steffen Simon.
»Kein Spiel mehr, in dem auch nur der argloseste Kurzpaß unkommentiert und vor allem ohne statistisches Beiwerk bliebe«, meckerte darob die Weltzeitung Main-Echo, unterdessen die FAZ über den fürs ZDF an der Flüstertüte hockenden Béla Réthy räsonierte: »Wieviel Réthy von Fußball versteht, ist schwer zu sagen.« Réthy, immerhin, revanchierte sich mit der Sentenz: »Jede Regung, die durch seine Seele wandert, kriegen wir gezeigt.«
Einhellig tadelten die Frankfurter Rundschau und die taz die zusehends hektische, nahezu kinematographische, inflationär mit Superslomomontagen operierende FIFA-Fernsehweltregie, die schon mal den Eindruck eines vollen Stadions vortäuschte und Gefühlskulissen zurechtbastelte. Lasen wir uns zwischendurch nicht im WM-Sonderteil der Süddeutschen Zeitung einen Hungerast und ebenda solch einen geschwefelten Käse: »In der DFB-Elf verschmelzen der ultraleichte Südländerstil des türkischstämmigen Özil und die draufgängerische Ader des bayerischen Brauchtumsstürmers [Müller] zum stilvollen Mentalitäten-Herkunfts-und-Bewegungs-Mix«, dann labten wir uns an den äußerst buntgemischten Darbietungen auf RTL: am Redundanzgequatsche des Frühstücksprofessors Olaf Thon zum Beispiel oder an Herrn Klinsmanns unfaßbar klugen Annotationen zu allerlei »emotionalen Kisten« und zum »positiven Feeling« zumal im Kopfe des unvermindert semmeldummen Sprachvergewaltigers.
Doch, das alles hat uns ausnehmend gut gefallen: die narzißtischen Infantilendebilenaufführungen im Sat.1-Frühstücksfernsehen (»Die WM-Stimmung bei uns heute morgen: Wir sagen yes!«) genauso wie Katrin »innerer Reichsparteitag« Müller-Hohensteins beherzt-selbstloses Engagement im »Qualitätsbeirat« einer Molkerei. Den lauwarmen Wortmilchschaum, den sie am Mikrophon stets zart lächelnd absonderte (»Mein lieber Herr Gerichtsvollzieher!«), garnierte Oliver Kahn aufs holdeste mit feinsinnigen Bemerkungen zu nunmehr »zehntausendprozentig« und volle Kanone »hochmotivierten« Kickern.
»Daß die Leute es aushalten, das Vorher- und Nachhergerede«, darüber wunderte sich Dieter Kronzucker ausgerechnet in der ZDF-Vollpfostensendung Volle Kanne. Wir haben es aus- und durchgehalten. Wir haben gesehen und gehört, wie der Sky-Experte Franz Beckenbauer vergeblich nach dem Wort »Stratege« suchte und dreimal hintereinander einen »Strategiker« am Werk sah. Wir haben Reiner Calmund zugehört, der herumfaselte: »Laß ma’ die Kirche im Dorf lassen«, und Jogi Löw, der versicherte: »Nach so einem Spiel lassen wir uns nicht nervös werden lassen« – sowie dem bemitleidenswerten Guido Buchwald, der erläuterte, eine Mannschaft habe »ein Stück Unerfahrenheit oder ein Stück, daß sie es einfach nicht besser machen können«.
Wir haben sogar das Fußball-Frühstück auf n-tv geguckt, und daß der größte Hohlschädel unter all den heldenhaften Sportjournalisten bei der taz beschäftigt ist, wissen wir jetzt auch. Er heißt Deniz Yücel und schreibt ein grenzenlos ekelhaftes Stummeldeutsch. Das »Sexy-Chilly-Funky-Punky-Trendy-Super-Duper-Knuddel-Wahnsinns-Zauber-Märchen-Deutschland«, das er herbeisehnte, das liegt allerdings wieder am Boden. Fußballgott sei Dank.
Es brodelt, brummt und summt
Im März 1999 habe ich als Exterritorialer und bis dahin ein einziges Mal tatsächlich als Sportreporter tätig gewesener Autor im Sportteil der Frankfurter Rundschau einen kleinen Aufsatz über das delikat-intrikate und zugleich innige Verhältnis zwischen der Eintracht und den Dichtern plazieren und behaupten können, kein anderer Klub sei von den Dichtern »inständiger und kenntnisreicher umworben« worden als die SGE, weil sie »einst einen Stil praktizierte, der ›kunstnah‹ zu nennen war«.
Ich zitierte u. a. Eckhard Henscheids legendäre »Hymne auf Bum Kun Cha« (»Am Abendhimmel blühte ein Frühling auf, und / Sein Name war Cha. Die Eintracht aber, jahrlang / Von Klippe / Zu Klippe / Geworfen, glühte mit dir, o mein Trauter, zu / Neuschönem Glanze«) sowie Henscheids Eloge auf die Epiphanie eines »Quadrupelpasses Bein-Binz-Andy-Möller-Bein, explosiv elektrisierend wie eine Chopinsche chromatische Terzenkaskade«.
Ich hätte mich, cum grano salis, aber ebensogut an die wackeren Männer aus dem FR-Sportressort halten können. Zumindest in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg pflegten sie bisweilen eine nahezu lyrische Beziehung zu den »Riederwäldlern«. Ein »Drahtbericht unseres Fachmitarbeiters Günter Wölbert« vor dem Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid in Glasgow am 18. Mai 1960 begann zum Beispiel so: »Der glühende Sonnenball am wolkenlos blauen Himmel über der wildromantischen schottischen Küste, sechzig Kilometer westwärts Glasgows, und der aus den Herzen der Eintracht-Spieler strahlende freundliche Optimismus sorgen für Sonnenschein im Hauptquartier des Deutschen Fußballmeisters.«
Dergleichen ab und an einnehmend keusche Poetereyen, die den gewöhnlich betulich vor sich hin knatternden Berichtston punktuell ins Schief-Schöne verschoben, wurden begleitet von ungeniert parteilichen Einlassungen. »Wir sind alle unruhig und ungeduldig wie kleine Kinder […]. Selten hat ein Sportereignis so die Herzen berührt wie das Spiel am heutigen Abend im fernen Glasgow, das durch das Wunder des Fernsehens in unsere Stuben verpflanzt wird«, hieß es, und die »kritische Einschätzung« nach dem 3:7 gegen den »Kolossalsturm« der Madrilenen zeichnete sich dann auch eher durch melancholische Hingabe denn durch analytische Schärfe aus.
»Stolz« müsse man auf die Eintracht sein – das war der Tenor jener Tage, in denen Ressortleiter Erich Wick in einem Porträt über Paul Oßwald den Meistertrainer vom Main unverkennbar höher einschätzte als Bundestrainer Herberger (womit er womöglich sogar recht hatte) und ihm attestierte: »Der Trainer weiß, daß er die großen Tiere nicht reizen darf« – den »›verriegelten‹ Pfaff« beispielsweise oder den »eleganten, selbstsicheren, jungen Stinka«.
Fünfunddreißig Jahre später führten einige der »›Ballratten‹ vom Riederwald« (Wick) einen ziemlich ridikülen Tanz auf. Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino, schwer beleidigt und gedemütigt oder was, verweigerten nach einem von Trainer Jupp Heynckes angeordneten Sonderwaldlauf die weitere Arbeitsverrichtung, und »die Folge war der zweifelsfrei größte Knall in zweiunddreißig Jahren Bundesligazugehörigkeit« (Walther Lücker, 5. Dezember 1994) – sowie ein wochenlang über die Sportseiten der FR sich hinwegwälzendes Gezeter über speziell Yeboahs gekränkte »Ehre«, über die unterdessen traditionelle Herrschaft der »Querulanten« in der notorisch »launischen« ersten Mannschaft, über »Eitelkeiten« und – nun eher Heynckes angelastete – Herrenmenschenallüren (diesbezüglich legte sich vor allem Peter Körte im Feuilleton ins Zeug, vom »Rassismus« bis zum »eisernen Korpsgeist« blieb da nichts unerwähnt). Nein, bei all den Possen und »Irrungen und Wirrungen« ward hier das, was die FR wohl im Kern ausmachte, oftmals aufs prangendste auf seinen Begriff gebracht: die moralische Entrüstung, am prächtigsten verkörpert durch meinen Lieblingstugendwart und Sprachverbieger Harald Stenger, der sich etwa am 11. Januar 1995 bitterlich über den »Schlendrian«, über »Konfusion und Chaos«, »Peinlich- und Niveaulosigkeiten«, den fehlenden »Realitätssinn« und »Dilettantismus« in der Führungsetage der Eintracht beklagte – und zwar in einer einzigen winzigen Kommentarspalte.
Hinter alledem verbarg (und verbirgt) sich, scheint mir, die gekränkte Liebe des Fans, der es auf die andere Seite geschafft hat. In keiner anderen bedeutenden Tageszeitung hierzulande dürfte sich die unverbrüchliche Verbundenheit der Redakteure mit dem Herzensverein derart unverhohlen artikulieren oder artikuliert haben. Das ist, verglichen mit dem manchmal gekünstelt wirkenden Habitus der Distanziertheit in anderen großen Blättern, vielleicht schlicht und einfach ehrlich.
Thomas Kilchenstein schrieb 1998 für eine Anthologie, für die ich als Co-Herausgeber verantwortlich zeichnete, eine herzergreifende Geschichte über seinen Einsatz als Reporter beim zweiten Relegationsspiel gegen den 1. FC Saarbrücken im Sommer 1989 – und machte aus seiner Sympathie für die Adlerträger keinen Hehl. Im Mai 1999 pries er vor dem Bundesligasaisonfinale (nach dem schließlich nicht Frankfurt, sondern skandalöserweise respektive aus blanker Dummheit der 1. FC Nürnberg abgestiegen war) unablässig die »bemerkenswerte« Entwicklung der Mannschaft, ihren »Charakter«, den »bravourösen Torwart« Nikolov, er beschwor die Chance, »aus der Geschichte Nektar [zu] saugen«, und so fort – nahezu jede Zeile Ausdruck einer hoffnungs- und euphoriegesättigten Inflammiertheit. Anders gesagt: »Es brummt und summt am Riederwald« (Kilchenstein, 26. Mai 1999), nein, »es brodelt, brummt und summt« (derselbe, 27. Mai 1999) ebenda.
Die Dramatisierung war bei den Sport-»Recken« der FR nie verpönt. Sie ist ja auch das womöglich angemessenste Mittel, die poetischen und metaphysischen Schichten des Fußballspiels sprachlich zu erschließen. Und die infamen, perfiden. An denen labte sich all die Jahre, zumal angesichts der nicht endenden Lizenz- und Geldgaunereien, leidenschaftlich Harald Stenger. Da ließ sich turnusmäßig »wieder nichts Gutes erahnen«, da litten sie allesamt unter teuflischer »Selbstüberschätzung«, da sollten die öffentlichen Diskussionen »in den nächsten Tagen sicher weiter eskalieren«, da mahnte Stenger »mehr Wahrheitsliebe« an, da tadelte er »Hochmut und Schönfärberei« ad infinitum, und warum es die Eintracht in Anbetracht der wie von höheren Mächten verhängten »düsteren Realität« heute überhaupt noch gibt, das weiß wohl allein Heribert Bruchhagen.
Neben der gutinformierten Sportredaktion der FR freilich.
Versuch, Fußball zu gucken
Mir fällt zum Fußball nichts ein. Nichts mehr. Im Moment. Die Sonne scheint, das genügt. Ich habe einen ansehnlichen Batzen von Texten und Büchern über Fußball geschrieben, und jetzt fällt mir zum Fußball überhaupt nichts mehr ein.
Ich werde keine Zeile über Michael Ballack schreiben. Ich wüßte ja auch gar nicht, was ich über Michael Ballack schreiben sollte. Vielleicht steht in dieser Zeitung etwas über Michael Ballack, das könnte ich lesen, aber ich werde es nicht tun. Ich habe den Fußball satt. Das ist schön.
Vor drei Wochen ging mein Fernseher kaputt. Darüber bin ich froh. Kein Videotext mehr, kein süchtiges Suchen nach Nachrichten aus der Welt des Fußballs mehr, wenn man aufwacht und Ablenkung sucht vom grauenhaften Wetter da draußen oder von den Verwüstungen im eigenen Kopf.
Die Sonne scheint, mein Kopf schmerzt, und das einzige, was ich über den Bundesligaspieltag weiß, ist, daß die Eintracht auswärts 4:0 gewonnen hat. Das hat Fipps am Samstagabend in meiner Stammkneipe gesagt, daran erinnere ich mich. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen Spiele ausgegangen sind, man glaube es mir, oder man glaube es mir nicht.
Die Sonne scheint, der Kaffee schmeckt, der Kopf ist eine Ruine, und am Nachmittag werde ich mich wieder um mein neues Heim kümmern.
Ich hatte es ja fest vor. Ich wollte es versuchen. Ich wollte versuchen, mal wieder Fußball zu gucken, seit der WM zum erstenmal wieder. Ich bin gescheitert, und es macht mir nichts aus.
Am Samstag kamen um die Mittagszeit die Freunde M. und M. vorbei. Sie hingen Türen aus, schraubten Handläufe ab und wuchteten für mich einen schönen alten, massiven Schreibtisch aus der Waschküche, trugen ihn Treppen hoch und durch Gänge und über die Straße zu meinem neuen Heim. Das war eine ungeheure Leistung, die die beiden durch Dialoge von wahrhaft Beckettschem Zuschnitt krönten.
Als der Schreibtisch im Hof vor meinem neuen Heim stand, meinten M. und M., daß jetzt ein paar Belohnungsbiere fällig seien, die Bundesliga fange ja erst in eineinhalb Stunden an. Ich ging zur Trinkhalle und kaufte sechs Balkonbiere, die wir dann auf dem Balkon meines neuen Heims in uns hineinlaufen ließen.
»Es gibt nichts Besseres als was Gutes«, sagte M. Die Biere in der Sonne schmeckten vorzüglich. Eine Stunde später kam der freundliche Sami, der Inhaber der Trinkhalle, vorbei, mit einer Tüte voller Balkonbiere. »Ein Geschenk zum Einzug«, sagte er und lachte.
Nach achtzehn Balkonbieren latschten wir in meine Stammkneipe und laberten und tranken weiter. Irgendwann fiel mir ein, daß ich ein paar Zeilen über den Bundesligaspieltag würde schreiben müssen, und ich fragte die beiden Freunde, was ich schreiben solle.
»Schreib irgendwas über Ballack«, sagte M., und dann bestellten wir noch eine Runde.
Homer mal Vergil im Quadrat
Es ist immer wieder erhebend zu sehen, welche Sozialcharakterexemplare der Spitzensport, der mit Fug und Recht Dumpfensport genannt werden darf, in prachtvoller Regelmäßigkeit hervorbringt: von Kindesbeinen an in ein autoritäres, mitunter mindestens semikriminell-korruptes Sichtungs- und Fördersystem eingespannte, jeder Möglichkeit einer halbwegs humanen, nicht vorbestimmten Entwicklung beraubte Menschen, die auf Grund des eklatanten Mangels an Erfahrungen außerhalb des Drill- und Züchtungsapparates später zuverlässig an schweren Formen des Realitätsverlustes leiden, ohne das zu merken, geschweige denn reflektieren zu können, wie sollten sie auch über die Fähigkeit zur distanzierten Selbstwahrnehmung verfügen.
Zerbröseln die Wände des Kerkers, in den man sie vor langer Zeit gesperrt und in dem man ihnen weisgemacht hatte, die Vorgaben des Leistungswahnsystems hätten etwas mit der Welt und dem Leben zu tun, drehen diese gesellschaftlich determinierten Sportkretins nicht selten durch. Das teilen sie mit anderen Zwangscharakteren und Paranoikern, mit Hochstaplern und Wertpapierzockern, mit von Allmachtsphantasien heimgesuchten Politikern, mit bigotten Kirchenmännern und anderen Schwindlern, die sich seit Jahr und Tag in die eigene Tasche lügen, unausgesetzt die Öffentlichkeit betrügen und jene dann, wenn sie tatsächlich oder vermeintlich ertappt worden sind, nach den guten, alten Regeln des Manichäismus in die Bataillone der Gefolgsleute und der Feinde unterteilen.
Wir reden hier von keiner bestimmten Person. Wir haben lediglich in jüngster Zeit zufällig etwas genauer der Eisschnelläuferin Claudia Pechstein zugehört und ihre kürzlich auf den Markt gebrummte Autobiographie mit dem an einen Abenteuerroman erinnernden Titel Von Gold und Blut (Berlin 2010) gelesen. Doch, das haben wir, wir glauben es beinahe selber nicht.
»Ich weiß jetzt, wer auf die Liste der Freunde gehört und wer auf die der Feinde«, hat die fünffache Olympiasiegerin, x-fache Welt- und Sonstwasmeisterin sowie Topethikerin bei der Vorstellung ihrer »Selberlebensbeschreibung«, wie Jean Paul derartige Bücher nannte, kundgetan, wobei in unserem Fall Pechsteins Manager Ralf Grengel, ein, so heißt es, ehemaliger Sportjournalist, aufgeschrieben hat, was ihm jene Dame erzählte, die zum Opfer des laut Klappentext »größten Justizirrtums in der Geschichte des Anti-Doping-Kampfes« wurde. Doch, das Wort »Opfer« ist richtig gewählt. Dieter Bohlen, gleichfalls ein Meister im Metier der autobiographischen Parfümierung, hätte allerdings »Megaopfer« gesagt.
»Anomalie oder Doping? Auf diese Frage brachen sie mein Schicksal herunter«, heißt es, die auf nahezu fünfhundert vor Esprit und Eleganz glühende Seiten ausgewalzte Exkulpationsschrift beschließend, im letzten Kapitel, in dem die seit dem Februar 2009 wegen erhöhter Retikulozytenwerte von der Internationalen Eislaufunion ISU gesperrte und von allerlei Unholden »unschuldig verfolgte« ehemalige Goldsilberbronzeschwarzrotgoldmarie noch einmal den Säbel und wider die Schurken im »Anti-Doping-Sumpf« zu Felde zieht, nicht ohne allen Ernstes zehn Vorschläge zur Reform der Dopingkontrollen zu unterbreiten, die »eine durchschlagende Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Betrüger« zur Folge haben sollen.
Wir befinden uns im falschen Buch? Nein, Claudia Pechstein befindet sich bis zur letzten Seite permanent, wir haben irgendwann aufgehört zu zählen, »im falschen Film«, den manch anderer als den richtigen, nämlich als Realität bezeichnen würde.
»Schicksal« – auch dieser Ausdruck paßt wie Kaviar zu Vanilleeis. »Ich wurde bejubelt, gefeiert, hofiert. Und öffentlich hingerichtet.« Es richtete »sich das Schwert gegen mich […]. Mit aller Schärfe. Um jeden Preis.« – »Es war stets mein größter Alptraum, mein Name könne in einem Atemzug mit dem Wort ›Doping‹ genannt werden.« Ja, ein Schicksal von antikischer Größe und Tragik, eine Verschlingung von Glorie und Perfidie, ein Epos über Ruhm und Hinterlist, das es locker mit Homer mal Vergil im Quadrat aufnehmen kann. »Mein Leben zwischen Olymp und Hölle« lautet denn auch der Untertitel. Man ist schier fassungslos – ob der Aufdringlichkeit jener Liaison, die das niedere Skribententum mit der Hybris einer auf Kufen durch die grunzgescheite Sportgeschichte kurvenden Polizeihauptmeisterin, die noch nicht allzu viele Paßkontrollen durchgeführt haben dürfte, in dieser Causa eingegangen ist.
Bis heute liegt kein stichhaltiger Nachweis über Claudia Pechsteins durch ständig neue und überarbeitete Gutachten angeblich belegte Kugelzellanomalie vor. Vielmehr soll sie mittlerweile an der noch selteneren Xerozytose leiden, was, milde ausgedrückt, schwer nachweisbar wäre. Dessenungeachtet marschieren durch diesen schon sagenhaft redundant-geifernden Buchstiefel unverdrossen mantraartig die Begriffe »Hexenjagd«, »öffentliche Stimmungsmache«, »öffentliche Hinrichtung«, »Bannstrahl«, »Jagdfieber«, »Vorverurteilung«, »Riesensauerei«, »Glaubenskrieg«, »Feldzug«, »Berufsverbot«, »Scheiterhaufen« und »faule Tricks«, um das Lager derjenigen Richter, Funktionäre und Journalisten zu kennzeichnen, die Pechstein »abschlachten« wollten und wollen. Nur gut, daß Claudia Pechstein Bild und Bild am Sonntag, die ehernen Garanten von Moral und Integrität, auf ihrer Seite weiß. Und nur gut, daß sie ihr blitzsauberes dualistisches Weltbild mit putzigen Medaillenposerphotos garniert, auf die wir uns hier keinen zweiten Reim machen wollen.
»Was für ein linkes Ding. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte«, diktierte Claudia Pechstein Ralf Grengel aufs unschuldige Tonband. Als »echtes Kampfschwein« tituliert sich die, scheint’s, lauterste und fairste Sportlerin der jüngeren Menschheitsgeschichte, und bevor wir die von der unheiligen Inquisition verfolgte Wintersportgranate heiligsprechen und ihr obendrein für die Zweitauflage den Titel Ich, Claudi – Die ehrliche Lycrahaut spendieren, bleibe abschließend nicht unerwähnt, daß die von der ISU »mit Schimpf und Schande« Überhäufte daran dachte, sich »dem Absturz, der ganzen Ausweglosigkeit« durch Selbstmord zu entziehen – und das auf eine derart patzig-schmierige Manier schildert, daß wir zu fragen wagen: Obszöne Koketterie? PR-Frechheit? Und mit Bertolt Brecht hinterherschicken: »nachbar, euren speikübel!«
Es gibt Bücher, die man mit der Kneifzange anfassen muß. Und es gibt Bücher, mit denen man nicht mal mittelbar in Berührung kommen sollte. »Ich wünsche mir, daß das Buch zur Pflichtlektüre für Journalisten wird«, sagte Claudia Pechstein bei der Vorstellung. In den Redaktionen der Springer-Presse dürfte ihr Wunsch erhört werden.
Gekasschnitzel
Am Freitagabend sagte Achim Greser auf der Titanic-Weihnachtsfeier zu mir, beim Fußballgucken bereite ihm Matthias Sammer am meisten Freude. Wenn Sammer als Sky-Experte im Einsatz sei, zähle er, Achim, immer mit, wie oft der DFB-Sportdirektor die Phrase »ein Stück weit« verwende. Sammer rage aus dem Heer der »Ein Stück weit«-Automaten mindestens »ein Stück weit« heraus, meinte Achim, der darüber hinaus betonte, daß in der laufenden Saison so viele Tore wie seit langem nicht mehr fielen und so viele Auswärtssiege wie seit Jahren nicht mehr zu verzeichnen seien.
Ich schaue mir Frankfurt gegen Mainz im Kyklamino an. Die Eintracht hat eine exzellente Auswärts- und eine miserable Heimbilanz. Das verspricht einen vergnüglichen Nachmittag, zumal da Tuchels Team mit einer »flachen Vier« spielt und die »gefühlte Ballbesitzzeit«, wie der Reporter mitteilt, erstaunlich, ja: intensiv sei? Hoch sei? Eine hohe Zeit?
Noch besser würde ich mich fühlen, stünde ich jetzt auf der Hohen Acht und blickte über die wunderbare, verschneite Eifel. In der 35. Minute erzielt allerdings Russ das 1:0. Wenn der Russ’ mal kommt, ist alles zu spät, das weiß man, und deshalb sagt mein Kumpel Berry: »Dann gibt’s heute ein Fünfnull.«
Ein paar Minuten später tritt Risse auf und schlägt den Russ’ zurück. So. Berry: »Jetzt verlier’n sie.«
Ich überlege, ob ich eine hochnotwendige Kritik der Werbebande zusammenschmieren sollte, verwerfe den Gedanken aber nach dem nächsten Schluck Bier. Nach dem »Pausentee« (Reporter) ist die »gestiegene Erwartungshaltung« (laut Postkarte von Eckhard Henscheid tauchte die kürzlich in einem Sportbericht gleich viermal auf) förmlich mit den Ohren zu sehen. Berry: »Der Meier ist für den Grabowski gekommen.« Mir geht das ständige Reklamieren auf den Geist, dieses Träntütentheater. Fußball, schreibt Pit Chotjewitz, ist »eine Geschlechtskrankheit«.
Mainz sei nun »gut im Schuh«, klärt uns der Reporter auf. Sia sieht heute klasse aus. Berry erzählt: »Ich hab’ noch nie so viele Besoffene vor dem Stadion rumliegen sehen wie in Dortmund.« Wirt Apollo kommentiert die Vorstellung der Eintracht: »Dieses Stehen ist am Arsch!«
In der 75. Minute erhält Frankfurt einen Freistoß. Einer brüllt: »Wir brauchen jetzt Dr. Hammer!« Der Reporter: »Man müßte jetzt aus solchen Situationen mal Nektar saugen.« Berry: »Das ist wie im Pornofilm.« Hm. Ein anderer: »Der eine ist zu kurz, der eine ist zu langsam, der andere fällt um.«
Apollo erläutert, daß »Gekas« wörtlich »Jagdhund« oder »Jäger« bedeute. »Oder Hundesohn«, wirft jemand ein und ergänzt: »In Zukunft bestelle ich Gekasschnitzel.«
Der Mainzer Holtby habe in den vergangenen Wochen »Kreativität tanken können«, schnabelt der Reporter vor sich hin. Apollo und Berry stoßen mit Wodkanektar »auf den an, wo dem Tor schießt«. Erledigt wird das von Gekas.
Das war es dann für vorgestern.
Zu gut zum Siegen?
Mag sein, daß in der aktuellen Bundesligahinrunde neuerlich allerlei First-class-Dummheiten und spielerische Toppleiten das kulturelle Leben in dieser Glanzrepublik bereichert haben, doch der unanfechtbare Höhepunkt fußballerischer Kunstausübung und -darbietung war am 2. Oktober 2010 im Frankfurter Gallusviertel zu gewahren, als zum drittenmal nach 2007 und 2008 das »Große Turnier um den leeren Gallus-Pokal« ausgetragen wurde.
Ich hatte eiskalt beschlossen, nicht zu spielen – den dreckigen Job der Titelverteidigung sollten andere erledigen –, mich zum Teammanager von »Hermann United« ernannt und Katja zur Technischen Direktorin degradiert, die nun für die Spielerbeschaffung und surrealistische Taktikskizzen zuständig war, die unseren Hauptfeind, meinen Stammwirt Apollo und dessen Ramschtruppe »Apollo 11«, irritieren und demotivieren sollten.
Am Vorabend des 2. Oktober standen exakt zwei Spieler auf meiner goldgefaßten Managerschiefertafel: der Trierer Dauerläufer und -esser Jöricke und unser in mancher Kesselabwehrschlacht gestählter Torwart, der Universalhandwerker und -politologe Martin S., der, um Gegentreffer zu verhindern, notfalls unser Tor auf dem abermals optimal überfluteten Kleinplatz gegenüber der Societäts-Druckerei geschwind abschrauben würde.
»Katja, du hast versagt, ich muß dich entlassen«, brummte ich am Tresen des Kyklamino. »Was soll ich denn machen? Einer hat Knie, einer hat zwei Knie, einer hat gar kein Knie mehr, und einer hat keine Schuhe. Was ist überhaupt mit deiner Nia Künzer?« – »Hab’ mein Handy ins Bierglas geschmissen und deshalb ihre Nummer nicht mehr.« – »Und du willst Manager sein? Sogar Elena, die von dir erkieste Pressesprecherin, ist spurlos verschwunden!«
Bevor die Situation eskalierte, schritt Martin S. ein: »Ruhig, Leute! Wir organisieren einfach schnell ein paar kaputte Typen mit Killerinstinkt. Ich kenn’ zwei Zigarrenraucher, die haben gut Luft, die ruf’ ich an.«

