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Susanne Reiche Fränkisches Pesto (eBook)
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Die Kursleiterin – eine dreiundvierzigjährige Umweltpädagogin namens Isabel Lindemann – war verheiratet, hatte elfjährige Zwillingstöchter und wohnte im Eschenbacher Nachbardorf Fischbrunn. KK Bauer hatte handschriftlich ergänzt: Der zugehörige Ehemann hat sich vor sechs Monaten auf die Kanarischen Inseln abgesetzt und zahlt keinen Unterhalt.
Nicht eben die feine englische Art, dachte Kastner.
Frau Lindemann hatte ihre Kursteilnehmer am Ostermontag wie geplant gegen neun Uhr morgens im Grünen Schwan abgeholt. Sie waren zu elft aufgebrochen – ein Ehepaar namens Mücke hatte sich mit einer akuten Grippe entschuldigt. Im Wengleinpark waren ihnen andere Naturfreunde und Wanderer begegnet: am Abzweig zum Salamanderweg ein Berufskollege von Frau Lindemann, der mit einer Gruppe aus einer inklusiven Kinderbetreuungseinrichtung unterwegs war; zwischen Hartmannshofer Hütte und Infohaus eine gemischte Wandergruppe mit einem großen, schwarzen Hund; am Malerwinkel zwei junge Frauen, die nach dem Weg gefragt hatten – sie wollten nach Vorra, ins Pegnitztal hinunter. Alle waren auf dem Weg bergab, hatte KK Bauer notiert.
Zwischen elf Uhr dreißig und elf Uhr fünfundfünfzig hatten die Kräuterfreunde an der Luisenhütte eine Mittagsrast gemacht. Imthal war zu dieser Zeit noch wohlauf gewesen und hatte mit den anderen gevespert und geplaudert – einige erinnerten sich, dass er mit seinem Smartphone fotografiert hatte.
Kastner unterstrich gedanklich das Wort Smartphone.
Nach der Rast war Frau Lindemann an der Luisenhütte geblieben, die anderen waren ausgeschwärmt, um Kräuter zu bestimmen. Von da an verlor sich Imthals Spur im Ungewissen: Niemand konnte (oder wollte) sich erinnern, ob er allein oder in Begleitung aufgebrochen war oder welche Richtung er eingeschlagen hatte, und niemand wollte ihn nach der Rast noch einmal getroffen oder eine Nachricht von ihm erhalten haben. Bis, etwa um zwölf Uhr dreißig, eine Nadja Lipinski – siebenunddreißig, ledig, Heilpraktikerin und wohnhaft in Fürth/Bayern – seinen leblosen Körper bemerkte.
Kastner las Nadja Lipinskis Aussage. Offenbar hatte die Frau einen Schock erlitten, als ihr nach einigen Minuten klar wurde, dass der Mann am Wegkreuz sowohl tot als auch ein Kurskollege war. Auf Bauers Frage, ob sie sich über den Toten gebeugt oder ihn berührt habe und ob ihr sein Rucksack aufgefallen sei, hatte sie geantwortet: Ich weiß es leider nicht, das ist alles wie hinter einer schwarzen Wand. Ich glaube, ich habe zuerst laut geschrien, und dann ist mir schlecht geworden. Irgendwann war Jörg da und hat versucht, mich zu beruhigen.
Er blätterte weiter und überflog die Aussage von Jörg Ott, einem achtundvierzigjährigen Einzelhandelskaufmann aus Nürnberg: Die arme Nadja sei nahezu hysterisch gewesen, als er sie etwa zwei, drei Minuten nach ihrem lauten Schrei am Wegkreuz gefunden habe. Sie habe gezittert wie Espenlaub. Ja, er habe sich die Leiche aus der Nähe angesehen und auch den zerfledderten Rucksack bemerkt, und nein, er habe nichts angefasst …
Aha, dachte Kastner. Er nippte an der Kaffeetasse und verzog den Mund – der Cappuccino hatte inzwischen zum Eiskaffee umgeschult.
»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte jemand und nahm, ohne eine Antwort abzuwarten, auf der Bierbank gegenüber Platz. »Wir haben uns gestern im Wengleinpark getroffen, bei dem Absperrband – Sie erinnern sich?«
Kastner erinnerte sich natürlich – der Walrossbart war unverkennbar, obwohl der Senior heute einen grauen Trachtenjanker über dem rot karierten Hemd trug.
»Hermann Dennerlein«, stellte der Mann sich vor und lüpfte einen imaginären Hut. Sein Blick streifte Kastners Kuchenteller, ehe er sich neugierig an der Ermittlungsakte festsog.
Kastner schlug die Akte zu und legte sie mit der Rückseite nach oben beiseite – auf der Vorderseite standen die mit schwarzem Filzstift geschriebenen und einer verdeckten Ermittlung nicht eben zuträglichen Worte Todesfall Imthal/Wengleinpark.
Dennerleins Blick wanderte geschmeidig zurück auf Kastners Teller. »Der Kuchen sieht sehr lecker aus … Sie machen hier Urlaub? Ein paar freie Tage mit Frau und Kindern, Ausflüge, den Frühling genießen?« Er ließ seine Worte in der Luft hängen und sah sich in dem menschenleeren Biergarten um, als hoffe er, Kastners Familie unter einem der Tische versteckt zu entdecken – offenbar gab es ihm zu denken, dass er Kastner nun schon zum zweiten Mal alleine antraf.
»Meine Lebensgefährtin macht mit den Kindern eine Radtour«, verteidigte sich Kastner reflexhaft.
Dennerlein winkte dem Kellner und bestellte sich ebenfalls einen Apfelkuchen, dann deutete er auf die Ermittlungsakte. »Und Sie haben sich ein bisschen Arbeit aus dem Büro mitgenommen?«
»So ist es.«
Dennerlein lächelte. »Das kenne ich – ich habe mehr als dreißig Jahre als Ingenieur bei der KWU in Erlangen gearbeitet, und zwar in einer recht verantwortungsvollen Position. Ich musste mir auch gelegentlich Arbeit mit in den Urlaub nehmen.«
Kastner kramte in seiner Erinnerung. »KWU – Kraftwerk Union? War das nicht ein gemeinsames Tochterunternehmen von Siemens und AEG, das Kernkraftwerke gebaut hat?«
Dennerlein nickte. »Tschernobyl und Fukushima haben die Atomenergie ja etwas in Verruf gebracht«, gab er zu. »Aber wie will man dem Klimawandel begegnen, aus der Kohle aussteigen und CO2-neutral Energie gewinnen, ohne die Kernkraft zu nutzen? Das mag in Deutschland gerade noch funktionieren, aber europaweit ist das reine Illusion.«
»Sie glauben, man braucht den Teufel, um den Beelzebub auszutreiben?«, fragte Kastner. Etwas in Verruf gebracht schien ihm ein witziger Ausdruck. Genauso gut konnte man sagen, dass radioaktiver Müll relativ lang eine eher ungesunde Strahlung absonderte oder dass seine Lagerung ein paar Probleme aufwarf. Vor den Folgen eines Super-GAUs hatten die Kernkraftkritiker schon lange vor Tschernobyl oder Fukushima gewarnt, und von sicherer Endlagerung sprach niemand mehr laut, seit die Schachtanlage Asse voll Wasser gelaufen war und für mindestens fünf Milliarden Euro Steuergelder saniert werden musste. Auch vierunddreißig Jahre nach Tschernobyl tickte noch der Geigerzähler, wenn man sich einen Wildschweinbraten mit Waldpilzen bestellte – im Vergleich zu den toten, an Krebs erkrankten oder heimatlos gewordenen Menschen sicher ein kleines Übel, aber schon für sich genommen ein K.-o.-Argument gegen die Nutzung der Kernkraft, wie Kastner fand.
»Ich fürchte, da geht es um Fakten, nicht um den Glauben«, behauptete der Senior. Dann nahm er die Ermittlungsakte wieder ins Visier und fragte: »Was hatten Sie gesagt, machen Sie beruflich?«
Dazu hatte Kastner bisher nichts gesagt, wie Dennerlein vermutlich sehr gut wusste. In der Tat brachten ihn erst die zudringlichen Fragen des ehemaligen KWU-Ingenieurs darauf, dass er sich als verdeckter Ermittler längst eine stimmige Legende hätte zurechtlegen müssen.
»Ich bin Beamter«, erklärte er vage.
»Beamter? Das ist gut. Und Ihre Partnerin hat Verständnis dafür, dass Sie sich Arbeit mit in den Urlaub nehmen?«, fragte Dennerlein und deutete einmal mehr auf die Ermittlungsakte. »Meine Ilse – Gott hab sie selig – hatte leider keins. Das liegt wohl daran, dass Frauen naturgemäß andere Prioritäten setzen.«
Der Kellner brachte Dennerleins Apfelkuchen.
»Das kommt vermutlich auf die Frau an«, sagte Kastner. »Meine Lebensgefährtin ist selbst berufstätig – mit Sachzwängen kennt sie sich ebenso gut aus wie ich.«
»Ach«, seufzte Dennerlein, »ja, ja, das ist der Geist der Moderne. Heutzutage verdienen die Frauen ihr eigenes Geld und lassen sich keine Vorschriften mehr machen.« Er nickte nachdenklich und fügte an: »Mir tun nur die Kinder leid. Die armen Würmer werden in Kitas, Horte und Ganztagsschulen abgeschoben, und dann wundert man sich, wenn sie drogenabhängig und kriminell werden und Egoismus mit einer Wertvorstellung verwechseln.« Er hackte ein Stück von seinem Kuchen ab und schob es sich in den Mund. Sein Walrossbart vibrierte, während er kaute. »Ich verstehe durchaus, dass sich die Frau von heute nach Ausbildung oder Studium nicht mehr an den heimischen Herd verbannen lässt«, gab er preis, nachdem er hinuntergeschluckt hatte, »aber die Bindung zwischen Mutter und Kind ist eine starke natürliche Kraft, die man nicht ungestraft negieren kann.«
Die Frau von heute löste bei Kastner Assoziationen mit adrett ondulierten Damen in gestärkten Haushaltsschürzen aus, die ihren Ernährern mit Tränen in den Augen für die Anschaffung eines Kühlschranks dankten. Wäre Mirjam hier gewesen, sie hätte längst die Augenbrauen gehoben und Dennerlein nach der Rolle der Väter gefragt, die ihre Berufstätigkeit vorschoben, um sich vor der unbezahlten und wenig Renommee versprechenden Familienarbeit zu drücken. Aber Mirjam war nicht hier – sie war mit Claudias Kindern unterwegs und leistete unbezahlte und wenig Renommee versprechende Familienarbeit, um ihm seine Berufstätigkeit zu ermöglichen. Damit ihr Engagement nicht umsonst blieb, wechselte er das Thema.
»Ich bin noch immer geschockt von den gestrigen Ereignissen im Wengleinpark«, behauptete er. »Für Sie muss es noch viel schlimmer sein – Sie hatten gesagt, der Tote war ein Kurskollege von Ihnen?«
Der Rentner biss sofort an. »Das ist richtig«, nickte er. »Es war wirklich furchtbar.« Er referierte einmal mehr über den schönen Tag inmitten der blühenden Natur und über Blut und Knochensplitter.
»Kannten Sie den Mann näher?«
»Näher? Nein. Der Kurs hat ja am Karfreitag erst begonnen, und mehr als ein paar Worte Small Talk habe ich mit Julius nicht gewechselt. Aber glauben Sie mir: Es war auch so schlimm genug! Es hat mich einige Überwindung gekostet, mich über ihn zu beugen und seinen Puls zu fühlen …«
»Ich habe gehört, der Tote war Politiker und aktiver Agrarlobbyist«, unterbrach Kastner. »Er soll sich politisch nicht unbedingt als Naturschützer hervorgetan haben.«
Dennerlein legte den Kopf schief. »Ach, das haben Sie gehört?«
Kastner nickte. »Und nun frage ich mich – ich hoffe, Sie entschuldigen meine Neugier –, warum ein so vielbeschäftigter Freund der Wirtschaft eine ganze Woche Urlaub nimmt, um sich mit heimischen Kräutern zu beschäftigen?«
»Eine gute Frage, die ich leider nicht beantworten kann«, sagte Dennerlein bedauernd. »Ich habe erst nach Julius’ Tod erfahren, dass er Politiker war. Wenn ich mich recht entsinne, hat er gesagt, er arbeitet in der Veldener Stadtverwaltung – ich habe ihn für einen Angestellten oder Sekretär gehalten. Er sah nicht aus wie ein Gemeinderat.«
»Nein?«
»Nein. Unter uns gesagt: Julius sah schon beim Frühstück aus wie ein BWL-Student im vierten Semester, der es sich abends vor dem Fernseher gemütlich gemacht hat – lässig gekleidet und mit einer Tüte Erdnussflips und einem Schoppen Frankenwein bewaffnet. Apropos – ich darf Sie doch auf ein Gläschen einladen?« Es war eine rhetorische Frage, denn er schnippte bereits mit den Fingern nach dem Wirt. »Weiß oder rot?«
»Diese Entscheidung überlasse ich gerne Ihnen«, erklärte Kastner. Er war Biertrinker aus Überzeugung, obwohl Mirjam die Auswirkungen des Gerstensaftes auf seine Figur eher kritisch bewertete. Vergorene Trauben jedweder Farbe und Provenienz lösten Sodbrennen bei ihm aus; und er hatte die Erfahrung gemacht, dass der in einem Gläschen Wein verborgene Alkohol sein Gehirn weit heimtückischer und plötzlicher k. o. schlug als zwei, drei Halbe eines fränkischen Landbieres.
Aber so viel hatte er inzwischen begriffen: Wer verdeckt ermitteln wollte, musste Opfer bringen.
*
Der Biergarten versank im Schatten des späten Nachmittags, die Wolken verdichteten sich und entließen einen kräftigen Schauer. Kastner war dem ebenso großzügig plaudernden wie nachbestellenden Dennerlein in die warme Wirtsstube gefolgt und hatte, um dem steigenden Frankenweinpegel etwas entgegenzusetzen, ein Schnitzel mit Kartoffelsalat geordert. Er bemühte sich redlich, das Gespräch wieder auf den Todesfall im Wengleinpark zu bringen, erfuhr aber mehr über Dennerleins entbehrungsreiche Nachkriegskindheit, die Tablettensucht seiner Tochter Erika und den Werdegang seines einzigen Enkels Lothar – ein so intelligenter Junge, aber leider schwul und in der Gastronomie hängen geblieben – als über den letzten Tag in Imthals Leben.
»So, so«, sagte er, und: »Das ist ja interessant.«
Einige Tische weiter fand sich eine Gruppe unterschiedlichen Alters und Geschlechts zum Abendessen ein – Speisekarten wurden herumgereicht, Getränke bestellt. Dennerlein grüßte hinüber.
»Ach«, sagte Kastner. »Sind das Ihre Kurskollegen?«
Dennerlein nickte. »Die meisten jedenfalls. Mein Bruder Konrad und meine Schwägerin Johanna sind wohl noch unterwegs. Sie wollten am Nachmittag mit dem Zug nach Neuhaus an der Pegnitz fahren – dort soll es ein gutes, kommunal gebrautes Bier geben, sagt Johanna. Mein Bruder und ich sind ja eher Weintrinker …«
Kastner erinnerte sich an eigene, inzwischen mehrere Jahre zurückliegende Ausflüge nach Neuhaus an der Pegnitz, die stets mit erheblichen Promillewerten und dem festen Glauben daran geendet hatten, dass alle Menschen Brüder und Schwestern waren. Das im sechzehnten Jahrhundert an die Neuhauser Bürger verliehene kommunale Brau- und Schankrecht wurde mittlerweile nur noch von wenigen Familien ausgeübt, was dem würzigen Geschmack des ausgeschenkten Bieres, der Heimeligkeit der winzigen Schankräume und der regen Kommunikation zwischen den wild zusammengewürfelten und eng zusammengepferchten Einheimischen und Auswärtigen aber keinen Abbruch tat. Dass man von Bier betrunken werden konnte, war Kastner bekannt gewesen; dass es einen auch glücklich machen konnte, hatte ihn erst das Neuhauser Kommunbräu gelehrt.
»Es wundert mich, dass Sie und Ihre Kurskollegen noch hier sind«, sagte er. »Will man nach einem so schrecklichen Erlebnis nicht möglichst schnell die Heimreise antreten?«
Dennerlein zuckte die Achseln. »Die Polizei hat uns gebeten, uns in den nächsten Tagen zur Verfügung zu halten«, erklärte er. »Wir haben das in der Gruppe besprochen und beschlossen, den Kräuterkurs ab morgen weiterlaufen zu lassen. Die Zimmer und der Tagungsraum sind gebucht, die Kursgebühren sind bezahlt – und es ist allemal besser, sich sinnvoll zu beschäftigen, als nur grübelnd herumzusitzen.«
»Sie sollen sich zur Verfügung halten? Heißt das, Sie und Ihre Kurskollegen stehen unter Verdacht?«
Dennerlein winkte ab. »Bei Mord und Totschlag geht es meist um etwas Persönliches – Geld, Rache, Eifersucht … So nahe standen wir Julius nicht, wir kannten ihn ja erst seit drei Tagen. Vermutlich will die Polizei nur allgemeine Fragen klären: die Zeitabläufe am Tattag, verdächtige Beobachtungen …«
»Sie sehen das bemerkenswert sachlich«, stellte Kastner fest.
Der Walrossbart zuckte die Achseln und schenkte Wein nach – er hatte sich für einen Weißen Silvaner entschieden. »Warum auch nicht?«
»Weil ein Mörder frei herumläuft?«, schlug Kastner vor.
Dennerlein schmunzelte. »Sie denken an einen Irren, der mit Schaum vor dem Mund durch den Wald läuft und wahllos Naturfreunde ermordet? Nein, für solche Szenarien fehlt es mir entschieden an Fantasie. Wer immer den armen Julius erschlagen hat, hatte sicher einen Grund dafür – zumindest in seinen eigenen Augen. Inzwischen weiß ich, dass Julius als Politiker sehr dezidierte Ansichten vertreten hat. Damit macht man sich notgedrungen Feinde.«
Der Kernkraftbefürworter Dennerlein schien zu wissen, wovon er sprach.
Kastner nippte an seinem Wein. Er schmeckte muffig, mit Randaromen von Schwefelwasserstoff und getragenen Socken; im Abgang erschloss er dem Gaumen ein Potpourri schwebender Nuancen, die Kastner an seine letzte Beziehungskrise erinnerten: Kurz vor der Abfahrt in die Osterferien hatte Mirjam ihn gebeten, den verstopften Siphon der Küchenspüle zu reinigen. Er war diesem Ansinnen ebenso klaglos wie willig nachgekommen, hatte aber vergessen, einen Eimer unter den Abfluss zu stellen, ehe er die verschlungenen Plastikrohre mit roher Gewalt voneinander getrennt hatte …
»Ein guter Tropfen, nicht wahr?«, lächelte Dennerlein. »Hervorragender Jahrgang, in einem Eichenfass gereift, und alles bio. Den fränkischen Weinbauern kommt der Klimawandel entgegen, das muss man auch mal sagen dürfen. Volle Sonne und steiniger Boden – das ist dem Wein gerade recht. Man muss natürlich die richtigen Rebsorten anbauen …«
»Um noch einmal auf Julius Imthal zu kommen«, unterbrach Kastner den vinophilen Redeschwall des Seniors. »Wenn der Mörder kein persönliches, sondern ein politisches Motiv gehabt hat, dann sind Ihre Kurskollegen als Verdächtige doch wieder im Rennen!«
Dennerlein schüttelte den Kopf. »Das scheint mir weit hergeholt – meine Kurskollegen sind allesamt ganz harmlose junge Leute. Wollen Sie sie kennenlernen? Wir können uns zu ihnen hinübersetzen.«
*
Mirjam und die Kinder kamen gegen achtzehn Uhr an. Kastner saß inmitten der Kräuterfreunde und hatte es aufgegeben, die von Dennerlein bestellten Schoppen zu zählen – die Gaststube war in eine spiralnebelförmige Drehbewegung geraten, die an den Rändern zunehmend unscharf wurde. Er war froh, oben und unten noch grob voneinander unterscheiden zu können und in dem massiven Wirtshaustisch einen Verbündeten gegen den Mahlstrom der Erdanziehung gefunden zu haben.
»Prost!«, sagte Dennerlein und hob sein Weinglas.
»Porst!«, erwiderte Kastner und bemühte sich, eines der beiden Gläser zu treffen, die der doppelte Schnauzbart ihm zweihändig hinhielt.
»Ich heiße Hermann«, sagte Dennerlein und tätschelte ihm vertraulich die Schulter.
»Kastner«, gab Kastner zurück.
»Kastner? Das ist ja wohl kein Vorname.«
»Dasisrichtich«, bestätigte Kastner. Er hatte den Eindruck, dass seine Stimme ein wenig verschwommen klang, und fügte deshalb etwas lauter an: »Stimmtgenau.«
»Was ist denn hier los?«, fragte jemand aus dem Off und fuhr, ohne das geringste Interesse an einer Auskunft erkennen zu lassen, fort: »Ich hab in den letzten Stunden gefühlte hundert Mal deine Handynummer gewählt, Kastner, ich hab dir dreimal auf die Mailbox gequatscht, dreimal!, und dich inständig gebeten, uns am Bahnhof in Hohenstadt abzuholen. Es schüttet in Strömen, falls dir das entgangen ist! Die Kinder sind klatschnass! Wenn du schon dein Handy ausschaltest, warum hörst du dann nicht wenigstens deine verdammte Mailbox ab?!«
Kastner versuchte den Kopf zu drehen, aber einer seiner Nackenwirbel schien sich versteift zu haben.
»Bisudas, Hase?«, erkundigte er sich über die Schulter. Die Antwort waren ein kühler Luftzug und das Knallen einer Tür.
»Eine Frau mit Temperament«, schmunzelte Hermann.
Das konnte Kastner bestätigen.
Tag 3/Mittwoch/Blondinen bevorzugt
Am nächsten Morgen schreckte Kastner aus dem Schlaf, weil die Glocken des Kölner Doms schlugen. Alle Glocken: acht im Hauptgeläut und drei im Chorgeläut, inklusive Nachhall und Dopplereffekt. Sonderbarerweise litt der Mollterz-Schlagton der Pretiosa im Hauptgeläut an einer leichten Spreizung der Quarten und einem zwischen Unteroktave und Prime verengten Oktavintervall …
Er blinzelte und stellte fest, dass er sich keineswegs im Glockenstuhl des Kölner Doms, sondern im Grünen Schwan in Eschenbach befand und dass die Glockentöne von einem Mobiltelefon erzeugt wurden.
Zunächst war er erleichtert – das Handy konnte ihn nicht meinen. Es wäre ihm im Traum nicht eingefallen, das Vollgeläut des Kölner Doms als Klingelton auszuwählen und auf höchste Lautstärke einzustellen – sein Handy machte, wenn es sich nicht vermeiden ließ, mit einem sonoren Brummen knapp oberhalb der Hörschwelle und sanftem Vibrieren auf sich aufmerksam.
Dann fiel ihm ein, dass sein Mobiltelefon im Magen eines Killerwals gelandet war und Martina Götz ihm ein neues überreicht hatte – mit einem schönen Gruß von Carsten Wismeth. Womöglich pflegte der Polizeidirektor andere akustische Vorlieben als er selbst?
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