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Susanne Reiche Fränkisches Pesto (eBook)
Fränkisches Pesto (eBook)
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Susanne Reiche Fränkisches Pesto (eBook)

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»Ich hab dem armen Julius den Puls gefühlt«, ergänzte der Walrossbart im Plauderton. »Man will sich ja nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Obwohl es an seinem Tod eigentlich keinen Zweifel gab – überall Blut und Knochensplitter.«

»Das ist ja krank«, sagte die Frau angewidert. Ihr Kind, ein etwa sechsjähriger Junge, versuchte vergeblich, seine Ohren aus ihrem Klammergriff zu befreien.

»Wie recht Sie haben!«, stimmte der Senior jovial zu. »Die zunehmende Verrohung der Gesellschaft gibt einem wirklich zu denken …«

»Ja, früher war alles besser!«, schnappte die Frau. »Hexenverbrennungen, Pest, Kolonialismus, zwei Weltkriege – das reine Idyll. Ich schätze, in der guten alten Zeit wären Sie auch nicht hier herumgestanden und hätten vor den Ohren eines Kindes sensationslüstern die blutigen Details eines Verbrechens erörtert?«

Mario räusperte sich. »Sie müssen Cordula entschuldigen«, sagte er, »sie hat gerade ihre … sie hat heute einen schlechten Tag.«

Der Sprecher der Seniorengruppe nickte verständnisvoll.

Mario zückte sein Handy, stellte sich auf die Zehenspitzen und fotografierte einen der Kriminaltechniker oben am Hang. »Schade, dass man die Leiche von hier aus nicht sehen kann.«

»Haben Sie Bluetooth?«, fragte der Walrossbart. »Ich habe ein paar Fotos gemacht – wenn Sie wollen, kann ich Ihnen die Daten übertragen.«

Mario strahlte ihn an. »Wow – das wäre echt nett!«

»Das glaub ich jetzt nicht«, fauchte Cordula. »Du empörst dich doch immer lautstark über die Gaffer, die die Rettungskräfte behindern, wenn es auf der Autobahn gekracht hat …«

»Das ist ganz was anderes«, belehrte Mario seine Gattin. »Ich behindere hier ja niemanden!«

»Ach? Solange man niemanden behindert, ist Gaffen und Fotografieren okay? Gut, dass wir darüber gesprochen haben.« Cordula packte das Kind an der Hand, drehte Mario den Rücken zu und machte sich an den Abstieg ins Tal.

Mario hielt sein Handy neben das des Walrossbarts. »So dramatisch wirkt das gar nicht«, sagte er, als die Fotos der Leiche angekommen waren. »Der sieht ganz friedlich aus.«

»Ja, nicht wahr? Aber wenn Sie reinzoomen, sehen Sie das Blut auf dem Kopf – den armen Kerl hat einer erschlagen. Und es kann nicht lange her gewesen sein, denn die Leiche war noch ganz warm, als wir sie gefunden haben …«

*

Die Sonne versank im Westen.

Die Senioren in ihren knielangen Wanderhosen begannen zu frösteln und wünschten einen guten Abend, und endlich verschwand auch Mario in den Schatten der anbrechenden Nacht.

Kastner schlüpfte unter dem Absperrband hindurch. Inzwischen war es so finster, dass der schmale Pfad kaum noch zu erkennen war. Von den Kriminaltechnikern war nichts mehr zu sehen – womöglich hatten sie längst ihre Schutzanzüge ausgezogen, ihre Ausrüstung in Alukoffern verstaut und die Heimreise angetreten.

Kastners Herz setzte einen Schlag aus, als etwas über seinen Kopf strich und mit einem schaurig klagenden Schrei zwischen den Bäumen verschwand. Ein Nachtvogel, sagte er sich, ein Uhu oder eine Eule auf Mäusejagd; aber sein Puls beruhigte sich nur langsam. Er war ein Kind der Großstadt, einer menschengemachten Welt aus Lärm und Licht, die der Ratio huldigte – es war eine neue Erfahrung für ihn, dass Vernunft und Logik in einem nachtdunklen Wald wenig Autorität besaßen. Der Einfall, undercover zu ermitteln, erschien ihm hier und jetzt deutlich weniger brillant als am frühen Nachmittag in dem sonnigen Biergarten.

Unvermittelt fiel grelles Kunstlicht durch die Bäume und trieb mit den Schatten jede Mystik aus dem Wald. Im Schein mehrerer LED-Scheinwerfer erkannte Kastner, keine zwanzig Meter bergauf, das Wegkreuz. Er atmete auf: Dort stand Martina Götz und plauderte mit einigen Mitarbeitern, die ihre Hände an dampfenden Bechern wärmten. Eine Thermoskanne ging herum, Zigarettenrauch stieg in den Abendhimmel.

Martina kam Kastner ein paar Schritte entgegen. »Du kommst reichlich spät«, sagte sie zur Begrüßung.

»Tut mir leid. Es gab Verzögerungen.«

Die Chefin der Spusi zwinkerte ihm zu und machte eine einladende Handbewegung. »Willst du dir den Leichenfundort ansehen?«

Kastner zögerte.

»Die Leiche ist allerdings bereits auf dem Weg ins Rechtsmedizinische Institut, und sonst gibt es auch nicht mehr viel zu sehen«, sagte Martina. »Wir haben schon alles eingetütet, was da herumlag. Wer zu spät kommt …«

»… den bestraft das Leben«, schloss Kastner, obwohl er eher erleichtert war. Er war ein alter Hase in seinem Metier, aber der Anblick gewaltsam ums Leben gekommener Menschen deprimierte ihn nach wie vor.

Er folgte Martina zum Wegkreuz, bereute es aber bald: Auch ohne Leiche war ein Leichenfundort kein x-beliebiger Platz, sondern die Kulisse einer Tragödie. Ein mit Leuchtfarbe markierter Umriss abstrahierte den Körper eines ehemals atmenden und fühlenden menschlichen Wesens auf nahezu groteske Weise. Zwischen zerdrückten Gräsern und losen Steinbrocken standen Pappschilder, die das Sterben in nüchterne Ziffern und Pfeilsymbole fassten. Zwei Fledermäuse zogen ihre Kreise um das Holzkreuz und jagten die Insekten, die das Scheinwerferlicht anlockte.

»Wismeth hat gesagt, der Tote war Politiker?«

Martina nickte. »Julius Imthal, Jurist, Gemeinderat, EU-Kandidat der neoliberalen Partei Vorfahrt! und Besitzer einer Geflügelmästerei; dazu ein hohes Tier im Bauernverband und Mitglied diverser Aufsichtsräte. Letzteres muss man sich fachübergreifend denken: ein bisschen Agrochemie, ein, zwei Banken, ein Landgerätehersteller …«

»Woher weißt du das alles?«, fragte Kastner verblüfft.

Martina nickte zur Runde ihrer rauchenden und Kaffee trinkenden Untergebenen hinunter. »Mein Mitarbeiter Rudi wohnt in Hersbruck und ist bei der Bürgerinitiative Pegnitztalbrücken aktiv. Er kannte Imthal von einer Podiumsdiskussion im Veldener Gemeindezentrum.«

»Bürgerinitiative Pegnitztalbrücken?«, echote Kastner.

»Die Bahn will die Eisenbahnbrücken im Pegnitztal abreißen und die Strecke elektrifizieren«, erklärte Martina. »Unser Mordopfer hat dieses Ansinnen vorbehaltlos unterstützt. Die BI und der Denkmalschutz vertreten eine andere Meinung: In ihren Augen ist das Stahlfachwerk der vorhandenen Brücken historisch wertvoll und erhaltenswert, und sie verweisen auf die negativen Umweltauswirkungen durch den geplanten Abriss und den Neubau von Tunneln und Betonbauten …«

»Aha«, unterbrach Kastner. »Und woran ist Imthal gestorben? Meine Quellen sprechen von einer Schädelverletzung … Kann es ein Unfall gewesen sein?«

»Du meinst, Imthal ist unglücklich gestürzt und hat sich mit letzter Kraft zum Wegkreuz geschleppt, um seinen Leib dort malerisch zu drapieren?« Sie schüttelte den Kopf. »Die Kopfwunde liegt oberhalb der Hutkrempenlinie – das heißt, jemand hat dem Mann einen kräftigen Schlag verpasst.«

»Womit?«

»Wir haben etwa fünf Meter hangabwärts einen faustgroßen Steinbrocken mit Blutspuren und Gewebeanhaftungen gefunden …«

»Eine im wahrsten Sinne des Wortes naheliegende Waffe in dieser steinigen Umgebung«, nickte Kastner. »Das spricht für eine Tat im Affekt. Ist der Leichenfundort auch der Tatort?«

»Ja, mehr oder weniger.« Martina deutete auf einen Felsbuckel etwa einen Meter unterhalb des Wegkreuzes. »Aus der Verteilung der Blutspritzer schließen wir, dass Imthal dort erschlagen wurde. Anschließend hat jemand seinen leblosen Körper zum Wegkreuz gezerrt und mit dem Rücken dagegengelehnt.«

»Warum wohl?«, überlegte Kastner laut. »Warum riskiert man, Spuren auf der Leiche zu hinterlassen oder entdeckt zu werden, anstatt sich möglichst schnell aus dem Staub zu machen?«

Martina sog die kühle Nachtluft ein und stieß sie wieder aus.

»Wenn er im Affekt zugeschlagen hat, könnte er es hinterher bereut haben«, spann Kastner seinen Gedanken weiter. »Womöglich hat das Opfer noch gelebt, und er wollte es ihm etwas bequemer machen? Oder ganz im Gegenteil – er wollte ein Ausrufezeichen hinter seine Tat setzen und uns mit dieser Inszenierung irgendeine Botschaft übermitteln?«

»Erwartest du, dass ich diese wilden Spekulationen kommentiere?«, erkundigte sich Martina.

»Natürlich nicht«, sagte Kastner. »Bleiben wir bei den Fakten: Gab es einen Kampf? Hat das Opfer sich gewehrt?«

»Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Allerdings war der Inhalt von Imthals Rucksack teilweise he­rausgezerrt und verstreut – ob das vor oder nach seinem Tod passiert ist, kann ich dir eventuell nach der Laboruntersuchung sagen.«

»Ein Raubmord?«

»Falls ja, ging es nicht um Geld«, erklärte Martina. »Im­thals Geldbörse war noch da, inklusive Kreditkarten und Bargeld. Wir haben jedoch kein Handy gefunden.«

»Vielleicht hatte er keins dabei?«

»Ich bin sicher, du wirst es herausfinden!«

»Hm«, machte Kastner. »Was habt ihr sonst eingesammelt?«

»Kronkorken, Kippen, Kaugummis, Bonbonpapierchen und Schokoriegelverpackungen, dazu drei Apfelbutzen, eine leere Energydrinkdose sowie einen Haufen Erbrochenes. Man könnte meinen, die Parkverwaltung hätte den Mord begangen, damit hier endlich mal wieder jemand richtig sauber macht. Wir haben Gipsabgüsse von Fußspuren der Größen achtzehn bis fünfundvierzig und den Reifenabdrücken diverser Mountainbikes genommen und einen Perlenohrring, ein Medaillon mit dem Konterfei des heiligen Antonius und einen Angelhaken eingetütet …«

»Einen Angelhaken? Hier oben auf dem Berg?«

»Es handelt sich um einen Drillingshaken aus Kohlenstoffstahl in Größe acht, geeignet für Raubfische wie Hecht und Forelle«, führte Martina aus und fügte grinsend an: »Meine Mitarbeiter haben viele Talente – Rudi zum Beispiel ist nicht nur ein Freund der Pegnitztalbrücken, sondern auch passionierter Angler.«

»Du erwähnst diesen Rudi auffallend oft«, schoss Kastner ins Blaue. »Seit ihr näher bekannt?«

»Wir haben schon mal ein Feierabendbier zusammen getrunken«, gab Martina ungerührt zurück.

Martina Götz aus der Reserve zu locken war ein schwieriges Unterfangen. Kastner kabbelte sich beruflich seit vielen Jahren mit ihr, aber über ihr Privatleben wusste er kaum etwas. Durch die Flure des Polizeipräsidiums in Nürnberg geisterten Gerüchte, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Die einen waren überzeugt, Martina pflege seit Jahren ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann in hoher Position (im Gespräch war sogar der Polizeipräsident höchstselbst); andere behaupteten, sie lebe aus Gründen, die nichts mit dem schwesterlichen Teilen von Lebenshaltungskosten zu tun hatten, mit einer Frau zusammen. Mangels fundierter Informationen hatte Kastner keine eigene Meinung zu dem Thema, aber er bewunderte Martina für die Grandezza, mit der sie all das müßige Getuschel von sich abperlen ließ.

Über dem nachtdunklen Wald schimmerten die Sterne, es war inzwischen eisig kalt. Kastner zog den Wollpulli aus seinem Rucksack und schlüpfte hinein. Obwohl sein Magen laut knurrte, ließ er die Äpfel und die Schokolade links liegen – es gab einen Grad an Hunger, den man nicht mit artigen Nippes stillen konnte. Vor seinem geistigen Auge erschien ein saftiger Spanferkelbraten mit Kloß und Soß, aber er hätte sich inzwischen auch mit vier fränkischen Bratwürsten und einer Portion Sauerkraut zufriedengegeben. Ein Blick auf sein Handy belehrte ihn eines Schlechteren: Es war nach zweiundzwanzig Uhr. Er konnte von Glück sagen, wenn die Küchenperlen im Grünen Schwan ihm aus reinem Mitleid noch ein Wurstbrot servieren würden.

»Kann ich mit euch runter ins Tal fahren?«, fragte er Martina.

»Klar«, sagte die Chefin der KTU. »Ach ja, ehe ich es vergesse …« Sie kramte in ihrer Jackentasche und zog ein Handy heraus. »Das ist dein neues Mobiltelefon. Mit allen relevanten Nummern und einem schönen Gruß von Carsten Wismeth.«

Tag 2/Dienstag/Brothers in Frankenwein

»Eine verdeckte Ermittlung?« Karlheinz Bauer, der Hersbrucker Kommissar, der das Tötungsdelikt aufgenommen und vernünftigerweise sofort das Polizeipräsidium Mittelfranken eingeschalten hatte, richtete seine kohlschwarzen Augen auf einen Punkt knapp hinter Kastners linker Schulter und strich sich mit kräftigen Fingern nachdenklich durch den krausen Bart. Er hatte die langen Beine übereinandergeschlagen und versuchte ebenso geübt wie vergeblich, sie unter dem Normschreibtisch zu verstauen, der einem Beamten seiner Gehaltsklasse zustand. »Unter uns gesagt: Das klingt irgendwie nach einem schlechten Tatort.«

Das hatte Kastner nun schon öfter gehört, bislang allerdings noch nicht aus dem Mund eines Mannes, den ein Krimiproduzent mit Kusshand als Außendienstmitarbeiter eines mafiös strukturierten arabischen Familienclans besetzt hätte. Er verkniff sich ein Schmunzeln und legte dem Kollegen die Vorteile dar, die sich seiner Meinung nach daraus ergaben.

Bauer hörte geduldig zu und zuckte dann die Achseln: »Wie dem auch sei, ich bin froh, dass Sie den Fall übernehmen. Mit Einbruchdiebstahl, Körperverletzung und Unfallflucht kenne ich mich aus, aber Mord ist definitiv nicht mein Fachgebiet.«

»Wir werden wohl eher zusammenarbeiten«, stellte Kast­ner klar. »Ich bleibe inkognito, Sie bleiben der leitende Ermittler. Sonst funktioniert die Sache ja nicht.«

Bauer nickte. »Die Teilnehmer des Kräuterkurses sind dringend tatverdächtig, nehme ich an? Sie kannten das Opfer, waren zur Tatzeit am Tatort …«

»Bessere Verdächtige kann man sich kaum wünschen«, stimmte Kastner zu, erfreut darüber, dass hier jemand mitdachte.

Bauer strich sich einmal mehr durch den Bart, holte einen Schnellhefter aus der Schreibtischschublade und schob ihn zu Kastner hinüber. »Das ist eine Kopie der Ermittlungsakte. Viel haben wir noch nicht, aber wir haben die Kräuterfreunde heute Vormittag befragt. Sie haben einen recht harmlosen Eindruck auf mich gemacht – sie waren kooperativ, haben freiwillig ihre Fingerabdrücke und eine DNA-Probe abgegeben und ihre Wanderschuhe für einen Profilabgleich zur Verfügung gestellt. Nun ja, mehr oder weniger freiwillig.« Bauer schmunzelte. »Einer von ihnen, ein junger Mann namens Tom Gellert, hat zunächst befürchtet, wir wären im Auftrag des Überwachungsstaates unterwegs, um den gläsernen Bürger noch besser auszuleuchten. Aber schließlich hat auch er sich überzeugen lassen. In den Aussagen der Kursteilnehmer gibt es weder Widersprüche noch Hinweise auf ein Motiv. Alle geben an, Imthal vor Kursbeginn nicht gekannt zu haben.«

Kastner widerstand der Versuchung, durch seinen eigenen Bart zu streichen. Normalerweise war er glatt rasiert – Polizeidirektor Wismeth legte Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild seiner Beamten. Übers Wochenende oder im Urlaub ließ Kastner den Rasierapparat jedoch gerne mal in der Schublade liegen, und deshalb spross zurzeit etwas auf seinen Wangen, das Mirjam despektierlich ein Fünftagesgestrüpp nannte. Obwohl sie einen gepflegten Vollbart an Kinohelden oder Fußballspielern nach eigener Aussage ziemlich sexy fand, beschwerte sie sich bei Kastner umgehend über piksende Stoppeln und drohende Verwahrlosung, sobald er diesen Vorbildern auch nur annähernd nahekam. Er hatte es seit Langem aufgegeben, seine Lebensgefährtin auf die Folgewidrigkeit ihrer Botschaften hinzuweisen – launenhafte Inkonsequenz war vermutlich schon seit Jahrmillionen ein Vorrecht des weiblichen Geschlechts und musste wohl irgendeine evolutionäre Relevanz für das Überleben der menschlichen Spezies haben.

»Ich bin offen für andere Ermittlungsansätze«, sagte er. »Falls Sie in Imthals privatem oder politischem Umfeld jemanden mit einem schlüssigen Motiv finden, der es geschafft hat, zur Tatzeit an diesem entlegenen Tatort zu sein und von dort wieder zu verschwinden, ohne von den anderen Kursteilnehmern bemerkt zu werden, soll es mir recht sein. Ich halte nur eines für unwahrscheinlich: dass Imthal mitten im Wald zum Zufallsopfer irgendeines Psychopathen geworden ist.« Er tippte auf die Ermittlungs­akte. »Darf ich mir das mitnehmen?«

»Natürlich«, nickte Bauer. »Die Aussagen der Kräuterfreunde kann ich Ihnen auch als Audiodatei zukommen lassen, wenn Sie möchten.«

»Vielen Dank. Fürs Erste wird die Schriftform genügen, denke ich.« Kastner verstaute die Akte in seinem Rucksack, stand auf und schüttelte dem Kollegen die Hand. »Sobald die rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Ergebnisse vorliegen, sollten wir uns wieder zusammensetzen und das weitere Vorgehen besprechen … Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit!« Er meinte, was er sagte – KK Bauer schien ihm ein wacher Kopf zu sein, und er fand ihn recht sympathisch. An der Tür hielt er noch einmal inne. »Wollen wir du sagen?«, schlug er vor.

»Karlheinz«, sagte Bauer.

»Kastner«, sagte Kastner.

*

»Mir graut vor der Prüfung«, sagte Claudia. »Ich sitze von früh bis spät über den Unterlagen und kaue mir die Fingernägel wund.«

»Du schaffst das!«, sprach Kastner seiner Kollegin am Telefon Mut zu. »Ich weiß, dass du es schaffst.«

»Ich fürchte, Kriminal- und Rechtstheorie sind nicht so mein Ding. Ich bin wohl eher praktisch veranlagt. Felix dagegen ist voll in seinem Element – er plant schon seine weitere Karriere zum Hauptkommissar und anschließend zum Polizeidirektor.«

Kriminalhauptmeister Felix Wernreuther, wie Claudia bisher im Streifendienst tätig und im Bedarfsfall zu Kastners Unterstützung abkommandiert, nahm ebenfalls an der modularen Schulung teil. Was Ehrgeiz und Selbstbewusstsein anging, überflügelte er seine Kollegin locker; in allen anderen Bereichen hatte er, nach Kastners Einschätzung, einige Defizite.

»Du wirst Felix in allen prüfungsrelevanten Disziplinen deklassieren«, gab er seiner Hoffnung Ausdruck.

»Man kann die Prüfung nur bestehen oder nicht bestehen«, stellte Claudia nüchtern fest. »Und wie läuft’s bei euch? Rufst du aus einem bestimmten Grund an? Ist mit den Kids alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, erklärte Kastner. »Mirjam und die Kinder haben sich Fahrräder ausgeliehen und sind entlang der Pegnitz nach Vorra geradelt. Soviel ich weiß, wollen sie in einer Pizzeria Spaghetti essen, danach eine kleine Wanderung machen und nachmittags mit der Pegnitztalbahn zurück nach Hohenstadt fahren – das ist hier der nächstgelegene Bahnhof. Später sind wir zu einer Runde Uno verabredet.« Lassen deine Ermittlungen das zu?, hatte Mirjam beim Frühstück gefragt, ehe er mit ihrem klapprigen Toyota zur Polizeidienststelle Hersbruck aufgebrochen war, um mit Bauer zu sprechen. Aber natürlich!, hatte er beteuert. Was könnte meinem Inkognito zuträglicher sein, als den frühen Abend mit harmlosen Gesellschaftsspielen im Kreise meiner Lieben zu verbringen?

»Ach. Und was machst du so?«, fragte Claudia.

»Oh, tja …« Kastner war versucht, seiner Kollegin von dem Leichenfund im Wengleinpark zu erzählen und sie nach ihrer Meinung zu fragen – bestimmt wäre ihr etwas dazu eingefallen. Aber er verkniff es sich. Claudia sollte sich voll und ganz auf die Prüfung konzentrieren. Die Vorstellung, sie könnte aus einem banalen Grund wie Prüfungsangst scheitern, während Wernreuther mit Wichtigtuerei und kurzfristig angelesenem Wissen alle beeindruckte, war ihm mehr als zuwider. Wernreuthers Ego würde sich zu einem Roten Riesen der Selbstgefälligkeit aufblähen; und Carsten Wismeth, dem sich der junge Beamte bei jeder Gelegenheit andiente, würde ihm mit Sicherheit eine Stelle im Dezernat Eins beschaffen. Direkt an Kastners Seite …

»Ich hatte heute Morgen das Gefühl, es könnte eine Erkältung im Anflug sein«, flunkerte er, »deshalb bin ich nicht mitgefahren. Aber jetzt geht es schon wieder.«

»Hm«, machte Claudia. »Sind Sofie und Jannik halbwegs brav?«

»So fromm wie neugeborene Lämmer«, behauptete Kast­ner.

Claudia lachte, dann wurde sie ernst. »Sag mal – reicht das Geld, das ich euch für die beiden mitgegeben habe? Ich meine, ich weiß, wie das ist – hier noch ein Eisbecher, da noch eine Cola …«

»Alles gut«, unterbrach Kastner. Claudia war einige Gehaltsstufen unter ihm eingruppiert und als Alleinerziehende immer knapp am Limit. Trotzdem – oder wohl eher deshalb – wollte sie sich nichts schenken lassen.

»Dass ihr euch um meine Kinder kümmert, ist freundlich genug«, sagte Claudia. »Ich will nicht, dass ihr sie auch noch durchfüttert.«

»Das würde uns nicht im Traum einfallen«, log Kastner. »Falls das Geld knapp wird, setze ich Jannik und Sofie einfach auf Butterbrot und Leitungswasser. Da bin ich knallhart.«

»Ich meine es ernst, Kastner«, sagte Claudia.

»Ich auch«, behauptete Kastner.

*

Nach dem Telefonat mit Claudia griff Kastner nach der Ermittlungsakte und setzte sich in den Biergarten. Bis auf zwei rauchende Küchenhilfen, die unter dem Dachvorsprung mit gedämpften Stimmen ein gestenreiches Gespräch führten, war der Biergarten leer. Die meisten Feriengäste des Grünen Schwans waren Pärchen oder Familien, die tagsüber Ausflüge unternahmen; und die wenigen älteren Herrschaften waren vermutlich zu einem Spaziergang ins Café Jakobsklause aufgebrochen und vor dem auffrischenden Wind in die Gaststube geflohen – am Himmel waren graue Wolken aufgezogen. Kastner bestellte sich einen Cappuccino und einen gedeckten Apfelkuchen und schlug die Akte auf.

Zuvorderst gab es ein kurzes Porträt des Opfers: Julius Imthal, geschieden und kinderlos, war nur fünfundvierzig Jahre alt geworden. Er war gebürtiger Hersbrucker und lebte seit seinem fünften Lebensjahr in Velden an der Pegnitz, zwischen 2007 und 2013 war er mit Zweitwohnsitz in München gemeldet gewesen – er hatte eine Legislaturperiode lang im Bayerischen Landtag gesessen. Als nächste Angehörige war eine Tante mütterlicherseits vermerkt, eine achtzigjährige Dame namens Doris Rittmann, welche die Leiche ihres Neffen im rechtsmedizinischen Institut in Erlangen identifiziert hatte – ohne sonderliche Gemütsregung, wie jemand, vermutlich KK Bauer, handschriftlich mit blauem Kugelschreiber ergänzt hatte, dafür aber mit großem Interesse an der Frage, ob der Freistaat Bayern ihr die Auslagen für die Anreise erstatten würde. Die Handschrift des Hersbrucker Kommissars war markant: Die Großbuchstaben standen aufrecht wie Soldaten beim Appell, die kleinen drängten sich aneinander wie frierende Pinguine bei starkem Westwind.

Kastner blätterte um, fand aber nur noch die grobkörnige Kopie eines Fotos, das vermutlich aus Imthals Personalausweis herausvergrößert worden war – die Frontalansicht eines blassen, für einen Mittvierziger recht kindlich wirkenden Gesichts, an dem außer der professoralen Hornbrille nur auffiel, dass es absolut unauffällig aussah.

Da blieben viele Fragen offen, selbst wenn man, wie Kastner, durch das Insiderwissen von Martinas Mitarbeiter Rudi über einige ergänzende Informationen verfügte. Gab es eine Freundin oder Lebensgefährtin? Ärger mit der Exfrau? Enge Freunde oder erklärte Feinde? Irgendwelche politischen Skandale? Wie stand es um Imthals Finanzen?

Der Kellner brachte Kaffee und Kuchen.

Kastner bedankte sich, schlürfte den Milchschaum vom Cappuccino und überdachte seine Möglichkeiten. Claudia, die ihm ruck, zuck ein ausführliches Dossier über das Opfer erstellt hätte, wollte er nicht anrufen, und Kommissar Bauer schon am Tag nach dem Leichenfund mit Nachfragen zu nerven, erschien ihm auch keine gute Idee. Glücklicherweise entdeckte er auf seinem neuen Smartphone einen Button, der eine Verbindung mit dem World Wide Web verhieß – eine Institution, die vermutlich mehr über Imthal wusste als Kommissar Bauers Ermittlungsteam. Er tippte hoffnungsvoll mit dem Zeigefinger darauf. Das Handy verlangte umgehend und in recht strengem Ton nach einem drei Megabyte schweren Update, persönlichen Zugangs­daten und einer achtstelligen Identifikationsnummer.

Kastner schaltete das Gerät kopfschüttelnd aus. Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz um die Weltherrschaft hatte in seinen Augen eine kritische Phase erreicht – wer hier die Hosen an und wer zu dienen hatte, war längst nicht mehr klar. Die banale mechanische Fähigkeit, der siliziumbasierten Denkkonkurrenz gelegentlich den Stecker zu ziehen, schien ihm eines der letzten Bollwerke menschlicher Überlegenheit zu sein. Vermutlich war es ein Kampf gegen Windmühlen, aber Kast­ner war entschlossen, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

Er blätterte weiter durch die Ermittlungsakte und überflog die Personalien und Aussagen der Kräuterfreunde.

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