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Sophia Mott Dem Paradies so fern. Martha Liebermann
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Ein paar besonders wilde Jungs rannten mit Holzsäbeln zwischen den Gästen herum und schrien: »Stillgestanden!« und »Achtung!« Das waren die Söhne von Max Onkel Adolph. Sie stießen mehrere Bowlegläser um und bekamen schließlich von ihrem Vater je eine Kopfnuss. »Mensch, Jungs, heute ist Anstand patriotische Pflicht.«
Willy heulte.
31. Oktober 1941
Emma Zorn antwortet nicht. Wahrscheinlich, das muss man in Rechnung stellen, gehen die Uhren in Mittelschweden langsamer. Wahrscheinlich gehen sie bei einer 81-Jährigen noch langsamer. Baron Uexküll hat auf eine Art seismografischer Sensibilität gehofft, denn die Nachrichten, das weiß er von seiner Freundin, Gräfin Bonde, kommen bereits gefiltert in Schweden an, nicht allein, weil man in der schwedischen Presse keine diplomatischen Verwicklungen riskieren will, die am Ende vielleicht zu kriegerischen führen könnten, es ist schließlich auch die Unmöglichkeit, mit Worten zu sagen, was droht, es ist das stete Versagen der Sprache gegenüber dem Gefühl, das die Gefahr schon wittert, wo die eigentliche Katastrophe noch bevorsteht. Man hofft, sie käme nicht.
Nach außen scheint Deutschland noch immer so etwas wie ein zivilisierter Staat zu sein. Der Krieg hat die Durchhaltemoral der Bevölkerung nicht sonderlich beschädigt. Zarah Leander singt ihre Lieder und reist ungehindert zwischen ihrer schwedischen Heimat und Deutschland hin und her. Ihre Filme sind auch in Schweden populär. Aber der Druck nimmt täglich zu.
Man kann nicht länger warten. Baron Uexküll macht sich ohne das so dringend benötigte Schreiben auf den Weg zur schwedischen Botschaft. Die liegt nur ein paar hundert Meter von seiner Wohnung entfernt in der Rauchstraße. Die Botschaft ist in einer typischen Tiergartenvilla untergebracht, die Räume sind großbürgerlich ausgestattet mit schweren Ledersesseln, Perserteppichen, Antiquitäten. Bilder zeigen schwedische Motive, die königliche Familie, das königliche Schloss, Landschaften. Uexküll erkennt ein paar zartfarbige Pastelle von Zorn, junge, rosige Bäuerinnen beim Bade, und ein paar Arbeiten des schwedischen Prinzen Eugen, dunkler im Ton, vielleicht geschmackvoller, aber lange nicht von solch überwältigender Technik wie die Zorn’schen Bilder. Niemals hat Uexküll bessere Darstellungen des Wassers gesehen, Wellen, Wogen, Kräuselungen, Spiegelungen und Reflexe, Darstellungen, die nicht allein echt wirken, sondern einen das Wasser fühlen lassen, die Kälte auf der Haut, wenn die Hand aus dem Boot heraus unter die Oberfläche taucht, das Kitzeln der kleinen Luftblasen auf dem Handrücken, während der Kahn, begleitet vom Knarren der Riemen, vorwärtsgleitet.
Der Leiter der Gesandtschaft, Arvid Richert, erwartet den Baron in einem Salon mit Blick auf die Terrasse. Dort werden im Sommer die Empfänge gegeben, Uexküll ist schon oft geladen gewesen, seiner diplomatischen Vergangenheit und der freundschaftlichen Beziehungen zu Attaché Rutger von Essen wegen. Die Beziehungen sind so eng wie die Wege nah. Kaum einer der Gäste, wenn er denn aus Berlin kommt, wohnt nicht im Tiergartenoder Alsenviertel. Man wird vorgestellt, trifft sich auf der nächsten Veranstaltung wieder, vergisst einander und erinnert sich, sobald man den anderen braucht oder selbst gebraucht wird.
Arvid Richert hat schon von Martha Liebermanns Schicksal gehört. Er werde tun, was in seiner Macht stehe. Der Standardsatz. Was steht in seiner Macht? Richert ist ein Mann knapp über die 50 mit feinen Gesichtszügen, trägt Fliege und das Haar seitlich gescheitelt, über den Ohren kräuseln sich ein paar Locken. Seine Augen sind undurchdringlich, in den leicht hochgezogenen Augenbrauen hängt Bedauern. Es gäbe schlimme Schicksale dieser Tage in Deutschland.
»Wir brauchen natürlich am Ende doch Frau Zorns Unterstützung. Tochter und Schwiegersohn in Amerika sind gut, aber keine wirkliche Sicherheit für den schwedischen Staat, weil nicht greifbar. Durch die Kriegsereignisse wird es wohl kaum möglich sein, dass Frau Liebermann kurzfristig in die USA weiterreist. Der zivile Schiffsverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, ebenso der Luftverkehr, beides, soweit noch vorhanden, im Übrigen überaus riskant. Frau Zorns Zusage, für den Unterhalt ihrer alten Freundin aufzukommen, und ihr Antrag auf Erteilung einer Einreisegenehmigung sind unerlässlich.«
»Wir warten jeden Tag auf ihre Antwort, aber leider …«
Richert meint zu wissen, dass Emma Zorn sehr hinfällig geworden sei. Sie sei beinahe blind. Alle Post gehe durch die Hand ihrer Sekretärin Gerda Boethius. Die sei aber hauptsächlich mit der Arbeit am Zornmuseum beschäftigt. Frau Zorn wisse, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibe.
Zeit? Wie viel Zeit hat Martha Liebermann noch, denkt Uexküll. Verzögerungen führen vielleicht zur Katastrophe, während der Nachruhm des großen Mannes gepflegt wird.
»Frau Zorn war immer karitativ tätig«, fährt Richert fort. »Sie hat einen guten Teil ihres Vermögens in Kinderheime und Schulen investiert, sie wird auch ihre alte Freundin nicht vergessen.«
Uexküll hofft das. Ein paar Tage werde er noch warten. Aber eigentlich sei jeder weitere Tag einer zu viel. Richert habe doch auch Kenntnis von den ersten Umsiedlungen in den Osten bekommen? Man könne nicht zulassen, dass Frau Liebermann, Witwe eines weltberühmten Malers, so behandelt werde. Es sei das Ansehen Deutschlands in der Welt ohnehin ein anderes geworden, aber Schweden, Schweden habe noch eines zu verlieren. Ob man sich eventuell auch an den Prinzen Eugen wenden sollte? Dem habe Max Liebermann immerhin zur Aufnahme in die Akademie der Künste verholfen. Es müsse im Interesse einer Nation wie der schwedischen sein, der Witwe Max Liebermanns Asyl zu gewähren.
Richert lächelt. Ein Lächeln, das Verständnis ausdrückt, kein Versprechen gibt. Wir geben aber unser Bestes, sagt es. Mehr haben wir nicht. Es ist nicht immer das, was die Antragsteller wollen.
Schweden steht unter Druck. Das nordische Brudervolk der Deutschen fühlt sich in bedrohlicher Umarmung. 90% der schwedischen Exporte gehen nach Deutschland. Aus schwedischem Eisenerz bauen die Deutschen ihre Kanonen. Mit der Brüderlichkeit könnte es vorbei sein, wenn das Brudervolk nicht mehr tut, was von ihm erwartet wird.
»Ich werde Svante Hellstedt schreiben. Er ist im Außenministerium für ausländische Passanträge zuständig. Ein Freund. Ich werde ihm die Lage schildern. Er kann sich direkt an Olof Lamm wenden, Emma Zorns Neffe, der sie in finanziellen Angelegenheiten berät. Wenn Emma Zorns Gesuch eintrifft, haben wir schon den Boden bereitet.« Der Erfolg der gesamten Aktion hänge aber leider nicht allein von den schwedischen Stellen ab, fügt Richert hinzu. Die deutschen Behörden ließen einfach immer weniger Ausreisen zu. Die Strategie gegenüber den Juden habe sich verändert. Auswanderungen würden behindert, wenn überhaupt noch genehmigt, dann mit hohen Geldforderungen verbunden. Der kriegerische Staat brauche Devisen. »Es ist einfach sehr spät für Frau Liebermann!«
»Ich weiß«, seufzt der Baron.
Uexküll tritt auf die Rauchstraße hinaus. Eine lockere Schicht trockener Blätter bedeckt das Trottoir. Der Wind hat die letzten zuverlässig von den Ästen geholt, es raschelt um seine Füße. Vieles bleibt jetzt liegen. Die Sorgen der Hausbesitzer und ihrer Verwalter gelten dem kommenden Winter, der Versorgung mit Kohlen, dem Luftschutz. Blätter sind da sekundär.
Uex wird noch einmal Martha Liebermann aufsuchen und ihr vom Ergebnis der Unterredung berichten. Mit seinen Schuhen pflügt er eine Spur durch das Laub, das sich auftürmt wie die Bugwelle vor einem Schiff. So haben sie es als Kinder in Vana-Vigala gemacht. Wer die höchste Bugwelle zustande bekam, war Sieger, und wer langsam und stetig vorwärts schritt, hatte eindeutig die größeren Chancen als die, die kopflos in die Blätterhaufen hineinrannten. Kleines Kinderglück! Heute ist das nicht mehr so einfach. Die Verpflichtung, anderen zu helfen, und die Verantwortung, die er dafür trägt, Frau und Kind heil durch die Diktatur zu bringen, lasten auf ihm.
Der Wind hat mir ein Lied erzählt, von einem Glück, unsagbar schön. Er weiß, was meinem Herzen fehlt.
Seine Füße machen das Schlagzeug: krsch, schrrr, krsch, schrrr.
Für wen es schlägt und glüht, er weiß für wen.
Uex hat seine Frau bei einer Laienspielaufführung kennengelernt. Sie war der Star der Truppe. Schön, charmant, gertenschlank. An jenem Abend trug sie ein Kleid in Goldfarben. Das Oberteil, in Falten zur Körpermitte gerafft wie eine Korsage, ließ sie noch schlanker aussehen. Sie war fast nur ein Hauch und die eleganteste Frau, die er je gesehen hatte.
Das Schifflein fährt auf den Wellen so sacht, still ist die Nacht, die Liebe nur wacht
Charlotte heiratete keinen Liebermann, sondern einen Herrn Goldberger. Er war auch an jenem 16. Juni 1871 bei Liebermanns zu Gast gewesen, war der Bruder einer angeheirateten Cousine, kein sehr hübscher Mensch, klein und rundlich wie ein Kind, hatte er aber einen überaus wachen Verstand, beste Aussichten und versprach, als Bankier Großes zu leisten, was er dann auch tat. Er wurde Mitbegründer der Dresdner Bank und nationalliberaler Abgeordneter, doch das erlebte Charlotte nicht mehr.
Oft sprach er in der Französischen Straße vor. Der erste Schwiegersohn wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. Man wollte nichts verderben. Nun galt es ein Lebensglück zu machen.
Martha erinnerte sich an jene Wochen und Monate vor der Hochzeit wie an ein aufflackerndes Feuerwerk mit vielen kleinen, bunten Höhepunkten – das Aussuchen des Hochzeitskleides, die Zusammenstellung der Gästelisten, das Kennenlernen neuer Verwandten. Immer blieb ihr das Bild: Charlotte in Reisekleidern, in der kurzen Jacke mit dem kleinen Hermelinkragen. Ihre beinahe fremde Erscheinung als verheiratete Frau in der nagelneuen Garderobe. Noch einmal wandte sie sich an der Tür um, im Hintergrund Goldberger im dunklen Anzug. »Wir sind in Eile, Charlotte, der Zug wartet nicht.« Dann ging sie hinaus. Das letzte Bild, eine Falte der über dem Gesäß hoch aufspringenden Tournüre, die beinahe in der Tür eingeklemmt wurde, ein kurzer Augenblick des Verharrens, dann glitt das Stück Stoff durch den sich schließenden Spalt.
Als Charlotte aus den Flitterwochen in Italien zurückkam, ging es ihr schon schlecht. Sie fühlte sich matt, abgeschlagen. Fieberschübe folgten, Durchfall, Magenkrämpfe, Flecken auf der Brust. Martha und Margarethe ließ man nicht zu ihr, und sie blieben allein mit ihren Vermutungen und Ängsten. Es war wie beim Vater. Die Erwachsenen wandten sich ab. Wenn man sie fragte, schüttelten sie nur den Kopf: »So ein Unglück.« Martha schnappte »Fleckfieber« und »Typhus« auf. Und: »Von der Reise mitgebracht.«
»Keen Wasser trinken, wat nich abjekocht is«, wusste das Mädchen Sofie, »und keen Obst, nischt Rohet. Da isset drin, det wees man.«
Martha schlich sich in die Bibliothek des Vaters, wo sie in Meyers Konversationslexikon »Typhus« nachschlug.
Charlotte starb. Schlimmer noch als der Tod des Vaters hieb ihr Tod eine Kerbe ins Leben. Die Mutter wurde nie mehr ganz so wie zuvor. Man merkte es kaum, und es war doch danach alles ein bisschen gedämpfter bei ihr, leiser. Nun mochte sie auch nicht mehr in der Französischen Straße bleiben.
Das Tiergartenviertel wuchs gerade zum neuen Quartier der wohlhabenden Berliner heran. Martha zog mit ihrer Mutter und den Geschwistern in die Victoriastraße. Da war Else schon mit Georg Liebermann verlobt. Also hatte es doch etwas gebracht, die Einladung bei den Liebermanns wahrzunehmen. Gleich zwei Ehen gestiftet an einem Nachmittag. Die Hochzeitsvorbereitungen wurden nicht weniger aufwendig, aber sachlicher angegangen als bei Charlotte. Dass der Tod sie sich so mitten aus dem Glück gegriffen hatte, saß tief. Das war gerade mal ein Jahr her.
Im November heiratete also Else. Martha trug jungfräuliches Weiß, ein kurzes Kleid, es endete in einer Menge Rüschen oberhalb der Knöchel, hatte ein nicht allzu tiefes, viereckiges Dekolleté, Puffärmel, einzig eine fliederfarbene Schärpe gab ihrer Erscheinung ein bisschen Individualtät, ansonsten reihte sich Martha ein in eine Schar junger Mädchen, alle in ähnlich kindlichen Kleidern, die am Rande der Tanzfläche saßen, wie weiße Tauben auf einer Stange.
Aus dem schlaksigen Jungen Max war ein aufstrebender Künstler geworden, sein Anderssein trug er dezent, aber doch deutlich zur Schau, eine Spur Arroganz lag in der Lässigkeit, mit der er den konventionellen Ansprüchen genügte, die die Familie an ihn stellte.
Die Schönheit seiner Schwägerin fiel ihm auf. Er ließ sich dreimal auf ihrer Tanzkarte eintragen, aber noch hatte er keine Zeit, sich zu irgendetwas zu verpflichten. Verzicht auf sinnliches Glück, schrieb er später, festige den künstlerischen Charakter. Er hatte Angst, es möchte ihn etwas von seinem Weg abbringen. Mit Martha hüpfte er im Galopp übers Parkett.
»Und Sie gehen wirklich nach Paris?«
Gleich fort zu Schiff und übers Meer Bis nach Paris im Flug’ daher – Weil’s keine Stadt mehr geben kann, Wo man so herrlich leben kann! –
»Aber ja.«
»Werden Sie nicht Heimweh nach Berlin haben?«
»Wohl kaum.«
Das war gelogen. Er hatte auch in Weimar oft Heimweh gehabt. Das Leben hätte doch für ihn so einfach sein können. Er wollte es sich nicht einfach machen.
Martha war klug. Sie glaubte ihm nicht. Und er wusste, dass sie ihm nicht glaubte. Wahrscheinlich gefiel ihm das. Sie war ein bisschen pausbäckig zu dieser Zeit, Reste von Babyspeck auf den Hüften.
Dann spielte die Kapelle »An der schönen blauen Donau«.
Das Schifflein fährt auf den Wellen so sacht, still ist die Nacht, die Liebe nur wacht, der Schiffer flüstert der Liebsten ins Ohr, dass längst schon sein Herz sie erkor.
»Für die Spree sollte es so einen Walzer geben«, sagte Martha.
Max lachte. »Der Berliner ist kein Typ für den Dreivierteltakt. Bei uns herrscht der preußische Marsch vor.«
Sie drehten und drehten sich. Martha dachte, die Welt drehe sich um sie. Aber sie war ja noch ein Mädchen im kurzen Kleid.
Sie hätte auch einen anderen nehmen können. Hatte es ernsthaft andere Optionen gegeben? Jedenfalls vergingen zehn Jahre, in denen sie beide irgendwie übrigblieben, wie bei einer Stuhlpolonaise, plötzlich schwieg die Musik und nun den rechten Mann gesucht, hier ein Schokoladenfabrikant, der immer die Pralinenschachteln zum Kaffee mitbrachte und asthmatisch schnaufte, wenn er es die Treppe hinauf geschafft hatte, oder der hübsche Possenreißer, »der ist ein Goj, der kommt nicht infrage«. Einen Nichtjuden zu heiraten, zu dieser Zeit noch undenkbar, dann ging die Musik wieder los und wieder tanzte man im Kreis, das Kleid war länger geworden, der Cul de Paris höher, dann verschwand die Tournüre aus der Mode, um noch einmal aufzutauchen, gerade als Max heimkehrte.
Aber bevor er endgültig nach Hause kam, ging er nach München. Martha ging ins Theater, auf Bälle, zu Landpartien. Es war ein Leben, das angenehm auf der Stelle trat. Max lief in einem Kreis außen herum. Er wartete, dass die Musik aufhörte zu spielen, oder fürchtete er es? Einen Platz suchen, ankommen, das hätte das Ende aller hochfliegenden Pläne sein können, noch war er unterwegs.
Georg lud seine beiden Schwägerinnen ein, gemeinsam mit ihm und Else, das »Schloss« seines Onkels Adolph zu besuchen. Die Villa war eine Sehenswürdigkeit im neuen Tiergartenviertel. Schon als sie sich im Bau befand, waren die Berliner auf dem Weg zum Hofjäger-Etablissment, einem schlichten Ausflugslokal mit dem Werbespruch: »Hier können Familien Kaffee kochen«, an der Baustelle vorbei flaniert und hatten den Neorenaissancepalast, der da emporwuchs, bewundert.
»Er ist kolossal stolz auf alles und freut sich über den Besuch hübscher Damen«, sagte Georg.
Martha fasste unwillkürlich nach dem Arm ihrer kleinen Schwester Margarete, als sie die achteckige, zentrale Halle betraten. Solch ein Entree hatten in Berlin sicher nur noch der Kaiser oder der Kronprinz. Alle wandten den Blick nach oben zu den in gedämpften Farben gehaltenen Oberlichtern.
Adolph freute das ehrfürchtige Schweigen der Mädchen. »Es ist zwar von Heidecke entworfen«, sagte er, »aber der hat sich ganz an meine Vorstellungen gehalten. Das Entree ist doch beinahe das Wichtigste. Es ist wie bei einem Menschen. Wenn er dir klein und verdruckst daherkommt, dann willst du ihm nichts Edles und Kluges mehr zutrauen.«
Die Ritter von Liebermann blieben allzu gerne im Äußerlichen stecken. Seit der Kaiser Adolph Liebermann geadelt hatte, nannten ihn seine Nichten und Neffen spöttisch den Vonkel. »Du wirst sehen, Georg, es kommt auch für uns Juden endlich die Zeit, wo wir als vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft und nicht nur als geduldete Händler und Geldgeber unserem deutschen Vaterland dienen dürfen«, sagte er. Georg war sich da nicht so sicher, man sah es seinen leicht hochgezogenen Augenbrauen an.
Das eigentliche Zentrum des Hauses war die Bildergalerie, die sich über zwei Stockwerke im Westflügel erstreckte und bei Gesellschaften als Tanzsaal diente. Eine über Berlin hinaus bekannte Sehenswürdigkeit. Gelegentlich gaben fremde Menschen, die sich auf Reisen befanden, ihre Karte ab und baten, sie besichtigen zu dürfen, was meist gern bewilligt wurde. Es gab einen geschulten Diener, der, wenn die Herrschaften keine Zeit hatten, den Museumsführer machte. Das Hauptstück bildete das Eisenwalzwerk von Menzel.
Es war ein großformatiges Bild, das Innere einer Eisenhütte darstellend. Kein eigentlich schönes Bild, wer mochte schon die Darstellung schwitzender, schmutziger Arbeiter als schön empfinden, aber es gab kaum jemanden, der nicht davon fasziniert war. Wenn man sich dem Bild näherte, schien es zunächst nichts weiter als eine finstere Höhle darzustellen, in der ein helles Licht glomm, und so, wie sich das Auge erst an einen dunklen Raum gewöhnen muss, dauerte es auch hier einen Moment, bis man in den vielfältigen Schattierungen von Dunkelheit die ersten Leiber und Silhouetten von Arbeitsgeräten, Schnüren, Räderwerk erkennen konnte, die glühenden Schienen, die die Arbeiter eben in die Walze zu schieben versuchten, und kleine Szenen, wie die Männer beim Einnehmen ihrer Pausenmahlzeit. Ein jeder stand und schaute und suchte nach Neuem, das er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Dabei glaubte man, das Stampfen und Zischen der Maschinen zu hören, das Klingen der Hämmer, man roch den Qualm des Feuers, spürte die Hitze auf der Haut, als stünde man selbst mittendrin.
»Ein Meisterwerk«, sagte Adolph stolz. »Es ist ganz lebendig, nicht wahr? Menzel hat endlos viele Skizzen und Studien in Königshütte dafür angefertigt. Das passt für einen Liebermann!«
Die Liebermanns betrieben selbst in Schlesien eine Eisengießerei und eine Maschinenfabrik.
Er würde es sich nicht in den Salon hängen, sagte Georg, es würde ihn ständig an seine Arbeit erinnern.
»Das Bild macht Furore. Der Kronprinz hat anfragen lassen, ob er es einmal besichtigen dürfe.«
Das beeindruckte selbst Georg. »Der Kronprinz will dich besuchen?«
»Ich sage dir, wenn der Kronprinz Friedrich Wilhelm und die Kronprinzessin Viktoria einmal den Königs- und Kaiserthron besteigen werden, dann werden wir, aus den bedeutenden jüdischen Familien, endlich den Rang in diesem Staate erhalten, der uns gebührt. Ein Besuch wäre ein deutliches Zeichen.«
Nur eine Stärkung des Volkes als Souverän könne für die Juden eine echte Veränderung bringen, sagte Georg.
»Ich weiß, ich weiß, du setzt wie Benjamin und Louis auf die Fortschrittspartei. Aber ich denke, ein fortschrittlicher Kaiser wird das Volk insgesamt einen. Das kann doch eine Partei mit 8,6% der Stimmen bei der Reichstagswahl gar nicht. 8,6%! Wir sollten jetzt nach der Reichsgründung alle an einem Strang ziehen.«
Rina musste eingreifen. Vordringlicher schiene ihr die Frage, wie man den Tee, den man zweifellos dem Thronfolgerpaar anbieten müsse, gestalten solle. Adolphs Schwester, Julie Gerson, verfüge über glänzende Beziehungen zur Kaiserin Augusta, die könne man fragen. »Man will doch keinesfalls etwas falsch machen.«
»Das Ansehen der Berliner Juden hängt vielleicht vom richtigen Eclair ab«, spottete Georg.
Später, als der Wagen des Prinzen und der Prinzessin tatsächlich durchs Tiergartenviertel rollte, gingen auch Martha und Margarethe hinaus, um einen Blick auf die hohen Herrschaften zu erhaschen. Das System war geschlossen wie ein Aquarium.
»Wir sind nur die kleinsten Fische«, sagte Marthas Mutter.
Doch die Gründerzeitblase, die durch die hereingepumpten, französischen Reparationen gewachsen war, platzte. Spekulationsobjekte blieben Spekulation, auf staubigen Plätzen knickten im Wind die Schilder ein, die einmal den Bau eines zukunftsweisenden Unternehmens verkündet hatten. Kleine Jungs benutzten sie als Zielscheiben und gaben ihnen den Rest. Auch Adolphs Traum zerrann bereits im Jahr nach jenem denkwürdigen Besuch des Kronprinzen, wurde aufgezehrt von einer Fehlspekulation. Er musste seine Gemäldesammlung auflösen und bei Lepke versteigern lassen. Das Haus konnte als Wohnstatt für die Familie nur gerettet werden, weil der älteste Bruder Benjamin das gesamte Anwesen kaufte.
Wie gut, dass keiner der Söhne im heiratsfähigen Alter gewesen war. Ottilie Marckwald hob die Augen zur Zimmerdecke. Arm wurde Adolph aber natürlich nicht. Else erzählte, er habe das Eisenwalzwerk für 11.000 Reichsmark gekauft und nun für 30.000 der noch nicht einmal eröffneten Nationalgalerie angeboten. Essenzielle Bedürfnisse, wie Reisen nach Baden-Baden und Bad Kissingen, ein eigener Kutscher und Pferde, die Ausbildung der Söhne waren jedenfalls gesichert. Aber der Gipfel war erreicht, der Zenit überschritten, alle Bemühungen hatten diesem einen Augenblick, der kurzen Stunde gegolten, als der Thronfolger in seinem Hause geweilt hatte und Adolph sich als der kultivierteste, kunstverständigste seiner Untertanen präsentieren konnte. Das hohe Glück des gelungenen Moments, es hatte alles gepasst. Nun zehrte Adolphs Familie von der Erinnerung.
4. November 1941
»Ach, Herr Baron!« Marie Hagen empfängt Uex mit Verschwörermiene. Noch im Hausflur tuschelt sie: Es gehe der Frau Professor nicht gut. Sie ließe es sich nicht anmerken, aber man bemerke es eben doch. Sie esse kaum noch etwas, behaupte, keinen Appetit mehr zu haben. Wegen des ewigen Mangels, der herrsche, sei das ja praktisch, aber man müsse doch auf ihre Gesundheit achten. »Sonst brauchen wa uns keene Sorjen mehr um die jroße Reise zu machen.«
»Die große Reise«, ihre Chiffre für eine Auswanderung, noch leiser gehaucht als das Übrige, als würden sie belauscht.
»Noch immer keine Post aus Schweden?«, fragt Uexküll.
Marie schüttelt den Kopf.
Martha Liebermann sitzt klein, noch kleiner, als sie ihm vor zwei Wochen erschienen ist, aber tadellos gekleidet und aufrecht in ihrem Sessel. Ihre Augen sind wach, die Geste herrschaftlich: »Danke, Marie.«
Uexküll berichtet über seinen Besuch in der schwedischen Botschaft. Jetzt gelte es nachzulegen. »Sie müssen noch einmal an Emma Zorn schreiben. Vielleicht ist der Brief verloren gegangen, von der Zensur abgefangen. Ich werde von dem Schreiben eine Kopie an meine Freundin, Gräfin Bonde in Stockholm, schicken. Sie soll versuchen, mit Frau Zorn persönlich zu telefonieren.« Im direkten Kontakt könne man besser klären, was machbar sei, wo die Schwierigkeiten lägen. Außerdem ginge es viel schneller.
Die Zeit verrinnt wie Sand aus einer Sanduhr, die ein Leck hat, und mit ihr die Chancen, aber das sagt er nicht laut. Martha Liebermann spürt es wahrscheinlich sowieso. Selbstverständliches braucht man nicht auszusprechen. Sie bedrängt niemanden mit ihrer Furcht. Nur manchmal sieht man an einer kurzen Abwesenheit, dem Taschentuch, das sie nervös durch ihre Fingern zieht, dass sie daran denkt, was sein könnte, wenn alle Versuche vergeblich blieben.
»Bitte setzen Sie sich gleich hin und schreiben Sie an Frau Zorn. Ich warte so lange.«
»Gut.«
Martha Liebermann erhebt sich erstaunlich schnell und sicher. Für den kurzen Weg zum Sekretär benötigt sie einen Stock, aber sie schwankt nicht, ihre Schritte sind klein, trippelnd.