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Sophia Mott Dem Paradies so fern. Martha Liebermann
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Tempo, Tempo, sagt die Welt, Tempo, Tempo, Zeit ist Geld. Hast du keinen Tempowagen, wird die Konkurrenz dich schlagen.
Hinter dem lärmenden Gefährt fallen Blätter vom Baum und schweben beiläufig zu Boden, machen noch ein paar Zuckungen im aufgewirbelten Staub. Das Rumpeln und Knattern entfernt sich, wird leiser, bricht ab. Martha sieht auf die leere Straße hinaus. Die Sonne ist hinter dem gegenüberliegenden Haus verschwunden. Wie lange wird es dauern, bis draußen die nächste Bewegung stattfindet, bis ein Auto kommt, ein Mensch vorübergeht, das nächste Blatt fällt? Ihre Wahrnehmung der Außenwelt beschränkt sich seit Wochen auf diesen Ausschnitt, das Stück Straße, das Nachbarhaus, den Baum vor dem Fenster, das Pflaster und ein kleines Stück Himmel, wenn sie nahe an die Scheibe heranrückt und den Kopf nach oben dreht.
Die Verordnung über den Stern, den sie am Mantel tragen soll, ist vor etwa vier Wochen herausgekommen. »›Für L–Z‹«, las Marie Hagen aus dem Jüdischen Nachrichtenblatt vor, »›erfolgt die Ausjabe am Donnerstag, dem 18. September durchjehend von 8 bis 20 Uhr in den nachstehend anjejebenen Verteilungsstellen: für die Bewohner der Verwaltungsbezirke Charlottenburg und Tierjarten in der Synajoge Levetzowstraße oder in der Schule Joachimstaler Straße. Die Ausjabe erfolgt nur jejen Vorlegung des lila Bezugsausweises der Reichshauptstadt Berlin. Wer für andere mitbesorgt, muss deren lila Ausweis mitbringen und ihre jenaue Kennkartennummer mit Kennort. Die Ausjabe des Kennzeichens erfolgt jejen Zahlung von 0,10 RM. Jeder kann zunächst nur einen Stern erhalten.‹«
»Levetzowstraße, det ist zu weit, ick jeh inne Joachimstaler«, hat Marie gesagt.
»Ich brauche den Stern nicht.«
»Ick hol den. Wenn Se mal zum Arzt müssen.«
»Dr. Wolff kommt doch hierher.«
»Oder wenn Se mal een Besuch machen wollen.«
Aber seitdem ist Martha tatsächlich nicht mehr ausgegangen.
»Frau Professor, det is doch viel zu finster zum Lesen!« Marie hat die Tür aufgerissen, wie immer ohne zu klopfen. Sie schaltet das Licht an. »Na, und denn machen wir ooch gleich de Verdunkelung runter! Sonst jibt et Ärjer mit dem Blockwart.«
Die Person nimmt sich in letzter Zeit doch sehr viel heraus. Martha beschließt, strenger zu werden. Es klingelt. Marie geht öffnen. Sie meldet die Herren Uexküll und Bernstorff.
Noch am gleichen Abend schreibt Martha an Emma Zorn:
Hoffentlich haben Sie mich nicht ganz vergessen.
Aber das hat sie bestimmt nicht. Die Jahre, die man sich nicht gesehen hat, zählen kaum im Gedächtnis zweier alter Frauen, die seit dem Tod ihrer berühmten Männer nur noch nachleben.
Meine Bitte an Sie geht nun dahin, bei den schwedischen Behörden für mich gut zu sagen.
Von Emma Zorns Gesundheitszustand weiß Martha nichts. Emma ist doch sogar ein paar Jahre jünger als sie gewesen. Alter bekommt im Alter wieder eine größere Bedeutung. Man nennt seine Jahre mit Stolz, wie ein Kind. Immerhin weiß Martha, dass Emma Zorn lebt.
Ich denke noch gern an die guten Stunden, die wir in Paris und Berlin und zuletzt noch am Wannsee gemeinsam verlebten.
Anders Zorn hat es aus einfachsten Verhältnissen zu Wohlstand, Ansehen und Ruhm gebracht. Er hat amerikanische Präsidenten und russische Prinzessinnen porträtiert. Fleiß, Strebsamkeit, merkantiler Erfolg durch ehrliche Arbeit, Werte, die auch für Max galten, Kunst als hohes Handwerk, da war er mit Zorn auf einer Linie, auch wenn Max sich den Reichtum nicht hat erarbeiten müssen, dafür aber umso mehr den Erfolg. Emma stammte wie Martha aus wohlhabender jüdischer Familie.
Ich bin 84 Jahre alt und habe bis vor einigen Monaten niemals an eine Auswanderung gedacht.
Anders nannte sich einen schwedischen Bauer. Er war auf dem Hof seiner Großeltern aufgewachsen, das uneheliche Kind einer Saisonarbeiterin und eines deutschen Bierbrauers. Erfolg bestand für ihn aus Wohlleben und Wut auf seinen Vater, den er nie kennengelernt hatte. Seine Durchsetzungsfähigkeit war beinahe furchterregend, er zweifelte nie an sich.
In den 1890er-Jahren suchten Zorns so wie Max und Martha das Glück an einem Ort einzufangen. Das Haus nannten sie Zorngarden, der See hieß Siljan. Max und Martha waren mehrmals eingeladen. Sie dachten sich das Haus wie Anders, urwüchsig und gastlich, knisterndes Feuer, Trinkgelage an riesigen Holztischen aus einem Stamm gehauen. Sie reisten nie dorthin.
Aber mir ist jetzt die Situation unerträglich geworden, und ebenso wie die heutigen Verhältnisse unvorstellbar waren, ebenso ist es nicht möglich zu ahnen, was noch passieren kann.
Ob Emma überhaupt weiß, was in Deutschland passiert? Wenn sie noch klar im Kopf ist, dann weiß sie es, sie ist immer gut informiert gewesen, eine kritische, rational denkende Person, Gegenpol zu Anders instinktgesteuertem Wesen. Auf den ersten Blick passte sie gar nicht zu Anders, war viel zu fein, zu intellektuell und nicht besonders hübsch. Ein kleines jüdisches Mädchen mit Schlafzimmerblick und krausem Haar. Er lebte ungeniert seine Vorliebe für Modelle mit riesigen Busen und dicken Hintern aus. Aber beide wussten zu gut, was sie aneinander hatten. Emma lehrte Anders, sich in der bürgerlichen Welt zu bewegen, sie war seine Eintrittskarte in eine Gesellschaftsschicht, in der er seine Bilder verkaufen musste. Und er lehrte sie, ihren Mangel an Schönheit durch besonders extravagante Kleidung und Selbstbewusstsein auszugleichen. Bloß nicht wegducken, war seine Devise. Gemeinsam waren sie um die ganze Welt gereist. Einmal wäre Anders beinahe an Darmtyphus gestorben. Aber im nächsten Jahr fuhren sie schon wieder nach Algier. Emmas Wagemut entfachte noch jetzt in Martha so etwas wie Neid, ihr selbst war es nie gelungen, Grenzen zu überschreiten, sie brauchte es nie, jetzt fehlte ihr die Übung.
Ich danke jeden Morgen dem Schicksal, dass mein Mann diese Zeit nicht erlebt und dass meine Tochter mit Mann und Kind dies Land verlassen konnten, weil mein Schwiegersohn einen Ruf an die Universität in New York bekam.
Max bat Anders, ein Porträt Marthas zu malen. Der arbeitete stumm, ächzend wegen seiner Körperfülle, unter seinen Augen straffte sich Martha, saß sehr gerade. Max hielt sich fern, drückte sich im Arbeitszimmer herum, erst am Ende der Sitzungen kam er und begutachtete das Werk. Er hätte es bestimmt ganz anders gemacht.
Das Porträt zeigt eine nach außen gewandte Martha, schön stark und stolz. Er malte die Menschen von ihrer besten Seite. Das bescherte ihm seinen Erfolg.
Meine Bitte an Sie geht nun dahin, für mich bei den schwedischen Behörden gut zu sagen. Pekuniär liegt keine Schwierigkeit vor, denn meine Kinder werden natürlich für die Kosten meines Aufenthaltes dort aufkommen.
Für Max saß sie selten so lange Modell. Sie hintertrieb es im Grunde, sprang plötzlich auf, musste noch dies und das erledigen. Es war deshalb kein Wunder, dass ihr Mann lieber die Gelegenheiten nutzte, wo sie schlafend oder in ein Buch vertieft das Gemalt-werden nicht einmal bemerkte. Es konnte aber nicht wirklich an der fehlenden Zeit liegen. Es lag vielmehr an ihrer Unlust, sich in den Mittelpunkt zu stellen, den forschenden Blick auf sich zu ertragen, der den Schatten und dem Licht auf ihrem Körper folgte, und es dauerte einfach immer so entsetzlich lange.
Das Porträt, das Zorn von Max malte, erschreckte Martha. So war er doch nicht, so melancholisch, traurig, von der Welt enttäuscht? Aber später kam es so, da sollte er so werden. Auch Anders konnte in die Tiefe blicken.
Sobald ich näher weiß, um was ich sie eigentlich bitten soll, schreibe ich wieder, inzwischen wäre es mir eine große Freude, wenn Sie mir ein Wort der Einwilligung schickten. In aller Freundschaft und Verehrung.
Ihre Martha Liebermann.
Ich bin doch nur ein Maler
Manchmal sucht sie in ihrer Erinnerung nach einer ersten Begegnung. Vergeblich. Max ist schon immer da gewesen. Schnipsel im Kopf. Hier die Liebermann-Jungs vor der Synagoge, dort Max bei einer Bar Mizwa, die widerspenstigen Locken in der Mitte gescheitelt, mit Pomade gebändigt, die hochgezogenen Augenbrauen, plötzlich ein Schnäuzer, frühe Männlichkeit, er war ja so viel älter als Martha. Ihre Familien waren eng befreundet, es gab entfernte verwandtschaftliche Beziehungen über eine Großtante Marthas, »allet een Stamm«, sagte Max, und es war ihm gerade recht so. Gleiche Herkunft, gleiche Werte, Garanten für ein zufriedenes Leben. Das Extravagante hob sich Max für seine Kunst auf.
»Der Max Liebermann will Maler werden.« Maler! In einer Dynastie erfolgreicher Kaufleute! Der Skandal wurde hinter vorgehaltener Hand weitergegeben, am Mittagstisch auch bei den Marckwalds diskutiert. »C’est incroyable!« Durch die Betonung zum Tadel geformt, klebte dieser kurze Satz an ihm, beinahe ein Leben lang: »Max will Maler werden!« Der Erfolg sollte den Makel tilgen und tat es auch, aber sein Vater erlebte das nicht mehr, nicht die höchste Anerkennung, das Einzige, was wirklich zählte in so einer Familie, also nicht mehr die Große Goldene Medaille in Berlin, den Professorentitel, die finanzielle Unabhängigkeit.
Als sie noch Schüler waren, hatte der Vater seine Söhne durch ein Fensterchen in der Tür ihres Jungenzimmers beobachtet, ob sie auch fleißig lernten. Das Fensterchen blieb in Max Kopf. Deshalb wollte er immer alles noch besser machen, musste alles besser machen, und obwohl es längst keiner mehr verlangte, machte er alles immer besser. »Ich bin ja nur ein Maler.« Das »nur« nie vergessen zu betonen. Er meinte es wirklich so.
Marthas Vater starb, als sie 13 war. Sein Todeskampf verschluckte alles Leben. Man ging auf Zehenspitzen. Der Arzt kam, leise Gespräche, Krankenbericht der Mutter, dann entfernten sich die Schritte, die leichten der Mutter kehrten zurück, Anweisungen, Klappern von Waschgeschirr, plötzliches Hasten des Hausmädchens, eine Tür fiel zu. Innehalten. Verwandte kamen. Niemand kümmerte sich um die Kinder. Benno nahm fünf Kekse auf einmal aus der Schale. Marthas Hündchen fiel im Schlaf vom Sessel, drehte sich im Flug und landete auf den Beinen. Sie lachte und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund.
Max Vater wurde ihr Vormund. Wenn sie damals schon gewusst hätte, dass sie mit diesem strengen Mann einmal unter einem Dach leben würde, bis er, krank und hinfällig, gepflegt werden musste und schließlich dahinstarb wie ein welkes, bitteres Kraut!
»Achtung, Onkel Louis kommt!« Benno hatte ihn vom Fenster aus gesehen. Da war er schon auf der Treppe. Sie hörten seinen gemessenen, aber nicht schweren Schritt, das Klappern seines Spazierstocks auf den Stufen. Die Mutter ging ihm entgegen bis zur Tür, das tat sie sonst bei niemandem. Sie nahm ihm selbst den Mantel ab und reichte ihn dann erst dem Mädchen weiter.
Louis hatte einen altmodischen Backenbart, der von den Koteletten ausgehend in einem Dreieck nach unten bis zum Hals wucherte. Es sah aus, als seien die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, nach unten gerutscht, und Martha hatte Lust zu lachen. Sie machte einen Knicks. Während sie in die Knie sank, verschwand ihre Hand in der knochigen, harten von Louis Liebermann. Er hielt sie lange, noch als Martha aus der Beugung wieder aufgetaucht war. Sie hatte Angst, er ließe sie nicht mehr los.
Später malte Max diese Hand mit einer gewissen Nachlässigkeit. Der Vater war böse darüber. Das war doch nicht die Hand eines Kaufmanns, die alles fest im Griff hielt. Verschwommen, beinahe konturlos lag sie auf seinem Schoß, die unvermeidliche Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger. Alt fand sich der Vater dargestellt. Max malte, was er sah. Die Wahrheit fand er nie hässlich.
Viel später banden sie dem Vater bei Tisch einen Latz um, damit er seine Weste nicht bekleckerte.
20. Oktober 1941
Die Standuhr misst den Rest ihres Lebens. Ihr unregelmäßiger Pendelschlag hallt vom Eingang den langen Gang hinunter, vorbei an all den Zimmern, in denen sich ihr abgelebtes Leben verbirgt und die Martha seit Wochen nicht mehr betreten hat: Das Speisezimmer mit dem Renaissancetisch und den passenden Lederstühlen, auf denen sie so viele Stunden gesessen hat mit Max und Käthe, der Enkelin Maria, mit Gästen. Rechts und links stehen die beiden Kredenzen, mit den verschiedenen Servicen darin, Schalen, Tassen, Karaffen, Kerzenständern, Porzellanfiguren, schöne Dinge, die Max in nie versiegender Begeisterung von den Antiquitätenhändlern nach Hause trug. Max, der Augenmensch. Neues wurde rasch zu Vertrautem, Puzzleteile ins Gesamte gefügt, Leerstellen nicht zugelassen. Jetzt ist nichts mehr auszufüllen, jetzt gilt es, zusammenzuhalten, was noch da ist.
Das Silber ist jedenfalls weg! Alles Edelmetall hat Martha schon 38 abgeben müssen. Sie durfte gerade mal ein Messer, eine Gabel, einen großen und einen kleinen Löffel behalten, 200 Gramm pro Person, und das Zahngold im Mund, ausreichend, um weich gekochte Steckrüben und Kartoffeln zu Brei zu drücken, in den Mund zu schieben und schließlich alles mit den Goldzähnen zu kauen. Henkersmahlzeiten. Was braucht denn auch eine alte Frau noch Tafelsilber für 48 Personen! Wenn sie einen nur endlich in Ruhe ließen! Kein Widerstand also, kein Stück heimlich zurückbehalten, den großen Kasten mit dem Rokoko-Silber, das bei feierlichen Anlässen am Pariser Platz auf dem Tisch gestanden hat, zusammen mit ihrem persönlichen Schmuck, Broschen, Perlen, den Brillantringen, meist Geschenken von Max, in eine Kiste gepackt. Der Portier trug alles zur Pfandleihanstalt in die Jägerstraße, da war die Sammelstelle.
Was noch da ist, ist mit kleinen Narben und Schründen versehen, Spuren ihres Lebens. Den Querbalken im Fußkreuz des Renaissancetisches hat einer ihrer Dackel benagt, immer wenn er sich nicht genug beachtet fühlte. Die Sitzgarnitur im Salon ist auf der rechten Seite einen Hauch mehr ausgeblichen als auf der linken, da hatten sie immer eine Decke liegen. Irgendwann ließen Max und sie die Dinge altern wie Lebewesen.
Die unteren zwei Schubladen der Barockkommode klemmen. Wenn man sie öffnet, verströmen sie einen eigentümlichen Geruch, stumpf und holzig. Darin liegen Erinnerungen an andere Tage, plötzlich aufleuchtend, als benötige jenes Areal im Hirn, das sie verwahrt, nur eben den Reiz der kleinen Trouvaillen, um alles in starken Farben und, als sei es erst gestern gewesen, wieder vor Augen zu haben. Ihre Atelierfeste, die Gäste, Konversationen, gelungene Dinners werden von den Einladungs- und Menükarten erweckt, das hübsche japanische Deckchen, auf das Wachs getropft ist, ruft den alten Ärger wieder hervor, als sie das Malheur entdeckte. Daneben, in Papier eingewickelt, liegt ein Kristallstöpsel ohne Karaffe, daneben sechs chinesische Porzellanschälchen, eines mit einem Riss, daneben ein Seidenfächer. Schicht um Schicht sich absetzenden Ehelebens. Ein wunderbarer Schrecken, wenn man in der Hand hält, was man Jahre nicht mehr gesehen hat.
Wenn sie fortginge, müsste sie alles zurücklassen, die Kleinigkeiten, deren Wert mehr in der Erinnerung liegt, ebenso wie die Antiquitäten und Kunstgegenstände. Das gelebte Leben beansprucht weit mehr Platz als das noch zu lebende Leben, das beansprucht beinahe gar nichts mehr.
Martha hängt nicht an den Dingen ihres Geldwertes wegen. Nichts haben Max und sie angeschafft, um sich damit zu schmücken, vielmehr sind es die schönen Dinge selbst gewesen, denen die Ehre galt, gehegt und bewundert zu werden. Sie hat gehofft, dass Käthe das später übernehmen würde. Aufzugeben ist nun schwerer als auszuharren, vielleicht kann man einiges wenigstens nachkommen lassen.
Vor allem aber die Bilder! Das meiste stammt von Max selbst, wie das große Doppelporträt der Eltern, Käthe als junge Frau mit ihrer Tochter Maria und der Kinderfrau im Garten am Wannsee, Martha im schwarzen Kleid. Aber auch zwei Landschaften von Manet sind noch da, Bilder von Max Lehrer Steffeck und die beiden Porträts von Max und Martha, die Anders Zorn gemalt hat. Für Menzels Zeichnungen ist nur Platz im Küchenkorridor geblieben, trotz der Größe der Wohnung.
Gut, dass Max bereits im Jahr 33 die wertvollsten Stücke seiner Sammlung in die Schweiz geschickt hat, 14 Gemälde, alles Franzosen, sein Lieblingswerk darunter, das Spargelbündel von Manet.
Manchmal erscheinen Besucher, die unter dem Vorwand, helfen zu wollen, ihr eine Zeichnung oder ein Bild für wenig Geld abzuschwatzen versuchen. Martha bleibt freundlich, aber denen gibt sie kein Blatt.
Da ist zum Beispiel diese angebliche Freundin von Käthe gewesen. Sie trug einen Fuchs um den Hals, das tote Vieh bleckte seine spitzen Zähnchen auf solidem braunen Tweed, als gäbe es noch was zu lachen: Sieh mal, so werden sie sich demnächst die Juden um den Hals hängen, einen als Dekoration, einen zum wärmen. Und die Fuchsbeine baumelten so tot herab.
Sie sei bei einigen der fantastischen Atelierfeste gewesen am Pariser Platz, sagte die Besucherin, der Fuchs musste mit ihr nicken, erinnern Sie sich?
Die Augen der Besucherin wanderten an den Wänden entlang, parallel mit denen des Fuchses. Sie habe ja noch so herrliche Zeichnungen und Bilder. Und wenn Sie sich doch mal von etwas trennen müsse, wenn sie Geld benötige, man wisse ja, es sei nicht leicht heutzutage. Als Martha schwieg, ein freundliches, aber bestimmtes Schweigen, da ging die Frau, der Fuchsschwanz schlug hin und her mit der weißen Quaste auf dem Tweed-Rücken.
Schlimmer aber sind die, die sie tatsächlich kennt aus guten Tagen und die auch nur kommen, das Verbliebene zu sichten. Da ist es nicht leicht, die Haltung zu wahren. Und wozu denn auch? Ein Leben lang ist ihr Haltung als etwas Unerlässliches erschienen, etwas, das einen auszeichnet, eigentliches Merkmal eines gewissen Ranges in der Gesellschaft, das man nicht kaufen, sondern nur üben kann. Nun fragt sie sich, ob nicht gerade ihre Haltung in Wahrheit eine Schwäche ist, die es den Verbrechern leicht macht, mit ihr zu tun, was sie wollen. Verstellen müsste man sich, lügen können. Haltung gilt nur etwas in einer Gesellschaft, in der Regeln gelten. Hier werden die Regeln nach dem Bedarf der Machthaber jeden Tag neu geschrieben. Wenn man ihnen gehorcht, erfinden sie sofort eine andere, gegen die man verstoßen hat. Schwer ist es geworden, nicht den Rücken zu beugen. Wozu auch?! Das kostet nur Kraft, und manchen hat es schon das Leben gekostet. Ist sie das wert, die Haltung? Denen nötigt das doch keinen Respekt ab, da braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben, das sind ja überkommene Vorstellungen einer toten Gesellschaftsform. Heute gilt einzig nur noch das Recht des Stärkeren, auch wenn die Nazis ständig von deutscher Ehre faseln. Tyrannei leerer Worte. Wie in einem Wolfsrudel beißt der Stärkere den Schwächeren vom Fressen weg. Ja, wie dumm ist man denn gewesen, dass man nicht rechtzeitig einen Stock genommen und die räudigen Viecher vertrieben hat?
Hundert Siege berichtet, keiner erdichtet
Ein Jahr nach Heinrich Marckwalds Tod, als die Siegesparade zur Feier des gewonnenen Krieges gegen Frankreich durchs Brandenburger Tor und die Linden hinauf ziehen sollte, lud Louis Liebermann Ottilie Marckwald und ihre vier Töchter ein, das Spektakel von seinem Haus aus anzusehen.
Sie hatten sich früh auf den Weg gemacht. Dennoch waren die Straßen bereits fast unpassierbar. Sie gingen über die Mauer- und die Behrenstraße bis zur Einmündung der Wilhelmstraße. Aber als die kleine Abordnung der Marckwalds an die Linden kam, ließen die Ordner sie nicht mehr passieren. Dicht gedrängt standen die Menschen bis zur Absperrung. Viele hatten sich Stühle mitgebracht, auf die sie steigen wollten, wenn der Zug sich näherte. In den Fenstern Gesicht an Gesicht, die Balkone bis zur Belastungsgrenze mit Menschen gefüllt, auf dem Brandenburger Tor standen sie, sogar auf die Dächer der Torhäuser waren einige geklettert, Fresskörbe, Kisten mit Bier und Wein wurden an Seilen hinaufgezogen, der Proviant für eine lange Wartezeit. Wer seinen Platz gefunden hatte, winkte berauscht, auch vom gemeinschaftlichen Glücksgefühl.
Sie seien eingeladen, versuchte die Mutter den Ordner zu überreden, bei Liebermanns, Pariser Platz Nr. 7. »Hier könn Se nich mehr durch.«
Martha war 14 und Margarethe gerade mal zehn Jahre alt. Beide hatten keine Lust, zu den Liebermanns zu gehen. Die Wohnung des Vormunds war zu dunkel und ungemütlich, das Leben hatte dort eine Schwere, die sie nicht gewöhnt waren, aber die Mutter bestand darauf, dass sie alle zusammen hingingen, alle außer Benno, für den machte der Besuch keinen Sinn. Denn natürlich ahnte die Mutter, dass der Vormund die Einladung ausgesprochen hatte, um die Marckwald-Töchter seinen Söhnen zu präsentieren. Ein Angebot, das man nicht ausschlagen konnte.
Immer noch fand sich keine Möglichkeit, die Straßenseite zu wechseln. Riesige Bilder, auf Segeltuch gemalt, überspannten die Linden, Historienbilder in Übergröße. Die einzelnen Truppenteile wurden auf Ehrensäulen gewürdigt.
Kurz und klar, warm und wahr! Hundert Siege berichtet, keiner erdichtet!
Das galt der Feldtelegrafie. Die Mutter näherte sich erneut einem Ordner. Sie hatte etwas aus ihrem Täschchen geholt, wechselte ein paar Worte mit dem Mann und schob ihre Hand in seine Jackentasche. Martha kannte diese Geste, diese rasche, aber diskrete Handbewegung, plötzliche Vertraulichkeit vortäuschend, wo das Geldgeschenk im Grunde unüberbrückbaren Abstand signalisierte. Peinlich! Beflissenheit folgte, ein schiefes Lächeln. »Na, denn woll’n wa mal.« Und der Ordner hob kraft seines Amtes das Absperrungsseil.
»Nun kommt bitte.« Die Marckwalds duckten sich unter dem Seil durch.
Wenn Martha wenigstens ein Kränzchen aus Lorbeer bekommen hätte. Einen Lorbeerkranz mit ein paar Blüten im Haar. Dann hätte sie ausgesehen wie eine der Ehrenjungfrauen, die ihren Lorbeer dem frisch gekrönten Kaiser überreichen durften. Aber es hatte in der ganzen Stadt keinen Lorbeer mehr gegeben. Geschäftstüchtige Berliner hatten die Buchsbaumhecken um die Rabatten auf den großen Plätzen und im Tiergarten zusammengeschnitten, aber das war nicht dasselbe.
Es war ein wunderbarer Sommertag, dieser 16. Juni 1871, als stünde der Herrgott mit den Berlinern, mit den Preußen, mit allen Deutschen im Bunde. Die meisten fanden das auch richtig so. Endlich hatte man dem blutlechzenden Franzmann Einhalt geboten und dazu die deutsche Einheit gewonnen mit dem preußischen Wilhelm als Kaiser. Berlin war nun Hauptstadt des Reiches. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern war!
Charlottes Stirn glänzte. Sie zog ein Tuch aus dem Täschchen. Auch Else war nervös. Eben noch hatten die beiden gelacht und getuschelt. Hatten sie über die Liebermann’schen Söhne gesprochen?
Georg war bereits in die Firma eingetreten. Kam ganz nach seinem Vater. Würde bestimmt mal Kommerzienrat. Und Max? Ob der überhaupt da war? Studierte in Weimar Malerei. Das mit dem Malen war ein Minuspunkt. Bestenfalls konnte man es als Liebhaberei verbuchen. Schließlich war da noch Felix. Eigentlich zu jung, fand Charlotte, ein bisschen zu weich und sentimental in der Erscheinung, fand Else. Reich würden sie alle drei sein.
Es gab Bowle und Kuchen, für die Herren Herzhafteres. Martha versöhnte sich beinahe mit dem Besuch bei den Liebermanns. Die Wohnung war übervoll mit Gästen. So düster und ruhig, wie es ihr sonst vorkam, war es heute nicht. Der Festzug nahte und alle stürzten in Richtung Tiergarten. An den Fenstern Gedränge, wie unten auf der Straße. Einige Gäste waren auch hinauf aufs Dach gegangen. Die Mutter verbot es den Mädchen: »Kinder, wenn ihr an so einem Tag runterfallt.«
Als die ersten Truppen durchs Tor hindurch waren, wechselten alle zu den Fenstern in Richtung Pariser Platz. Die Fahnen der Besiegten wurden vorbeigetragen.
Irgendjemand zählte 81 Trikoloren. »83«, sagte ein anderer. »Ne, 81 und det joldene Federvieh dazu.« Gemeint waren die Adler auf den Standarten. Ein einziger Jubelschrei toste über den Platz. Auch drinnen wurde »Hurra« gebrüllt. Martha hielt sich die Ohren zu. Die Männer tranken einen Cognac, Courvoisier. »Meine Herren, hier erleben wir Weltgeschichte.«
Dann kam der Kaiser. Vor ihm Bismarck, die Generäle Moltke und Roon. Die Menschen auf der Ehrentribüne erhoben sich von ihren Plätzen. Wieder Hochrufe, Applaus, die Militärkapelle hörte auf zu spielen, schließlich völlige Stille. Man konnte das Tschilpen eines Spatzen hören und ein sehr leises Rauschen der vieltausendköpfigen Menge, als wäre es ihr Atem. Die Ehrenjungfrauen traten vor und eine begann ein Gedicht aufzusagen. Ihre Worte verwehten über den Platz, aber Fetzen des hohen Stimmchens drangen bis zu den Fenstern hinauf. Dann nahm die Ehrenjungfrau ihren Kranz vom Haar und reichte ihn Kaiser Wilhelm. »Ein Hoch unserem Kaiser«, krächzte eine heißere Stimme in die weihevolle Stille, Gelächter. »Hoch, hoch hoch«, antwortete die Menge, die Kapelle fing wieder an zu spielen und die Herren im Liebermann’schen Salon stießen auf die neue Verfassung an. Für die Juden brachte sie die rechtliche Gleichstellung. »Nun wird alles anders.«