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Robert Macfarlane Berge im Kopf
Berge im Kopf
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Robert Macfarlane Berge im Kopf

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Die Geologie schuf einen Grund und eine Entschuldigung dafür, in die Berge zu reisen, nämlich die wissenschaftliche Untersuchung.

Ein Gefühl der Neugier, welches das natürliche Interesse weit übersteigt, bringt Reisende aus allen Teilen Europas dazu, den Montblanc aufzusuchen, den höchsten Punkt der Alten Welt, um dort die Gletscher der Umgebung zu erforschen,

stellte ein englischer Journalist 1801 fest.

Diese Orte haben seit Kurzem ein neues Maß an Interesse hervorgerufen – Geologen, Mineralogen und reine Amateure begeben sich mit Begeisterung dorthin. Und sogar Frauen werden durch das Vergnügen beim Anblick von Dingen, die völlig neu für sie sind, weitgehend für die Anstrengungen der Reise entschädigt.


»Strata Types«, das Frontispiz zu Humphry Davys Elements of Agricultural Chemistry (1813), zeigt die verschiedenen Gesteinsschichten, die die Geologie sichtbar gemacht hatte.

Die Berge anzuschauen bedeutete nun auch, in sie hineinzusehen und sich ihre Vergangenheit vorzustellen. Der englische Wissenschaftler Humphry Davy brachte es 1805 auf den Punkt:

Für denjenigen, der geologische Untersuchungen anstellt, bietet jede Bergkette erstaunliche Denkmäler der großen Veränderungen, denen der Globus unterworfen war. Die erhabensten Vermutungen werden geweckt, die Gegenwart bleibt unbeachtet, vergangene Zeitalter rücken in den Vordergrund. Und der Verstand verliert sich in Bewunderung angesichts der Gestaltung dieser großen Kraft, die jene Ordnung herbeiführte, die auf den ersten Blick nur ein wildes Durcheinander zu sein scheint.

Hier kam also eine andere Form von Schwindelgefühl zu jener bekannteren Form hinzu, die einen an einem steilen Berg überkommen kann: die, welche durch eine lange Vergangenheit hervorgerufen wird. Wie Burnet schon im Jahrhundert zuvor angedeutet hatte, war das Bergsteigen zu einer Erfahrung geworden, bei der man sich nicht nur im Raum nach oben bewegte, sondern auch rückwärts durch die Zeit.


James Hutton mag der Vater der Geologie gewesen sein, aber er war keinesfalls deren elegantester Repräsentant. Abgesehen von seinen klangvollen Schlusssätzen war Huttons Theorie in einer Prosa verfasst, die so eintönig und undurchschaubar war wie der Old Red Sandstone an der schottischen Küste, auf den er so stolz war. Es würde noch dreißig Jahre dauern und einen anderen legendären Geologen erfordern, bis die raschen Fortschritte der Geologie und die atemberaubenden Berichte darüber richtig populär werden und noch mehr Menschen in die Berge locken sollten. Noch mehr als Burnet oder sogar Hutton war der schottische Geologe Charles Lyell verantwortlich dafür, dass sich die sprachlichen Begriffe und die Vorstellungen der Geologie im 19. Jahrhundert verbreiteten.

Charles Lyell war Rechtsanwalt, bevor er zum Geologen wurde, und seine forensische Ausbildung hatte ihm zu einem Schreibstil von extremer Klarheit und Eleganz verholfen. Zwischen 1830 und 1833 veröffentlichte er die drei Bände von The Principles of Geology: an Attempt to Explain the Former Changes of the Earth’s Surface by Reference to Causes Now in Operation, ein Werk, das sorgfältig und kurzweilig die Argumente der Aktualisten darlegte, dass das Studium der Gegenwart der Schlüssel zur Vergangenheit sei. Die Principles wurden rasch zur Pflichtlektüre des Bildungsbürgertums seiner Zeit und vielfältig übersetzt. Bis 1872 wurden elf überarbeitete Ausgaben veröffentlicht.

Lyells Brillanz lag in erster Linie in seiner Zuordnung von Details. Genauso wie Charles Darwin es in seinem 1859 erschienenen Werk Über den Ursprung der Arten durch natürliche Selektion getan hatte, konnte Lyell seine Zuhörer mit einer Kombination aus unwiderlegbaren Fakten – diesbezüglich ähnelte seine Schrift dem Prozess, den sie beschrieb – und erläuternden Anekdoten für sich gewinnen. Eine große Anziehung ging auch davon aus, dass das Wissen, das Lyell in groben Zügen skizzierte, etwas Demokratisches hatte: Man benötigte keine spezielle Ausrüstung oder lange Schulung, um die Geschichte der Erde entziffern zu können, sondern nur ein Paar scharfe Augen, einige grundlegende Kenntnisse über die Prinzipien des Aktualismus sowie genügend Neugier und Mut, um über die Kante in den Abgrund der Zeit hinabzuschauen. Jeder, der diese minimalen Qualifikationen besaß, konnte die aufregendste Vorführung der Erde besuchen: die ihrer Vergangenheit.

Um uns vor Augen zu führen, wie diese neue Art der Betrachtung der Berge in der Praxis aussieht, gehen wir zurück ins Jahr 1835 und in die Stadt Valparaiso, die sich entlang der pazifischen Küste von Chile erstreckt. Der Name der Stadt bedeutet »Paradiestal« und es hätte kaum ein Name gefunden werden können, der schlechter gepasst hätte als dieser. Zum einen liegt die Stadt nicht in einem Tal, sondern auf einem schmalen, annähernd horizontalen Landstrich zwischen den Wellenkämmen des Pazifiks und dem steilen roten Felsmassiv hinter der Stadt. Und paradiesisch ist sie ganz bestimmt nicht. Der ablandige Wind, der hier ständig über die Oberfläche fegt, das steile Gelände und der salzhaltige Boden sorgen dafür, dass es keine nennenswerte Vegetation gibt. Abgesehen von den Menschen, die sich in kleinen Ansammlungen von eng aneinandergeschmiegten, niedrigen weiß-getünchten Häusern mit roten Dachziegeln in den Flussläufen und Schluchten angesiedelt haben, findet man hier wenig Leben.

An der Küste schaukeln reihenweise Ruderboote im Wasser, jederzeit einsatzbereit, um die großen Schiffe zu versorgen, die draußen in den tieferen Gewässern vor Anker liegen. Allem Anschein zum Trotz ist Valparaiso nämlich Chiles bedeutendster Überseehafen. Und über diese ganze Szene streicht die klare, trockene Sommerluft der Küste.

Am 14. August 1835 bricht Charles Darwin von hier auf dem Rücken eines Pferdes zu einem langen Ausflug ins Hinterland der Anden auf. Draußen in der Bucht ankert sein Schiff, die mit zehn Kanonen ausgestattete Brigg »Beagle«, auf der er als wissenschaftlicher Beobachter tätig ist. Während Darwin in Cambridge studierte, interessierte er sich auch für Geologie und packte, bevor er an einem wilden, stürmischen Abend im Dezember 1831 von Devonport aufbrach, um gen Süden zu segeln, den ersten Band von Lyells Principles als Lektüre für die lange Seereise nach Südamerika ein. Er überprüfte Lyells Theorien während eines Landgangs auf den Kapverdischen Inseln, und als man von der Beagle schließlich erstmals die Tiefebenen Patagoniens erblickte, war Darwins Vorstellungskraft bestens gerüstet, um die Landschaftsformen, auf die er dort stieß, mit Lyells Begriffen interpretieren zu können – und aus der aktuellen Gestalt auf eine lange Vergangenheit zu schließen. »Mir kommt es stets so vor, als ob meine Bücher zur Hälfte aus Lyells Gedanken bestehen«, schreibt er später seinem Freund Leonard Horner,

denn ich dachte immer, der große Verdienst der Principles liege darin, dass dieses Buch die ganze Denkweise veränderte und man deshalb, selbst wenn man etwas sah, das Lyell nie gesehen hatte, es doch zum Teil mit seinen Augen sah.

Als Darwin Valparaiso verlässt, reitet er zunächst einen Tag an der Küste entlang nach Norden, um die Lagerstätten von versteinerten Muscheln zu sehen, von denen ihm gesagt worden war, dass er sie besuchen müsse. Sie waren erstaunlich: lange Bänke verkalkter Mollusken, die, wie Darwin richtig ableitet, durch die langsame Bewegung der Erdkruste emporgehoben worden waren bis zu ihrem aktuellen Platz einige Meter über dem Meeresspiegel. Nachdem er die Muscheln gesehen und auch beobachtet hatte, wie eine Horde von Einheimischen mit Pickeln und Schaufeln ganze Karrenladungen davon plünderte, um daraus Kalk zu brennen, reitet Darwin landeinwärts durch das weite und fruchtbare Quillota-Tal. (»Wer auch immer Valparaiso das paradiesische Tal genannt hat, muss dabei an Quillota gedacht haben«, vermerkt er später in seinem Tagebuch.) Das Tal ist dicht bewachsen mit Olivenhainen, dazwischen stehen kleine viereckige Obstgärten mit Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäumen, die von den Talbewohnern zurechtgestutzt wurden. An den höher gelegenen Hängen leuchten fruchtbare Weizenfelder im Licht der Sonne, und darüber erhebt sich die »Glocke von Quillota«, ein 1900 Meter hoher Berg mit angeblich großartigem Ausblick. Darwin war hierhergekommen, um diesen Berg zu besteigen.

Nachdem er eine Nacht in einer Hazienda am Fuß des Berges verbracht hat, beschafft sich Darwin einen Gaucho als Führer sowie frische Pferde und beginnt den schwierigen Aufstieg durch die Haine aus dickstämmigen Palmen und hohem Bambus, die an der Bergflanke prächtig gedeihen. Die Pfade sind nicht gut beschaffen und bei Einbruch der Nacht haben die Männer nur drei Viertel der Strecke bis zum Gipfel bewältigt. Sie stellen ihr Lager neben einer Quelle auf, und unter einem Bambushain macht der Gaucho ein Lagerfeuer, an dem er Streifen von Rindfleisch brät und für den Mate-Tee Wasser zum Kochen bringt. In der Dunkelheit tanzt der Feuerschein an der Wand aus Bambus und für einen kurzen Moment wirkt dies auf Darwin wie die Architektur einer exotischen Kathedrale, die von flackernden Flammen beleuchtet wird. Die Atmosphäre ist so klar und mondhell, die Luft so rein, dass Darwin die einzelnen Masten der Schiffe erkennen kann, die vierzig Kilometer vor Valparaiso ankern. Sie sehen aus wie kleine schwarze Striche.

Früh am nächsten Morgen steigt Darwin über die Felsböcke aus Grünschiefer hinauf zum flachen Gipfel. Von dort schaut er hinüber zu den weißen Türmen und Bastionen der Anden und hinab zu den Wunden an den Flanken der niedrigeren Hügel, welche die gefräßigen chilenischen Goldminen dort zurückgelassen hat. Die Aussicht überrascht ihn:

Wir verbrachten den Tag auf dem Gipfel, und ich habe keinen Tag mehr genossen als diesen. Die Freude über den Ausblick, der an sich schon schön war, wurde noch verstärkt durch die zahlreichen Überlegungen, die sich allein schon durch den Anblick des großen Massivs ergaben. […] Wer hegt denn keine Bewunderung für die wundersamen Kräfte, die diese Berge hochgehoben haben. Und noch mehr für die unzähligen Jahrtausende, die dafür erforderlich waren, solche Massive zu durchbrechen, abzutragen und dem Erdboden gleichzumachen? Es empfiehlt sich, in einem solchen Moment an die riesigen Sediment- und Schotterebenen Patagoniens zu denken, die, wenn man sie auf die Kordilleren häufen würde, diese um mehrere Tausend Meter anwachsen ließe. Als ich in diesem Land war, wunderte ich mich, dass eine Gebirgskette, die solche Geröllmengen liefern kann, noch immer existiert. Wir dürfen nun dieses Wunder nicht mehr bezweifeln, dass die allmächtige Zeit so gigantische Berge wie die Kordilleren zu Kies und Schlamm zernagen kann.

Aus seiner Adlerhorst-Perspektive schweifen Darwins Augen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Tatsächlich ist das Vergnügen beim Anblick der Landschaft, die sich unter ihm erstreckt, zweitrangig im Vergleich zu der imaginären Landschaft, die er in seiner Vorstellung sieht: die riesigen schneebedeckten Gipfel und Massive, die hier einmal existiert haben müssen, die jedoch »dank der wunderbaren geologischen Kräfte« nicht mehr da sind. Darwin blickt in Wirklichkeit mit seinem inneren Auge von einer Bergkette zur anderen, die dank Lyells Theorien erst seit Kurzem auf fantastische Weise für ihn sichtbar geworden sind.

Momente wie diese gibt es in Hülle und Fülle in Darwins Tagebüchern. Am spannendsten für die vielen Leser seines veröffentlichten Reiseberichtes The Voyage of the Beagle (seinerzeit ein Bestseller), war die Erfahrung, dass man mit Darwin nicht nur zur sturmgepeitschten Landspitze von Tierra del Fuego (»Feuerland«) und zu den silbernen Wüsten von Patagonien reisen konnte, sondern auch vor und zurück innerhalb der vor Kurzem entdeckten riesigen geologischen Zeiträume. Die Beagle war eines der ersten Schiffe, die Zeitreisen ermöglichten – ein Prototyp der »Starship Enterprise«, die von einem Gemisch aus Darwins wunderbarer Vorstellungskraft und Lyells Einblicken angetrieben wurde.


Jeder, der schon in wilden Gegenden unterwegs war, wird auf irgendeine Weise jene Tiefe der Zeit erlebt haben, die John Playfair in Berwick und Darwin in Chile empfanden. Es war früh im März als ich durch das Strath Nethy wanderte, ein langes schottisches Tal jenseits der Cairngorm Mountains. Wie alle Glens in diesem Teil der Welt bildet sein Querschnitt die Form eines abgeflachten U. Es ist so geformt, weil das Schottische Hochland bis vor rund 8000 Jahren von Gletschern bedeckt war, ebenso wie Teile von Wales und dem Norden Englands, fast ganz Nordamerikas und weite Teile von Europa. Diese Gletscher bewegten sich langsam über das Land, schliffen es ab, zermalmten es und formten es wieder neu.

Als ich an diesem Tag durch das Tal wanderte, konnte ich auf beiden Seiten in etwa zwei Drittel Höhe die Höchststandmarke des Gletschereises erkennen, markiert durch die Blöcke, die dort oben einst in einer unregelmäßigen Reihe abgelagert wurden wie Treibgut am Strand. Auch die Flanken des Tales waren seitlich eingeschnitten von Dutzenden kleinen Bachläufen. In den Millionen von Jahren seit sich der Gletscher aus dem Tal zurückgezogen hatte, haben sich die Bachläufe tief in den Granit hineingefressen durch das ständig daran nagende Regenwasser, das über dessen Flanken rann. Hat das Wasser erst einmal eine Rinne gefunden, wird diese vertieft, indem Gesteinspartikel ausgespült werden oder dazu beitragen, andere Partikel herauszulösen, bis es sich schließlich eine Rinne geschaffen hat, die dann zum Kanal wird und schließlich zum Bachbett.

Ich folgte dem Verlauf eines dieser Bäche und stieg den östlichen Abhang hoch bis zur Markierungslinie. Der Heidebewuchs darauf war wegen der schmelzenden Schneereste rutschig, und ich musste oft mit einer Hand hineingreifen, um mich abzustützen. Als ich in die Nähe der Blöcke kam, schreckte ich ein Schneehuhn auf und es flog keckernd hinauf in den weißen Himmel, von dem sich seine Silhouette abzeichnete.

Als ich die Blöcke schließlich erreichte, waren meine Finger kalt. Ich rieb sie aneinander, ging von Block zu Block talaufwärts und stellte mir dabei vor, wie das Eis die Schlucht wie eine Badewanne auffüllte. Jeder Felsblock, an dem die tagsüber gespeicherte Wärme den Schnee der Umgebung weggeschmolzen hatte, war von dunkler Erde umgeben. Ich ging weiter, bis es steiler wurde und ich zurück zum Talgrund musste. Der Pfad brachte mich in die Nähe einer frei liegenden Felsfläche von etwa zehn Quadratmetern. Ich ging hinüber und in die Hocke, um sie zu untersuchen. Die waagrecht verlaufenden Schleifspuren zeigten, dass der Fels einst vom Gletscher bearbeitet worden war, der dieses Tal geschaffen hatte, und er eine jener Stellen war, an denen der Gletscher seinen gewaltigen Bauch gerieben hatte.

Ich schaute hoch. Es hatte vor Kurzem geschneit und die Hügel, die hinter dem Tal zu sehen waren, waren unter einer dünnen Schneeschicht grau. Ihre Umrisse wirkten dadurch weicher. Auf diese Entfernung waren sie vor dem weißen Winterhimmel kaum noch zu erkennen und nur ein paar dunkle Striche deuteten ihre Konturen an. Sie erinnerten mich an Kohlezeichnungen oder chinesische Aquarelle.

Nach zwei Stunden erreichte ich den Taleingang, der im Westen bewacht wird vom kegelförmigen Stac-on-Iolaire, dem Adlerfels, und im Osten von Bynack More und Bynack Beg. Als ich zurückblickte zu den Wäldern im Norden, sah ich vielleicht in einer Entfernung von einem Kilometer – rostfarben auf weiß – ein Rudel Rotwild, das über die Flanke lief und die Beine immer dort höher hob, wo der Schnee oder die Heide tiefer wurden. Ich stand einige Minuten lang da und beobachtete die Prozession der Rehe, die einzigen Objekte in dieser Landschaft, die sich bewegten, und wurde plötzlich jäh von der Zeit fortgerissen. Vor 20 000 Jahren, im Zeitalter des Pleistozäns, lag dieser von Heide überwachsene Granit, über den die Rehe zogen, unter Millionen Kubikmetern Eis begraben. Vor 60 Millionen Jahren, als Schottland gewaltsam von Grönland und Nordamerika abgetrennt wurde, ergoss sich Basaltlava über das Land. Vor 170 Millionen Jahren driftete Schottland durch die nordischen Tropen, und dort, wo ich stand, war eine trockene rötliche Wüstenlandschaft. Und vor etwa 400 Millionen Jahren existierte in Schottland ein Gebirge mit den Ausmaßen des Himalaja, von dem nur erodierte Stummel übrig geblieben sind.


Loch Ruicht und Cairngorm

Selbst wenn man nur Grundkenntnisse der Geologie besitzt, so verleihen sie einem doch die Fähigkeit, die Landschaft mit anderen Augen zu sehen. Sie ermöglichen den Blick zurück in Zeiten, in denen sich Felsen verflüssigen und Meere versteinern, in denen Granit herumschwappt wie Haferschleim, Basalt wie Eintopf köchelt und Kalksteinschichten so leicht zusammengefaltet werden wie Wolldecken. Durch die Schauspiele der Geologie wird die Terra firma zur Terra mobilis, und wir werden gezwungen, unsere bisherigen Überzeugungen darüber, was fest ist und was nicht, zu hinterfragen. Wenn wir also dem Gestein die Macht zusprechen, die Zeit zu überdauern und ihre Tribute zurückzuweisen (durch Steinhügel, Steinplatten, Monumente, Statuen), dann stimmt das nur in Bezug auf unsere eigene Vergänglichkeit. Betrachtet man dies im Kontext des größeren geologischen Rahmens, dann ist Fels genauso dem Wandel unterworfen wie jede andere Substanz.

Vor allem aber ist die Geologie eine eindeutige Herausforderung für unser Verständnis von Zeit. Sie verursacht Schwindelgefühle beim Gedanken an das Hier und Jetzt. Die imaginäre Erfahrung dessen, was der Schriftsteller John McPhee »tiefe Zeit« nannte, also einer Zeit, deren Einheiten nicht aus Tagen, Stunden, Minuten oder Sekunden bestehen, sondern aus Millionen von Jahren, reduziert die menschliche Existenz zu einem winzigen Punkt auf der unendlichen Achse der Zeit.

Betrachtet man die Ausmaße dieser »tiefen Zeit«, dann wird man auf wunderbare und zugleich furchterregende Weise mit dem völligen Zusammenbruch der Gegenwart konfrontiert, die zum Nichts wird angesichts der vergangenen und der zukünftigen Zeiten, die viel zu ausgedehnt sind, als dass man sie sich vorstellen könnte. Und das ist sowohl ein körperlicher als auch ein geistiger Schock. Sich einzugestehen, dass der harte Fels eines Berges durch den Zahn der Zeit verletzbar ist, ist die Voraussetzung dafür, über die entsetzliche Vergänglichkeit des menschlichen Körpers nachzudenken. Die Betrachtung der Tiefe der Zeit hat aber auch etwas seltsam Erregendes. Man lernt dabei unmissverständlich, dass man nur ein winziger Punkt ist in den Weiten des Universums. Man wird aber auch mit der Erkenntnis belohnt, dass man existiert – so unwahrscheinlich einem das auch vorkommen mag, man existiert.


Die Principles of Geology von Charles Lyell und all die anderen geologischen Arbeiten, die kurz danach versuchten, es ihm gleichzutun, öffneten die Augen der Menschen des 19. Jahrhunderts für die dramatische, verborgene Vergangenheit der Erde. Die allgemeine Vorstellungskraft begann, sich mit der Ästhetik einer maßlosen Langsamkeit und mit den allmählichen Veränderungen über Epochen hinweg auseinanderzusetzen. Und welche Position man auch immer vertrat gegenüber den großen Bewegungen der geologischen Debatte oder den diversen kleinen Erschütterungen und Konflikten, die die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts beunruhigten: Das, was absolut verwunderlich und erschreckend zugleich war, das war das unbeschreibliche Alter der Erde. In knapp einem halben Jahrhundert hatte die Geologie die Erdgeschichte um Milliarden von Jahren in Richtung Vergangenheit enthüllt.

Das 17. und 18. Jahrhundert waren Zeitalter, in denen sich der Raum ausdehnte, in denen das Reich des Sichtbaren durch das Mikroskop und das Fernrohr stark vergrößert wurde. Es gibt Bilder aus dieser Zeit, die daran erinnern, wie überraschend diese plötzliche Ausdehnung des Raumes gewesen sein muss. Da wäre beispielsweise der holländische Linsenschleifer Antony van Leeuwenhoek, der 1674 in sein rudimentäres Mikroskop blickt und eine große Anzahl an Mikroorganismen erblickt, die sich in einem Wassertropfen sammeln: »Die Bewegung der meisten dieser Kleinstlebewesen im Wasser war so schnell, mal auf und ab und rundherum, dass es wunderbar anzuschauen war […].«

Oder auch Galileo Galilei, der 1609 durch sein Teleskop zum Mond hinaufschaut und als erster Mensch feststellt, dass es dort oben hohe Berge und tiefe Täler gibt. Und schließlich Blaise Pascals Mischung aus Erstaunen und Entsetzen als ihm klar wird, dass der Mensch unsicher schwankend zwischen zwei Abgründen steht: zwischen der unsichtbar winzigen Welt der Atome mit der Unendlichkeit ihrer Universen, von denen jedes einzelne aus Firmament, Planeten und »Erde« besteht, sowie dem unsichtbaren Kosmos, der zu groß ist, ihn zu überblicken, und der sich mit der Unendlichkeit seiner Universen unermesslich weit über dem nächtlichen Himmel ausbreitet.

Das 19. Jahrhundert war dann das Zeitalter, in dem die Zeit ausgedehnt wurde. Die beiden vorausgehenden Jahrhunderte hatten die sogenannte Pluralität der Welten zum Vorschein gebracht, die in den Traktaten über den Raum und über den Mikrokosmos der Atome existierten. Die Geologie des 19. Jahrhunderts zeigte dagegen die Vielzahl der Welten, die früher auf der Erde existiert hatten, jetzt aber verschwunden waren. Einige der Bewohner dieser früheren Welten sorgten dabei für mehr Aufregung als alle anderen Entdeckungen aus diesen uralten Zeiten. Das waren eine ganze Reihe monströser Kreaturen, die einst auf der Erde gelebt hatten: Mammuts, andere Säugetiere, Meeresdrachen und die Dinosaurier (wortwörtlich: »beängstigend große Echsen«), wie sie 1842 vom Paläontologen Richard Owen getauft wurden. Jahrhundertelang hatte man versteinerte Knochen und Zähne aus dem Boden geholt, aber erst im frühen 19. Jahrhundert wurde erkannt, dass einige dieser Relikte von verschiedenen ausgestorbenen Arten stammten.


»The Rocks and Antediluvian Animals«, Frontispiz aus Ebenezer Brewers Theology in Science (1860)

Der französische Naturhistoriker Georges Cuvier (1769–1832) trug mehr als jeder andere zu dieser Erkenntnis bei. Es war Cuvier, der in der Kontroverse über das Artensterben nicht nur den Beweis lieferte, sondern auch den erforderlichen konzeptionellen Rahmen dafür schuf, Dinosaurier als versteinerte Tiere betrachten zu können. Cuviers Fallbeispiel war das behaarte Mammut. Indem er den Aufbau versteinerter Knochen des Mammuts mit dem von zeitgenössischen afrikanischen und indischen Elefanten verglich, bewies er, dass die fossilen Knochen zu einer anderen Spezies gehörten. Im Jahre 1804 überraschte er seine Hörer am Institut National de Paris mit der Behauptung, dass riesige, stark behaarte Elefanten, die nicht mehr auf der Erde leben, einst Frankreich bewohnten und mit großer Wahrscheinlichkeit in Herden auch dort hindurchgestampft sind, wo sich nun die makellosen Gärten von Versailles befanden. Da Cuvier hinsichtlich seines Körperumfangs als ein durchaus gewichtiger Mann bezeichnet werden konnte, bekam er zwangsläufig bald den Spitznamen »das Mammut«.

Cuvier wurde zu Lebzeiten zu einer Berühmtheit, zum Teil wegen seines phänomenalen Gedächtnisses – er war bekannt dafür, sich an alle 19 000 Bücher in seiner Bibliothek erinnern zu können –, vor allem aber als Anatom. Während Hutton die bemerkenswerte Fähigkeit hatte, Felsen in ihre Einzelbestandteile zu zerlegen, war Cuvier derjenige, der die Großtiere Europas aus ihren versteinerten Knochen rekonstruieren konnte und in der Lage war sich vorzustellen, wie diese Biester, die einst über die Erde zogen, wohl ausgesehen hatten. Er verband überdimensionale Skelettteile durch Draht miteinander, bettete Knochenbestandteile in Zement ein und entwickelte mithilfe von Illustratoren die ersten Darstellungen von Dinosauriern. Auf viele wirkte Cuviers Arbeit mehr wie die eines Thaumaturgen, eines Wundertäters, denn als Arbeit eines Taxidermisten, eines Tierpräparators. Er hauchte nicht nur diesen Kreaturen Leben ein, sondern ganzen Epochen. – »Ist Cuvier nicht der größte Poet unseres Jahrhunderts?«, schrieb Balzac später verzückt über ihn.

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