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Robert Macfarlane Berge im Kopf
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Für Burnet ist es ein Vorwand, den katholischen Kontinent zu besuchen. Die beiden werden mit ihrem mürrischen Führer und seinen wiehernden Maultieren den Simplon-Pass überqueren und danach Richtung Süden reisen, am schillernden Lago Maggiore entlang, dann durch die Obstgärten und Dörfchen der Gebirgsausläufer, schließlich über das grüne Fries der Lombardischen Ebenen bis hinab zu den blassen, erbaulichen Städten Norditaliens, die der Junge sehen muss – an erster Stelle Mailand.

Simplonpass mit Böshorn und Fletschhorn
Doch zunächst steht die Überquerung der Alpen an. Es gibt wenig, was den Simplon-Pass anziehend macht. Am höchsten Punkt des Passes steht eine rudimentäre Herberge, aber sie ist kein angenehmer Ort für eine Übernachtung. Die Kälte dort oben geht einem bis auf die Knochen, und es gibt Bären und Wölfe in der Gegend. Die Herberge selbst ist eigentlich ein Schuppen und wird bewirtschaftet von Savoyarden, Schäfern, die widerwillig auch noch die Gäste betreuen.
Trotz dieser zahlreichen Unannehmlichkeiten ist Burnet glücklich. Denn hier hat er mitten in den Bergen einen Ort entdeckt, der vollkommen anders ist als jeder andere Ort, den er kennt, und der sich so seinen Vergleichsmöglichkeiten entzieht. Für Burnet ist diese Landschaft wahrlich einzigartig auf dieser Erde. Obwohl es Sommer ist, liegt dort Schnee in hohen, vom Wind geformten und hart gefrorenen Verwehungen, denen die Sonne offenbar nichts anhaben kann. Im Sonnenlicht schimmern sie golden, im Schatten sehen sie aus wie das cremige Grauweiß von Knorpel. Felsbrocken so groß wie Gebäude liegen dort verstreut und werfen blaue Schatten. Das Geräusch fernen Donners rollt von Süden heran, doch die einzigen Blitze sind mehr als eintausend Meter unterhalb von Burnet über dem Piemont sichtbar. Er ist entzückt davon, über dem Gewitter zu sein.
Dort unten in Italien sind die berühmten Ruinen von Rom, die der junge Graf als Teil seiner Lektion über die Antike besuchen muss, weiß Burnet. Auch Burnet selbst bleibt nicht unberührt angesichts der Pracht von Roms zerstörten Tempeln und den vergoldeten, weinenden Heiligen in den Nischen der Kirchen. Aber dort oben ist etwas, das er später beschreiben wird als »diese ungeheuren Gebirgsformen« zwischen dem gigantischen Geröll der Alpen, das für Burnet letztendlich viel beeindruckender und überwältigender ist als die Ruinen von Rom. Obwohl Burnet die Berge schon wegen seines Alters als feindlich und abweisend empfinden muss, fühlt er sich auf seltsame Weise von ihnen angezogen. »Sie haben etwas Erhabenes und Würdevolles«, schrieb er nach der Überquerung des Simplon-Passes,
etwas, das den Geist zu großen Gedanken und Leidenschaft inspiriert […]. Wie all jene Dinge, die zu groß sind, um sie begreifen zu können, erfüllen und überfluten sie den Geist durch ihr Übermaß und versetzen ihn in einen angenehmen Zustand von Benommenheit und Vorstellungskraft.

Während seines zehnjährigen Aufenthalts auf dem Kontinent hat Thomas Burnet zusammen mit verschiedenen jungen Zöglingen mehrmals die Alpen und den Apennin überquert. Der mehrmalige Anblick dieser »wilden, großen, unverdauten Haufen aus Steinen und Erde« ließ in Burnet den Wunsch reifen, den Ursprung dieser fremden Landschaft verstehen zu können. Warum sind diese Felsen so weit verstreut? Und warum hatten die Berge so eine starke seelische Wirkung auf ihn? Die Berge beschäftigten Burnets Fantasie und seine Forscherinstinkte so stark, dass er befand, sich nicht mehr wohlfühlen zu können, bevor er nicht eine akzeptable Erklärung dafür gefunden habe, »wie es zu diesem Durcheinander in der Natur gekommen ist«.
Und so begann Burnet an seinem kunstvollen, apokalyptischen Meisterwerk zu arbeiten, dem ersten Buch, das den Bergen, den zeitlosesten aller Objekte, eine Vergangenheit zuschrieb. Burnet schrieb in einer Zeit, die man in Europa als bedrohlich empfand. In den Jahren 1680 und 1682 wurden ungewöhnlich grelle Kometen am Himmel beobachtet. Edmond Halley hatte bei seinen Himmelsbeobachtungen von der Spitze eines Vulkans seinen eigenen glühenden Boten ausgemacht, ihn nach sich selbst benannt und seine Rückkehr im Jahre 1759 korrekt vorausgesagt. In ganz Europa wurden Tausende von Flugblättern gedruckt, die bevorstehende Katastrophen für die zivilisierten Länder ankündigten: den Tod von Königen, die Ernte zerstörende Stürme, Dürrekatastrophen, Schiffsuntergänge, Pest und Erdbeben. In dieser von Anzeichen und Omen gesättigten Atmosphäre erschien 1681 Thomas Burnets The Sacred Theory of the Earth, das zuerst in Latein in einer bescheidenen Auflage von 25 Exemplaren erschien und eine kleine, kecke Widmung an den König trug, die auf die Dummheit seiner Majestät verwies. Burnets Buch befasste sich nicht mit zukünftigen Katastrophen, sondern mit dem größten Unglück aller Zeiten, der Sintflut. Sein Buch erschütterte den biblisch-orthodoxen Glauben an das seit Urzeiten unveränderte Antlitz der Erde, und es prägte entscheidend die Art und Weise, wie man sich damals die Berge vorstellte und sie wahrnahm. So verdanken wir es zum Teil Burnets jahrzehntelangem Nachdenken über Zerstörung, dass wir uns heute überhaupt vorstellen können, dass Landschaften eine Vergangenheit haben, eine eigene, lange Entwicklungsgeschichte.

Vor Burnet fehlte den Vorstellungen von der Erde eine vierte Dimension, die Zeit. Was, so dachte man, könnte denn beständiger sein als die Berge, und was könnte länger existieren als sie? Sie wurden von Gott in ihrer gegenwärtigen Form geschaffen und würden nun für immer und ewig so bleiben. Vor dem 18. Jahrhundert bestimmte die biblische Erzählung der Schöpfungsgeschichte, wie man sich die Vergangenheit der Erde vorzustellen hatte, und laut Bibel war die Erde erst vor relativ kurzer Zeit entstanden. Im 17. Jahrhundert gab es mehrere geniale Versuche, aus den in der Bibel enthaltenen Informationen ein Ursprungsdatum der Erde zu berechnen. Der bekannteste Versuch stammte von James Ussher, dem Erzbischof von Armagh, dessen zweifellos gewissenhafte Berechnung zum Ergebnis hatte, dass die Geburtsstunde der Erde am Montag, den 26. Oktober im Jahre 4004 vor Christus um 9 Uhr morgens war. Usshers Chronologie für die Erschaffung der Erde stammt aus dem Jahre 1650 und wurde als Fußnote noch in den englischen Bibeln des frühen 19. Jahrhunderts abgedruckt.
Daher war zu Burnets Zeit die orthodoxe christliche Vorstellung fest verankert, dass die Erde keine Geschichte habe. Man glaubte damals, dass sie nicht älter als 6000 Jahre und in dieser Zeit nicht erkennbar gealtert sei. Keine Landschaft besaß eine interessante Vergangenheit, denn die Erdoberfläche hatte immer gleich ausgesehen. Berge waren wie alles auf der Welt in jener ersten Woche der fieberhaften Schöpfung entstanden, die in der Genesis beschrieben wird. Sie wurden am dritten Tag geschaffen, also am selben Tag, an dem die Polarzonen vereist und die Tropen aufgeheizt wurden. Seither hatte sich ihr Erscheinungsbild kaum verändert, abgesehen vom kosmetischen Effekt des Flechtenwuchses und einer leichten Verwitterung. Sogar die Sintflut hatten sie ohne Folgen überstanden.
Das entsprach der damaligen allgemeinen Sichtweise. Thomas Burnet war jedoch überzeugt davon, dass der Bibeltext über die Schöpfungsgeschichte, so wie er damals verstanden wurde, das Erscheinungsbild der Welt nicht erklären konnte. Vor allem beschäftigte Burnet die Strömungstheorie der Sintflut. Er wollte wissen, wo auf der Erde denn das Wasser zu finden sein sollte für eine Sintflut, die so hoch war, dass sie, wie die Bibel beschrieb, die »höchsten Berggipfel bedecken konnte«.
Burnet berechnete, dass für eine globale Überschwemmung dieser Tiefe das Wasser »von acht Ozeanen« erforderlich gewesen wäre. Die in der Genesis beschriebenen vierzig Regentage hätten aber höchstens für einen Ozean gereicht. Nicht einmal genügend Flüssigkeit, um auch nur die Füße der meisten Berge zu benetzen. »Wohin sollen wir denn gehen, um mehr als sieben Ozeane mit Wasser zu finden, die wir noch brauchen«, fragte Burnet. Er kam zu dem Schluss, dass es, wenn es nicht genügend Wasser gegeben hatte, weniger Erde gegeben haben musste. So entwickelte er seine Theorie vom »Mundane Egg«, dem Weltenei. Demnach war die Erde sofort nach ihrer Erschaffung ein ovaler Kugelkörper mit gleichmäßigen Formen gewesen, also ein Ei. Es war makellos in seiner Erscheinung und gleichmäßig in seiner Beschaffenheit, ohne Hügel oder Täler, die seine liebliche Form unterbrochen hätten. Unter der porzellanähnlichen Oberfläche verbarg sich jedoch eine komplizierte Innenarchitektur. Das »Eigelb« im Herzen der Erde war mit Feuer gefüllt und umgeben von mehreren Ringen, die in einander steckten wie die verschiedenen Puppen einer russischen Matrjoschka. Und das »Eiweiß,« Burnet war beharrlich in der Anwendung seiner Metaphern – war demnach ein mit Wasser gefüllter Abgrund, auf dem die Erdkruste trieb. So war die Burnetsche Erde beschaffen.
Burnet führte weiter aus, dass die Oberfläche des jungen Globus bei seiner Geburt zwar makellos gewesen sei, aber nicht unantastbar. Im Laufe der Jahre wurde die Kruste von der Sonneneinstrahlung ausgetrocknet und bekam Risse und Brüche. Von unten begann das Wasser immer stärker gegen die geschwächte Kruste zu drücken, bis es dann, dem Willen des Schöpfers entsprechend, zu »dieser großen, fatalen Überschwemmung« kam, der Sintflut. Die inneren Wassermassen und Feuerschlote brachen schließlich die Erdkruste auf. Einzelne Abschnitte der Kruste fielen in den frisch aufgerissenen Abgrund und die aufbrausenden Fluten überschwemmten die restlichen Landmassen. Sie bildeten einen »großen, ohne Grenzen oder Ufer in der Luft kreisenden Ozean«, wie Burnet auf anschauliche Weise beschrieb. Die physikalischen Bestandteile der Kruste, eine Mischung aus Fels und Erde, wurden weggeschwemmt. Und als sich die Wassermassen wieder zurückzogen, hinterließen sie Chaos. In Burnets Worten: »[E]ine Welt, die in ihrem Schutt lag.«
Burnets Theorie bedeutete nichts anderes, als dass der Globus, so wie er und seine Zeitgenossen ihn kannten, nichts anderes war als »das Bild oder Abbild eines großen Untergangs« und ein sehr schlechtes Abbild noch dazu. Als Bestrafung für die Gottlosigkeit der menschlichen Rasse hatte Gott mit einem einzigen Schlag »den Rahmen der alten Welt gesprengt und auf deren Ruinen eine neue entstehen lassen, die wir nun bewohnen«. Die Berge, die chaotischsten und charismatischsten aller Landschaftsformen, waren also nicht ursprünglich von Gott erschaffen worden. Sie waren nur die Überbleibsel nach dem Rückzug der Flut, nämlich Fragmente der Erdkruste, die von den kolossalen Kräften der Flut herumgewirbelt und aufeinander getürmt worden waren. Die Berge waren folglich nichts anderes als gigantische Andenken an die menschliche Sündhaftigkeit.

Die Illustration zeigt drei aufeinanderfolgende Stadien des Absinkens der Erdkruste in den Abgrund aus Wasser [1]. Das untere und letzte Bild zeigt die Entstehung der Berge [2] und Inseln [3].
Die englische Übersetzung von Burnets Buch im Jahre 1684 löste eine ganze Reihe hastiger Veröffentlichungen aus. Viele waren irritiert von seiner Annahme, dass die Erde in ihrem gegenwärtigen Zustand nicht vollkommen sei, und auch davon, dass er die konventionelle Interpretation der Heiligen Schrift infrage stellte. Sie versuchten, seine ehrwürdige Theorie zu widerlegen. Die Kontroverse führte dazu, dass sich Burnets Ideen und die Gegenargumente in intellektuellen Kreisen rasch verbreiteten. Sowohl die Verteidiger als auch die Kritiker sprachen nur noch von der »Theorie«, wenn sie sich auf The Sacred Theory of the Earth bezogen, und bei nicht genauer erläuterten Bezügen zum »Theoretiker« war stets Burnet gemeint. Stephen Jay Gould, der amerikanische Wissenschaftler, Autor und Humanist, geht davon aus, dass The Sacred Theory das am weitesten verbreitete und meistgelesene Geologiebuch des 17. Jahrhunderts war.
So kam es, dass zum ersten Mal die intellektuelle Vorstellungskraft gefragt war beim Postulieren von Thesen über die Vergangenheit der wilden Landschaften der Erde. Durch die Burnet-Kontroverse wurde die Aufmerksamkeit auf das Erscheinungsbild der Berge gelenkt. Jetzt waren sie nicht mehr nur Tapete oder Hintergrund, sondern Objekte, die verdienten, dass man sie genauer betrachtete. Wichtig ist dabei auch, dass Burnet damals dafür sorgte, dass seine Nachfolger die Berge als furchtbar und aufregend zugleich wahrnahmen: Samuel Taylor Coleridge wurde beispielsweise von Burnets Prosa so aufgewühlt, dass er vorhatte The Sacred Theory in Blankverse zu übertragen. Und die Theorien des Erhabenen von Joseph Addison und Edmund Burke waren ebenfalls von Burnets Werk geprägt. Burnet sah und vermittelte das Großartige einer Berglandschaft und legte damit den Grundstein für eine ganz neue Betrachtungsweise der Berge.

Frontispiz zur zweiten Auflage von Burnets The Sacred Theory of the Earth (1691). Die sieben Erdkugeln stehen – chronologisch im Uhrzeigersinn – für die Stadien der Erdgeschichte, so wie sie in Burnets Buch beschrieben werden.
Doch Burnet hatte wegen seiner Brillanz auch zu leiden. Cambridge hatte einen Cordon Sanitaire, einen Sperrgürtel, aufgebaut, um das Eindringen von schädlichen oder gegenläufigen Ideen zu verhindern. Burnet hatte aber mit der Infragestellung der Heiligen Schrift diese Sicherheitszone durchbrochen. Nach der Glorious Revolution (1686–1688), jenen Vorgängen, die zur Absetzung von König James II. und zur Krönung von William III. und Mary II. einschließlich der Verabschiedung der Bill of Rights führten, wurde Burnet gezwungen, seine Ämter am Hof niederzulegen und wurde bei der Vergabe des Amtes des Erzbischofs von Canterbury übergangen. Seine Reputation als Autor war aber nachhaltiger als seine vagen Verdienste als anglikanischer Geistlicher. Mit seiner These, das Antlitz der Erde müsse nicht immer gleich ausgesehen haben, löste Burnet die noch heute anhaltende Erforschung der Erdgeschichte aus. Im Vorwort seines Buches brüstet er sich damit, dass er »eine Welt wieder hervorgeholt habe, die seit Tausenden von Jahren in Vergessenheit geraten war!«. Er hatte allen Grund, sich damit zu brüsten, denn Burnet war der erste geologische Zeitreisende – ein Eroberer des entlegensten aller Länder: der fernen Vergangenheit.

Burnet hatte zwar infrage gestellt, dass die sichtbare Welt immer gleich aussah, aber er hatte nicht unterstellt, dass sie älter als jene 6000 Jahre sein könnte, die Ussher berechnet hatte. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Alter der Erde maßgeblich älter eingestuft. Einer der bedeutendsten Abweichler von der orthodoxen Übereinkunft der »jungen Erde« war der selbstbewusste französische Naturhistoriker Georges Buffon (1707–1788). In seiner umfangreichen Allgemeinen Naturgeschichte (1749–1788) skizzierte Buffon einen Überblick über die Erdgeschichte, die er in sieben Epochen aufgliederte. Er schlug vor, dass jeder Tag der Schöpfung nur eine Metapher für einen wesentlich längeren Zeitraum sei. In der Öffentlichkeit schätzte er das Alter der Erde auf 75 000 Jahre, obwohl er spürte, dass diese Zahl zu konservativ war. Nach seinem Tod fand man in seinen Notizen die Schätzung von mehreren Milliarden von Jahren.
Buffons Vorgehensweise war schlau, denn indem er jeden biblischen Tag in eine Epoche von unbestimmter Dauer verwandelte, schuf er den Raum und die Zeit, den die Geologen benötigten, um eine authentische Geschichte der Erde entwickeln und dabei gleichzeitig die Heilige Schrift respektieren zu können. Es war das Werk von Buffon und anderen Denkern wie ihm, Usshers präzise Datierung der Erdentstehung auf 4004 vor Christus als ein Totem sklavischer biblischer Auslegung zu entlarven.* Nachdem nun die Vergangenheit der Erde nicht mehr auf 6000 Jahre begrenzt wurde, war es fortan möglich, auf systematischere Weise Vermutungen aufzustellen, welche Veränderungen in größeren Zeiträumen möglich gewesen wären. Die Geologie konnte zur Wissenschaft werden und sich mit dieser neuen alten Erde selbst definieren. Und sie war dabei gleichzeitig gegen den Vorwurf der Blasphemie abgesichert.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sich jene Denker, die sich für die Entstehungsgeschichte der Erde interessierten, in zwei Schulen mit unterschiedlichen Lehrmeinungen aufgesplittet, in die Anhänger der Kataklysmen – oder Katastrophen-Theorie und die des Aktualismus. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Geologen des späten 19. Jahrhunderts, besonders aber Charles Lyell (1979–1875), zu Übertreibungen neigten, wenn sie darauf eingingen, wie sehr sich die Anhänger der beiden Lehrmeinungen intellektuell bekämpft haben. Dabei ist von Bedeutung, dass die Fronten zwischen ihnen, trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten, nie klar abgesteckt wurden.
Die Anhänger der Katastrophentheorie glaubten, dass die Entstehungsgeschichte der Erde von größeren geophysischen Revolutionen bestimmt war – von einer oder vielen »Götterdämmerungen« in der Vergangenheit, welche die Erde mit Wasser, Eis und Feuer heimgesucht und dabei fast jegliches Leben ausgelöscht hatten. Die Erde war demnach ein Friedhof, eine Nekropolis, in der unzählige, jetzt ausgestorbene Arten begraben sind. Hochwasser, globale Tsunamis, schwere Erdbeben, Vulkane, Kometen – Katastrophen wie diese hatten die Oberfläche der Erde erschüttert und bis zu ihrer aktuellen Form gebracht. Eine populäre Theorie des Kataklysmus über die Gebirgsbildung ging etwa davon aus, dass die Erde, die seit ihrem weißglühenden Ursprungszustand abkühlte, langsam an Volumen verlor und ihre Oberfläche in der Folge immer stärkere Falten bekam – genauso wie die Haut eines Apfels schrumpelig wird, wenn er austrocknet. Die Gebirgsmassive der Welt waren folglich nichts anderes als die Falten und Runzeln der irdischen Haut.
Die Gegentheorie zu dieser Vision von den gewalttätigen Vorfällen in der Entwicklungsgeschichte der Erde wurde von den Aktualisten propagiert. Sie hielten dagegen, dass die Erde nie von globalen Katastrophen heimgesucht worden sei. Erdbeben, Vulkane, Überflutungen, ja, zweifellos hatte es diese Phänomene in der Erdgeschichte immer wieder gegeben. Dabei handelte es sich jedoch nur um lokale Katastrophen, welche die Landschaft nur in der Umgebung zerstört und neu geordnet hatten. Gewiss war die Oberfläche der Erde drastischen Veränderungen unterworfen worden – der Beweis dafür war in jedem Gebirgsmassiv oder an jeder Küstenlinie zu erkennen. Diese Veränderung war jedoch erstaunlich langsam verlaufen durch die Zug- und Druckkräfte, die auch jetzt noch an der Erdoberfläche tätig waren.
Mit genügend Zeit, so argumentierten die Aktualisten, konnten die normalen Einsatzkräfte der Natur wie Regen, Schnee, Frost, Flüsse, Meere, Vulkane und Erdbeben die größten Effekte bewirken. Was die Anhänger des Kataklysmus also als Folge eines Unglücks betrachteten, war demnach das Ergebnis eines langsamen, andauernden Bodenkriegs. Der Grundpfeiler der Aktualismus-Theorie lautete, die Gegenwart sei der Schlüssel zur Vergangenheit. Mit anderen Worten: Man kann durch die genaue Beobachtung der gegenwärtig an der Erdoberfläche ablaufenden Prozesse Rückschlüsse auf die Geschichte der Erde ziehen. Das war eine Version der Idee vom steten Tropfen, der den Stein aushöhlt: Lass einem Fluss oder Gletscher genügend Zeit, und er wird einen Berg in zwei Hälften teilen. Zeit, viel Zeit, das war es, was die Aktualisten brauchten, damit ihre Theorien der Arbeitsprozesse aufgingen. Und so datierten sie die Entstehung der Erde viel weiter zurück, als es je zuvor in Betracht gezogen worden war.
Der berühmteste unter den frühen Aktualisten, dem gewöhnlich die Vaterschaft der »Alten Geologie« zugerechnet wird, war der Schotte James Hutton (1726–1797). Hutton besaß eine intuitive Fähigkeit, physikalische Vorgänge umzukehren und Landschaften rückwärts zu lesen. Wie alle Begründer der Geowissenschaft war Hutton ein begeisterter Wanderer und zog jahrzehntelang kreuz und quer durch das schottische Hochland, wobei er versuchte, durch eine Mischung von Induktion und Imagination die Prozesse zu erahnen, die diese Landschaften in ihren gegenwärtigen Zustand gebracht hatten. Während er mit dem Finger über den weißen Quarz strich, der die grauen Granitblöcke in den engen schottischen Glens durchzog, wurde Hutton klar, was einst beim Aufeinandertreffen dieser beiden Felsarten geschehen war: Er »sah« wie der durch unglaublich hohen Druck geschmolzene Quarz sich seinen Weg in die Schwachstellen des Muttergesteins Granit gesucht hatte. Hutton zu folgen bedeutete, in einer Welt mit einer furchterregend weit zurückreichenden Vergangenheit zu leben. John Playfair, einer seiner Kollegen und Bewunderer, beschrieb in einem berühmt gewordenen Bericht, wie er einmal zusammen mit Hutton eine geologische Fundstätte an der Küste von Berwick besuchte. Als Hutton die Bedeutung der Felsstruktur erklärte, schrieb Playfair, war ihm, als »würde der Verstand von Schwindel ergriffen, weil er so tief in den Abgrund der Zeit hinabsah«.
Zwischen 1785 und 1799 erschien Huttons Opus Magnum Theory of the Earth in drei Bänden: ein Destillat seines jahrzehntelangen Nachsinnens über die Entstehung der Landschaft. Darin stellt er die These auf, dass die Erde, so wie wir sie kennen, nur eine Momentaufnahme in einer Reihe von Zyklen unbekannter Zahl ist. Die offensichtliche Dauerhaftigkeit von Bergen und Küstenlinien sei faktisch eine Illusion, entstanden als Folge unserer winzig kleinen Lebensspanne. Wenn wir Äonen von Jahren leben würden, könnten wir nicht nur Zeugen beim Untergang der Zivilisationen werden, sondern auch bei der völligen Umgestaltung der Erdoberfläche. Wir würden sehen, wie Berge durch Erosion vollkommen abgetragen werden und wie sich unter dem Meeresspiegel neue Landmassen bilden. Erodiertes Geröll der Kontinente, das als Sedimentschicht auf dem Meeresgrund abgelagert wurde, würde durch die Hitze des Erdkerns in Gestein umgewandelt und Jahrmillionen später emporgehoben werden, um neue Kontinente und neue Gebirgsmassive zu bilden. Das war der Grund, so Hutton, dass man im Gestein auf Berggipfeln versteinerte Muscheln finden konnte. Nicht etwa, weil sie von der Sintflut dorthin gespült worden wären, sondern weil sie durch die unerbittlichen, langwierigen Prozesse der Erde vom Meeresboden bis zur Bergspitze hochgehoben wurden.
Hutton grenzte das Alter der Erde nicht ein. Seiner Vision zufolge reichte die Erdgeschichte unendlich weit in die Vergangenheit zurück und erstreckte sich unendlich weit in die Zukunft. Der Schlusssatz seines Buches sollte durch die Jahrhunderte hallen: »Das Ergebnis unserer gegenwärtigen Untersuchungen ist, dass wir keinen Hinweis auf einen Anfang haben – und keine Aussicht auf ein Ende.« Diese undefinierte Ausdehnung der Erdgeschichte war der wichtigste Beitrag der Geologie auf die Vorstellungen der Allgemeinheit.

Welchen Einfluss hatte diese geologische Revolution auf das Bild, das man sich von den Bergen machte? Nachdem die Geologen gezeigt hatten, dass die Erde Millionen von Jahren alt ist und immensen Veränderungen unterworfen war und noch immer ist, konnten die Berge nie mehr so betrachtet werden wie zuvor. Plötzlich wurde diesen Sinnbildern der Beständigkeit eine aufregende und verblüffende Wandlungsfähigkeit zugesprochen. Die Berge, die so beständig und zeitlos wirkten, hatten sich in Wirklichkeit über unzählige Jahrtausende hinweg gebildet, verformt und wieder neu gebildet. Ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild war nur eine Phase im unendlichen Kreislauf von Erosion und Gebirgsbildung, der die Gestalt der Erde prägte.
Eine neue Generation von Bergsteigern wurde von den gespenstischen Landschaften angezogen, die sich bei der Untersuchung durch die Geologen plötzlich aufgetan hatten. »Was ich so klar wie nie zuvor erkannte«, schrieb 1780 Horace-Bénédicte de Saussure, der Genfer Naturwissenschaftler, »das war das Grundgerüst all dieser großen Berge, ihre Beziehung zueinander und deren wahre Struktur, die ich schon früher so gerne verstanden hätte.«