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Timm Kruse Pilgern mit Paddel
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Ich fand die Idee brillant, aber in meinem Zustand nicht durchführbar. Auf dem Rückflug kämpfte ich mit den Tränen, hasste mich selbst für meinen Dickkopf und schwor mir, in Zukunft besser auf deutliche Zeichen wie einen verstauchten Fuß zu hören.
Doch die Idee, den nördlichen Jakobsweg zu paddeln, war geboren und wuchs stetig in mir. Ich fing an zu recherchieren, ob schon mal jemand den Jakobsweg über die Biskaya bewältigt hatte. Im Internet fand sich nichts. Konnte man die Biskaya überhaupt SUPen? Kaum eine Meeresregion hat einen schlechteren Ruf als die spanische Nordküste. Doch im Sommer schien ein solches Abenteuer zumindest nicht völlig unmöglich.
Als mein Fuß zwei Monate später, Ende August, endlich wieder schmerzfrei war, beschloss ich spontan, nach Bilbao zu fliegen und zwei Wochen auf dem Jakobsweg zu pilgern, die Energie dieser Strecke zu spüren und vor allem zu schauen, wie das Meer aussieht. An zwei Tagen lieh ich mir ein SUP und paddelte für ein paar Stunden die Küste entlang. Es ging. Die restliche Zeit wanderte ich und wusste, dass im kommenden Jahr ein gewaltiges Abenteuer auf mich warten würde.Und hier sitze ich jetzt – teilweise überwältigt vor Glück und dann wieder niedergeschlagen und fast verzweifelt, weil dieser Weg bisher größtenteils so hart war. Aber vielleicht soll ein Pilgerweg so sein.
Turtle und ich machen uns bereit für Tag vier, rollen unser Zeug von unserem Zeltplatz mit seiner herrlichen Aussicht zum Anlandesteg runter, trinken vor der Abfahrt noch schnell einen Kaffee in einem kleinen Laden am Strand und besprechen den Tag. (BILD 18) Als wir eine Viertelstunde später zurück am Hafen sind, ist mein Brett verschwunden. Panik breitet sich in mir aus: Jemand hat das Brett geklaut. Es liegt in einem Lkw auf dem Weg zum Verkauf. Jemand macht sich einen Scherz. Jetzt ist die Pilgerreise vorbei. Dieses Abenteuer soll doch nicht geschehen. Tausend solcher Gedanken rasen durch meinen Kopf, anstatt an das Naheliegendste zu denken: Das Wasser ist gestiegen, und mein Brett ist abgetrieben. Ich renne also um den Steg herum und sehe es brav und friedlich vor einem Ponton mit Fischerbooten treiben. Turtle runzelt kurz die Stirn, lächelt, steigt auf sein Brett und rettet die Situation in seiner ausnahmslos entspannten Art.
Noch sind wir völlig unerfahren in diesem Abenteuer. Wie viele Fehler liegen noch vor uns? Wie viel werden wir dazulernen? Wie häufig werden wir über uns selbst den Kopf schütteln? Das Schönste am Reisen ist, dass man nicht weiß, was man alles nicht weiß. Auf uns wartet ein ruhiges, friedliches, fast freundschaftliches Meer. An Stand-up-Paddeln ist zwar nur kurz zu denken, da die Biskaya weiterhin extrem schwabbelig und das Stehen auf Dauer viel zu anstrengend ist, aber es ist fast windstill und die Wellen rollen lang von der Seite.
Vor uns springt ein riesiger Fisch aus dem Wasser. Sofort machen wir unsere Angelleinen klar – einfache Schnüre mit Plastikfischen daran. Diese Köder lassen wir zu Wasser, um sie hinter uns herzuziehen. Die spartanischste und älteste Art, einen Fisch zu fangen. Heimlich hoffe ich allerdings, dass lieber kein Fisch anbeißen möge. Denn wie sollen wir den an Bord bekommen? Wie sollen wir ihn töten? Mit dem Paddel erschlagen? Wie transportieren? Wie zubereiten? Wir paddeln fünf Stunden, und alle Fische dieses Ozeans ignorieren unsere Köder. Wir beschließen, von jetzt an immer mit Köder zu paddeln. Es wäre aus Anglersicht fast unanständig, dieses Meer nicht um ein paar Fische zu erleichtern.
Das Paddeln geht so einfach heute, dass zwischendurch überwältigende Glücksgefühle in mir aufsteigen. Ich bin auf dem Wasser, was mich per se glücklich macht, sehe rechts von mir das unendliche Meer und links die dramatischen Berglandschaften des Baskenlandes. Aber ich traue dem Braten nicht – nicht auf einer Abenteuerreise. Ich weiß, wie schnell sich das Blatt wenden kann, denn ich habe schon so viel auf meinen Reisen erlebt. Da wir heute so großartig in Form sind, lassen wir unser angepeiltes Ziel, das Dörfchen Deba, links liegen und paddeln eine Bucht und eine Stunde weiter nach Mutriku. Der Hafen hier ist mehr eine Badeanstalt als Bootsanlegestelle. In riesigen Betonbecken spielen Dutzende von Kindern, die Erwachsenen liegen entspannt auf der Kaimauer und genießen den Freitagabend.
Es gibt zwei Welten an der Küste: die Welt des Meeres und die Welt des Landes. Beide berühren sich, werden aber nie eins. Sie werden immer getrennt bleiben und einen nicht enden wollenden Kampf ausfechten. In den meisten spanischen Küstenstädten sollen gewaltige, bis zu zehn Meter hohe Betonmolen das Land vor der Gewalt des Meeres schützen. Diese Wellenbrecher sind alle gleich gebaut und sehen aus, als hätte sie der Architekt aus Mordor, dem Sitz des Bösen im Herrn der Ringe, entworfen: Sie ragen Hunderte von Metern ins Meer hinein, sind aus dunklem Stein gebaut und bilden schlichte, klotzige Mauern, die der Wucht von sekündlich herandonnernden, mehrere Schwimmbecken fassenden Wellen standhalten müssen. (BILD 19) Diese Ungetüme wurden sämtlich mit EU-Mitteln gebaut und sollten Spaniens Dörfern mehr Schutz und gleichzeitig mehr Touristen bescheren. Doch die Touristen bleiben in den kleinen Orten wie Mutriku aus, ganze Restaurantzüge stehen leer und verfallen, Dutzende von Häusern stehen zum Verkauf und die Gebäude rund um den Hafen dürften dem nächsten Wintersturm nicht standhalten.
Noch ist mir Spanien ein Rätsel. Ich kenne Frankreich teilweise besser als Deutschland, da ich dort Jahre meines Lebens verbracht habe. Ich liebe Italien, die Sprache, die Mentalität, das Essen. Aber Spanien? Zwar unter derselben südeuropäischen Sonne, ist die Sprache jedoch so hart wie das Leben, das Land schwer zu bestellen und die Küste so schroff, dass man sich gar nicht ausmalen mag, wie viele Boote hier schon zerschellt sind. Die Küstenorte scheinen sich dem Land anzupassen und wirken uralt, uneinnehmbar, unbezwingbar – aber eben nicht mehr zeitgemäß. Spanien scheint auf widerspenstige Art an seinen Traditionen festhalten zu wollen, selbst, wenn es seinen Untergang bedeutet. Auch die Menschen hier im Baskenland sind nicht per se freundlich. Zumindest die Kellnerinnen und Kellner würde ich als grob und schroff bezeichnen. Aber vielleicht ist es auch der Typ »raue Schale, weicher Kern«.
Auf einer nach EU-Norm angelegten Hafenterrasse spielt eine Band. Zwei junge Baskinnen singen traurige, berührende Lieder auf eine Weise, die mir Tränen in die Augen treibt. Wie kann eine Kultur so traurig sein? So tief und so verzweifelt? Fast brutal archaisch. Und wie können die Sängerinnen dabei so verzweifelt und gleichzeitig glücklich lächeln? Ist das hier noch Europa?
Wir fragen den Kellner, was er uns über das Baskenland erzählen kann. Irgendwie kommt uns das hier alles anders vor als im Rest des Kontinents. »Hier sprechen fast alle Baskisch und Spanisch«, erklärt er uns in flüssigem Englisch. »Die baskische Provinz erhielt Ende der 1970er-Jahre einen Autonomiestatus, sodass es sich recht frei von Madrid selbst regieren kann. Vielen reicht das aber noch nicht. Vor allem den Nationalisten. Sie wollen, dass das Baskenland ein eigener Staat wird. Aber das können die vergessen. Das wird Madrid nie und nimmer zulassen.« Er lacht und hält die Hände in die Luft. »Kann man nichts machen.« »Und wie sieht das mit der ETA aus? Gibt es die noch?«»Die ETA?«, fragt er und legt Sorgenfalten auf. »Das waren Schweine. Sie wollten die Loslösung von Spanien mit Gewalt erzwingen und haben das Gegenteil erreicht. Zum Glück gibt es die ETA nicht mehr.« »Glaubst du, dass ihr irgendwann einen eigenen Staat habt?«»Keine Ahnung. Es wäre schön. Wir haben die älteste Sprache Europas, eine einzigartige Kultur und nur sehr wenig mit dem Rest des Landes gemein. Warum sollten wir nicht ein freier Staat werden? Gleichzeitig: Wollen wir nicht lieber ohne Grenzen leben und diese Vielstaaterei aufheben?« Turtle und ich nicken zustimmend. Ich frage mich schon lange, warum sich jemand unbedingt durch Nationalität, Glaube oder Tradition vom Rest der Menschheit absondern will. Sind wir nicht langsam so weit, dass wir uns über unsere Gemeinsamkeiten definieren sollten und nicht über unsere Unterschiede?
Wir lauschen den Menschen am Nachbartisch. Die Sprache ist faszinierend und scheint so gar nichts mit romanischen oder germanischen Sprachen zu tun zu haben. Angeblich sprechen sie hier so, wie die Menschen vor Tausenden von Jahren. Neben Turtle und mir sitzen zwei Franzosen und lauschen ebenso ergriffen der fremden Musik. In einer der musikalischen Pausen kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Sie sind beide 85 Jahre alt, segeln jedes Jahr für drei Wochen auf dem Atlantik herum und schwören, dass sie das erst lassen werden, wenn einer von beiden stirbt. »Könnte unser letzter Törn sein«, sagt der eine und lacht. Turtle fragt nach ihrem Geheimnis, so alt zu werden und dabei so fit zu bleiben. Der etwas lautere, derbere Typ meint, das liege am Alkohol. Der andere, bescheiden wirkende, sagt: »Zu versuchen, ein glückliches Leben zu führen. Das ist der Trick. Nichts ist gesünder.« »Wie geht das?«, frage ich. »Dafür gibt es kein Patentrezept. Vielleicht wird es uns in die Wiege gelegt, ob wir ein glückliches Leben führen oder nicht.«»Was waren Sie von Beruf?«, frage ich weiter. »Arzt. Nichts hätte mich glücklicher machen können.«
Als wir den beiden erzählen, dass wir mit SUPs die spanische Nordküste entlangpilgern, erklären sie uns für verrückt. Aber wir seien ja jung, sähen trainiert aus und schienen die Sache durchziehen zu wollen. Das seien eigentlich gute Voraussetzungen. Dann verabschieden sie sich in der Hoffnung, uns morgen auf dem Wasser zu begegnen.
5. TAG: MUTRIKU BIS MUNDAKA
Pilgerreisen dauern heutzutage nicht mehr Jahre. Mittlerweile sind wir nur noch ein paar Wochen, vielleicht Monate unterwegs und haben das Ziel immer klar vor Augen. Wir nutzen Google Maps und alle möglichen Apps, um uns bloß nicht zu verlaufen, keine lästigen Überraschungen zu erleben oder gar jenseits unserer Pläne zu pilgern. Wir halten permanent Kontakt zu den Lieben in der Heimat, verfolgen die Nachrichten und haben gar keine Chance mehr, eine Pilgerreise so zu erleben wie die Menschen früher.
Auf dem Wasser ist das ein bisschen anders. Wir können nicht ständig aufs Handy schauen, denn es ist wasserdicht verpackt. Das Herausholen nervt und birgt immer das Risiko, es an die gierige Biskaya zu verlieren. Wir haben da draußen auch keine Möglichkeit zum Austausch mit anderen Pilgern, denn wir sind die einzigen Peregrinos de la mar, Meerespilger. An Land haben wir noch keine Mitpilgernden getroffen, da wir uns in der Nähe der Marinas aufhalten und diese bisher nicht auf dem ansonsten klar kartografierten Camino del Norte, dem nordspanischen Küstenweg, eingetragen sind.
Nachdem uns die ersten beiden Tage völlig überfordert hatten, verwöhnt uns das Wetter jetzt sogar mit Rückenwind. Wir waren heute sechs Stunden auf dem Wasser und haben fast 30 Kilometer geschafft. Zwischendurch haben wir Mondfische gesehen, riesige Fische, die vor uns in die Luft sprangen, sind an Felswänden vorbeigepaddelt, die Hunderte von Metern ins Meer stürzen, haben uns Zeit genommen, fast zwei Kilometer von der Küste entfernt zu baden und uns gegenseitig unter Wasser zu filmen. Der Tag auf dem Wasser fühlte sich fast wie ein richtiger Urlaubstag an. Lebensglück zu teilen, ist für mich im Moment wertvoller als alle Erkenntnisse, die ich auf meinen Soloabenteuern gewonnen habe.
Als wir schließlich in Mundaka einlaufen, spüre ich die sechs Stunden auf dem Wasser in jeder Faser meines Körpers. Wenn das ein Wochenendausflug wäre, müsste ich mich jetzt erst einmal drei Tage lang erholen. Aber dies hier ist eine Pilgerreise. Daher muss die Erholung beim Pilgern stattfinden. Direkt vor dem Hafen von Mundaka bricht die perfekte Welle. Sie baut sich vor einer kleinen Sandbank auf und läuft dann etwa 500 Meter in einen Meeresarm hinein. Selbst wenn unsere Tourenbretter für Wellen geeignet wären, könnten wir keinen einzigen Paddelschlag mehr machen. Es bleibt uns nur, den Surfern beim Wellenreiten zuzuschauen, was ich allerdings stundenlang machen könnte. (BILD 20)
In Mundaka gibt es sogar ein Hostel, allerdings ist der Wirt ein solcher Griesgram und das Zwanzigbettzimmer vollkommen unattraktiv, dass wir enttäuscht ablehnen. Ich fühle mich übermüdet, habe keine Lust, einen Zeltplatz zu suchen, Zelt, Isomatte und Schlafsack herzurichten und frage den Hostelwirt in meinem erbärmlichen Spanisch, warum er denn so unfreundlich sei. Er blafft sofort zurück, dass er eben kein besseres Zimmer hätte und das nichts mit Unfreundlichkeit zu tun hätte. Ich bin ziemlich genervt und frage ihn, warum er kein Englisch könne, wo er doch in einem internationalen Hostel arbeite. Das bringt das Fass zum Überlaufen, und er schreit mich an, dass wir uns hier in Spanien befänden – den Rest kann ich nicht verstehen. Turtle geht dazwischen, sagt »tranquillo« und der Herbergsvater wird tatsächlich still. Ich ärgere mich über mich selbst: Warum kann ich nicht mal den Mund halten? Und mit meinen Sprachkenntnissen eine solche Diskussion auf Spanisch zu beginnen, ist sowieso bescheuert.
Direkt neben einer uralten Kirche auf einer Klippe mit Meeresblick schlagen wir fünf Minuten später unsere Zelte auf und sind uns einig, dass es keinen besseren Platz für Pilgerreisende wie uns geben könnte. (BILD 21) Zum Glück sind wir nicht in der Herberge gelandet. Ich muss an die Freundin und ihre Ratschläge denken: Nimm alles an, was dir auf diesem Weg begegnet. Zum Glück ist der Weg noch lang und ich habe genügend Zeit, ihre Ratschläge zu verinnerlichen.
Auf meiner Donaureise vor drei Jahren, die ich auch als Pilgerreise empfinde, war lange Zeit Einsamkeit der Weg, auf dem mich diese Tour zu mir selbst geführt hatte. Ich war nicht abgelenkt von Gedanken, Sorgen oder Nöten eines Mitpilgers. Ich konnte mich einzig auf mich konzentrieren und beobachten, wo mich diese Reise hinführen wollte. Nach der Hälfte der Strecke traf ich jedoch einen jungen Belgier, der mich über weite Abschnitte begleitete. Dies gab mir eine perfekte Mischung aus Einsamkeit und Austausch. Auf dieser Reise ist das anders: Ich habe Turtle an meiner Seite – und es ist ein Segen. Mitten auf dem Meer gibt er Lieder von Adriano Celentano zum Besten, stößt Jubelrufe aus und verbreitet eine solch kindliche Freude an unserer Tour, dass mir zwar die Erkenntnisse aus der totalen Einsamkeit fehlen, dafür aber ein Mensch an meiner Seite ist, der für mein Seelenheil wie Medizin wirkt. Allein die ersten beiden Tage hätte ich ohne ihn nicht überstanden. (BILD 22)
Eine weitere geplatzte Tour hätte ich nicht verkraftet. Erst kam im vergangenen Jahr die wegen meines lädierten Fußes abgebrochene Pilgerreise. Und dann musste ich in diesem Jahr die Umrundung Sri Lankas mit dem SUP schon nach einem Tag beenden, da mein Mitpaddler nach drei Kilometern aufgegeben hatte. Wir hatten uns im Internet kennengelernt, weil ich nach Menschen recherchierte, die den Ganges gepaddelt sind. Dabei stieß ich auf einen Inder namens Buktu, der die 2.500 Kilometer des heiligen indischen Flusses auf einem Wanderkajak in drei Monaten heruntergepaddelt ist. Er riet mir dringend von einer Paddeltour auf dem Ganges ab. Der Fluss sei völlig verseucht von der Industrie und voller Leichenteilen, die von Beerdigungsritualen herrührten. Ob ich nicht lieber mit ihm eine Paddeltour rund um Sri Lanka machen wolle.
Die Idee begeisterte mich sofort. Im März, April gab es ein gutes Wetterfenster, um die 1.300 Kilometer zu meistern, und Buktu stellte sich als großartiger Organisator heraus. Er schrieb Excel-Tabellen über Packlisten, arbeitete Tagesetappen aus und beschaffte uns eine Genehmigung vom High Commissioner Sri Lankas, dem höchsten Beamten des Landes, um die Erlaubnis für die Umrundung der Insel zu erhalten. Er organisierte ein Tuk-Tuk mit Fahrer, der uns bei der Tour an Land begleiten sollte und sorgte für Kontakte zur Marine, die drei Schnellboote für unsere Rettung alarmieren würde. Als Höhepunkt seiner Organisationskunst veranstaltete Buktu eine Pressekonferenz im besten Hotel der Insel. Dutzende von TV-, Hörfunk- und Pressevertretern kamen, um über unsere waghalsige Tour zu berichten. Buktu legte eine perfekte Power-Point-Präsentation hin, sonnte sich im Licht der medialen Aufmerksamkeit und versprach, ein großartiges Buch und einen noch besseren Film über unsere Tour zu produzieren.
Schon im Vorfeld hatte ich mich über meinen indischen Mitpaddler gewundert, aber zu wenig auf meine Bedenken gehört: In seinem Blog schrieb er, dass wir uns morgens von der Ebbe fünf Kilometer heraustragen und dann abends von der Flut wieder an Land spülen lassen würden. Ich kenne den Indischen Ozean recht gut und weiß, dass in den meisten Regionen kaum Strömung herrscht und die Ebbe wie auf allen Ozeanen eher nach unten geht und die Flut nach oben, aber nicht fünf Kilometer raus aufs Meer und wieder rein wie bei vielen Flüssen. Vor allem nicht regelmäßig morgens raus und abends rein. Wir haben ja auch nicht immer Vollmond. Auch alle Strömungstabellen Sri Lankas sagten ein solches Phänomen nicht voraus.
Als wir uns kurz vor Tourbeginn in Colombo, der sri-lankischen Hauptstadt, trafen, stellte sich heraus, dass Buktu absolut nicht durchtrainiert war. Mit seinen 58 Jahren brachte er gute 120 Kilogramm auf die Waage. Aber auch das schreckte mich noch nicht ab, denn manche Menschen tragen unglaubliche Kräfte in sich.
Als wir am Tag nach der Pressekonferenz unsere Gefährte zu Wasser ließen, zog er sich eine Schwimmweste an, was mich endlich stutzig machte. Es herrschte kein Wind, die Sonne brannte mit mehr als 30 Grad auf uns herab und die Wellen waren keine 50 Zentimeter hoch. »Aus Sicherheitsgründen«, meinte er und ich zuckte mit den Schultern. Sein Kanu und mein SUP lagen hinter einem Felsen in einem ruhigen, natürlichen Bassin. Trotzdem trieb Buktus Kanu sofort ab, da er es entgegen meiner Warnung zu tief ins Wasser gezogen hatte. Ich rannte hinterher und zog es zurück an Land.
Als unsere große Reise schließlich losging, paddelte Buktu parallel zum Ufer, bis ihn die erste Welle seitlich erwischte, sein Boot kenterte, seine 70 (!) Kilogramm Gepäck aufs Meer trieben und er selbst wie ein Käfer auf dem Rücken lag und paralysiert schien. An dieser Stelle war das Wasser jedoch keinen Meter tief. Ich lief zu ihm, richtete sein Kanu auf, sammelte seine Sachen ein und fragte ihn, warum er nicht aufstehe. Erst da erkannte er, wie flach das Wasser war, und erhob sich umständlich. Irgendwie schaffte er es zurück in sein Kanu, ich erklärte ihm, dass man brechende Wellen – und seien sie nur einen halben Meter hoch – von vorn nehmen müsse, gab ihm einen Schubs und brachte ihn somit hinter die Brechzone.
Zwanzig Minuten später hatte es Buktu keine 500 Meter weiter geschafft. Ich kehrte um und fragte ihn, ob er ein Problem habe. Ja, in seinem Boot stehe ein Fuß Wasser. Warum er dieses nicht herausschöpfe, fragte ich ihn. »How – wie?«, war seine bizarre Antwort. »Mit einer Schöpfkelle, mit den Händen, keine Ahnung«, sagte ich.
»Wie hast du das denn auf dem Ganges gemacht?« »Da hatte ich kein Wasser im Boot.« Ich legte neben ihm an, kniete mich auf mein Brett, schöpfte das Wasser mit den Händen aus seinem Kanu und paddelte weiter. Eine weitere halbe Stunde später war Buktu erneut weit zurückgefallen. Eigentlich hätte er mit seinem fünf Meter langen Kanu sehr viel schneller als ich auf meinem SUP sein müssen, aber irgendwie wollte es bei ihm nicht laufen. Ich wartete fast eine Stunde auf ihn, legte mich auf mein Brett und ließ mich vor Colombo treiben. Als er mich endlich eingeholt hatte, meinte er, dass er sich ganz langsam an das Meer gewöhnen müsse. Ich fragte, wann er zuletzt auf dem Meer gewesen sei. »Noch nie«, war seine frappierende Antwort. »Du willst um eine Hochseeinsel paddeln und warst noch nie auf dem Meer?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. Ich auch und paddelte konsterniert weiter. Als ich den riesigen Hafen von Colombo umschifft hatte, klingelte mein Handy: Buktu. Er sei immer noch vorm Hafen, sei erneut gekentert, habe dabei seine GoPro verloren, beide Knie verletzt und breche die Tour nun ab.
Im Nachhinein vermute ich, dass er noch nicht einmal schwimmen konnte – daher die Schwimmweste. Ich war auf einen Hochstapler hereingefallen. Damals lag ich eine ganze Nacht wach, wägte alles ab, zermarterte mir mein Hirn und konnte und wollte nicht wahrhaben, was geschehen war und vor allem, wie dumm ich gewesen war. Aber konnte ich das ahnen? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm auf einem Kamel durch eine Wüste reiten möchte, gehe ich doch nicht davon aus, dass der Kerl noch nie in seinem Leben auf einem Kamel gesessen hat und noch nie in einer Wüste war. Nach langem Grübeln war klar, dass ich diese Tour nicht allein fortsetzen wollte. Das Risiko war nicht kalkulierbar und meine Angst vor Krokodilen zu hoch. Es sollte nicht sein. Damals kam ich mir feige vor, wie ein Versager. Im Nachhinein war es mutig, die Tour abzubrechen. Für mich gehört ungeheure Größe dazu, Niederlagen einstecken zu können.
Zwei große Touren hintereinander waren also gescheitert, und ein drittes Scheitern hätte mich in ein ziemliches Tal geworfen. Zu häufiges Scheitern birgt die Gefahr in sich, wie ein Träumer, oder gar wie ein Idiot dazustehen. Dann schaltet irgendwann der Schalter um, die Angst vor dem Scheitern gewinnt die Oberhand und Träume werden nicht mehr zu Ende geträumt. Jeder Traum, jede Möglichkeit birgt immer auch das Risiko der Niederlage in sich. Gleichzeitig ist es immer leicht, Mut zu zeigen, wenn am Ende eine Belohnung wartet.
Und deshalb liege ich jetzt in meinem Zelt und bin unendlich dankbar, dass dieses Abenteuer – zumindest im Moment – einen phänomenal guten Verlauf nimmt, dass mich ein echter Freund begleitet, auf den Verlass ist, dessen Stimmung fast immer positiv und der ein echter Wassermensch ist. Wie wenig Raum unsere Bretter einnehmen, wenn wir über dieses gewaltige Meer SUPen. Und doch stünden uns Millionen von Biskaya-Quadratkilometern zur Verfügung.
Manchmal bin ich dem Meer unendlich dankbar, dass es uns passieren lässt, dass es uns trägt, erträgt. Wir hinterlassen keine Spur, müssen uns nicht einordnen, haben nur den Rhythmus unserer Paddelschläge. Alle drei Meter stechen wir zu, hinterlassen kurze Wirbel, wechseln alle paar Schläge die Seite und gleiten permanent einem fast heiligen Ziel entgegen. Noch 100.000-mal – dann sind wir da.
Anfangs empfand ich unsere Langsamkeit als resignierend. Ich tröstete mich damit, dass ich immerhin schneller bin als ein Spaziergänger. Aber langsamer als ein Jogger. Mittlerweile spüre ich, dass unser Schneckentempo hilft, präsent voranzukommen. Wir benötigen keine Eingewöhnungszeit wie nach langen Flügen oder Autofahrten. Wir steigen an Land und sind da. Als gehörten wir schon immer dorthin.
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