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Gordon Kies FLUCHSPUR
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8
Ludwig schreckte hoch. Sein Herz raste. In seinem Kopf hämmerte ein blind wütender Schmerz. Sein Blick wanderte orientierungslos umher. Renate schnarchte. Die Nachwirkungen des Alptraums ließen seinen schweißnassen Körper erzittern. Er holte tief Luft, atmete langsam aus und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Er hatte einen seltsamen Geschmack im Mund. Sein Kopfkissen war voller Blut. Er stieg aus dem Bett und taumelte ins Bad. Sein Spiegelbild sah mitgenommen aus. In seinem Traum war er über Felder gestolpert. Die schweren Stiefel versanken im Schlamm und von hinten näherte sich die Gefahr. Eine gesichtslose Gefahr, mehr eine Wolke, dunkel und bedrohlich. Die Granateinschläge, die um ihn herum Dreck in die Luft schleuderten, machten ihm keine Angst, ebenso wenig die Panzer, die ein erbarmungsloses Tontaubenschießen veranstalteten. Sein Feind waren nicht die schreienden Soldaten in seinem Rücken, die ihre Bajonette drohend in seine Richtung reckten und im Gegensatz zu Ludwig zu fliegen schienen. Nein, es war die Wolke die sich in seinem Rücken näherte und seinen Körper mit Panik erfüllte. Kameraden stürzten zu Boden. Stahlhelme rotierten durch die Luft. Schneeregen peitsche Ludwig ins Gesicht. Seine rechte Wade zerfetzte und er wurde von den Beinen gerissen. Seine Finger gruben sich tief in den Schlamm. Er versuchte vorwärts zu kommen, zog sich über den Boden, wollte nur weg, weg von der Wolke, die sich zu einer Frau manifestierte und ihn schon fast erreicht hatte, ihre knochigen Finger nach ihm ausstreckte. Dann war er aufgewacht. Ludwig spuckte das rötlich trübe Wasser in das Becken und griff nach dem Handtuch. Sein Gehirn schlug gegen die Innenseite der Schädeldecke. Der Schmerz war entsetzlich. Es fühlte sich an, als hätte er einen Fötus im Schädel, dessen Geburt unmittelbar bevorstand. Er hielt die Luft an und presste die Lippen zusammen, bis sie farb- und gefühllos waren. Der Schmerz blieb. Seine Hände schlossen sich um seinen Kopf und hätte er gekonnt, er hätte ihn abgeschraubt und durch einen Neuen ersetzt. Er würde sich niemals mit dieser gottverdammten Migräne arrangieren. Er öffnete das Schränkchen und nahm die Kopfschmerztabletten heraus.
- Ludwig?- Ja?- Bring mir ein Glas Wasser!- Ja.
Sie nahm einen großen Schluck und drehte sich auf die Seite. Ludwig betrachtete ihren Rücken, setzte sich auf die Bettkante, zog die frischen Sachen, die er am Abend hingelegt hatte, an und ging hinunter in die Küche. Langsam wirkten die Tabletten. Er packte eine Banane und ein Marmeladentoast in die Brotdose, stürzte seinen Kaffee herunter und hastete zur Tür hinaus.
In der Mittagspause aß er Erbsensuppe mit Bockwurst und befriedigte sich dann emotionslos auf dem Klo. Jemand hatte mit einem schwarzen Stift die Worte Heute wird wie morgen sein an die Wand geschrieben. Ludwig hätte beinahe gegrinst. Er zog den Reißverschluss hoch und ging zurück an die Arbeit.
Am Ende des Tages war er arbeitslos. Seine heutige Bilanz: fünf Abschlüsse. Der Boss hatte gelacht.
- Hier!
Seine Frau hielt ihm eine Tamponpackung unter die Nase, kaum dass er das Haus betreten hatte.
- Was?- Normal!
Sie tippte mit dem rot lackierten Fingernagel auf die Packung.
- Was?- Normal!- Ja, das sagtest du bereits, aber was meinst du?- Ich meine, dass ich die Größe Normal habe und nicht Super!
Ludwig begriff.
- Und deswegen der ganze Streit?
Er konnte es nicht fassen.
- Ja.- Ich kann es nicht fassen.- Findest du mich wirklich so fett?- Ich …
Es klingelte an der Tür. Ludwig drehte sich um und drückte den Griff nach unten.
- Herr Fuhrman?- Ja?- Ich habe eine Lieferung für sie.
Der Gesichtsausdruck seiner Frau hatte sich in den letzten Minuten von ungehalten in ungeduldiges Ungehalten verändert.
- Was soll das? Sind das etwa diese Klimaanlagen, die du verkaufst?- Ja.- Und was sollen die hier?- Ich habe sie gekauft.- Du hast was?- Sie gekauft.- Spinnst du? Warum?- Weil ich sonst meinen Job verloren hätte.- Bitte?
Ludwig erklärte es ihr. Ihr Lachen klang ironisch.
- Großartig, Ludwig! Einfach großartig! Ich kann es nicht fassen! Jetzt haben wir zwei Klimaanlagen und trotzdem niemanden, der Geld nach Hause bringt. Du bist und bleibst ein Versager!- Ich werde mir sofort …- Halt einfach die Klappe.
Den Abend verbrachte er allein vor dem Fernseher. Es gab eine Reportage über Walhaie, die größten lebenden Fische, deren Haut mit fünfzehn Zentimetern die dickste aller Lebewesen ist. Tampon-Werbung. Er erfuhr, dass die verschiedenen Größen der Tampons nichts mit der Größe der Vagina zu tun hatten, sondern mit irgendeiner Durchflussmenge. Renate hatte noch viel zu lernen. Ihre Unwissenheit war bezeichnend. Sie kotzte ihn an. Er schaltete den Fernseher aus und ging duschen.
Am nächsten Vormittag studierte er die Stellenangebote. In den wenigsten Fällen war er qualifiziert. Die zu erfüllenden Voraussetzungen beinhalteten zumeist eine abgeschlossene Lehre. Ludwig hatte keine abgeschlossene Lehre, so erübrigte sich die Frage nach seiner Teamfähigkeit und der Erfahrung im Umgang mit Excel und Word. Er rief bei einer Schlachterei an, aber die Stelle war schon vergeben. Die Kasse in einem Supermarkt war auch schon besetzt und im Freibad hatten sie keinen Bedarf an einem Bademeister, der nicht schwimmen konnte. Ergänzend teilten sie Ludwig noch mit, dass die Hitzewelle dem Ende entgegen ging. Mit Schadenfreude dachte Ludwig an seinen Ex-Chef. Eine Videothek wollte sich morgen bei ihm melden.
- Ich halte es nicht aus, wenn du den ganzen Tag hier herumhockst!- Ich bin doch schon dabei, mir …- Widersprich mir nicht immer.- Aber …- Siehst du, schon wieder!- Ich wollte doch nur …- Und ich will doch nur, dass du dir einen neuen Job suchst und dafür sorgst, dass diese blöden Klimaanlagen zurückgehen! Der Wetterdienst hat übrigens Regen angekündigt, der Sommer geht zu Ende.
Ludwig nickte nur, es war zwecklos. Zum Mittag gab es Erbsensuppe mit Bockwurst.
Er war froh, das Haus verlassen zu können und nachdem er ein paar Mal umgestiegen war, stand er vor dem Haus von Madame Laluna. Auf der Fahrt hatte er sich gefragt, woher diese Popups auf dem Computer immer wussten, wo man sich befand und an welchen Produkten man Interesse hatte. Mysteriös. Es musste etwas mit dem Surfverhalten zu tun haben, auf welchen Seiten man nach welchen Produkten schaut … warum hieß es eigentlich „im Netz surfen“? Mit Logik hatte das nichts zu tun. Warum hieß ein Stuhl eigentlich Stuhl? Er fühlte sich … doof. Zu einer leichten Nervosität gesellte sich sein schmerzender Backenzahn. Er rieb sich die Wange und klopfte an die Tür.
- Herr Fuhrman?- Ja.- Treten sie ein.
Madame Laluna war eine große Frau mit gerader Haltung. Sie führte ihn in ein geschmackvolles, wenn auch etwas überladenes Zimmer und bat ihn, einen Moment zu warten. Vor den Fenstern hingen Traumfänger, es gab Holzfiguren mit grinsenden Fratzen und an den Wänden hingen Amulette und bunte Tücher. Das indirekte Licht der Kerzen vermittelte eine angenehme Atmosphäre. Ludwig legte den Kopf zur Seite und überflog die Bücherrücken in dem Teakholzregal. Ludwig kannte keinen der Titel. Wie auch, das einzige Buch, das er gelesen hatte, war ein Geschenk seines Vaters und handelte von einem alten Mann auf dem Meer. Nach langem Kampf mit einem Schwertfisch kam der Alte mit leeren Händen nach Hause, die Haie hatten ihm die Beute weggefressen. Das Leben meint es nicht immer gut mit einem. Auf dem Tisch lag ein Magazin mit der Schlagzeile Big Brother is watching you. Hätte Ludwig Zeit gehabt, den Artikel zu lesen, hätte er vielleicht eine Antwort auf seine Frage zu den allwissenden Popups gehabt, so bat ihn Madame Laluna, ihr zu folgen.
- Setzen Sie sich, bitte.
Er hatte sich den Ort der Wahrsagung etwas anders vorgestellt. Auf dem Küchentisch lag ein Stapel Karten und daneben eine einsame, heruntergebrannte Kerze. Es roch nach Knoblauch. Ludwig setzte sich.
- Ist das ihre erste Sitzung dieser Art?- Ja.
Sie lächelte. Sie hatte dunkle Augen. Sie sah älter als auf dem Computer aus, Ludwig schätzte sie auf Mitte Fünfzig. Er mochte ihren Akzent, auch wenn er besser zu einer Seniora gepasst hätte als zu einer Madame. Sie sah aus, wie eine der Zigeunerinnen, die Ludwig und Renate auf ihrer Spanienreise am Strand der Costa del Sol selbstgeflochtene Körbe verkaufen wollten.
- Entspannen Sie sich.- Ich bin entspannt.
Das war eine Lüge. Unzählige Male hatte er mit dem Gedanken gespielt, eine dieser Hellseherinnen aufzusuchen und jedes Mal hatte er den Gedanken beiseite gewischt und sich stattdessen eingeredet, dass das Glück auch ihn finden würde. Dreißig Jahre, nachdem er die Geschichte seines Großvaters zum ersten Mal gehört hatte, saß er tatsächlich am Tisch einer Wahrsagerin. Für einen rational denkenden Menschen wie Ludwig ein Wunder, auch wenn er nicht an Wunder glaubte.
- Schön. Schauen Sie mir in die Augen und geben Sie mir ihre Hände.
Ludwig schob seine Hände über die geblümte Tischdecke und Madame Laluna legte ihre Finger sanft in seine Handflächen.
- Was haben Sie mit ihrem Finger gemacht? Sie strich über die Schiene und Ludwig fragte sich, warum sie sich die Frage nicht selbst beantworten konnte.- Gebrochen.
Sie nickte und legte den Kopf in den Nacken. Stille.
- Sie werden momentan etwas vom Pech verfolgt. Sie haben Kummer.- Kann man so sagen, ja.- Sie haben Angst.
Traf das nicht auf neunzig Prozent der Bevölkerung zu? Pech. Kummer. Angst.
- Manchmal.- Ich sehe Veränderungen in ihrem Leben. Eine Reise.- Eine Reise?- Ja, eine große Reise.- Wohin?- Ich weiß nicht. Warten sie …
Hinter ihren geschlossenen Lidern bewegten sich die Augäpfel. Sie zog Luft durch ihre Nase und pustete sie durch den Mund wieder aus. Sie war Raucherin.
- Sie haben Probleme mit dem Magen. Ludwig hatte mit fast jedem Organ seines Körpers Probleme. Er war nicht hier um zu hören, welche Krankheiten ihn heimsuchten, ob seine Ehe in Trümmern lag, wohin er verreisen sollte oder an welchem Tag er sterben würde, er war hier, um etwas über den Fluch zu erfahren.- Madame Laluna?- Ja?- Ich glaube, ein Fluch lastet auf mir oder genauer auf meiner Familie.- Ein Fluch?
Sie öffnete die Augen.
- Ja, ein Fluch.- Wie kommen Sie darauf?
Ludwig erzählte ihr von seinem Großvater, von der Frau in dem Dorf, von ihren Verbrennungen und von dem Schuss, den sein Großvater abgab. Er berichtete ihr von den Konsequenzen, die sich aus diesem schicksalhaften Treffen ergeben hatten. Madame Laluna hörte aufmerksam zu, legte ein paar Mal ihre Stirn in Falten und hielt die ganze Zeit Ludwigs Hände umschlossen. Als Ludwig seinen Monolog beendet hatte, pustete sie aus und schüttelte langsam den Kopf.
- - Unglaublich. Sie armer Mensch.
Das wollte man grundsätzlich nicht hören, schon gar nicht von einer Wahrsagerin.
Bevor er Renate sein Vorhaben erklärte, besuchte er seinen Großvater. Er kniete nieder und legte seine rechte Hand auf die Inschrift auf der in der Erde eingelassenen Steinplatte. Ludwig entfernte etwas Moos vom Rand der Steinplatte und sah vor seinem geistigen Auge seinen Großvater, wie er in seinem Rollstuhl auf der Veranda vor Ludwigs Elternhaus saß und den vorbeifahrenden Autos zuwinkte. Für seinen Großvater hatte Ludwig sein Zimmer geräumt und war auf den ausgebauten Dachstuhl gezogen. Im Sommer war es zu heiß und im Winter zu kalt. Aufrechtes Stehen war sogar für Ludwig ein Ding der Unmöglichkeit. Großvater sprach wenig und wenn, dann von der verfluchten Hexe. Er war eine Belastung für die Familie. Die Nerven lagen blank. Großvater brauchte die Fürsorge eines Kleinkindes. Er vergaß auf die Toilette zu gehen, sowohl am Tag als auch in der Nacht und auch die Tischmanieren erinnerten sehr an die eines Babys. Manchmal erzählte er Ludwig von Phantomschmerzen in seinen gelähmten Beinen. Ludwig konnte es nicht glauben, erst Jahre später, als ihn der fahrlässige Umgang mit einem scharfen Zimmermannshobel, das erste Glied des Ringfingers der linken Hand kostete, erfuhr er, wie real ein Phantomschmerz sein konnte und wie hemmungslos wirtschaftlich seine Vorgesetzten in der Fabrik auf die Dauer seiner unproduktiven Krankenzeit reagierten. Im Prinzip mochte Ludwig seinen Großvater, er mochte nur den Gedanken an einen möglichen Fluch, den er Ludwigs Familie beschert hatte, nicht.
Ludwig stockte. Was würde er dort tun? Das hatte ihm Madame Laluna nicht gesagt, nur, dass er den Ursprung des Fluches finden musste. Doch Ludwig kannte weder den Ort und schon gar nicht den Namen der Frau. Auch sein Großvater kannte weder den Ort noch den Namen der Frau, sonst hätte Ludwig aus den unzähligen Wiederholungen der Geschichte davon erfahren. Er wusste nur von einer Kirche auf einem Hügel. Zudem stand immer noch die Möglichkeit im Raum, dass es sich bei der Geschichte um die blühende Fantasie seines Großvaters handelte und er damit nur eine unglaubliche Pechsträhne rechtfertigte. In Anbetracht der Geschehnisse, die sich durch drei Generationen zogen, war diese Theorie jedoch unwahrscheinlich.
Ludwig wusste, dass es nicht weit vor den Toren von Stalingrad, das jetzt Wolgograd war, lag. Es musste einfach irgendwelche Hinweise auf dieses Massaker von 1942 und den darin abgeschlachteten Bewohnern geben. Und wenn nicht, so hatte er wenigstens endlich versucht, den Fluch aktiv zu bekämpfen, anstatt sich ihm zu ergeben.
- Jedenfalls werde ich versuchen, das Dorf zu finden.- Grüß mir Großmutter, auch wenn ich sie nie kennengelernt habe.
Bevor Großvater immer rapider abgebaut hatte, erzählte er oft von Großmutter und wie sie die harten Nachkriegsjahre zusammen überstanden hatten. Als er 1947 aus dem Gefangenenlager zurück nach Dortmund kam, warteten viele der Trümmerfrauen an den Bahnhöfen, um ihre Männer in die Arme zu schließen oder sich einfach neue Männer, die für sie sorgen würden, zu suchen. Großmutter suchte sich Großvater aus. Bereits ein Jahr später erblickte Ludwigs Vater Hermann das Licht einer trostlosen Welt. Großvater erzählte oft davon, dass sie tagelang nichts zu essen hatten, außer Kartoffeln und manchmal nur Kartoffelschalen. Das einzige Spielzeug, das Vater in den ersten Jahren besaß, war eine Rassel, mit der er Großvater in den Wahnsinn zu treiben drohte. Das schönste Geschenk im Leben von Ludwigs Vater war ein Lederfußball, den er zu seinem achten Geburtstag bekam und der ihm nur eine Woche später von ein paar älteren Jungen geklaut wurde.
- Du wirst was?- Nach Wolgograd fahren.- Wo zur Hölle ist Wolgograd?- In Russland.- In Russland? Was willst du in Russland?- Du weißt doch, der Fluch …
Renate schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
- Du und dein Fluch! Hör mir auf, es gibt keinen Fluch! Du bist einfach ein Versager!- Renate, bitte …- Du kannst ja nicht mal Kinder zeugen!- Das ist unfair, ich …- Verlierst ständig deinen Job und immer mehr Haare!- Renate …- Nichts Renate! Entweder du hast morgen einen Job oder ich bin weg!
Den Abend verbrachte Ludwig allein auf der Couch. Er schaute eine Reportage über erneuerbare Energien. Windenergie. Sonnenenergie. Die Kraft des Wassers. Für Ludwigs Geschmack sollten die Menschen weniger Autos kaufen, den Flug- und Schiffsverkehr einstellen und nicht jede Sekunde Wald in der Größe eines Fußballplatzes abholzen. Wenn dann noch die Kühe weniger furzen würden, wäre die Welt eventuell noch zu retten. Was für ein Blödsinn. Es würde geschehen, was geschehen musste.
9
Großvater sah Großmutter. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, aber beide wussten instinktiv, dass sie sich brauchten. Sie einen Mann, er eine Frau. Die Nachkriegsjahre waren hart und man bewältigte sie lieber zusammen, als allein. Ihre Wohnung war kalt, feucht und lag im Keller eines zerbombten Hauses. Nachdem er, Gott und Großmutter sei Dank, die Schwindsucht nach langem Kampf besiegt hatte, fand Großvater Arbeit als Maurer. Großmutter verbrachte ihre Tage damit, vor den Lebensmittelgeschäften in der Schlange zu warten. Beide brauchten dringend etwas Fleisch auf die Knochen, aber Fleisch war praktisch nicht zu bekommen. Zu dieser Zeit war es ganz normal, dass herumstreunende Katzen und Hunde eingefangen wurden, um Eintöpfen etwas Fleisch hinzuzufügen. Deutschland lag in Trümmern. Die Sieger des Krieges stritten um die Stücke vom Kuchen und Großvater mit einem Kollegen um einen gusseisernen Ofen, den er unter einem Berg Backsteinen gefunden hatte. Großvater verlor nicht nur den Streit sondern auch einen Schneidezahn.
Im Winter bekam Großvater eine Lungenentzündung und wurde in ein Krankenhaus der Alliierten gebracht. Er protestierte und wollte sich unter keinen Umständen in die Hände des Feindes begeben. Großmutter setzte sich durch und rettete ihm damit das Leben. Ein oder zwei Tage später wäre er höchstwahrscheinlich gestorben, wie ihm der britische Arzt mitteilte. Großvater bezweifelte das und erzählte dem Engländer etwas von deutschen Eichen und Kruppstahl. Großmutter las ihm die Leviten. Der Aufenthaltbeim Feind kostete Großvater den Job und Großmutter musste Vorwürfe und Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Schließlich bekam Großvater eine Anstellung als Anstreicher, die er aufgrund einer Farballergie umgehend wieder aufgeben musste. Großmutter nahm die Stelle in einer Textilfabrik an und nun wartete Großvater in den Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Beim Kartoffelschälen schnitt Großvater sich in den Daumen und weil er es nicht behandeln lassen wollte, entzündete sich die Wunde. Wieder musste Großmutter dafür sorgen, dass er sich erneut in die Hände des Feindes begab. Kurz darauf blieb Großmutters Periode aus und Großvater ging Untertage. Die Zechen brauchten Arbeiter. Er hatte Erfahrung mit der Spitzhacke und seine Lunge war Staub gewöhnt. Eine Woche vor der Geburt seines Sohnes brach ein herunterstürzender Stützbalken Großvaters linken Oberarmknochen als sei er ein Streichholz. Seiner Funktion beraubt sorgte der Stützbalken dafür, dass der Schacht einstürzte und drei Männer inklusive Großvater in dem Stollen festsaßen. In den folgenden zwei Tagen war der notdürftig geschiente Arm Großvaters geringste Sorge. Durst, Hitze, Dunkelheit, schwindender Sauerstoff und Panik relativierten die Schmerzen auf ein zu ertragendes Maß. Hätten sie sich zum Zeitpunkt des Einsturzes in einem tieferliegenden Stollen befunden, hätte Großvater wahrscheinlich niemals die Frucht seiner Lenden erblickt. So drückte der Fluch nochmal ein Auge zu. Großvater biss gerade auf den Panzer irgendeines Käfers und war in Gedanken bei seiner hochschwangeren Frau, die irgendwo da oben, wahnsinnig vor Sorge auf die Wehen wartete, als er ein Geräusch hörte. Seine beiden Leidensgenossen versuchten Feuchtigkeit von den Wänden zu lecken und hielten inne, als auch sie die Geräusche jenseits des Geröllwalls, den sie in den letzten Tagen vergebens versucht hatten aus dem Weg zu räumen, hörten. Kurz darauf, es kam den Männern wie eine Ewigkeit vor, drang der Lichtstrahl einer Grubenlampe durch einen Spalt. Großvater dankte Gott. Immer und immer wieder. Als der Lichtstrahl ihn erfasste und blendete, wimmerte er wie ein in der Dunkelheit verängstigtes Kind.
- Er wird das Land wieder in die richtige Spur bringen.
Die Deutschen waren voller Hoffnung. Nur Großvater war skeptisch, was diesen Adenauer betraf. Bundesrepublik Deutschland. Was war aus dem Deutschen Reich geworden? Er schaute voller Sorge aus dem Fenster des Krankenhauses.
- Was soll der schon ändern? Und jetzt dieser Blödsinn mit dieser NATO, die werden auch nicht verhindern können, dass unbescholtene Arbeiter von irgendwelchen dahergelaufenen belgischen Halunken verkloppt werden!- Aber was hat die NATO denn damit zu tun? Du redest Unfug …
Am Vortag wollten Großvater und seine Kollegen die Demontage eines Hydrierwerks verhindern. Die belgischen Soldaten waren ihnen in jeder Hinsicht überlegen und Großvater bezog kräftig Prügel.
- Dann rede ich halt Blödsinn, na und! Diese verdammten Besatzer sind wie die Heuschrecken, sie plündern unser Land. Wiedergutmachung … dass ich nicht lache! Die wollen unsere Rüstungsindustrie zerschlagen, um der Gefahr eines erneuten Angriffskrieges aus dem Weg zu gehen! Das ist es! Schau dir doch an was die Sowjets mit Berlin machen … ein Unding ist das.- Ich bitte dich! Wie kannst du allen Ernstes von einem neuen Angriffskrieg reden! Und deine Alliierten, die du so verteufelst, sind sie es nicht, die seit Monaten Berlin mit der Luftbrücke versorgen? Die uns per Besatzungsstatut eine begrenzte Souveränität zugesprochen haben? Hör gefälligst auf mit deinen Hasstiraden! Hast du nicht mitbekommen, was bei den Prozessen in Nürnberg ans Tageslicht gekommen ist? Wir. Sind. Die. Bösen. Jetzt müssen wir nun mal mit den Sanktionen und Konsequenzen leben.- Ach, Du … du hältst wahrscheinlich auch dieses neue Grundgesetz für gerechtfertigt, was?- Es ist ein Schritt auf dem Weg zurück zur Normalität, ja. Aber weißt du was, ich rede einfach nicht mehr mit dir über solche Sachen.- Worüber sollen wir dann reden? Über das Wetter?
Großmutter knallte die Tür und Großvater seine Faust auf die Matratze.
- Olle Kuh! Soll lieber an den Herd gehen … da gehört sie hin!
Die Krankenschwester brachte das Essen. Großvater schmeckte es furchtbar.
- Du bist ein verbitterter Mensch!- Realistisch bin ich, realistisch! Diese verdammten Kommunisten streben die Weltherrschaft an! Mach doch mal die Augen auf! Sie zünden eine Atombombe, dann werden Ungarn und China zur Volksrepublik, dann gibt es plötzlich die Deutsche Demokratische Republik. Na?- Da!
Lieblos stellte Großmutter den Teller auf den Tisch.
- Was ist das für ein Zeugs auf dem Ketchup?- Mir ist die Dose mit dem Curry umgekippt und um die Schärfe zu neutralisieren, habe ich etwas von dieser Sauce draufgeschüttet, die mir der nette britische Arzt mitgegeben hat … iss, oder lass es bleiben.- Neutralisieren? Das Wort habe ich das letzte Mal an der Front gehört …
Großvater stach die Gabel in die Brühwurst. Es klingelte an der Tür. Herta, eine Freundin von Großmutter war zu Besuch in der Stadt. Großvater mochte sie nicht. Er hasste ihr Selbstbewusstsein, ihren Berliner Akzent und außerdem haftete der Geruch von altem Fett an ihr. Sie war Betreiberin eines kleinen Imbisses in Berlin- Charlottenburg. Wie bei jedem Zusammentreffen fiel die Begrüßung zwischen ihr und Großvater frostig aus.
- Na, gar nicht im Krankenhaus?- Sehr witzig, Herta.
Herta setzte sich an den Tisch.
- Was isst du da?- Schmeckt scheußlich. Durch die ganze Sauce schmeckt man das Pökelaroma der Wurst gar nicht mehr. Meiner Göttergattin ist da ein Malheur passiert … willst du mal kosten?
Herta probierte. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen und als Imbissbesitzerin wusste sie, dass man immer offen für neue Rezepte sein sollte, gerade wenn sie aus einem Missgeschick heraus entstanden.
- Ich weiß gar nicht, was du hast … schmeckt gut. Was ist da drin?
Großmutter zeigte ihr die Worcestersauce.
- Das Currypulver harmoniert hervorragend damit. Man könnte noch ein wenig Chili hinzufügen und noch ein bisschen …- Ihr entschuldigt mich, aber dieses Gespräch geht in eine Richtung, die mich so überhaupt nicht interessiert, ich geh dann mal runter zum Rudi. Die Damen … viel Spaß mit eurer blöden Wurst mit Curry!
In der Eckkneipe saßen die Männer und schwelgten in Erinnerungen an vergangene Tage, in denen noch Zucht und Ordnung herrschte. Hier fühlte sich Großvater wohl. Er hatte genug Geld, um sich ein kühles Blondes zu leisten und diesen widerlichen Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Hätte er in die Zukunft schauen können und erfahren, was aus seiner Wurst mit Curry wurde, hätte er sich aufgrund von Frustration und Wut versucht in den Hintern zu beißen, sich Geld geliehen und so richtig volllaufen lassen.
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