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Gordon Kies FLUCHSPUR
FLUCHSPUR
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Gordon Kies FLUCHSPUR

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Am Abend kauerte Großvater an der Wand der Baracke unter einer dünnen Filzdecke und versuchte seine Socken zu trocknen, indem er sie an seinem Körper rieb. Eine Lektion, die ihm auf der ostpreußischen Infanterieschule eingebläut wurde: Immer auf trockene Socken achten! Fußfäule war bei der klammen Kälte eine nicht zu unterschätzende Bedrohung. Sein Magen knurrte. Er tastete im Dunkeln nach dem Karamellbonbon. Er hatte es all die Monate gehütet wie einen Schatz. Nicht einmal die Russen hatten es gefunden. Das Bonbon, eingewickelt in buntem Papier, war ein Geschenk einer liebreizenden Schwester, die es ihm bei seinem letzten Aufenthalt im deutschen Soldatenheim bei Pillau gegeben hatte. In all dem Leid, der Kälte, dem Sterben, das um ihn herum herrschte, schenkten ihm die bunten Farben des Bonbonpapiers ein wenig Hoffnung. Großvater erschrak, das Versteck hinter seiner hölzernen Pritsche war leer. Großvater suchte. Vergebens. Tränen liefen über sein Gesicht. Nicht zum ersten Mal kam ein Verlangen in ihm auf. Ein starkes Verlangen. Ein Verlangen nach einer geladenen und entsicherten Waffe, deren Lauf er sich in den Mund stecken konnte. Man hörte die Russen singen und lachen. Großvater hätte seinen linken Arm für einen winzigen Schluck des wärmenden Wodkas gegeben, den sich seine Peiniger einverleibten. Er betete, dass er auch diese Nacht überleben würde. In den letzten Wochen starben immer mehr seiner Kameraden. Jemand hatte mal gesagt, dass die Tatsache, dass das Leben aufhört, es so wertvoll macht. Großvater hätte diesen Jemand gerne an diesen Ort geholt und ihn gefragt, wie wertvoll das Leben hier sei. Jeder Tag war wie der andere und der Tag an dem man stirbt ebenso … nur kürzer. Großvater schloss die Augen, sehnte die guten Träume herbei. Meistens kamen die anderen, die Bösen. Die Hunde in ihrem Verschlag bellten, sie waren hungrig, gierig auf die Jagd. Gejagte gab es hier genug. Für die Russen war es ein netter Zeitvertreib, ein Spektakel. Tier gegen Mensch. Gnadenlos. Sinnlos. Die Waldgrenze war unerreichbar. Bei diesem Spektakel gab es nur die Option auf Tod, keine Alternative. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt, aber sie stirbt. Die Gejagten stolperten um ihr Leben. Vor den Augen ihrer Kameraden, begleitet vom Gejohle der Peiniger, starben sie immerhin als freie Männer.

Der Kasten diente zur Abschreckung. Er war gerade so groß, dass ein Mann darin hocken konnte. Die untere Hälfte bestand aus dickem Glas und die obere Hälfte aus dicken Gitterstäben. Jeden Morgen mussten die Gefangenen davor zum Appell antreten. Jeden Morgen war der Anblick entsetzlicher. Der Mann in dem Kasten bekam ein Laib Brot und einen Krug Wasser. Er sollte nicht sterben. Noch nicht. Die gebogene Wirbelsäule bohrte sich durch das aufgeweichte Fleisch. Der Kasten war zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Exkremente und Urin verbreiteten einen bestialischen Gestank. Während ein Soldat erfasste, wie viele der Gefangenen in der letzten Nacht gestorben waren, versuchte Großvater sich dem Anblick vor ihm zu entziehen. Da er nicht essen wollte oder konnte, bearbeiteten die Soldaten den Mann mit einer Klemme, die an eine Autobatterie angeschlossen war. Das dreckige Wasser schwappte gegen das Glas, der Mann zuckte und öffnete den Mund. Seine Augen lagen in dunklen, tiefen Höhlen und sein Aussehen hatte alles Menschliche verloren. Die Haut war weiß und rissig, aufgedunsen und aus den Wunden, die ihm zugefügt wurden wuselten Maden in das Wasser. Überall waren Fliegen. Großvater schloss die Augen und hörte die kraftlosen Proteste des Mannes. Die Russen wollten noch ein paar Tage ihren Spaß. Die Glocke erklang. Drei Tote. Steine schlagen. Warum? Darum.

Ein neuer Tag, das gleiche Leid. Großvater nahm die Beine des Toten, ein Anderer die Schultern. Sie trugen die Leiche hinter die Baracke und schmissen sie auf den Haufen. Großvater sah das bunte Bonbonpapier. Unwirklich. Zusammengeknüllt. Am falschen Ort. In der Hand des Toten.

6

Er hatte wieder einen Albtraum gehabt. Ludwig schlüpfte in seine Pantoffeln, ging ins Bad und setzte sich auf die Toilette. Bei jedem Wasserlassen erwartete er den unerträglichen Schmerz, den der Abgang des letzten verbliebenen Nierensteins verursachen würde. Ludwig hatte schon viermal Rasierklingen gepinkelt. Ein erleichtertes Seufzen drang aus seinem Mund. Der Spiegel zeigte einen Mann, dem das Leben zusetzte. Zwischen den buschigen Augenbrauen, über einer schmalen, großen Nase die entfernt an den Schnabel eines Raubvogels erinnerte, verliefen zwei tiefe Falten und zeugten von Skepsis. Die scheuen, braunen Augen blickten müde und kritisch. Seine Ohren waren groß, die Ohrläppchen fleischig. Sein Teint ließ sich am besten als leberwurstfarben bezeichnen. Ungesund. Einige Muttermale. Vereinzelte Aknenarben. Schmale, nach Feuchtigkeit lechzende Lippen schmiegten sich an kleine Zähne. Das Kinn markant und ausufernd. Die Wangen eingefallen wie bei einem KZ- Häftling. Der Adamsapfel bohrte sich durch die raue, von Rasurbrand gereizte Haut. Die straßenköterbraunen, raspelkurzen Haare, dünn, brüchig und mit zu vielen Wirbeln, ließen keine andere Frisur zu. Der Haaransatz befand sich auf dem Rückzug. Renate hatte ihm in einer ihrer Illustrierten das Foto eines Mannes gezeigt, der ihm ähnelte. Ludwig erkannte die Ähnlichkeit nicht, ebenso wenig wie er den Namen Vincent Gallo kannte. Im Prinzip war Ludwig nicht hässlich, aber auch nicht schön. Er war zu dünn und es wirkte, als würde eine unsichtbare Last auf seinen Schultern ruhen. Renate sagte ihm andauernd, er solle gerade gehen. Körperspannung war ein Fremdwort für Ludwig. Im Schlafzimmer dröhnte das Schnarchen seiner Frau, die keinen Grund hatte aufzustehen. Ludwig stieg in seine Buntfaltenhose, streifte weißes Unterhemd und blaues Oberhemd über und setzte sich auf die Bettkante, um seine schwarzen Socken anzuziehen.

In der Küche schnitt er die Kanten des Toasts ab und legte sie George, dem Albinokaninchen seiner Frau, in den Käfig. Er strich die Marmelade seiner Schwiegermutter auf das Toast und legte es in die Brotdose neben die Banane. Er schaute auf seine Armbanduhr und leerte eilig seinen Becher Kaffee. Der Bus würde nicht warten und einen Führerschein hatte er nicht. Er war nicht mal in die Nähe einer Führerscheinprüfung gekommen. Sein Fahrlehrer hatte ihm nahegelegt, darauf zu verzichten, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Ludwig mehrmals die Strapazierfähigkeit der Stoßstangen getestet hatte, sondern auch die Strapazierfähigkeit des Nervenkostüms seines Fahrlehrers. Als ein Fahrlehrer einer anderen Fahrschule ihm den gleichen Rat gab, akzeptierte Ludwig den fachmännischen Ratschlag und kaufte sich eine Monatskarte für den Bus.

Mit dem Wort Massentierhaltung ließe sich das Großraumbüro im sechsten Stock eines Hochhauses am treffendsten beschreiben. Jedem Angestellten war ein Arbeitsplatz zugewiesen, den drei Trennwände auf eine Fläche von vier Quadratmetern von siebenunddreißig identischen Arbeitsplätzen abgrenzten. Tageslicht war irgendwo am Ende des Mittelganges zu erahnen und die Luft roch nach künstlichem Nadelwaldaroma, welches einem das Gefühl von Frischluft suggerieren sollte. Den Gang entlang schreitend nickte Ludwig seinen Kollegen in ihren Boxen zu und setzte sich dann auf seinen Stuhl, auf dem er die nächsten neun Stunden verbringen würde. Lediglich die halbstündige Mittagspause würde seinem Hintern etwas Erleichterung bescheren. Ludwig schaltete den Computer an und wartete darauf, dass der Bildschirm aufleuchtete. Er setzte sich das Headset auf den Kopf und legte die Hand auf den Telefonhörer. Er holte tief Luft und begann mit der Arbeit.

- … kann ich ihnen versichern … selbstverständlich … natürlich … beste Frau, was für eine Frage … empfehle ich Ratenzahlung … ganz bequem … wir liefern kostenlos … dann darf ich ihnen gratulieren, sie sind nun stolze Besitzerin …

Ludwig beendete das Gespräch. Der kleine Zeiger der Uhr deutete auf die Elf. Ludwigs bisherige Bilanz: zwei Abschlüsse. Es gab Kollegen, die effektiver waren und es gab Kollegen, die weniger effektiv waren. Ludwig kam besonders bei älteren Damen gut an. Manchmal funkten ihm Ehemänner kurz vor Vertragsabschluss dazwischen, aber meistens wusste er bereits nach wenigen Minuten, ob das Gespräch erfolgreich enden würde. Irgendwo hörte er die Stimme vom Boss, der mehr Abschlüsse forderte. In Anbetracht der momentanen klimatischen Verhältnisse hatte der Boss Eurozeichen in den Augen. Er erhoffte sich einen regelrechten Verkaufsboom. Wenn nicht jetzt, wann dann? Für ihn waren portable Klimaanlagen der heißeste Shit, wie er es generationsgemäß ausdrückte. Mit seinen achtunddreißig Jahren war Ludwig einer der älteren Angestellten. Für die meisten Kollegen war der Job hier eine vorübergehende Etappe auf ihrem Weg nach oben oder einfach eine Möglichkeit, ihr Studium zu finanzieren. Für Ludwig war es ein weiterer Scheißjob, den er nur bekommen hatte, weil es heiß war.

- Fuhrman?

Der Boss stand da und präsentierte seine weißen Zähne. Das Licht der Deckenlampen glänzte in seinen zurückgegelten Haaren. Er erinnerte Ludwig an einen jungen braungebrannten Mafiosi aus einem Scorsese- Film. Der obere Knopf seines Designerhemdes stand offen und hinter dem doppelten Windsorknoten drangen dunkle Brusthaare ins Freie.

- Ja.- Wie viele Abschlüsse?- Zwei.

Der Boss schaute auf seine protzige Armbanduhr. Seine rechte Augenbraue hob sich arrogant und sein Zeigefinger tippte gegen seine Nasenspitze.

- Das nenne ich unproduktives Arbeiten, Fuhrman.- Es ist nicht so leicht …- Nicht leicht? Fuhrman, wir haben über dreißig Grad da draußen!

Er deutete mit der Hand auf ein imaginäres Draußen, das geschützt hinter dicken Mauern Rekordumsätze versprach.

- Ja, aber …- Die Leute schwitzen, Fuhrman! Sie schwitzen wie die Schweine, also erzählen Sie mir nicht, es sei nicht leicht unser Produkt an den Mann zu bringen! Verkaufen sie!

Die Lautstärke seiner Stimme normalisierte sich wieder, als er sich abwandte und ergänzend hinzufügte …

- Wenn sie heute Abend nicht mindestens acht Abschlüsse haben, sind sie raus, Fuhrman. Denken Sie nicht, Sie wären nicht zu ersetzen. Also. Acht. Abschlüsse. Am. Abend.

Ludwig irrte eine Weile im Internet umher. Die interessanten Seiten waren geblockt. Betreten verboten! Er aß die Banane und das Marmeladentoast und ging dann zu dem Kaffeeautomaten am Ende des Ganges. Heute war eines der vier von zehn Malen, an dem der Automat seine Macht demonstrierte und sich weigerte, das zu tun, wofür er bezahlt wurde. Ludwig steckte einen weiteren Euro in den Schlitz. Zurück in seiner Box schloss er die diversen Werbe- Popups auf dem Bildschirm und nippte dabei an dem wässrigen Kaffee. Beim letzten Popup zögerte er. Es war Werbung für eine Wahrsagerin. Madame Laluna garantierte Zufriedenheit und Diskretion und das zu einem Preis, dessen Höhe der Kunde selbst festlegen konnte. Madame Lalunas schwarze Lockenpracht wurde umrahmt von einem glänzenden Lichtschein und ihr Blick war der einer mysteriösen Zigeunerin. Ludwig fühlte sich durchaus angesprochen. Er verspürte ein Ziehen im Darm und machte sich auf den Weg zu den Toiletten.

In der Mittagspause stand er in der Schlange vor der Essensausgabe. Die Kantine war groß und doch zu klein für die unerwartete Flut an neuen Arbeitskräften. Ludwig bestellte Rouladen mit Spätzle. Er wartete einige Minuten mit dem Tablett in der Hand und ergatterte einen freien Platz. Sein Gegenüber am Tisch war ein junger Chinese oder Japaner oder Koreaner, Ludwig vermochte das nicht zu beurteilen. Jedenfalls hatte er Schlitzaugen.

- Schmeckt es?

Ludwigs Großmutter hatte ihm immer eingebläut, dass es wichtig sei, Konversation zu betreiben. Sie war der Meinung, nur so gelange man an Informationen. Das World Wide Web erlangte erst nach ihrem Tod Berühmtheit. Sie starb zu einer Zeit, in der man noch Briefmarken anleckte. Die letzten Monate lag sie in einem Krankenbett und wurde durch einen Schlauch ernährt. Sie hatte die Seite gewechselt, war nun ihrerseits Patientin und ihre ehemaligen Kolleginnen taten wirklich ihr Bestes, um ihr die letzten Monate so angenehm wie möglich zu gestalten. Ludwig besuchte sie so oft er konnte. Es fiel ihm schwer. Ein dahinvegetierendes Stück Fleisch, durch Chemotherapie und Tabletten am Leben gehalten. In den wenigen lichten Momenten witzelte sie, dass ihr Körper nicht auf einen Friedhof gehöre, sondern auf eine Sondermülldeponie. Ludwig konnte darüber nicht lachen. Einen Tag vor seinem Siebzehnten Geburtstag schloss sie die Augen für immer und ihre ehemaligen Kolleginnen stellten die Maschinen ab. Ludwig war nicht an ihrer Seite, ein hartnäckiger Hexenschuss hatte ihn ans Bett gefesselt.

- Ja.

Der Chinese oder Japaner oder Koreaner schlang sein Frikassee hinunter und ging. Konversation beendet. Ludwig stocherte in seinem Essen herum und dachte an Madame Laluna, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und zudrückte. Ludwig drehte sich um.

- Acht Abschlüsse. Vergessen sie es nicht, Freiman!

Gefolgt von seiner affektierten Sekretärin steuerte der Boss auf den für ihn reservierten Tisch zu.

- Arschloch.

Ludwig vergewisserte sich, dass niemand seiner Tischnachbarn diese genuschelte Bemerkung gehört hatte und fuhr fort, die Spätzle auf seinem Teller von links nach rechts zu schieben. Bevor er an seinen Platz zurückkehrte, befriedigte er sich emotionslos auf dem Klo. Er und Renate hatten seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Sex mehr. Sie sah keine Notwendigkeit, den Akt der Fortpflanzung zu vollführen, wenn eine Fortpflanzung nicht möglich war.

Lustlos und langsam drehten die Zeiger der Uhr ihre Runden. Kurz vor Feierabend hatte Ludwig fünf Abschlüsse. Auf seinem Hemd hatten sich unter den Achseln und am Rücken große Schweißflecken gebildet. Wo waren die beschissenen portablen Klimaanlagen, wenn man sie braucht! Wie sollte er in den verbleibenden fünfundzwanzig Minuten drei Abschlüsse machen? Was würde Renate sagen, wenn er wieder einen Job gegen die Wand fährt? Sie würde schweigen, den Kopf schütteln und drei Tage nicht mit ihm reden. Erst dann würde sie ihn fertigmachen.

- Soll die fette Kuh doch selber arbeiten.

Hatte er das laut gesagt? Er schaute abermals auf die Uhr und rief dann seinen Vater an.

- Ich brauche deine Hilfe.- Ludwig?- Ja.

Die Stimme seines Vaters klang fragil, was passend war, denn er war eine äußerst fragile Person.

- Was ist los?- Du musst eine portable Klimaanlage kaufen.- Ich muss was?- Du musst eine portable Klimaanlage kaufen.- Warum?- Weil ich sonst meinen Job verliere.

Ludwig wartete auf eine Reaktion seines Vaters, der am anderen Ende der Leitung in seinem Ohrensessel saß und Kreuzworträtsel löste. Sein Vater saß immer in seinem Ohrensessel und löste Kreuzworträtsel.

- Das ist eine ungewöhnliche Bitte.- Eine notwendige Bitte.- Verkaufst du diese Klimaanlagen?- Ja.- Seit wann?- Seit es so heiß ist.- Ich dachte, du arbeitest in einem dieser großen Elektromärkte.- Schon länger nicht mehr.

Sein Vater litt an Alzheimer. Manchmal fragte er Ludwig nach Mutter und manchmal erkundigte er sich, welchen Bus er nehmen musste, um nach Hause zu kommen. Mittlerweile wohnte sein Vater in einem Seniorenheim und verließ sein Zimmer nur noch, um im Garten auf einer Bank zu sitzen und Spatzen zu füttern. Hin und wieder leistete Ludwig ihm dabei Gesellschaft und sie sprachen über Dinge, an die sich sein Vater wenige Minuten später nicht mehr erinnern konnte. Es gab Momente, da betrachtete Ludwig die Krankheit seines Vaters als Segen, so musste er sich nicht an all die Dinge erinnern, die ihm widerfahren waren. Erstaunlicherweise blieb der Kindstod aus. Mit Vier wurde ihm eine Stecknadel aus dem Oberschenkel entfernt. Mit Sechs die Mandeln. Mit Zehn brach er sich bei einem Sturz vom Fahrrad, den Oberschenkelknochen und musste sechs Monate einen Gips tragen. Zwei Wochen nachdem der Gips entfernt worden war, riss das Seil eines Skilifts, in dem er und sein Vater saßen, um in den Bergen zu wandern. Beide Arme wurden eingegipst. Seine Mutter musste ihm zwei Monate den Hintern abwischen und sein Vater landete im Rollstuhl. Mit Sechzehn biss er sich die Zungenspitze ab. Mit Achtzehn bekam er anstatt des Führerscheins eine ausgeprägte Depression. Mit Dreiundzwanzig heiratete er Maria. Mit Siebenundzwanzig Uta. Bereits fünf Minuten nach der Geburt ließ er Ludwig das erste Mal fallen und war somit zwei Minuten schneller als sein eigener Vater. Mit Dreißig war er arbeitslos und Witwer. Mit Vierzig erkannten die Ärzte eine Tendenz für Alzheimer. Mit Fünfzig war von einem zweiten Frühling weit und breit nichts zu sehen. Mit Sechzig kam er ins Altersheim, Renate wollte es so.

- Tatsächlich?- Ja, schon seit April nicht mehr.- Das ist mir neu, warum hast du mir das nicht gesagt?- Habe ich.- Hast du nicht.

Sein Vater akzeptierte nicht, dass sein Gehirn fehlerhaft arbeitete. Sie hatten sich schon oft deswegen gestritten. Hätte man seinen Vater gefragt, hätte er geantwortet, dass er und sein Sohn sich nie streiten. Ludwig war in diesem Fall der Klügere.

- Dann habe ich es wohl vergessen.- Wie kann man vergessen, seinem Vater zu erzählen, dass man einen neuen Job hat?- Ist doch nicht so wichtig …- Du bist mein Sohn! Alles was du machst, interessiert mich.- Ok.- Also, was soll ich gleich nochmal kaufen?- Eine portable Klimaanlage.- Wozu?- Weil ich sonst gefeuert werde.

Ludwig erklärte seinem Vater die Situation. Schließlich willigte sein Vater ein, da es in seinem Zimmer unangenehm heiß war und erkundigte sich dann nach seiner Frau, die schon seit Jahren tief unter der Erde ruhte. Ludwig wünschte ihm einen schönen Tag und versprach, in den nächsten Tagen vorbeizuschauen. Nachdem er aufgelegt hatte, transferierte er per Onlineüberweisung den Betrag für die Klimaanlage von dem Konto seines Vaters auf das Firmenkonto. Aufgrund der Krankheit seines Vaters hatte er schon seit längerer Zeit eine Vollmacht. Sein Vater wusste nicht einmal mehr, dass er ein Bankkonto besaß, er bezog eine Art Rente, von der per Dauerauftrag ein Teil auf das Konto des Seniorenheims ging. Ludwig schaute auf die Uhr und wählte die Nummer seines einzigen Freundes. Er ließ es lange klingeln, aber Dirk nahm nicht ab. Auch auf dem Handy hatte er keinen Erfolg.

Als die Uhr ihm an diesem Nachmittag erlaubte, Feierabend zu machen, war Ludwig stolzer Besitzer von zwei portablen Klimaanlagen, was bedeutete, dass er die nächsten Wochen praktisch ohne Bezahlung arbeiten würde. Renate hatte ihn angerufen und er hatte einen Termin bei Madame Laluna. Er schaltete den Computer aus und überlegte, ob er auf seinen Boss warten musste. Musste er nicht, denn sein Boss war schon im Anmarsch. Er hörte dessen drohende Stimme im Gang.

- Wenn die Abschlusszahlen in den nächsten Tagen nicht steigen, schmeiß ich euch alle raus! Die Zahlen von heute sind ein Witz! Wir haben sogar jetzt noch dreißig Grad! Ich sollte euch Überstunden schieben lassen! Unbezahlte!

Der Boss trat in Ludwigs Blickfeld und baute sich mit hinter dem Körper verschränkten Armen vor ihm auf. Sein Blick war fordernd und nicht übermäßig freundlich.

- Und, Fuhr … äh …- Man.- Richtig. Also, Fuhrman, wie sieht es aus?- Acht Abschlüsse.- Tatsächlich?- Ja.- Hätte ich nicht gedacht.

Der Boss nickte anerkennend und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze.

- Dann erwarte ich morgen zehn!

Er drehte sich um und ging. Ludwig folgte ihm ein paar Minuten später.

- Wie war dein Tag?- Gut.- Hast du an die Tampons gedacht?- Natürlich.

Er nahm die Tampon-Packung aus der Aktentasche und reichte sie Renate, die in der Küche stand und mit dem Dosenöffner eine Dose junges Gemüse öffnete.

- Danke, leg sie auf den Tisch.- Was hast du gemacht?- Nicht viel. Geputzt und so.

Ludwig schaute rüber in das Wohnzimmer. Die Kissen auf der Couch waren zusammengedrückt und auf dem Tisch lag eine Tüte Chips. Er hätte zum Fernseher gehen können, um festzustellen, dass er noch warm war. Er wusste es auch so. Die Zeiten, in denen er Renate jetzt zur Rede gestellt hätte, waren vorbei. Themawechsel.

- Was gibt es zu essen?- Fleisch, Kartoffeln und Gemüse. Braune Soße.- Schön.

Der Schrei ließ Ludwig zusammenzucken.

- Was ist denn los, verdammt nochmal!- Die Tampons!- Was ist damit?- Die sind Super!

Ludwig verstand nicht.

- Und warum schreist du dann so?- Ich habe Normal! Normal!

Ludwig zweifelte für einen kurzen Moment am geistigen Gesundheitszustand seiner Frau.

- Was redest du da?- Du hältst mich für eine fette, ausgeleierte Kuh!

Ludwig schüttelte verständnislos den Kopf.

- Ich …- Arsch!

Renate knallte den Dosenöffner auf die Arbeitsplatte und schoss an Ludwig vorbei. Sie knallte die Tür und polterte die Treppe nach oben. Wieder knallte eine Tür und dann hörte Ludwig durch die Zimmerdecke, wie sich seine Frau auf das Bett schmiss.

- Was war das denn jetzt?

Er erhielt keine Antwort. Bis auf die paar Sekunden, in denen seine Frau an den Kühlschrank stürmte und ihn durch die Durchreiche beschimpfte, bekam er sie für den Rest des Abends nicht mehr zu sehen. Im Fernsehen gab es eine Reportage über das Vomitorium im antiken Rom. Während er das zähe Fleisch in mundgerechte Stücke schnitt und ihm die Erbsen und Möhren von der Gabel fielen, sah er zu, wie Schauspieler in Gewändern und Sandalen künstliches Erbrochenes von sich gaben, um danach ihr opulentes Mahl fortzusetzen. Ludwig schweifte ab und dachte an das dürre Mädchen heute Morgen im Bus. Die Träger ihres Tops hatten praktisch direkt auf den Schulterknochen gelegen. Das Gesicht hatte Ludwig an einen Schrumpfkopf erinnert. Das Mädchen hatte ihn angelächelt und ihm Platz gemacht, als er aussteigen musste. Ludwig wusste nicht viel über Bulimie, aber es musste sich um eine Krankheit handeln und nicht um einen Weg sich attraktiver zu machen. Allerdings hätte seiner Frau ein wenig Bulimie ganz gut getan.

- … würde dir ganz gut tun, blöde Kuh.

Sein Blick wanderte von der Zimmerdecke zurück zum Fernseher.

7

Es gibt kaum einen traurigeren Anblick, als Soldaten, die geschlagen aus einem Krieg zurückkehren.

Großvater presste seine Stirn gegen die Scheibe des Zuges. Ein Wunder. Er hatte überlebt. Er sah die vorbeiziehende Landschaft und hustete dabei Blut in sein Leinentuch. Das Rote Kreuz hatte es tatsächlich geschafft, die Gefangenen, die zu krank für die Arbeit in den Lagern waren, aus Russland rauszuholen. Großvater litt, wie so viele Andere auch, an Schwindsucht, hustete und spuckte Blut. Seit Wochen. Um die Epidemie in den Lagern unter Kontrolle zu bekommen und nicht noch mehr Arbeitskräfte zu verlieren, wurden die erkrankten Häftlinge ausgeliefert. Warum man sie nicht einfach exekutierte, denn es wurde ja schließlich auch einfach zum Spaß exekutiert, blieb ein Rätsel. Schnaufend kam der Zug zum Stehen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Polen. Eine weitere Ladung ausgemergelter Kriegsgefangener wurde wie Vieh in die Waggons verfrachtet. Beim Anblick der grünen Blätter an den Bäumen kamen ihm die Tränen. In den letzten zwei Jahren hatte er oft an den Frühling gedacht, an eine Zeit in der er jung war, unbeschwert und glücklich. In seinen Gedanken war er frei und rannte über Wiesen, pflückte Äpfel und spielte Fußball mit seinen Freunden. Er dachte an die Abende vor dem Kaminfeuer, mit einem Buch in der Hand. Sein Vater Pfeife rauchend im Sessel und seine Mutter die Melodie des Transistorradios summend. Es waren schöne Erinnerungen, auch wenn das, was Erinnerung ist, unter die Obhut der narrativen Transformation gerät. Dennoch, seine Gedanken an früher halfen ihm, an eine Realität außerhalb des Zaunes zu glauben. Dort im Lager gab es nichts weiter als Leid und Tod. Ein Wunder. Er hatte überlebt. Ein Wunder. Er hatte überlebt. Überlebt! Ruckelnd setzte sich der Zug in Bewegung. Auf dem Bahnsteig stand ein kleines Mädchen und ließ eine Fahrradfelge um ihre Taille rotieren. Sie lächelte und winkte Großvater zu. Großvater lächelte und winkte zurück.

Die Fahrt wollte nicht enden. Röchelnden und stinkende Männer, manche an der Schwelle des Todes, klammerten sich mit jedem zurückgelegtem Kilometer an die aufkeimende Hoffnung. Großvater fiel es schwer sich vorzustellen, dass er den ganzen Weg, wenn auch in entgegengesetzte Richtung, mal zu Fuß gegangen war. Es schien ihm so lange her, so unwirklich, so falsch. Er lauschte den Gesprächen der Anderen, ihren Plänen, Sehnsüchten und Ängsten. Die Stimmung war alles andere als ausgelassen oder euphorisch, viel mehr erfüllte eine Melancholie, eine Unsicherheit die Wagons. Keiner konnte es so richtig glauben, der Hölle entkommen zu sein. Jeder rechnete unterschwellig mit einer erneuten Inhaftierung, aber keiner sprach es aus und als dann schließlich die Deutsche Grenze passiert wurde, brach tatsächlich Jubel aus.

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