Книга Mut braucht eine Stimme читать онлайн бесплатно, автор Peter Holzer – Fictionbook, cтраница 3
Peter Holzer Mut braucht eine Stimme
Mut braucht eine Stimme
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Peter Holzer Mut braucht eine Stimme

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Beschäftigtsein ohne Richtung ist wie Zocken im Kasino.

Doch das ist alles nicht so einfach, wie es klingt. Denn Beschäftigtsein ohne Richtung, ohne zu wissen, was Ihnen wichtig ist, ist wie Zocken im Kasino: Mit viel Glück kann es gut gehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, ist ungleich größer. Wenn Sie zum Beispiel reich werden wollen, können Sie die Verantwortung dafür der Lottofee überlassen. Und wenn Ihre Zahlen nie gezogen werden, hat es eben nicht sollen sein – ganz einfach.

Zu einfach.

Ob Ihr Ziel nun lautet, reich zu werden, Ihr Golf-Handicap unter zehn zu bringen oder eine neue Sprache zu lernen: Sie müssen für Ihr Ziel einstehen. Die Amerikaner nennen das Commitment oder Ownership. Frei übersetzt: Sie müssen bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Denn für jedes anspruchsvolle Ziel benötigt man Kraft, Energie und Anstrengung. Ohne Konsequenz und Disziplin degradieren Sie das, was Ihnen wirklich wichtig ist, zum reinen Glücksspiel. Fürs Glücksspiel benötigen Sie nur einen Lottoschein. Für Ihre Lebensziele müssen Sie jedoch aktiv werden.

Das Gute daran: Wenn Sie aktiv auf Ihr Ziel zusteuern, sind Sie der Spieler. Sie sind es, der entscheidet, welcher Spielstein wo gesetzt wird. Das bedeutet, dass Sie Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Eine Garantie, dass Sie es schaffen, haben Sie auf diese Weise zwar auch nicht. Aber Sie erhöhen deutlich die Chance, dass Sie Ihr Ziel erreichen werden.

Ob investierte Zeit also verschwendet ist oder nicht, hängt davon ab, ob sie Sie Ihrem persönlichen Ziel näher bringt: Wenn Sie zum Beispiel in einer Firma arbeiten, in der gewollt ist, dass Sie 14 Stunden täglich im Büro verbringen und auch am Wochenende arbeiten, dann hält Sie dieses System unglaublich beschäftigt. Jetzt kommt es darauf an: Ist es Ihr Ziel, eine Familie zu gründen? Dann werden Sie von diesem System in eine andere Richtung getrieben, weg von Ihrem Ziel. Wenn Sie dagegen in dieser Firma einmal Vorstandsvorsitzender werden wollen, ist es hilfreich, zur Not auch Tag und Nacht für die Firma zu arbeiten. Dann ist die investierte Zeit nicht verschwendet. Die Frage ist: Entscheiden Sie sich freiwillig dafür, sich dem System und seinen Spielregeln anzupassen? Oder entscheidet jemand anders nach seinen eigenen Erwartungen: Kollegen, Vorgesetzte, Lebenspartner, Familie, Eltern, Freunde, Nachbarn, Gesellschaft allgemein …?

Entscheidungen zu treffen ist ein zentraler Punkt im Umgang mit der Zeit.

Verantwortung ist eine Entscheidung

Unser größtes Problem inmitten des Tornados ist, dass wir nicht mehr in der Lage sind, Prioritäten zu setzen. Alles ist wichtig, alles ist dringend, tausend Sandkörner prasseln wie Nadelstiche auf uns ein und erzwingen unsere Aufmerksamkeit. Das Fatale dabei: Wenn alles wichtig ist, ist nichts mehr wichtig.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen vitaler und gesünder leben. Dazu suchen Sie einen Trainer auf. Er analysiert Ihr Körpergewicht, misst den Bauchumfang und wertet den Fettanteil Ihres Körpers aus. Er fragt Sie nach Zielen, Wünschen und machbarem Zeiteinsatz. Danach folgt ein einstündiger Vortrag mit gefühlten 528 Empfehlungen, was Sie alles tun können, um Ihr Ziel zu erreichen: Blutuntersuchung, Test auf Lebensmittelunverträglichkeiten, Ernährungsumstellung, Kohlenhydrate vermeiden, nach 19 Uhr nichts mehr essen, mindestens drei Liter Wasser trinken, keinen Alkohol, keinen Zucker, mindestens fünfmal pro Woche Sport, davon zweimal Ausdauertraining und dreimal Krafttraining, Fitness-Tracker kaufen, Schlaf- und Bewegungsgewohnheiten messen, regelmäßig Blutdruck und Puls prüfen, Treppen statt Aufzug und Rolltreppe nutzen, täglich eine Runde spazieren gehen, mindestens acht Stunden Schlaf, abends kein Fernsehen und so weiter. Nach zehn Minuten können Sie schon nicht mehr folgen. Nach der Stunde sind Sie – auch ganz ohne Sport – bereits fix und fertig. Aber Sie geben nicht auf. Sie wollen wissen: »Was ist das Wichtigste, das ich auf jeden Fall umsetzen sollte?« Ihr Trainer schaut Sie verdutzt an: »Das habe ich Ihnen doch gerade erzählt.« Und er wiederholt daraufhin seinen einstündigen Vortrag. Danach wissen Sie immer noch nicht, was das Wichtigste ist, werden sich nichts davon merken – und sich für etwas entscheiden, um es in die Tat umzusetzen, werden Sie erst recht nicht.

Die Zuschreibung von unterschiedlicher Wichtigkeit ist also genauso eine Entscheidung wie die Entscheidung darüber, sich als Spieler oder als Spielstein einzubringen. Wenn Sie selbst die Entscheidung nicht treffen, entscheidet im Zweifelsfall jemand anders für Sie. Und dessen Prioritätensetzung deckt sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit Ihrer Zielsetzung. Sie können diese Entscheidung aber auch selbst treffen – vorausgesetzt, Sie kennen Ihr Ziel.

Warum die Entscheidung zwischen wichtig und unwichtig im Zusammenhang mit verschwendeter Zeit von so großer Bedeutung ist, möchte ich Ihnen an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn ich mit meiner Frau zu Abend esse, dann habe ich mich für diese gemeinsame Zeit entschieden. Wenn aber während des Essens in mir Kopfkino abläuft und ich an meine laufenden Beratungsprojekte denke, dann bin ich nicht bei meiner Frau und kann den Abend nicht genießen. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wird es ein herzlich blöder Abend. Denn meine Frau wird bemerken, dass ich nicht bei der Sache bin. Folge: Wir werden wahrscheinlich aneinandergeraten. Wie unnötig! Denn nur durch meine Gedanken ans Büro erledigt sich die Arbeit dort ja auch nicht. Also bin ich weder bei meiner Frau noch im Büro.

Das gilt auch umgekehrt: Ich sitze im Auto, quäle mich durch einen Stau und stelle mir vor, wie schön es wäre, mich jetzt mit meinem Sohn im Fitnessstudio zu verausgaben. In diesem Moment fühle ich mich gleich doppelt schlecht. Zum einen, weil ich nicht schwitzend Gewichte stemme, sondern genervt auf der Autobahn vor mich hin rolle. Zum anderen, weil sich der Stau durch mein Wunschdenken auch nicht auflöst.

Entscheiden, welche Gedanken wir verfolgen und welche wir loslassen.

Beide Male ist die Zeit verschwendet, weil ich nicht im Hier und Jetzt bin. Doch wie kann ich es besser machen? Ich muss meinen Geist kontrollieren. Und das ist eine der größten Herausforderungen des Menschen. Mit rund 60 000 Gedanken pro Tag plappert die Stimme in unserem Kopf von morgens bis abends. Das sind rund 40 Gedanken pro Minute. Diese Gedankenmaschine abzustellen, ist eine große Kunst. Mönche meditieren tagtäglich mehrere Stunden, um für Ruhe im Kopf zu sorgen. Für uns Nichtmönche ist es ein erster Schritt, dass wir zumindest entscheiden, welche Gedanken wir verfolgen. Und welche wir loslassen.

Beobachten Sie sich: Haben Sie sich vielleicht schon daran gewöhnt, sich von Ihren Gedanken lenken zu lassen? Sie hätten stattdessen auch die Möglichkeit, Ihre Gedanken in eine andere, nämlich die gewünschte Richtung fließen zu lassen. Das kann man trainieren. Im Wort »trainieren« klingt schon an, dass das mit Energie und Aufwand verbunden ist – so wie alles, wofür Sie Verantwortung übernehmen: für die eigenen Kinder, für die eigene Firma und ihre Mitarbeiter, für ein übernommenes Projekt, für Ihr eigenes Leben. Das ist der Preis dafür, dass Sie Ihren eigenen Weg in Richtung Ihres eigenen Zieles beschreiten. Und Ihre Zeit nicht verschwenden, sondern nutzen. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist eine Entscheidung!

Rettungsanker im Tornado

Die Beschäftigungswut ist zur Volkskrankheit geworden und die Liste der dagegen angebotenen Medikamente ist lang. Wenn Ihr Tag nicht reicht, um alle Aufgaben zu bearbeiten, sind Sie zum Beispiel vielleicht nur nicht gut genug organisiert. Ein übervoller Terminkalender müsste sich doch mit geschicktem Zeitmanagement so entschlacken lassen, dass genug Zeit für die wichtigen Dinge übrig bliebe. Besuchen Sie nur das richtige Seminar und schon sind Sie gegen den Input- und den Instant-Virus immun.

Ein guter Gedanke. Aber leider falsch!

Keine Frage: Gutes Zeitmanagement kann Wunder wirken bei der Steigerung der Effizienz. Für Menschen, die drauflosarbeiten, statt sich vorher zu sortieren, kann schon die Frage »Welche Aufgabe muss wirklich heute erledigt werden und welche kann bis morgen warten?« eine riesige Entlastung mit sich bringen. Sie kann die Produktivität am Arbeitsplatz, die persönliche Entspannung und den Stolz nach erledigtem Tagespensum spürbar und messbar steigern. Doch die Fragen, die Ihnen helfen, trotz Tornado gut durchs Leben zu kommen, klingen eher so:

Was fehlt, wenn es dich nicht mehr gibt?

Was willst du in deinem Leben bewirken?

Bei welchen Menschen möchtest du welche Spuren hinterlassen?

Willst du Kinder haben?

Was willst du ihnen mit auf ihren Weg geben?

Welche Welt möchtest du der nachfolgenden Generation hinterlassen? Und was tust du konkret, um einen Beitrag dafür zu leisten?

Mit welchem Lebenspartner willst du wie zusammenleben?

Welchen Job willst du leben?

Was willst du in deinem Leben noch lernen?

Was müsstest du ändern, damit du am Ende sagen kannst: »Ich habe mein eigenes Leben gelebt!«?

Wer willst du werden?

Zeitmanagement macht einen sinnlosen Weg nicht sinnvoller.

Auf keine dieser Fragen gibt das Zeitmanagement eine Antwort. Das Leben ist wie eine Leiter, die wir hinaufklettern. Techniken der Selbstorganisation helfen durchaus dabei, die Leiter schneller zu erklimmen. Aber was hilft Ihnen das, wenn Sie oben ankommen und feststellen: Die Leiter steht an der falschen Wand? Das effizientere Begehen eines Weges macht einen sinnlosen Weg nicht sinnvoller. Nur weil Sie schneller rennen, wird aus einem Hamsterrad keine Karriereleiter. Außerdem wissen Sie bereits aus Erfahrung: Die durch schnelleres Rennen gewonnenen Zeitfenster werden sofort wieder vom Tornado aufgefüllt. Die Input- und Instant-Viren sind immer noch da! Warum? Weil Ihr »Immunsystem« schwächelt.

Ich erlebe immer wieder Vorstände, Manager, Topführungskräfte, die »es« geschafft haben. »Es« richtet sich nach dem Maßstab der Gesellschaft, der ein erfolgreiches Leben definiert: hohes Einkommen, Prestige, toller Firmenwagen, sozialer Status. Und trotzdem fehlt diesen Menschen etwas. Irgendwann meldet sich eine Leere und Unzufriedenheit, die schwer greifbar ist. Und für Außenstehende auch schwer nachvollziehbar. »Du hast doch alles erreicht. Was bist du denn so unzufrieden?« Die Antwort ist einfach: Sie sind unzufrieden, weil sie immer noch nicht genau wissen, was für sie die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.

Wenn Sie sich das bewusst gemacht haben, brauchen Sie kein Zeitmanagementseminar. Steve Jobs1 wird das Zitat zugeschrieben: »Ich bin auf die Dinge, die wir nicht getan haben, genauso stolz wie auf die Dinge, die wir getan haben.« Im Leben geht es nicht darum, wie ich noch mehr in meinen Tag hineinpacke. Viel wichtiger ist die Frage: Was lasse ich alles draußen?

Schauen Sie doch mal in die letzte Woche Ihres Kalenders. Welche der Termine, Telefonate und Treffen waren für die Katz? Welche würden Sie am liebsten streichen, weil sie nur Lärm, Ablenkung und ohne Output für Sie waren? Die gute Nachricht: Sie können das auch für diese Woche tun. Und für die nächste Woche. Sie können Ihr ganzes Leben vereinfachen. Sortieren Sie einfach Termine, Klubmitgliedschaften, Gremienzugehörigkeiten, Projektlisten, Rückrufbitten und – ja, auch Freundschaften – aus (es gibt einen großen Unterschied zwischen echten Freunden und Zeitabschnitts- und Zweckbekannten). Dazu braucht es nur Mut.

Ja, es braucht Mut, um bestimmte Kundenanfragen nicht mehr anzunehmen, um die Teilnahme an Meetings abzulehnen, die Ihnen nichts bringen oder zu denen Sie nichts beitragen können, um nicht jedes geschäftliche Event und jede Weiterbildung zu besuchen, um die Einladung der Bekannten zum Geburtstag des jüngsten Sohnes auszuschlagen oder der Schwiegermutter klarzumachen, dass Sie sie nicht jedes Wochenende besuchen werden. Schließlich enttäuschen Sie in diesen Fällen die Erwartungen Ihrer Mitmenschen. Erst recht dann, wenn Sie die Bitten und Anfragen bisher immer angenommen und erfüllt haben.

Ein »Nein« erzeugt Reibung. Insbesondere bei hierarchischen Beziehungen: Wenn Sie Ihrem Chef auf einmal widersprechen, obwohl Sie doch bisher zu all seinen Vorschlägen Ja und Amen gesagt haben, steckt darin Konfliktpotenzial. Doch der selbst befeuerte Mechanismus des Tornados lässt sich nur durchbrechen, wenn Sie wissen, was Ihnen wirklich wichtig ist, und wenn Sie den Mut haben, dazu zu stehen und Ihre Werte zu vertreten – trotz möglicher Einbußen.

Wenn eine bessere Zeiteinteilung nicht die Lösung des Problems ist – könnte es dann sein, dass die neuen technischen Möglichkeiten weiterhelfen können? In allen Lebensbereichen – zum Beispiel Ernährung, Sport, Logistik, Produktion, Verkehr, Medizin und Gesundheit – gibt es ständig technische Innovationen und wissenschaftliche Errungenschaften. Sie eröffnen ungeahnte Möglichkeiten. Und ich denke dabei nicht nur ans iPhone oder die Konservierbarkeit von Lebensmitteln, an Same-Day-Delivery und Just-in-time-Produktion, sondern auch an neue Entdeckungen, von denen wir jetzt noch gar nicht wissen, wie sie unseren Alltag in fünf bis zehn Jahren beeinflusst haben werden.

Nehmen wir zum Beispiel medizinische Optionen wie das Social Freezing. Ursprünglich konzipiert zur Konservierung der Eizellen weiblicher Krebspatientinnen vor einer Chemotherapie, ist Social Freezing inzwischen zum Massenphänomen avanciert. Firmen wie Apple oder Facebook bieten ihren Mitarbeiterinnen sogar an, die Kosten dafür zu übernehmen, um von der Schaffenskraft junger Frauen länger profitieren zu können. Das Verfahren wird als probates Mittel gepriesen, die eigene Zeit nicht zu verschwenden. Wir spielen einfach ein bisschen Gott und bestimmen über Leben und Tod.

Es scheint, als würden mit solchen Instrumenten immer mehr Dinge in immer kürzerer Zeit machbar – ein optimiertes und immer dichter gepacktes Leben wird zur Normalität. Aber helfen diese Mittel uns wirklich dabei, alles tun zu können und zu nichts mehr »Nein« sagen zu müssen? Vermehrt sich unsere Zeit dadurch?

Es ist richtig, dass Sie zum Beispiel während einer S-Bahn-Fahrt in 20 Minuten Dinge erledigen können, für die Sie früher mehrere Stunden gebraucht hätten: Lebensmittel einkaufen, Klamotten aussuchen, den Bürobedarf für den nächsten Monat ordern, E-Mails beantworten, Flüge buchen, Rückrufe tätigen, Fotos machen und verschicken, eine Audionotiz aufzeichnen und versenden und vieles mehr. Und das alles, ohne auch nur ein einziges Mal aufzustehen. Doch ob Sie mit dieser gestiegenen Effizienz zum Ziel kommen, hängt davon ab, ob Sie mit der Abarbeitung der Aufgaben wirklich Freiräume schaffen und für Ihr Wohlbefinden sorgen – oder ob Sie nicht stattdessen die Zahl der abzuarbeitenden Aufgaben verdoppelt haben. Denn auch Ihre Kollegen – gar nicht faul – nutzen jede freie Minute, um »mal eben was zu erledigen«. Sie beantworten zum Beispiel Ihre Mail oder nutzen ihre freie Minute, um Ihnen eine neue Aufgabe an die Hacken zu heften. Und so hecheln Sie genauso wie zuvor wieder dem Aufgabenberg hinterher, der statt geschrumpft schlechtestenfalls sogar noch angewachsen ist. Vielleicht hat Sie der Effizienz- und Geschwindigkeitswahnsinn im Management Ihres Tornados weitergebracht. Doch was ist mit den wirklich wichtigen Dingen in Ihrem Leben? Ihre Ehe ist durch den ganzen Kram nicht romantischer geworden. Die Beziehung zu Ihren Kindern nicht enger. Und der Kontakt mit Ihren Eltern nicht versöhnlicher.

Gerade im Umfeld von Lebensentscheidungen wütet der Tornado heftig.

Gerade im Umfeld von Lebensentscheidungen wütet der Tornado heftig. Und besonders dort werden wir Opfer des Instant-Virus. Denn wenn eine Mitarbeiterin den Kinderwunsch auf später verschiebt, um ihre Karrierechancen zu nutzen, findet sie gar keine Zeit, ihren eigenen Lebensweg zu verfolgen. Für Kinder braucht es auch den richtigen Partner. Aber für Dating und Flirten ist – der Karriere sei Dank – gerade keine Zeit. Erst muss sie noch all das Wichtige erledigen, bevor sie sich der Partnersuche und möglichen Kindern widmet. Wenn sie dann mit 45 immer noch keinen Partner an ihrer Seite hat – oder alle Zeugungsversuche missglückt sind –, schlägt die harte Realität zu. Wir haben eben keine Sicherheit, dass alles so kommt, wie wir es planen. In unserer von der Natur bereinigten Kunstwelt voller Hightech und Wissenschaft vergessen wir gerne, dass wir trotz allen Fortschritts (noch) nicht alles kontrollieren und beeinflussen können.

Völlig verblendet durch Instant- und Input-Virus und den wilden Tornado um uns herum drehen wir an den falschen Schrauben. Das ist, als würden Sie in Ihrem Wohnzimmer sitzen und bemerken, dass es durch das Dach tropft. Schnell stellen Sie einen Eimer hin, um das Wasser aufzufangen, und tauschen diesen stündlich gegen einen leeren aus – statt das Loch im Dach zu reparieren. All die wunderbaren Errungenschaften unserer modernen Konsum- und Technikwelt werden Ihnen nicht helfen können, Ihre Zeitverschwendung einzudämmen. Denn um aus Ihrer Zeit eine erfüllte Zeit zu machen, brauchen Sie eine neue Sichtweise.

Auch wenn es sich für Sie oft anders anfühlt: Wie Sie auf den Druck reagieren, der auf Ihnen lastet, entscheidet niemand anderer als Sie. Nur Sie selbst bestimmen, wie Sie sich verhalten und was Sie tun. Und vor allem: wie Sie leben wollen.

Ich bestimme selbst!

München, ein Mittwochabend. Ich sitze im Taxi auf dem Weg von einer Konferenz mit Finanzvorständen. Ich habe dort einen Vortrag gehalten darüber, wie Unternehmen noch schneller erfolgreich werden können. Alle haben hoch konzentriert zugehört. Hinterher bin ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Sie haben mir erzählt, dass sie sich nach mehr Fokus und Wirksamkeit sehnen. Ich habe gespürt, wie sehr sie im Tornado stecken: Sie kontrollierten ständig mitten im hektischen Stimmengewirr den Maileingang auf ihren Smartphones und erledigten Rückrufe. Dann stopften sie viel zu hastig die kleinen Häppchen vom Buffet in sich hinein, bevor sie sich zum nächsten Termin verabschiedeten.

So ein Tag zehrt auch an meinen Reserven. Die Technik war mitten im Vortrag ausgefallen. So musste ich den Raum ohne Mikro beschallen. Nach diesem Kraftakt für meine Stimmbänder freue ich mich auf einen Moment der Ruhe und falle erschöpft ins Taxi. Sehne mich nach zu Hause, nach einer Umarmung meiner Frau und ein bisschen sportlichem Gerangel mit meinem Sohn.

Mein Taxifahrer wirft mir im Rückspiegel einen freundlichen Blick zu – schon beim Einsteigen ist mir seine warme Stimme aufgefallen und seine heiter-gelassene Ausstrahlung. Ich bin neugierig und stecke mein Telefon wieder in die Tasche. Wir unterhalten uns, obwohl meine Stimme schon etwas heiser ist. Ich erfahre, dass er Syrer ist, seit vielen Jahren in Deutschland lebt und dieses Jahr bereits siebzig wird. Aber er arbeitet noch immer. Weil die Rente nicht reicht.

Mit siebzig noch Taxifahrer? Ich frage ihn: »Und – sind Sie glücklich?« Er zögert keinen Moment und antwortet mit einem Funkeln in den Augen: »Aber ja!« Ich will wissen, was für ihn Glück bedeutet. Er nennt, ohne zu zögern, drei Aspekte: Er führt eine gute Ehe, seine Familie ist gesund – und er ist finanziell unabhängig. Der letzte Punkt lässt mich stutzen: »Wie meinen Sie das? Sie sagten doch gerade, dass Sie zu wenig Rente bekommen …«

Er lächelt und erklärt es mir mit ruhigen Worten. Er meint »finanziell unabhängig« nicht im Sinne von »reich«. Nein, das ist er nun wirklich nicht. Er hat harte Zeiten hinter sich und es gibt gute und weniger gute Tage. Aber, hey, er ist sein eigener Boss, er kann selbst bestimmen: »Ich fahre mein eigenes Taxi – das ist meine Firma! Ich bestimme selbst, wann und wie lange ich fahre. Ich bin der Herr meiner Zeit!« Wie er das so erzählt, wirkt er nicht naiv und weltfremd, sondern klar und geerdet. Und ganz und gar nicht hektisch. Mir fällt auf, dass er der erste entspannt wirkende Mensch ist, der mir heute über den Weg gelaufen ist.

Welch ein Kontrast! Ein einfacher Taxifahrer strahlt mehr Selbstbestimmtheit aus als Menschen, in deren Händen die Verantwortung für millionenschwere Budgets und Tausende von Mitarbeitern liegt. Ist das Rezept so einfach? Wissen, was einem wichtig ist, sein Leben und seine Zeit darauf ausrichten – und schon bin ich glücklich?

Ein harter Weg ist kein Hindernis für Glück. Im Gegenteil!

Keine Sorge, ich bin kein Romantiker. Ich behaupte keineswegs, dass alle Finanzvorstände unglücklich und fremdbestimmt sind. Viele von ihnen führen genau das Leben, das sie immer führen wollten. Und wenn das so ist, finde ich das großartig. Aber das Leben in solchen Jobs ist kein Ponyhof. Und im Businesstornado verlieren auch sie immer wieder mal ihren Horizont aus den Augen. Und nein, bei diesem Taxifahrer gibt es nichts zu verklären. Er hat kein leichtes Leben, denn er ist einen verdammt harten Weg gegangen und geht ihn noch immer. Aber ein harter Weg ist kein Hindernis für Glück. Im Gegenteil!

Nur wenn Sie Ihre Zeit selbstbestimmt nutzen, verschwenden Sie sie nicht sinnlos auf Ihrem Lebensweg. Und nur dann sind Sie in der Lage, subjektiv Glück, Erfolg und Reichtum selbst dort zu finden, wo andere nur – wie im obigen Beispiel – einen bettelarmen Taxifahrer mit hartem Los sehen würden. Und dann, nur dann, werden Ihnen die Menschen auch zuhören und glauben, wenn Sie selbst das Wort ergreifen und sich mit Ihrer Stimme in die Gespräche und Debatten einmischen. Wer hört schon gerne einem Weichei zu, dem man einen harten Weg und die Entschlossenheit, eigene Ziele zu verfolgen, nicht abkaufen mag? Ich bin sicher: Wenn dieser Taxifahrer die Gelegenheit bekäme, vor größerem Publikum von seinem Leben und seiner Lebenseinstellung zu erzählen, wäre es mucksmäuschenstill im Saal – so wie damals im Taxi, nachdem ich diese Worte gehört hatte und sie überhaupt nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Der neue Luxus

Was ist so faszinierend an Menschen, die ihre Zeit selbstbestimmt nutzen? Warum werden sie bewundert und beneidet? Wegen ihres wahren Reichtums. Eines Reichtums, der vielen unerreichbar erscheint, mehr noch als alle materiellen Besitztümer und alle Machtpositionen. Ein Reichtum an selbstbestimmter Zeit ist kein Ergebnis einer noch so ehrgeizigen Karriere. Er kann nicht im Lotto gewonnen und nicht vererbt werden. Er ist das Ergebnis einer inneren Haltung, die Sie sich nur auf einem harten Weg erarbeiten können.

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