Книга Lady sings the Blues читать онлайн бесплатно, автор Billie Holiday – Fictionbook, cтраница 3
Billie Holiday Lady sings the Blues
Lady sings the Blues
Lady sings the Blues

4

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Billie Holiday Lady sings the Blues

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

»Das war es also, was ihr immer gemacht habt, als ich in dieser Kiste aus Zedernholz am Fußende eures Bettes geschlafen habe?«, schrie ich sie an.

Was konnte sie schon darauf sagen? Nichts. Sie jammerte etwas darüber, dass ihr kleines Mädchen es mit einem Mann gemacht hatte und ängstigte sich halb zu Tode bei dem Gedanken, dass ich ein Kind bekommen könnte, so wie sie mich bekommen hatte. Ich hatte sie an einem Punkt getroffen, an dem sie sich nicht wehren konnte.

Damals schwor ich mir, dass es mit den Männern ein für alle Mal vorbei ist und sagte ihr, dass sie sich nicht länger Sorgen zu machen bräuchte, dass ich das täte, was sie immer mit meinem Vater getan hatte.

Dann kam eines Tages ein riesiger Schwarzer in Florences Apartment und bestand darauf, mich zu bekommen – mich oder keine. Er gab mir fünfzig Dollar; und das war auch das Mindeste. Dafür, dass er mich beinahe umbrachte, war es ein Spottpreis.

Tagelang konnte ich nicht aufstehen, geschweige denn irgendetwas anderes machen. Meine Mutter besuchte mich während dieser Zeit, als ich krank im Bett lag. Sie wusste nicht, was passiert war, aber nachdem sie mich sah, sagte sie sofort, dass ich augenblicklich in ein Krankenhaus müsste.

Mir ging es so dreckig, dass mir alles egal war … Bis ich sah, was auf der Mütze von dem Typ stand, der mit der Ambulanz gekommen war. Ich hatte schon von diesem Krankenhaus gehört. Ich kannte Mädchen, die dort wegen einer Lungenentzündung hingegangen waren und ohne Eierstöcke zurückkamen. Also setzte ich mich auf, schickte den Krankenwagen weg, schleppte mich ins Bad, aß wenig später eine Kleinigkeit und war wieder auf dem Damm.

Es ist also kein Wunder, dass ich eine Todesangst vor Sex hatte. Und es ist auch kein Wunder, dass ich das getan habe, was ich tat, als dieser Schwarze mit Namen Big Blue Rainier auftauchte. Er war mit Bub Hewlett zusammen, dem damals fast ganz Harlem gehörte. Beide sind mittlerweile tot, aber damals waren sie ganz große Tiere.

Ich kam ins Gefängnis, weil ich mich weigerte, mit Blue ins Bett zu gehen. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich nichts persönlich gegen ihn hatte und dass ich lediglich nicht mehr mit schwarzen Kunden ins Bett ging.

Mit meinen festen weißen Kunden war es ein Kinderspiel. Sie hatten Frauen und Kinder, zu denen sie anschließend nach Hause gingen. Wenn sie zu mir kamen, ging alles ruckzuck. Danach das Geld und schon waren sie wieder weg. Außerdem reichten mir die beiden, um das Geld, dass ich zum Leben brauchte, zusammenzukriegen. Schwarze aber halten dich die ganze Nacht wach, reden so ein Zeug wie: »Ist es gut so, Baby?« und »Wie wär’s, wenn aus uns beiden was Festes würde?« Da redet man immer groß darüber, dass Frauen giftig werden, wenn man sie abweist – na, da hättet ihr mal Big Blue erleben sollen!

»Für wen hält sie sich?«, brüllte er Florence an. »Sie ist das einzige farbige Mädchen im ganzen Haus und will keinen Schwarzen?«

Florence war eine anständige Frau, aber es hätte sie das Leben kosten können, mich zu verteidigen.

Blue wusste, dass ich noch ein Kind war, trotzdem ließ er mich hochgehen. Bub und er waren mit den Bullen richtiggehend befreundet. Am nächsten Morgen, als ich gerade in der Küche mit den anderen Mädchen frühstückte, stürmten die Bullen rein. Sie hatten bezahlte Spitzel als Zeugen dabei, die »Das ist sie! Das ist sie!« schrien und auf mich zeigten.

Also schleppten sie mich ins Gefängnis. Nicht für etwas, was ich getan hatte, sondern für etwas, was ich nicht getan hatte. Es waren wirklich kaputte Zeiten. Frauen wie meine Mutter, die als Dienstmädchen arbeiteten und Büros sauber machten, wurden auf dem Heimweg aufgegriffen und der Prostitution beschuldigt. Konnten sie die Kaution zahlen, waren sie wieder frei. Wenn nicht, kamen sie vor Gericht, wo ihr Wort gegen das eines dreckigen geschmierten Bullen stand.

Ich wurde verhaftet und vor das Jefferson-Gericht geschleppt. Das ganze Haus war voll »gefallener Mädchen«, wie man damals sagte. Außerdem natürlich noch die Bullen von der Sitte. Als ich sah, wer hinter dem Richtertisch saß, wusste ich, dass ich geliefert war. Es war Friedensrichterin Jean Hortense Norris, die erste Polizeirichterin in New York. Eine alte Dame mit harten Gesichtszügen und einer Männerfrisur.

Sie hatte sich einen Namen damit gemacht, herumzulaufen und Süßholz zu raspeln, dass nur eine Frau soziale Probleme wirklich verstehen kann. Von Mädchen, die mit ihr schon vor Gericht zu tun gehabt hatten, hatte ich jedoch gehört, dass ihr Gerede eine einzige große Scheiße war. Sie war härter als jeder Richter in Hosen, den ich davor oder seitdem je gesehen habe. Wenn eines der Mädchen einen Anwalt hatte, so setzte der alles in Bewegung, um seinen Fall vor einem anderen Richter verhandeln zu lassen.

So viel wusste ich: Würde ich mich schuldig bekennen, bekäme ich ganz schön was aufgebrummt. Würde ich mich jedoch nicht schuldig bekennen, sähe es vielleicht noch schlimmer aus. Davon abgesehen, dass es sowieso nicht viel genutzt hätte, wusste ich auch niemanden, der mir einen Anwalt hätte besorgen können. Hätte diese Richterin auch nur einen Moment geglaubt, dass sie ein Mädchen vor sich hat, das erst fünfzehn ist, sie hätte mich bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr in die Bedford-Besserungsanstalt verfrachtet.

Zum Glück kam meine Mutter zur Verhandlung und verhinderte das. Sie schwor auf einen Stapel Bibeln, dass ich achtzehn wäre. Hätten sie meine Mutter überprüft, wären sie darauf gekommen, dass sie mich folglich mit neun Jahren zur Welt gebracht haben müsste. Doch sie überprüften sie nicht. Es war schwer für meine Mutter, dermaßen zu lügen. Sie hasste jede Art von Unwahrheit und erzog mich entsprechend. Sie log niemals, außer wenn es darum ging, ein Leben zu retten. Und so hielt ich es auch.

Als mein Fall drankam, las die Richterin einen Gesundheitsbericht vor, der besagte, dass ich krank sei. Das war nun wirklich komisch, da man mich keineswegs untersucht hatte. Dazu war schließlich auch nicht genug Zeit gewesen. Außerdem war ich sauber. Ich wusste, dass ich nichts hatte, und die späteren Untersuchungen bewiesen das auch.

Aber diese alte Jungfer von Richterin glaubte mir nicht. Sie las aus ihren Unterlagen vor, wie jung ich war und wie krank und sagte schließlich, dass sie Milde walten lassen wolle und schickte mich nach Brooklyn ins Stadtkrankenhaus. So schnell wie sie mich reingeschafft hatten, schafften sie mich auch wieder raus, und das war’s dann.

Im Krankenhaus bekam jeder Salvasanspritzen gegen Syphilis. Ich bekam jedoch keine Spritzen, sondern verteilte welche. Ich arbeitete zusammen mit den Ärzten und sah Mädchen, deren Arme mit Entzündungen überdeckt waren, weil jemand die Vene nicht getroffen und stattdessen in einen Muskel gespritzt hatte. Später wurde ich zu einer Stelle versetzt, wo ich ganz allein Wismuth-Spritzen in Hinterteile gab. Ich lernte, geschickt mit den Spritzen umzugehen, und alle Mädchen wollten sich nur noch von mir behandeln lassen, weil langsam bekannt wurde, dass ich nie jemandem wehtat.

Am liebsten hätte ich meine ganze Strafe in diesem Krankenhaus abgearbeitet, aber das Unglück verfolgte mich. Eines Nachts stellte mir ein fettes schwules Mannweib nach. Heute nennt man sie Lesben, aber wir nannten sie damals schwule Weiber. Als sie versuchte an mich ranzukommen, gab ich ihr einen Stoß, dass sie die Treppen runterfiel.

Also wurde ich schon nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus geworfen und fand mich vorm guten alten Jefferson-Gericht wieder. Dasselbe Gericht, dieselbe Richterin, nur war sie diesmal fuchsteufelswild. »Ich dachte, du würdest die Chance nutzen, die ich dir gegeben habe«, brüllte sie mich an. »Aber wie sich rausstellt, bist du schon verdorben.« Zack und Peng, vier Monate und ab ins Fürsorgeheim.

Das Heim war total verdreckt. Fünfzig Mädchen, von denen einige Tuberkulose hatten, waren in einer Abteilung zusammengepfercht. Zu essen bekamen wir Abfall, den man nicht mal seinem Hund vorsetzen würde. Ab und zu mussten wir die Zelle sauber machen, was bedeutete, dass eine Herde von Aufsehern durchmarschierte und alles inspizierte. Kaum waren sie jedoch weg, kamen die Ratten wieder aus ihren Löchern, und im Handumdrehen war alles wieder in seinem schmierigen, dreckigen Normalzustand.

Die Ratten, die es dort gab, waren größer als alles, was ich je in Baltimore gesehen hatte. Außerdem benahmen sie sich wie abgerichtet. Sie krochen um dich herum, ohne dich zu belästigen, es sei denn, sie hatten Hunger. Doch selbst dann ließen sie die Mädchen in der Zelle in Ruhe und kamen nur wie Schoßtiere in die Küche, um dort etwas einzuheimsen.

Als ich eine Zeit lang in der Küche arbeitete, erschien regelmäßig eine alte Ratte. Sie war so kaputt, dass sie schon fast kein Fell mehr hatte.

Jede Nacht lag ich wach und hörte, wie die Vergnügungsdampfer auf dem East River vorbeifuhren. Ich dachte darüber nach, ob ich hier je wieder rauskommen würde, und zählte, wie alle anderen auch, die Tage. Man hatte mir fünfzehn Tage Strafnachlass wegen guter Führung versprochen, das bedeutete, ich musste nur bis Hundertfünf zählen.

Eines Tages, als ich bis auf siebzig Tage runter war, passierte etwas, das mich wieder auf fünfundachtzig Tage zurückwarf. Auch hier gab es eine Menge Lesben, und eine von ihnen verfolgte mich. An diesem Tag wurde sie so zudringlich, dass ich ihr einen Fausthieb verpasste. Diese kleine Rauferei kostete mich meine fünfzehn Tage wegen guter Führung, außerdem warf man mich in den Bunker.

Das war wirklich das Ende, eine Zelle so klein, dass man noch nicht mal einen Schritt machen konnte. Man hatte eine Pritsche und gerade genug Platz, um zu stehen oder sich hinzusetzen. Es gab keine Lampe, und der Raum war so dunkel, dass man das Gefühl für Tag und Nacht völlig verlor und schließlich aufgeben musste, die Stunden zu zählen. Nach einer Weile war einem das sowieso egal. Man bekam jeden Tag zwei Scheiben Brot mit Salpeter und etwas Wasser. Ich musste zehn Tage mit dieser Diät verbringen, aber ich habe ihnen den Kram trotzdem jedesmal ins Gesicht geschmissen.

Wenn man aus dem Bunker rauskam, wurde man zur weiteren Strafe in die Wäscheabteilung versetzt. Die Mädchen, die dort wuschen, versuchten mich aufzumuntern, indem sie mir zuriefen: »Halt durch! Schmeiß dein Essen nicht weg, sonst kommst du niemals lebend wieder raus.«

Ich konnte ihre Stimmen hören, aber ich sah niemanden außer der Aufseherin.

Eine Lesbe hatte mich da reingebracht, eine andere sollte mich dort wieder rausbringen. Diese Aufseherin war eine Frau, die Mädchen mochte. Ich hatte irgendwas zu ihr gesagt, als sie das erste Mal reinkam, und jetzt fand sie mich süß. Sie steckte mir ein paar Zigaretten zu, als ich sie unbedingt brauchte, und ich flirtete ein bisschen mit ihr.

Ich wusste, dass sie darauf spekulierte, an mich ranzukommen, sobald ich wieder draußen sein würde, und ich wusste auch, dass sie von mir erwartete, nett zu ihr zu sein. Also sagte ich nichts Gegenteiliges. Sie hatte ihre eigenen Gründe, nett zu mir zu sein, und irgendwelche komischen Gefühle sind immerhin besser als gar keine Gefühle. Wäre diese Richterin nur eine Lesbe gewesen, dann hätte sie mich vielleicht wie ein menschliches Wesen behandelt und nicht wie einen Fall. Ich weiß nicht, ob ich es durchgehalten hätte, wenn diese nette lesbische Aufseherin nicht gewesen wäre.

Schließlich ließ man mich raus, und ich kam in die Wäscherei. Die letzte Arbeit, die ich in diesem Heim tun musste, war ein wirklicher Aufstieg: Ich kochte für den Direktor und seine Familie. Ich machte ihnen immer ausgefallene Rezepte, die mir meine Mutter beigebracht hatte. Alles Dinge, die sie immer für die reichen Leute gekocht hatte, wie Hähnchen Cacciatore mit Pilzen oder gegrillte Ente. Der Direktor war jedesmal sprachlos. Als meine Zeit vorbei war, bot er mir an, noch zu bleiben und für ihn als Köchin zu arbeiten. »Wenn Sie wollen, dass ich für Sie koche, dann können Sie zu mir kommen«, sagte ich ihm, »aber hier bleibe ich keine Minute länger.«

Meine Arbeit als Köchin für den Direktor hatte mich in dem Heim zu einem echten Star gemacht. Mit meiner Sonderstellung durfte ich neben dem Fenster in der Zelle schlafen und wurde auch rechtzeitig entlassen. Sie kamen in diesem Gefängnis einfach mit der Buchhaltung nicht zurecht. Mädchen, die zu drei Jahren verurteilt worden waren, mussten manchmal drei oder vier Wochen länger bleiben, nur weil ein Typ in der Buchhaltung die Sache verschlafen hatte. Dann, eines Tages, entdeckten sie das Mädchen, das schon längst entlassen sein sollte, und fragten sie, was sie denn noch hier mache. »Du solltest schon seit Wochen entlassen sein«, erzählten sie einem Mädchen. Aber mich entließen sie haargenau nach vier Monaten.

Ich war im Sommer ins Gefängnis gekommen, mit nicht mehr am Leib als meinem einzigen Seidenkleid und meinen hochhackigen Lackschuhen. Als sie mich im Winter entließen, bekam ich bei den Entlassungsformalitäten mein Kleid. Meine Schuhe konnte das Mädchen im Entlassungsbüro jedoch nirgends finden. Ich machte einen derartigen Aufstand, dass ich schon befürchtete, sie würden mich wieder einbuchten. Doch ich ließ mich nicht beruhigen, bis schließlich der Direktor selbst erschien. Als er hörte, um was es ging, sagte er, dass die Schuhe doch nicht einfach verschwunden sein könnten, und gab den Auftrag, sie zu finden, selbst wenn das ganze Heim durchsucht werden müsste. Die Frau an der Kleiderausgabe fand sie augenblicklich und gab sie mir, sie waren immer noch nagelneu und hatten genau ihre Größe.

Also bestieg ich die zugige Fähre, um im eisigen Wind, nur mit meinem Seidenkleid und den Stöckelschuhen bekleidet, den East River zu überqueren. Das Kleid hing an mir wie eine Gefängniskluft. Dreiundzwanzig Pfund hatte ich auf der Insel gelassen.

Als die Fähre anlegte, sah ich schon, dass die Hälfte aller Zuhälter von New York am Ufer Schlange stand, um uns zu begutachten. Das ist ihr Geschäft, und hier war der Ort, wo sie auf Talentsuche gingen, unterstützt von den Bullen, die es ihnen wahrlich einfach machten und sogar den Verkehr regelten. Ich muss ein trauriges Bild abgegeben haben, aber trotzdem fand sich ein Zuhälter, der mich ansprach und mich mitnehmen wollte. Er hatte sein Auto dabei und wollte mich von der Stelle weg in ein Bordell bringen.

Ich hatte zwar beschlossen, mit diesem Geschäft Schluss zu machen, sagte ihm aber nichts davon. Ich hatte eine Menge gelernt im Erziehungsheim. Ich brauchte neue Kleider, und ich brauchte sie so schnell wie möglich, besonders einen warmen Wintermantel,. Er konnte mir diese Kleider besorgen, und er besorgte sie mir auch.

Ich ließ mich von ihm zu einem Bordell bringen und mir eine Stelle zuweisen, aber ich gab ihm nichts von dem Geld, das ich verdiente, sondern schickte alles meiner Mutter. Als er das rauskriegte, drehte er durch. Er schlug mich grün und blau, und ich musste mich eine Weile verstecken.

Also fuhr ich nach Jamaica auf Long Island. Dort traf ich Dorothy Glass. Sie hatte ein großes Haus, in dem sie Poker und andere Glücksspiele veranstaltete. Sie war eine wirklich anständige Frau, diese Art von Frau, für die meine Mutter Florence Williams gehalten hatte. Ich blieb bei ihr, bediente und half aus, um mich über Wasser zu halten, solange ich aus dem Geschäft raus war. Ab und zu ging ich in den Elks Club in Jamaica, um zu singen. Auf diese Art und Weise konnte ich noch ein bisschen Kleingeld zusätzlich verdienen. Meine härteste Arbeit bei Dorothy war jedoch, mir ihren Mann Lee vom Leib zu halten. Diesmal sah ich schon im Voraus, was für ein Ärger auf mich zukam und ging deshalb rechtzeitig weg.

Ich habe später vielen Leuten von meinen schrecklichen Erlebnissen mit der Richterin Jean Hortense Norris erzählt, aber keiner wollte es mir so recht glauben. Ich glaube, man muss das alles selbst erlebt haben, bevor man es glauben kann.

Monate später sprach jeder über diese Richterin. Es war im Jahr 1930/31, als die Seabury-Untersuchung Schlagzeilen machte. Richter Seabury selbst brachte sie vor das Berufungsgericht, wo sie mit einstimmiger Mehrheit ihres Amtes enthoben und für »unfähig« erklärt wurde, den Richterberuf auszuüben.

Das war die alte Dame, die mich als »gefallenes Mädchen« ins Gefängnis gebracht hatte. Das war dieser feine Mensch, der mich als »verdorben« bezeichnet hatte. Man hätte sie ins Gefängnis stecken sollen, aber das ist nie geschehen. In den Gefängnissen waren Hunderte von Mädchen, die sie verurteilt hatte, und viele von ihnen warteten auf sie. Wäre sie ins Gefängnis gekommen, hätte selbst ich wieder gern eine kurze Zeit dort abgerissen, nur um sie einmal in die Finger zu bekommen.

3. Painting the Town Red

Als meine Mutter und ich wieder zusammengekommen waren und wir in Harlem eine Wohnung für uns ganz allein gefunden hatten, begann die Zeit der Depression. Zumindest sagte man uns das. Depression war für uns nichts Neues. Das einzige Neue waren die Lebensmittelmarken, und das war auch das Einzige, was uns noch gefehlt hatte.

Wir zogen in eine Wohnung in der 139. Straße. Wenig später geschah es dann das erste Mal, soweit ich mich erinnern konnte, dass meine Mutter zu krank war, um am Sonntag in die Kirche zu gehen. Und wenn sie das nicht einmal mehr schaffte, musste sie schon sehr krank sein. Solange sie jeden Morgen ihren Kaffee und jeden Sonntag eine Messe bekam, glaubte sie, immer so weiterarbeiten zu können. Nun musste sie allerdings aufhören, als Hausmädchen zu arbeiten, da ihr Magen schon so kaputt war, dass sie nicht einmal mehr gehen konnte. Alles, was sie tun konnte, war ruhig im Bett zu bleiben.

Das bisschen Geld, das wir gespart hatten, näherte sich schon bald seinem Ende, und sie geriet in Panik. Sie hatte fast ihr ganzes Leben gearbeitet, und das begann man ihr auch anzusehen. Außerdem waren da noch die ständigen Sorgen um meinen Vater gewesen, die ihr das Leben auch nicht erleichtert hatten. Zum einen hatte ich beschlossen, mit meiner Arbeit als Callgirl endlich Schluss zu machen, zum anderen wollte ich aber auch nicht wieder als irgendjemandes verdammtes Mädchen arbeiten, und da wir anscheinend andauernd Miete zahlen mussten, kostete es mich schon eine ganz schöne Anstrengung, meine Vorsätze nicht über Bord zu werfen.

Ungefähr zu dieser Zeit trat Fletcher Hendersons Band unten in der Stadt im Roseland Ballroom auf. Es war die erste Negro Band, die dort arbeitete, und mein Vater war als Gitarrist mit dabei. So krank wie meine Mutter auch war, immer noch war sie zu stolz, um sich an meinen Vater zu wenden und ihn um Hilfe wegen der Miete zu bitten. Sie mag zu stolz gewesen sein, ich war es nicht.

Ich ging einfach hin und stellte ihm nach. Mein Vater war damals Anfang dreißig, wollte aber, dass niemand etwas davon erfuhr, besonders nicht die jungen Dinger, die immer am Bühnenausgang rumhingen und auf die Musiker warteten. Ich war damals um die fünfzehn, sah aber aus wie wahlberechtigt. Ich wartete also im Gang auf ihn und versuchte seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, indem ich »Hey, Paps« rief. Sofort merkte ich, dass ihn allein die Tatsache, dass ich ihm so zuwinkte, auf fünfundvierzig altern ließ, und das mochte er nun überhaupt nicht. Also stürzte er auf mich zu und flehte mich an. »Du kannst machen was du willst, aber nenn mich bitte nicht Paps vor all den Leuten.«

»Ich werde dich so lange Paps nennen, bis du mir etwas Geld für die Miete gibst«, antwortete ich, und das überzeugte ihn.

Stolz wie ein Pfau brachte ich das Geld nach Hause. Um meine Mutter nicht zu verletzen, erzählte ich ihr nicht, wo ich das Geld her hatte, und sagte schließlich, als sie keine Ruhe geben wollte, dass ich es gestohlen hätte. Wir stritten uns daraufhin, und sie sagte mir, dass ich doch noch eines Tages im Gefängnis landen würde.

Eines Tages, als die Miete wieder mal überfällig war, bekam sie die Nachricht, dass man uns auf die Straße setzen würde. Es war mitten im tiefsten Winter, und sie konnte noch nicht einmal gehen.

Ich wusste nicht, dass man im Norden so mit den Menschen umging. So schlimm es auch im Süden war, auf die Straße wurde man nie gesetzt. Als es also soweit war, dass wir die Wohnung am nächsten Morgen zu räumen hatten, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich alles tun würde, egal ob morden oder stehlen, um das, was sie mit uns vorhatten, zu verhindern. Es war eine höllisch kalte Nacht, als ich das Haus ohne Mantel verließ.

Ich ging die Seventh Avenue von der 139. bis zur 133. Straße runter und fragte in jedem Lokal nach Arbeit. Damals war die 133. Straße die Straße der Jazzlokale und des Jazz überhaupt, so wie es später die 52. Straße zu sein versuchte. Überall war etwas los in den Restaurants und den Cafés, den normalen oder denen, die die ganze Nacht aufhatten. Und fast jeder Block hatte fast ein Dutzend davon.

Als ich schließlich bei Pod’s and Jerry’s landete, war ich verzweifelt. Ich ging rein und verlangte den Chef – ich glaube, ich habe mit Jerry gesprochen. Ich sagte ihm, dass ich Tänzerin wäre, und es hier mal versuchen wollte. Ich kannte damals genau zwei Schritte: Den normalen und den Wechselschritt. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas wie Vortanzen überhaupt gab, doch genau das wollte ich.

Jerry schickte mich also rüber zu dem Pianisten und ließ mich etwas vortanzen. Es war eine peinliche Angelegenheit. Ich machte immer und immer wieder meine zwei Schritte, bis Jerry mich schließlich anbrüllte und sagte, ich solle aufhören seine Zeit zu vergeuden.

Sie waren drauf und dran mich rauszuschmeißen, aber ich bettelte immer weiter um einen Job. Schließlich bekam der Pianist Mitleid mit mir. Er drückte seine Zigarette aus, sah mich an und sagte: »Hör mal, Mädchen, kannst du nicht vielleicht singen?«

»Natürlich kann ich singen«, antwortete ich, »aber für was soll das schon gut sein?« Ich hatte mein ganzes Leben lang gesungen und immer so einen Spaß dabei gehabt, dass ich nie auf den Gedanken gekommen war, damit Geld zu verdienen. Außerdem war damals gerade die große Zeit vom Cotton Club und all den Glamourmiezen, die nichts weiter taten, als schön auszusehen, ein bisschen mit den Hüften zu wackeln und das Geld einzusammeln.

Ich dachte, dass man nur so zu Geld kommen könnte, und ich brauchte fünfundvierzig Dollar bis zum nächsten Morgen, damit sie meine Mutter nicht auf die Straße setzten. Von Sängern hatte man damals noch nichts gehört, außer vielleicht von Paul Robeson, Julian Bledsoe oder jemandem mit ähnlich legendärem Ruf.

Ich sagte dem Pianisten, er solle »Trav’lin’ All Alone« spielen. Ein Lied, das genau ausdrückte, wie ich mich in diesem Augenblick fühlte. Irgendwas von dem, was ich sang, musste auch auf das Publikum übergesprungen sein, denn die Kneipe wurde plötzlich mucksmäuschenstill. Hätte jemand auch nur eine Nadel fallen lassen, es hätte sich wie eine Bombe angehört. Als ich zu Ende gesungen hatte, heulte jeder im Lokal in sein Bier, und ich sammelte achtunddreißig Dollar vom Boden auf. Als ich in dieser Nacht das Lokal verließ, teilte ich die Einnahmen mit dem Pianisten und nahm immer noch siebenundfünfzig Dollar mit nach Hause.

Ich kaufte ein ganzes Hähnchen und Baked Beans, die meine Mutter so mochte. Dann raste ich die Seventh Avenue hoch zu unserer Wohnung. Als ich meiner Mutter das Geld für die Miete zeigte und sagte, dass ich eine richtige Arbeit als Sängerin für achtzehn Dollar die Woche gefunden hatte, konnte sie es kaum glauben.

Sobald sie aus dem Bett konnte, kam sie selbst in die Kneipe, um mich zu hören, und wurde mein größter Fan. Damals waren immer ungefähr fünf bis sechs Sängerinnen in einem Club angestellt und jede hatte ihre »Runde«. Wenn ein Mädchen ihre »Runde« hatte, dann ging sie singend von Tisch zu Tisch. Danach hatte das nächste Mädchen seine »Runde« und löste sie ab. Ich hatte meine »Runde« jede Nacht von Mitternacht bis ungefähr gegen drei Uhr morgens, wenn die Trinkgelder immer weniger wurden.

Damals war es üblich, dass die Mädchen immer das Geld von den Tischen nahmen, ich machte allerdings damit Schluss. Von meinem ersten Gehalt kaufte ich mir ein paar verrückte Hosen, die mit bunten Glasperlen behängt waren. Meinen Körper wollte ich allerdings nicht rumzeigen. Nicht, dass irgendwas nicht mit ihm gestimmt hätte, aber der Gedanke behagte mir einfach nicht. Wenn ich dran war, die Scheine von den Tischen zu nehmen, machte ich allerdings immer alles verkehrt.

Eines Nachts zum Beispiel kam ein Millionär in unser Lokal und legte einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tisch.

ВходРегистрация
Забыли пароль