Книга Lady sings the Blues читать онлайн бесплатно, автор Billie Holiday – Fictionbook, cтраница 2
Billie Holiday Lady sings the Blues
Lady sings the Blues
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Billie Holiday Lady sings the Blues

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Ich lernte, durch den Hintereingang ins Kino zu kommen und so die fünfzig Cent zu sparen, die es vornerum kostete. Ich glaube nicht, dass ich einen einzigen Film von Billie Dove verpasst habe. Ich war geradezu verrückt nach ihr und versuchte, meine Haare genauso zu frisieren. Schließlich habe ich ihren Namen übernommen.

Mein eigener Name, Eleanora, war einfach zu lang. Außerdem habe ich ihn nie gemocht, besonders nicht, wenn meine Großmutter ihn abgekürzt als »Nora« von der Veranda nach mir rief. Mein Vater hat mich »Bill« genannt, weil ich so ein Wildfang gewesen war. Ich hatte nichts dagegen, aber ich wollte auch hübsch sein und einen hübschen Namen haben. So kam ich schließlich auf Billie und behielt ihn bei.

Als meine Mutter noch in Philadelphia und New York gearbeitet hatte, bekam ich von ihr immer die Kleider geschickt, die ihr die Weißen gaben, für die sie arbeitete. Natürlich waren es Sachen von der Stange, aber sie waren trotzdem hübsch, und wenn ich sie anzog, war ich immer das feinste Kind vom ganzen Block.

Meine Mutter wusste, dass ich es nicht sehr mochte, mit meinen Großeltern und meiner Cousine Ida zusammenzuleben, schließlich mochte sie es ja auch nicht. Das Einzige jedoch, was sie dagegen machen konnte, war, oben im Norden so hart zu arbeiten, wie sie nur konnte und jeden Cent zurückzulegen, was sie auch tat.

Nachdem mein Vater mit den McKinney’s Cotton Pickers auf Tour gegangen war, blieb er verschwunden. Später bekam er dann einen Job in der Band von Fletcher Henderson, immer jedoch war er unterwegs. Eines Tages hörten wir dann, dass er sich hatte scheiden lassen, um eine Frau aus der Karibik namens Fanny zu heiraten.

Als meine Mutter schließlich nach Baltimore zurückkam, hatte sie neunhundert Dollar gespart. Sie kaufte ein wahnsinnig tolles Haus in der Pennsylvania Avenue im Norden von Baltimore. Sie wollte dort ein paar Zimmer vermieten, während wir als richtige Ladys leben und alles zu einem glücklichen Ende kommen sollte.

Damals trugen alle hochkarätigen Huren große rote Samthüte mit Federn von Paradiesvögeln besteckt. Diese Hüte waren wirklich das Absolute. Unter fünfundzwanzig Dollar konntest du dir noch nicht mal einen angucken, und fünfundzwanzig Dollar waren in den Zwanzigern ein ganz schöner Batzen Geld. Ich hatte mir schon immer vorgestellt, dass meine Mutter auch so einen Hut haben sollte, und als sie schließlich genug Geld hatte, quengelte ich so lange rum, bis sie ihn vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen trug. Wenn sie ohne diesen Hut aus dem Haus ging, machte ich eine Szene. Sie sah so wunderbar mit ihm aus, und ich dachte mir eben, dass sie einfach immer wunderbar aussehen sollte. Sie war gerade einen Meter fünfzig groß und wog keine vierzig Kilo, und mit ihrem roten Paradiesvogel-Samthut sah sie aus wie ein Püppchen.

Wenn sie in dieser Aufmachung ausging, sagte sie immer, dass sie einen reichen Mann suchen würde, damit wir beide aufhören könnten zu arbeiten. Das waren aber nur Worte, denn sie meinte es nie wirklich.

Einige Zeit nachdem mein Vater wieder geheiratet hatte, lernte meine Mutter Phil Gough kennen. Er war Hafenarbeiter in Baltimore, kam aber aus einer großbürgerlichen Familie. Seine Geschwister arbeiteten alle im Büro, und da sie alle nur blassbraun waren, hielten sie es für unverzeihlich, dass er sich mit meiner Mutter und mir abgab, denn wir waren ein, zwei Schattierungen dunkler.

Er hörte aber nicht auf das Gerede und heiratete meine Mutter vom Fleck weg. Solange er lebte, war er immer ein guter Stiefvater, allerdings lebte er nicht sehr lange.

Ich war glücklich, doch so klein dieses Glück auch war, es konnte nicht von Dauer sein.

Als ich eines Tages aus der Schule nach Hause kam, war Mutter gerade beim Friseur und niemand da außer Mister Dick, einer unserer Nachbarn. Er sagte mir, dass meine Mutter ihn gebeten hätte, auf mich zu warten, um mich ein paar Blocks weiter zu jemandem zu bringen, bei dem sie mich abholen würde.

Ohne dass ich weiter darüber nachdachte, ließ ich mich von ihm an die Hand nehmen und ging mit. Als wir zu dem Haus kamen, ließ uns eine Frau herein. Ich fragte nach meiner Mutter und bekam gesagt, dass sie jeden Augenblick kommen müsse. Angeblich hatte meine Mutter angerufen und ausgerichtet, dass sie sich etwas verspäten würde. Es wurde später und später, und ich wurde schläfrig. Mister Dick sah mich eindösen und brachte mich nach hinten in ein Schlafzimmer, damit ich mich hinlegen konnte. Ich war fast eingeschlafen, als Mister Dick zu mir krabbelte und das versuchte, was mein Cousin Henry auch immer versucht hatte. Ich fing an zu treten und schrie wie am Spieß. Daraufhin kam die Frau, die uns aufgemacht hatte, und versuchte, meinen Kopf und meine Arme auf das Bett zu drücken, damit er an mich rankonnte. Ich machte es ihnen nicht leicht und trat, kratzte und biss.

Plötzlich, als ich gerade nach Luft schnappte, hörte ich ein Poltern und Rufen. Als Nächstes wurde die Tür eingetreten, und meine Mutter und ein Polizist kamen herein. Ich werde diese Nacht niemals vergessen. Selbst eine Hure will nicht vergewaltigt werden. Sie kann jeden Tag stündlich hundert Kunden haben, und trotzdem will sie nicht von irgendjemandem vergewaltigt werden. Das ist das Schlimmste, was einer Frau passieren kann, und es passierte mir, als ich zehn war.

Ich hatte keine Ahnung, wie meine Mutter es fertiggebracht hatte, mich zu finden. Später erzählte sie mir, dass eine Freundin von Mister Dick, eine eifersüchtige Nutte, sie schon vor dem Haus erwartet hatte, als sie heimkam. Sie sagte meiner Mutter, sie solle mich gefälligst von ihrem Freund fernhalten.

Meine Mutter versuchte, sie loszuwerden und sagte, dass ich schließlich noch ein Kind sei und sie endlich mit ihrer dämlichen Eifersucht aufhören solle.

»Noch ein Kind?«, sagte die Hure und lachte. »Sie ist mit meinem Freund zusammen weggegangen und ist gerade in diesem Moment bei ihm. Und wenn du’s nicht glaubst, dann werde ich dir zeigen, wo du die beiden finden kannst.«

Meine Mutter verlor keine Zeit. Sie rief die Polizei, packte das eifersüchtige Weib am Arm und ließ sich zu dem Haus führen, wo sie mich festhielten.

Dass dieses Haus zu allem Überfluss noch einen gewissen Ruf hatte, war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war, dass uns die Bullen auch mitnahmen, als sie Dick zur Polizeiwache brachten, und das, obwohl ich heulend und blutend in den Armen meiner Mutter lag.

Als wir auf dem Revier ankamen, behandelten sie uns nicht gerade wie jemanden, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte. Sie behandelten uns eher wie Schwerverbrecher. Meine Mutter durfte mich erst mal nicht wieder mit nach Hause nehmen. Mister Dick war vierzig, und ich war erst zehn, doch der Wachtmeister schien mein Alter von meinen Brüsten und meinem Körperbau oder was weiß ich abzulesen. Auf alle Fälle nahmen sie an, dass ich diesen alten Bock in das Bordell gelockt hatte oder so was Ähnliches. Auf alle Fälle steckten sie mich in eine Zelle. Meine Mutter schrie, heulte und bettelte, aber sie beförderten sie einfach nach draußen, während sie mich einer fetten weißen Aufseherin übergaben. Als die sah, dass ich immer noch blutete, bekam sie Mitleid mit mir und gab mir Milch zu trinken. Sonst tat keiner etwas für mich. Alle starrten sie mich nur an mit ihren schmierigen, dreckigen Augen und lachten in sich hinein.

Nach ein paar Tagen in der Zelle führten sie mich vor Gericht. Mister Dick wurde zu fünf Jahren verurteilt. Mich steckten sie in eine dieser katholischen Anstalten.

Ich werde diesen Ort niemals vergessen. Das Haus wurde von katholischen Schwestern geführt, und zwar diese Art von Schwestern, die das Heim nie verlassen. Wenn man dort eingeliefert wird, kriegt man eine blau-weiße Uniform und den Namen einer Heiligen. Ich erwischte den Namen der heiligen Theresa. Es waren ungefähr hundert Mädchen dort, die meisten wegen Diebstahl und Schuleschwänzen. Da alle wussten, dass ich wegen einem Mann dort war, betrachteten sie mich nahezu ehrfürchtig, wie einen Star.

Wenn man gegen die Anstaltsregeln verstieß, wurde man dort wenigstens nicht geschlagen, so wie bei meiner Cousine Ida. Die Bestrafung bestand hingegen darin, ein zerlumptes rotes Kleid zu tragen. Trug man dieses rote Kleid, durfte keins der anderen Mädchen mit einem sprechen oder sich einem auch nur nähern.

Ich werde niemals das erste Mädchen vergessen, das ich in diesem roten Kleid sah. Sie war ein wildes Ding und stand ganz allein im Hinterhof auf einer Schaukel. Sie schaukelte höher und höher, brüllte und lachte dabei, wobei sie immer höher kam. Sie schuftete wie eine Wilde, vor und zurück, während die anderen Kinder mit großen Augen um sie herumstanden.

Die Oberschwester versuchte, die Kinder zum Weitergehen zu bringen und den Haufen glotzender Mädchen aufzulösen. Aber das Mädchen in dem zerlumpten roten Kleid hörte nicht auf zu schaukeln und zu schreien. Ich glaube, sie dachte: Solange ich auf der Schaukel bin, kann mir niemand was tun. Die Oberschwester musterte sie, drehte sich dann zu uns und sagte: »Denkt immer daran: Gott wird sie bestrafen. Gott wird sie bestrafen.«

Nach ein paar Sekunden gab es einen furchtbaren Schlag. Als das Mädchen so hoch geschaukelt war, wie sie nur konnte, war der Sitz gebrochen und sie schreiend durch die Luft und über den Zaun geflogen. Man hörte einen Plumps und dann nichts mehr. Sie hatte sich das Genick gebrochen.

Das erste Mal, dass ich das rote Kleid trug, war an Ostern. Meine Mutter besuchte mich und brachte einen riesigen Korb mit zwei Brathähnchen, einem Dutzend gekochter Eier und allen möglichen anderen Sachen mit. Da ich das rote Kleid anhatte, gaben die Schwestern meinen Korb den anderen Kindern und ließen mich dabeisitzen und zuschauen, während sie aßen.

Doch damit war’s noch nicht genug. Sie ließen mich nicht mit den anderen Mädchen zurück in den Schlafsaal, sondern steckten mich für die Nacht in ein Vorzimmer, in dem ein anderes Mädchen, das gerade gestorben war, aufgebahrt war. Vielleicht war es das Mädchen, das sich auf der Schaukel das Genick gebrochen hatte, das weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß jedoch sehr genau, dass ich seit dem Tod meiner Großmutter, als sie mich fest umklammert hielt, während sie starb, einfach nicht mehr in der Nähe von Toten sein kann. Ich konnte nicht schlafen und wurde fast wahnsinnig. Ich brüllte das ganze Haus zusammen und hämmerte so lange gegen die Tür, bis meine Hände bluteten.

Als meine Mutter mich das nächste Mal besuchte, sagte ich ihr, dass sie mich hier sofort rausholen musste, falls sie mich noch einmal lebend wiedersehen wollte. Ich glaube, sie verstand, dass ich es ernst meinte, und ich meinte es ernst. Auf jeden Fall besorgte sie sich mit meinem Großvater einen Anwalt. Ein paar reiche Weiße, für die meine Mutter arbeitete, halfen ihr mit dem Geld aus. Wäre es nach dem Richter gegangen, dann hätte ich in dem Heim versauern können, bis ich einundzwanzig oder tot gewesen wäre, aber schließlich bekamen sie mich doch irgendwie raus.

Als ich eine Geburtsurkunde für einen Reisepass brauchte, habe ich dieses Heim Jahre später noch einmal aufgesucht.

Ich ging allerdings auch hin, um die Oberschwester noch einmal zu sehen.

Ich hatte den Leuten auf dem Amt erzählt, dass ich in dem Krankenhaus von Baltimore geboren wurde, in dem meine Mutter dreizehn Jahre lang den Boden geschrubbt und Wassereimer ausgeleert hat, aber sie wollten es mir einfach nicht glauben. Also ging ich in das Heim und traf auf dieselbe Oberschwester, die auch schon vor dreißig Jahren dagewesen war. Ich sah den Ort, wo ich geschlafen hatte, wo ich getauft und gefirmt worden war und den Ort, wo ich mir meine Hände blutig geschlagen hatte, weil sie mich in ein verdammtes rotes Lumpenkleid gesteckt und zusammen mit einem toten Mädchen eingesperrt hatten.

2. Ghost of Yesterday

Im Sommer 1927 sprach alle Welt von Lindberghs Flug nach Paris, als ich es allein von Baltimore bis nach New York schaffte.

Nach meinem Rausschmiss aus dieser katholischen Anstalt hatten meine Mutter und ich von Baltimore die Nase voll. Außerdem wollten wir nach der Sache mit Mister Dick auch mit Untermietern nichts mehr zu tun haben, sodass meiner Mutter nichts anderes übrig blieb, als wieder irgendwo als Hausmädchen zu schuften. Da sie jedoch in Baltimore nicht mal die Hälfte von dem bekam, was sie im Norden verdient hatte, nahm ich meinen Eimer und den Schrubber und zog ebenfalls wieder von Haus zu Haus, um das fehlende Geld aufzutreiben, damit wir zusammenbleiben konnten.

Es war schon lange dunkel, als ich eines Nachts nach Hause kam. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet und nur neunzig Cent verdient. Meine Mutter sah mich an und fing mit einem Mal an zu weinen, so zerschlagen sah ich aus. Ich versuchte, sie zu trösten und sagte, dass es mir gutginge, aber sie hörte nicht auf, immer wieder vor sich hin zu sagen: »Es muss doch irgendwo etwas Besseres für uns geben.« Doch wenn es etwas Besseres gab, dann nicht hier in Baltimore, das wussten wir beide, sondern oben im Norden.

Also zog sie los, und ich ging zurück in das kleine Haus, um wieder mit Cousine Ida und ihrem Mann, Großvater und Großmutter und meinen kleinen Cousins Henry und Elsie zusammenzuleben und auf den Tag zu warten, wo meine Mutter mich nach New York holen würde.

Obwohl das Zusammenleben mit Ida genauso verlief wie früher und obwohl ich das Ende davon kaum erwarten konnte, fand ich die Art, wie es aufhörte, abscheulich. Sie war wirklich eins der schlimmsten schwarzen Weibsbilder, die je auf Gottes Erde gelebt haben, aber ihren Tod habe selbst ich ihr nicht gewünscht. In unserer Familie gab es die Veranlagung zum Kropf. Meine Mutter hatte auch einen, aber der von Ida war mit Abstand der Schlimmste. Ein furchtbar großes Ding, das ihr vom Kinn bis auf die Brust hing. Eines Tages hatte sie einen Erstickungsanfall, und der Einzige, der da war und ihr hätte helfen können, war ihr Mann, der sich jedoch halb bewusstlos gesoffen hatte. Sie fiel auf die Knie, japste nach Luft und verreckte schließlich wie ein Köter. Der Arzt sagte, dass es ausgereicht hätte, wenn ihr Mann sich aufgerafft hätte, um das Fenster zu öffnen und etwas frische Luft reinzulassen. Doch selbst dafür hatte er nicht mehr genug Kraft gehabt. So gemein sie auch war, diesen Tod hatte ich ihr nicht gewünscht.

Damals behielt man die Verstorbenen wegen der Totenwache und der anderen Trauerzeremonien immer noch für zwei Wochen im Haus. Ida und ihr Mann waren Baptisten und machten meiner Mutter und mir immer das Leben schwer, weil wir katholisch waren. Ständig rissen sie blöde Witze über meine Mutter mit ihren Kerzen und dem Herumgerutsche vor dem Altar. Als ich mich nun weigerte, Ida noch einmal aufgebahrt anzusehen, dachten alle, dass es etwas damit zu tun hätte. Sie ließen mich einfach nicht in Ruhe und schließlich, als ich mich immer noch nicht in die Nähe traute, wurde ich gepackt und einfach über den Sarg gehalten. Man zwang mich, sie anzusehen, und mir wurde speiübel.

Ida war gerade gestorben, und niemand kümmerte sich um Henry und Elsie, von mir ganz zu schweigen. Da schrieb meine Mutter, dass ich nach New York kommen sollte. Ich machte noch die fünfte Klasse fertig, und als ich nach dem letzten Schultag nach Hause kam, band mir mein Großvater eins von diesen riesigen Schildern um den Hals, auf denen steht, wie man heißt und wo man hin will, und Großmutter machte mir einen Korb mit Brathähnchen und gekochten Eiern zurecht. Es war so viel zu essen, dass Lindbergh damit spielend über den Atlantik gekommen wäre. Dann brachte mich Großvater zum Zug. Ich hatte eine Fahrkarte nach Long Branch, wo mich meine Mutter abholen wollte. Sobald ich jedoch im Zug saß, entschloss ich mich, Long Branch hin, Long Branch her, irgendwie nach Harlem zu kommen. Ich nahm also mein Erkennungsschild ab und beschloss, in New York auszusteigen, dort die U-Bahn nach Harlem zu nehmen, mich dort ein bisschen rumzutreiben und dann meine Mutter zu verständigen.

Ich war zwar erst dreizehn, aber schon mit allen Wassern gewaschen. Ich reiste zwar ohne Gepäck, von dem Fresskorb mal abgesehen, aber immerhin reiste ich. Als ich in New York an der Pennsylvania Station ausstieg, war ich mitten in der größten Stadt, die ich je gesehen hatte. Ich ließ mir Zeit, alles aufzusaugen, schlenderte umher und schaute mir die großen Gebäude an. Ich muss schon ein seltsames Bild abgegeben haben, wie ich so mit großen Augen herumtapste, meinen kleinen Koffer und den Korb mit den Esssachen immer dabei.

Es war schon dunkel, als mich eine Sozialarbeiterin entdeckte und sofort wusste, dass ich abgehauen war. Diese Frau von der Fürsorge war eine Weiße, aber sie war unbeschreiblich nett. Sie fragte mich, wo ich herkäme, wie ich hieß, wo ich hinwollte, wer meine Mutter wäre und all so ein Zeug. Ich aber sagte nichts, nicht mal meinen Namen. Niemand würde mich davon abhalten, nach Harlem zu kommen. Es stellte sich heraus, dass sie dem Kinderschutzbund angehörte. Sie wollte mich zu ihrem Vereinsgebäude mitnehmen, aber es war schon spät, und das Haus hatte schon geschlossen, was sich später als mein großes Glück herausstellen sollte. Sie nahm mich also mit, kaufte mir etwas zu essen, und dann brachte sie mich zu einem feinen Hotel, wo sie mir ein Zimmer mit einem eigenen Bett besorgte. Dieses Hotel haute mich um. Jahre später bin ich noch einmal zurückgekommen, um mir alles noch mal anzusehen, da musste ich allerdings feststellen, dass es nur ein CVJM-Heim war, während ich mich damals wie im Waldorf Astoria fühlte. Diese Frau war so nett, dass ich versuchte, einen Job bei ihr zu bekommen.

»Ich werde für Sie arbeiten«, sagte ich, »ich werde Ihr Haus sauber halten, die Treppen putzen und den Fußboden schrubben.« Als sie mich jedoch nach meinem Namen fragte, blieb ich weiterhin stumm. Sie machte einen sehr klugen Eindruck auf mich, denn sie lächelte mich nur an, als ich meinen Namen nicht sagen wollte und meinte: »Ich kenne dich. Du bist gerissen.«

Am nächsten Morgen nahm sie mich mit zum Kinderschutzbund. Es war schön dort. Es gab gutes Essen, und es waren viele Kinder da, die nichts anderes zu tun hatten als zu spielen. Hinter dem Haus lag ein eingezäunter riesiger Spielplatz mit Rutschbahnen und Schaukeln und allem Drum und Dran.

Ich muss dort einige Wochen verbracht haben, bevor meine Mutter herausbekam, wo ich mich aufhielt. Eines Morgens wurde ich runtergeholt, weil eine Frau gekommen war, um mich abzuholen. Es war jedoch nicht meine Mutter, sondern eine Frau namens Levy.

»Ich gehe nicht mit Ihnen«, sagte ich ihr geradeheraus. »Ich bleibe hier.«

»Warum denn?«, fragte sie mich. »Hast du einen bestimmten Grund?«

»Nein, keinen«, sagte ich, »mir gefällt es hier einfach.«

»Aber ich will dich doch zu deiner Mama bringen.«

Mir fiel auf, dass sie weder »Mutter« noch »Mami« gesagt hatte. Sie hatte »Mama« gesagt, und der Ton, in dem sie es gesagt hatte, brachte mich dazu, es mit ihr zu versuchen. Mrs Levy war die Frau, für die meine Mutter in Long Branch arbeitete. Sie erzählte mir, dass meine Mutter auf die Kinder aufpasste, während sie mit dem Auto runtergefahren war, um mich abzuholen.

Dass sie ein Auto hatte, gab den Ausschlag. Und als ich erst sah, was für ein tolles Auto das war, wäre ich überall mit hingekommen, nur allein wegen der Fahrt. Ich hatte noch nicht so oft in einem Auto gesessen, dass ich einfach eine Fahrt hätte ausschlagen können. Also fuhren wir von New York nach Long Branch.

Endlich sollten Sadie und ich wieder zusammen sein. Wir würden es schon schaffen. Meine Mutter hatte mir sogar eine Arbeit besorgt. Als Dienstmädchen natürlich. Als was auch sonst?

Die Frau, für die ich arbeitete, war groß, fett und faul. Sie tat den lieben langen Tag nichts anderes, als ihren fetten Arsch zum Strand zu schieben. Ich tat auch nicht viel mehr. Alles, was ich zu tun hatte, war essen und schlafen, ein paar Zwiebeln und ein bisschen Gemüse schälen, damit ihre Hände sauber blieben, ein paar Teller waschen, damit ihre Hände nicht rau wurden und ein bisschen abstauben, damit sie sich nicht bewegen musste.

Dieses fette, dicke, schmierige Weib tat den ganzen Tag nichts. Dann, eine Viertelstunde bevor ihr Mann zum Essen kam, machte sie einen Wirbel, und anstatt mir zu sagen, was ich machen sollte, da ich mich in ihrem komischen Haus nicht auskannte, brüllte sie mich an und nannte mich »Nigger«. Ich hatte diesen Ausdruck noch nie zuvor gehört und wusste auch nicht, was er bedeutete. Nur an dem Tonfall konnte ich die Bedeutung heraushören. Es war schon verrückt, dieses Haus, vollgestopft mit seltsamen Möbeln und Plunder, der nur Staub fing. Und dann Kissen, überall Kissen. Mein Gott, was hat sie mich wegen dieser Kissen verfolgt!

Ich blieb nicht lang. Eines Tages, bevor sie zum Strand abzog, zerrte sie ein großes altes Laken heraus, warf es mir zu und sagte, ich solle es waschen. Das war zu viel. Ich war nicht angestellt, um die Wäsche zu machen. Also sagte ich ihr, was sie mit ihrem verdammten Laken machen könne. Das war das Ende von diesem Job. Vor allem aber wollte ich nicht ihr oder irgendjemandes Dienstmädchen sein. Irgendwo musste es doch etwas Besseres geben, dachte ich.

Als ich zu meiner Mutter zurückkam und ihr erzählte, was passiert war, wusste sie nicht, was sie mit mir machen sollte. Ihr war klar, dass ich es als Dienstmädchen nie zu etwas bringen würde. Ich hatte gerade die fünfte Klasse in Baltimore zu Ende besucht und war nicht weiter zur Schule gegangen. Würde ich zurückgehen, würden die bestimmt wissen wollen, wo um alle Welt ich gewesen war. Solange ich keinen Platz zum Leben hatte, konnte ich sowieso nicht zur Schule gehen. Meine Mutter hatte etwas Geld gespart und beschloss schließlich, mich irgendwo in Harlem unterzubringen.

Obwohl meine Mutter eigentlich nicht richtig spießig war, gab es doch viele Dinge, die sie nicht begriff. Die Wohnung, die sie für mich fand, war nichts Geringeres als ein Zimmer in einem prachtvollen Wohnhaus in der 141. Straße in Harlem, wo die Bewohner damals eine ganz schön hohe Miete zahlten.

Meine Mutter mietete für mich ein Zimmer in der Wohnung einer Dame mit Namen Florence Williams. Ich hatte nicht umsonst bei Alice in Baltimore Kübel ausgeleert, Lifebuoy-Seife und Handtücher rausgelegt, um nicht gleich zu wissen, was da vor sich ging. Meine Mutter hingegen hatte keinen blassen Schimmer. Sie zahlte die Miete im Voraus und bat diese raffiniert aufgemachte Dame mit dem ehrbarsten Gesicht der Welt, die wirklich eine der größten Damen in ganz Harlem war, auf ihre kleine Tochter aufzupassen. Sie hätte genauso gut ihre kleine Eleanora bitten können, auf Florence achtzugeben.

Ich hielt mich damals für ein aufgewecktes Ding, das die Chance hatte, innerhalb einiger Wochen ein Fünfundzwanzig-Dollar-Callgirl zu werden – also griff ich zu. Die Umgebung war ohnehin nichts Fremdes für mich. Das einzig Neue, was auch ich noch nicht kannte, war dieses tolle Telefon. Ich hatte diese seltsam aussehenden Dinger schon im Kino gesehen. Man konnte sie benutzen, während man im Bett lag, anstatt jedesmal aufstehen und zu der jeweiligen Wand gehen zu müssen, an der es befestigt war. Schon beim ersten Mal hatte ich mir gesagt, dass ich so ein Telefon haben musste. Doch nicht einfach irgendeins, nein, es musste ein weißes Telefon sein. Und genau so eins bekam ich bei Florence.

Bald hatte ich zwei junge weiße Typen, die regelmäßig jede Woche als Kunden kamen, einer am Mittwoch und der andere am Samstag. Manchmal kam einer von ihnen auch zweimal die Woche. Florence bekam von den zwanzig Dollar, die es mir jedesmal brachte, fünf für die Miete, wobei mir aber immer noch mehr blieb, als ich je als Dienstmädchen in einem gottverdammten Monat zusammengebracht hätte. Und diesmal hatte ich jemanden, der meine Wäsche wusch. Es war nur ein kleines Haus, Florence hatte außer mir nur noch zwei Mädchen, eine Asiatin, die Gladys hieß, und eine Weiße, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Es dauerte nicht lange, und ich hatte genug Geld, um mir endlich ein paar Sachen zu kaufen, die ich mir schon immer gewünscht hatte: mein erstes Kleid aus wirklich echter Seide und für zehn Dollar ein Paar Lackschuhe mit Pfennigabsätzen.

Trotzdem fehlten mir zum Callgirl entscheidende Dinge. Vor allem, und das hatte seinen verdammt guten Grund, bereitete mir alles, was mit Sex zu tun hatte, eine Heidenangst. Zuerst war ja da die Sache mit Mister Dick gewesen, dann, als ich zwölf war, hatte mich ein Trompeter aus einer Negro Big Band im Wohnzimmer meiner Großmutter auf dem Boden genommen. Für mich war das das erste Mal gewesen, wobei das Ganze so brutal ablief, dass ich von Männern eine ganze Zeit lang die Nase voll hatte. Ich erinnere mich, dass er mir so wehgetan hatte, dass ich glaubte sterben zu müssen. Ich nahm meine blutverschmierten Kleider, ging zu meiner Mutter und warf sie ihr angeekelt vor die Füße.

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