Brigitte Gogl Stehaufmenschen
Stehaufmenschen
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Brigitte Gogl Stehaufmenschen

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Wenige Tage später, am 24. Dezember, tritt er mit den Alpbacher Bläsern zum ersten Mal wieder vor einer großen Öffentlichkeit auf – bei der „Liabsten Weis“ im Fernsehen. „Als ich damals in den ORF gekommen bin, waren alle Freunde da, und alle hatten feuchte Augen“, erinnert sich Sepp Margreiter.

Er spielt wieder, und er spielt wieder mit den Alpbacher Bläsern genauso wie mit der Alpbacher Kirchtagmusig und der Bundesmusikkapelle Alpbach. Dafür trainiert und übt er täglich hart, damit seine Lunge mitspielt und auch sonst alles passt: „Ich könnte es nicht ertragen, dass sie mich nur aus Mitleid mitnehmen, das wäre etwas vom Schlimmsten für mich.“

Sepp hat sich seinen Platz in der Musikwelt wieder zurückerobert. Und er spielt sogar am Berg, dort, wo andere nur in kräfteraubenden, stundenlangen Fußmärschen hinkommen: „Zweimal haben mich meine Kollegen auf einen Gipfel zur Bergmesse gebracht, einmal mit dem Hubschrauber, einmal mit einem Spezialgefährt zur Holzbringung.“ Fast vier Stunden brauchen sie, um den Sepp mit vereinten Kräften auf den Berg zu befördern, und als oben die ersten Töne erklingen, da rinnen dem Sepp die Tränen über die Wangen. Sein großer Traum ist in Erfüllung gegangen, noch einmal hier oben zu musizieren.

„Ich bin weicher geworden durch den Unfall, der hat mich regelrecht aufgeweicht, und das ist gut so, denn wir sind alle so hart aufgewachsen, viel zu hart eigentlich. Heute betrachte ich es als Stärke, solche Gefühle zu zeigen, früher hätte ich es als Schwäche gesehen und oft wird man heute noch als Schwächling gesehen deshalb“, sagt Margreiter. „Die Gefühle rauszulassen ist heilend, das könnte ich durchaus auch empfehlen. Ich würde sagen, dass es manchen Menschen psychisch besser gehen würde, wenn sie ihre Gefühle mehr zeigen würden, das ist meine Erfahrung durch den Unfall.“

Körperliche Fitness ist für Rollstuhlfahrer mindestens ebenso wichtig wie für Menschen, die auf zwei Beinen durchs Leben gehen. Sepp Margreiter bleibt deshalb nicht nur im Skischulbüro, sondern lernt im zweiten Jahr schon Monoskifahren. Er unterrichtet dann selbst behinderte Menschen – und wird auch darin schnell über die Grenzen hinaus bekannt. Zwei, drei Stunden trainiert Margreiter täglich im eigenen Fitnessraum. Und sobald es das Wetter zulässt, schwingt er sich in sein Handbike und ist auf und davon. Für seinen Ehrgeiz und seine Zähigkeit ist Sepp Margreiter seit jeher bekannt – und der Unfall hat diese Eigenschaften eher noch verstärkt. Bis heute ist er mehr als 80.000 Kilometer mit seinen Händen geradelt und hat dabei über 600.000 Höhenmeter bewältigt. Sein größter Erfolg: Er befuhr mit 61 Jahren mit dem Handbike und ohne Motor die Großglockner-Hochalpenstraße – beobachtet von staunenden Radfahrern, die wesentlich jünger sind als der Sepp, die mit zwei gesunden Beinen radeln und oftmals trotzdem scheitern. „Ja, zumindest in meinem Alter wird es eher keinen geben, der das geschafft hat“, sagt Sepp Margreiter ganz bescheiden zu der Leistung, die andere als wahre Sensation werten.

Sepp Margreiter war schon vor seinem Unfall mit vollem Einsatz bei der Sache. Als staatlich geprüfter Skilehrer trainierte er damals sogar den englischen Skinachwuchs und das britische Armeeteam. Freundschaften aus dieser Zeit führten ihn nach seinem Unfall sogar zum Tee mit Prinz Charles auf dessen Landsitz in Highgrove. „Meine Frau und ich sind behandelt worden wie die Könige, das war ein wirklich unvergessliches Erlebnis“, schmunzelt Sepp Margreiter, der als einer von ganz wenigen Österreichern persönliche Beziehungen zum Prinzen haben dürfte. „Ich habe ihm dann auch zur Hochzeit mit Camilla gratuliert, und er hat mir persönlich geantwortet.“

Das Leben von Sepp Margreiter ist voller schöner Erinnerungen – und es ist ein lebenswertes Leben geblieben. Das erzählt er auch immer wieder Schulklassen und auch frisch verunfallten Menschen an der Innsbrucker Klinik. „Wenn ich denen sage, es gibt ein Leben danach, es ist noch so viel möglich, ich bin heute selber mit dem Auto hier, ich fahre Rad, ich fahre Ski, dann beginnen die ausdruckslosen Augen plötzlich zu leuchten“, erzählt Sepp Margreiter. Er schaut selbst auf ein Leben in Bewegung, das nur kurz einmal stillgestanden ist: „Ich kann heute alles wieder machen, außer gehen.“

Sepp Margreiter bewältigte als Querschnittgelähmter mit dem Handbike die Großglockner-Hochalpenstraße (1) und sattelte als Skilehrer auf den Monoski um (2). Freunde bringen ihn noch einmal auf einen Berggipfel (3) und auch die Musikerkollegen nahmen ihren Sepp im Rollstuhl wieder mit offenen Armen auf (4).

Fotocredit: 1 und 3 Toni Silberberger



ADI SPANNINGER

JAHRGANG 1940

Wie viele Schicksalsschläge kann ein Mensch ertragen, ohne daran zu zerbrechen? Diese Frage hat sich Adi Spanninger nicht nur einmal im Leben gestellt. Als Vierjähriger verlor er seinen Vater, später starb ein Bruder bei einem Unfall und wenige Wochen später eine Schwester durch einen Blitzschlag. Und Adi Spanninger wurde viele Jahre später noch einmal vom Schicksal schwerst getroffen. Der Blitztod schlug in der Familie ein zweites Mal zu, und das auf grausamste Weise: Adi Spanninger verlor dabei seinen eigenen Sohn. Dass ihn trotzdem der Lebensmut nie verlassen hat, schreibt Spanninger seinem unerschütterlichen Glauben zu.

„Es tut mir gut, dort zu sein, wo er den letzten Atemzug getan hat“

Schon als Kind muss Adi Spanninger tapfer sein. Er wächst während des Zweiten Weltkrieges in der Oststeiermark auf und erlebt zahlreiche Bombenalarme. „Ich bin mit meinen jüngsten Geschwistern unter dem Kittel der Mutter im Keller gekauert. Aber gezittert haben wir trotzdem, vor Kälte und vor Angst.“ Die Kinder hören in ihrer Höhle aus Stoff die Bomben fallen und getrauen sich kaum zu atmen, bis das Gedonner der U-52 wieder abgezogen ist.

Doch die klarste Erinnerung hat Adi an den Tag, als die Mutter ihre große Kinderschar anheißt, sich vom Vater zu verabschieden. „Der Vater verlässt uns für immer“, sagt sie, er hat eine so schwere Lungenentzündung, dass es zur damaligen Zeit keine Heilung gibt und er stirbt. Die Kinder beten auf dem Friedhof für den Vater, große Trauer liegt dann auf dem kleinen Bauernhof, der gerade genug abwirft, um die 14 Kinder zu ernähren, die in den letzten 20 Jahren geboren worden sind, alle 18 Monate eines.

„Wie das die Mutter dann gemacht hat, weiß ich nicht, aber wir hatten immer zu essen“, erinnert sich Adi. Die Mutter ist eine sehr starke, gottesfürchtige Frau, die es dauerhaft schafft, ihre Kinder alleine durchzubringen. Und nicht nur ihre eigenen. Eines Tages findet sie in der Nähe des Bauernhauses ein weggelegtes Neugeborenes, das sie zu sich nimmt und wie ihr eigenes Kind aufzieht. Und es werden noch zwei weitere Pflegekinder dazukommen, Kinder, die kein Zuhause haben und die keiner haben will. „Hedwig, nimm du sie, du kannst das“, sagt der Pfarrer, und die Hedwig nimmt auch sie auf und hat dann für nicht weniger als 17 Kinder alleine zu sorgen.

Die starke Mutterfigur ist prägend, für Adi genauso wie für die anderen Geschwister. „Sie hat nie gejammert und nie einen Unterschied zwischen uns Kindern gemacht, alle waren wie ihre eigenen, ganz genau gleich. Wir empfinden das bis heute alle als großes Geschenk und sind auch immer noch in Kontakt“, sagt Adi Spanninger. Auch wenn nicht mehr viele der Geschwister am Leben sind. „Meine Mutter musste bis zu ihrem eigenen Tod insgesamt sieben ihrer Kinder selbst auf den Friedhof begleiten, hinter ihren Särgen hergehen, das war schon sehr hart für uns alle, aber besonders für sie“, erinnert sich Adi.

„Die Mama hat immer verlangt, dass wir alles gemeinsam machen, dass wir zusammenhelfen, dass wir uns mögen und verstehen, anders wäre es auch gar nicht machbar gewesen“, erinnert sich Adi, „der Vater hat ja an allen Ecken und Enden gefehlt.“ Die Kinder müssen schon früh am Hof mithelfen, am Feld das Heu einbringen, beim Dachdecken Handlanger sein, kleine Reparaturen bewerkstelligen. Jeder hat seine Aufgabe.

Diese Ordnung wird zum ersten Mal jäh durchbrochen, als ein Bruder von Adi tödlich verunglückt, von einem Moment auf den anderen ist er nicht mehr da. Die Erinnerung an den Tod des Vaters kommt bei allen wieder hoch, die ganze Schar steht fassungslos am offenen Grab. Und eine Schwester, Maria, sagt: „Hermann, ich komm auch nach.“ Adi kann nicht glauben, was er hört, auch wenn ihm klar ist, dass irgendwann jeder da unten liegen wird. Nur Wochen später wird er diesen Satz von Maria als Vorahnung werten. Denn die Schwester wird von der Feldarbeit nicht mehr lebend zurückkommen – sie wird von einem Blitz getroffen und ist auf der Stelle tot.

„Meine Mutter hat immer gesagt, man muss nicht verzweifeln, es kommt eine Hilfe von oben, es gibt eine höhere Gewalt, tuts nie aufgeben und glaubts daran, das Leben muss weitergehen, auch wenn es noch so tragisch ist“, erzählt Adi Spanninger. Er hat damals die Elektrikerlehre längst abgeschlossen und ist zum Arbeiten ins Ausland gegangen. „Natürlich hatten wir damals auch Träume. Und die Schweiz war gerade in der Nachkriegszeit ein Paradies, da gab es gut bezahlte Arbeit für alle, die etwas leisten wollten.“

Viele sind nach ein paar Jahren mit einer schönen Summe ersparten Geldes aus der Schweiz in die Heimat zurückgekommen. Doch Adi verschlägt es woanders hin. Als der Zug einmal beim Heimfahren mit einem Defekt in Tirol hängenbleibt, bleibt auch Adi hängen – für immer. Er sieht, dass für ein riesiges Kraftwerksprojekt Mitarbeiter gesucht werden, und so arbeitet er künftig im Kaunertal und lernt hier auch seine spätere Frau kennen.

„Ich bin ins Gasthaus ihrer Eltern gekommen, wo sie gearbeitet hat, und es war wirklich Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Adi Spanninger mit einem Lächeln. „Meine Mutter war zwar traurig, dass ich nicht mehr in die alte Heimat zurückkehre, aber meinem Glück wollte sie auch nicht im Wege stehen.“ Adi und seine Lydia heiraten und gründen eine Familie, Sohn Günther und Tochter Manuela kommen zur Welt.

„Wir hatten ein anstrengendes Leben. Der Hausbau, meine Arbeit als Werkmeister auf Großbaustellen in ganz Österreich, meine Frau hat inzwischen zu Hause die ganze Familie und die Zimmervermietung geschupft“, erzählt Adi Spanninger, „aber wir waren immer sehr glücklich und auch stolz darauf, was wir geschaffen hatten und wie gut sich die beiden Kinder entwickelten. Beide hatten dann gute Berufe, Günther hat sogar in einem internationalen Konzern Karriere gemacht und uns drei Enkel geschenkt.“

Gleich zu Beginn seiner Pension renoviert Adi Spanninger eine alte, baufällige Kapelle nahe seines Wohnhauses. Es ist eine Dankbarkeitskapelle, in der man zum heiligen Martin betet, ihm dankt für alles, was gut gelaufen ist im Leben. Unzählige Arbeitsstunden hat Adi investiert und das Kleinod aus dem 17. Jahrhundert von Grund auf saniert. „Der heilige Martin ist mir wichtig, hier bin ich oft gesessen und hab danke gesagt, wenn ich wieder gesund heimgekommen bin oder wenn in der Familie alles gut war, ich weiß ja von früher, dass das alles nicht selbstverständlich ist.“

Dann kommt der Tag, der Adi Spanninger vor die härteste Prüfung seines Lebens stellen sollte.

Sohn Günther, mittlerweile 46 Jahre alt und wie er selbst ein begeisterter Wanderer, ist am Berg unterwegs, um für ein kirchliches Jubiläum ein Bergfeuer zu entzünden. Es zieht ein Gewitter auf und ist fast schon wieder weitergezogen, da geschieht das Unfassbare: Günther wird – wie einst Adis Schwester – von einem Blitz getroffen.

Seine Stimme wird fast tonlos, wenn Adi davon erzählt, wie er den Hubschrauber kreisen sah da oben, wie die Schwiegertochter angerufen und gesagt hat, der Günther sei am Berg und sie könne ihn nicht erreichen, und wie schließlich die Notärztin zu Adi gesagt hat, der Blitz sei vom Nacken durch den ganzen Körper gefahren. Sein Günther war auf der Stelle tot, er hat nichts mehr gespürt. „Und ich musste dann nach Hause gehen und meiner Frau klarmachen, was mit unserem Sohn passiert ist, es war einfach schrecklich.“

Acht Jahre ist das Unglück jetzt her, welches das ganze Tal erschüttert hat. Doch Adi und Lydia sind ihrem Sohn immer noch so nahe, als wäre er noch unter ihnen: „Wenn ich irgendetwas Elektrisches arbeite und nicht mehr weiterkomme, dann frag ich ihn, und der Günther hilft immer.“

Fast erinnert es ein wenig daran, wie Adi sonst die Heiligen anruft, die er alle sehr verehrt, die heilige Barbara, den heiligen Martin, den heiligen Antonius, die Muttergottes von Kaltenbrunn.

„Da oben ist es passiert, da auf diesem Bergrücken“, sagt Adi und zeigt hinauf. „Ein Blitz, fast wie aus heiterem Himmel.“ Von ihrer Küche aus sehen Adi und Lydia hinauf zu der Stelle, an der ihr Sohn sein Leben lassen musste – und sie schauen oft hinauf, jeden Tag, wenn der Schnee fällt, wenn die Sonne scheint und wenn es im Frühling wieder grün wird. „Ich war sicher schon hundert Mal oben und hab bei seinem Marterl eine Kerze angezündet. Solange ich gehen kann, werde ich das tun. Es tut mir gut, dort zu sein, wo er den letzten Atemzug getan hat“, sagt Adi Spanninger, der von vielen Menschen immer wieder dieselbe Frage gestellt bekommt: Wie es das gibt, dass er immer noch an den lieben, guten Gott glauben kann, bei all dem Leid, das über seine Familie gekommen ist. „Man fragt sich schon, ja hilft uns der Herrgott denn überhaupt nicht mehr, aber wenn ich denke, was ich selbst in meinem Leben für Glück gehabt habe im Untertagebau, da hätte jeden Tag etwas sein können. Oder wenn ich denke, was der Günther davor schon Glück gehabt hat, dass er nicht schon lange davor gestorben ist, das darf man alles nicht vergessen.“

Auch wenn Günther schon Jahre tot ist – vergessen wird er nie sein. Gerade wurde sein Enkelkind geboren, der Urenkel von Lydia und Adi – und die beiden sind sich sicher: Auch da hat der Herrgott tatkräftig mitgewirkt.

Von seinem Vater Adi hat Günther Spanninger (1/ 2) die Liebe zu den Bergen übernommen, und in den Bergen wurde er durch einen Blitzschlag getötet. In der Pension hat Adi Spanninger eine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert renoviert (3). Kraft geben ihm Spaziergänge mit seiner Frau Lydia (4).

Fotocredit: 4 TVB Tiroler Oberland-Kaunertal, Foto Martin Lugger



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