Sepp Forcher Die Berge meines Lebens
Die Berge meines Lebens
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Sepp Forcher Die Berge meines Lebens

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Durch die Nordflanke führte noch eine extrem steile Eisrinne hinauf zum Felsgrat, der von Nordwesten über Glockner- und Teufelshorn zum Gipfel führt. Dieser Wandbereich lag noch im Schatten. Der Bergschrund schien besteigbar zu sein und die Steinschlaggefahr gering. Eine Täuschung, wie sich schon nach wenigen Seillängen herausstellte. In jenen Jahren war der Besitz eines Steinschlaghelms oder Schraubhakens für das Eis noch reine Zukunftsmusik. Ein Paar Socken unter dem Hut, und dieser mit einem Lederriemen unter dem Kinn festgebunden, waren der einzige Schutz. Dem Steinschlag entkamen wir mit viel Glück.

Etwa 60 Höhenmeter brüchiger Fels trennten uns noch vom Grat. Nach einer Seillänge richtete ich uns einen Standplatz ein, schlug einen Sicherungshaken und ließ Otto nachkommen. Das Wetter hatte sich inzwischen zu einem wilden Sturm mit eisigen Schauern verschlimmert, als Otto plötzlich laut aufschrie. Ich fixierte das Seil und stieg zu ihm ab. Ein großer Felsblock hatte sich gelöst und war auf seine Hände gekippt. Die Finger waren rettungslos eingeklemmt. Verzweifelt versuchte ich mit meiner ganzen Körperkraft den Steinriesen so viel zu heben, dass Otto seine Hänge befreien konnte. Die Mühe war vergeblich. Das Seil war ebenfalls eingeklemmt.

Für Otto schuf ich einen kleinen Standplatz, sicherte ihn, gab ihm Schmerz- und Herztabletten. Um ihn zu befreien, mussten wir mit vereinten Kräften versuchen, den Stein zu bewegen. Nach einiger Zeit gelang es mir, den Block aus seinem Lager zu kippen und in die Tiefe stürzen zu lassen. Otto, der mit letzter Willenskraft beiseite gesprungen war, hing bewusstlos am Seil. Was mir allerdings seine Wundversorgung erleichterte und ihm den Anblick seiner Verletzungen ersparte. Für den weiteren Aufstieg und den Abstieg im steilen Eis konnte er seine Hände, die in blutdurchtränkten Verbänden steckten, nicht mehr gebrauchen.

Gegen Abend gelangten wir schließlich in der Stüdlhütte an. Die Hüttenwirtin labte uns mit zwei großen Gläsern Enzianschnaps und unser Essen zahlten mitfühlende Hüttengäste. Otto sagte, er sei stark genug, um den weiteren Abstieg hinunter nach Kals zu schaffen. Nach 10 Uhr nachts kamen wir dort an. Und weil man gerade einen Bergführerball feierte, wurde uns recht schnell geholfen. Die Rettung fuhr uns nach Lienz ins Spital. Einige Finger mussten amputiert werden, was aber Ottos weiterer Karriere nicht im Wege stand. Als Generaldirektor eines großen internationalen Konzerns ging er in Pension. Am nächsten Tag schulterte ich wieder meine Kraxe und stieg hinauf zur Oberwalderhütte.


Dolomiten

Das Heimweh ist mein Vater nie mehr losgeworden. Wenn er von unserer Heimat Südtirol sprach, von den Bergen, seinen Freunden, dem Essen und Trinken. Aus allem spürte man die starke Sehnsucht nach der vergangenen Zeit. Auch wenn unsere letzten Südtiroler Jahre keine guten, sondern Jahre mühsam kaschierter Not gewesen sind. Das Heimweh glorifiziert immer das Verlorene und bereitet so im Falle des Wiedersehenkönnens den Boden für manche Enttäuschung.

Für unsere erste gemeinsame Fahrt in die alte Heimat nahmen wir die Klettersachen mit. Der Vater seine Seile aus Manilahanf und seine Sextener Kletterpatschen. Ich Mauerhaken und Karabiner. Ich machte mir große Hoffnungen auf einige schöne Dolomitentouren am Seil des Alten. Wir standen dann tatsächlich auf den Gipfeln der Drei Zinnen, des Paternkofels, des Einsers. Überwiegend hielten wir uns jedoch in den Schutzhütten und Gasthäusern auf, als deutlich wurde, dass das Heimweh meines Vaters nicht so sehr den Bergen galt, sondern mehr den Menschen, den Kollegen und Kumpanen. Die Begegnungen waren oft enttäuschend. Zu tief war die Kluft zwischen den Auswanderern und den Daheimgebliebenen geworden. In jeder Weise ernüchtert fuhren wir heim in den Salzburger Pongau.

In späteren Jahren, wenn ich bei meinen vielen Bergtouren in den Dolomiten mit alten Bergführern ins Gespräch kam, merkte ich mit einem gewissen Stolz, dass viele meinen Vater aus seiner aktiven Zeit als Bergführer kannten und mit Respekt von seinen Leistungen sprachen. Seine Sextener Kletterpatschen hat mein Vater seit unserem Heimatbesuch nie mehr angezogen.

Die Dolomiten, das Weltwunder vor unserer Haustür. Ruhm-umglänzt und sagenreich. Aber auch waffenstarrend und männermordend vom Ersten Weltkrieg überschattet, dessen Spuren auch 100 Jahre später noch sichtbar sind. Kriegsunterstände, rostige Stacheldrahtreste, Geschosssplitter und eine unabsehbare Fülle von Büchern und Schriften lassen das schreckliche Geschehen als dunkles Gegenstück zur alpenglühenden Romantik immer wieder aufleben.

Auch die Erschließungsgeschichte der Felskolosse würde bestimmt eine Bibliothek füllen. Beginnend mit der geologischen Forschung und dem namengebenden Déodat Gratet de Dolomieu bis in unsere kühle, leistungsorientierte Gegenwart hat sich jede Generation in das Buch der großen Leistungen eingetragen. Engländer, Franzosen, Deutsche, Österreicher und natürlich Italiener haben einen Nimbus entstehen lassen, so dass man heute sagen kann, die Dolomiten seien das steinerne Symbol des Vereinten Europa.

Eine Lebensfreundschaft ist ein rares Gut. Daher denke ich dankbar an die Freundschaft mit dem Arztehepaar Karl und Bertl Lengauer, deren helfende Zuneigung zu mir und unserer Familie auch dann noch in voller Kraft erhalten blieb, als wir keine gemeinsamen Berg-, Schi- und Höhlentouren mehr unternahmen. In fast allen Gruppen der Dolomiten kletterten wir auf die uns wichtig erscheinenden Gipfel. Sextener Dolomiten, Cadinspitzen, Marmolata, Palagruppe, Sella, Peitlerkofel, Tschierspitzen, Rosengarten.

Die Verbindung von uralter Sagenwelt und Geschichte der Erstbegehungen mit großen Namen wie Grohmann, Innerkofler, Dibona, Piaz, Steger-Wie-singer, Comici, Euringer, Solleder und Maduschka tritt nirgends so eindrücklich zutage wie in diesem Kosmos der fahlen Berge. In unserer Sammlung fehlte noch die Brentagruppe. Cima d‘Ambiéz, Cima Tosa und Cima Brenta boten sich als erste Ziele an. Vom Geschehen des Ersten Weltkriegs verschont geblieben – die Front verlief vom Tonalepass über die Gletscherberge Adamello und Presanella – fanden sich auch keine rostigen Kriegsrelikte. Aber dafür eine Pflanzen- und Blumenwelt von seltener Schönheit und Vielfalt. Für einige unserer Touren nahm ich den Eispickel mit. Denn damals waren die tiefen Kare zwischen den hohen Wänden noch von kleinen Gletschern erfüllt. Einer dieser Gletscher war nach dem britischen Alpinisten Tuckett benannt. Und der nächste Weg auf die Cima Brenta führte über die Sella Tuckett an der Oberkannte des Gletschers und weiter über mittelschweres Klettergelände zum Gipfel.

Die letzten Meter im dünner und durchsichtiger werdenden Gletschereis bargen eine Überraschung. Nach einigen Pickelhieben klaubte ich den glänzenden Fund aus dem „ewigen“ Eis. Einen goldenen Ring. Keine Gravur, kein Datum, keine Initialen. Ich schenkte ihn meinen Freunden. Die ließen daraus zwei Ringe machen. Mit Datum und Namen. Die Eheringe für Helli und mich. Wir tragen sie heute noch.


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