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Hanna Engelmeier Trost
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Hanna Engelmeier Trost

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An Strayed alias »Sugar« haben sich keine Leserinnen und Leser gewandt, die weinend eine ästhetische Erfahrung bei der Entgegennahme eines Taschentuches machen wollten. Bei Lektüren wie der von Tiny Beautiful Things geht es nicht um den Neuheitswert dessen, was man nachliest, sondern um den Rückgewinn einer Sicherheit, die durch Angst und Kummer und Trauer prekär geworden ist. »Während literarisches Lesen überrascht und erschüttert, bestätigt und verfestigt erbauliche Lektüre, wobei sich im Freiraum zwischen den Polen der unendlichen Konkretisierungsmöglichkeiten und dem unbestrittenen Glaubensfundament die Individualität der Lektüre und die Subjektivität der Erbauung ergibt. Das bedeutet auch, daß ein und derselbe Text immer wieder neu erbaulich gelesen werden kann, weil ihn das Individuum neu mit subjektivem Sinn füllt, ohne dadurch, wie bei der ästhetischen Lektüre, seinen Wahrnehmungshorizont zu verschieben. Erbauliches Lesen verstört nicht, es versöhnt.«34

Geschrieben haben an Strayed solche, die auf der Suche nach Sätzen waren, die ihnen dabei helfen sollten, sich mit ihrem jeweiligen clusterfuckl zu versöhnen und aus dieser Versöhnung Schritte in eine ihnen noch unbekannte Richtung abzuleiten. Es gehört einiges dazu, in der Öffentlichkeit des Kummerkastens einer Literaturwebseite bei einer einem völlig unbekannten Person genau danach zu suchen. Ihr zu glauben fällt vielleicht nur deshalb leichter, weil ihr anders als Freundinnen und Freunden, die vielleicht als wohlmeinend, keinesfalls aber als neutral gelten können, keine Befangenheit unterstellt werden kann. Die Subjektivität der Erzählungen, die »Sugar« anbietet, richtet sich nicht nach Neutralitätsgeboten.

Strayed hat als Beraterin für Teenager aus schwierigen Verhältnissen gearbeitet, als Kellnerin und als Autorin. Sie spricht oft davon, wie sehr sie nach dem Tod ihrer Mutter getrauert hat. Manchmal schreibt sie über ihren eigenen Mann und die gemeinsamen Kinder. Reicht das als Qualifikation für ihre Ratschläge aus? Immerhin ist ein Leben als Mensch kein Ausbildungsberuf. Strayeds Kolumne wirft Fragen auf. »Are you a therapist or have you gone through extensive psychotherapy? – I’m not a therapist, and I’ve only seen a therapist a handful of times in my life. Which means, in technical terms, I’m totally unqualified for this gig.«35 Es fehlt weniger die Qualifikation als deren systematischer Erwerb. Biografie, zumal Autobiografie, wiegt schwerer.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen antiakademischen Impuls gegen ausgebildete Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Strayed oftmals empfiehlt. Es gehört vielmehr zu den am besten etablierten Topoi von Trostbriefen, dass die Autorin eingesteht, dass sie nicht in der Lage ist, ausreichend oder überhaupt Trost zu spenden.

In einem der wenigen derzeit gängigen Briefratgeber aus dem Dudenverlag ist der Trost marginalisiert, er findet sich lediglich im Kapitel über Kondolenzschreiben wieder, das allerdings zunächst mit dem Hinweis beginnt, dass die Verwendung von Papier mit schwarzem Rand den Angehörigen der verstorbenen Person vorbehalten ist. Als Trostangebot firmiert hier der Vorschlag eines unterstützenden Telefonats;36 ergänzend finden sich ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer und eines von Jean Paul unter Mustersätzen, die Anteilnahme ausdrücken sollen. Bonhoeffer und Jean Paul haben in Kontexten, über die im Duden nicht mehr zu erfahren ist, festgestellt, dass schöne Erinnerungen nicht verloren gehen und ein wichtiger Besitz sind. But compassion isn’t about solutions, it’s about giving all the love you’ve got.

Aber wie genau macht man das? Otto Rammler gibt Hinweise: »Die Trostgründe müssen das traurige Ereignis selbst, die Klugheit und die Kenntnis des Herzens dessen, an den man schreibt, an die Hand geben. Häufig spricht sich darin die Theilnahme so aus, daß man selbst des Trostes bedarf. Mit Erfolg zu trösten erfordert viele Geschicklichkeit; immer hängt dies hauptsächlich von unserer Stimmung und Theilnahme ab. Je inniger wir an dem Geschick des Freundes theilnehmen, desto lebendiger wird sich diese Theilnahme als Trost oder Mitgefühl aussprechen. Vermögen wir also auch nicht so zu trösten, daß wir den Freund vollkommen beruhigen, so wird doch schon unser ungeheucheltes Mitgefühl auf ihn wohlthätig einwirken. Man zeige den Trost-Bedürfenden, daß ihr Schmerz billig und gerecht sey, und ist es ein Unglück, von welchem man sagen kann, daß sie es nicht verdient haben, so lasse man dies nicht unerwähnt. Man muß mit Trauernden nicht lange über den Gegenstand reden, welcher sie in Leid versetzte, und daher bei Trostbriefen sich der möglichsten Kürze befleißigen.«37 Erbauung in Sentenzen ist der beste Trost: Ihren Schmerz kennen die Trauernden selbst schon gut genug.

Über Rammler, ein Pseudonym des Verlegers Otto Wigand, ist neben der Tatsache, dass er in seiner Druckerei die erste Auflage von Marx’ Das Kapital drucken ließ, vor allem bekannt, dass er ein ausgesprochen enzyklopädisches Temperament hatte. Abgesehen von seinem Universal-Briefsteller war er unter anderem auch an einem Fabelschatz und an einem Hausschatz beteiligt. Letzterer sollte als »Quelle des Reichthums und der Wohlfahrt für Jedermann« dienen, es geht dann auch direkt los mit einem Abschnitt über den »Himmel und seine Wunder«.38 Zu dem Begehren, volkspädagogisch tätig zu werden, gehörte eben auch ein Leitfaden, wie man überhaupt mit anderen Menschen schriftlich in Kontakt treten könne. Wigand wurde 1795 in Göttingen geboren und starb 1870 in Leipzig, wo er auch lebte. Als Briefratgeber trat er erstmals 1834 in Erscheinung; sein Werk erreichte bis 1907 ganze 73 Auflagen. Die letzte davon tritt mit einem sehr selbstbewussten Vorwort auf, das nahelegt, dass die alltägliche Briefkommunikation ohne den Universal-Briefsteller in diesem Zeitraum anders ausgesehen hätte: »Zum dreiundsiebzigsten Male zieht der ›Rammler‹ hinaus in die Welt; in alle Lande, wo Deutsche wohnen, hat er mit über 300 000 Exemplaren seinen Pilgerstab gesetzt und ist ein lieber Gast geworden in ebensoviel Häusern. Seine Wandertasche ist im Laufe der Jahrzehnte immer größer und umfänglicher geworden und nach dem alten guten Wort: ›Wer vieles bringt, wird Jedem etwas bringen‹, hofft er zu den alten Freunden neue zu gewinnen und, wo er einst den Voreltern und Vätern gedient hat, wird er nunmehr von Kindern und Enkeln willkommen geheißen werden.«39

Das war im Jahr 1907 das letzte Mal der Fall. Rammlers allgemeine Hinweise dazu, wie man nun trösten solle, fallen eher knapp aus. In dem oben genannten Zitat sind sie schon fast vollständig wiedergegeben. Wichtiger als der allgemeine Teil ist der beispielgebende. Dabei bezieht »der Rammler« seine Beispiele jedoch nicht aus der individuellen Biografie des Autors, sondern weicht auf vorbildliche Briefe aus, von denen einige nicht nur von vorbildlichen, sondern sogar berühmten Autoren sind: Schiller an Wilhelm von Wolzogen, Rudolstadt den 10. August 1788, Anlass ist der Tod von Wolzogens Mutter; Johann Heinrich Voß an »Schulz« am 20. Juni 1788: »Kommen Sie, sobald Sie können, in unsre Arme.«

Rammlers allgemeinen Hinweisen folgen eher die anonymen Briefe, die weniger aufgrund der Dignität der Verfasserinnen und Verfasser abgedruckt sind, sondern aufgrund ihrer Erfüllung der Rammler’schen Regeln und der Varietät ihrer Anlässe. Kondolenzschreiben dominieren, dabei wird auf verschiedene Fälle von Verlust Rücksicht genommen, Beispiele finden sich zu Schreiben, die den Tod der Gattin, des Gatten, der Kinder oder der Eltern betreffen. Es sind diese Briefe, die am stärksten den performativen Selbstwiderspruch aufweisen, den Strayed knapp hundert Jahre später wiederholte (vermutlich ohne dass sie davor »den Rammler« zu Rate gezogen hatte): Eigentlich kann ich das hier gar nicht.m Weniger stark ausgeprägt ist diese Konvention in anderen Trostschreiben. Bei Rammler findet sich auch ein Musterbrief zum Trost über Liebeskummern sowie einer, der die Enttäuschung über eine erfolglose Bewerbung mindern soll;o nicht zu vergessen das »Trostschreiben an einen Freund, der durch eine Feuersbrunst Haus und Hof verloren hat«: »Mit dem bereitwilligsten Herzen eile ich Ihnen mit meiner Hilfe entgegen. Sie bedürfen derselben sehr schnell.«40

Seinen letzten Brief an Rilke schreibt Franz Xaver Kappus am 5. Januar 1909 in Süddalmatien. Seit dem ersten Austausch 1903 ist Kappus’ Lage nicht viel besser geworden: »Eins quält mich vor allem: Ich schrieb und schreibe viel, das ich nicht schreiben muss. Das nicht in meinem Herzen geboren wird und überhaupt nicht hinabsteigt in die Region, aus der alles geboren werden soll. Es sind kleine, dumme Geschichten, humoristische oder satirische zumeist, an denen nur mein Verstand beteiligt ist.«41 Beigefügt sind einige Gedichte, die ähnlich wie der Brief selbst an vielen Stellen Rilkes Stil imitieren: … Kappus schreibt in beiden Genres darüber, wie einsam er ist, aber diese Einsamkeit scheint nicht der Lyrikkatalysator zu sein, auf den er hofft und den Rilke ihm empfohlen hat. Vielmehr wird er dadurch nur weiter an die von ihm begehrte Sängerin erinnert, die er nicht haben kann. Er bittet Rilke zum Schluss um weitere Literaturempfehlungen, er möchte einen französischen Dichter lesen (dieser Bitte wurde nicht stattgegeben). Der Brief schließt mit einem Dank und einer Entschuldigung für »das oder jenes, was in diesem Briefe zu viel gesagt war«, schuld sei auch hier wiederum die Einsamkeit.

Die Frage: »Muss ich schreiben?«, die Rilke Kappus ins Heft diktiert hatte, beantwortet Kappus mit einem Ja, das für ihn selbst noch nicht erkennbar scheint, weil er seine Briefe angeblich nicht als Schreiben von Literatur betrachtete, allein wichtig seien die Briefe Rilkes, schreibt er in seinem Vorwort zur ersten Edition im Jahr 1929. Erich Unglaub, der als Herausgeber Kappus’ Briefe überhaupt zum ersten Mal in einer Edition mit den Briefen Rilkes in einem Buch gemeinsam publizierte, vermutet, dass Kappus seine Briefe nicht dem Vergleich mit denen Rilkes aussetzen wollte. Das ist sehr schade. Kappus’ Kommunikation ist sehr bedürftig, sie ist vor allem aber nicht unbedingt ausschließlich an Rilke gerichtet. Kappus kannte zwar Rilke, aber wäre ihm ein anderer Autor, den er bewunderte, zur gleichen Zeit in die Hände gefallen, hätte er vielleicht diesem geschrieben. Dieser double bind in der Adressierung macht diese Briefe sehr haltbar und begünstigt diverse Anwendungsfelder. »Lady Gaga ließ sich 2009 eine Passage aus dem ersten Brief [Rilkes, H. E.] auf den linken Oberarm tätowieren mit der Begründung, sie sei eine Anhängerin seiner ›philosophy of solitude‹, nicht aber seiner Lyrik. Für bedeutsam hält sie den letzten Satz des tätowierten Zitats: ›Muss ich schreiben?‹ […] ›Schreiben müssen‹ ist darin zu einer Metapher für kreatives Kunstschaffen in allen Genres und über sie hinaus bis zum Überschreiten von traditionellen Grenzen und Normen geworden.«42

Unter der Überschrift »The Future Has an Ancient Heart« findet sich der Brief einer Collegedozentin, die mit ihren Studierenden ein paar Dear Sugar-Kolumnen gelesen hat, um sie zu ermutigen, nicht zu viel auf all diejenigen zu geben, die ihnen raten, mit einem Bachelor-Abschluss in Englisch nun noch sehr gut ein Jurastudium absolvieren zu können. Sie bittet »Sugar« um eine commencement address, also eine Rede, wie sie bei den Abschlussfeiern an amerikanischen Universitäten üblich ist. Strayed zitiert an deren Anfang die titelgebende Zeile, die einem Gedicht von Carlo Levi entstammt. Daraus entwickelt sie eine dem Anlass entsprechende Perspektive auf die zukünftige Verwirklichung eines grundsätzlich angelegten Potenzials; sie schreibt über die Jugend, die man selbst nicht wertschätzen könne, und über das Alter, von dem man nicht wisse, ob man es erreichen werde. Immerhin ist ihre eigene Mutter gestorben, noch bevor sie ein erst im Alter von vierzig Jahren begonnenes Studium beenden konnte. Die Dozentin, die ihr geschrieben hatte, bot ihr als Honorar für die commencement address unter anderem einen Kuchen an, Strayed wünscht sich zum Ende ihrer Antwort eine Bananencremetorte. Zuvor hatte sie einen sehr hohen Ton angeschlagen: »Let whatever mysterious starlight that guided you this far guide you into whatever crazy beauty awaits.« Das Genre commencement address scheint die Vortragenden häufiger in kosmische Dimensionen zu tragen.

Strayed kündigte in ihrem Newsletter vom 27. Oktober 2020 an, dass sie eine Neuauflage von Dear Sugar plane.43 In der folgenden Ausgabe vom 11. November 2020 thematisiert sie, dass die Kolumne vermutlich die bedeutungsvollste Arbeit gewesen sei, die sie als Autorin jemals geleistet habe.44 Es ist davon auszugehen, dass die Tatsache, dass sie sich nun nicht mehr hinter einer anonymen E-Mail-Adresse eines Online-Literaturmagazins verbirgt, die Art und Weise ändern wird, wie ihr Leute schreiben, die nicht nur ihre vorangegangenen Kolumnen, sondern auch ihre Romane, ihr Instagram-Profil, ihren Twitter-Account, ihr Substack, die Verfilmung von Wild und diverse Interviews mit ihr kennen. Die Projektionen und Hoffnungen, die nun diejenigen in ihre Briefe legen werden, die sich an Strayed wenden, gleichen nun vermutlich stärker denjenigen, die Kappus auf Rilke richtete. Um die eigentlich kosmische Dimension dieser Operationen zu ermessen, muss man keine Sternbilder bemühen. Sie besteht eigentlich allein in dem Gedanken, dass Trost in den Texten von Fremden liegt, und zwar in den Texten, die sie einem geben, aber mehr noch in denen, die man für sie schreibt.

a Das schien nicht nur für Kriegszeiten angemessen. Das große Buch™ hatte auch danach immer wieder einmal einen schweren Stand: »Das aber dürfte man heute wissen, dass so viele dickleibige Romane unserer Zeit den Leser, voran den vom Tagwerk ermüdeten, zur Oberflächlichkeit verleiten, während bei Anhören dieser knappen, echten Dichtung auch für den Angestrengtesten noch Zeit zur Sammlung bleibt. (Vielleicht also haben wir hier die eigentliche ›zeitgemässe‹ Dichtung.)« Felix Wittmer, »Rilkes Cornet«, in PMLA 3 (1929), S. 911–924, hier: S. 924.

b Geschrieben hatten Kappus/Schima das Lied schon 1936, s. Matthias Bardong u. a., Das Lexikon des deutschen Schlagers: Geschichte, Titel, Interpreten, Komponisten, Texter. 2., erw. überarb. Aufl. Mainz 1993. Christian Meurer hat in einem Beitrag für Titanic die Karriere von »Mamatschi« nachverfolgt. Sie findet in seinem Text ihren Höhepunkt in der Verwendung in Steven Spielbergs Film Schindlers Liste (der allerdings die Ersteinspielung des Songs durch die Sängerin Mimi Thoma verwendete): »Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich ›verlegt‹ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich ›Mamatschi‹ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin ›Mamatschi‹ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers.« Christian Meurer, »Gesetz der Tiefe, Sauerkohl. Aus dem Leben von Rilkes ›jungem Dichter‹«, in: Titanic, März 2005, S. 58–62, hier: S. 62.

c In Auszügen. Immer nur in einzelnen, heftig unterstrichenen Passagen. »Nehmen wir allein Sätze wie diese«, schreibt Helmut Lethen im Kapitel »Vom Finden und dem Verlust des Handorakels«, das seine erste längere Auseinandersetzung mit Baltasar Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit beschreibt, »Nr. 129 ›Nie sich beklagen. Das Klagen schadet stets unserem Ansehn. Es dient leichter, der Leidenschaftlichkeit anderer ein Beispiel der Verwegenheit an die Hand zu geben, als uns den Trost des Mitleids zu verschaffen …‹« (Helmut Lethen, Auf der Suche nach dem Handorakel, Göttingen 2012, S. 114 f.). Im Folgenden geht es darum, wie Graciáns Verhaltenslehre aus dem Jahr 1647 durch die Schriften Carl Schmitts wanderte und so schon Widerhall in Lethens Nachdenken über eine Kultur des kalten Denkens in den 1920er-Jahren fand, bevor er überhaupt auf die Idee kam, sich mit Gracián auseinanderzusetzen. Trostbedürftigkeit soll kein Handlungsmotiv sein, und zwar offenbar schon seit über 370 Jahren nicht.

d »Wenn ›Erbauungsliteratur‹ Texte umfasst, ›die dem Christen zur Bekräftigung im Glauben, zur Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte und zur Anleitung in christlicher Lebensführung dienen‹ wollen, wird bereits aus dieser knappen Definition klar, dass die Kernbestimmung von ›Erbauung‹ auf ein sowohl intellektuelles, imaginatives wie moralisches Instruieren und Affizieren hinausläuft – und schon wird es kompliziert.« Susanne Köbele, »aedificatio. Erbauungssemantiken und Erbauungsästhetiken im Mittelalter. Versuch einer historischen Modellbildung«, in: dies., Claudio Notz (Hg.), Die Versuchung der schönen Form. Spannungen in ›Erbauungs‹-Konzepten des Mittelalters, Göttingen 2019, S. 9–37, hier: S. 15.

e Dieser Brief wurde 12. August 1904 aus Flädie in Schweden abgeschickt. Am 30. August 1908 übermittelte Rilke Kappus aus Paris mit einem Begleitschreiben noch einmal einige seiner eigenen Gedichte. Dieses Schreiben ist nicht zugänglich, aus einem Auktionskatalog wird nur folgender Satz übermittelt: »Merken Sie an, daß ich bis vor kurzem fast immerzu auf Reisen, nicht immer wohl und schließlich in unerbittlicher Arbeit war.«

f Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, S. 59 f. Rilke schrieb diese Zeilen im Mai 1904 in Rom. Nur ein Jahr vorher war das misogyne Werk Geschlecht und Charakter von Otto Weininger erschienen, das sich zum Ziel gesetzt hatte, die grundsätzliche Minderwertigkeit von Frauen ein für alle Mal nachzuweisen; das Buch war zumindest literarisch ein großer Erfolg. Von Weininger hörte ich zum ersten Mal ungefähr zu der Zeit, als ich mir die Tasche mit dem Rilke-Spezialfach kaufte – in einer Vorlesung. Nichts erfuhr ich in dieser Vorlesung jedoch darüber, wie Frauen zwischen 1903 und 1904, eingepfercht zwischen Rilke und Weininger, geschrieben haben.

g 2016 erschien im Münchner Kailash Verlag die von Maria Zettner besorgte deutsche Übersetzung von Tiny Beautiful Things unter dem Titel Der große Trip zu dir selbst. Ungeschminkter Rat für die Liebe, das Leben und andere Katastrophen. Für diese Ausgabe schrieb Strayed ein eigenes Vorwort, das über nichts informiert, was nicht bereits durch die Vor- und Nachworte der englischen Version bekannt ist. Nicht erwähnt wird, dass die Kolumne im Original »Dear Sugar« hieß, in dieser Ausgabe steht vielmehr, sie habe »Hallo, Cheryl« geheißen. Mal ganz abgesehen von der empörenden Interpunktion dieses Titels ist das schlicht unzutreffend. Falsch klingt auch der Ton der Briefe und der Antworten, die Übertragung der Worte hat funktioniert, die Übertragung der Stimme der Autorin ist gescheitert. Sie klingt nun genau wie jene Sorte Selbsthilfeliteratur, die sie doch, wie sie auch in der Einleitung zu selbst dieser Ausgabe schreibt, niemals lesen würde.

h Das weiß man, das ist bekannt seit 1669: »Von der recht-geordneten Liebe sein selbst und des Nächsten. Das Hembd ist dir näher als der Rock. Mancher erbarmt sich andrer / und erbarmt sich sein selbst nicht. Ich hab mit Verwunderung gesehen / wie viel seyn / die andere speisen und träncken / ihre eigene Seele aber verschmachten lassen: andere kleiden sie / ihre eigene Seele lassen sie nackt; andere heylen sie / und selbst liegen sie kranck an mancher Seuchen; andere straffen sie / ihnen selbst liebkosen und heucheln sie: gleich den Rinnen / die andern Wasser geben / und selbst keines behalten. […] Was gehestu weit / du hast dich selbst vor dir […].« Müller, Geistliche Erquickstunden, zit. nach Serkova, Spielräume der Subjektivität, S. 108.

i Was geschieht, wenn man sich diesen Rat zu Herzen nimmt, ist Gegenstand von Cheryl Strayeds Memoir Wild, das davon handelt, wie sie in der Zeit nach dem Tod ihrer Mutter eine nach außen hin ganz glückliche Ehe beendet und in einer Art Pilgerreise zu einer getrösteten Version ihrer selbst den Pacific Crest Trail abwandert.

j »Seeking Wisdom« wird die Person genannt, deren Brief der letzte ist, der in Tiny Beautiful Things publiziert ist. Sie fragt, was »Sugar« ihrem jüngeren Selbst raten würde. »One hot afternoon during the era in which you’ve gotten yourself ridiculously tangled up with heroin, you will be riding the bus and thinking what a worthless piece of crap you are when a little girl will get on the bus holding the strings of two purple balloons. She’ll offer you one of the balloons but you won’t take it because you believe you no longer have a right to such tiny beautiful things. You’re wrong. You do.« (Strayed, Tiny Beautiful Things, Pos. 4201.) Die Winzigkeit der Geste und die Kleinheit des Mädchens, das diese Geste ausführt, sind nicht so einfach auszuhalten. Sie machten sich auch gut als Teil eines Werbespots. Sie wären auch dann noch immer anrührend. Ich spreche für mich. Ich habe keine Firewall dagegen. Merci, dass es dich gibt.

k »Dass man die drei Auslassungspunkte in massiven Ballungen in Rilkes Frühwerk von Larenopfer bis zu Mir zur Feier findet, wird niemand wundern, denn diese erschütternd unreifen Gedichte sind tatsächlich Schmock, und es würde mich nicht wundern, wenn Adorno bei seinem Verdikt über die drei Punkte, ›mit denen man in der Zeit des zur Stimmung kommerzialisierten Impressionismus Sätze bedeutungsvoll offen zu lassen liebte‹, an den frühen Rilke gedacht hätte.« (Ernst Osterkamp, »Drei Punkte. Capriccio über ein Ärgernis«, in: Alexander Nebrig, Carlos Spoerhase (Hg.), Die Poesie der Zeichensetzung. Studien zur Stilistik der Interpunktion, Bern 2012, S. 239–258, hier: S. 255). Osterkamp rühmt gleich zu Beginn des Vortrags Adornos Gnadenlosigkeit, die »genussvolle Vollstreckung des Todesurteils« über die drei Punkte, um sich dieser Scharfrichterhaltung sogleich anzuverwandeln. Zugleich gibt er in einer Anmerkung auf der ersten Textseite zu verstehen, nur zu improvisieren. Am Ende steht man vor dem geschlachteten Dichter und keiner ist es gewesen.

l Was Strayed in der kurzen Zeit hörte, als sie als Beraterin für junge Mädchen aus schwierigen sozialen Verhältnissen arbeitete: »Endless stories of abuse and betrayal and abscence and devastation and the sort of sorrow that spirals so tightly into an impossible clusterfuck of eternal despair that it doesn’t even look like a spiral anymore.« Strayed, Tiny Beautiful Things, Pos. 353.

m Hier eine Auswahl von Trost durch Betonung der eigenen Inkompetenz und Verweis an eine höhere Instanz: »Kann Dich diese meine innige Theilnahme trösten, so wird Dir dieser Brief allerdings einigen Trost gewähren, aber bessere Trösterinnen sind die Religion und die Zeit und auf ihren Balsam will ich Dich darum mit Deinen Schmerzen verweisen.« (S. 245); »Der Tod Ihres Gatten und Ihre traurige Lage geht mir sehr zu Herzen. Es wird mir sehr schwer, Sie zu trösten, da ich selbst Trost bedarf, weil ich in Ihrem trefflichen Gatten meinen besten Freund verloren habe. Unbegreifliches Verhängnis!« (S. 246); »ich bin unfähig, Sie über diesen Tod zu trösten, denn ich empfinde ihn selbst viel zu schmerzlich mit Ihnen.« (S. 246); »Ich muss bekennen, daß die Größe Ihres Verlustes, den Sie durch den Tod Ihrer Frau Mutter erlitten haben, mich zweifeln macht, ob ich darüber trösten kann.« (S. 247); »Der Verlust Deiner Tochter, die Du durch die unglückseligen Blattern eingebüßt hast, ist auch für mich sehr schmerzhaft. Ich nahm mir vor, Dich in Deinen Leiden nach Möglichkeit zu trösten, allein ich habe mich getäuscht, und bin unfähig, dir Trost zu geben […].« (S. 248).

n »Dein unschuldiges Herz hatte den Gegenstand seiner ersten Liebe mit einer Schwärmerei erfaßt, welche die Grenzen der Möglichkeit überschritt. Du liebtest nicht einen schwachen Sterblichen, nur ein hohes geistiges Wesen; erhaben über alle Schwächen, war er Deinem Herzen ein Gott. Diese Täuschung konnte nicht ewig bestehen […].« Rammler, Universal-Briefsteller, S. 251.

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