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Hanna Engelmeier Trost
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Strayed schreibt Bassist, dass sie mit der gleichen Attitüde schreiben solle wie die Bergleute, die einfach graben. »That you’re so bound up about writing tells me that writing is what you’re here to do. And when people are here to do that, they almost always tell us something we need to hear. I want to know what you have inside you. I want to see the contours of your second beating heart. So write, Elissa Bassist. Not like a girl. Not like a boy. Write like a motherfucker.«21
Knapp 120 Jahre später möchte ich Rilke ein paar Anführungszeichen reichen, die er nach Belieben in seinen Sätzen verteilen könnte, um etwas Gewicht der bleischweren Vokabeln abzufangen, mit denen er Kappus zur Prüfung seiner dichterischen Ambitionen aufruft. Anfangen könnte man vielleicht mit »sterben«. Mir erscheint der Anspruch, die eigene schreiberische Motivation solle entweder existenziell oder wertlos sein, in seinem Pathos mittlerweile leicht bedrohlich. Was ist mit denen, die zwar darauf brennen, zu schreiben (und vielleicht vor allem darauf, dann auch gelesen zu werden), aber auch dann gern leben wollen, wenn die Umstände genau das nicht erlauben?
Lange Zeit wollte ich die Möglichkeit haben, das Pathos immer dann wieder neu anzufachen, wenn seine Flamme vielleicht allzu klein brannte. So trug ich das Buch mit mir herum, um mir im Zweifelsfall Rilkes Worte leihen zu können, als Ersatz für all die, die mir selbst nicht einfielen. Ich konnte so stumm bleiben wie der Leutnant Kappus in meiner Ausgabe und war doch bei großer Dichtung dabei, ich schien kurz davor, selbst welche zu produzieren. Rilke war als »zartester, geisterfülltester Mensch der Welt« mit »all den wunderbaren Ängsten und allen Geheimnissen des Geistes« (Valéry) das Idol, dem sich anzuverwandeln nicht unmöglich sein sollte, bei all den Ängsten und Geheimnissen des Geistes, die ich an mir selbst bemerkte und in zarte und geisterfüllte Texte hineinzuschreiben gedachte.
Aus dieser Hoffnung heraus hat auch Kappus an Rilke geschrieben. Kappus identifizierte sich mit Rilke unter anderem aus dem Grund, dass auch Rilke zunächst eine Militärlaufbahn angestrebt, dann jedoch zugunsten eines Lebens als Dichter aufgegeben hatte. So wollte Kappus es ebenfalls machen. Nach einem Vortragsabend in der Wiener Buchhandlung Heller am 8. November 1907 folgte Kappus Rilke in ein Restaurant: »In dem Lokal ließ er Rilke seine Visitenkarte überreichen, und der Dichter kam auch sofort an seinen Tisch, um sich lange und eingehend zu unterhalten.«22 Kurze Zeit später sandte Kappus seine Verse an den Insel-Verlag, bei dem Rilke publizierte. »Innerhalb einer Woche kam die Absage mit einem Standardschreiben, das auf den Verlagslektor Adolf Hünich zurückgehen dürfte. Dies dürfte auch die Kontakte mit Rilke gedämpft haben.«23
All das wusste ich nicht, als ich wieder und wieder mein Büchlein aufschlug und las: »Das Mädchen und die Frau, in ihrer neuen, eigenen Entfaltung, werden nur vorübergehend Nachahmer männlicher Unart und Art und Wiederholer männlicher Berufe sein. Nach der Unsicherheit solcher Übergänge wird sich zeigen, daß die Frauen durch die Fülle und den Wechsel jener (oft lächerlichen) Verkleidungen nur gegangen sind, um ihr eigenstes Wesen von den entstellenden Einflüssen des anderen Geschlechts zu reinigen. Die Frauen, in denen unmittelbarer, fruchtbarer und vertrauensvoller das Leben verweilt und wohnt, müssen ja im Grunde reifere Menschen geworden sein, menschlichere Menschen als der leichte, durch die Schwere keiner leiblichen Frucht unter die Oberfläche des Lebens herabgezogene Mann […].«f
Ich hatte lange keine Sprache und vielleicht auch von daher kein Bedürfnis, diese Einschätzung anzuzweifeln, ich wünschte mir, meine Sprache so benutzen zu können wie der, der so über Frauen schrieb.
»The truth: I am sick with panic that I cannot – will not – override my limitations, insecurities, jealousies, and ineptitude, to write well, with intelligence and heart and lengthiness. And I fear that even if I do manage to write, that the stories I write – about my vagina, etc. – will be disregarded and mocked. How do I reach the page when I can’t lift my face off the bed?«24 Als Bassist Strayed im August 2010 schrieb, gab es sowohl die Ratgeberkolumne als auch die Webseite, auf der sie zu finden ist, noch nicht sehr lang. The Rumpus war 2009 die Idee eines Autors namens Stephen Elliott, der seinen Autorinnen- und Autorenfreunden, die genauso arm wie er waren, Gelegenheit geben wollte, Teil eines literarischen Zirkels zu sein. Zunächst übernahm sein Freund Steve Almond die Ratgeberkolumne, und weil er von Elliott »Sugar Butt« (Zuckerarsch) genannt wurde, setzte sich der Name Dear Sugar für den Kummerkasten der Webseite durch.
Almond selbst setzte sich als Ratgeber nicht durch: Er sei kläglich gescheitert an dem Versuch, sich in diejenigen hineinzuversetzen, die irgendwie den Weg auf die Webseite gefunden und sich dann auch noch entschlossen hatten, einer ihnen unbekannten Person namens »Sugar« ebenda ihre Sorgen zu gestehen. Wo sein Herz scheiterte, habe er versucht, mit Witz darauf zu reagieren.25
An seiner statt fragte Elliott die ihm unbekannte Autorin eines Romans namens Torch an, den er sehr schätzte. Er nahm nicht an, dass sie Zeit haben würde: Almond erwähnt, dass er über Strayed wusste, dass sie ein loses Mundwerk, viele Schulden aus dem Studium, kein regelmäßiges Einkommen als Dozentin an einem Literaturinstitut und zwei kleine Kinder habe, mehr nicht. Doch sie sagte zu. All das ist die Story von »Sugar«, wie sie später in der Einleitung zu der Sammlung ihrer Briefe an Fremde erzählt werden wird, die ihr ihre intimsten, teilweise aber auch alltäglichsten Sorgen schilderten. Mit der Publikation ihrer Kolumnen unter ihrem eigenen Namen stellte Strayed klar, dass nicht »Sugar«, sondern eigentlich Rilke die Kolumnen geschrieben hat: Aus der Einleitung zum Buch und den Interviews mit seiner Autorin geht hervor, dass Cheryl Strayed nicht nur der Name einer Autorin von Ratschlägen, sondern auch der einer Romanschriftstellerin ist.g Als solche spricht sie dieser Tage für die New York Times im Podcast Sugar Calling mit anderen berühmten Autorinnen und Autoren darüber, was sie in Zeiten emotionaler Not tun. Die meisten zitieren wiederum andere Schriftstellerinnen, an deren Texte sie sich wenden. Ein Netz, gewebt aus Zuckerwatte, das sich immer weiter ausdehnt.
Eine Kultgefolgschaft besitze »Sugar«, so Almond, und zwar, weil sie etwas anbiete, was in der amerikanischen Gesellschaft, die derzeit an Einsamkeit krepiere, dringend fehle. Diese Fehlanzeige läuft bei ihm unter »radikale Empathie«, die Strayed in ihren Briefen anbiete. Diese Empathie besteht nicht allein in einem mitfühlenden Tonfall und der Anrede »sweet pea«, mit der die auch Strayed unbekannten Briefautorinnen und -autoren belegt werden. Sie besteht vor allem immer wieder in einem Arbeitsauftrag. »Nicht nur die sprachlichen Mittel tragen dazu bei. Betrachtet man den Text inhaltlich, so fällt eine Forderung ins Auge, die genauso deutlich wie die in der Erbauungsliteratur übliche nach Passivität und Unterwerfung zutage tritt – die Forderung, Sorge um sich selbst zu tragen.«26 Wenn du dich nicht von Gott beim eigenen Namen rufen lassen kannst, weil du nicht oder nicht mehr glauben kannst, dann reicht es vielleicht aus, wenn dich wenigstens eine anonyme Autorin bei einem Kosenamen ruft.
Als Elissa Bassist an Strayed schreibt, läuft die Kolumne schon eine ganze Weile, niemand weiß, wer »Sugar« ist. Bassist fängt ihren Brief damit an, dass sie sagt, sie schreibe wie ein Mädchen. Sie wolle aber nicht wie ein Mädchen schreiben, sondern lieber wie David Foster Wallace, und dies nicht nur deshalb, weil sie glaube, dass ihre Themen (unerwiderte Liebe, ihre Vagina, ungefilterte Emotionen) vielleicht nicht so gut ankämen, sondern auch, weil sie damit ja eine Frauenschriftstellerin würde. Und Frauenschriftstellerinnen endeten meist schlimm, das wisse man, das sei bekannt; dass es mit Wallace auch ein schlimmes Ende genommen habe, das sei weniger relevant angesichts seines Genies. Was genau an seinem Schreiben das Geniale für sie ausmacht, steht leider nicht in dem Brief. Er geht noch eine Weile weiter und enthüllt »Sugar« auch die Depressionen der Absenderin, gegen die sie verschreibungspflichtige Medikamente nimmt. Getrieben wird ihr Brief aber von dem einen verzehrenden Wunsch: Bassist möchte so gern ein Buch schreiben. Dieses Buch, so ist dem Brief zu entnehmen, ist nichts weniger als eine Art Zaubermittel, denn es soll ihr erlauben, anders zu werden: »it’s not that I want to die so much as have an entirely different life«27. Dieses andere Leben ist das einer Autorin.
Meine Ausgabe von Tiny Beautiful Things habe ich mir nicht gekauft, sondern von meinem ehemaligen Kollegen Peter Praschl als .mobi-Datei erhalten. In seinem Blog Vague hatte Praschl am 20. März 2013 einen Text über das Buch veröffentlicht, der im Stil aller seiner Blogtexte geschrieben ist. Vermutlich hat sein atemloser Duktus damit zu tun, dass er zumindest damals Kette rauchte. Ich stelle mir vor, dass die treibenden Sätze und Absätze so zustande kommen, dass sie immer dann enden, wenn er abaschen muss. In seinem Büro, in dem ich ihn 2008 als meinen neuen Ressortleiter kennenlernte, war seine Tastatur immer von Zigarettenasche bestäubt. Dahinter saß er auf seinem Schreibtischstuhl und schnaufte. Über das Verfahren von Strayed schrieb Praschl: »Ihre Antworten sind eher Erzählungen aus ihrem eigenen Leben und manchmal schlimmer als die Erzählungen, auf die sie reagiert. Manchmal ist es, als würde man zu einem Therapeuten gehen, und der Therapeut erzählt einem, wieviel kaum erträglicher Schmerz in seinem eigenen Leben schon vorgekommen ist. Merkwürdig, dachte ich immer wieder beim Lesen, aber ein paar Sätze weiter: es wirkt. Es ist kein Auftrumpfen, kein Übertrumpfen, kein Ablenken, kein Kleinerreden. Es ist etwas anderes, Schmerzensbekämpfung durch das Erzählen von Gleichnissen […]. So müsste es sein, das Schreiben, Reden, Erzählen, dachte ich, dann wäre es weniger dunkel und bleiern.«28
Tiny Beautiful Things kam also als Dateianhang einer E-Mail zu mir und ich lud es auf meinen E-Book-Reader. Ich habe meine Ausgabe nicht bezahlt, das Buch aber seitdem mindestens drei Mal in gedruckter Form verschenkt: an Leute mit Kummer und solche, denen ich Dank für ihre Hilfe mit meinen eigenen Nöten schuldete. Für Praschl hatte ich kein Geschenk, um mich zu bedanken. Die Selbstsorge kann ein sehr einsames Geschäft sein. Und manchmal ist sie auch eine unsoziale Angelegenheit.h
Meine Ausgabe hat im Moment siebzehn Seitenlesezeichen und erheblich viel mehr Markierungen. In meiner Erinnerung liege ich immer im Bett, wenn ich diese Markierungen ansteuere, manchmal in zu Verlassenheitsgefühlen besonders einladenden Hotelbetten, denn Plagegeister kommen zu schlaftechnisch Minderbegabten (und auch anderen, wie man mir sagt) am liebsten in der Nacht. Das Buch ist mit mir überall dahin gewandert, wo mein E-Book-Reader war, die Orte aufzuzählen, wäre ebenso peinlich wie nutzlos, es sind zu viele, und oft markieren sie bloß die Endpunkte der immer gleichen Strecken, die ich gefahren und gegangen bin. Der E-Book-Reader ist darüber auch älter geworden, aber seine Plastikverschalung hat ohnehin schon abgerundete Ecken und ist auf ein rumpeliges Leben in einer Tasche ausgerichtet.
Anders als meine Ausgabe von Rilkes Briefe an einen jungen Dichter erzählt der Reader also – wenn überhaupt – nur eine sehr diskrete Geschichte meiner Lektüre. Es fällt auf, dass ich nur die Teile markiert habe, in denen Strayed als »Sugar« spricht. In den Briefen, die sie erhält, habe ich nichts markiert, dabei liegt hier doch vielleicht das Identifikationspotenzial. Nicht angestrichen habe ich die Sorgen der jungen Autorin, die glaubt, dass ihre Gefühle, auch die bezüglich ihrer Vagina, auch die, die sie nicht filtert, vielleicht keinen Anklang finden. Ich habe nicht die Teile in dem Brief der Frau markiert, in dem sie beschreibt, wie sie immer wieder versucht, Liebe aus demjenigen rauszulieben, dem sie mehr oder weniger egal ist, oder Teile des Briefs, in dem ein Mann von dem Versuch schreibt, seine Tablettensucht vor seiner Familie zu verheimlichen. Nichts davon. Ich habe mir nicht einmal angeschaut, was die anderen meistmarkierten Stellen im Buch sind, was über die Funktionen des E-Books leicht möglich wäre.
Aber jemand anderes hat sich zumindest angeschaut, welche Sätze von »Sugar« im Allgemeinen am beliebtesten sind. Es gibt ein Spin-off von Tiny Beautiful Things, das allein einzelne Sätze aus einzelnen Briefen enthält. Es trägt den Titel Brave Enough. Man solle mutig genug sein, sein eigenes Herz zu brechen, hatte »Sugar« in der Antwort auf eine Mail geschrieben, in der sie darum gebeten wurde, ihrem jüngeren Selbst Ratschläge zu geben.i Brave Enough bietet einen Vorrat an Sinnsprüchen, die noch besser auf beliebige Situationen anwendbar sind als im ursprünglichen Zusammenhang, da sie nun befreit sind von den jeweiligen Lebensgeschichten derjenigen, die sich an »Sugar« wandten.
Ich könnte mir selbst so eine Version zusammenstellen. Es fände sich darin etwa der zur Sentenz geronnene Satz: »But compassion isn’t about solutions. It’s about giving all the love that you’ve got.« Bei einem neuerlichen Durchgang durch meine markierten Stellen bin ich darauf gestoßen, ohne genau zu wissen, auf wen oder was hier geantwortet wird. Aber die Stelle leuchtet mir noch immer ein. Sie handelt von der Phrasendrescherei, die im Kondolieren vorherrscht, von den schwachen Sätzen, die man im Angebot hat gegenüber Leuten, die große Katastrophen oder nur die übliche Scheiße erleben und davon erschöpft und traurig oder sogar verzweifelt sind. Man muss dann das Übliche trotzdem sagen: Es tut mir (so) leid.
Ich lese noch einmal nach. Der Brief, auf den Strayed hier antwortet, stammt von einem 38-jährigen Mann, dessen 35-jährige Verlobte schon vor einigen Jahren ihre Mutter an Krebs verloren hat. Diese Frau wird nicht fertig mit der Trauer über diesen Verlust. Und dann weint sie und der Mann weiß nicht, was er sagen soll, außer eben das Übliche, und das scheint nicht gut genug zu sein. Aber das sei so eben nicht zutreffend, denn »compassion isn’t about solutions. It’s about giving all the love that you’ve got.«
Brave Enough dost alle diese Sätze in Konserven ein, an denen man sich bedienen kann, wenn es hart auf hart kommt. Was bis dahin noch Erbauungsliteratur gewesen ist, indem diese Sentenzen in eine Erzählung, eine Analyse und einen Beratungsteil eingebettet gewesen sind, ist nun auf das Erbauliche verkürzt worden: »Da ist der Text als Vorrat, aus dem sich der Leser bedienen könne, eine Vorstellung, die mit den Metaphern der Schatzkammer oder des Gartens übereinstimmt, denn der Text ist unerschöpflich und nicht zu Ende zu lesen. Er ist portioniert, was einerseits der Gedächtniseinprägung entgegenkommt, andererseits Verfügbarkeit gewährleistet. Erbauung […] stellt sich ja nicht selten am Detail ein und bedarf nicht der Absolvierung eines ganzen Textes oder Buches.«29
Und so habe ich es dann im Notfall auch gemacht: das Buch als Selbstbedienungsladen. Ich nahm, was ich brauchte, tippte auf der Oberfläche des E-Book-Readers herum und marschierte direkt durch zu den schönen Stellen, verweigerte das Nachvollziehen der Textstruktur, immer auf der Suche nach dem Trost im Unglück der anderen, nicht auf der Suche nach dem Verstehen eines großen Ganzen. Wer braucht schon Kontext? Manchmal reicht ein schneller Schuss.j Die Eindeutigkeit und Entschiedenheit, mit der davon abgeraten wurde, in irgendwelche Verhältnisse einzutreten (oder länger, als es sich irgendwie vermeiden lässt, in ihnen auszuharren), in denen einem Schaden zugefügt wird, konnte ich offensichtlich nicht selbst produzieren.
In ihrer Schlichtheit und dem fehlenden Raffinement, in den spärlichen Referenzen auf etwas anderes als ihre eigene Erfahrung leuchteten sie mir ebenso ein, wie sie mich beschämten. Mein Ziel war doch immer gewesen, schlauer zu sein als ein gebrochenes Herz, und zwar vielleicht beginnend mit der Erkenntnis, was für ein abgelutschter Topos das gebrochene Herz ist. Mein Ziel war doch gewesen, nicht ansprechbar für das zu sein, was offenbar zu allen sprach. (Die mit 371 Textmarkern beliebteste Stelle in Brave Enough, der Digest-Version von Tiny Beautiful Things, lautet: »Maybe you have to know the darkness before you can appreciate the light« und befindet sich auf Seite 5 des Buches).
Bereits als Kind hatte ich gelernt, Trivialliteratur zu verachten, die in der Familie mit dem Satz »›Sie sind mir ein Halbgott, Graf Bodo‹, wogte ihr Busen« für immer abmoderiert wurde. Das vermutlich selbst ausgedachte Zitat diente als Beispiel für die typische Diktion von Büchern, die nicht gut genug und zugleich oder gerade deshalb lächerlich waren. Eine andere, gern als Familienfolklore vorgetragene Geschichte handelte von meiner Urgroßmutter, die in der Stadtbücherei mit dem Wunsch nach einer Buchempfehlung vorstellig wurde: »Haben Sie nicht vielleicht so was, wo jemand am Anfang nur ein Ei und am Ende eine Hühnerfarm hat?« Das war keine Kunst. Eine antrainierte Ablehnung dessen, was als Massengeschmack gilt, kann später durch einen neuen, informierten Zugriff auf diesen Massengeschmack, der durch diverse Ironiefilter gegossen wurde, abgemildert oder invertiert werden (Camp funktioniert so).
Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Scham, sich wirklich dem zu überlassen, was man sich als den Geschmack der anderen bislang vom Leibe gehalten hat. Der Musikjournalist Carl Wilson hat in seiner Monografie zu Céline Dions 1997er-Album Let’s Talk About Love darüber geschrieben, wie er es auch nach einer mehrmonatigen Auseinandersetzung mit diesem Album und dem sehr ernsthaften Versuch, sich zu einem Dion-Fan umzuerziehen, nicht schaffte, keine Scham mehr vor den Nachbarn zu empfinden, die mitanhören konnten, wie er sich einer Konfrontationstherapie mit My Heart Will Go On unterzog. »Scham kann einen ganz existenziell zurückwerfen, auf die unerträgliche Wahrheit, dass man identisch mit sich selbst ist, und dass man durch die eigenen Grenzen bestimmt wird. Das geht unmittelbar mit dem Gefühl einher, unvollständig, im Unrecht, unendlich mangelhaft zu sein. Es ist die genaue Umkehrung des aufbauenden Eindrucks, den man von sich selbst ansonsten durch die eigenen Vorlieben und Abneigungen gewinnt. Es ist demütigend.«30 Wilson schickt uns wieder auf den Boden, in den Clinch mit dem Verhältnis zum eigenen Geschmack und den Gefühlen, die damit verbunden sind. Sie sind nichts anderes als geronnene und verfestigte Erinnerungen daran, mit welchen Trainingsszenarien das Erlernen des Geschmacks zu tun hat. Ganze Soziologien handeln davon. Sie erreichen die Voraussetzungen der Geschmacksbildung in Klassen- und Milieuzugehörigkeit. Sie erreichen nicht die intimsten Momente des Konsums von Texten, Musik, Filmen, sie erreichen nicht die Person, die trotzdem kathartisch zu Céline Dion schluchzt.
Diese Person kenne ich gut. Ich war daran gewöhnt, mir schmalzige Musik heimlich anzuhören, auf meinem Walkman über Kopfhörer, dafür aber wieder und wieder. Parallel hatte ich gelernt, Vertrauen zum Opaken zu fassen, zu Musik, die mir wenig sagte und Texten, die ich nicht verstand. Nichts an ihnen würde versuchen, mich an leicht ersichtlichen emotionalen Schmerzpunkten zu berühren und zu manipulieren. Ich würde versuchen müssen, etwas zu verstehen und durchzudenken. Das tat ich, ich studierte und lernte und verstand, verstand insbesondere, was ich nicht verstand und noch lernen muss. Den Rest ironisierte ich.
Tiny Beautiful Things zu lesen, war wie eine Rückkehr zu den Stunden des ständigen Zurückspulens zum immer gleichen Lied. Das ständige Ansteuern der immer gleichen Sätze, Ermutigungen, die für andere, mir völlig unbekannte Personen in mir völlig unbekannten Lebenslagen gedacht waren. »Accept that sorrow and strife are part of even a joyful life.«31 Sicherlich. Fest steht auch: Keiner dieser Sätze ist ironisch gemeint. Diejenigen, an die sie gerichtet waren (die Empfängerin des eben zitierten Satzes ist voller Wut und Enttäuschung über eine Affäre ihres Mannes) suchen nicht nach Eigentlichkeit.
»Ich wollte Ihnen noch zwei Dinge sagen: Ironie: Lassen Sie sich nicht von ihr beherrschen, besonders nicht in unschöpferischen Momenten. In schöpferischen versuchen Sie es, sich ihrer zu bedienen, als eines Mittels mehr, das Leben zu fassen. Rein gebraucht ist sie auch rein und man muß sich ihrer nicht schämen; und fühlen Sie sich ihr zu vertraut, fürchten Sie die wachsende Vertraulichkeit mit ihr, dann wenden Sie sich an große und ernste Gegenstände, vor denen sie klein und hilflos wird. Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab […].«32 Rilke empfiehlt Kappus eine rhetorische Figur, deren Kraft nicht zuletzt (aber auch nur unter anderem) darin besteht, große Gefühle zurechtzuschrumpfen, einen Schutzwall aufzuziehen zwischen wirklicher und wörtlicher Bedeutung, er empfiehlt Kappus eine Figur, die alle Bälle im Spiel hält, die keine Bedeutungsschwere zulässt, weil sie dagegen antritt, Bedeutung überhaupt als fixiert zuzulassen.
Im Sommersemester 2009 hörte ich in einer Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität einen Vortrag des Germanisten Ernst Osterkamp, der über den Dreifachpunkt als literarisches Stilmittel sprach. Im Zentrum des letzten Teils stand Rilkes Satzzeichengebrauch. Osterkamp erfreute sich daran, Rilke als Verfasser von »Pennäler- und Studentenpoesie« zu dekonstruieren, was sich insbesondere an der erbärmlichpathetischen Verwendung des Dreifachpunktes zeige.k Rilkes Gebrauch des Dreifachpunkts galt Osterkamp als »Medium der prätentiösen Bedeutungserschleichung«, als bloße Behauptung einer sentimentalen Tiefe, mit der eigentlich nur fehlende gedankliche Schärfe akzentuiert wird. Der Vortrag war eine große Beschämung. Einerseits des Dichters Rilke, der aus verständlichen Gründen nicht anwesend sein konnte, um sich zu rechtfertigen, und andererseits derjenigen, deren Vorliebe seinen Versen gilt. Mein 20-jähriges lyrisches Ich war noch ganz in der Nähe, die Briefe an einen jungen Dichter las ich noch immer gern.
An die Beschämung von damals hatte ich nicht gedacht, als ich einige Jahre später an der Universität Frankfurt ein Seminar zum Thema Ironie anbot, das unausgesprochen von der Annahme ausging, dass Ironie generell eine rhetorische Figur und auch eine Haltung sei, auf die man sich in erster Linie affirmativ bezieht. Mir war nicht entgangen, dass es Bewegungen neuer Innerlichkeit und selbstoffenbarender Aufrichtigkeit gibt, für die Ironie keineswegs ein wünschenswerter Modus zum Schreiben, Denken, Handeln ist. In einem anderen Seminar hatte ich in zwei Sitzungen und mit viel Mühe David Foster Wallaces Aufsatz E Unibus Pluram mit Studierenden gelesen, der Ironie als aus dem Fernsehen der 1990er-Jahre kommende Seuche behandelt, die das literarische Schreiben quasi irreparabel beschädigt habe. Ich war dennoch weiter der Auffassung, dass man auf Ironie nicht verzichten könne, als Schutzschild vor den Zumutungen einer Direktheit, die von Langeweile nur schwer zu unterscheiden ist.
Mit dieser Auffassung stand ich im Seminar, das von etlichen Studierenden besucht wurde, die später einmal als Grundschullehrerinnen und -lehrer arbeiten würden, eher allein da. Ironie sahen sie allein als Risiko für Verständnisschwierigkeiten in der notwendigerweise asymmetrischen Kommunikation mit ihren Schülerinnen und Schülern, andere betrachteten sie vor allem als ein Vehikel für Witze, deren Zusammenhang mit Humor nicht immer eindeutig war; eine weitere Gruppe von Studierenden hatte vor allem ethische Bedenken gegenüber einem Sprechen, bei dem es nicht stets und ständig gelingt, eine wörtliche und eine angenommene wirkliche Bedeutung zur Deckung zu bringen. Für die Auffassung, dass genau das fallweise wünschenswert sein könnte, konnte ich keine Zustimmung gewinnen. Meine fehlende Überzeugungskraft nahm ich als großes Versagen vor all meinen ironisch gestimmten Vorbildern (darunter auch David Foster Wallace) wahr.
Es ist relativ einfach, auf einem beinahe noch kindlichen Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit herumzutrampeln. Die Ernsthaftigkeit von sehr jungen Leuten, und vielleicht vor allem von solchen, die sich überlegt haben, dass sie entweder beruflich dichten oder aber sterben möchten, ist allerdings zu gleichen Teilen anrührend und schwer auszuhalten. Wer weniger jung ist, wünscht sich vielleicht auch schlicht, seinem Dichterberuf unter weniger dramatischer Begleitmusik nachzugehen, es ist ja alles schon schwer genug. »Der österreichische Dramatiker Arthur Schnitzler, der Rilke auch persönlich kannte, hatte schon sehr früh die erste Auflage des Buchs in den Händen und notierte in sein Tagebuch am 14. Januar 1930: ›schön, tief; – und doch – man muss hier sagen ›irgendwie‹ – ein heilloses Geschwätz.‹ Den arrivierten Autor konnten Rilkes Ratschläge nicht mehr beeindrucken.«33